wohl eine böse Auseinandersetzung gegeben?«
»Kurz, aber durchaus nicht angenehm,« antwortete Leath wortkarg.
»Ein Glück für Sie, daß sie kurz war! Sie und der Alte hatten heute
morgen ein hitziges Wortgefecht. Ich hörte etwas davon -- war ein
Hauptspaß! Sie zog indessen den kürzeren. Wird bei Ihnen wohl ebenso
gegangen sein? Gehört sich auch so! Sehe gar nicht ein, warum die
alte Dame sich dazwischenstecken will! Was in aller Welt kann es ihr
ausmachen, ob Florence Sie nimmt oder den alten Chichester? Geradezu
unverschämt nenne ich es. Wollen wohl nach Hause reiten, wie?«
»Nein, ich bin zu Fuß gekommen. Weshalb?«
»Nichts, als daß Sie einen schrecklich dunklen Marsch über die Halde
haben werden. Apropos, haben Sie den Alten gesehen?«
»Nein -- und hätte es auch nicht können, gesetzt den Fall, ich hätte
den Wunsch gehabt. Er ist in Market Beverley, wie ich höre.«
»O, das hat Ihnen wohl Florence gesagt? Sie irrt sich aber, er kam vor
zwei Stunden heim und sitzt in seinem Zimmer. Ich meinte nicht, ob Sie
ihn heute gesehen, sondern ob Ihnen in der letzten Zeit nichts an ihm
aufgefallen ist?«
Es lag etwas Ungewöhnliches in dem Tone und dem Gesichtsausdruck des
jungen Menschen. Mit einem schnellen fragenden Aufblick schüttelte
Leath den Kopf.
»Ich glaube, ich habe Sir Jasper in den letzten vier Wochen kaum
dreimal gesehen -- jedenfalls nicht zwanzig Worte mit ihm gewechselt.
Was sollte mir aufgefallen sein?«
»Nun, wie er sich verändert hat!«
»Hat er sich verändert?«
»Und ob! Wenn Sie ihn beobachtet hätten, würden Sie nicht fragen. Er
hat nie viel Fleisch auf den Knochen gehabt, aber jetzt ist er mager
wie ein Skelett, und das ist kein Wunder, denn er ißt kaum genug für
einen Papagei! Und ein sehr lebhafter Gesellschafter ist er zwar
auch nie gewesen, aber letzthin ist er mit wahrer Leichenbittermiene
einhergegangen; und er ist in einer Stimmung, von der ich lieber gar
nicht reden will! Mit ihm muß etwas nicht in Ordnung sein. Ich möchte
mit der Mutter und den Mädchen nicht gern darüber reden, aber ich bin
überzeugt davon, daß es auch ihnen auffallen muß. Erst gestern, in St.
Mellions, redete mich der alte Burrows -- Sie wissen, Doktor Burrows --
auf der Straße an und wollte wissen, was mit ihm los wäre. Sagte, er
hätte es schon längst bemerkt, und sein Aussehen gefiele ihm ganz und
gar nicht.«
»Was wollte er damit sagen?«
»Weiß ich nicht! Er ging wie die Katze um den heißen Brei und wollte
nicht mit der Sprache heraus. Sie kennen ja die Ärzte mit ihrem
gelehrten Kauderwelsch. Jedenfalls schien ihm des Alten Zustand zu
ernsten Besorgnissen Anlaß zu geben. Aber was mir nicht gefällt, ist
seine neue Angewohnheit, draußen umherzuschleichen.«
»Umherzuschleichen?«
»Ja -- zu allen Stunden und bei jedem Wetter, mitunter abends, mitunter
morgens; ehe jemand von uns anderen auf den Beinen ist, ist er aus
dem Bett und draußen. Wunderlich, nicht wahr? Das hat er früher nie
getan, ja, er haßte das Spazierengehen geradezu. Jetzt wandert er
meilenweit. Vorgestern abend -- wissen Sie noch, wie es regnete? -- war
er stundenlang draußen auf der Halde und kam bis auf die Haut durchnäßt
zurück. In der Tat, ganz unter uns gesagt, die halbe Zeit, wenn die
Mutter glaubt, er sitzt ruhig in seinem Zimmer, wie er sonst zu tun
pflegte, schleicht er draußen irgendwo umher. Ich weiß es meistens,
denn seitdem ich es bemerkt habe, halte ich die Augen offen. Aber es
muß etwas nicht in Ordnung sein und darf nicht so fortgehen. Wüßte ich
nur, was es ist! Er hat doch keinen geheimen Kummer.«
»Nein,« stimmte ihm Leath trocken bei, »er hat keinen Kummer.« Er zog
sich seinen leichten Überzieher an und sagte dabei: »Es ist allerdings
sonderbar. Er sollte lieber einen Arzt zu Rate ziehen.«
»Freilich. Ich will Burrows veranlassen, einmal freundschaftlich bei
uns vorzusprechen. Der Alte würde mich gehörig heruntermachen, wenn er
wüßte, daß ich ihn gebeten, zu kommen. Wollte ’mal mit Ihnen darüber
sprechen, Leath, denn die Sache hat mich gequält. Trage fürs erste
noch kein Verlangen danach, Sir Roy zu werden. Gehen Sie jetzt? Guten
Abend, alter Junge -- möchte nur, Sie blieben zu Tische. Beneide Sie
nicht um Ihren Weg über die öde Halde.«
Öde sah die Halde allerdings aus, als Leath hinaustrat. Ein kalter
Regen fing an herabzurieseln, der Wind, der von der Küste herüberwehte,
war sehr scharf, und Leath knöpfte instinktiv seinen Überzieher zu.
Weiter aber schenkte er dem Wetter keine Beachtung: seine Gedanken
waren trübe und nahmen ihn ganz in Anspruch. Jenes letzte ›Niemals!‹
von Florences Lippen klang in ihm nach; ihren Blick, als sie das sagte,
sah er noch deutlich vor Augen, und das machte ihn blind und taub
gegen alles andere. Er hatte keinen glücklichen Augenblick gehabt,
seitdem sie ihm ihr Wort gegeben, sein Weib zu werden, aber er war
nie so niedergeschlagen und unglücklich gewesen wie heute abend.
Wenn sie mit ihrem ›Niemals!‹ recht hätte! Wenn sie wirklich ihn und
das Band, das sie an ihn knüpfte, hassen sollte? Wenn sie erst sein
Weib war, so würde das entsetzlich sein! Konnte ihm irgend etwas
für solches Elend Ersatz gewähren? Wäre es nicht tausendmal besser
gewesen, wenn er nie nach England gekommen, nie ihr Antlitz geschaut,
nie seine Nachforschungen nach Robert Bontine begonnen hätte? Würde
es möglich sein, ihr zu entsagen, nach Australien zu seinem dortigen
Leben zurückkehren, aus seinem Gedächtnisse die Erinnerung an die
Erlebnisse der letzten drei Monate so auszulöschen, als seien sie nie
gewesen? Er gedachte der Schönheit, die es ihm angetan hatte, schon
damals, als er sich gesagt, daß er an anderes zu denken habe als an
Frauen und Frauenliebe; er gedachte ihrer bebenden Gestalt, die er
in den Armen gehalten, als sie schluchzend den Kopf an seine Schulter
gelehnt; er gedachte des heißen Errötens, das ihr Antlitz bei seinem
leidenschaftlichen Kusse übergossen. Nein -- es war nicht möglich! Sie
sollte ihn noch lieben lernen!
Er blieb stehen. In seiner Zerstreuung war er weit von dem Fußwege
abgekommen, den er hätte einhalten sollen, um nach St. Mellions zu
gelangen. Das leise, dumpfe Rauschen der Brandung gegen den felsigen
Strand tief unten schlug an sein Ohr; er befand sich dicht am Rande
der Klippe, -- so dicht, daß ein paar Schritte ihn unmittelbar an
die scharfe Kante gebracht hätten, und er blieb einen Augenblick
erschrocken stehen.
»Es wäre für niemand ein Verlust gewesen, wenn ich hinabgestürzt wäre,«
sagte er halblaut, mit bitterem Auflachen.
Er schritt weiter, dem Branden der Wogen lauschend, und blickte mit
starrem, finsterem Gesicht geradeaus. Der dunkle Himmel hellte sich am
Horizont auf, das schwere Gewölk teilte sich, ein schwacher gelblicher
Nebel bezeichnete die Stelle, wo der Mond durchbrechen wollte. Er sah
nichts von alledem. Florences ›Niemals!‹, Florences Antlitz verfolgten
ihn noch immer.
»Es war ihr Ernst damit!« sprach er vor sich hin, »es war ihr Ernst.
Ob sie recht hat? Wird ihr Haß dauern -- trotz meiner Liebe? Es wäre
furchtbar für uns beide -- furchtbar! Armes Kind -- armes kleines
Mädchen -- und weshalb sollte er schwinden? Ich habe, bei Licht
besehen, wie ein Schurke, wie ein Feigling an ihr gehandelt! Soll ich
diese Leidenschaft aus dem Herzen reißen und sie freigeben? Soll ich
ihr entsagen? Wenn ich --«
Die Worte endeten in einem heiseren Aufschrei. Hinter ihm ertönten
hastige Schritte, ihn traf ein Schlag vor die Stirn, daß vor seinen
Augen grelle Flammen über den schwarzen Himmel und das schwarze
Meer zuckten. Seine Arme wurden mit eisernem Griffe gepackt, er war
hilflos, wehrlos, er konnte nicht mit dem Angreifer ringen, der
ihn so hinterrücks überfallen und ihn immer näher an die Felskante
drängte; der Schlag auf den Kopf hatte ihn halb betäubt, er konnte
sich nicht zur Wehr setzen. Eine verzweifelte Anstrengung machte
er, sein Gleichgewicht wieder zu erlangen, aber sein Fuß glitt auf
dem kurzen schlüpfrigen Gras aus, und mit einem lauten Aufschrei
stürzte er kopfüber hinunter, sich im Fallen an dem groben Gestrüpp
festhaltend, das über den Klippenrand hinüberhing. Die Zweige knickten
ab und glitten ihm aus den Fingern, wieder tastete er nach einem Halt,
erhaschte etwas, das standhielt, ergriff es auch mit der anderen
Hand, fühlte, daß die Wucht seines Falles gebrochen sei, daß er
festen Boden unter den Füßen habe. Während der Dauer einer grausigen
Sekunde, halb schwebend, halb liegend, verharrte er so, dann nahm er
mit verzweifelter Anstrengung seine fast erschöpften Kräfte zusammen
und schleppte sich von dem Felsvorsprung in das Innere einer Höhle,
und vorwärtsstolpernd, brach er, nach Atem ringend, arg zerschunden,
blutend, fast bewußtlos auf dem steinigen Boden von Florences
Felsenkammer zusammen.
23.
Es regnete unaufhörlich fast die ganze Nacht, aber gegen Morgen klärte
es sich auf. Ein scharfer Wind von der See her blies die Wolken fort,
der Himmel wurde blau, und die Sonne schien so hell, als Sherriff das
kleine Speisezimmer im Bungalow betrat, wo der Frühstückstisch gedeckt
stand, daß er geblendet die Hand über die Augen legte.
»Es wird schließlich doch ein schöner Tag werden,« sagte er in seiner
freundlichen Art zu dem nett aussehenden Mädchen, das eilfertig mit der
Kaffeekanne eintrat. »Als ich heute nacht den Regen hörte, glaubte ich,
eine zweite Sintflut bräche herein. Ich erinnere mich kaum eines so
kalten und nassen Septembers, wie der diesjährige gewesen. Herr Leath
ist wohl noch nicht unten? Klopfen Sie lieber bei ihm an, Ellen.«
»Herr Leath ist schon lange unten und ausgegangen, gnädiger Herr. Als
ich bei ihm anklopfte, um ihn zu wecken, bekam ich keine Antwort;
er muß also schon fort gewesen sein. Er ruft immer in demselben
Augenblick, wo ich klopfe, er hat einen so leisen Schlaf,« sagte das
Mädchen.
»O, er macht sicher einen Morgenspaziergang,« bemerkte der alte Mann
gleichmütig; »er wird wohl gleich heimkommen, Ellen. Und doch,«
fuhr er, zu sich selbst redend, fort -- in den langen Jahren der
Einsamkeit hatte er sich halblaute Selbstgespräche angewöhnt, -- »ist
es sonderbar, daß der Junge so früh auf und davon ist, da er gestern
abend erst so spät nach Hause gekommen ist. Es muß zwölf gewesen sein,
denn ich habe ihn gar nicht mehr gehört. Er ist natürlich zu Tisch
in Turret Court geblieben. Nun, das ist gut. Ich wollte, das täte er
öfter, aber es ist wohl seine eigene Schuld, daß es nicht geschieht.«
Der Alte seufzte. »Ich bin ein alter Narr, aber ich wollte, ich wäre
fester davon überzeugt, als ich bin, daß es eine glückliche Ehe werden
wird. Aber sowohl in seinem wie in ihrem Benehmen ist etwas, das mich
glauben läßt --. Ah, das ist sein Schritt, ja -- er ist es.«
Der Schritt kam näher, ein Schatten verdunkelte die offene Fenstertür,
der Sherriff mit freundlichem Lächeln, das schnell einem Ausdruck der
Verwunderung und Bestürzung wich, den Blick zuwandte.
»Gütiger Himmel, Leath, was ist geschehen?« rief er.
»Schon gut, Herr Sherriff. Erschrecken Sie nicht! Mir wird gleich
wieder besser werden,« antwortete Leath, als er ins Zimmer trat und auf
den nächsten Stuhl sank.
In seinem zerrissenen, schlammbedeckten Anzuge, mit seinem
leichenblassen Gesicht, das mit geronnenem Blute, das einer Kopfwunde
entströmte, bedeckt war, sah er allerdings zum Erschrecken aus. Staunen
und Entsetzen machten den Alten stumm. Der Jüngere hub wieder an:
»Ich habe einen Unfall gehabt. Gestern abend, als ich von Turret Court
zurückkam, stürzte ich von der Klippe.«
»Der Klippe? Großer Gott! Du gingst zu nahe an die Kante und glittest
aus? Und doch bist du hier, und am Leben! Der Sturz hätte einen
Menschen zweimal töten können!« rief Sherriff.
»Wie er mich getötet haben würde, wäre ich zufällig an irgendeiner
anderen Stelle hinabgefallen. Es ist ein wahres Wunder, daß ich noch
lebe,« antwortete Leath. »Sie kennen die Stelle -- die kleine Höhle,
die sie -- Florence -- ihre Felsenkammer nennt?«
»Natürlich. Sie hat mich einmal mit hinabgenommen. Dort stürztest du
hinunter?«
»Ja. Der Felsenvorsprung vor der Höhle hat mich gerettet. Ich hielt
mich an irgend etwas fest -- wie, weiß ich nicht. Es brach die Wucht
meines Falles, und ich brachte es fertig, hineinzukriechen. Aber mein
Leben hing an einem Haar -- so nahe habe ich dem Tode noch niemals ins
Auge geschaut, obwohl er mir mehrmals nahe genug gewesen ist. -- Wollen
Sie mir etwas Kognak geben? Ich war einfältig genug, ohnmächtig zu
werden, und kam erst vor etwa einer Stunde wieder ordentlich zu mir.«
Sherriff, dessen Hände so zitterten, daß er die Flasche kaum halten
konnte, holte schnell den Kognak herbei. Leath leerte das Glas mit
einem Zuge, und die gesunde Farbe, die er von Natur hatte, kehrte
allmählich in sein Antlitz zurück.
»Das tut gut,« sagte er. »Ich muß gestehen, daß ich mich sehr schwach
fühle. Daran ist wohl der Schlag auf den Kopf schuld.«
»Ja, wie ist das zugegangen?« fragte der Alte.
»Schlugst du beim Ausgleiten mit dem Kopfe auf?«
»Nein, ich bin nicht ausgeglitten,« antwortete Leath finster.
»Nicht?«
»Nein, ich wurde hinuntergestoßen.«
»Hinuntergestoßen?« antwortete Sherriff voll Entsetzen.
»Ja; ich war hart am Rande der Klippe und wurde gepackt und
festgehalten, ehe ich wußte, woran ich war; ich konnte mich nicht zur
Wehr setzen. Der Schlag wurde zuerst nach mir geführt -- ich weiß
nicht, womit, und dann, ehe ich mich davon erholen kannte, wurde ich,
wie gesagt, hinabgestürzt.«
»Aber, gütiger Himmel, Leath, das war Mord!« rief Sherriff entsetzt.
»Es sollte auch ein Mord sein,« wiederholte er. »Der Mensch, der mich
von der Klippe hinabstieß, wollte mich aus der Welt schaffen, so
gewiß, wie wir beide einander gegenübersitzen. Es war vielleicht kein
überlegter Mordanschlag, das behaupte ich nicht -- das glaube ich
kaum. Er mag mir absichtlich gefolgt sein oder auch nicht. Ich kann
es nicht sagen, und es kommt auch nicht sonderlich darauf an. Aber
er beabsichtigte, mich zu töten, und glaubte ohne Zweifel, daß er es
getan. Und wenn es ihm gelungen, wenn ich tot auf dem Felsen gefunden
worden wäre, was würde es anders gewesen sein als ein Unfall, ein
Ausgleiten im Dunkeln?« Er lachte wieder bitter auf. »Er würde sicher
genug, vollkommen sicher gewesen sein! Wer hätte daran gedacht, Sir
Jasper Mortlake mit dem Tode eines Menschen in Verbindung zu bringen,
der mit seiner Einwilligung sein Mündel heiraten sollte?«
»Sir Jasper Mortlake?« stieß Sherriff hervor und sprang auf.
»Freilich -- er und kein anderer! Ich habe sein Gesicht gesehen; dazu
war es nicht zu dunkel, und hätte ich es auch nicht erkannt, so würde
ich es doch gewußt haben. Er hat Grund genug, meinen Tod zu wünschen
-- hatte es, wie ich jetzt weiß, seitdem er mich zum ersten Male
gesehen und mich haßte wegen der Ähnlichkeit, an die zu glauben er
sich fürchtete. Damals konnte ich es mir nicht erklären, seitdem habe
ich darüber gelacht, und ebenfalls über meine eigene Dummheit, keinen
Verdacht zu schöpfen.«
»Großer Gott! Welchen Verdacht?«
»Das will ich Ihnen erzählen. Vor Ihnen wenigstens kann ich es jetzt
nicht länger geheimhalten, und Sie haben ein Recht auf mein Vertrauen,
um meiner Mutter willen. Aber denken Sie daran, daß es fürs erste
nicht weiter geht, um ihretwillen, obwohl ich gleich jenem Menschen
gegenübertreten und ihm seinen Mordversuch vorwerfen will.«
»Um -- um deiner Mutter willen?« fragte Sherriff bestürzt.
»Nein -- um ihret-, um Florences willen. Sie haben sich gewundert,
weshalb sie versprochen hat, mein Weib zu werden; Sie haben sich
gewundert, weshalb Sir Jasper seine Einwilligung gegeben hat; Sie
haben sich noch über manches andere gewundert. Sie wundern sich jetzt,
weshalb er versucht hat, mich zu ermorden. Hören Sie mir ein paar
Minuten zu, so sollen Sie es erfahren.«
* * * * *
»Ich will Harry entgegengehen, Florence. Er muß sicher bald hier
sein -- er versprach, zum Frühstück zu kommen, und es ist ein so
wundervoller Morgen nach dem Regen, daß es mich eine Sünde dünkt, im
Hause zu hocken. Willst du auch mit, liebes Herz?« fragte Cis.
Sie kam die Treppe herab und knöpfte sich die Handschuhe zu, als sie
ihrer Cousine ansichtig wurde, die zwischen den Vorhängen des einen der
großen, viereckigen Fenster stand, durch die die innere Halle Licht
empfing. Sie war so in Gedanken versunken, während sie hinausblickte,
daß sie sich erst, als die andere sie berührte, zusammenschreckend
umwandte.
»Du gehst aus, Cis? Harry entgegen? Das ist recht! Du siehst so hübsch
aus, Schatz!«
»So?« Cis lächelte. »Blau steht mir immer gut, aber nicht besser als
dir. Willst du nicht mitkommen, Florence? Du siehst so blaß aus, und
deine Augen sind so trübe. Die Luft würde dir sicher gut tun!«
»Blaß -- so?« Florence fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Ich habe
seit einiger Zeit die dumme Angewohnheit, nicht zu schlafen, das ist
wohl schuld daran. Nein, ich glaube, ich gehe nicht mit, Herzchen; ich
bin nicht recht aufgelegt dazu!«
»Du mußt krank sein, du warst sonst immer zu allem aufgelegt,« sagte
Cis mit zärtlicher Teilnahme. »Du bist auch viel magerer geworden,
Liebling; gestern habe ich noch mit Mutter darüber gesprochen. Und du
siehst in dem langen, schwarzen Kleide wie eine Nonne aus. Ich wollte,
du trügest es nicht.«
»So? Nun, ich sehe neben dir wohl etwas düster aus,« meinte Florence
mit schwachem Lächeln. »Mache dir um mich und mein Aussehen keine
Sorge, kleine Cis; mir geht es ganz gut. Vielleicht unternehme ich
nachher einen Spazierritt. Wo ist Tante Agathe? Im getäfelten Zimmer?«
»Ja. Aber ich würde sie dort nicht aufsuchen, Florence; die Herzogin
ist bei ihr.«
»Dann werde ich sicherlich nicht hingehen. Ihre Durchlaucht und ich
haben hoffentlich das letzte notwendige Wort miteinander gesprochen.
Will sie wirklich heute fort?«
»Ich glaube, -- weiß es aber nicht gewiß. Sie hat Mutter gesagt,
sie würde abreisen, sobald sie Vater noch einmal gesprochen habe.
Wie seltsam, daß er gestern abend nicht zu Tisch herunterkam!
Roy behauptet, er habe sich vor einem zweiten Wortgefecht mit ihr
gefürchtet!« sagte Cis lachend.
»Kaum, sollte ich denken.« Florence lächelte kalt.
»O, natürlich war es nur ein Spaß! Trotzdem bleibt sein Erscheinen
sonderbar. Er ist wahrscheinlich sehr müde von Market Beverley
zurückgekommen. Ich finde, er hat in der letzten Zeit sehr elend
ausgesehen und ist so verdrießlich wie möglich gewesen. Nun, wenn du
wirklich nicht mit willst, so muß ich fort, sonst verfehle ich Harry.«
Sie trippelte davon, die Flügeltüren fielen hinter ihr zu. Das Lächeln
wich aus Florences Antlitz, als ihre Cousine verschwand; sie sank auf
die breite Fensterbank und fuhr müde mit der Hand über Stirn und Augen.
»Ich wollte, ich könnte schlafen, wie ich sonst geschlafen habe,« sagte
sie halblaut, »diese schlaflosen Nächte fangen an, mich zu ängstigen.
Gesetzt, ich würde krank, -- gesetzt, ich bekäme Fieber? Ich könnte
phantasieren -- könnte alles erzählen, verraten? Wer weiß? Ich habe
sagen hören, Fieberkranke redeten immer von dem, was sie am meisten
beschäftigt. Ich muß einen Doktor zu Rate ziehen, muß mir irgendein
Beruhigungsmittel verschreiben lassen. Wenn ich endlich schlafe, so ist
es fast schlimmer, als wach zu liegen -- ich habe so gräßliche Träume!
Gestern nacht war es schlimmer denn je.« Sie schauderte. »Ich möchte
wissen, ob es das Vernünftigste wäre, wenn ich täte, was er zweimal in
mich gedrungen, zu tun -- und ihm sagte, ich wollte ihn bald heiraten
und mit ihm fortgehen? Mitunter glaube ich es fast. Es würde wenigstens
überstanden -- unwiderruflich sein, und da es geschehen muß, was frommt
es, es aufzuschieben? Ich muß es tun -- ich habe mein Wort gegeben! Und
weshalb sollte er sein Wort halten, wenn ich zögere, meines einzulösen?
Was ist das? So früh? Weshalb kommt er heute so früh?«
Sie kannte den Schritt, der durch die äußere Halle kam; niemals hatte
sie Everard Leaths festen Schritt vernommen, ohne daß ihr Pulsschlag
sich, halb aus Zorn, halb aus Angst, beschleunigt hatte, aber sie war
immer bestrebt gewesen, ihre Erregung unter der nachlässigen Kälte
zu verbergen, die sie ihm gegenüber gewöhnlich zur Schau trug, denn
sie wollte nicht, daß er sehen sollte, daß er sie überhaupt nach
irgendeiner Richtung hin erregen konnte.
Sie erhob sich jetzt und wandte sich mit ganz gefaßtem, gleichgültigem
Gesicht der Flügeltür zu. Kam noch jemand mit ihm? Fast klang es so.
Die Tür ging auf, und Leath trat ein mit Herrn Sherriff.
Dem Mädchen entfuhr ein Schrei schreckensvoller Bestürzung. Leaths
zerrissener und beschmutzter Anzug war durch einen sauberen ersetzt
worden, die Blutspuren waren von Kopf und Antlitz fortgewaschen, aber
das Haar war an der einen Seite weggeschnitten worden und ließ eine
weiße Binde sehen. Das sowohl wie seine finster blickenden Augen und
sein totenbleiches Gesicht hatten Florence den Schrei entlockt. Sie
beachtete Sherriff kaum, noch wunderte sie sich über sein Erscheinen.
Sie eilte auf Leath zu.
»Was ist geschehen? Sie sind verletzt worden? Sie haben sich weh getan!«
»Ja;« er nahm ihre Hand; noch nie hatte er sie mit so schmerzlichem
Drucke festgehalten. »Ich -- wußte nicht, daß du hier bist,« sprach
er, »ich wollte dich nicht erschrecken, Kind. Ich komme, um Sir Jasper
aufzusuchen.«
»Sir Jasper? Aber was ist denn geschehen? Wie sind Sie zu der Wunde
gekommen?« Sie blickte Sherriff an und dann wieder ihren Verlobten, und
etwas wie schreckensvolles Verständnis dämmerte in ihren Zügen auf.
»Sie sind verletzt -- Sie kommen her, um mit Sir Jasper zu reden? Herr
Sherriff,« rief sie gebieterisch, »lassen Sie ihn mir erzählen, was das
alles zu bedeuten hat!«
Leath wandte sich zu seinem Begleiter, ehe dieser antworten konnte.
»Soll ich es ihr sagen? Sie wenigstens muß es doch wohl erfahren?«
»Erzähle es ihr lieber! Wie kannst du es jetzt noch vor ihr
geheimhalten? Und sie hat ein Recht, es zu wissen.«
»Ich will es wissen,« sprach Florence, »sagen Sie es mir.«
Er tat es. Das junge Mädchen saß auf der Fensterbank und hörte mit
weitgeöffneten, entsetzten Augen, die unverwandt an seinem Gesichte
hingen, der Erzählung zu, die er barmherzigerweise so kurz machte, wie
er konnte. Er war seit einer vollen Minute zu Ende, ehe sie den Kopf
hob und auf Sherriff deutete.
»Sie haben ihm alles gesagt?«
»Alles. Mir blieb kaum eine Wahl -- ich konnte nicht länger schweigen.
Ich weiß, damit habe ich gewissermaßen unser Übereinkommen gebrochen,
aber nicht in Wirklichkeit. Du kennst deinen alten Freund. Du weißt,
du darfst dich darauf verlassen, daß er ein ebenso unverbrüchliches
Schweigen beobachten wird wie du oder ich.«
»Sie dürfen mir trauen, meine Liebe,« sprach Sherriff mit versagender
Stimme. Er war bleicher als der junge Mann; die seelische Erregung
hatte tiefe Spuren in seinen Zügen zurückgelassen. »Ich -- bin entsetzt
-- bin bestürzt! Aber um Ihrer selbst willen, um der Lebenden und der
einen Toten willen können Sie sich wirklich auf mich verlassen, mein
Kind.«
»Ich kann mich auf Sie verlassen?« wiederholte Florence verständnislos.
»Ja, das weiß ich. Das macht keinen Unterschied. Aber das andere?« Sie
blickte scheu zu Leath hinüber. »Was wollen Sie tun?«
»Sir Jasper aufsuchen. Endlich müssen wir ein paar deutliche Worte
miteinander reden.« Er sah Sherriff an. »Und um meiner eigenen
Sicherheit willen, um jeder Möglichkeit vorzubeugen, daß sich der
gestrige Vorfall wiederholt, ist es ebensogut, daß bei diesen Worten
ein Zeuge zugegen ist.«
»Ja?« Sie blickte noch ängstlicher. »Und hinterher -- was dann?«
»Hinterher? Nichts weiter! Was sollte dann noch kommen?«
Es klang wie Verwunderung aus seinem Tone, und zum ersten Male etwas
wie Zärtlichkeit -- liebevolle Zärtlichkeit, die das Grauenvolle der
Situation bisher verboten hatte. Er machte eine Bewegung, ihre Hand
zu ergreifen. Erleichterung und Dankbarkeit verdrängten die Kälte aus
ihrem Antlitz, als sie die Augen zu ihm aufschlug. Sofort trat aber ein
anderer Ausdruck in ihre Züge, der ihn veranlaßte, sich jäh umzuwenden,
und als er das tat, öffnete Sir Jasper die Tür der Bibliothek und trat
in die Halle.