herrschsüchtig, besteht so sehr auf seinem Willen -- das weißt du doch!
Ich machte ihm einmal Vorstellungen, soweit ich konnte,« sagte Lady
Agathe in abbittendem Tone, »und er wollte nicht auf mich hören. Er hat
sich in der letzten Zeit verändert, oder ich habe es mir eingebildet;
er ist wechselnder in seiner Stimmung und schroffer als je. Er --«
»Verändert? Ich habe nie in meinem Leben eine solche Veränderung bei
einem Menschen gesehen! Er sieht aus wie sein eigenes Gespenst. Was
fehlt ihm eigentlich?«
»Ich kann es dir nicht sagen. Er hat mir nichts mitgeteilt und wollte
nicht auf mich hören, als ich ihn vor einiger Zeit bat, einen Arzt
zu Rate zu ziehen. Um auf das zurückzukommen, von dem wir sprachen,
so scheint er allerdings zu wollen, -- ich möchte fast sagen, zu
wünschen, -- daß Florence Herrn Leath heiratet. Natürlich ist er keine
Partie für sie.«
»Partie? Gütiger Himmel, wer ist der Mensch?« rief die Herzogin.
»Ich kann es dir wirklich nicht sagen. Er ist ein Australier, glaube
ich. Er kam nach St. Mellions und ließ sich dort vor etwa einem
Vierteljahr häuslich nieder, und --«
»Ja, ja, das habe ich alles schon gehört!« fiel ihr die andere
ungeduldig ins Wort. »Und Sir Jasper -- was ihm gar nicht ähnlich
sieht! -- war wohl unklug genug, einen Narren an ihm zu fressen?«
»Nein, nein -- durchaus nicht. Ganz im Gegenteil. Du irrst dich,
Honoria. Sir Jasper mochte Herrn Leath nicht leiden. Ja, er wurde
sehr böse mit Roy, weil er die Bekanntschaft fortsetzte. Er schien
unerklärlicherweise etwas gegen ihn zu haben.«
»So.«
»Ja, er weigerte sich sogar, ihn wieder bei sich zu sehen,« setzte Lady
Agathe hinzu.
»Und jetzt sagst du mir, es sei sein Wunsch, daß Florence ihn heiratet?«
»Er scheint es allerdings zu wünschen.«
Die Herzogin lehnte sich mit einer Gebärde der Verzweiflung in die
Sofakissen zurück.
»Vielleicht bist du so gut, Agathe, diese beiden Behauptungen in
Einklang zu bringen. Ich gestehe, daß ich nicht dazu imstande bin.«
»In Einklang bringen?« stammelte Lady Agathe.
»Ja!« Die Herzogin beugte sich vor und fuhr fort: »Ich muß dir ganz
ehrlich gestehen, Agathe, daß das Ganze mir sehr rätselhaft vorkommt.
Dir mag die Sache ja völlig klar sein, aber ich gestehe offen, daß mein
armer Verstand das nicht zu fassen vermag.«
Lady Agathe fing an zu weinen.
»Es nützt nichts, daß du so über mich herfällst, Honoria,« sprach sie
und drückte ihr Taschentuch an die Augen, »gar nichts. Sprich lieber
mit Florence. Ich kann nichts bei der unseligen Sache tun.«
»Ich beabsichtige auch, mit ihr zu reden. Wenn sie nicht ganz verrückt
geworden ist, so will ich sie schon zur Vernunft bringen. Bleibe,
bitte, hier, Agathe; es ist mir lieber, du hörst, was ich sage. Mit
deiner Erlaubnis werde ich sie sofort kommen lassen.«
Die Herzogin zog heftig die Klingel und erteilte ihren Befehl in
herrischem Tone.
Sie thronte wieder majestätisch auf dem Sofa, und Lady Agathe trocknete
sich noch die Augen, als die Tür aufging und Florence gemächlich
eintrat.
Sie sah entzückend aus: sie trug ein dunkelrotes Samtkleid mit einem
breiten Kragen und Manschetten aus alten gelblichen Spitzen, und ihr
kastanienbraunes Haar war tief im Nacken lose zusammengedreht. Ihre
großen, grauen Augen leuchteten, sie hatte frische, schöne Farben, und
sie lächelte, als sie mit stolz erhobenem Köpfchen näher trat. Dem
verwunderten, entrüsteten Blicke der Herzogin schien sie glücklich,
zuversichtlich, belustigt, von schelmischem Trotz beseelt zu sein. Aber
ihre Tante wußte, daß ihre Figur schlanker war, als sie vor einem Monat
gewesen.
»Durchlaucht haben mich rufen lassen. Wie erhitzt Sie aussehen! Ich
glaube, ich würde ein wenig vom Kaminfeuer fortrücken. O, Tante
Agathe, was fehlt dir denn, liebes Herz?«
Die spöttische Heiterkeit war auf einmal wie weggewischt aus ihren
Zügen, als sie auf Lady Agathe zueilte und zärtlich tröstend, wie
schützend, den Arm um sie legte.
Die stattliche Herzogin auf dem Sofa sah noch stattlicher aus. In dem
Auftreten des Mädchens lag entschieden unverschämte Herausforderung.
»Es ist kein Wunder, daß deine Tante weint, Florence! Sie tut wohl
daran, dünkt mich.«
»Nein -- es ist kein Wunder, weil Sie sie dazu gebracht haben. Trockne
dir die Augen, Tantchen; wenn Durchlaucht böse ist, so ist sie es auf
mich, nicht auf dich.«
Sie blickte ihre Patin mit kühler Gelassenheit an und fragte: »Ich
fürchte, Durchlaucht sind wieder böse?«
»Böse?« wiederholte die empörte Herzogin zornig. Sie hätte ihr Mündel
in diesem Augenblick mit der größten Wonne ohrfeigen können.
»Ja -- das sieht man Ihnen an. Es ist nicht das Feuer, das Ihnen diese
Röte gibt.«
In derselben nachlässigen Art trat sie hinter einen Stuhl und legte die
verschränkten Arme auf die Lehne.
»Es handelt sich natürlich um meine Verlobung. Lassen Sie mich ganz
offen und deutlich reden. Nun denn, ich bin mündig und habe Herrn Leath
versprochen, ihn zu heiraten. Nichts wird an meinem Entschlusse etwas
ändern. Bleiben wir beide am Leben, so werde ich sicher seine Frau. Was
auch geschehen möge, ich werde ihm mein Wort nicht brechen, und das
weiß er.«
»Gütiger Himmel, Kind! Du mußt verrückt geworden sein! Du willst mir
doch nicht sagen, daß du in ihn verliebt bist?«
»Weshalb nicht? Könnte es einen besseren Grund geben, ihn zu heiraten?«
»Du hast ein empfänglicheres Herz, als ich dir zugetraut habe,
Florence! Vielleicht hattest du dich auch in Herrn Chichester verliebt?«
»Nein, ich war niemals in Herrn Chichester verliebt.«
»Und du gestehst geradezu, in diesen Menschen verliebt zu sein?«
»Jedenfalls will ich ihn heiraten. Wir wollen es dabei bewenden lassen.
Und nennen Sie ihn, bitte, nicht ›diesen Menschen‹. Das ist nicht sehr
fein. Ich glaube zwar nicht, daß er je im Leben eine Herzogin gesehen
hat, aber ich bin überzeugt davon, daß er Durchlaucht nie ›diese Frau‹
nennen würde.«
»Du weigerst dich also, mit ihm zu brechen?«
»Ja, entschieden! Ich werde ihn heiraten.«
»Nun gut!« Die Herzogin lehnte sich vorwurfsvoll zurück. »Jetzt höre
mich an, Florence! Durch die unglaubliche Verrücktheit von Sir Jasper
Mortlake -- ich darf kein Blatt vor den Mund nehmen, Agathe, und ich
wiederhole: unglaubliche Verrücktheit -- hast du, die du bei deiner
gesellschaftlichen Stellung, deiner Schönheit, deinem Vermögen die
glänzendste Partie hättest machen können -- die Einwilligung eines der
Vormünder zu dieser schmachvollen Heirat erlangt, durch die du dich
zugrunde richten wirst. Nun mache dir klar, daß du meine Zustimmung nie
erhalten wirst. Was deine Verwandten hier tun werden, kommt für mich
nicht in Betracht: ich maße mir nicht an, ihnen Vorschriften machen zu
wollen. Wenn sie diesen Menschen als deinen Mann bei sich sehen wollen,
so ist es gut. Ich aber habe nichts mehr mit dir zu tun, sobald du
seine Frau bist. Und damit basta!«
Ihr blühendes Gesicht war blaß vor Zorn geworden, und Florence wußte,
daß nichts sie von diesem Entschlusse abbringen würde.
»Das habe ich gar nicht anders erwartet, und ich beklage mich nicht,«
sprach sie ruhig, »aber selbst wenn die ganze Welt sich von mir
lossagte, so würde ich doch mein Wort halten und Herrn Leath heiraten.
Ich kenne den Preis, den ich zu zahlen habe, und ich bin willens, ihn
zu zahlen!« Sie machte einen Schritt auf die Tür zu und fragte in
demselben gelassenen Tone: »Haben Durchlaucht mir noch sonst irgend
etwas zu sagen, ehe ich gehe?«
»Ja -- noch eins!« Die Herzogin erhob sich wütend. »Die Chance ist
wenigstens nicht ausgeschlossen,« sagte sie eisig, »daß dieser Mensch
weniger hartköpfig ist, als du zu sein scheinst. Wenn er dich heiratet,
so richtet er dich in sozialer Hinsicht zugrunde, und wenn niemand
vernünftig genug ist, ihm dies zu sagen, so soll er es von mir hören!«
»Zu welchem Zweck?« fragte Florence ruhig.
»Zweck? Auf die Chance hin, -- die zwar nur gering ist, das gebe ich
zu, -- daß er gesunden Menschenverstand und Herz genug besitzt, dich
freizugeben.«
»Das wird er niemals tun,« -- sie lächelte matt, -- »nicht wenn
Durchlaucht ihm das Zweifache meines Vermögens bieten würde. Ich muß
ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen. Er hat nur einen Grund für den
Wunsch, mich heiraten zu wollen -- er liebt mich.«
»Liebt dich? Täte er das, so würde er dich nicht auf diese schändliche
Weise hinopfern!« erwiderte die Herzogin heftig. »Ob er dich nun liebt
oder nicht, er soll erfahren, was er dir antut, dazu bin ich fest
entschlossen. Wann kann ich ihn sprechen?«
Ein Diener trat ein. Nachdem Florence seine Meldung entgegengenommen,
blickte sie die Herzogin an und sagte:
»Wenn es Durchlaucht beliebt, Herr Leath ist jetzt hier.«
»Hier? Du meine Güte! Verkehrt der Mensch hier?« Florence lächelte kalt.
»Durchlaucht scheinen zu vergessen, daß ich mit Sir Jaspers voller
Einwilligung mit Herrn Leath verlobt bin. Unter diesen Umständen
würde es schwer sein, ihm das Haus zu verbieten, obwohl Tante Agathe
Ihnen bestätigen wird, daß er sich nur sehr selten blicken läßt und
die Gastfreundschaft des Hauses nicht mißbraucht. Seine Besuche hier
werden mir abgestattet. Es ist mein Recht, meinen zukünftigen Gatten zu
empfangen. Sie wünschen ihn zu sprechen? In fünf Minuten werde ich mit
ihm hier sein.«
22.
Everard Leath stand, seine Braut erwartend, in dem getäfelten Zimmer,
in das er stets geführt wurde, wenn er nach Turret Court kam. Mitunter
war Roy zugegen, der ihn mit lauter Stimme herzlich begrüßte, oder
Cis, oder schließlich Lady Agathe, die sich mit ein paar verlegenen
Worten und einer steifen, halb ängstlichen Verbeugung hastig aus dem
Staube machte; aber in der Regel sah er niemand als Florence. Er
wünschte allerdings auch niemand sonst zu sehen, denn es schien ihm
äußerst gleichgültig zu sein, mit welchen Augen ihn die Familie im
allgemeinen ansah. Auf seine einzige Unterhaltung mit Sir Jasper war
nie eine zweite gefolgt, und damals hatten sie kaum ein Dutzend Sätze
gewechselt. Eine oder zwei Einladungen zum Mittagessen waren von dem
Baron an ihn ergangen, aber er hatte sie alle kurz abgelehnt, und von
dem Tage an, an dem sie versprochen, sein Weib zu werden, bis heute,
hatte er treu Wort gehalten und nicht ein einziges Mal den Namen Robert
Bontine gegen Florence erwähnt.
Die Tür ging auf, und sie trat eilfertiger als sonst ein -- gewöhnlich
zögerte sie ein wenig, ehe sie zu ihrem Verlobten kam, dem sie die
täglichen Zusammenkünfte gewährt, weil sie es nicht wagte, sie ihm
abzuschlagen. Ihm fiel der Unterschied sofort auf, ebensowohl wie das
ungewohnte Beben ihrer Hand, als er diese faßte.
Er tat selten mehr als das, aber der wenigen Male, da er sie geküßt
hatte, erinnerte er sich nicht besser als sie.
»Du bist erregt,« sprach er sanft. »Wie deine Hand zittert, Kind! Was
gibt es denn?«
Er hielt sie dabei viel zu fest, als daß sie noch hätte zittern können,
und blickte zu ihr nieder. Der Tag war ungewöhnlich düster und grau
gewesen, und obgleich der Abend kaum angebrochen, war es dunkel im
Zimmer, denn das Kaminfeuer war tief herabgebrannt und verbreitete nur
wenig Helligkeit. Er erriet, mehr als daß er sah, daß sie blaß war
und ihre großen verstört blickenden Augen einen ihm fremden Ausdruck
hatten. Es geschah nicht oft, daß sie so zu ihm emporsahen, und für
den Augenblick bezauberten sie ihn so, daß er die ängstliche Vorsicht,
mit der er sich zwang, ihr zu begegnen, außer acht ließ. Er schloß sie
warm und zärtlich in die Arme, wie er es hätte tun können, wenn sie ihn
geliebt hätte.
»Was gibt es, Florence? Was hat dich so aus der Fassung gebracht, mein
Liebling?«
Wenn sie ihn geliebt hätte, wie würde sie sich innig an ihn geschmiegt,
wie würden sie zusammen gelacht haben über die Herzogin und ihre
Drohungen und ihren Zorn! Der Gedanke durchzuckte sie, während sie
erschauerte und -- zu stolz, sich zu wehren -- starr dastand.
»Lassen Sie mich los, bitte!« stieß sie zwischen den Zähnen hervor.
»Ich habe Sie schon öfter gebeten, mir dies zu ersparen, Herr Leath.«
»Ich bitte um Entschuldigung!« Mit einem Lachen gab er sie frei. »Ich
vergesse mitunter, wie du mich hassest -- und habe freilich nur mir
selbst deshalb Vorwürfe zu machen! Du sorgst dafür, daß ich es nicht
vergesse. Aber ich bitte nochmals um Verzeihung -- darum handelt es
sich jetzt nicht. Es ist irgend etwas vorgefallen, nicht wahr?«
»Vorgefallen kaum.«
Sie schlug wieder ihren gewohnten, nachlässig gleichgültigen Ton gegen
ihn an und trat einen Schritt von ihm fort. »Sie kommen zufällig zu
sehr gelegener Zeit.«
»Darf ich fragen, weshalb?«
»Es ist gerade nach Ihnen gefragt worden.«
»So? Wenn Sir Jasper mich zu sprechen wünscht --«
»Nicht Sir Jasper. Er ist in Geschäften nach Beverley und wird nicht
vor Tische heimkommen. Vielleicht wissen Sie, daß die Herzogin hier
ist?«
»Allerdings. Roy hat es mir heute morgen in St. Mellions erzählt. Sie
wünscht doch nicht etwa, mich zu sehen?«
»Ja. Sie hat den Wunsch geäußert.«
»Und wünschest du, daß ich zu ihr gehe?«
»Ich halte es für das beste,« sagte sie stockend.
»Dann stehe ich natürlich ganz zu deinen Diensten.«
Er tat einen Schritt auf die Tür zu. Als Florence auf die aufrecht
getragene Gestalt, in das gelassene, sonnengebräunte Antlitz blickte,
regte sich, nicht zum erstenmal, ein wunderliches Gefühl in ihr. Er
mochte, wie sie geäußert, nie im Leben eine Herzogin gesehen haben,
aber er verriet keine Befangenheit oder Unruhe bei der Aussicht,
dieser einen gegenüber stehen zu müssen. Sie mochte ihn hassen, mochte
sich aufbäumen gegen die Bande, die sie an ihn fesselten, aber es war
unmöglich, daß sie sich jemals seiner zu schämen hätte. Sie wäre kein
Weib gewesen, hätte sie nicht etwas wie Erleichterung und Stolz bei dem
Gedanken empfunden. An seinem Auftreten, seinem Benehmen konnte selbst
die Herzogin nichts auszusetzen finden. In dem Bewußtsein lag ein
Trost, und ein weicherer Ausdruck trat in ihr Antlitz, als sie durch
ein Zeichen ihn an ihre Seite zurückrief.
»Bitte, warten Sie einen Augenblick! Ich will mit Ihnen gehen, aber
vorher möchte ich noch etwas sagen.«
Sie berichtete ihm dann kurz, wie empört ihre Patin über ihre Verlobung
sei, und setzte hinzu: »Das berührt mich nicht weiter, da sie meinem
Herzen nie nahe gestanden hat, aber es ist mir sehr schwer geworden,
ihr gegenüber so gleichgültig und so -- zufrieden zu scheinen, wie ich
wünschte. Sie ist eine kluge Frau und nicht so leicht zu täuschen wie
Tante Agathe, und sie darf mir nicht noch ein zweites Mal zusetzen,
solange sie hier ist. Sie darf es um keinen Preis!«
Ihre Stimme bebte: die Unterredung mit der Herzogin hatte sie tiefer
erschüttert, als sie selbst wußte. Er legte seine Hand ruhig und fest
über die zitternden Finger, die sie auf den Kaminsims gelegt hatte.
»Das soll sie auch nicht. Laß mich hören, was du wünschest, daß ich ihr
sagen soll, du weißt, ich tue, was du willst.«
»Ja -- ich weiß, ich kann mich auf Sie verlassen.« Es war das
Freundlichste, was sie ihm je gesagt, und es hatte noch dazu den
Vorzug, durchaus wahr zu sein.
»Sagen Sie ihr,« fuhr sie fort, »was vollkommen der Wahrheit
entspricht, -- daß ich mich weigere, unsere Verlobung rückgängig zu
machen oder Sie zu bitten, mich freizugeben. Sie werden sie furchtbar
böse machen, aber das tut nichts. Sie wird an Ihren Stolz appellieren,
Ihnen sagen, daß ich mich durch eine Heirat mit Ihnen zugrunde richte.
Hören Sie nicht auf sie; lassen Sie sich in keine Auseinandersetzungen
mit ihr ein. Vielleicht wird sie Sie beleidigen -- machen Sie sich
nichts daraus. Denken Sie nur daran, daß es furchtbar schwer für mich
ist, und daß ich Sie bitte, es mir zu erleichtern, so viel Sie können.«
Es war das erstemal, daß sie ihn um etwas bat; sie wußte kaum, wie
rührend und eindringlich sie sprach, wie flehend ihre großen Augen, die
voll Tränen standen, ihn anblickten. Seine Hand umschloß die ihre noch
fester.
»Es gibt nur sehr wenige Dinge -- nur ein einziges, glaube ich -- die
ich nicht tun würde, bätest du mich darum,« sprach er ruhig, »und
dies ist nicht jenes eine. Was könnte ich wohl lieber tun, als darauf
bestehen, daß du mein bleibst? Du kannst dich darauf verlassen, ich
werde den Ton anschlagen, den du wünschest. Möchtest du noch warten,
oder wollen wir gleich gehen, damit es überstanden ist?«
Nach kurzem Zögern legte sie ruhig die Hand auf seinen Arm: das hatte
sie aus freien Stücken noch nie getan.
»Danke,« sagte sie einfach. »Ich will jetzt gehen, damit wir es, wie
Sie sagen, hinter uns haben.«
Mit so stolz getragenem Haupte wie nur je in ihrem Leben trat sie, noch
immer an seinem Arme, vor die Herzogin und stand neben ihm, wie ein
Weib an der Seite des Mannes, den sie liebt, stehen sollte -- lächelnd,
in unbekümmerter Heiterkeit, voll Zuversicht auf ihn und sich selbst.
Die Unterredung dauerte nicht lange. Die Herzogin hatte schon zwei
Niederlagen erlitten, und keiner ihrer beiden siegreichen Gegner war
ihr mit kühlerer Gelassenheit gegenübergetreten, als Everard Leath.
Auch ohne Florences Bitte würde er das wahrscheinlich getan haben. Die
Herzogin war eine viel zu kluge Frau, um nicht zu wissen, daß sie eine
Niederlage erlitten und daß ein fernerer Kampf hoffnungslos sei. In
den wenigen kurzen Worten, mit denen Leath ihr antwortete, lag eine
Entschlossenheit, die durch keinen Angriff ihrerseits zu erschüttern
war. Die höhnische Anklage, die sie ihm entgegengeschleudert, hatte
nicht einmal eine Veränderung in seinem Gesichtsausdruck hervorgerufen.
»Gräfin Florence weiß, Durchlaucht,« sprach er ruhig, »daß ihr Vermögen
mir sehr gleichgültig ist. Wenn ich wünsche, daß sie es behalten
möchte, so geschieht es nur, weil ich kein so reicher Mann bin, wie
ich es ihretwegen zu sein wünschte. Könnte Durchlaucht ihr es morgen
bis auf den kleinsten Bruchteil nehmen, so würde das an unserem
gegenseitigen Verhältnis nichts ändern.«
»Nicht das mindeste,« stimmte ihm Florence bei, »ich würde dich doch
heiraten, Everard.«
Die trauliche Anrede klang ihr sehr ungewohnt im Ohre, aber sie brachte
sie entschlossen über die Lippen -- war es doch nach ihrer Ansicht nur
eine letzte, notwendige Heuchelei mehr und keine größere als ihre Hand
auf seinem Arm, ihre Stellung an seiner Seite. »Geld hatte nichts mit
dem Versprechen, das ich dir gab, zu schaffen -- das weißt du. Ich
glaube, Durchlaucht, damit wäre die Sache erledigt.«
Eine zornige Handbewegung der Herzogin war ihre einzige Entlassung. Sie
verließen das Zimmer Arm in Arm, wie sie es betreten. Lady Agathe hatte
während der ganzen Zeit, das Tuch an die Augen gedrückt, bitterlich
weinend dagesessen und kein einziges Wort gesagt.
Erst als sie wieder in dem getäfelten Zimmer waren, zog Florence die
Hand zurück. Eine Lampe war in der Zwischenzeit angezündet worden, und
sie sah in dem gelben Lichtschein geisterbleich aus. All der mühsam
behauptete Trotz war wie weggewischt aus ihren Zügen, jetzt, wo die
Augen der Herzogin nicht mehr darauf ruhten. Sie blickte ihn mit
müdem, ironischem Lächeln an.
»Wir sind wieder hinter den Kulissen,« sprach sie in bitterem Tone,
»ich fange an, zu glauben, daß ich keine schlechte Schauspielerin bin.
Ich möchte wohl wissen, ob es unsere Natur oder unser Schicksal ist,
das uns Frauen zu Heuchlerinnen macht? Beides vielleicht. Die Herzogin
wird mich hinfort wohl in Ruhe lassen, aber das wäre nicht der Fall,
wenn Sie mir nicht geholfen hätten. Das vergesse ich nicht. Ich danke
Ihnen, Herr Leath.«
»Du hast mir nichts zu danken!« Wenn ihm die Veränderung in ihrem Blick
und Ton weh tat, so verriet er es durchaus nicht. Er gewahrte die müde
Haltung der schlanken Gestalt, die Blässe des schmalen Gesichtchens.
»Es ist zu viel für dich, armes Kind,« meinte er sanft. »Du siehst ganz
erschöpft aus und bedarfst der Ruhe. Soll ich bleiben, oder möchtest
du, daß ich jetzt gehe?«
Sie war allerdings mit ihrer Kraft zu Ende, ihre Nerven befanden sich
in einem solchen Zustande der Erregung, daß die weiche Zärtlichkeit
seiner Worte, obwohl sie von ihm kam, hinreichte, sie um ihre
Selbstbeherrschung zu bringen. Sie brach in heiße Tränen aus und
schluchzte fassungslos. Im nächsten Augenblick hatte er sie in die
Arme geschlossen und beschwichtigte sie an seinem Herzen, wie er ein
Kind hätte beschwichtigen können. Sie hatte bisher nie seine Umarmung
geduldet; aus reiner Ermüdung tat sie es jetzt, zu schwach, sich zu
widersetzen oder über seine Küsse zu zürnen. Seine Kraft war zu
mächtig für sie, und dennoch lag ein merkwürdiger Trost darin. So
ließ sie sich ohne Widerstreben von ihm umfangen, barg ihre Tränen an
seiner Schulter und empfand fast etwas wie Freude über die innigen
Liebesworte, die er ihr ins Ohr flüsterte. Selbst als ihr Schluchzen
nachließ und sie den Kopf hob, lag nichts wirklich Abwehrendes in der
Bewegung, mit der sie sich ihm zu entziehen suchte.
»Ich bin müde,« sagte sie mit schwacher Stimme, gleichsam als
Entschuldigung für diese Anwandlung von Schwäche, über die sie doch
kaum das Herz hatte, böse zu sein, »schrecklich müde. Ich habe vorige
Nacht nicht geschlafen. Mir wird gleich besser werden. Sie sind -- sehr
gut gegen mich gewesen, aber jetzt gehen Sie lieber, bitte.«
»Ja, ich will gehen, mein Herzlieb. Du sollst allein bleiben, um dich
auszuruhen, wenn du kannst.«
Er hatte den Arm noch immer um sie gelegt und hob jetzt sanft ihr
tränenfeuchtes Gesicht zu dem seinen empor. »Florence,« fragte er
im Flüstertone, »wenn du wirklich findest, daß ich gut gewesen bin,
könntest du mir dann nicht ein einziges Mal danken, Kind?«
Fast mechanisch hob sie das Gesicht; der Sinn seiner Worte war ihr kaum
zum Bewußtsein gekommen, aber als er sie küßte, überflutete eine heiße
Blutwelle ihr Antlitz und ihren Hals. Sie rang nach Luft und versuchte,
sich loszureißen, aber er hielt sie fest.
»Florence,« sagte er langsam, »weißt du, was du mich hast sehen lassen?
Daß, wenn ich dir als Gleichberechtigter hätte gegenübertreten können,
du mich jetzt schon lieben würdest. Ja, das würdest du -- das weiß ich!«
»Nein!« Mit einer kräftigen Anstrengung machte sie sich los. »Niemals!«
erklärte sie heftig, die Hand an die wogende Brust gedrückt. »Ich mache
mir nichts aus Ihnen -- ich kann es nicht -- ich werde es nie tun!
Ich wollte Ihnen danken, weil Sie freundlich gewesen zu sein schienen
-- aber mich nicht so -- so von Ihnen küssen lassen -- das wissen
Sie recht gut! Ich werde Ihre Frau, weil ich muß, weil Sie mich dazu
zwingen, aber lieben werde ich Sie nie -- nimmermehr! Unter keinen
Umständen je hätte ich Sie lieben können -- das weiß ich!«
»Wirklich nicht?«
Er blickte in das leidenschaftlich erregte Antlitz, sah die Gebärde
empörter Abwehr und lächelte wehmütig. »Nun, vielleicht hast du recht,
und vielleicht habe auch ich recht. Wir wollen nicht darüber streiten.
Die Schicksalsgöttinnen sind dir nicht besonders hold gewesen, armes
kleines Mädchen -- aber auch mit mir sind sie nicht besonders gnädig
verfahren! Laß mir diese einzige Eitelkeit, Kind! Sie kann niemand
schaden! Ich bleibe dabei, hätte ich nur eine Chance dir gegenüber
gehabt, so hättest du mich jetzt schon lieben sollen.«
»Niemals!« stieß sie wieder zwischen den Zähnen hervor. »Sie täuschen
sich selbst, wenn Sie das glauben! Niemals!«
Und so verließ er sie, und ihr ›Niemals!‹ klang ihm im Ohre nach.
Er würde sich in der Halle nicht aufgehalten haben -- er pflegte
immer Turret Court so schnell wie möglich zu verlassen, sowie seine
Zusammenkunft mit Florence vorüber war, und es geschah selten, daß eine
Begegnung mit irgend jemand ihn aufhielt. Aber der heutige Tag bildete
eine Ausnahme. Ein Feuer brannte in der inneren Halle, und in einem
großen Lehnstuhl daneben lag Roy bequem hingestreckt. Er war unter dem
Einfluß der einschläfernden Wärme halb eingeschlummert, aber, durch die
näherkommenden Schritte ermuntert, stand er auf, dehnte seine langen
Gliedmaßen und gähnte ungezwungen.
»O, Sie sind’s, Leath? Wie geht es Ihnen? Wußte gar nicht, daß Sie da
waren, alter Junge. Habe ein wenig genickt, glaube ich. Im Begriff,
fortzugehen -- wie?«
»Ja. Weshalb?«
»O, nichts Besonderes! Sie würden zu Tisch bleiben, wenn Sie irgendein
anderer wären, aber ich weiß, es nützt nichts, Sie einzuladen. Heute
gäbe es freilich einen Extraspaß. Sie könnten die Herzogin zu Tisch
führen.«
»Das bezweifle ich. Ihre Durchlaucht geruhte eben mir mitzuteilen, daß
ich Luft für sie sei.«