Raume des Schlosses, sah es trübselig aus. Lady Agathe, die in ihrem
Lieblingsstuhl saß, hatte ihr Taschentuch an die Augen gedrückt und
schluchzte herzzerbrechend; ihr Roman war auf den Boden herabgeglitten
und lag dort vergessen. Cis, deren hübsches Gesicht blaß und bekümmert
aussah, stand am Fenster und hätte am liebsten auch geweint. Vor noch
nicht drei Minuten hatte sich die Tür hinter Sir Jasper geschlossen,
der hinausgegangen war und all diesen Jammer zurückgelassen hatte.
Wie unwillkommen sein Besuch in dem getäfelten Zimmer auch stets
seiner Frau und Tochter sein mochte, so war er doch nie mit einer so
niederschmetternden Mitteilung erschienen wie eben, und die Wirkung,
wenigstens auf die ältere Dame, war vernichtend gewesen. Mit den
kürzesten Worten und dem schroffsten Ton seiner scharfen Stimme hatte
er die Verlobung seines Mündels mit Everard Leath und seine eigene
Einwilligung mitgeteilt. Nachdem er das getan, ging er hinaus, wie
er hereingekommen, und Lady Agathe, die zu eingeschüchtert war, um
angesichts seiner kaltblickenden Augen eine Szene zu machen, brach vor
Erstaunen, Bestürzung und Entrüstung in Tränen aus.
»Mir ist nie etwas so nahegegangen,« schluchzte sie, »niemals, Cäcilie!
Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht! Mir ist, als könnte ich meinen
Ohren nicht trauen. Wenn dein Vater überhaupt jemals spaßte, so würde
ich sagen, er macht einen Scherz mit mir. Aber er sagte ganz deutlich,
Florence hätte sich mit Herrn Leath verlobt, nicht wahr?«
»Ja, Mutter, das sagte er.«
»Und daß er eingewilligt hätte, nicht wahr?«
»Ja -- auch das.«
»Ich kann -- ich will es nicht glauben!« rief Lady Agathe unter neuem
Schluchzen. »Florence sollte sich mit solchem Menschen verlobt haben!
Er ist doch durchaus keine Partie für sie! Und dein Vater, der ihn nie
ausstehen zu können schien, sagt, daß sie ihn heiraten soll! O, ich bin
wie betäubt! Sie macht sich doch gar nichts aus dem Menschen, nicht
wahr?«
»Ich -- ich fürchte nein, Mutter,« antwortete Cis mit verlegenem
Zögern. »Aber ich habe seit langer Zeit gewußt, daß Herr Leath sehr in
sie verliebt war.«
»Ach, was hat das damit zu tun?« rief Lady Agathe. »Wenn das so ist,
so ist es eine unverschämte Anmaßung von ihm. O, wie schade ist es,
jammerschade, daß sie nicht mit der Herzogin nach Pontresina gegangen
ist! Dann wäre dies alles nicht geschehen, und sie hätte in aller
Gemütsruhe Chichester geheiratet. Aber ich kann es nicht glauben,
liebes Kind, daß es ihr Ernst ist -- ich kann es nicht. Dein Vater muß
sie mißverstanden haben. Nein -- ich glaube nicht, daß es wahr ist, bis
Florence selbst es mir bestätigt.«
»Aber es ist wahr, Mutter.« Cis wandte sich um. »Florence hat es mir
selbst erzählt.«
»So?« Lady Agathe hörte auf zu schluchzen. »Sie hat es dir gesagt?«
»Ja -- gestern. Anstatt im Bungalow auf mich zu warten, wie wir
verabredet, hat sie sich von Herrn Leath, der dort war, nach Hause
bringen lassen. Da hat er sich wohl gegen sie ausgesprochen. Auf jeden
Fall erzählte sie mir, daß sie sich mit ihm verlobt und daß Vater seine
Zustimmung gegeben hatte.«
»Fragtest du sie nicht, ob sie den Verstand verloren hätte?« fragte die
Mutter mit einem neuen Tränenstrom.
»Natürlich tat ich das! Sie war so wunderlich -- so ganz anders als
sonst, und sie lachte, als ich zu weinen anfing. Ich wollte es dir
erzählen, aber sie sagte ›Nein‹, sie wollte Papa bitten, es dir zu
sagen. Du weißt, daß sie gestern nicht zu Tische herunterkam, und als
ich heute morgen nach dem ersten Frühstück sie in ihrem Ankleidezimmer
aufsuchte, sahen ihre Augen so trübe aus, als habe sie die ganze Nacht
nicht geschlafen. Alles wegen des unseligen Menschen!« rief Cis, in
zornige Tränen ausbrechend, »und ich mochte ihn früher ganz gern
leiden, den Abscheulichen! Und nun ist das Elend da! Ach, ich wollte,
ich wäre tot!«
»Doch wohl nicht im Ernst, Cis -- hoffentlich nicht! Unsinn, du kleines
Ding! Was Harry wohl sagen würde, wenn er dich hören könnte!«
Es war Florence, die so sprach. Vor etwa einer Minute war sie draußen
in die Veranda getreten und horchend stehengeblieben, als durch das
offene Fenster Stimmen an ihr Ohr schlugen. Lady Agathes Schluchzen
allein hätte ihr verraten, wovon die Rede war, aber sie hatte mehr
gehört. Sie trat ins Zimmer und sprach mit fester Stimme zu ihr:
»Ja, es ist wahr, Tante Agathe, Herr Leath hat gestern um mich
angehalten, und ich habe mich mit ihm verlobt. Und es ist ebenfalls
wahr, daß Onkel Jasper in unsere Verlobung gewilligt hat. Du mußt meine
Verlobung, bitte, als eine abgemachte Sache ansehen.«
Sie war noch immer sehr blaß, ihre großen Augen waren glanzlos, aber
ihr bleiches Antlitz belebte sich, als sie sanft den Arm um Cis legte
und ihr goldblondes Haar küßte. Arme, kleine Cis! Armes, weichherziges
kleines Mädchen, das so bitterlich schluchzte! Würde ihr nicht das
Herz wirklich gebrochen sein, würde sie nicht ihren fröhlichen jungen
Bräutigam verloren haben, wäre nicht diese Verlobung mit Everard Leath
gewesen, über die sie so herzbrechend weinte? Was für ganz andere
Tränen hätten Mutter und Tochter jetzt vergießen können, hätte sie
nicht aus Liebe und Mitleid zu ihnen jenes übereilte Opfer ihrer
selbst gebracht! Aber bereute sie es denn? Nein -- sie bereute es
nicht; sie wollte es nicht bereuen, obgleich sie schauderte bei dem
Gedanken an die bevorstehende Zusammenkunft mit dem Manne, der jetzt
das Recht hatte, sich ihren Verlobten zu nennen. Und es würde nur ein
kümmerliches Opfer sein, wenn sie sahen, daß sie litt. Sie zwang
sich zu einem Lächeln, während sie zu ihrer Tante trat und sanft das
Taschentuch fortzog, das die arme Frau noch immer an die Augen drückte.
»Aber ich kann es nicht glauben!« rief Lady Agathe, »wir kennen diesen
Leath gar nicht! Ich muß offen reden, Florence -- was kann dir nur in
den Sinn gekommen sein? Weshalb hast du es getan? Glaubst du, daß Herr
Leath dich wirklich liebhat, Florence?«
»Mich liebhat?«
Sie sah wieder das gerötete, lebhafte Antlitz vor sich, dessen kühler,
ruhiger Ausdruck wie umgewandelt war, die leuchtenden Augen, die von
verhaltener Leidenschaft vibrierende Stimme -- die ganze Glut des
Mannes, die sie erschreckt und doch einen Zauber auf sie ausgeübt
hatte. Ob er sie liebte? Mochten seine Sünden gegen sie so groß sein,
wie sie wollten, mochte sie vor ihm zurückbeben und ihn hassen, so sehr
sie wollte, daran war wenigstens kein Zweifel.
»Ja,« sprach sie in sehr leisem Tone, »er liebt mich. Davon kannst du
fest überzeugt sein.«
»Dann ist wohl nichts an der Sache zu ändern,« meinte Lady Agathe
verzweifelt, »aber was die Herzogin sagen wird --«
»Es kommt gar nicht weiter in Betracht, Tante, was die Herzogin sagen
wird. Onkel Jasper willigt ein, wie du weißt. Das ist genug, um mir
mein Vermögen zu sichern, und folglich alles, was nötig ist,« fiel ihr
Florence mit einer Bewegung der Gereiztheit ins Wort.
»Liebe Florence, ich muß dich noch etwas fragen. Wenn diese
Heirat wirklich stattfinden soll, wünschest du, daß die Verlobung
geheimgehalten wird?«
»Geheim?«
Einen Augenblick wandte sich Florence mit blitzenden Augen um.
»Nein, ich schäme mich nicht dessen, was ich tue! Weshalb sollte sie
geheimgehalten werden?«
»Liebes Herz, ich hoffte, du würdest verstehen, was ich meinte,«
stammelte Lady Agathe ängstlich. »In Anbetracht all der -- unseligen
Klatschereien, die das schreckliche Gewitter verursacht hat, würde es
besser sein, sie noch nicht zu veröffentlichen. Du weißt, die Leute
lassen sich nicht den Mund verbieten -- es ist schändlich, aber sie
werden --«
Florence drehte sich jäh um.
»Ich möchte nicht böse werden, Tante,« sagte sie und gab sich Mühe,
ihre Stimme in der Gewalt zu behalten, während sie die Hand aufs Herz
preßte, »aber ich fürchte, ich werde heftig, wenn ich noch länger
hier bleibe. Wir wollen nicht weiter über die Sache reden. Herr Leath
erwartet mich, ich will gehen.«
Plötzlich ging eine Veränderung mit ihrem Antlitz vor; sie lief auf
Lady Agathe zu, umschlang sie mit den Armen und rief in ganz anderem
Tone: »Nein, nein! Es tut mir leid, daß ich das gesagt habe, mein Herz,
-- ich will nicht böse werden! Nur frage mich nichts weiter und weine
und härme dich nicht mehr! Laß mich denken, wenn ich dich ansehe, daß
du glücklich bist, so stolz auf Roy, -- nicht wahr? -- deinen einzigen
geliebten Sohn! Es würde dir das Herz brechen -- nicht? -- und wenn ihm
etwas zustieße -- dich vielleicht gar töten? Nein, nein -- sag’ nicht
›Ja‹ -- antworte nicht, ich weiß, daß es so sein würde!«
Sie wandte sich zu ihrer Cousine, umarmte sie und schaute ihr lebhaft
in die verwundert aufblickenden Augen. »Und du, kleine Cis -- du siehst
kläglich aus, -- du bist auch nicht unglücklich, mein Schatz. Du sollst
mir zeigen, so oft ich dich und Harry ansehe, wie glücklich ihr seid,
wie lieb du ihn hast, wie schrecklich es dir wäre, wenn du nicht seine
Frau würdest! Küsse mich, Liebling, und sag’ mir, daß du jetzt ganz
glücklich bist. Das ist recht! Dann bin ich es auch. Jetzt laßt mich
gehen.«
Sie entfernte sich eilfertig auf demselben Wege, auf dem sie gekommen:
sie wußte, daß sie in heftiges Schluchzen ausbrechen würde, wenn
sie länger bliebe, und auf diese Weise das, was sie bestrebt war zu
verbergen, verraten hätte, und sie ging noch immer sehr schnell, selbst
als sie vom Fenster aus nicht mehr gesehen werden konnte. In ihrem
Kopfe wirbelte es, ihre Pulse flogen; nur ganz mechanisch schlugen
ihre Füße die Richtung nach der Stelle ein, an der sie am vorigen Tage
verabredet hatte, mit Leath zusammenzutreffen.
Als sie ihn dort, anscheinend ihrer harrend, stehen sah, hielt sie im
Laufen inne und fühlte plötzlich, wie es sie kalt überlief. Sie blieb
stehen, und er kam sofort auf sie zu.
»Ich -- ich habe Sie warten lassen,« brachte sie stockend heraus. Etwas
mußte sie sagen, und diese Worte fielen ihr zuerst ein. Sie zitterte,
als sie seinem Blick begegnete und den festen Druck seiner kräftigen
Hand empfand. Sie hatte ihm die ihre nicht gereicht -- er hatte sie
genommen, als wäre es etwas, wozu er ein volles Recht habe.
»Ein wenig, aber es geziemt mir, auf Sie zu warten.« Er lächelte auf
seine ernste Art. »Sie sehen abgespannt aus, Florence, -- Sie sind sehr
schnell gegangen, -- das hätten Sie meinetwegen nicht tun sollen. Dort
steht eine Bank. Sollen wir uns setzen?«
Sie machte eine zustimmende Bewegung, und während sie sich setzten,
ließ er sehr langsam ihre Hand los, die er bis jetzt festgehalten
hatte. Florence schlug die Augen nicht auf. Sie hatte gesehen, daß
er sie ansah, wie er sie am gestrigen Tage angesehen hatte, und das
war genug. Es war ein Glück, daß er sich so beherrschte, dachte sie
und bemühte sich, ihre innere Angst zu verbergen; wenn die Sache
nicht schlimmer wurde als so, konnte sie es ertragen. Er hatte sie
allerdings bei ihrem Vornamen genannt, und das Recht mußte sie ihm
wohl zugestehen. Aber er hätte mehr tun oder sagen können, wo jeder
Blick, jeder Ton eine Liebkosung war? Der Gedanke durchzuckte sie, wie
wunderschön es hätte sein müssen, so neben ihm zu sitzen, wenn sie ihn
geliebt hätte!
Er brach das Schweigen, nachdem er prüfend in ihr gesenktes Antlitz
geschaut.
»Sie sind sehr bleich,« sagte er sanft, »aber das ist nicht zum
Verwundern. Ich fürchte, Sie haben in der letzten Nacht nicht
geschlafen?«
»Ich habe es gar nicht versucht.«
»Armes Kind! Sie müssen es heute nacht nachholen. Soll ich weiterreden,
oder möchten Sie lieber, daß ich es nicht täte? Wird es Ihnen zuviel?«
»Es wird mir nicht zuviel. Ich kann Sie sehr gut anhören. Sagen Sie
mir, bitte, alles, was Sie mir zu sagen haben,« sprach Florence
gelassen.
»Nun gut. Wir haben gestern so vieles besprochen, daß zum Glück sehr
wenig übrigbleibt.«
Er nahm ein Band, das an ihrem Kleide herabhing, und wickelte es um die
Finger.
»Haben Sie gestern eine Unterredung mit Sir Jasper gehabt?«
»Ja.«
»Und ihm von dem Versprechen, mich zu heiraten, gesagt?«
»Ja -- das habe ich getan.«
»Er verweigert seine Einwilligung hoffentlich nicht?«
»Nein -- das tut er nicht.«
»Das ist gut, denn das heißt doch, daß wir der Herzogin nicht bedürfen.«
»Nein, die brauchen wir nicht.«
»Das ist wieder gut, denn ich muß gestehen, ich würde es vorziehen,
daß Sie Ihr Vermögen behalten. Ich bin zwar kein armer Mann, aber ich
bin auch nicht reich, und es täte mir leid, wenn Sie als meine Frau
irgend etwas entbehren müßten, an das Sie gewöhnt sind.« Er hielt inne
und spielte noch immer mit dem Bande. »Ich bin in solchen Sachen recht
unwissend,« hub er in demselben nachlässigen, leichten Tone wieder an,
»aber da Sir Jasper Ihr Vormund ist, so liegt es mir wohl ob, ihn
aufzusuchen, nicht wahr? Soll ich heute zu ihm gehen?«
»Nein, heute nicht. Er hat mich beauftragt. Ihnen zu sagen, daß er Sie
morgen sehen wolle.«
»Gut. Wenn er es vorzieht -- um welche Stunde?«
»Das überläßt er Ihnen.«
»Dann wollen wir sagen, morgen um zwölf.«
Darauf erkundigte sich Leath, ob Lady Agathe und Cis um ihre Verlobung
wüßten und wie sie diese aufgenommen hätten, und Florence antwortete,
daß sie sehr überrascht und ganz außer sich darüber seien.
»Das tut mir leid,« sprach Leath. »Fräulein Mortlake ist ein
allerliebstes kleines Geschöpfchen, und ich weiß, Sie halten viel von
ihr. Wollen Sie ihnen beiden von mir sagen, ich hoffte, sie würden mit
der Zeit freundlicher gegen mich gesinnt werden?«
»Ja -- das will ich tun.«
Florence lehnte sich zurück und schloß die Augen. Sie war sich einer
Regung der Dankbarkeit bewußt. Er hätte ihr die Sache viel schwerer
machen können; sie fühlte zwar, er würde unerbittlich darauf bestehen,
daß sie ihr Wort halte -- warum sollte er auch nicht? -- aber er war
zartfühlend, rücksichtsvoll und freundlich gewesen.
Sie widerstrebte nicht, als er wieder ihre Hand nahm, und verbarg, so
gut sie konnte, den Schauder, der sie durchbebte, als er die Lippen
darauf drückte. Das konnte sie ertragen. Aber sie öffnete gleich
darauf die Augen wieder, entzog ihm ihre Hand und erklärte, daß sie
Kopfschmerzen von der Sonne habe und nicht länger im Freien bleiben
könne.
»Das sollen Sie auch nicht.«
Er stand auf, als sie sich erhob, und blickte in das blasse, müde
Gesichtchen mit den dunklen Schatten unter den Augen, dem Schmerzenszug
um die zarten Lippen.
»Armes Kind!« entfuhr es ihm plötzlich. »Wie elend Sie aussehen -- wie
ein Schatten Ihres lieblichen Selbst! Und daran bin ich wohl schuld?
Ich -- gütiger Himmel! Sind Sie sehr unglücklich, Florence?«
»Unglücklich?« Sie warf ihm einen Blick zu. Hohn und stumme Vorwürfe
lagen darin. »Brauchen Sie die Sache noch schlimmer zu machen dadurch,
daß Sie mich darnach fragen?«
»Noch schlimmer? Ist es so schlimm?« Er hielt jetzt ihre beiden Hände
und blickte mit düsterer Zärtlichkeit auf sie herab. »Ja -- ich bin
wohl brutal -- ich weiß, daß Sie mich dafür halten! Ich müßte Sie wohl
freigeben, -- das müßte ich eigentlich! Ein guter Mensch würde das
tun.« Er hielt inne und holte tief Atem. »Nun, ich fürchte, ich bin
kein guter Mensch. Sie sind mein. Ich kann es nicht tun!«
»Ich -- ich habe Sie nicht darum gebeten,« sprach Florence mit
schwacher Stimme.
Wenn er es täte? Wenn er sie des Versprechens entbinden sollte, mit
dem sie sein Schweigen erkauft hatte? Schon bei dem bloßen Gedanken
überlief es sie kalt, obwohl sie sehr wohl wußte, daß er es niemals tun
würde.
»Nein -- Sie haben mich nicht darum gebeten, -- das ist wahr. Aber ich
kann sehen --«
Er brach ab; sein Ton wurde sanft und liebkosend. »Mein armes kleines
Lieb -- mein armes kleines Mädchen! Ich liebe es so, daß ich ihm kein
Haar krümmen möchte -- liebe es so, daß ich mir die Hand abhauen würde,
ihm zu dienen, wenn es sein müßte, und doch bin ich grausam genug, um
es so aussehen zu machen!«
»Lieben?«
Die Versuchung, ihm zu widersprechen, war zu mächtig, um ihr zu
widerstehen, trotz des panischen Schreckens, von dem sie sich eben
erholt hatte: sie warf ihm einen Blick der Verachtung zu.
»Sie mögen vorgeben, mich zu lieben, Herr Leath, aber mehr tun Sie
nicht.«
»Vorgeben? Glauben Sie, ich tue nur so? Glauben Sie das? Dann denken
Sie hieran, mein Lieb, und sagen, wieviel Verstellung daran ist!«
Zu plötzlich, als daß sie ihm hätte ausweichen, zu kraftvoll, als daß
sie ihm hätte wehren können, schloß er sie fest in die Arme und küßte
sie zweimal mit leidenschaftlicher Innigkeit. Im nächsten Augenblick
hatte sich Florence mit einem halberstickten Schrei losgerissen und
floh über das Gras, ohne einen Blick zurückzuwerfen.
Leath machte keinen Versuch, ihr zu folgen. Nach einer unwillkürlichen
Bewegung, sie zurückzuhalten, blieb er regungslos stehen und sah der
Davoneilenden mit einem seltsamen Lächeln nach. Erst einige Sekunden,
nachdem sie verschwunden, machte er kehrt und verließ den Garten von
Turret Court.
Er ging über die Halde und durch St. Mellions nach dem Bungalow. In
gewohnter Weise durch die Veranda eintretend, fand er Sherriff im
Wohnzimmer in seinem großen Stuhl am Tische sitzen. Die beiden Kasten
standen vor ihm wie am gestrigen Tage, und der alte Herr hielt einige
Schriftstücke in der Hand. Sein schönes Gesicht war noch bleich und
abgespannt, aber es hellte sich beim Eintritt des jungen Mannes auf.
»Wie Sie sehen, bin ich unfolgsam gewesen, Everard,« sagte er mit einem
Lächeln, »und habe mich ohne Sie an die Arbeit gemacht.«
»Sie hätten auf mich warten sollen. In einem Augenblick steh’ ich zu
Ihren Diensten, aber erst habe ich Ihnen etwas mitzuteilen.«
»Mir mitzuteilen?«
In der ruhigen, gelassenen Stimme des anderen lag etwas, das Sherriff
veranlaßte, schnell aufzublicken.
»Hoffentlich nichts Unangenehmes?« fragte er.
»Nein -- oder hoffentlich werden Sie es nicht dafür halten.« Er
hielt inne. »Erinnern Sie sich noch, daß Sie mich vor einiger Zeit
beschuldigten, Gräfin Florence Esmond zu lieben?«
»Mein lieber Junge, natürlich erinnere ich mich dessen.«
»Ich war nicht imstande, zu leugnen, daß Sie recht hatten, denn ich
war mir seit Wochen meiner eigenen Torheit völlig bewußt gewesen. Ich
liebte sie -- ich tue es noch -- ich werde sie stets lieben! Aber
nichts lag mir damals ferner als der Gedanke, daß ich es ihr je sagen
würde. Die Umstände haben sich indessen geändert, und ich habe es ihr
gesagt. Was ich Ihnen mitteilen wollte, ist, daß sie eingewilligt hat,
meine Frau zu werden.«
»Leath!«
»Sie sind überrascht; ich wußte, daß Sie das sein würden.
Nichtsdestoweniger ist es wahr. Noch mehr: Sir Jasper hat -- ihr, mir
zwar noch nicht, -- seine Einwilligung zu unserer Heirat gegeben.«
»Seine Einwilligung? Wie? Unmöglich!«
»Doch, es ist so. Warum auch nicht, schließlich? Obwohl ich gern
zugebe, daß ich keine sogenannte Partie für sie bin.«
»Und sie -- Gräfin Florence -- hat versprochen, Sie zu heiraten?«
»Ja. Das kommt Ihnen ebenso überraschend, fürchte ich?«
»Überraschend? Mein lieber Junge, ich bin mehr als überrascht -- ich
bin wie aus den Wolken gefallen!«
Sherriff fuhr bestürzt mit der Hand durch das weiße Haar.
»Ich hatte keine Ahnung davon,« meinte er langsam, »daß sie Ihre
Gefühle für sie erwidere -- nicht die leiseste. Und Sie sagen, sie tut
es?«
»Bis jetzt -- nein. Aber ich sage, daß sie es soll.«
Es klang wie eiserne Entschlossenheit aus der ruhigen, gleichmäßigen
Stimme, und der Redende regte sich nicht. Der Alte blickte mit einem
Ausdruck zunehmender Besorgnis in den dunklen Augen auf die stolze
Gestalt, die so unheimlich gelassen und ruhig dastand.
»Everard,« sprach er langsam, »Sie wissen, ich habe euch beide lieb,
und nichts könnte mir ein größeres Glück gewähren, als euch miteinander
glücklich zu sehen. -- Aber bedenken Sie, lieber Junge, um Florences
und um Ihrer selbst willen, -- in der Ehe ist kein Glück möglich, wenn
nicht auf beiden Seiten Liebe vorhanden ist.«
»Das weiß ich sehr wohl.«
»Lassen Sie mich noch eine Frage tun. Sie geben zu, daß Florence sich
nicht so viel aus Ihnen macht wie Sie aus ihr. Hat die Art und Weise
der Lösung ihres Verlöbnisses mit Chichester sie beeinflußt, Ihren
Antrag anzunehmen?«
»Nein! Das wird freilich wohl der allgemeine Eindruck sein, obwohl es
-- um ihretwillen -- dem schlecht gehen wird, den ich das aussprechen
höre! Aber es ist ein Irrtum. Die Tatsache, daß Chichester ein Narr
war, -- wofür ich ihm allerdings von Herzen dankbar bin, -- hat nichts
damit zu tun, daß sie mir ihr Jawort gegeben.«
»Dann will ich keine weiteren Fragen stellen, aber davon bin ich
überzeugt,« setzte der alte Mann mit besonderem Nachdruck hinzu, »daß
Sie sie nicht heiraten würden, wenn Sie nicht glaubten, daß Sie sie
glücklich machen könnten.«
Der Ton, in dem er das sagte, machte die Worte zu einer Frage. Es
dauerte eine volle Minute, ehe Leath antwortete, und dann sprach er,
ohne sich umzuwenden:
»Sie haben recht. Ich glaube, nichts könnte mich bewegen, sie zu
heiraten, wenn ich nicht fühlte, daß ich sie glücklich machen könnte.«
21.
Der September mit seinen kühlen Morgen, seinen sonnigen Tagen und
seinen Nachtfrösten war gekommen und fast vorüber. Vier Wochen waren
seit der Verlobung der Gräfin Esmond mit Everard Leath vergangen, und
die Herzogin war in Turret Court eingetroffen.
Nicht der eigene Wille Ihrer Durchlaucht hatte ihr Kommen so verzögert.
Ein plötzlich aufgetretenes Unwohlsein, das, wie sie zornig behauptete,
allein durch Aufregung veranlaßt worden -- hatte sie in ihrem Gasthofe
in Pontresina festgehalten. Sobald ihr Arzt ihr die Erlaubnis gab, zu
reisen, wurden ihre Koffer gepackt, und sie befand sich auf dem Wege
nach England, mit der Absicht, sofort die unbegreifliche Verlobung,
die ihr Mündel eingegangen, zu lösen. -- Die Verlobung, die Sir Jasper
Mortlake in sündhafter Borniertheit wahrhaftig gebilligt hatte. Noch
nie in ihrem Leben war die Herzogin so empört und entrüstet gewesen,
und niemals war ein Gast irgendwo in gereizterer Stimmung angelangt als
Ihre Durchlaucht, da sie ihren Einzug in Turret Court hielt.
Und niemals erlitt irgend jemand eine größere Niederlage, als ihr
bei den Verhandlungen mit ihrem Wirte zuteil wurde. Mit steinerner
Höflichkeit hörte der Baron alles an, was die Herzogin zu sagen hatte,
und antwortete nur mit wenigen Worten. Er hätte seine Einwilligung zu
Florence Esmonds Verlobung mit Herrn Leath gegeben und sähe keinen
Grund, sie zurückzunehmen. Wenn es Ihrer Durchlaucht gefallen sollte,
die ihrige zu verweigern, so wolle er sie daran erinnern, daß das
weiter keinen Unterschied mache, da es nur der Zustimmung eines ihrer
Vormünder bedürfe, um Gräfin Esmond ihr Vermögen zu sichern. Er glaube
übrigens, daß alles, was nötig, gesagt sei, und schlüge vor, die
Unterhaltung abzubrechen. Nichts konnte von steiferer Artigkeit, nichts
würdevoller und entschlossener sein als die Verbeugung, die er bei
diesen Worten machte. Sie bildete das Ende der Zusammenkunft, aus der
sich seine Gegnerin zum erstenmal in ihrem Leben geschlagen zurückzog.
»Ihr müßt alle miteinander verrückt geworden sein, Agathe! Eine andere
denkbare Erklärung für diese schmachvolle Verlobung gibt es nicht!«
rief die Herzogin wütend, als sie sich auf ein Sofa, dem Lehnstuhl der
sanften Hausherrin gegenüber, niederließ.
Die Durchlaucht war eine blonde, stattliche Frau, deren schwarzes Kleid
sie noch hübscher und stattlicher erscheinen ließ. In ihren Adern floß
schottisches Blut, und ihr Antlitz mit der scharfgebogenen Nase trug
einen herrischen, launischen Zug, der dem seligen Herzog seinerzeit
einen heilsamen Schrecken eingeflößt hatte, nicht mehr indessen als der
Lady Agathe, der das Herz unter dem Blick der glänzenden hellbraunen
Augen angstvoll zu klopfen begann.
»Ich -- was meinst du, Honoria?« stammelte sie. »Sprichst du von
Florences Verlobung?«
»Wovon denn sonst?« rief die Herzogin. »Bitte, weißt du, daß dein Mann
zu diesem tollen Unsinn seine Einwilligung gegeben hat?«
Lady Agathe lächelte matt.
»Gewiß, Honoria. Du wirst dich erinnern, daß ich dir das in meinem
Briefe mitteilte.«
»Und ich glaubte deinem Briefe nicht. Aber ich finde, daß es wirklich
der Fall ist. Er willigte ein und weigert sich -- weigert sich, --
anderen Sinnes zu werden!«