»O, bedenken Sie sich -- warten Sie! Sie sind so gut gegen mich gewesen
-- es muß doch möglich sein, Sie barmherzig gegen die Armen zu stimmen.
Auf irgendeine Weise müssen Sie doch zu erweichen sein, wenn es mir nur
einfallen sollte, wie.«
Sie blickte ihn flehend an.
»Ach, um welchen Preis würden Sie meine Bitte erfüllen? Ich bin reich.
Kann nichts, was ich Ihnen zu bieten vermag, Ihr Schweigen erkaufen?
Sagen Sie mir, daß Sie jeden Pfennig meines Vermögens nehmen wollen,
und sobald es mein ist, gelobe ich, daß es Ihnen gehören soll. Denken
Sie, um was ich flehe -- um das Glück und die Ehre dreier unschuldiger
Menschen, die ich liebe. O, haben Sie doch Mitleid mit ihnen! Ich
will Ihnen alles geben, was ich besitze, und Ihnen danken, daß Sie es
nehmen, wenn Sie nur nicht reden wollen!«
Sie hielt inne, vor Eifer und Erregung bebend. Leath machte eine
ungeduldige Bewegung mit der Hand.
»Sie vergessen, Gräfin, daß es nicht nur Geld ist, auf das Sie mich zu
verzichten bitten! Ihr Vermögen? Stünde es in Ihrer Macht, es in diesem
Augenblick in meine Hände zu legen, so würde es keinen Unterschied
machen. Ich wiederhole es -- Sie fordern zu viel. Es gibt keinen Preis,
um mein Schweigen zu erkaufen.«
Sie blickte ihn an, gewahrte die fest aufeinandergepreßten Lippen
und die wie geschliffener Stahl blitzenden Augen und las in ihnen,
wie hoffnungslos alles weitere Bitten sein würde. Er würde kein
Erbarmen haben -- er würde die Wahrheit verkünden! Und weshalb sollte
er schonen, er, der nicht geschont worden war -- schonen, wo Recht
und Gerechtigkeit auf seiner Seite standen? Sie machte eine hilflose
Gebärde der Verzweiflung.
»Sie haben recht,« brachte sie mühsam hervor, »es ist zu viel verlangt.
Ich sehe es ein -- ich gebe es zu. Weshalb sollten Sie das für
Menschen tun, aus denen Sie sich nichts machen? Es ist grausam, es ist
schrecklich! Aber Sie müssen es tun, da Sie es nicht anders wollen.
Es ist Ihr gutes Recht. Aber ach, -- ich würde fast mein Leben dafür
geben, könnte ich Sie davon zurückhalten!«
Ihre Erregung überwältigte sie. Sie sank auf einen Stuhl und brach
in ein leidenschaftliches Weinen aus. Zum ersten Male ging eine
Veränderung mit Leaths unbewegtem Antlitz vor sich, als er sie in ihrem
fassungslosen Schmerze schluchzen hörte. Es war ihm unmöglich, länger
zu vergessen, wer sie war -- das Weib, das er leidenschaftlich liebte
und bis zu diesem Augenblicke niemals gehofft hatte zu erringen. Aber
jetzt? Er warf das Paket auf den Tisch und trat zu ihr.
»Gräfin,« sprach er mit fester Stimme. »Ich habe eben etwas Unrechtes
gesagt. Sie fordern viel von mir, aber nicht zu viel. Es gibt einen
Preis!«
19.
»Es gibt einen Preis,« wiederholte Everard Leath, »Sie können mein
Schweigen erkaufen, wenn Sie wollen.«
So ruhig die Worte auch gesprochen wurden, so vernahm die Schluchzende
sie doch, ließ vor Verwunderung die Hände herabsinken und wandte ihm
ihr von Tränen überströmtes Gesicht zu. Hatte er das wirklich gesagt?
Meinte er das so? Das Herz schien ihr fast stillzustehen und klopfte
dann wieder ungestüm, als sie ihn ansah. Mit seinem Aussehen war
eine Veränderung vorgegangen; sein Antlitz war gerötet, seine Augen
blickten glänzend und lebhaft. Sie rang nach Atem, während sie ihn mit
weitgeöffneten Augen anstarrte, und umklammerte die Armlehne ihres
Stuhles. Hatte er wirklich gesagt, daß er schweigen, daß er barmherzig
sein wollte? Er hub wieder an:
»Es gibt einen Preis -- alle Menschen sind zu erkaufen, wie man sagt,
und das mag wahr sein. Jedenfalls verhält es sich mit mir so. Sie
vergaßen, daß Geld an sich nichts ist -- für Ihr Vermögen, wäre es auch
zwanzigmal so groß, würde ich das, was Sie von mir heischen, nicht
hergeben. Nichtsdestoweniger können Sie mein Schweigen erkaufen, wenn
Sie wollen!«
»Wenn ich will? Sie wissen, daß ich will! Habe ich das nicht schon
gesagt?«
Sie hatte nicht die leiseste Ahnung von dem, was er meinte, als sie
zitternd, mit gespanntem Ausdruck in den Augen aufstand. »Sagte ich
nicht, daß ich fast mein Leben dafür hingeben würde, wenn ich sie
dadurch retten könnte? Aber welchen Preis außer meinem Gelde habe ich
Ihnen zu bieten?«
»Das wissen Sie nicht?«
»Nein. Was -- was?«
»Sich selbst,« sprach er gelassen.
»Mich selbst?«
Wie ein Hauch kamen ihr die Worte von den Lippen, während sie in ihren
Stuhl zurücksank und ihn noch immer völlig verständnislos anstarrte.
Aber als er ihr fest in die Augen sah, schoß eine heiße Blutwelle ihr
ins Antlitz, und sie errötete bis zu den Haarwurzeln -- sie verstand
ihn! Er sah es und schwieg einen Augenblick, um ihr Zeit zu geben, sich
zu fassen.
»Um diesen Preis werde ich schweigen,« hub er wieder an. »Ich weiß,
es ist der höchste, der mir geboten werden könnte, aber auch der
niedrigste, den ich annehmen will. Geben Sie mir jetzt Ihr Wort, daß
Sie mein Weib werden wollen, und ich schwöre Ihnen, daß kein Wort über
meine Lippen kommen soll.«
Sie sagte nichts und rückte in ihrem Sessel nur noch weiter von ihm
fort. Sie sah aus wie ein geängstigtes Kind. Als er diese Bewegung
wahrnahm, sprach er mit bitterem Auflachen:
»O, ich weiß, daß Sie sich nichts aus mir machen! Das brauchen Sie
mir nicht erst zu sagen. Ich habe Ihnen, der Tochter und Erbin eines
Grafen, bis zu diesem Augenblicke niemals als ein Ebenbürtiger
gegenübergestanden, Gräfin Florence. Wie sollten Sie sich etwas aus
mir machen? Und Sie gehörten einem andern; ich habe nicht einmal wagen
dürfen, um Sie zu werben. Aber gestatten Sie mir das jetzt, Florence!
Lassen Sie mich Sie lehren, wovon Sie ebensowenig wissen wie ein Kind,
-- was eines Mannes Liebe sein kann, und ich schwöre Ihnen, Sie sollen
mich noch liebgewinnen. Ich bin nicht wie jener fischblütige Narr, dem
Sie den Laufpaß gegeben haben. Ich -- aber ich erschrecke Sie. Ich will
ganz ruhig sein. Ich will warten, bis Sie zu mir sprechen können.«
Erstaunt und erschrocken über sein wie umgewandeltes leidenschaftliches
Antlitz, seine leuchtenden Augen, seine beredte Sprache war sie, als
er sich über sie beugte, noch weiter von ihm zurückgewichen. Er ging
zweimal im Zimmer auf und nieder, ehe er weitersprach. Sie hatte ihre
Stellung verändert und saß mit fest zusammengepreßten Händen aufrecht
da.
»Können Sie mich jetzt anhören?« fragte er ruhig.
»Ja.«
»Was also ist Ihre Antwort -- ja oder nein?«
»Wenn es ›Ja‹ ist, schwören Sie, zu schweigen?«
»Das habe ich schon gesagt. Ich gelobe unverbrüchliches Schweigen.«
»Für jetzt und allezeit?«
»Ja.«
Mit einem Schauder deutete sie auf das auf dem Tische liegende Päckchen.
»Sie wollen Ihre Beweise dort vernichten?«
»Sie selbst sollen sie ins Feuer werfen an dem Tage, an dem Sie mich
heiraten.«
»Und ebenso die anderen, die Sie besitzen, wie Sie sagen.«
»Ebenso.«
»Sie wollen niemand erzählen, daß Sie Robert Bontine gefunden haben?«
»Ich will den Namen nicht wieder erwähnen, nicht einmal gegen Sie.«
»Und Sie wollen -- sie hier -- in Frieden -- in ungestörtem Frieden
lassen -- und nach Australien zurückkehren?«
»Das haben Sie zu entscheiden -- als meine Frau.«
»Hier oder dort werden Sie nichts sagen?«
»Nichts! Noch einmal -- lautet Ihre Antwort ›Ja‹ oder ›Nein‹?«
»Wenn sie ›Nein‹ lautet, so werden Sie reden?«
»Weshalb nicht? Weshalb sollte ich alles um nichts dahingeben?«
»Allerdings, weshalb? Das Glück und die Ehre der andern sind Ihnen
nichts -- ich gestehe, daß ich kein Recht habe, auf Edelmut bei Ihnen
zu rechnen,« sprach sie mit bitterem Auflachen und blickte ihn an.
»Und wenn ich Sie heirate, so wollen Sie auf alles verzichten -- wollen
das der Toten geleistete Gelübde, von dem Sie sprachen, vergessen?« Sie
lachte bitter.
»Das will ich. Weshalb nicht? Die Toten sind schließlich tot. Wenn ich
irgend jemand durch mein Schweigen ein Unrecht zufüge, so ist es nur
mir selbst. Da das der Fall ist, so habe ich das Recht, wenn ich will,
die Liebe sowohl der Rache wie der Gerechtigkeit vorgehen zu lassen.«
»Liebe?« wiederholte sie mit unsäglicher Verachtung. »Sie sagen, Sie
lieben mich?«
»Sage, ich liebe Sie?« Er tat einen Schritt auf sie zu, bezwang sich
dann aber schnell. »Nein,« sagte er gelassen, »ich brauche nicht erst
zu sagen, was Sie wissen.«
»Es ist nicht wahr!« widersprach sie mit einer heftigen Bewegung »Ich
hatte nie an so etwas gedacht.«
»Nein. Das glaube ich. Wer war ich, daß ich Sie lieben sollte? Aber Sie
wissen es jetzt.«
Sie würde es geleugnet haben, hätte sie es vermocht, aber sie begegnete
seinen Augen, und die Worte erstarben ihr auf den Lippen. Ja, es war
wahr -- er liebte sie; sein Blick, seine Stimme waren eine Offenbarung.
Sie mochte schaudern, mochte sich dagegen auflehnen, aber sie mußte
es glauben -- er zwang sie dazu. In all ihrer Aufregung, ihrer Angst,
ihrem Zorn mußte sie Talbot Chichesters gedenken, des Mannes, der sie
auch geliebt haben sollte, und sie hätte in all ihrem Jammer fast
auflachen können. Sie stand auf, stützte sich mit der Hand auf ihren
Stuhl und begegnete dem Blick, der sie erbeben machte, dem sie aber
nicht ausweichen wollte.
»Machen Sie es sich klar,« sprach sie langsam, »daß ich Sie fast hasse,
Herr Leath?«
»Augenblicklich ja, Gräfin Florence -- völlig.«
»Und obwohl Sie das wissen, sind Sie willens, mich zu heiraten?«
»Ich liebe Sie, und ich weiß wenigstens, daß Sie keinen andern
lieben. Und möge Ihr Gefühl für mich sein, was es wolle, so ist es
nicht Verachtung. Die Sache keines Mannes ist einer Frau gegenüber
hoffnungslos, solange das nicht der Fall ist,« antwortete Leath
kaltblütig. »Sie stellen mir die Frage, und ich beantworte sie.
Angesichts Ihres Hasses, Ihres Grolles, Ihrer Empörung -- nennen
Sie es, wie Sie wollen -- bin ich willens. Ich will mich des Wortes
bedienen, da Sie es gebraucht haben.«
»Sie haben wenigstens Mut.« Sie blickte ihn wieder voll Verachtung an.
»Die meisten Männer würden es sich, glaube ich, zweimal überlegen, ehe
sie unter solchen Bedingungen eine Frau nehmen.«
»Nein, Gräfin Florence, nicht, wenn Sie diese Frau wären.«
Sie wandte sich von ihm weg. Nach einigen Augenblicken folgte er ihr an
das Fenster, an das sie getreten war.
»Ich will nicht, daß Sie sich übereilen,« sagte er ruhig; »wenn Sie
sagen: ›Gib mir bis morgen Zeit‹, so will ich warten. Aber es ist nicht
anzunehmen, daß Sie mich dann weniger hassen werden, noch wird der
Preis meines Schweigens bis dahin ein geringerer oder höherer geworden
sein.«
»Ich weiß, Sie halten mich für brutal, -- ich fürchte, ich bin es
auch, -- aber die Umstände entschuldigen mich vielleicht ein wenig.
Unfreundliche oder kalte Worte würde ich aus freier Wahl nicht gerade
Ihnen gegenüber brauchen. Darüber sollen Sie sich nicht zu beklagen
haben, wenn Sie erst meine Frau sind. Ich stelle meine Frage noch
einmal -- ist Ihre Antwort ›Ja‹ oder ›Nein‹?«
Er wußte die Antwort, und sie ebenfalls -- es konnte nur eine geben.
Sie sagte nichts -- Lippen und Zunge waren ihr wie ausgedorrt -- aber
langsam, sehr langsam und scheu hielt sie ihm die Hand hin. Er nahm
sie, umschloß sie mit festem Drucke während eines Augenblickes und ließ
sie dann los.
»Sie sollen Ihren Entschluß nie zu bereuen haben,« sprach er. »Von
dieser Stunde an wird es meine Aufgabe sein, Sie so glücklich zu
machen, wie nur ein Weib, das den Mann liebt, der sie wieder liebt,
sein kann. Was das Ziel meines Lebens gewesen, ist jetzt vorüber und
abgetan -- ich gewinne unendlich, wenn Sie mir dafür gegeben werden.«
Sie gab ihm keine Antwort; sie zitterte heftig; wiederum war sie nahe
daran, in hysterisches Weinen auszubrechen. Er rollte den Stuhl heran,
auf dem sie sich niederließ.
»Sie sind mit Ihrer Kraft zu Ende,« sagte er, »und das ist kein Wunder!
Ich darf Sir Jaspers Papiere nicht umherliegen lassen; ruhen Sie sich
aus und erholen Sie sich, während ich sie forträume. Wenn Sie bereit
sind, will ich Sie nach Turret Court begleiten. Ich habe Ihnen noch
etwas zu sagen, ehe wir auseinandergehen.«
Florence machte keine Einwendungen. Sie setzte sich wieder -- mit
dem hilflosen Gefühl, daß ihr nichts anderes übrigblieb -- daß ihr
nie wieder etwas anderes übrigbleiben würde, als sich den Umständen
zu fügen, da sie einmal eingewilligt, Everard Leaths Weib zu
werden. Sie würde bald aus ihrer dumpfen Betäubung erwachen, würde
sich zu leidenschaftlicher Empörung aufraffen, aber jetzt hatte
sie keine Kraft, gegen das Unvermeidliche zu kämpfen. Sie konnte
nicht einmal hoffen, zu sterben, denn wenn sie stürbe, würde dieser
schreckliche, unerbittliche Mensch, der sie bei all seiner mitleidlosen
Hartherzigkeit unerklärlicherweise so liebte, keinen Grund haben,
zu schweigen -- er würde die furchtbare Wahrheit aussprechen, die
zu verkünden in seiner Macht stand. Nein, sie mußte ihn lieben und
heiraten. So sehr sie ihn auch hassen mochte, sie mußte sein Weib
werden.
Sie erhob keinen Widerspruch, als er zu ihr trat und sie fragte, ob sie
den Heimweg antreten wolle. Gehorsam stand sie auf und setzte ihren
Hut auf. Hatte er doch das Recht, mit ihr zu gehen -- war er nicht ihr
zukünftiger Gatte? Die ganze Welt schien aus den Fugen zu sein.
Sie wanderten in fast ungebrochenem Schweigen über die Halde --
sie sprach aus freien Stücken keine einzige Silbe -- und doch war
alles, was er noch auf dem Herzen gehabt hatte, lange ehe sie Turret
Court erreichten, gesagt worden. Es hatte nur weniger deutlichen
Worte bedurft. Er blieb stehen, als das Haus in Sicht kam, obwohl,
wenn er es an ihrer Seite hätte betreten wollen, sie sich in ihrer
augenblicklichen Gemütsverfassung auch darein ergeben haben würde.
»Ich will jetzt umkehren,« meinte er, »es würde Sir Jasper ebensowenig
lieb sein, mich in seinem Garten anzutreffen wie in seinem Hause. Aber
ich will nur umkehren, wenn Sie dabei bleiben, daß Sie es vorziehen,
selbst mit ihm zu reden.«
»Ich ziehe es vor.«
»Sie besitzen solchen Mut, daß ich Ihnen das nicht ausreden will,
wenn es Ihr Wunsch ist. Aber Sie haben eine furchtbare Aufregung
durchgemacht! Sie wollen doch jetzt nicht mit ihm reden?«
»Ja. Glauben Sie, daß ich das noch länger auf dem Herzen behalten
könnte? Ich werde sofort zu ihm gehen.«
»Tun Sie ganz, wie Sie wollen,« sagte er ruhig. »Sie wollen also Sir
Jasper, Ihren Vormund, sofort von Ihrem Versprechen, mich zu heiraten,
in Kenntnis setzen? Und ich darf wohl morgen zu Ihnen kommen?«
»Weshalb nicht?« Sie lachte fast, während sie ihn ansah. »Sie haben das
Recht dazu, Herr Leath.«
»Freilich -- es ist mein Recht. Also will ich Ihnen denn für heute
Lebewohl sagen.«
Er nahm ihre Hand. Sie widerstrebte nicht, aber er fühlte, wie sie vor
ihm zurückwich, wie er das schon vorhin empfunden; und sein kurzes
Auflachen klang ebenso bitter wie das ihre soeben.
»Sie brauchen nicht bange zu sein! Ich will Sie nicht küssen -- noch
nicht. Ich glaube nicht, daß mir etwas daran liegen würde, solange Sie
solch ein Gesicht machen.« Er nahm auch ihre andere Hand. »Florence,
wie lange es wohl dauert, bis Sie mich küssen?«
Sie antwortete nicht; ihre Hände bebten hilflos in den seinen; sie
vermochte nicht, ihn anzublicken.
»Nicht lange, glaub’ ich, nicht lange.« Seine Augen hingen voll
Leidenschaft an ihrem blassen Antlitz. »Aber ich möchte wissen, wie
viele Küsse jener Tor, der es zuließ, daß Sie mit ihm gebrochen haben,
mir geraubt hat?«
Ihr Gesicht antwortete ihm. Sie blickte hastig auf, und er las
Überraschung, Verachtung, lebhaften Widerspruch in ihren Zügen. Er
lachte in ganz anderem Tone.
»Was, keinen einzigen? Dann will ich ihm vergeben, wie man einem Narren
vergibt -- mehr ist er nicht wert! Ich habe Sie noch mehr zu ehren als
ich glaubte, -- um so besser für Sie und für mich!«
Seine Stimme wurde weicher und klang nicht mehr triumphierend. »Armes
Kind,« sprach er sanft, »Sie hassen mich jetzt mehr als je -- nicht
wahr? Das tut nichts. Sie sind erschöpft, und ich halte Sie auf. Bis
morgen also, leb’ wohl, leb’ wohl!«
Er ließ ihre Hände los. Florence eilte davon; als sie sich bei einer
Biegung des Weges umblickte, sah sie ihn noch an derselben Stelle
stehen, an der sie ihn verlassen hatte; augenscheinlich wartete er, bis
sie außer Sicht sei. Sie eilte jetzt nur um so schneller weiter und
hielt sich nicht auf, bis sie das Haus erreicht hatte.
Sie fühlte, daß sie ohne Aufschub, ohne Zögern tun müsse, was ihr
oblag, wollte sie nicht zusammenbrechen. Sie nahm im Flur ihren Hut ab
und begab sich dann in die Bibliothek. Dort mußte sie, wie sie wußte,
Sir Jasper antreffen.
Er war da. Als Florence eintrat, sah sie ihn in seinem gewohnten Stuhl
sitzen, ein Buch in der Hand haltend. Er las nicht, sondern brütete
mit finster gerunzelter Stirn vor sich hin. Einen Augenblick blieb sie
stehen, und es durchfuhr sie der Gedanke, wie sein Gesicht sich wohl
verändern würde, wenn sie mit ihm geredet.
Zwischen Vormund und Mündel hatte, seitdem Florence mit Chichester
gebrochen, nur eine Zusammenkunft stattgefunden, die nicht sehr
angenehm gewesen und in der das junge Mädchen ihn daran erinnert hatte,
daß sie mündig sei und daß sie Turret Court auf immer zu verlassen
gedenke. Es berührte ihn daher eigentümlich, daß sie ihn aus freien
Stücken aufsuchte, und er fragte sie in einem so beißenden Tone, wie er
ihn ihr gegenüber noch niemals angeschlagen:
»Wie komme ich zu dieser unverdienten Ehre, Florence?«
»Ich habe dir etwas zu sagen, Onkel Jasper.« Sie war jetzt ganz nahe,
und er schrak beim Anblick ihres Gesichtes unwillkürlich zusammen. Als
sie sich mit den Händen auf eine Stuhllehne stützte, als bedürfe sie
eines Haltes, erhob er sich von seinem Sitze.
»Was gibt’s?« fragte er brüsk. »Weshalb siehst du so aus? Was ist los?«
»Um dir das zu sagen, bin ich hier. Ich war heute nachmittag im
Bungalow.«
»Nun? Was führte dich dorthin?«
»Ich wollte Herrn Sherriff vor meiner Abreise von St. Mellions Lebewohl
sagen.«
»Ah! Du hast, wie ich weiß, eine törichte Zuneigung für den albernen
Alten und er für dich. Ich verstehe. Er hat dir eine Szene gemacht und
dich gebeten, mich wegen seiner gestrigen Unverschämtheit um Verzeihung
zu bitten. Aber damit soll er mir vom Halse bleiben. Wie man sich
bettet, so liegt man. Je eher meine Angelegenheiten in andere Hände
übergehen, desto besser.«
»Du irrst dich. Herr Sherriff hat dir keine Abbitte geschickt. Ich habe
ihn nicht gesehen.«
»Nein?« Er blickte sie voll Argwohn und Mißtrauen an. »Was hat dich
denn so aus der Fassung gebracht?«
»Im Bungalow fand ich Herrn Leath.«
»Leath? Den -- den Menschen?«
Nur zweimal hatte sie sein Antlitz sich so verfinstern sehen wie jetzt
-- einmal, als er erklärte, daß Everard Leath niemals wieder Turret
Court betreten solle, und dann wieder, als sie ihn gefragt hatte, --
ach, wie unschuldig und arglos! -- ob er je den Namen Robert Bontine
gehört hätte. Er stammelte vor Wut.
»Und -- und er? Hat er gewagt, mit dir zu sprechen?«
»Er hat viel mehr getan als mit mir gesprochen, Onkel Jasper.«
Ihre Augen hingen unverwandt an ihm. Sie las in seinem Gesicht das
Grauen vor dem, was kam. Er war geisterbleich -- große Schweißtropfen
rannen ihm von der Stirn. Er sprach nicht, obgleich er den Mund öffnete
und einen dumpfen Kehllaut ausstieß; er stand auf und wartete auf den
Schlag. Sie blickte ihn an und versetzte ihm den gefürchteten Streich.
»Er hat Robert Bontine gefunden.«
Er fiel in seinen Stuhl zurück. Mit verglasten Augen starrte er sie an
-- sprachlos. Hätte noch die leiseste Hoffnung in ihrer Brust gelebt,
so würde sie vor diesem schrecklichen Antlitz erloschen sein. War er
imstande, ihr zuzuhören -- sie zu verstehen? Während sie das erwog, hob
er die Hand, bewegte sie hilflos hin und her und stammelte keuchend:
»Weiter!«
»Er hat Robert Bontine gefunden!« wiederholte sie. »Ich bin hier, um
dir das zu sagen. In meinem Herzen war kein Zweifel, wer jener Mann
sei, als ich zu dir kam, und jetzt erst recht nicht. Ich habe die
Beweise gesehen -- Beweise, die du vernichtet glaubtest -- Beweise, die
ein kleines, mit einem gelben Bande zusammengebundenes Paket enthielt.
Verstehst du mich?«
Er machte ein Zeichen der Bejahung. Sie fuhr fort:
»Andere Beweise existieren, wie er mir sagte, in Australien. Ich
zweifle nicht daran, daß er die Wahrheit redet. Er hat den Zweck
erreicht, der ihn nach England geführt, hat den Gesuchten gefunden --
und wir beide wissen, was er tun könnte, wenn er wollte.«
»Wenn er wollte?«
Wie er vorhin das ›Weiter!‹ keuchend hervorgestoßen hatte, so stieß er
auch diese drei Worte mühsam heraus. Florence wiederholte sie.
»Wenn er wollte. Aber er will nicht. Es gab nur einen Preis, der sein
Schweigen erkaufen konnte, und es traf sich zufällig, daß ich ihm
diesen Preis bieten konnte. Er liebt mich, wie es scheint. Ich habe
versprochen, ihn zu heiraten.«
Er fuhr aus seinem Stuhle empor, dessen Armlehnen er krampfhaft
umklammerte, während er sie ungläubig anstarrte. Sie sprach in
demselben ruhigen, entschlossenen Tone weiter:
»Ich habe versprochen, seine Frau zu werden, weil er mir sein Wort
gegeben hat, in dem Falle den Namen Robert Bontine nie wieder zu
erwähnen. Ich mache mir nichts aus ihm -- werde mir nie etwas aus ihm
machen, aber ich weiß, daß man sich auf ihn verlassen kann, weiß,
daß er sein Wort halten wird. An unserem Hochzeitstage soll ich die
Beweise, von denen ich sprach, eigenhändig den Flammen übergeben, --
das hat er mir auch versprochen. Ich werde meinem gegebenen Worte
nicht untreu werden, und er auch nicht. Solltest du dich etwa wundern,
weshalb ich es ihm gab, so weißt du die Antwort, denke ich -- ich habe
Tante Agathe und ihre Kinder sehr lieb.«
Es trat ein Schweigen ein. Etwas wie aufdämmerndes Verständnis, wie
eine gewisse Erleichterung zeigte sich auf dem Antlitz des Mannes im
Lehnstuhle. Langsam kehrte die Farbe in seine Wangen zurück. Florence
hatte den Kopf auf die Hände sinken lassen. Nach einer Weile erhob sie
sich und schritt auf die Türe zu. Ein bitter ironisches Lächeln zuckte
um ihre Lippen, als sie noch einmal stehen blieb und sprach:
»Noch etwas bleibt mir zu sagen übrig, ehe ich gehe. Ich fürchte,
es ist kaum wahrscheinlich, daß die Herzogin mit meiner Verlobung
zufrieden sein wird. Everard Leath, der irgendwo in Australien zu Hause
ist, ist keine so annehmbare Partie für mich wie Talbot Chichester von
Highmount. Es ist möglich, daß sie ihre Einwilligung versagen wird.
In dem Falle ist es mir lieb, zu wissen, daß die Zustimmung meiner
Vormünder mir den Besitz meines Vermögens sichert und daß du, Onkel
Jasper, die deinige nicht verweigern wirst.«
Sie verließ ihn ohne ein weiteres Wort und ging die Treppe hinauf,
um sich in ihr Zimmer zu begeben. Sie fühlte, daß es mit ihrer
Selbstbeherrschung vorbei sei, daß sie der Ruhe und Einsamkeit bedürfe.
Auf der Schwelle des Gemaches traf sie Cis, die es gerade verließ.
»O, Florence, da bist du ja!« rief sie.
Es war so dunkel im Korridor, daß sie das Gesicht ihrer Cousine nicht
deutlich sehen konnte.
»Ich wunderte mich, wo in aller Welt du nur stecken könntest! Weshalb
hast du nicht im Bungalow auf mich gewartet? Du kannst dir mein
Erstaunen vorstellen, als ich dort ankam und hörte, du seiest fort.«
»Ja -- ich kann mir denken, daß du erstaunt warest, Cis.«
»Erstaunt? Ich war einfach fassungslos bei dem Gedanken, daß du
den langen, heißen Weg zu Fuß gemacht hast, noch dazu, wo du nicht
wohl bist. Und --« Cis ließ stockend die Stimme sinken, sie wußte
nicht recht, wie sie mit der in den letzten paar Tagen merkwürdig
verwandelten Florence eigentlich daran war -- »hm -- das Mädchen sagte,
Florence, daß Herr Leath mit dir gegangen wäre.«
»Ganz recht. Er hat mich nach Hause gebracht.«
»Was -- den ganzen Weg? Hierher nach Turret Court?« Aus ihren
weitgeöffneten Augen sprach Mißbilligung und Erstaunen. »O, wirklich,
Florence, ich finde, das hättest du nicht tun sollen,« meinte sie
tadelnd. »Gerade jetzt, wo ihr schon in aller Leute Munde seid! Du
hattest ihn nicht mit dir gehen lassen dürfen. Er hat kein Recht, sich
dir auf solche Weise aufzudrängen.«
Florence lachte und legte der andern die Hände auf die Schultern.
»Du bist ein Prachtstück von Sittsamkeit, liebe Cäcilie. Aber in diesem
besonderen Falle irrst du dich zufällig ganz und gar. Sowohl vor aller
Augen wie hinter dem Rücken von ganz Rippondale hat Herr Leath das
Recht, mit mir zu gehen, wenn er Lust hat. Ich habe soeben versprochen,
ihn zu heiraten.«
20.