Sie nach Ihrem gestrigen Anfall wohl eigentlich kaum wohl genug sein
werden, um auf zu sein,« sagte Everard Leath freundlich.
Er war infolge eines am gestrigen Tage gegebenen Versprechens
nach dem Bungalow herübergeritten und hatte sich sogleich in das
trauliche Wohnzimmer des Hausherrn begeben, dessen bis auf den
Boden hinabreichende Fenster auf die von Schlingpflanzen umrankte
Veranda und den sonnigen Garten dahinter hinausführten. Der alte
Herr, der in seinem großen Stuhle saß, hatte seinen Freund mit einem
Lächeln willkommen geheißen, war aber nicht aufgestanden und ihm
entgegengegangen. Seine Augen blickten trübe, sein schönes altes
Gesicht war eingefallen und blaß, die Hand, die sich dem jungen Manne
entgegenstreckte, war kalt und zitterte. Solche Symptome stellten sich
immer nach den Ohnmachtsanfällen ein, an denen er hin und wieder litt,
und der Anfall am gestrigen Tage war ungewöhnlich schwer gewesen. Er
selbst machte nicht viel Aufhebens von diesen Anwandlungen -- die
Tatsache, daß er an einer Herzschwäche litt, die auch wahrscheinlich
einst die Ursache seines Todes sein würde, beunruhigte ihn nicht; denn
er wußte es seit vierzig Jahren.
»Es ist schön, daß Sie kommen, mein alter Junge. Ich habe Sie
erwartet,« antwortete er mit zitternder Stimme, während er wieder in
seinen Sessel sank. »Ich bin noch nicht ganz wieder der alte. Die
gestrige Erschütterung --«
»Greift es Sie auch nicht zu sehr an, davon zu reden?« warf Leath
dazwischen.
»Nein, nein! Es läßt mir keine Ruhe! Seitdem ich gestern wieder zu mir
kam, habe ich mich gefragt: ›Ist es wahr? Kann es wirklich wahr sein?‹
Setzen Sie sich, lassen Sie sich ansehen, Everard! Wie geht es zu, daß
ich in Ihrem Antlitz nie jenes andere Antlitz, dessen ich mich so gut
erinnere, gesehen habe? Sie sind Marys Sohn -- meiner Mary Sohn!«
Eine wehmütige Zärtlichkeit klang aus seiner Stimme, während seine
Augen erregt in den ernsten, gefaßten Zügen des Jüngeren forschten,
die, so ernst sie auch waren, doch eine gewisse Weichheit des Ausdrucks
zeigten, die ihnen sonst fremd war. Ihn rührte die tiefe Bewegung
seines Gefährten, rührte die Treue, die noch nach mehr als dreißig
Jahren der einst Geliebten ein solches Gedenken bewahrte. Er drückte
die Hand, die die seine umschloß.
»Sehen Sie keine Ähnlichkeit?«
»Ich glaube doch. In der Bildung der Stirn und dem Ausdruck des Mundes
liegt etwas, das mich an Mary erinnert. Aber es liegt mehr Härte darin
als je bei ihr. Indessen, Sie sind ein Mann -- Sie haben ein schweres
Leben hinter sich -- das vergesse ich. Mary war ein junges Ding,
als sie von mir ging -- so rosig und weichherzig wie ein Kind. Zu
denken, daß ich die Hand ihres Kindes halte! Ich kann mich nicht auf
mein Gedächtnis verlassen. Everard, haben Sie mir je in einem unserer
Gespräche erzählt, daß Sie Ihre Mutter verloren hätten -- daß Mary tot
ist?«
»Ja, das habe ich Ihnen erzählt. Sie ist vor acht Jahren gestorben.«
»Vor acht Jahren! Und ich sitze hier und erfahre es erst heute! Und wie
hat sie Sie zurückgelassen? Allein?«
»Ganz allein.«
»Sie haben keine Geschwister gehabt?«
»Nein.«
Er hatte bei diesen beiden kurzen Antworten in den Garten
hinausgeblickt. Sherriff beobachtete ihn einen Augenblick, öffnete die
Lippen, als wollte er reden, schloß sie wieder, seufzte und nahm von
dem Tische neben sich das Bild, das am gestrigen Tage zu der Entdeckung
geführt hatte.
»Dies ist hergestellt worden, als sie ein junges Mädchen war,« sprach
er. »Vor acht Jahren ist sie mindestens eine altere Frau gewesen.
Trotzdem muß sie sich sehr wenig verändert haben, da Sie das Bild
sofort erkannten.«
»Sie hatte sich ganz und gar verändert,« antwortete Leath, ohne sich
umzuwenden. »Hätte ich nur die Erinnerung an meine Mutter, wie ich sie
gekannt, gehabt, so würde ich jenes Bild nie erkannt haben. Aber ich
besitze ein ebensolches, das natürlich aus derselben Zeit stammt.
Ich weiß noch, daß ich es mitunter ansah und sie anschaute und mich
verwundert fragte, ob die beiden Gesichter wirklich einer und derselben
Frau gehören könnten.«
»Die Veränderung war so groß?« fragte der andere in schmerzlichem Tone.
Er legte die Hand über die Augen. »Die Jahre sind unerbittlich,« meinte
er dann sanft.
»Die Jahre tun viel, aber sie tun nicht alles,« antwortete Leath
finster, noch immer, ohne sich zu regen. »Kummer, Gram, Armut sind noch
grausamer.«
»War das ihr Los?« Die erhobene Hand verdeckte einen Ausdruck tiefen
Schmerzes auf dem schönen alten Gesicht.
»Das war es. Ich will Ihnen das Herz nicht schwer machen, indem ich
Ihnen davon erzähle -- weshalb sollte ich? Jetzt ist es wenigstens
vorüber. Eine abgehärmte, traurige, früh gealterte Frau, die gern
gestorben wäre, als ihre Stunde schlug, wäre ich nicht gewesen, den
sie liebte, wie unsere Mütter uns eben lieben: das ist meine Mutter,
wie ich mich ihrer erinnere. Ich entschuldige es nicht, daß Sie Ihnen
die Treue gebrochen -- so teuer sie mir war, so kann ich das nicht
entschuldigen, aber Sie dürfen mir glauben, wenn ich sage, daß sie
schwer dafür gebüßt hat.«
»Ich habe es gefürchtet -- gefürchtet!« sagte der alte Mann mit einem
tiefen Seufzer. »Ich dachte oft, daß, wäre ihr Leben glücklich gewesen,
ich wieder von ihr gehört haben würde, daß sie meiner doch noch
gedacht hätte und mich ihr Glück hätte erfahren lassen. Sie haben nie
von mir reden hören? Sie hat niemals zu Ihnen von mir gesprochen?«
»Mit deutlichen Worten niemals. Sie erzählte mir einmal, daß sie selbst
an ihrem Kummer und Leid schuld sei -- daß sie mit offenen Augen als
Mädchen ihr Glück von sich gestoßen. Jetzt verstehe ich, was die arme
Seele damit meinte! Damals nicht.«
Es trat ein kurzes Schweigen ein. Leath starrte noch immer finster
zum Fenster hinaus. Sherriff blickte ihn mit merkwürdig zweifelndem
Ausdruck zögernd an. Es war, als ob der eine die Worte erwarte, die
auszusprechen der andere eine ängstliche Scheu empfand.
»Everard --,« es war eine Kleinigkeit, aber es rührte den jungen Mann
tief, als er bemerkte, daß ihn Sherriff jetzt bei seinem Vornamen
nannte, -- »Everard, ich darf noch eine Frage an Sie richten?«
»Das wissen Sie, Herr Sherriff.«
»Was -- was haben Sie mir über Ihren Vater zu sagen?«
»Was soll’s mit ihm?« Er sprach, ohne sich umzuwenden, aber sein Ton
war schroff und scharf, und seine kraftvolle Hand ballte sich.
»Er ist tot, vermute ich. Nicht wahr?«
»Ich habe ihn nie mit Augen gesehen.«
»Ihre Mutter verlor ihn so früh schon? Ehe Sie geboren wurden?«
»Allerdings -- ehe ich geboren wurde.«
»Und er ließ sie arm zurück?«
»Er ließ sie am Bettelstabe.«
»Er war also arm?«
»Ich weiß nicht, was er war. Ich weiß nichts -- nichts!«
»Tragen Sie seinen Namen?«
»Seinen Namen? Nein, ich wurde nach dem Bruder meiner Mutter genannt,
der als Kind gestorben ist. Das hat sie mir erzählt.«
Sein Ton hätte nicht bitterer sein können. Herr Sherriff stand auf und
nahm das Bild vom Tische.
»Nun, wir wollen jetzt nicht weiter über die Sache reden,« sprach er
ruhig, »es geht uns beiden zu nahe. Ein anderes Mal werde ich Sie
bitten, mir mehr aus Ihrem Leben, mehr von Ihrer Mutter zu erzählen,
aber jetzt nicht.«
Er öffnete das alte, messingbeschlagene Pult, legte das Bild hinein und
verschloß es sorgfältig.
»Haben Sie Zeit, mir, wie Sie versprochen, beim Ordnen der
Mortlakeschen Papiere zu helfen?«
Leath, der sich gewaltsam seinem Brüten entriß, erklärte sich bereit,
suchte aber, allerdings vergeblich, den Alten zu überreden, seines
Befindens wegen die Arbeit auf morgen zu verschieben.
Nachdem sie einen Kasten mit Briefen geordnet hatten, sagte Sherriff:
»Die wichtigen Schriftstücke und Pachtverträge sind in dem feuerfesten
Schrank dort am Kamin. Es sind zwei Kasten, die beide in weißen
Buchstaben die Aufschrift ›Mortlake‹ tragen.«
Leath schloß den Schrank auf, sah die beiden Kasten und stellte sie auf
den Tisch.
Sherriff bat ihn, den größeren zuerst aufzuschließen, und meinte, mit
dem anderen brauchten sie sich kaum zu befassen, da er hauptsächlich
Papiere, die noch aus der Zeit des alten Barons, Sir Roberts, stammten,
enthielten, und setzte hinzu:
»Ich glaube, er ist mir lediglich aus Versehen von meinem Vorgänger
geschickt worden. Jedenfalls hat Sir Jasper nicht darum gewußt, denn
der Kasten enthielt ein Paket Privatbriefe, die ich nicht sehen
sollte. Mein Vorgänger hatte ein Zimmer in Turret Court, in dem er
arbeitete, in dem damals all diese Bücher und Schriften aufbewahrt
wurden, und er erzählte mir, daß Sir Jasper, der das Päckchen unter
seinen Privatpapieren vermißt haben mochte, und dem dann eingefallen,
wo es war, ungehalten gewesen sei, daß er den kleineren Kasten mit
hierhergeschickt hätte. Er muß sich dann gleich auf den Weg gemacht
haben, das Vermißte wiederzuerlangen, denn als ich am Morgen, nachdem
ich die Bücher und Kasten erhalten, hier am Tische saß wie jetzt und
anfing, sie durchzusehen, ritt Sir Jasper draußen vor. Es war ein
bitterkalter Tag, aber er war in so rasender Eile von Turret Court
herübergejagt, daß sein Pferd mit Schaum bedeckt war und sein Gesicht
-- selbst gestern sah er nicht so aus, wie damals. Er stürzte wie
ein Wahnsinniger zu mir herein und fragte, ob ich den kleinen Kasten
geöffnet hätte. Ich sagte nichts, denn sein brüskes und heftiges
Benehmen verletzte mich, sondern deutete auf den noch unberührt auf dem
Tische stehenden Kasten und gab ihm den Schlüssel. Er schloß ihn auf,
leerte ihn mit bebenden Händen, nahm ein Paket heraus, schleuderte es
ins Kaminfeuer und war ebenso schnell wieder fort, wie er gekommen, und
ließ die übrigen Schriftstücke auf dem Tische und Fußboden verstreut
liegen.«
»Allerdings wunderlich,« bemerkte Leath. »Darf ich fragen, wie das
Paket aussah?«
»Soweit ich sehen konnte, war es klein und flach und mit einem
verblichenen gelben Band zusammengebunden. Haben Sie den großen Kasten
ausgepackt? Dann wollen wir jetzt daran gehen.«
Nach wenigen Augenblicken indessen lehnte sich Sherriff mit allen
Zeichen der Erschöpfung in seinen Stuhl zurück und meinte, daß er sich
niederlegen müsse, wolle er einem zweiten Ohnmachtsanfall vorbeugen.
Leath geleitete den alten Herrn sorgsam in sein Zimmer, blieb noch eine
Weile an seinem Bette sitzen und begab sich dann wieder an die Arbeit.
Nach einer halben Stunde war der Inhalt des größeren Kastens geordnet,
und während er sich eine Zigarre anzündete, blickte er unschlüssig auf
den kleineren.
»Soll ich den auch in Angriff nehmen? Es wäre wohl das beste. Er wird
kaum ein zweites Geheimnis des Barons bergen.«
Er schloß den Kasten auf und packte ihn aus. Der Inhalt war
augenscheinlich lange nicht berührt worden, denn ihm entströmte ein
dumpfiger Geruch. Mit den alten, vergilbten Papieren war entschieden
nicht viel anzufangen.
Was war dies hier? Ein Pachtvertrag. Und dies? Irgendein gerichtliches
Dokument über das Recht, einen Weg anzulegen. Und wieder dieses
zusammengefaltete ölige Pergament, zwischen dessen Falten noch etwas
anderes steckte, das sich hineingeschoben haben mochte? Er schlug es
langsam auseinander, und ihm fiel ein kleines, flaches Päckchen, das
von einem vergilbten gelben Bande zusammengehalten wurde, entgegen.
Noch eines! Gab es denn wirklich noch eines? In demselben Augenblicke
wurde er rot und starrte erstaunt auf die Papiere nieder. Dann aber
lachte er, und mit den Worten: »Ein zufälliges Zusammentreffen,
natürlich!« löste er das Band und breitete den Inhalt des Päckchens vor
sich aus. Woraus bestand er? Aus einem Bündel Briefe, die mit demselben
gelben Bande zusammengebunden waren, einem kleinen, amtlich aussehenden
Schriftstück, das für sich allein lag, und einer Photographie. Er nahm
sie auf und hielt sie so, daß das Licht darauffiel.
Ihm entfuhr kein Schrei, aber die Zigarre entfiel seinen Lippen, seine
Augen erweiterten sich, und er saß mit starrem, tieferblaßtem Antlitz
da. Während zwei oder drei Minuten verrannen, verharrte er regungslos
und stumm, dann erhob er sich mühsam und trat ans Fenster. Der warme
frische Luftstrom belebte ihn ein wenig, und er kehrte an seinen Platz
zurück. Mit plötzlich wiederkehrender, natürlicher Energie und einem
Laut, der wie ein Lächeln klang, ergriff er das kleine Dokument, las
es schnell durch, warf es auf den Tisch und streifte das Band von den
Briefen.
Es war ungefähr ein Dutzend. Alle außer einem trugen die Handschrift
einer Frau, und der eine war zerknittert und mitten durchgerissen, wie
von zornigen Händen. Die Tinte war verblaßt, die Daten lagen um mehr
als dreißig Jahre zurück. Einen nach dem andern, von Anfang bis zu
Ende, las Everard Leath, dann ließ er die geballte Faust schwer auf sie
niederfallen und saß mit auf die Brust gesenktem Haupte, gerunzelter
Stirn und aufeinandergepreßten Lippen in finsterem Brüten da. Er war so
in seine Gedanken vertieft, daß er die Schritte draußen auf dem Kies
nicht hörte, noch merkte, daß sie auf den Steinfliesen der Veranda
anhielten. Erst als sein Name mehr als einmal genannt worden, sprang er
auf, die Briefe noch immer in der Hand haltend, und sah Gräfin Florence
draußen vor dem offenen Fenster stehen.
18.
Florence stand in der Veranda des Bungalow, und der goldene Glanz der
Nachmittagssonne fiel auf ihre schlanke weiße Gestalt und verklärte
sie förmlich. Der breitrandige Strohhut, den sie trug, beschattete ihr
Gesicht, aber ließ doch erkennen, daß sie fast ebenso bleich war wie
am gestrigen Tage, und daß ein ungewöhnlich entschlossener Ausdruck
um ihre Lippen lag. Mit dem schönen Antlitz war eine rätselhafte
Veränderung vorgegangen -- es sah älter und strenger aus.
»Ich nannte Sie zweimal bei Namen, Herr Leath, aber Sie haben mich wohl
nicht gehört?«
Sie sprach in leichtem, nachlässigem Tone, aber es war dennoch nicht
der Ton, den sie vor der Gewitternacht stets ihm gegenüber angeschlagen
hatte; und trotz seiner ungeheuren Aufregung war Leath sich dessen
bewußt. Er versuchte, sich zu fassen, schob die Papiere hastig
zusammen und ging ihr entgegen, denn es schien, als warte sie auf eine
Aufforderung, ehe sie eintrat.
»Ich bitte um Entschuldigung, Gräfin -- ich muß gestehen, daß ich Sie
nicht gehört habe. Darf ich Sie bitten, näherzutreten? Herr Sherriff
ist augenblicklich nicht hier.«
Ihr schien seine halberstickte Stimme, seine Verwirrung und sein
starres, blasses Gesicht nicht aufzufallen. Sie trat ruhig durch die
Glastür ein und nahm Platz.
»Ich bin ein wenig müde. Meine Cousine ist nach dem Pfarrhause
weitergefahren und wird mich hier abholen. Lassen Sie sich nicht
stören,« sagte sie, nachdem er ihr erzählt, daß Sherriff gestern einen
seiner Ohnmachtsanfälle gehabt und sich auch jetzt wieder niedergelegt
habe.
Leath antwortete nicht. Es drehte sich noch alles mit ihm im Kreise --
ihm war, als müsse er ersticken.
Florence schien sein Schweigen nicht zu bemerken. Sie nahm ihren Hut
ab und hielt ihn auf dem Schoße. Dabei wurde sie die auf dem Tische
verstreuten Papiere, die verschlossenen und offenen Kasten gewahr.
Sie wurde rot, wandte sich dann schnell zu ihm und fragte ihn erregt,
ob die Szene, die gestern zwischen Sir Jasper und Herrn Sherriff
stattgefunden und von der er ja wissen müsse, da sie ihn sonst
wohl nicht beim Ordnen dieser Papiere angetroffen haben würde, den
Ohnmachtsanfall herbeigeführt habe.
Everard verneinte und sagte, er wisse zufällig, daß das Unwohlsein des
Alten durch eine ganz andere Gemütsbewegung verursacht worden sei.
»Eine andere Gemütsbewegung?« fragte sie und wurde plötzlich sehr
bleich. »Er hält viel von mir,« fuhr sie mit leicht bebender Stimme
fort, »haben Sie ihm etwa erzählt, daß meine Verlobung zurückgegangen
ist?«
»Nein -- ich habe nichts davon erwähnt.«
Sein schroffer Ton und seine Wortkargheit schienen ihr endlich
aufzufallen; sie blickte ihn betroffen an. Hatte er etwas übelgenommen?
Es sah so aus, und des gestrigen Tages gedenkend, wollte sie nicht, daß
er sich gekränkt fühlen sollte. War er nicht schließlich freundlicher
gewesen als Lady Agathe, ritterlicher als ihr eigener Verlobter? Bei
dem Gedanken ballten sich ihre Hände.
»Es lag kein Grund vor, weshalb Sie es nicht hätten erwähnen sollen,«
sprach sie ruhig. »Die Umstände sind nicht gewöhnlicher Art.« Sie hielt
inne. »Ich bin gekommen, ihm vor meiner Abreise selbst zu sagen, daß
ich Herrn Chichester sein Wort zurückgegeben habe.«
»Vor Ihrer Abreise?« wiederholte er.
»Ja.« Mit einem leichten, verächtlichen Lächeln zuckte sie die Achseln.
»Es ist für mich jetzt kein sehr angenehmer Aufenthalt in Turret Court,
und meine Gegenwart macht die Sache noch unliebsamer für meine Tante
und meine Cousine. Ich habe sie beide lieb, aber augenblicklich bin
ich böse auf sie, und daher ist es besser, wir trennen uns vorläufig.
Erst gehe ich zu Freunden nach London und werde dann wahrscheinlich
in acht bis vierzehn Tagen mit der Herzogin von Dunbar in Pontresina
zusammentreffen. Wollen Sie das, bitte, Herrn Sherriff mit einem
herzlichen Gruße bestellen für den Fall, daß ich vor meiner Abreise ihn
nicht mehr sehen sollte?«
Leath murmelte etwas Unverständliches, was sie als eine Bejahung
auffaßte.
»Danke. Aber sagen Sie ihm, daß ich morgen wieder vorsprechen würde.
Und Sie gehen ja auch fort, Herr Leath. Das vergesse ich ganz und gar.«
Sie war aufgestanden und sprach in einem weniger gezwungenen Ton als
bisher. »Ich muß Ihnen also auch Lebewohl sagen. Wissen Sie schon, wann
Sie reisen?«
»Nein,« -- zum ersten Male seit ihrem Eintritt blickte er ihr voll ins
Gesicht, -- »ich gehe nicht aus St. Mellions fort, Gräfin.«
»Nein? Ihre -- Ihre Pläne haben sich also geändert?«
»Ja.«
Er deutete auf den Stuhl, von dem sie aufgestanden war. »Setzen Sie
sich wieder! Ich habe Ihnen etwas zu sagen.«
Es lag geradezu ein Befehl in seinem Tone, und sie war so namenlos
überrascht, daß sie unwillkürlich gehorchte. Er blieb vor ihr stehen
und preßte die Hand fest auf einen kleinen Stapel Briefe, der vor ihm
auf dem Tische lag.
»Gräfin, erinnern Sie sich unseres Gespräches gestern an der Pforte
meines Gartens?«
»Natürlich,« antwortete sie bestürzt.
»Ich erzählte Ihnen, daß ich St. Mellions verließe, und weshalb?«
»Ja.«
»Weshalb war das?«
»Weil es Ihnen nicht gelungen, Robert Bontine zu finden.«
»Sie richteten eine Frage an mich, ich beantwortete sie. Erinnern Sie
sich der Antwort?«
»Ja.«
Sie wurde immer bleicher, und ihre weitgeöffneten Augen hingen starr
an ihm. Sie war sich eines lähmenden Schreckens bewußt, der sich ihrer
bemächtigte, als sie seinem Blick begegnete. Aber sie versuchte, sich
zusammenzunehmen. »Weshalb stellen Sie mir diese Fragen?« sagte sie.
»Weil ich Robert Bontine gefunden habe.«
Ihre Lippen öffneten sich, aber sie sagte nichts -- sein Blick
machte sie verstummen. Er nahm das eine Schriftstück, das einzeln
zusammengefaltet in dem zugebundenen Paket gelegen, und reichte es ihr.
»Wollen Sie das lesen?«
Sie tat es, und er nahm es ihr wieder aus der Hand.
»Verstehen Sie es?«
»Ich weiß, was es ist.«
»Aber mehr begreifen Sie nicht?«
»Nein.«
Er suchte unter den Briefen, nahm einen auf und gab ihn ihr.
»Lesen Sie den! Er ist der letzte von vielen und führt eine beredte
Sprache.«
Ihre Finger bebten so heftig, daß das dünne Papier knisterte, während
sie den Brief las. Er war nicht lang. Sie ließ die Hand schlaff in den
Schoß sinken, und er nahm ihn ruhig wieder an sich.
»Sie verstehen, was geschehen war, als jene Zeilen geschrieben wurden,
-- welches Unrecht begangen, welche Lüge vorgebracht worden -- nicht
wahr?«
»Ja, das verstehe ich.«
Er nahm einen zweiten Brief, einen, der eine männliche Handschrift trug
und ganz zerknittert und mitten durchgerissen war.
»Dieser hier,« sagte er langsam und blickte sie dabei an, »wurde, wie
ich vermute, -- nein, ich weiß, -- von der Empfängerin dem Schreiber
zurückgeschickt. Sie brauchen ihn nicht zu lesen. Der, den Sie gelesen
haben, war die Antwort darauf, und Sie können den Inhalt ungefähr
erraten. Aber ich möchte, daß Sie ihn ansähen und mir dann sagten, ob
Sie begreifen.«
Er hielt ihn ihr hin, aber erst nach einer vollen Minute streckte sie
die zitternde Hand aus und nahm ihn. Anstatt hinzusehen, wandte sie die
Augen mit einem Schauder ab.
»Warten Sie einen Augenblick,« bat sie mit schwacher Stimme. »Ich bin
ganz verwirrt -- ich ängstige mich! Ehe ich ihn ansehe, ehe ich mich
von dem überzeugen lasse, was Sie sich bemühen, mir ohne ein Wort zu
beweisen, ich weiß nicht, ob um mich zu schonen oder aus Grausamkeit --
ehe ich das tue, sagen Sie mir, wo Sie diese Briefe gefunden haben.«
Er deutete auf den kleineren Kasten.
»Ich habe sie dort gefunden.«
»Wann?«
»Ein paar Minuten, ehe Sie kamen.«
»Und keiner weiß davon?«
»Außer uns -- keiner. Wollen Sie den Brief ansehen?«
Mit einem abermaligen Erschauern folgte sie seinem Geheiß und las ihn
von der ersten Seite bis zur Namensunterschrift auf der dritten langsam
durch. Ihre Hand sank wieder kraftlos in ihren Schoß.
»Ich begreife alles, was Sie wollen, daß ich begreifen soll,« hauchte
sie fast unhörbar. Ihr Kopf sank zurück. »Mir wird schlecht, glaube
ich,« stammelte sie, »wollen Sie mir etwas Wasser bringen?«
Auf dem Büfett stand Wein, den er ihr brachte, weil er ihr besser sein
würde wie Wasser, wie er sagte. Es lag keine Zärtlichkeit in seiner
Hilfeleistung, kaum sorgliche Beflissenheit -- der ganze Mensch schien
ebenso versteinert wie sein starres, fahles Antlitz. Als sie den Wein
getrunken hatte, nahm er ihr das Glas aus der Hand und hub wieder zu
reden an, ruhig und klar, aber nicht freundlich.
»Zweifeln Sie nicht an der Wahrheit! Sie irren sich, wenn Sie das tun.
Ich hatte ausreichende Beweise von allem, ehe ich nach England kam.
Meine einzige Aufgabe war, den Mann zu finden. Zweifeln Sie daran, daß
es mir gelungen?«
»Nein -- daran wage ich nicht zu zweifeln. Aber ich bin wie verwirrt.
Das Ganze ist so entsetzlich. Lassen Sie mich nachdenken!«
Er gehorchte, trat an den Tisch zurück und band die Briefe, das
Dokument, die Photographie wieder mit dem gelben Band zusammen. Es sah
jetzt wieder wie das unschuldige flache Päckchen aus, das Sir Jasper
Mortlake zu Asche verbrannt zu haben glaubte. Florence drückte die
Hände gegen die Augen. Als er sich wieder zu ihr wandte und sie sie
herabsinken ließ, waren ihre Lippen völlig farblos; nur in ihren großen
Augen schien noch Leben zu sein, als sie ihn anblickte.
»Was,« hauchte sie in fast unhörbarem Flüstertone, »was wollen Sie tun?«
»Tun?«
Er wiederholte das Wort, als wundere es ihn, daß sie es brauchte.
»Was sollte ich tun, als das eine -- das zu tun ich der Toten feierlich
gelobt habe -- die Wahrheit verkünden?«
»Nein -- nein -- nur das nicht!« Ihre Stimme klang fast schrill; sie
sprang auf und faßte seinen Arm. »Das werden Sie nicht tun! Bedenken
Sie nur, was das heißen würde -- die Schande -- die Schmach --
Verzweiflung! Und sie sind unschuldig -- Tante Agathe und ihre Kinder
-- sie haben Ihnen nichts zuleide getan. Es würde Tante töten, würde
Cis das Herz brechen -- meiner armen kleinen Cis. Roys Leben wäre
zugrunde gerichtet. O, seien Sie barmherzig! Überlegen Sie! Schonen Sie
ihrer, ich beschwöre Sie!«
Ihre Hände umklammerten noch immer seinen Arm. Er machte sich kalt von
ihr los, und kein weicherer Zug trat in sein Antlitz.
»Ich habe das Gesetz nicht gemacht, Gräfin, daß die Unschuldigen für
die Schuldigen leiden müssen. Es ist unerbittlich, weder Sie noch ich
können es ändern. Auch ich bedaure die unglückliche Frau und ihre
Kinder. Aber könnten Sie deshalb wollen, daß ich die Schande und das
Leid, das ich vor Augen gehabt, vergesse -- das zugrunde gerichtete
Leben, das ich habe erlöschen sehen, das Sterbebett, an dem ich
gestanden, und das Gelübde, das ich dort getan, das Unrecht wieder
gutzumachen, wenn es auch mein ganzes Leben in Anspruch nehmen sollte?
Könnten Sie wirklich wollen, daß ich dies alles vergesse, daß ich das
mir zugefügte Unrecht beiseite schiebe, um ein barmherziges Schweigen
zu beobachten? Das können Sie nicht! Es ist zu viel verlangt. Ich muß
die Wahrheit sagen.«