»Ich sah Sir Jasper an der Pforte -- ich konnte ihm ansehen und sehe

auch Ihnen an, daß nicht alles ist, wie es sein sollte. Betrifft es

sie?« Die Stimme versagte ihm vor dem letzten Worte. »Wenn dem so ist,

so ziehen Sie meine Besorgnis in Betracht und sagen Sie es mir!«

»Verrät mein Gesicht denn so viel?« Mit einem halben Lächeln und seinem

gewöhnlichen freundlichen Ausdruck setzte der alte Mann sich in seinen

Stuhl. »Ich gestehe, ich bin zornig gewesen,« sagte er ruhig, »und das

passiert mir nicht oft. Nehmen Sie Platz, Leath, und Sie sollen hören,

weshalb, und mittlerweile machen Sie sich keine Sorge. Sir Jaspers

Besuch betraf Gräfin Florence nicht in dem Sinne, den Sie meinen. Er

hat in der Tat ihren Namen kaum erwähnt. Der Zweck seines Besuches war,

über Sie zu sprechen.«

»Über mich?«

»Ja. Wissen Sie irgendeinen Grund für den außerordentlichen Haß, den er

augenscheinlich gegen Sie empfindet?«

»Ich weiß, daß er existiert -- das erzählte ich Ihnen heute morgen --

aber mehr auch nicht.«

»Auch nicht, weshalb er Sie aus der Gegend zu entfernen wünscht?«

»Durchaus nicht! Wünscht er das?«

»Freilich! Es wundert Sie, weshalb er hierhergekommen, um über Sie zu

reden? Er kam, um zu verlangen, daß ich, sein Verwalter, der abhängig

von ihm ist, der zu ihm und seinem Hause in einer Art von Beziehung

steht, unserer Freundschaft sofort ein Ende machen -- kurz Ihnen die

Tür weisen sollte.«

Leath stieß einen Ausruf zorniger Verwunderung aus.

»Nannte er irgendeinen Grund, Herr Sherriff?«

»Gewiß -- daß Sie ein Mensch wären, von dem niemand hier etwas

wisse, daß Sie ihm persönlich unangenehm seien, daß Sie sich heute

morgen in Turret Court sehr unverschämt gegen ihn benommen hätten,

und schließlich, -- das war das einzige Mal, daß er Gräfin Florence

erwähnte, -- daß Sie vielleicht durch Ihr Benehmen gestern abend den

Ruf seines Mündels ernstlich kompromittiert hätten.«

»Gütiger Himmel! Das sagte er?«

»Ja. Aus diesen Gründen verlangte er, oder vielmehr befahl er mir,

daß ich, in meiner abhängigen Stellung, meine Bekanntschaft mit Ihnen

abbrechen sollte.«

»Darf ich fragen, was Sie ihm darauf geantwortet haben?«

»Sehr wenig; aber ich bin nicht länger sein Verwalter.«

»Wie?«

»Ich habe mich geweigert, mir von ihm Vorschriften machen zu lassen

oder meinen Freund zu beleidigen. Ich habe meine Verbindung mit Sir

Jasper Mortlake gelöst und mit seinen Angelegenheiten nichts mehr zu

schaffen.«

»Das haben Sie für mich getan, Herr Sherriff?« Leath sprang auf.

»Dessen bin ich nicht wert, fürchte ich.«

»Darüber kann ich selbst am besten urteilen,« antwortete der andere

mit einem Lächeln, »und würde bei ruhiger Überlegung genau ebenso

handeln, wie ich in der Erregung getan. Sie brauchen übrigens nicht

zu glauben, daß Sie die einzige Ursache gewesen sind für das, was ich

tat. Sir Jasper beging einen nur allzu gewöhnlichen Fehler: er vergaß,

daß sein Untergebener zugleich ein Gentleman ist. Nun, das Gehalt

war nicht so hoch bemessen, als daß ich nicht ohne es leben könnte.

Meine Bücher und Abrechnungen sollen, sobald ich sie fertig habe, nach

Turret Court geschickt werden. Je eher, desto lieber. Wenn Sie nichts

Besseres zu tun haben, so bleiben Sie vielleicht und helfen mir, sie

zusammenzupacken.«

»Sofort. Ich habe gar nichts zu tun. Aber ich habe mein Pferd an der

Pforte gelassen und will es erst hereinholen.«

Als Leath, nachdem er sein Pferd versorgt, wiederkam, fand er Sherriff

vor einem großen, altmodischen, messingbeschlagenen offenen Pult,

das ihm schon seines Umfanges wegen aufgefallen, das er aber bisher

nur verschlossen gesehen. Den Kopf hatte der Greis in die eine Hand

gestützt; er schien etwas eifrig zu betrachten. Er war so in Gedanken

vertieft, daß er erst, als Leath ihn zum zweiten Male anredete,

zusammenfuhr und sich verwirrt umblickte.

»Ich störe Sie, Herr Sherriff?« fragte Leath stockend.

»Nein -- nein -- durchaus nicht -- gewiß nicht!« Er blickte den jungen

Mann an und dann wieder auf das, was er in der Hand hielt. »Ich tat

etwas sehr Törichtes,« sprach er traurig, »ich stöberte in toter Asche,

mein lieber Junge! Das ist schon ein trauriges Stück Arbeit, solange

wir jung sind, aber es ist noch trauriger, wenn wir alt geworden, denn

sie kann nie wieder angefacht werden, und es ist keine Hoffnung, daß an

ihrer Statt ein neues Feuer brennen wird. Erinnern Sie sich des Tages,

wo ich Ihnen meinen kleinen Herzensroman -- den einzigen Roman, den ich

erlebt habe -- erzählte?«

»Ich erinnere mich dessen sehr wohl,« gab Leath zur Antwort.

»Aber ich habe Ihnen, glaube ich, nicht gesagt, daß ich Marys Bild

besitze? Es ist gerade angefertigt, ehe sie mich verließ, um ins

Ausland zu gehen. Ich habe mich niemals davon getrennt, ebensowenig wie

von ihren Briefen, obgleich es Jahre gegeben hat, in denen ich es nicht

ertragen konnte, auf das eine oder andere einen Blick zu werfen. Es ist

jetzt sehr verblaßt, aber damals war es wunderbar ähnlich -- wunderbar

ähnlich! Wollen Sie es ansehen?«

Mit leicht zitternder Hand hielt er dem anderen das Bild hin. Leath

nahm es, blickte es an, hielt es näher an das Licht, sah genau hin und

stieß dann einen lauten Ruf aus. Sherriff erhob sich hastig.

»Was gibt’s?« fragte er mit bebender Stimme. »Sie -- haben es doch

nicht schon gesehen -- wie?«

»Gesehen?« wiederholte Leath. Sein Antlitz war tief erblaßt und verriet

grenzenlose Verwunderung. »Dies ist das Bild meiner eigenen Mutter!«

16.

»Das ist alles? Ist das genug? Du kannst doch unmöglich erwarten,

daß ich diesen -- diesen äußerst bedauerlichen Vorfall so leicht als

abgetan ansehe, Florence?«

»Ich sehe allerdings keinen Grund, noch eine Silbe weiter darüber zu

verlieren,« sagte Gräfin Florence gleichmütig.

Aber sie war nicht so ruhig, wie man aus ihren kalt und gelassen

gesprochenen Worten hätte schließen können. Ihre Wangen waren sehr

blaß, sie hielt den Kopf hoch, und die Augen, mit denen sie ihren

Bräutigam ansah, waren unheimlich glänzend. Sie waren allein, denn auf

ihre Anordnung war er sofort in ihr Privatwohnzimmer geführt worden,

und dort hatte sie ihm mit den kürzesten Worten, die sie finden konnte,

die Geschichte der letzten Nacht erzählt -- es unter ihrer Würde

haltend, zu erröten, etwas zu beschönigen oder sich zu entschuldigen.

Sie wußte kaum, daß sie es mit einer gewissen trotzigen Herausforderung

tat, die ihm jede Frage, jeden Zweifel, jeden Ausdruck der Verwunderung

abschneiden sollte. In diesem Tone würde sie es ihm nicht erzählt

haben, hätte Leath keine Anspielungen auf einen Argwohn gemacht, der

ihr anfangs ganz ungeheuerlich, schließlich abgeschmackt vorgekommen,

und wären nicht Lady Agathes Tränen und Jammern gewesen. Das Ganze

wäre ihr dann nur wie ein Spaß vorgekommen. Das war jetzt unmöglich.

Sie erzählte die Geschichte mit trotzig blitzenden Augen und in einem

sorglosen, gleichgültigen Tone, ihm es überlassend, sich mit der Sache

abzufinden, so gut er es vermochte.

Diese Art und Weise war nicht geeignet, Chichester zu besänftigen und

zu versöhnen, selbst wenn es sich um etwas ganz anderes gehandelt

hätte. Er hatte mit dunkel gerötetem Gesicht und einer zornigen,

nervösen, gereizten Fassungslosigkeit zugehört, die in den verdrießlich

hervorgestoßenen Worten gipfelte, auf die sie mit so verächtlicher

Kälte geantwortet hatte. Er stand auf und trat ans Fenster, denn

seine Gereiztheit machte es ihm unmöglich, sitzen zu bleiben, und

sie beobachtete ihn, wobei der verächtliche Ausdruck in ihren großen

glänzenden Augen noch schärfer hervortrat.

»Ich sehe keinen Grund, noch eine Silbe weiter darüber zu verlieren,«

sprach sie. »Es war unangenehm, aber es ist vorüber; es war weder Herrn

Leaths noch meine Schuld. Ich habe es dir erzählt, und das ist auch

vorüber. -- Ich habe es dir aber erzählt, weil ich fand, daß du es

erfahren mußtest --«

»Weil du fandest, ich müsse es erfahren?« fiel er ihr heftig ins Wort.

»Allerdings mußte ich das!«

»Ich hielt es für das Richtigste, weil jeder, weil alle Welt alles, was

ich tue, gern erfahren kann,« sagte das junge Mädchen hochmütig, »und

da es geschehen, wollen wir die Sache, bitte, ruhen lassen. Ich habe

das Thema satt.«

»Ruhen lassen?« Er wandte sich vom Fenster fort. »Das ist leicht gesagt

-- aber vielleicht nicht ebenso leicht getan. Gütiger Himmel, Florence,

begreifst du denn nicht, daß die Geschichte dieses -- dieses unseligen

Vorfalls vielleicht schon in Rippondale in aller Leute Mund ist?«

»Sehr wahrscheinlich,« gab sie kaltblütig zurück.

»Wahrscheinlich? Es ist fast unvermeidlich. Ja, es ist unvermeidlich!

Die Dienstboten hier müssen davon wissen!«

»Allerdings müssen sie das! Zwei von ihnen kamen mit dem Wagen, um mich

heute morgen von Lychet Hut abzuholen. Und die Frau, die Herrn Leath

den Hausstand führt, muß es wissen. Sie sorgte heute morgen für mein

Frühstück.«

»Das heißt also, daß sie alle jedem ihrer elenden Bekannten davon

erzählen und ihren gemeinen Kommentar dazu abgeben!« rief Chichester.

»Und du verlangst, daß ich von dem Thema abbreche -- sagst, daß du es

satt hast! Großer Gott! Wir alle, wie wir da sind, werden es noch satt

bekommen, ehe es abgetan ist!«

Er war auf und nieder geschritten und blieb jetzt vor ihr stehen.

»Florence, du scheinst nicht im geringsten zu begreifen, welch

unglückselige Sache es ist!«

Sie sagte nichts, sie blickte ihn nur an. In seinem gereizten Zustande

nur mit sich selbst beschäftigt, war er unfähig, die grenzenlose

Verachtung, die in diesem Blick lag, zu lesen. Hätte er es vermocht, so

hätte er sich vielleicht jetzt noch beherrscht. Er fing wieder an, auf

und nieder zu gehen.

»Dein Name in aller Leute Mund zusammen mit dem jenes Menschen! Und

man weiß, daß du ihn getroffen -- dich mit ihm unterhalten hast! Das

macht es noch schlimmer -- das gerade ist das Allerschlimmste. Wenn das

nicht wäre, so würde wohl mit dieser Sache selbst, in der ich dir keine

Schuld beimesse, fertig zu werden sein. So aber ist es unmöglich. Es

ist mir ganz schrecklich! Es ist unerträglich, entsetzlich, daß dein

Name -- der Name meiner zukünftigen Frau -- der Name der Herrin meines

Hauses -- auch nur durch einen Hauch getrübt werben sollte!«

Er blieb wiederum vor ihr stehen.

»Du mußt es doch begreiflich finden, daß es mir unmöglich ist, so etwas

leicht zu nehmen?«

»Ja -- ich finde es begreiflich!« Die Augen unverwandt in die seinen

senkend, lächelte sie.

»Es ist allerdings schrecklich, daß der gute Name deiner Zukünftigen

angetastet werden sollte. Du tust recht, dich darüber aufzuregen; du

hast mein volles Beileid. Denn was würde es dir ausgemacht -- was würde

es dir geschadet haben, hätte man nur auf mich -- nur auf Florence

Esmond, nur auf ein Weib einen Stein geworfen? Aber es ist deine

zukünftige Frau. O, glaube mir, du tust mir aufrichtig leid!«

»Was meinst du?« fragte er und wurde rot. »Ich verstehe dich nicht!«

»Ich meine, was ich sage,« antwortete sie, »und ich wenigstens verstehe

dich. O, glaubst du, ich durchschaute dich nicht? Was macht dir Sorge?

Daß ich, ein hilfloses Mädchen, vielleicht von all denen, die mich

kennen, schändlich verleumdet werde? Nein, nein! Nur, daß ich deine

Braut bin, ein Teil deiner selbst, dein Eigentum, und daß deshalb jeder

Stein, der auf mich geworfen wird, auch dich trifft! O, ich weiß --

ich weiß! Es ist genug, Herr Chichester -- auf Sie soll auch nicht

der leiseste Schatten meiner Schande fallen.« Sie zog in ungestümer

Heftigkeit den Verlobungsring vom Finger und hielt ihn ihm hin: »Ich

bin Ihre Braut nicht länger! Ich gebe Ihnen Ihr Wort zurück, und Sie

sind frei!«

»Florence!«

Er wurde jetzt bleich und griff nach ihrer Hand und dem Ringe zusammen

und hielt beide fest. »Das kann dein Ernst nicht sein? Besinne dich!

Wenn unsere Verlobung jetzt gelöst würde --«

»Sie ist gelöst!« Sie entzog ihm ihre Hand. »Nehmen Sie Ihren Ring

zurück, Herr Chichester! Ich werde nie und nimmer Ihre Frau.«

»Aber bedenke doch -- ums Himmels willen!« Er trat vor ihrer

ausgestreckten Hand, auf deren Innenfläche der blitzende Ring lag,

zurück. »Bedenke, welche Wirkung es haben wird, wenn unsere Verlobung

jetzt zurückgeht! Das wird den schlimmsten Vermutungen Raum geben und

sie zu bestätigen scheinen.«

»Das muß dann seinen Lauf haben. Ich weiß, daß es so sein wird. Noch

einmal, nehmen Sie Ihren Ring zurück!«

»Du bist fest entschlossen? Du willst dich nicht besinnen? Nicht

überlegen --?«

»Es gibt Dinge, bei denen es keiner Überlegung bedarf. Ein- für

allemal, Herr Chichester, ich will Sie nicht heiraten. Und zum

drittenmal, nehmen Sie Ihren Ring zurück!«

Er antwortete nicht. Er schaute sie an, wie sie in aufrechter Haltung,

mit hochgetragenem Haupte und stolz blickenden Augen vor ihm stand.

Ihre höhnische Verachtung hatte ihm das Blut in die Wangen getrieben,

aber ihre Schönheit beschleunigte noch seinen Pulsschlag. Nein -- er

liebte sie nicht, aber es war schwer, ihren Liebreiz zu verlieren. Er

schritt zweimal durch das Zimmer, ehe er wieder vor ihr stehen blieb.

»Florence, ich bitte dich noch einmal, diesen Entschluß in Erwägung zu

ziehen! Denke an die Folgen, wenn du jetzt unsere Verlobung löst. Ich

meinerseits habe mich vielleicht zu stark ausgedrückt. -- Gib mir dein

Wort, daß du diesen Menschen, diesen Leath, nie wiedersehen, nie wieder

eine Silbe mit ihm sprechen willst, und ich --«

»Das tue ich nicht,« unterbrach sie ihn. »Sobald Sie fort sind, werde

ich nach Lychet Hut reiten, um Herrn Leath für seine gestrige Fürsorge

zu danken. Ich hatte heute morgen keine Gelegenheit, das zu tun.«

»Ist das dein Ernst?«

Sie neigte bejahend den Kopf. Ohne ein Wort weiter nahm er den Ring von

ihrer ausgestreckten Hand, verbeugte sich förmlich, drehte sich kurz

um und verließ das Zimmer. Drei Minuten darauf sah Florence von ihrem

Fenster aus sein Dogcart die Auffahrt hinunter dem großen Eingangstor

zurollen und wußte, daß er fort sei, um nicht wiederzukehren. --

Es war ungefähr eine halbe Stunde später, als sie in ihrem Reitkleid

auf der Treppe erschien. Noch immer sehr bleich, aber in aufrechter

Haltung, mit weitgeöffneten, glänzenden Augen stieg sie herab und

schritt durch die innere Halle auf die Windfangtüre zu, die diese

abschloß; aber noch ehe sie sie erreicht, wurde schnell eine andere

Tür geöffnet und Lady Agathe, mit verweinten Augen und sehr blaß, --

sie hatte stundenlang fast unaufhörlich geweint trotz Cis’ liebevoller

Versuche, sie zu trösten, -- kam heraus und hielt sie auf.

»O, Florence, ich war gerade im Begriff, zu dir hinaufzukommen, liebes

Kind. Ich konnte diese schreckliche Unruhe nicht länger ertragen.« Sie

hielt inne, denn anscheinend sah sie erst jetzt, daß das junge Mädchen

im Reitkleide war. »Aber du willst doch nicht etwa ausgehen?«

»Ja -- aber ich kann ein Weilchen warten. Es tut mir leid, daß du dich

geängstigt hast, Tante Agathe. Du hättest mich rufen lassen sollen.

Bitte, suche dich zu fassen! Du wirst dich noch krank machen, wenn du

dich so aufregst. Weshalb bist du in solcher Unruhe? Was ist denn los?«

»Was los ist? O, liebes Herz, wie kannst du nur so fragen?« schluchzte

ihre Tante. »Du bist so kalt und schroff und wunderlich, Florence. Ich

verstehe dich ganz und gar nicht.«

»Nicht?« Ein seltsames Lächeln umspielte die Lippen des Mädchens. »Es

tut mir leid,« sprach sie ruhig, »ich wollte dich nicht wieder zum

Weinen bringen. Deshalb ängstigst du dich so?«

»O, Florence, du mußt doch wissen, in welch schrecklicher

Gemütsverfassung ich bin, bis ich höre, was Chichester über diese

unselige Sache gesagt hat! Du -- du hast es ihm erzählt?«

»Ja, ich habe es ihm erzählt.«

»Und -- und es ist alles erledigt und abgetan?« fragte Lady Agathe

stockend.

»Ja. Es wird nie wieder ein Wort zwischen uns über die Sache verloren

werden. Sie ist ganz und gar erledigt. Ist das alles, Tante Agathe?«

»Ja, mein Kind. Ach, mir fällt ein Stein vom Herzen, Florence! Ich

fürchtete -- ich weiß wirklich nicht recht, was ich eigentlich

fürchtete! Es ist sonderbar, finde ich, daß Herr Chichester

fortgefahren ist, ohne mit mir oder deinem Onkel zu reden, aber das

tut weiter nichts. Er wird wohl zu Tische kommen, nicht wahr?« Mit

einem Seufzer der Erleichterung trocknete sich Lady Agathe die Augen.

»Wirklich, liebes Herz, du siehst zu blaß aus, um auszureiten! Fühlst

du dich auch wohl genug dazu? Wohin willst du?«

»Ich will nach Lychet Hut. Ich kann nicht gut anders, als Herrn Leath

für die Freundlichkeit danken, die er mir gestern erzeigt hat.«

»Florence!«

Ihre Tante schlug entsetzt die Hände zusammen.

»Dahin willst du! Und allein? Kind, Kind, das darfst du nicht --

wirklich nicht! Das kann ich nicht zugeben!«

»Ich bitte um Entschuldigung, Tante Agathe,« sprach Florence kalt,

»du vergißt wohl, daß, obgleich ich in deinem und Onkel Jaspers Hause

wohne, ich doch mein eigener Herr bin und immer gewesen bin! Es tut mir

leid, etwas zu tun, was dir nicht lieb ist, aber ich reite auf alle

Fälle nach Lychet Hut.«

»Ach du meine Güte!« klagte Lady Agathe. »Bitte, mein Liebling, bedenke

doch! Was wird Talbot Chichester sagen, wenn du nach Lychet Hut gehst?«

»Nichts --.« Das junge Mädchen schritt auf die Haustür zu, während ein

seltsames, bitteres Lächeln ihre Lippen umspielte. »Nichts,« versetzte

sie kurz. »Als ich sagte, alles sei abgetan und erledigt, hast du mich

mißverstanden, Tante. Mein Gehen und Kommen geht Herrn Chichester

nichts weiter an. Unsere Verlobung ist zurückgegangen. Ich habe mich

geweigert, ihn zu heiraten.«

* * * * *

Everard Leath, der rauchend in der Tür seines Hauses stand und auf

seinen durchweichten Garten hinausschaute, war so in Gedanken vertieft,

daß, obgleich er den näherkommenden Hufschlag eines Pferdes vernahm,

er doch nicht die Augen nach der Chaussee wandte, um zu sehen, wer

der Reiter sei. So kam es, daß Florence auf ihrer Stute in die Pforte

eingebogen und dicht bei ihm war, ehe er sie gewahr wurde.

»Gräfin Esmond!«

Sie war zu schnell und behende, um seiner Hilfe zu bedürfen, und war

vom Pferde herunter, ehe er sich dessen versah.

»Sind Sie es wirklich?«

»Freilich, Herr Leath, und diesmal von keinem Gewitter

hierherverschlagen.«

Sie lächelte und war sehr bleich; als sie ihm die Hand hinhielt, lag

auf ihrem Antlitz ein Ausdruck, den er noch nie gesehen. Als er ihre

Hand nahm, fühlte er, daß das Schlimmste, was er für sie gefürchtet,

eingetreten sei, und er konnte nichts tun, als sie ansehen.

»Mich führte der Wunsch her, Ihnen für Ihre große Freundlichkeit zu

danken.«

»Das war ganz unnötig.«

Bestürzt, verwundert wie er war, wußte er kaum, daß er ihre Hand noch

immer festhielt, noch bemerkte sie es. »Ich weiß Ihre Güte wohl zu

schätzen, Gräfin, aber ich hoffe, Sie wissen, daß alles, was ich für

Sie tun konnte, gern geschehen ist.«

»Das sagten Sie gestern abend, und ich glaubte Ihnen, aber ich danke

Ihnen nichtsdestoweniger.« Sie entzog ihm ihre Hand und trat ein wenig

zurück. »Sie sehen mich sehr sonderbar an, Herr Leath! Weshalb?«

»Ich bitte um Entschuldigung. Ich -- ich wußte das nicht. Sie sind

bleich -- Sie sehen ganz anders aus als sonst -- das ist alles.«

»Kaum, glaube ich.« Sie hielt mit einem seltsamen, kalten Lächeln inne.

»Ich bin nicht nur gekommen, um Ihnen zu danken,« sprach sie, jedes

Wort abwägend. »Ich wollte Ihnen auch Glück wünschen.«

»Mir Glück wünschen?« wiederholte er.

»Ja, zu Ihrem Scharfblick, Ihrem -- wie soll ich es nennen? --

Verständnis für die menschliche Natur.«

»Ich verstehe Sie nicht,« sagte er, aber er verstand sie nur zu gut und

wurde ebenso blaß wie sie.

»Nicht? Dann muß ich Ihrem Gedächtnis zu Hilfe kommen. Ich war gestern

abend nicht sehr höflich -- ich nannte Sie albern. Wissen Sie noch?«

»Ja.«

»Aber Sie waren nicht albern. Die Torheit war auf meiner Seite. Sie

meinten viel mehr, als Sie sagten, aber Sie hätten recht gehabt, wenn

Sie alles, was Sie dachten, ausgesprochen hätten.«

Sie hielt inne. »Meine Verlobung mit Herrn Chichester ist gelöst.«

»Das hat er getan!«

»Nein, das habe ich getan! Sie begreifen alles so gut -- das sehe ich

Ihnen an -- daß ich nichts mehr hinzuzusetzen brauche.« Sie hielt

wieder inne.

»Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß in meinen Augen auch nicht

der leiseste Vorwurf Sie trifft,« sprach sie langsam, als falle es

ihr schwer, die richtigen Worte zu wählen, »und um aufs neue zu

wiederholen, daß ich Ihnen danke. Sie sind besorgter um mich gewesen,

haben mehr Rücksicht auf mich genommen, als ich selbst getan. Ich war

es Ihnen schuldig, Herr Leath, daß Sie dies von meinen eigenen Lippen

hörten.«

Als sie zu Ende war, hatte sie ihre Fassung fast wieder gewonnen, und

das half ihm, die seine wieder zu erlangen. Er begriff vollkommen,

daß er kein Wort über Talbot Chichester sagen dürfe -- daß jeglicher

Kommentar, jede Frage, jeder Ausdruck der Empörung sie verletzen würde.

Aber es war keine leichte Aufgabe, mit der nötigen Gelassenheit und

Kürze zu sprechen, wie sehr sie auch gewohnt war, sich zu beherrschen.

»Ich danke Ihnen, Gräfin,« sagte er. »Sie sind edelmütig. Eine der

wenigen angenehmen Erinnerungen, die ich beim Fortgehen von hier

mitnehme, wird die Erinnerung an diese Worte sein.«

»Sie gehen fort?« rief sie überrascht.

»Ja -- ich werde in ein paar Tagen aus diesem Hause ziehen.«

Er legte keinen Nachdruck auf die Worte, aber sie verstand ihn sehr

wohl. Er wollte jetzt nicht in einem Hause bleiben, das Talbot

Chichester gehörte.

»Wollen Sie damit sagen, daß Sie St. Mellions verlassen?«

»Nicht gleich. Ich bleibe vielleicht noch acht oder vierzehn Tage.

Ich habe Herrn Sherriff versprochen, während meines Hierbleibens im

Bungalow zu wohnen.«

»Und wenn Sie fortgehen, gehen Sie auf immer?«

»Vermutlich, aber das kann ich noch nicht sagen. Soweit ich es

jetzt überblicken kann, ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß ich

wiederkommen werde.«

Er blickte von ihr fort. Es wurde ihm schwer, ihren Augen zu begegnen,

in dem Gefühl, daß seine eigenen möglicherweise das Geheimnis verraten

könnten, das er ihr niemals enthüllen durfte. Der bloße Gedanke, daß

sie frei sei, hatte ihm das Blut ungestüm durch die Adern getrieben,

obgleich er sich deshalb einen Toren gescholten. Denn was konnte es

ihm ausmachen, daß Talbot Chichester sich als der große Esel, für den

er ihn gehalten, erwiesen hatte?

»Und Sie werden nicht wiederkommen?« sagte Florence.

Sie blickte ihn ungewiß an. »Ich möchte wohl wissen, Herr Leath, ob ich

eine Frage an Sie richten darf?«

»Gewiß dürfen Sie jede Frage an mich stellen. Aber die eine, die Sie

tun wollen, brauchen Sie nicht zu stellen, ich kann sie ungefragt

beantworten. Gehe ich, weil es mir nicht gelungen, das zu tun, was ich

hier tun wollte? Das ist die Frage -- nicht wahr?«

»Ja.«

»Und die Antwort lautet: ›Ja, ich gehe, weil es mir gänzlich mißlungen

ist‹.«

»Es ist Ihnen nicht geglückt, den Menschen, von dem Sie sprachen, --

Robert Bontine, -- aufzufinden?«

»Nein -- ich habe nicht die leiseste Spur von ihm gefunden.«

»Und Sie gehen, weil Sie die Nachforschungen aufgeben?«

»Nein -- ich gehe, um anderswo meine Nachforschungen fortzusetzen, das

ist alles.«

»Es ist seltsam!« Florence zog die Brauen zusammen. »Sie waren so

sicher, daß er hier sei -- so fest überzeugt davon! Sie haben mir nie

gesagt, ob Sie ihn erkennen würden, wenn Sie ihm begegnen sollten.«

»Ihn erkennen? Ich habe ihn nie im Leben mit Augen gesehen!«

»Nein?« Ihr Gesicht verriet grenzenlose Überraschung. »Was ist er Ihnen

denn, Herr Leath?«

»Das, verzeihen Sie, ist mein Geheimnis, Gräfin.«

»Es wird nicht weniger Ihr Geheimnis sein, wenn Sie es mir sagen.

Ich habe kein Recht, Sie darnach zu fragen, das weiß ich wohl -- ich

weiß kaum, weshalb ich es tue. Mich geht es nichts an.« Sie blickte

ihn an. »Nein, sagen Sie es mir nicht, -- Sie haben völlig recht,

es mir abzuschlagen und Ihr Schweigen zu bewahren. Ich bitte Sie um

Entschuldigung. Ich frage Sie nicht.«

Jedem anderen Fragesteller gegenüber würde er stumm geblieben sein; ihr

gegenüber blieb er es nicht. Er sagte es ihr mit zwei Worten. Florence

fragte nicht weiter. Sein Aussehen verbot das. Schweigend reichte

sie ihm zum Abschied die Hand; schweigend hob er sie auf ihr Pferd,

und noch immer schweigend und verwundert ritt sie davon und ließ ihn

allein.

17.

Robert Bontine: Roman · 第 10 / 17 段