»Natürlich nicht,« stimmte ihm Leath gelassen bei. »Ich habe Lady

Agathe allerdings nichts zu sagen, was mich angeht, sondern bin nur der

Überbringer einer Bestellung an sie.«

»Einer Bestellung?«

»Ja, -- einer Bestellung Ihres Mündels.«

»Meines Mündels?«

Das Gesicht des Barons zeigte jetzt Ungläubigkeit anstatt der

namenlosen Wut, die es noch eben zur Schau getragen.

»Ist es möglich, daß Sie von der Gräfin Florence Esmond reden, Herr

Leath?«

»Ich spreche allerdings von der Gräfin Florence.« Das spöttische

Lächeln war jetzt aus Leaths Antlitz verschwunden. Er sprach

mit ruhiger Gelassenheit. »Ich habe Lady Agathe oder, in ihrer

Abwesenheit, Ihnen, Sir Jasper, zu bestellen, daß sie -- die Gräfin --

unglücklicherweise gestern abend von dem Gewitter überrascht worden

ist.«

»Von dem Gewitter? Sie ist in Brentwood Hall geblieben!«

»Nein -- leider nicht. Sie verließ Brentwood Hall kurz vor dem Ausbruch

des Gewitters, in dem Glauben, daß sie noch vorher heimgelangen würde.

Zum Glück brach es nicht los, bis sie fast Lychet Hut erreicht hatte.«

»Lychet Hut? Sie meinen doch nicht das Haus, in dem Sie wohnen?«

»Freilich meine ich das, Sir Jasper. Ich kenne kein anderes, das so

heißt. Und ich preise mich glücklich, daß ich dort war, um der Gräfin

ein Obdach anbieten zu können. Ihre Bestellung --«

»Wollen Sie damit sagen, daß sie dort ist -- seit gestern abend dort

ist?« fragte Sir Jasper barsch.

»Zweifelsohne. Es war unmöglich, daß sie sich dem Unwetter aussetzte.

Selbst wenn ich ihr einen Wagen hätte zur Verfügung stellen können, --

was nicht der Fall ist, -- wäre es nicht ausführbar gewesen. Sie wollte

davon nichts hören, daß ich sie allein ließ, sonst würde ich versucht

haben, auf irgendeine Weise hierherzugelangen, um Sie von ihrem

Aufenthalt in Kenntnis zu setzen. Sie läßt Sie bitten, ihr sofort einen

Wagen zu schicken und ihr Pferd durch einen Reitknecht holen zu lassen.

Das ist alles, womit ich Sie zu behelligen habe. Guten Morgen!«

Er verließ das Zimmer; der Baron stand noch immer bleich und zornbebend

da und umklammerte die Stuhllehne mit einem sonderbaren Ausdruck im

Gesicht, der weder Erstaunen noch Ärger ausdrückte, sondern etwas viel

Schlimmeres.

Draußen berührte plötzlich eine kleine Hand Leaths Ärmel, und als er

sich umwandte, sah er sich Cis gegenüber.

»O, Herr Leath, ich wollte gerade hereinkommen, und habe gehört, was

Sie erzählten! Wie schrecklich für die arme Florence, von dem Gewitter

überrascht zu werden! Aber welch ein Glück, daß Sie da waren! Geht es

ihr heute morgen gut?«

»Hoffentlich; sie ist gerade noch trocken davongekommen; sie schlief

noch, als ich fortging, und daher habe ich sie nicht gesehen,«

antwortete Leath und blickte lächelnd in die hübschen blauen Augen,

während er die freundliche kleine Hand umschlossen hielt. Cis war stets

freundlich zu ihm, besonders seitdem Harry Wentworth angefangen, ihn in

Lychet Hut zu besuchen, während Leath andererseits oft gedacht hatte,

welch ein holdes, liebenswürdiges Schwesterchen sie abgeben würde und

in der Tat auch für Roy abgab!

»Wir glaubten natürlich alle, daß Florence in Brentwood Hall geblieben

wäre. Sonst hätte ich mich wohl halbtot um sie geängstigt. Der Wagen

soll sie gleich nach dem Frühstück holen -- bis dahin muß sie warten,

da ich natürlich mitfahren werde. Sagen Sie ihr das, bitte, Herr Leath.«

»Gräfin Florence erwartet Sie, wie ich weiß,« antwortete Leath

ruhig, »aber ich fürchte, ich kann Ihnen nicht versprechen, ihr

das auszurichten, Fräulein Mortlake. Ich reite nach dem Bungalow.

Vielleicht sind Sie so gut, das Ihrer Cousine zu sagen und mich bei ihr

zu entschuldigen.«

»Natürlich. Aber es ist eigentlich sonderbar, daß Sie nicht nach Hause

zurückkehren, da Sie sie heute morgen noch nicht gesehen haben. Sie

wird Ihnen danken wollen,« meinte Cis. Sie wunderte sich über den

Ausdruck seines ernsten Gesichtes, den sie sich nicht zu erklären

vermochte. »Wollen Sie nicht bleiben, bis Mama herunterkommt? Auch sie

wird Ihnen danken wollen.«

»Dank ist ganz überflüssig,« antwortete Leath in seiner kurzen Art.

»Was ich für die Gräfin getan habe, Fräulein Mortlake, war das mindeste

-- in der Tat das einzige, was ich unter den Umständen für sie tun

konnte. Sie können Ihrer Frau Mutter alles viel besser erzählen, als

ich es vermöchte. Guten Morgen! Hoffentlich wird Ihrer Cousine ihr

kleines Abenteuer nicht schaden.«

Sein Gesicht war ernst und finster, als er das Haus verließ und zu dem

Platze ging, an dem er sein Pferd gelassen.

»Sonderbar!« sagte er zu sich selbst. »Nein, mehr als das --

unerklärlich! Ich bin davon überzeugt, daß mein letzter Verdacht so

unbegründet ist, wie mein erster war. Ich weiß, daß jener Tote, Robert

Mortlake, nicht Robert Bontine war -- nicht gewesen sein kann. Und

dennoch scheint dieser Mensch, sein Bruder, bei meinem bloßen Anblick

einen tödlichen Schrecken zu empfinden! Er kann mich nicht leiden --

hat etwas gegen mich -- das ist wahr! -- Aber ist das hinreichend, um

ein solches Gebaren zu erklären?«

* * * * *

Lady Agathe, die durch ihre Tochter und ihren Gatten -- von ersterer

mit beredtem Wortschwall, von letzterem mit schroffer Kürze -- von dem

Abenteuer ihrer Nichte und ihrem jetzigen Zufluchtsorte in Kenntnis

gesetzt worden, beeilte sich mit dem Frühstück und dem Ankleiden und

fuhr sofort über die Halde nach Lychet Hut. Sie war entsetzt, empört,

bekümmert, erschrocken -- die verschiedenartigsten Gefühle stürmten

auf die sanfte, schlichte Frau ein, für die das Außergewöhnliche immer

etwas Unrechtes war. Die unschuldige Cis, die neben ihr saß, hatte

nicht das geringste Verständnis für die nervöse Unruhe der Mutter. Der

Vorfall war natürlich etwas unangenehm für Florence gewesen, aber nach

ihrer Ansicht doch eigentlich ein ›famoser Spaß‹.

Gräfin Florence, die beim Frühstück saß, das die verwunderte und noch

immer bestürzte Frau Young sorgfältig für sie hergerichtet hatte, hörte

Räderrollen auf der durchweichten Landstraße und sah den Wagen vor

der kleinen Pforte halten, durch die sie am vorhergehenden Abend auf

ihrem erschreckten Pferde geritten. Es war klar, daß sie erwartet, eine

dritte Gestalt neben ihrer Tante und Cousine zu sehen, denn ihr Gesicht

umwölkte sich auf einen Augenblick.

Die Pforte war zu eng, um den Wagen durchzulassen, und Lady Agathe

stieg, auf den Arm des Bedienten gestützt, vorsichtig aus. Cis dagegen

bedurfte keiner Hilfe und lief den schlammigen Pfad hinauf, während

Florence ihr bis an die Tür des Zimmers entgegeneilte und von der

warmherzigen kleinen Cousine mit einer herzlichen Umarmung begrüßt

wurde.

»O Florence, was für ein Abenteuer!« rief Cis und drückte sie innig

an sich. »Und welch ein Glück, daß Herr Leath hier war! Du hättest in

Brentwood bleiben sollen. Wie furchtbar, von dem Unwetter überrascht zu

werden! Als ich Herrn Leath meinem Vater davon erzählen hörte, fiel ich

fast in Ohnmacht.«

»Das wäre unnötig gewesen, Liebste,« meinte Florence lächelnd und

erwiderte den Kuß ihrer Cousine aufs innigste. »Mir hat es nicht

geschadet, wie du siehst. Ist Herr Leath nicht mit euch zurückgefahren?«

»Er wollte nicht. Vielleicht ist Vater wieder wunderlich gegen ihn

gewesen -- ich glaube es fast. Er erzählte mir, er habe dich heute

morgen noch nicht gesehen, und ich meinte, du würdest ihm gewiß gern

danken wollen, aber davon nahm er weiter keine Notiz -- du weißt, was

er für ein sonderbarer, halsstarriger Mensch ist. Er sagte, er wolle

nach dem Bungalow reiten, und bat mich deshalb, ihn zu entschuldigen,

was ich hiermit tue, mein Herz! Welch ein kahles, häßliches Zimmer,

nicht wahr? Wie in aller Welt kann er hier nur allein hausen? Mich

würde es verrückt machen! Dich nicht auch?«

Florence antwortete nicht. Lady Agathe kam langsam den Gartenpfad

herauf, und sie hatte einen Blick auf ihr blasses, verstörtes Gesicht

geworfen. Mit schnell gerunzelten Brauen wandte sie sich nach ihrer

Cousine um.

»Cis, was fehlt Tante? Sie sieht aus, als hätte sie geweint.«

»Ach, ich weiß nicht! Sie hat sich sehr aufgeregt,« meinte Cis

inkonsequent.

Lady Agathes Eintritt verhinderte Florence, die plötzlich bleicher

geworden, an einer Antwort. Sie ging der Eintretenden mit blitzenden

Augen entgegen.

»Es tut mir leid, Tante Agathe, daß du dich zu so ungewöhnlich früher

Stunde herausgemacht hast! Es wäre genug gewesen, wenn Cis mich

abgeholt hätte, wenn es nötig war, daß überhaupt jemand kam. Nimm

diesen Korbstuhl -- er ist sehr bequem; ich habe gestern den ganzen

Abend darin gesessen.«

»O, liebes Kind, weshalb bist du nicht in Brentwood geblieben, wie wir

natürlich angenommen haben?«

»Weil ich eigensinnig und tollkühn war und geglaubt habe, ich würde

vor Ausbruch des Gewitters heimgelangen,« antwortete Florence kurz.

Sie stand in aufrechter Haltung da; ihre grauen Augen blitzten. »Ich

gebe zu, daß es töricht war, den Versuch zu unternehmen. Ist Onkel

Jasper deshalb so schrecklich böse? Er sollte doch meine Unbesonnenheit

gewohnt sein!«

»Deshalb natürlich nicht, liebes Kind!« Lady Agathes Kummer war zu groß

-- sie begann zu weinen. »Du mußt doch verstehen, wie ich es meine,

Florence. Du bist kein Kind mehr, obwohl du so unbesonnen bist. Du

mußt wissen, daß dein Hierbleiben, in diesem elenden Hause, bei Herrn

Leath -- einem Menschen nebenbei, von dem niemand irgend etwas weiß,

besonders, wo dein Onkel ihn so gar nicht leiden kann, -- nicht --

nicht --«

»Passend war!« ergänzte Florence kalt. »Das schien Herr Leath ebenfalls

zu finden. Wenigstens sagte er es mir.«

»Er sagte es dir?« wiederholte Lady Agathe entsetzt.

»Ja. Ich war sehr böse darüber, aber er scheint die Sache richtiger

aufgefaßt zu haben als ich. Er wollte durchaus in das Unwetter hinaus

und mich hier lassen; er wollte nach dem Bungalow. Ich willigte ein,

obgleich ich es ebenso albern und überflüssig fand, wie ich es jetzt

noch finde. Aber wir entdeckten, daß sein dienstbarer Geist nicht hier

sei: das Gewitter hatte ihn in St. Mellions zurückgehalten. Da wollte

ich ihn nicht gehen lassen; mir war bange, hier allein zu bleiben.«

»Seine Dienerin -- die Person, die die Haustür aufmachte -- war nicht

hier?« rief Lady Agathe.

»Nein. Bis zum Morgen, wo sie wiederkam, war niemand hier -- niemand

außer uns beiden,« antwortete Florence. Sie war jetzt sehr blaß; ein

Lächeln, das sehr verschieden von ihrem gewöhnlichen Lächeln war,

spielte um ihre Lippen. Cis blickte sie fast erschrocken an.

»Ach, großer Gott!« jammerte ihre Mutter mit schwacher Stimme. »Es ist

sogar noch schlimmer, als ich geglaubt habe, Florence. O, sieh nicht so

böse aus, liebes Herz! Du weißt, ich mache dir keine Vorwürfe -- ich

denke nur daran, was die Leute sagen werden. Und in Rippondale wird so

viel geklatscht -- das weißt du recht gut! Natürlich ist es nicht deine

Schuld, daß du hierher kamst, aber du hättest nicht bleiben sollen --

wirklich nicht.«

Florence verteidigte noch einmal ihre Handlungsweise und die des Herrn

Leath. Sie bebte vor Zorn und Ärger und verletztem Stolze. Bei einem

Blick auf sie brach Lady Agathe aufs neue in Tränen aus.

»Du mußt doch wissen, daß ich nur deinetwegen so besorgt und bekümmert

bin,« rief sie schluchzend aus. »Ach, es ist eine unleidige Geschichte!

Ich hoffe nur, daß sie der Herzogin nicht zu Ohren kommt. Und mir ist

bange; es wird ganz unmöglich sein, sie vor Chichester geheimzuhalten!«

»Ganz unmöglich! Ich selbst will sie, wenn nötig, Chichester erzählen.«

»Er ist so merkwürdig -- so eigen,« jammerte Lady Agathe, »und

unglücklicherweise -- ich muß sagen, es war sehr unrecht und

unvorsichtig, mein Kind -- haben dich die Leute mit diesem Herrn Leath

auf der Halde sprechen sehen. Chichester erwähnte es erst gestern gegen

mich und schien sehr verstimmt darüber, und was er sagen wird, wenn er

von dieser --«

Sie brach ab. Florence, die nicht mehr ertragen konnte, wandte sich mit

jäh ausbrechender Heftigkeit zu ihr.

»Was kann er zu sagen wagen?« rief sie. »Was kann irgend jemand, sei

es Mann oder Weib, über mich zu sagen wagen? Wir haben genug der Worte

verloren, Tante Agathe -- mehr als genug -- ich will nicht mehr hören!«

Lady Agathe war zu erschrocken, um weiter zu reden. Sie weinte auf der

Rückreise nach Turret Court in ihrer Wagenecke leise vor sich hin,

während die kleine Cis ihr gegenüber blaß und bekümmert aussah und

Florence, die mit bleichen Wangen und zornigen Augen aufrecht dasaß,

kein Wort sprach. --

15.

Als Everard Leath Turret Court verlassen, war er geraden Weges über

die Halde nach dem Bungalow geritten. Es führte ihn kein besonderer

Grund dorthin; er hatte nur das unbestimmte Gefühl, daß es besser

sei, er kehre nicht in seine Behausung zurück, bis Gräfin Florence

sie verlassen und die unglückselige Episode vorüber sei. Obwohl er

sich immer wieder sagte, daß er sich der Macht der Umstände hatte

fügen müssen, daß die Sache nicht zu vermeiden gewesen, so ertappte

er sich doch fortwährend auf dem peinlichen Gedanken, daß Chichester

beschränkt, argwöhnisch und ein Narr sei, und sagte sich, daß, wenn er

hätte voraussehen können, was geschehen würde, er sich lieber die Hand

abgehackt hätte, als auf die Halde zu gehen, wo er wußte, daß er dort

Florence Esmond begegnen konnte.

Er bog in den Garten des Bungalow ein, ließ ein Pferd in Joes Obhut und

ging auf das Haus zu. Überall waren auch hier die Spuren des Unwetters

sichtbar -- die Blumen waren alle verregnet und geknickt, der Kies war

aus den sauber gehaltenen Wegen hinweggeschwemmt. Herr Sherriff stand

in der Veranda und schüttelte beim Anblick der Verwüstung traurig den

Kopf. Aber sein mildes altes Gesicht hellte sich beim Näherkommen des

jungen Mannes auf, und er reichte ihm mit einem Lächeln die Hand. Dann

fragte er nach einem Blick in die ernsten Züge des anderen:

»Ist irgend etwas nicht in Ordnung, Leath?«

»Ich weiß nicht --,« er hielt inne, »vielleicht ist es besser, ich

erzähle Ihnen die Sache, obwohl es eigentlich nicht meine Absicht war.

Aber ich weiß, daß Sie so viel von ihr halten, und --«

»Von ihr?« fiel ihm der Alte verwundert ins Wort. »Von wem?«

»Von Gräfin Florence.«

»Gräfin Florence?«

»Ja. Das arme Kind hatte keine Schuld, und weiß der Himmel, ich auch

nicht. Wenn Sie hereinkommen wollen, so will ich Ihnen alles erzählen.

Dabei wird mir vielleicht leichter ums Herz.«

Sie gingen in das trauliche Wohnzimmer, in dem wie gewöhnlich Stapel

von Büchern umherlagen, und während der alte Herr sich setzte, stellte

sich Leath an das offene Fenster und gab einen kurzen Bericht der

Vorfälle des gestrigen Abends. Sherriff strich beim Zuhören sinnend

über seinen langen weißen Bart.

»Sie nehmen die Sache zu ernst, Leath,« sagte er sehr entschieden,

als der andere zu Ende war. »Wirklich, mein lieber Junge, Ihre

Furcht, irgend jemand könnte glauben, daß das arme Kind durch

den Vorfall kompromittiert sei, scheint mir, ehrlich gestanden,

durchaus übertrieben zu sein. Sie konnten sie doch nicht ins Unwetter

hinausjagen, noch in ihrer Angst allein lassen!«

»Sie mögen recht haben,« gab Leath bedrückt zu. »Um ihretwillen hoffe

ich es. Aber Chichester ist ein Narr.«

»Ein so großer doch kaum.«

»Ich weiß nicht recht. Er ist sehr empfindlich, stolz, argwöhnisch,

voll engherziger Vorurteile. Sie gehört ihm, ist sein Eigentum, und

jeder Makel, der auf sie fällt, fällt auf sein eigenes kostbares

Selbst. Ich mag mich ja irren, aber ich wiederhole es -- mir ist bange

davor.«

»Damit wollen Sie doch nicht sagen, daß Sie glauben, Herr Chichester

könne das zum Vorwand nehmen, seine Verlobung zurückgehen zu lassen?«

fragte der alte Herr ungläubig.

»Das vielleicht kaum. Für einen solchen Esel halte ich ihn doch nicht.

Aber er könnte unklug genug sein, argwöhnische Anspielungen ihr

gegenüber zu machen, ihr vielleicht eine Strafpredigt zu halten, und

was in dem Falle geschehen würde, können wir uns beide denken. Sie

besitzt ein leicht erregbares Temperament und ist namenlos stolz. Sie

selbst wird die Verlobung auflösen.«

»Wenn er das tun sollte -- ja, allerdings. Aber das,« fuhr der alte

Herr gelassen fort, »würde kaum ein Unglück sein, so wie ich es ansehe,

Leath. Ich habe, wie Sie wissen, die Partie nie für eine passende

gehalten, oder nie geglaubt, daß sie durch diese Heirat glücklich

werden würde.«

»An und für sich kein Unglück -- nein!« Der junge Mann schritt unruhig

im Zimmer auf und nieder. »Aber begreifen Sie denn nicht, Herr

Sherriff, welche Wirkung das haben wird -- welche Wirkung auf sie? Der

Grund wird ruchbar werden -- das muß er, und obgleich sie ist, wie und

was sie ist -- kann es möglicherweise ihren Ruf zugrunde richten!«

Die fassungslose Bestürzung in Sherriffs Antlitz verriet, daß ihm diese

Ansicht der Sache ebenso neu wie unwillkommen sei. Im Augenblicke

wußte er nichts zu erwidern. Er fuhr mit der mageren Hand über sein

weißes Haar und sagte endlich: »Mein lieber Junge, wir tun Chichester

vielleicht schweres Unrecht.«

»Ich glaube nicht.« Leath wurde rot. »Zufällig weiß ich, daß ich bei

ihm nicht gut angeschrieben bin und daß es meinetwegen schon einen

Wortwechsel zwischen dem Brautpaar gegeben hat.«

Sherriff antwortete nicht; sein sorgenvolles Gesicht wurde noch

ernster. Leath stieß ein zorniges Lachen aus.

»Und selbst das ist noch nicht alles, denn ich glaube nicht, daß es

in ganz St. Mellions einen Menschen -- sei es Mann, Weib oder Kind

-- gibt, der nicht weiß, daß Sir Jasper Mortlake aus irgendeinem

unbekannten Grunde mich nicht leiden kann. Ich weiß, daß er gelobt hat,

ich solle sein Haus nie wieder betreten. Er ist ihr Vormund, und das

wird ebenfalls ins Gewicht fallen. Heute morgen, als ich nach Turret

Court kam, um ihnen zu sagen, wo sie sei, da --. Aber still davon! Wäre

er ein jüngerer Mann, so hätte ich ihn, glaube ich, niedergeschlagen.

Selbst so hätte ich es fast getan, wenn ich dies alles für sie nicht

vorausgesehen und gefürchtet hätte, die Sache noch schlimmer zu machen.«

Wiederum sagte Sherriff nichts, Leath schritt ruhelos auf und nieder,

ehe er wieder anhub:

»Ich weiß eigentlich nicht recht, weshalb ich Sie mit diesem allem

behellige, aber es hat mein Gemüt erleichtert, mich auszusprechen. Die

Frage ist nun -- was soll ich tun?«

»Tun?« wiederholte der Alte beklommen. »Ich -- ich verstehe Sie nicht

recht, Leath. Was sollten Sie tun?«

»Soll ich fortgehen -- diese Gegend verlassen? Ich habe gedacht, das

würde vielleicht am besten sein. Was meinen Sie dazu?«

»Ich glaube, das würde ich jetzt noch nicht tun,« antwortete der

Gefragte nach einigem Sinnen. »Warten Sie, bis Sie sehen, was

Chichester tut. Ihr sofortiges Verschwinden könnte wie Davonlaufen

aussehen. Ein paar Tage lang wenigstens würde ich nichts tun und mich

ganz ruhig verhalten.«

»Das ist Ihr Rat?«

»Ja, das täte ich an Ihrer Stelle.«

»Dann will ich ihn befolgen. Vielleicht haben Sie recht. Aber sobald

ich kann, will ich von hier fort. Je eher, desto besser.«

»Sie wollen Ihre Wohnung aufgeben?«

»Ja. Wenn ich sie nie genommen, würde dies alles nicht geschehen sein.

Mein gewöhnliches Glück!«

Es trat eine kurze Pause ein.

»Leath,« hob Sherriff stockend an. »Sie wissen, daß ich mich nicht in

Ihre Angelegenheiten drängen will -- nichts liegt mir ferner. Aber

da Sie davon reden, fortzugehen, darf ich mir vielleicht eine Frage

erlauben. Sie haben keinen Erfolg gehabt?«

»Nicht den geringsten.«

»Trotz aller Nachforschungen, die Sie, wie ich weiß, in St. Mellions

und der Umgegend angestellt haben, ist es Ihnen nicht gelungen, eine

Spur von Robert Bontine aufzufinden?«

»Nein!«

»Und Sie sind noch nicht entmutigt?«

»Das will ich nicht sagen; es würde unwahr sein. Aber ich werde die

Nachforschungen nie einstellen.«

»Und Sie sind entschlossen, in jedem Falle von hier fortzugehen?«

»Ja. Es war verkehrt, hierherzukommen, und noch mehr, zu bleiben,«

antwortete Leath finster und in bitterem Tone. »Je eher ich fortkomme,

um so besser ist es für mich.«

Sein Mund war herb geschlossen, die Stirn gerunzelt, ein dunkles Rot

stieg in seine gebräunten Wangen. Mit plötzlich verändertem Ausdruck in

den eigenen Zügen stand Sherriff auf und legte dem Freunde die Hand auf

die Schulter.

»Leath,« sprach er, »ich habe damals doch recht gehabt. Sie ist Ihnen

nicht gleichgültig?«

Leath drehte den Kopf, begegnete eine Sekunde dem Blicke des anderen

und sah dann fort.

»Ich bin ein Narr!« sagte er.

Das Schweigen, das eintrat, dauerte lange. Leath brach es. Er raffte

sich aus seinem Brüten auf und wandte sich vom Fenster ab. Hätte der

alte Herr beabsichtigt, auf seine letzten Worte zurückzukommen, so

würde sein Ausdruck ihn davon zurückgehalten haben. Seine unglückliche

und hoffnungslose Liebe zu Florence Esmond sollte ohne ein weiteres

Wort zwischen ihnen begraben sein.

»Ich will jetzt gehen,« sagte er, »Sie haben morgens immer zu tun,

wie ich weiß. Vielleicht wird ein scharfer Ritt meine trüben Ahnungen

verscheuchen.« --

Herr Sherriff konnte seine Gedanken nicht auf seine Arbeit

konzentrieren. So viele Befürchtungen, so viele sorgenvolle Erwägungen

waren seit Jahren nicht auf den alten Mann eingestürmt. Florence Esmond

hatte seit langem seinem Herzen so nahe gestanden, wie eine Tochter nur

hätte stehen können, und er wußte jetzt, daß ihm Everard Leath fast so

teuer wie ein Sohn geworden war.

Sonderbarerweise war es eigentlich nicht der Klatsch, der sie bedrohte,

an den er dachte, während er so traurig dasaß und rauchte, sondern die

aussichtslose Liebe zu ihr, zu der Leath sich bekannt hatte, als er so

rauh gesagt: »Ich bin ein Narr!«

Wie hoffnungslos sie war, wie hoffnungslos sie unter allen Umständen

bleiben mußte, das konnte er, der ihre Fehler sowohl wie ihre Tugenden

so gut kannte, wohl ermessen. Er wußte, was nur die wenigen, die sie

wirklich verstanden, ahnten, daß der Stolz auf vornehme Geburt, auf

Rang und Abstammung nicht stärker entwickelt sein konnte als bei diesem

Mädchen. Und selbst wenn dem nicht so gewesen wäre, so hatte sie in

ihren Unterhaltungen mit ihm niemals aus ihrer Abneigung gegen Everard

Leath ein Hehl gemacht. Und nun mußte er diese unselige Leidenschaft

für sie fassen! Matthias Sherriff seufzte, als er sich dessen erinnerte

und des Schmerzes gedachte, den ihm vor vielen Jahren die eigene

Herzenswunde verursacht hatte. Er war alt, sein Haupt war grau, aber

die Wunde konnte noch immer wehtun.

Es war einige Stunden später -- er hatte noch immer nichts getan, als

in wehmütiges Grübeln versunken in seinem Stuhle zu sitzen, -- da wurde

der Klopfer an der Haustür laut in Bewegung gesetzt.

Ein kurzes Zwiegespräch folgte, das aber zu leise geführt wurde, als

daß er hätte hören können, was gesprochen wurde, und dann näherten sich

dem Zimmer Schritte. Sherriff erhob sich schnell, denn er wußte sofort,

wessen Schritt es war, obwohl es Sir Jasper Mortlake vielleicht kaum

zweimal im Jahre einfiel, den Bungalow zu betreten. Was hatte ihn

hergeführt? Der alte Mann atmete erregt schneller, als sich die Tür des

Zimmers öffnete und der Baron eintrat.

* * * * *

Ungefähr eine halbe Stunde später, als Everard Leath auf dem Heimwege

nach Lychet Hut, nach dem Ritte, durch den er seine erregten Nerven

hatte beruhigen wollen, an der Gartenpforte des Bungalow vorbeikam,

sah er Sir Jasper Mortlake heraustreten und in seinen Wagen steigen,

der gewartet hatte. Ein kurzer Blick in des Barons Gesicht genügte,

um ihn plötzlich zum Stillstehen zu bringen und seinen Herzschlag zu

beschleunigen. Nicht einmal, als sie sich am Morgen in der Bibliothek

von Turret Court gegenüberstanden und er drohend die Hand gegen ihn

erhoben harte, war sein Antlitz bleicher und wutentstellter gewesen als

jetzt. Was war vorgefallen? Was hatte ihn nach dem Bungalow geführt?

In seinem jetzigen Gemütszustande war es ihm unmöglich, ohne Antwort

auf diese Fragen nach Hause zu reiten. Leath sprang, seinem Impulse

folgend, aus dem Sattel und ging ins Haus.

Sherriff stand am Tische; seine gewöhnlich gebückte Gestalt war

aufgerichtet, sein von Natur ruhiges altes Gesicht gerötet und zornig.

Leath fühlte, daß eine unklare Befürchtung ihm selbst das Blut heiß in

die Wangen trieb. Er sagte hastig:

Robert Bontine: Roman · 第 9 / 17 段