Sie nicht leiden, obgleich ich nicht weiß, weshalb. Aber was bleibt ihm
anders übrig -- was kann irgendeiner, der zu mir gehört, anderes tun --
als Ihnen für den Schutz danken, den Sie mir gewährt haben?«
Ihre Wangen erglühten aufs neue, und sie hob hochmütig den Kopf -- er
wußte weshalb.
»Und was mich anbetrifft, wen gibt es, der es wagen würde, mich für
etwas, das ich tue, zur Rechenschaft zu ziehen?«
Ein heftiger Donnerschlag unmittelbar über dem Hause, der es bis in
seine Grundfesten zu erschüttern schien, und ein flammender Blitz,
der gerade zwischen ihnen niederfuhr, machte für den Augenblick eine
Antwort unmöglich. Erst als das letzte Donnerrollen in der Ferne
verklang, hub Leath langsam an:
»Ich fürchte, es war unrecht von mir, so zu sprechen, wie ich
getan habe, denn Sie haben recht: Wer, der Sie kennt, würde sich
herausnehmen, etwas zu bekritteln, was Sie tun? Aber ich hoffe, Gräfin,
Sie wissen, daß das nur geschah, weil ich an Sie und für Sie dachte.«
Sie war vor dem grellen Blitz zurückgewichen und dabei wieder in ihren
Stuhl gesunken. Von dorther antwortete sie ruhig und freundlich,
obgleich auch mit einem Anflug von Kälte:
»Gewiß, davon bin ich überzeugt, Herr Leath!«
»Ich danke Ihnen. Ich muß wegen meiner Dummheit um Entschuldigung
bitten -- es war verkehrt von mir. Allem Anschein nach werden Sie
allerdings heute abend nicht mehr nach Turret Court gelangen können.«
»Das fürchte ich auch. Es tut mir sehr leid.«
»Mir auch, der Aufenthalt hier ist keineswegs so behaglich, wie er sein
könnte.«
Ihr Ton war jetzt förmlich und gezwungen, er dagegen hatte einen
leichten und heiteren angeschlagen.
»Selbst wenn das Gewitter vor Mitternacht vorüber sein sollte, -- und
jetzt sieht es nicht darnach aus, -- ist es rätselhaft, wie Sie ohne
einen Wagen, den ich nicht besitze, über die Halde kommen sollten. Sie
müssen hier bleiben und es sich so bequem wie möglich machen, und ich
will nach dem Bungalow hinübergehen -- das ist die nächste Behausung.
Herr Sherriff wird mir schon ein Unterkommen für die Nacht gewähren.
Daran hätte ich schon eher denken sollen.«
»Nach dem Bungalow?« wiederholte Florence mechanisch. Sie fuhr wieder
von ihrem Stuhl auf.
»Das sollen Sie nicht!« sagte sie entschieden. »Sie wollen den weiten
Weg -- fast dreiviertel Stunden -- in solch einem furchtbaren Gewitter
machen! Sie würden bis auf die Haut durchnäßt -- Sie könnten vom Blitz
erschlagen werden. Ich will es nicht, Herr Leath, -- ich gebe es nicht
zu, -- Sie können unmöglich glauben, daß ich das dulden würde! Und
außerdem würde ich ganz allein sein! Ich könnte es in diesem einsamen
Hause, noch dazu bei diesem Gewitter, nicht aushalten! O, Sie müssen
mich hier nicht allein lassen -- wirklich nicht! Ich glaube, ich würde
vor Angst umkommen, ehe der Morgen anbräche.«
»Nein -- nein -- Sie mißverstehen mich! Glauben Sie mir, es ist mir
nicht eingefallen, Sie allein zu lassen,« antwortete Leath in sanftem
Tone.
Es berührte ihn sonderbar, das Zittern der Hand zu spüren, mit der
sie sein Handgelenk umfaßte, wie dem angstvollen Flehen ihrer Augen
zu begegnen. Dies war nicht Gräfin Esmond, die er zuerst kennen
gelernt, auch nicht die Florence, die er auf der Halde getroffen,
selbst wenn sie in ihrer zutraulichsten, liebenswürdigsten Stimmung
gewesen, sondern ein furchtsames Geschöpfchen, das sich wie ein Kind
schutzheischend an ihn klammerte.
»Es würde mir nicht im Traume einfallen, Sie hier allein zu lassen,«
sprach er beschwichtigend. »Sie kennen die Alte, die für mich sorgt --
Frau Young -- Sie kennen alle Welt in St. Mellions -- Sie werden in
ihrer Obhut sicher geborgen sein.«
»Ja -- ich -- das mag schon sein. Ich hatte sie vergessen.« Sie
ließ seinen Arm los. »Aber, Herr Leath, Sie müssen sich nicht in
dies Unwetter hinauswagen, nur weil ich hier bin. Es ist töricht --
abgeschmackt! Ich kann es wirklich nicht zulassen.«
»Ich bin an Unwetter gewöhnt,« antwortete Leath heiter, »und gegen alle
Unbill der Witterung gefeit. Mir schadet es nicht, bis auf die Haut naß
zu werden, und der Blitz wird mich wohl nicht gerade erschlagen. Sie
werden sich in Frau Youngs Obhut also nicht fürchten?«
»Nein,« stammelte Florence zögernd, »ich glaube nicht, daß ich mich
fürchten würde.«
»Dann müssen Sie mich gehen lassen! In einer halben Stunde bin ich im
Bungalow, und später, wenn das Gewitter nachläßt, will ich nach Turret
Court gehen und Ihre Angehörigen wissen lassen, wo Sie sind. Es ist am
besten so, glauben Sie mir.«
»Gut,« gab das junge Mädchen mit Widerstreben nach. »Trotzdem möchte
ich viel lieber, Sie täten es nicht, Herr Leath. Aber Sie warten
wenigstens, bis der Regen ein wenig nachläßt? Es gießt in Strömen --
hören Sie nur! Und der Blitz -- sehen Sie!«
Der Regen schlug klatschend gegen die Fenster, die Blitze waren noch
ebenso blendend und ebenso häufig, der Donner klang noch ebenso nahe.
Leath machte die Läden zu und zog die Vorhänge zusammen.
»Sie werden weniger ängstlich sein, wenn Sie nicht hinaussehen,« sagte
er. »Ich habe hier eine Menge Bücher; Sie müssen versuchen, sich mit
ihnen die Zeit zu vertreiben, und das Gewitter vergessen. Ich will eine
halbe Stunde warten, ich möchte, wenn es angeht, Ihr Pferd gern sicher
in den Stall bringen, ehe ich fortgehe. Wenn Sie mich entschuldigen
wollen, so will ich Frau Young aufsuchen und Sie ihrer Fürsorge bis
morgen früh empfehlen.«
Er verließ das Zimmer. Florence saß, ohne sich zu regen, und blickte
mit einem bekümmerten Ausdruck in den Augen gerade vor sich hin; dabei
entging es ihr nicht, wie häßlich, wie kahl und schmucklos der ganze
Raum war, ohne etwas Hübsches oder Überflüssiges, außer Haufen von
Büchern von allen Formen, Farben und Größen! Als Everard Leath seine
Wohnung eingerichtet, hatte er augenscheinlich nur an das Notwendigste
gedacht.
Die Tür öffnete sich, und er kam wieder herein. Beim ersten Blick auf
sein Gesicht rief das junge Mädchen unwillkürlich:
»Was ist Ihnen?«
»Es tut mir sehr leid, Gräfin,« sprach er hastig, »ich hatte ganz und
gar vergessen, daß ich Frau Young erlaubt hatte, heute nachmittag
auszugehen, sie ist nicht wiedergekommen. Das Gewitter muß sie
zurückgehalten haben, daran habe ich nicht gedacht!«
13.
Die beiden standen sich einen Augenblick gegenüber und sahen sich an,
Leath mit düsterem, verstörtem Antlitz, während Florences Züge nur
Erstaunen bekundeten. Dann trug ihr munteres Temperament und ihre
Empfindung, daß die Situation wirklich etwas sehr Komisches hatte,
plötzlich über ihre augenblickliche Fassungslosigkeit den Sieg davon.
Es zuckte schelmisch um ihre Lippen, ihre Augen blitzten -- sie brach
in ein silberhelles Lachen aus.
»Frau Young sitzt wahrscheinlich wohlgeborgen in den Chichester Arms?«
»Vermutlich.«
»Und in dem Falle wird sie nicht zurückkommen?«
»Nicht vor morgen früh, fürchte ich.«
»Ich kenne sie und sage: sicherlich nicht! Es tut mir sehr leid, Herr
Leath; ich weiß, daß ich Ihnen schrecklich im Wege bin, aber Sie können
mich doch nicht an die Luft setzen.«
»Es wäre das letzte, was mir in den Sinn kommen würde.«
»Und es ist ebenso unmöglich, daß Sie fortgehen und mich hier allein
lassen -- ich würde mich zu Tode ängstigen.«
»Ich fürchte, es geht nicht. Ich würde es nicht gegen Ihren Willen tun.«
»Ich danke Ihnen. Wir müssen uns also, so gut es geht, in das
Unvermeidliche finden, nicht wahr?«
»Ja -- das müssen wir wohl.«
Ihre Befangenheit war verschwunden: ihre Stimme klang nicht mehr
beklommen; in ihrem Lächeln lag keine Verlegenheit; ihm aber war die
Sache noch immer peinlich und unbehaglich. Florence sah es, runzelte
die Stirn und ging dann entschlossen ans Werk, seine Besorgnisse zu
verscheuchen. Als sie auf ihn zutrat, dachte sie bei sich selbst, daß
sie sehr nahe daran sei, ihn schließlich doch leiden zu mögen. Sie
fühlte, wie ihr das Blut heiß in die Wangen stieg, obgleich sie sich
die größte Mühe gab, nicht rot zu werden.
»Bitte, machen Sie sich keine unnötigen Sorgen mehr,« sagte sie
freundlich, »wir sind beide das Opfer der Umstände.« Sie lachte munter
auf. »Ich bin doch nicht die verfolgte Heldin oder Sie der abgefeimte
Schurke des Schauerdramas? Wir sind nur ein paar ganz gewöhnliche
Sterbliche, die verständigerweise nicht Lust haben, in den Wasserfluten
zu ertrinken. Sagten Sie nicht, Sie wollten versuchen, es meiner Stute
für die Nacht behaglich zu machen? Wenn Sie mir den Weg zeigen wollen,
so kann ich Ihnen vielleicht helfen, zum Beispiel das Licht halten.
Aber ich fürchte, Sie müssen ihr die Augen verbinden, wenn Sie sie
nach dem Stall bringen. Es blitzt noch ebensooft wie vorher, und sie
ängstigt sich schrecklich.«
Sie schritt auf die Tür zu. Leath blieb nichts anderes übrig, als sein
Unbehagen zu verbergen, sich in das Unvermeidliche zu finden, so gut
er konnte, und ihr zu folgen. Er nahm sie mit in die Küche, wo er das
Pferd gelassen, und während sie das noch zitternde Tier streichelte
und liebkoste, nahm er ihm behutsam den Sattel ab. Dann warf er einen
großen wasserdichten Kutschermantel über, verband der Stute die Augen
und führte sie hinaus. Florence stand in der offenen Tür und hielt eine
Lampe hoch empor, um ihm zu leuchten. Der Donner war nicht mehr ganz
so nahe, aber die Blitze flammten noch unaufhörlich, der Regen goß in
Strömen herab, der Garten war in einen Morast verwandelt und der Pfad
in einen Bach.
Als Leath wieder ins Haus zurückging, nachdem er die Stute in dem
Stand neben seinem eigenen Pferde untergebracht hatte, das es mit
jedem Rosse, das in den Stallungen von Turret Court oder Highmount zu
finden war, aufnehmen konnte, spritzte das Wasser hoch über die hohen
Reitstiefel, die er trug, empor. An ein Überschreiten der Halde war
heute abend nicht zu denken, das lag auf der Hand!
Die Lampe, die Florence für ihn gehalten hatte, stand auf dem Tische,
als er wieder in die Küche trat, aber sie selbst war nicht dort. Er
entledigte sich seiner Stiefel und seines Regenmantels und ging ins
Wohnzimmer zurück. Sie stand am Tische; er sah, daß sie sich ihm
lebhaft zuwandte.
»Wie lange das gedauert hat!« meinte sie. »Ich fing schon an zu
glauben, Sie hätten mir Ihr Wort gebrochen und wären fortgegangen. Ist
die Stute ruhig?«
»Völlig -- und gut versorgt. Ich bin zum Glück kein schlechter
Reitknecht.«
»Es ist sehr lieb von Ihnen, daß Sie sich so viel Mühe gemacht haben.«
Sie war wirklich dankbar, denn Orange Lily war ihr besonderer Liebling,
und sie schenkte ihm ein Lächeln, das jeden Mann belohnt haben würde.
»Hat der Regen nachgelassen?«
»Kaum. Es ist gut, daß das Haus hoch liegt, sonst würden wir Gefahr
laufen, überschwemmt zu werden.«
Sie blickte ihn mit verändertem Ausdruck an.
»Wissen Sie, Herr Leath, daß Ihre Uhr eben acht geschlagen hat?«
»Ist es schon so spät? Nein -- das wußte ich nicht. Sind Sie müde?«
»Gar nicht! Müde um acht Uhr? Aber ich bin schrecklich hungrig. Wissen
Sie wohl, daß ich gar nicht zu Mittag gegessen habe?«
»Auf mein Wort, daran habe ich gar nicht gedacht! Ich muß um
Entschuldigung bitten! Frau Young gibt mir mein Essen gewöhnlich
mittags, und --«
»Und abends ein Abendbrot!« fiel Florence schnell ein. »Ja, das meinte
ich. Ich wollte nur sagen, daß es wohl Zeit zum Abendessen sein müsse.
Zeigen Sie mir die Speisekammer und wo Sie Ihr Tischtuch und Ihre
Teller aufbewahren, und ich will Ihnen helfen.«
Wieder blieb ihm nichts anderes übrig, als sich zu fügen und ihr zu
folgen, obgleich sie sich draußen in der Küche viel gewandter als er im
Auftreiben des Tischtuches und alles sonstigen Erforderlichen erwies.
Messer, Gabeln, Löffel, Teller, Gläser und Plattmenage -- sie fand sie
alle und lachte mit drolligem Vergnügen über ihre eigene Pfiffigkeit
und vor Freude über die ungewohnte Beschäftigung; ihr fröhliches Lachen
war einfach unwiderstehlich.
»Es ist wie ein Picknick,« erklärte sie lustig, »ich finde es famos!
Eigentlich ist es ein Spaß, daß Frau Young nicht hier ist, sonst
hätte sie dies alles getan. Wissen Sie wohl, daß ich wirklich glaube,
ich möchte arm sein -- das heißt arm genug, um mich mitunter selbst
bedienen zu müssen?«
»Ich bezweifle, daß es Ihnen gefallen würde,« antwortete Leath
geradezu. Er selbst hatte nicht viel mehr getan, als ihr zugesehen,
wie sie im trüben Lampenschein durch die Küche huschte, und die
verschiedenen Gegenstände, die sie ihm mit allerhand Anweisungen
reichte, gehorsam auf ein Teebrett gestellt.
»Nach acht oder vierzehn Tagen, Gräfin, würden Sie wohl anderer Ansicht
werden.«
»O, das weiß ich doch nicht recht! Wirkliche Armut ist natürlich
schrecklich --«
»Das ist sie!« fiel er ihr mit bitterem Auflachen ins Wort, und sein
Gesicht wurde plötzlich finster, »davon kann ich mitreden, sie ist mir
mein Leben lang zur Seite geblieben, bis vor etwa zwei Jahren.«
»Aber das meinte ich nicht,« fuhr Florence fort, »nur, daß ich glaube,
es lebt sich freier und leichter ohne so viel Geld und so viel
Würde und so viel Dienerschaft. O, das ist mitunter sehr lästig, die
Versicherung kann ich Ihnen geben -- jedenfalls empfinde ich es als
eine Last. Ich glaube, wir haben jetzt alles, nicht wahr? Tragen Sie
das Teebrett; ich nehme das Tischtuch, und wir wollen den Tisch decken.«
Der Tisch wurde im Triumph gedeckt; dann ging es in die Speisekammer,
und der größere Teil ihres Bestandes wurde auf einem anderen Teebrett
in das Wohnzimmer befördert. Als sie eine Schale mit Rosen als letztes
mitten auf den Tisch gestellt hatte, betrachtete Florence ihr Werk mit
drolligzufriedener Miene.
»Es sieht wirklich sehr nett aus,« meinte sie. »Wenn Sie kein
schlechter Reitknecht sind, Herr Leath, so darf ich wohl sagen, daß ich
kein schlechtes Stubenmädchen abgeben würde. Dort ist Ihr Platz, bitte,
und hier sitze ich, denn ich glaube nicht, daß ich Enten zerschneiden
könnte, ebensowenig, wie ich imstande wäre, sie zu braten.«
»Das würde peinlich sein, wenn Sie arm wären, nicht wahr?« fragte Leath
trocken, während sie sich setzte und er gehorsam seinen Platz einnahm.
Er sprach ernst, aber sein Gesicht hatte seinen verstörten Ausdruck
verloren -- er drängte alle unangenehmen Erwägungen entschlossen
zurück. Für den Augenblick konnte er nichts anderes tun, als die Wonne
ihrer Nähe auf sich einwirken zu lassen und auf ihre heitere Stimmung
einzugehen, so gut er konnte.
»Bah! Nur ein Weilchen! Ich würde mir ein Kochbuch kaufen und es
lernen. Dabei fällt mir ein, daß ich jetzt wunderschönen Kaffee machen
kann; deshalb bat ich Sie, den Kessel auf die Spiritusmaschine zu
setzen. Nach dem Abendessen wollen wir Kaffee trinken.«
Das Gewitter tobte noch mit fast unveränderter Heftigkeit weiter, als
sie nach einer Weile in die Küche zurückkehrte, um Kaffee zu kochen,
und auch noch nach mehr als einer Stunde, als Florence plötzlich ein
Gähnen nicht zu unterdrücken vermochte, während sie sich in ihren
großen Korbstuhl zurücklehnte.
»Ich glaube, ich werde müde,« sagte sie, »und es ist doch erst zehn
Uhr! Sie müssen das auf Rechnung meiner ungewohnten Anstrengung setzen,
den Kaffee zu machen und das Abendbrot herzurichten. Aber daran ist
mein Mangel an Übung schuld, wissen Sie.« Sie blickte lachend zu ihm
hinüber. »Sie haben Orange Lily in ihren Stall gebracht; jetzt muß ich
Sie, glaube ich, bitten, mir meinen zu zeigen!«
»Sofort, wenn Sie müde sind. Es ist das Zimmer an der anderen Seite --
quer über dem Vorplatz. -- Hoffentlich machen Sie sich nichts daraus,
daß es im Erdgeschoß liegt?«
»Nicht im mindesten.« Sie hielt zögernd inne.
»Aber das ist Ihr Zimmer, nicht wahr?«
»Es ist das einzige im Hause, außer diesem, ausgenommen die Küche und
Frau Youngs Dachstübchen, wo ich Sie entschieden nicht unterbringen
kann.«
Er lachte, denn mit einer grimmigen Grimasse schüttelte sie bei der
Erwähnung der Bodenkammer den Kopf. »Es tut mir sehr leid, daß meine
Behausung räumlich so beschränkt ist, Gräfin.«
»Das glaube ich gern -- und zwar, daß es Ihnen um Ihrer selbst willen
leid tut, da ich Sie so ohne Umstände aus Ihrem Gemache vertreibe.«
Sie besaß zu viel Takt, um Einwendungen zu machen -- sie nahm die
Dinge, wie sie lagen.
»Und was wollen Sie tun, Herr Leath? Wohl mit einer Decke Ihr
Nachtlager auf der Chaiselongue aufschlagen?«
»Ja, das ist meine Absicht.«
»Ich fürchte, das wird schauderhaft unbehaglich für Sie werden!«
»Wenn Sie wüßten, wie oft ich im Freien übernachtet habe, so würden Sie
das nicht denken.« Er stand auf und trat an einen Seitentisch. »Sollten
Sie nicht schlafen können oder sich in der Nacht ängstigen, so tröste
Sie der Gedanke, daß ich Sie hiermit beschirme.«
»O!« Sie wich vor dem Revolver, den er ihr entgegenhielt, zurück.
»Haben Sie das gräßliche Ding immer bei sich, und geladen?«
»Freilich. Ich tat es in Queensland, wenn ich draußen kampierte,
und da dies Haus ziemlich einsam liegt, habe ich dies Paar immer in
Bereitschaft. Es ist gut, vorsichtig zu sein. Sie würden sich sicherer
fühlen, wenn Sie einen mit in Ihrem Zimmer hätten.«
»Ich sollte ein solches Ding mitnehmen? O, nicht um die Welt!« --
Unwillkürlich wich sie noch weiter zurück. »Ich wäre bange, es nur
anzurühren, und wenn ich jemand erschösse, so würde vermutlich ich
selbst es sein. Außerdem fürchte ich mich nicht, wenn Sie hier sind.
Weshalb sollte ich auch?«
»Weshalb, in der Tat?«
Mit einem seltsamen Lächeln, das sie nicht sah, legte er den Revolver
nieder.
Sie hatte sich jetzt ebenfalls erhoben und sah ihm zu, während er ein
Licht herbeiholte und es für sie anzündete.
»Herr Leath,« sagte sie unsicher, »-- und morgen früh?«
»Ja?« fragte er, als sie zögernd innehielt.
»Sie werden nicht sehr früh nach Turret Court gehen, um ihnen zu sagen,
wo ich bin, und daß sie mir den Wagen schicken möchten?«
»Nicht, ehe Frau Young kommt. Dann aber, sobald ich kann. Ist Ihnen das
recht?«
»O ja!« Sie blickte von ihm fort. »Ich wollte nur vorschlagen, daß es
besser wäre, wenn Sie nach Lady Agathe anstatt nach Sir Jasper fragten.
Und wenn Sie zu früh kommen, so wird sie noch nicht unten sein.«
Sie hatte ganz vergessen, wie sie ihm in ihrem Ärger und ihrer
Verwunderung mit dürren Worten gesagt hatte: »Sir Jasper kann Sie
nicht leiden!« und errötete jetzt in peinlicher Verlegenheit bei dem
Gedanken, er könne durchschauen, weshalb sie diesen Vorschlag mache,
denn sie ahnte nicht, daß er ebensoviel wußte, wie sie ihm sagen
konnte. Er verstand das und antwortete vorsichtig, damit sie solche
Kenntnis nicht bei ihm voraussetzen sollte:
»Ich hätte sowieso nach Lady Agathe gefragt. Es freut mich, daß es das
Richtige gewesen sein würde. Vielleicht könnte ich vorschlagen, daß
Fräulein Mortlake Sie mit dem Wagen abholte? Was meinen Sie dazu?«
»O, Cis wird sicherlich kommen.« Sie ergriff das Licht. »Ich danke
Ihnen, Herr Leath. Nun will ich Ihnen gute Nacht wünschen.«
»Ich werde Ihnen den Weg zeigen.«
Er ging mit ihr über den schmalen Korridor, machte die Tür auf und ließ
sie eintreten.
»Ich will hier einen Augenblick warten,« sagte er ruhig, »während Sie
Umschau halten, ob Ihnen irgend etwas fehlt. In dem Falle kommen Sie
und sagen es mir, damit ich es Ihnen bringen kann, wenn es hier zu
beschaffen ist.«
Es fehlte an nichts, und nach einem Weilchen steckte sie den Kopf durch
die Tür, ihm das zu sagen, gab ihm die Hand und wünschte ihm Gutenacht.
Dann machte sie die Tür zu, und er kehrte wieder ins Wohnzimmer zurück,
wo er gleich darauf die Lampe auslöschte und sich aufs Sofa streckte,
den Revolver dicht neben sich, wie er manch liebes Mal unter dem weiten
blauen australischen Himmel getan. --
Ein fast ebenso blauer Himmel grüßte ihn, als er am nächsten Morgen
erwachte -- das Gewitter war ganz vorüber, und die Sonne schien hell.
Er stand leise auf und horchte an der Schlafstubentür, aber außer
Gräfin Florences leichtem Atmen, das sein scharfes Ohr vernahm, ließ
sich drinnen kein Laut hören. Sie schlief anscheinend. Er schob den
Riegel der Haustür vorsichtig zurück, damit er sie nicht störe, und
verbrachte die Zeit, die bis zu Frau Youngs Eintreffen verging, damit,
im Sonnenschein auf und ab zu gehen.
So hell und warm die Sonne auch schien, denn sie stand schon hoch, --
ihm hatten die ersten Nachtstunden keinen Schlummer gebracht, und er
hatte viel länger als sonst geschlafen, -- so hatte sie doch die nassen
Spuren des Gewitters noch lange nicht aufgetrocknet. Der Weg, in dem er
auf und nieder schritt, war ein rieselnder Bach; eine große Wasserlache
stand jenseits der Pforte; die Gartengewächse, Blumen sowohl wie
Gemüse, lagen ganz verregnet, beschädigt und geknickt da. Einmal blieb
Leath stehen und sah sich um.
»Da sie überhaupt hier Zuflucht gesucht,« sagte er laut, »freut es
mich, daß das Gewitter so heftig gewesen. Ja -- je schlimmer es war,
desto besser.«
Frau Young erschien bald darauf und war sehr verwundert, ihren
Herrn ihrer wartend zu finden. Sie erging sich in wortreichen
Entschuldigungen über ihr Ausbleiben am vorigen Abend. Leath schnitt
ihr ohne Umstände das Wort ab, führte sie in die Küche und setzte sie
dort von Gräfin Florences Anwesenheit in Kenntnis. Dann frühstückte
er hastig im Stehen, sattelte sein Pferd und schlug den Weg nach
Turret Court ein. Er ritt im schlanken Trabe, denn ihm lag daran,
die unangenehme Aufgabe, die er vor sich hatte, möglichst schnell zu
erledigen.
Nachdem er, so rasch es der Zustand der durchweichten Wege gestattete,
an seinem Bestimmungsorte angelangt war, fragte er pflichtschuldigst
nach Lady Agathe. Der Diener, der den frühen Besuch verwundert
anstarrte, wußte nicht gewiß, ob die Gräfin schon unten sei, und
ersuchte ihn, näherzutreten und zu warten, während er sich erkundigte.
Leath trat in das bezeichnete Zimmer und wurde dort allein gelassen.
Es war die Bibliothek, und er schaute sich voll Interesse um. Bei dem
einen unglücklichen Besuch, den er Turret Court abgestattet, war der
Speisesaal das einzige Zimmer gewesen, das er betreten. Dies Gemach
gefiel ihm besser: groß und hoch, war es ein schöner Raum.
Nachdem er einen allgemeinen Überblick gewonnen, trat er an eines der
Bücherregale und musterte die Titel der dort aufgereihten Bände. Da
öffnete sich die Tür, und er wandte sich um. Aber nicht Lady Agathe,
sondern Sir Jasper selbst trat ein.
War ihm die Bestellung gemacht worden, oder hatte er einfach seine
Frau den Mann nicht empfangen lassen wollen, dem gegenüber er es für
gut befunden, eine bittere und durch nichts veranlaßte Abneigung zur
Schau zu tragen? Beide Fragen legte sich Leath vor, während er sich
umwandte. Beide wurden sofort beantwortet. Sir Jasper hatte nichts von
seiner Anwesenheit in dem Zimmer gewußt, denn als ihre Augen sich
begegneten, trat ein Ausdruck der Wut, des Staunens und -- ja, war
es des Schreckens? -- in sein glattes, schönes Antlitz. Sein jähes
Erblassen ließ allerdings auf ein Erschrecken schließen.
Er stieß einen heiseren Wutschrei aus und sprang mit erhobener Hand auf
den anderen zu, als wolle er ihn niederschlagen.
14.
Everard Leath wich vor des Barons erhobener Hand und seinem
wutverzerrten, erstaunten, erblaßten Antlitz nicht zurück. Seine eigene
Verwunderung hielt ihn gleichsam im Bann, aber selbst wenn dem nicht
so gewesen, würde er keine ausweichende Bewegung gemacht haben. Er
hätte es in jedem Falle mit dem schlanken, grauköpfigen älteren Manne
in seinem tadellos sitzenden schwarzen Überrock aufnehmen können. Es
lag ebensoviel spöttische Belustigung wie kühles Erstaunen in seinem
Ausdruck. Sir Jasper hielt inne und ließ die Hand sinken.
»Was -- was wollen Sie?«
Die Worte wurden hervorgestoßen, als seien Zunge und Kehle trocken,
aber Leaths Antwort erfolgte umgehend. Seine Belustigung stieg.
»Nichts von Ihnen, Sir Jasper -- nicht einmal an die Luft gesetzt zu
werden. Ich komme nicht in eigener Angelegenheit und auch durchaus
nicht zu meinem Vergnügen. Und gestatten Sie mir die Bemerkung, daß
ich nicht nach Ihnen gefragt habe. Ich wünschte Ihre Frau Gemahlin zu
sprechen.«
»Meine Frau?« wiederholte der andere langsam. Er sprach noch ebenso
heiser und undeutlich, schien sich aber Mühe zu geben, seine Fassung
wiederzuerlangen. Ein Stuhl stand neben ihm, und er legte eine Hand
auf die Lehne, um sich zu stützen. »Ich -- ich begreife nicht, Herr
Leath,« sagte er in seiner gewohnten, hochfahrenden Art, »was Sie
meiner Frau zu sagen haben können.«