Welch wundervoller Mond? Und schlug nicht dort eine Nachtigall?«
Talbot Chichester würdigte sie keiner Antwort. Florence war sich
vollkommen bewußt, wie finster sein Antlitz war, und sie begann leise
hinter ihrem Fächer zu singen. Plötzlich ließ sie ihn sinken, lehnte
sich zurück und blickte mit einem Ausdruck drolliger Zerknirschung zu
ihm empor.
»Ich bin ein wahrer Kobold,« sagte sie, »das denke ich oft -- wirklich.
Ich habe dich eben geneckt, bis ich dich fast böse gemacht habe, und
doch wirst du nicht leicht böse. Weshalb habe ich das nur getan? Aus
reiner Bosheit, glaube ich. Gib mir eine Ohrfeige dafür, wenn du
willst!«
Sie beugte sich lachend etwas näher zu ihm. Chichester rührte das
hübsche Ohr nicht an. Er lächelte ein wenig gezwungen und begnügte sich
damit, ihr die Hand auf die Schulter zu legen.
»Meine liebe Florence, ich gestehe, ich möchte dich etwas ernster und
vernünftiger in dieser besonderen Sache sehen. Ja, wenn ich offen meine
Meinung aussprechen soll, in vielen Sachen.«
»Was wohl heißt, daß ich gräßlich oberflächlich bin?« Sie blickte ihn
mit funkelnden Augen an.
»Ich würde nicht ›gräßlich‹ sagen.«
»Nicht? Aber ich. Ja, ich bin ein oberflächliches, törichtes,
leichtsinniges Geschöpf, und du bist ein ernster, gesetzter,
verständiger Mann. Wir sind grundverschieden, und ich weiß, daß ich
dich hin und wieder schrecklich langweilen muß. Und wir sind verlobt --
wollen unser ganzes übriges Leben miteinander verbringen!«
Sie entzog ihm die Hand, stand auf und lehnte sich an die Gardine.
»Ist dir je der Gedanke gekommen, Talbot, daß wir gar nicht zueinander
passen könnten?« fragte sie, zu ihm aufblickend.
»Aber, liebe Florence!« wandte er in einem halb nachsichtigen, halb
ungeduldigen Ton ein.
Sie sah ihn sinnend an. »Ich glaube, ich würde an deiner Stelle mir
mein Wort zurückgeben.«
»Dir dein Wort zurückgeben?« Er war so grenzenlos überrascht, daß er
ihre Worte ganz mechanisch wiederholte, während er sie fassungslos
anstarrte.
»Ja -- ich würde es wirklich tun. Weshalb nicht? Mit mir ist nicht
leicht fertig zu werden, und du liebst ein ruhiges Leben. Wir könnten
es ›nach gegenseitiger Übereinkunft‹ tun, wie man sagt. Das ist besser
als gegenseitige Uneinigkeit hinterher. Dir würde es das Herz brechen,
weißt du, und was mich anbetrifft -- nun, ich habe keines zu brechen!
Ich will an die Herzogin schreiben und ihr sagen, daß es allein meine
Schuld ist. Soll ich?«
Sie hielt die linke Hand empor und zeigte den blitzenden Ring. »Er
sitzt sehr lose -- er würde in einem Augenblick abzustreifen sein.
Sieh!«
Ihre Stimme hatte den munteren, scherzenden Ton behalten, aber es
klang ein seltsamer, halb rührender Ernst hindurch. Er ergriff ihre
Hand und schob den Ring mit festem Druck wieder an seinen Platz. Er
sah verdrießlich aus und gab sich keine Mühe, seine Verstimmung zu
verbergen.
»Mein liebes Kind, bitte, sei nicht albern! Du bist heute abend
wirklich kindischer denn je. Zum Glück fällt es mir nicht im Traume
ein, dich ernst zu nehmen. Wenn du nicht aufgelegt bist, über unsere
Hochzeit zu sprechen, so will ich dich jetzt nicht durch ein weiteres
Eingehen auf die Sache ärgern. Laß uns von etwas anderem reden! Was
lasest du eben? Gedichte, glaube ich.«
»Ja.«
Mit völlig verändertem Tone wandte sie sich von ihm und sank apathisch
wieder in ihren Stuhl, während er den zerlesenen braunen Band aufnahm,
den sie hatte fallen lassen.
»Es sind Adam Lindsay Gordons Gedichte.«
»Adam Lindsay Gordon? Ich entsinne mich des Namens gar nicht.«
»Vielleicht hast du ihn noch nie gehört. Er ist ein australischer
Schriftsteller. Herr Leath hat mir das Buch geliehen.«
»Leath?«
Chichester runzelte die Stirn und legte das Buch nieder. »Du meinst
doch nicht meinen Mieter -- Leath, der in Lychet Hut wohnt?«
»Ja, ich kenne keinen anderen Leath,« sagte das Mädchen kurz.
»So? Aber ich verstand, daß Sir Jasper ihn nicht leiden könne, und daß
er hier nicht verkehrt?«
»Das tut er auch nicht, aber ich habe ihn mehrmals im Bungalow gesehen
und bin ihm hin und wieder auf der Halde begegnet. Er scheint dort
ebensogern umherzuschlendern wie ich.«
»Auf der Halde? Aber, meine liebe Florence, er hat es doch sicherlich
nicht gewagt, dich dort anzusprechen?«
Blick und Ton ließen eine innere Unruhe erkennen; sein glattes
schönes Gesicht wurde rot. Florence schaute ihn mit einem Ausdruck
gleichgültiger Verwunderung an.
»Wir haben uns dort unterhalten, wenn du das meinst,« sagte sie in
nachlässigem Tone, »ich weiß aber nicht, wer von uns die Initiative
ergriffen hat. Vielleicht bin ich es gewesen. Ich glaube, ich muß es
wohl gewesen sein, auf jeden Fall das erstemal. Er spricht sehr gut,
und seine Unterhaltung fesselt mich. Heute morgen brachte er mir dies
Buch! Ich hatte geäußert, daß ich es gern sehen möchte.«
»Du hattest eine Verabredung mit ihm getroffen?«
»Nein -- das nicht. Er hatte gesagt, er wolle es mitbringen, auf die
Möglichkeit hin, daß ich da sein würde. Ich hatte nichts zu tun und
ging hin. Einige der Gedichte sind sehr gut. Du solltest sie lesen.«
»Es war eine große Unverschämtheit von ihm, über die ich mich
außerordentlich wundere.«
Er sagte dies sehr zornig, und sie blickte ihn über ihren Fächer hinweg
an, während der halb belustigte, halb spöttische Ausdruck auf ihrem
Antlitz deutlicher hervortrat.
»Mit mir zu sprechen, wenn ich ihn anredete, nachdem ich ihn mehrmals
hier und anderswo getroffen hatte? Oder mir ein Buch zu bringen, das
ich gern sehen wollte?« fragte sie kalt. »Ich kann nicht sagen, daß ich
mit dir übereinstimme, Talbot. Du hättest doch wohl nicht gewollt, daß
ich ihn ohne Grund geschnitten hätte?«
»Gewiß nicht -- nein!« Sein ungewohnter Ärger legte sich. »Aber,
meine liebe Florence, ich bin, wie du weißt, kein Freund davon,
einen vertraulichen Verkehr zwischen den verschiedenen Klassen zu
begünstigen. Das ist nach meiner Ansicht einer der verhängnisvollen
Fehler unserer Zeit. Du hast ohne Zweifel nicht genug darüber
nachgedacht, sonst würdest du diesen Herrn Leath nicht ermutigt haben,
als er sich zum erstenmal unterstand, dich anzureden. Ich bin überzeugt
davon, daß du das in Zukunft nicht wieder tun wirst.«
»Du meinst, ich sollte ihn nicht mehr kennen?« fragte das Mädchen.
»Ich bin für ein artiges Benehmen gegen unter uns Stehende. Aber,
bitte, laß ihn nicht wieder auf der Halde mit dir reden! Ja, ich muß
das dringend von dir fordern. Und ich darf vielleicht hinzusetzen, daß
die Tatsache der großen Abneigung, die Sir Jasper gegen ihn hat --«
Er brach ab. Florence entfuhr ein leiser Ausruf der Verwunderung.
Der Teppich war so dick, und die Schirmlampen erhellten den großen
Raum so wenig ausreichend, daß keiner von ihnen das fast geräuschlose
Näherkommen des Barons gewahr geworden, und es war kein geringer
Schreck, seine hohe Gestalt unmittelbar vor sich zu sehen. Er blickte
von einem zum anderen.
»Ich glaubte, ich hörte meinen Namen nennen,« sagte er. »Meine große
Abneigung wogegen, wenn ich fragen darf?«
Seine Stimme hatte ihren schärfsten, spöttischsten Ton; seine kalten
grauen Augen hingen an dem Gesicht seines Mündels. Wäre der Blick nicht
gewesen, so hätte Florence ihrem Verlobten vielleicht die Antwort
überlassen; aber es verdroß sie, und sie gab sofort schroff und schnell
zurück -- vielleicht in dem Augenblick nicht ganz ohne die Absicht,
ihren Verlobten zu ärgern:
»Talbot sprach von Herrn Leath, und ich gab meiner Verwunderung darüber
Ausdruck, weshalb du es dir in den Kopf gesetzt hast, ihn nicht leiden
zu mögen, Onkel Jasper!«
»Leath?« Seine Augen wanderten von einem zum anderen, dann lachte er.
»Sie müssen Mangel an Gesprächsstoff haben, Chichester, wenn Sie den
jungen Menschen zum Gegenstand Ihrer Unterhaltung machen! Oder sagten
Sie vielleicht, daß Sie es bedauerten, meinem Rate nicht gefolgt zu
sein und ihm Ihr Haus vermietet haben? Nun, ich habe Sie gewarnt --
vergessen Sie das nicht.«
»Ich erinnere mich sehr wohl, daß Sie das getan. Aber als Mieter habe
ich mich über Leath nicht zu beklagen,« gab Chichester mit verwundertem
Blick zur Antwort, denn er war ein ehrlicher und streng gerechter Mann,
und Sir Jaspers Warnung war ihm wie unverständlich.
»Ich habe bis jetzt keinen Grund, es zu bedauern, daß ich ihm das Haus
vermietet, ja, ich sage sogar, daß er, so viel ich weiß, ein durchaus
anständiger Mensch ist.«
»Der wahrscheinlich hier am Orte bleiben wird?«
»Das vermute ich -- bis sein Mietsvertrag abläuft. Er hat mir indessen
zu verstehen gegeben, daß er sich hier wahrscheinlich nur eine Zeitlang
aufhalten würde.«
»Weshalb nur eine Zeitlang? Was kann er in einem Orte wie St. Mellions
zu tun haben?« fragte der Baron in demselben schroffen, kurzen Tone. Er
war dicht an das offene Fenster getreten und stand halb im Zimmer, halb
draußen, den beiden anderen den Rücken zuwendend.
»Ich habe ihn wirklich nie gefragt! Ich dachte an eine geschäftliche
Angelegenheit.«
»Eine sehr wichtige Angelegenheit,« warf Florence leicht dazwischen.
Sie hatte keinen anderen Beweggrund, als die Absicht, ihren Vormund
zu ärgern, wie sie vorhin ihren Verlobten geärgert und geneckt hatte.
»Herr Leath ist nach St. Mellions gekommen, um jemand zu suchen, Onkel
Jasper.«
»Was?«
Er fuhr zusammen und stand dann wie erstarrt.
»Um jemand zu suchen,« wiederholte Gräfin Florence gleichmütig. »Er hat
es mir erzählt. Und der Jemand ist ein Mann. Apropos, er hat mir eine
Frage gestellt, die ich an dich richten möchte. Kennst du einen Robert
Bontine, oder hast du den Namen je gehört?«
»Nein!«
Er trat wieder auf die Terrasse hinaus. Florence folgte ihm mit den
Augen.
»Das habe ich mir schon gedacht. Nun, er ist nach St. Mellions
gekommen, um den Mann aufzusuchen. Wenn du mich fragst, weshalb,
so muß ich gestehen, daß ich das nicht weiß; aber er beabsichtigt,
ihn aufzufinden, und ich glaube, es wird ihm gelingen. Ich sagte
ihm, ich hätte den Namen nie gehört, und erzählte ihm, der einzige
Robert, der zu uns in Turret Court in Beziehung stände, sei dein
verstorbener Bruder, Onkel Jasper. Es ist natürlich ihn höchsten Grade
unwahrscheinlich, aber ich dachte, ich wollte dich fragen, -- ich muß
gestehen, es interessiert mich ein wenig, -- ob du je einen Namen
Robert Bontine gehört hättest?«
Sir Jasper hatte sich noch weiter aus dem Bereich des Fensters
entfernt. Aus der linden Sommernacht klang seine Stimme langsam und
scharf zurück.
»Ich kenne keinen Robert außer meinem verstorbenen Bruder. Ich habe den
Namen Robert Bontine niemals gehört.«
12.
Es war ein außerordentlich heißer, drückender Tag gewesen. Seit
dem Morgen hingen drohende Wolken tief am Himmel und verhüllten
die Bergkuppen; über ihnen stand die Sonne wie eine strahlenlose,
dunkelrote Feuerkugel; nicht der mindeste Lufthauch regte sich auf
der Halde; die See rauschte nur leise plätschernd gegen das Gestade.
In der Atmosphäre hatte jene beängstigende Schwüle gelegen, die einem
heraufziehenden Gewitter voranzugehen pflegt.
Die Dämmerung brach mit fast tropischer Plötzlichkeit herein. Everard
Leath, der allein in seinem Wohnzimmer in Lychet Hut saß, blickte
erschrocken auf, als jäh ein schwarzer Schatten auf die Seite des
Buches fiel, die er gerade umschlug. Er legte den Band nieder und
trat, die Zigarre zwischen den Lippen, an das eine der beiden weit
offenstehenden Fenster. Das Zimmer reichte von einem Ende des Häuschens
zum andern, und von diesem Fenster blickte man quer über den Garten
nach dem Fahrwege hinüber, der nach Lychet Hook führte.
»Bei Gott, es wird gleich losbrechen!« sagte er halblaut vor sich hin.
Er wartete. Durch das schwere Gewölk zuckten grelle Blitze, auf die
ein leises, dumpfes Donnergrollen folgte; der Wind erhob sich in
heulenden Stößen, und dann rauschte und prasselte der Regen plötzlich
wolkenbruchartig herab. Als Leath an das zweite Fenster eilte, um es
zu schließen, da der Regen von jener Seite kam, wurde das fast dunkle
Zimmer durch helle, blaue Blitze erleuchtet, und der Donner krachte
immer näher.
»Schlimmer noch als am Tage meiner Ankunft,« sagte er wieder vor sich
hin. »Aber diesmal hat es nicht an warnenden Vorboten gefehlt. In
diesem Unwetter möchte ich nicht auf der Halde sein. Die Leute, die
behaupten, daß man sein Lebtag an die Rippondaleschen Gewitter denkt,
haben recht. Dort ist wahrhaftig noch jemand unterwegs!«
Der Hufschlag eines Pferdes, obwohl durch das Toben des Wetters
übertäubt, tönte jetzt vernehmlich genug von der Landstraße herüber,
wenn auch die Biegung des Weges Leath noch nicht erkennen ließ, wer es
war, der dort nahte. Im nächsten Augenblick sprengten Roß und Reiterin
durch die offenstehende Pforte quer durch den Garten und verschwanden
um die Ecke des Hauses.
Mit einem lauten Ausruf ungläubigen Staunens stürzte Leath auf die
Tür zu, riß sie auf und kam doch, trotz seiner Hast, kaum rechtzeitig
genug, um Florence Esmond aufzufangen und zu stützen, als sie aus dem
Sattel sprang.
»Sie müssen mich hierbleiben lassen,« rief sie keuchend, während sie
sich an seinen Arm klammerte und taumelnd nach Atem rang. »Und die
Stute auch, sie hat sich geängstigt, ich habe fast die Herrschaft über
sie verloren. Hätte sie noch weiter gemußt, so würde sie ganz und gar
mit mir durchgegangen sein.«
»Natürlich -- natürlich!«
Er faßte nach dem Zügel des erschreckten, sich bäumenden Tieres. »Gehen
Sie, bitte, hinein, Gräfin, und lassen Sie mich die Tür schließen. Sie
müssen bis auf die Haut durchnäßt sein.«
Sie lief ins Haus. Leath führte das zitternde Pferd hinein, machte
die Tür zu und führte die Stute durch den schmalen Korridor in die
mit Steinfliesen gepflasterte Küche hinter dem zweiten Zimmer, die
die andere Seite der einzigen Behausung bildete. Lychet Hut besaß
einen Stall, aber er lag jenseits des Gartens, und bei einem solchen
Wolkenbruch auch nur die paar Meter zu gehen, konnte nicht in Frage
kommen. Einige Augenblicke verbrachte er damit, -- was er sehr gut
verstand, -- das am ganzen Leibe bebende, in Schweiß gebadete Tier zu
beschwichtigen und zu beruhigen, und kehrte dann ins Wohnzimmer zurück.
Die kurze Zeit hatte für Florence ausgereicht, sich dort schon fast
heimisch zu fühlen. Ihr Hut und ihre Stulphandschuhe lagen auf dem
Tische; sie schüttelte die Regentropfen von ihrem Reitkleide und
wischte sie sich mit dem Taschentuche von Schultern und Armen. Mit
einem Lachen blickte sie sich um, als Leath eintrat.
»Dies soll ein neuer Patent-Tuchstoff sein,« sagte sie, »der keinen
Tropfen Wasser durchläßt. Hoffentlich bewährt er sich, obwohl ich nicht
glaube, daß der Verkäufer sich auch für eine Sintflut verbürgte.«
»Ich hoffe, Sie sind nicht sehr naß?«
»Nein -- dazu hatte ich keine Zeit. Ich war ganz in der Nähe, als der
Regen anfing, und bekam nur den ersten Guß. Wie geht es Orange Lily?«
»Der Stute? Ganz gut -- ich habe sie beruhigt.«
»Das arme Geschöpf hat sich so geängstigt! -- Es war ein Glück, daß mir
Lychet Hut einfiel, und daß Sie hier wohnen! Ich würde nie und nimmer
über die Halde gekommen sein!«
»Allerdings nicht. War es nicht recht unvernünftig, sich ins Freie zu
wagen? Das Gewitter stand schon seit einigen Stunden am Himmel.«
»Vielleicht. Aber -- o, was für ein Blitzstrahl! Sehen Sie! Ist es
nicht wundervoll?«
Sie wandte sich dem Fenster zu, und er mit ihr. Über ihnen krachte
der Donner wahrhaft betäubend; der Regen goß in Strömen herab,
zackige Blitze zuckten durch die nachtschwarzen Wolken, der Horizont
erschien auf Augenblicke wie ein loderndes, blaues Flammenmeer. Im
Schein der Blitze sah er Florence mit weitgeöffneten Augen und fest
aufeinandergepreßten Lippen, bleich, mit angehaltenem Atem dastehen.
Leath trat einen Schritt auf sie zu.
»Sie ängstigen sich doch hoffentlich nicht?« fragte er in sanftem Tone.
»Sonst ängstige ich mich nicht; ich habe unsere Gewitter gern. Aber das
heutige hat etwas Furchtbares, nicht wahr? Man könnte fast glauben, die
ganze Atmosphäre stände in Flammen! Es freut mich, daß ich nicht allein
bin.«
»Soll ich die Fensterläden vorlegen?«
»Nein, lieber nicht.«
»Dann müssen Sie sich setzen.«
Er rollte einen großen Lehnstuhl herbei, in den sie sich mechanisch
niederließ. »Es muß wenigstens bald vorüber sein,« meinte er, »so kann
es nicht lange fortgehen.«
»Ganz so schlimm nicht -- aber vor zwei oder drei Uhr morgens wird es
kaum vorüber sein. Unsere Gewitter dauern gewöhnlich ziemlich lange,
besonders wenn sie sich langsam zusammengezogen haben wie dieses.«
Leath fuhr mit einem unwillkürlichen Stirnrunzeln zusammen und blickte
sie unruhig an. Ihre Stimme hatte gelassen und unbefangen geklungen,
und ihr Antlitz war ihm abgewandt, während er in das Unwetter
hinausblickte. Es trat eine Pause ein, während der keiner von den
beiden sprach. Dann trat er an den Tisch.
»Es ist fast dunkel,« bemerkte er ruhig. »Es wird Ihnen gemütlicher
sein, Gräfin, wenn ich die Lampe anzünde.«
Er zündete die Lampe an und kehrte dann wieder zu ihr zurück; ehe er zu
sprechen anhub, beobachtete er ein Weilchen, wie ihr lichtes Haar im
gelben Lampenschein erglänzte. Ihr Liebreiz war ihm der bezauberndste,
holdseligste, auf dem seine Augen jemals geruht, obgleich er sich
streng sagte, daß er mit Frauenschönheit nichts zu schaffen habe.
»Sie wollten mir erzählen, wie es gekommen, daß Sie ausgeritten?« sagte
er. »Sie kamen also von Lychet Hook!«
»Ja, -- ich war nach Brentwood Hall geritten. Ich habe Marion Lockyer,
Lady Brentwoods Nichte, mit der ich seit unserer Kinderzeit sehr
befreundet bin, sehr lieb. Marion, die auf einige Zeit aus Schottland
zum Besuche eingetroffen, schrieb mir heute morgen und bat mich, zu ihr
zu kommen. Das tat ich denn auch, und das erklärt die Sache.«
Nichts hätte ungezwungener, freimütiger und herzlicher sein können als
ihr Ton und ihr Benehmen. Von jener ›Höflichkeit gegen Untergebene‹,
die Herr Chichester so gnädig geruht zu billigen, war nichts zu spüren.
»Aber es ist keine Erklärung dafür, daß Sie den Heimritt gewagt,
sollte ich denken. Wäre es nicht vernünftiger gewesen, wenn Sie dort
geblieben?«
»Ohne Frage, so wie sich die Dinge gestaltet haben.« Sie lachte. »Lady
Brentwood wollte mich natürlich dort behalten, aber ich glaubte, ich
würde noch vor Ausbruch des Gewitters nach Hause gelangen. Ich muß doch
wohl nicht so wetterkundig sein, wie ich gedacht habe.«
»Ich fürchte, man wird sich in Turret Court um Sie ängstigen.« Sein
Benehmen verriet noch eine gewisse Unruhe, sein Ton war kurz und
trocken und bildete den denkbar größten Gegensatz zu dem ihren.
»Ach nun -- sie werden annehmen, daß ich dort geblieben! In Brentwood
Hall wird man sich um mich ängstigen. Aber es ist einzig und allein
meine eigene Schuld. Ich wollte durchaus fort und nicht einmal einen
Reitknecht mitnehmen. Töricht -- nicht wahr?«
»Sehr! Sie hätten bleiben sollen!«
Die Worte wurden mit einer schroffen, scharfen Strenge gesprochen, an
die Gräfin Florence Esmond durchaus nicht gewöhnt war. In solchem Tone
hatte er noch nie zu ihr geredet. Aber sie nahm es nicht übel; der
Blick, den sie ihm zuwarf, war halb belustigt und halb verwundert; --
welch peinliche Bestürzung und Ratlosigkeit ihn ihretwegen marterte,
davon hatte sie noch nicht die leiseste Ahnung.
»Sie sind nicht sehr liebenswürdig, Herr Leath!« Sie verzog schmollend
die Lippen, aber sie war dem Lachen viel näher als dem Ärger. »Es war
zu schlimm, Ihr Haus so buchstäblich im Sturme zu nehmen, das weiß ich,
aber trotzdem brauchen Sie nicht so auszusehen, als wünschten Sie mich
dahin, wo der Pfeffer wächst.«
»Ich wollte allerdings, Sie wären in Brentwood Hall geblieben!«
»Das scheint so.«
Sie war so ahnungslos über den Grund seines Stillschweigens und der
ungeduldigen Bewegung, die er machte, daß sie nur noch schelmischer
lachte.
»Ich muß gestehen, daß Sie weder sehr gastfrei noch sehr dankbar sind,«
meinte sie vorwurfsvoll und schmollte wieder. »Sie wissen, daß ich
Ihnen Schutz gewährte.«
»Ich weiß. Das werde ich nie vergessen.«
Er durchmaß das Zimmer ruhelos, dann kam er zurück und blickte mit
unruhigem, unentschlossenem Ausdruck in den Zügen in ihr lächelndes
Antlitz nieder. »Gräfin, Sie müssen wissen, daß Sie absichtlich die
Wahrheit verkennen, wenn Sie so tun, als glaubten Sie, daß Sie mir
nicht tausendmal willkommen sind, daß ich nicht mit Freuden alles und
jedes für Sie täte, was in meiner Macht steht! Aber hier dürfen Sie
nicht bleiben!«
»Nicht hier bleiben? O, das muß ich aber.« Sie setzte sich in ihrem
Stuhle aufrecht und blickte ihn mit verwunderten Augen an -- sie
war aufrichtig erstaunt und überrascht; sie verstand ihn nicht im
mindesten. »Sehen Sie doch nur -- hören Sie nur! Kann ich in diesem
Unwetter über die Halde reiten? Nicht um die Welt täte ich das --
nicht, wenn ich ein Dutzend Leute bei mir hätte!«
»Nein -- ich weiß -- ich weiß!« Er machte eine Handbewegung nach
dem Fenster hin, gegen das der Regen mit unverminderter Heftigkeit
schlug, und sein Gesicht verdüsterte sich noch mehr. »Ich weiß, es ist
augenblicklich unmöglich,« sagte er. »Das meinte ich nicht. Aber das
Gewitter kann vorüberziehen: in einer Stunde kann alles vorbei sein.«
»Vielleicht -- aber nicht wahrscheinlich. Und die Landstraße wird in
einen wahren Morast verwandelt sein -- wie immer nach einem unserer
Gewitter. Es tut mir sehr leid, Herr Leath, aber ich fürchte, Sie
werden mich bis zum Morgen hier behalten müssen.«
»Es ist unmöglich, Kind!« In seiner Ratlosigkeit und Gereiztheit
stampfte er mit dem Fuße; ihr unschuldiger Eigensinn und ihre arglose
Gelassenheit trieben ihn fast zur Verzweiflung, obgleich er sich trotz
allem einer Empfindung bitterer Lustigkeit nicht erwehren konnte.
Aus ihren letzten Worten klang es wie verwundeter Stolz, wie eine
Regung schmerzlichen Ärgers, was die Sache nur noch schlimmer machte.
Sie war augenscheinlich nahe daran, böse auf ihn zu werden. »Es ist
ausgeschlossen, daß Sie hier bleiben,« sprach er. »Was würden sie in
Turret Court denken?«
»Nichts, wie ich schon sagte. Sie werden glauben, ich sei bei
Brentwoods geblieben.«
Sie war noch zu bestürzt und erstaunt, um zornig zu werden; in dem
Antlitz, das zu ihm aufblickte, lag nicht das leiseste Verständnis
für die Situation. Aber als sie seinen Augen begegnete, errötete sie
plötzlich bis zu den Haarwurzeln und wich, nach Atem ringend, zurück.
»Ich glaube gar, Sie halten es für unpassend!« rief sie ungläubig, »und
meinen, sie werden böse sein, weil ich hier bei Ihnen bin!«
»Ich befürchte allerdings, daß Ihr Hiersein Sir Jasper und Lady Agathe
verdrießen wird.«
Er wagte nicht weniger und nicht mehr zu sagen, als sie ihn mit ihren
großen, weitgeöffneten, empörten Augen anblickte.
»Aber es ist so töricht -- so lächerlich! Keiner von uns ist doch
schuld an dem Gewitter! Und konnte ich anders, als hierherkommen, und
konnten Sie sich weigern, mich aufzunehmen? Kann einer von uns dem
Regen und den Blitzen Einhalt gebieten? Böse? Wie können sie böse sein?
Weshalb sollten sie? Wie kann irgend jemand darüber böse werden?«
Er hätte ihr sagen können, wer, denn er dachte an Talbot Chichester,
ihren Verlobten, an den sie bisher noch mit keinem Gedanken gedacht. Er
hatte den namenlosen Stolz, die kleinliche Empfindlichkeit, die leicht
verletzte Eigenliebe des Besitzers von Highmount wohl durchschaut,
und erst am gestrigen Tage hatte ihm Roy Mortlake eine spöttische
Schilderung entworfen über die Einwendungen, die ›der alte Chichester‹
gegen die Begegnungen und Unterhaltungen auf der Halde erhoben. Die
kleine Cis hatte das, was ihre Cousine ihr halb grollend, halb lachend
über das bewußte Gespräch mitgeteilt, ihrem Bruder wieder berichtet.
»Nein, nein,« versetzte er hastig, »nicht auf Sie! Ich weiß, daß das
ausgeschlossen ist. Und hätten Sie überall, nur nicht hier, Schutz
gesucht, so hätte es nichts geschadet. Aber ich nehme mir wohl nicht
zu viel heraus, wenn ich sage, daß ich in Turret Court nicht gut
angeschrieben bin.«