sein. Ich weiß es nicht.«
»Was ist er denn?«
»Der schlimmste Feind, den ich oder die Meinen je gehabt.«
»Suchen Sie ihn denn, um Rache an ihm zu nehmen?«
»Ich suche ihn, um Recht zu erlangen.«
»Recht für wen?«
»Für die Lebenden und die Toten.«
»Wissen Sie denn, daß er hier ist?«
»Ich weiß, daß er hier war.«
»Vor langer Zeit?«
»Vor vielen Jahren.«
»Und mehr wissen Sie nicht -- nicht einmal seinen Namen?«
»Ja, den weiß ich, oder, wenn nicht seinen Namen, so doch den, den er
einst führte. Es ist mein einziger Leitfaden. Sie meinten vorhin, Sie
könnten mir vielleicht helfen, -- Sie mögen recht haben. Kennen Sie --
haben Sie jemals den Namen Robert Bontine gehört?«
»Bontine?« wiederholte Sherriff sinnend. »Nein -- meines Wissens habe
ich den Namen niemals gehört.«
»Das wissen Sie bestimmt?«
»So bestimmt, wie es in solchen Fällen möglich ist. Wenn ich den Namen
je gehört habe, so hat er sich meinem Gedächtnis nicht eingeprägt.
Aber der Name ist eigenartig, und mein Gedächtnis ist gut -- ich
halte es kaum für wahrscheinlich, daß ich ihn vergessen haben
sollte.« Er schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte er dann entschieden.
»Unglücklicherweise kann ich Ihnen nicht helfen, Leath. Ich habe den
Namen Robert Bontine nie gehört.«
10.
Gräfin Florence hatte im Gespräch mit ihrem Verlobten Lychet Hut einmal
als eine Ruine bezeichnet. Das war zwar übertrieben, aber doch nicht
allzu sehr. Sie hatte die Behausung auch einsam genannt, und das war
durchaus nicht übertrieben.
Das Haus lag auf der Halde, am Wege nach Lychet Hook, fast eine halbe
Stunde von St. Mellions entfernt, und zwischen ihm und dem Dorfe
standen keine Häuser. Es war ein winziges Häuschen mit einem Strohdach
und enthielt nur zwei geräumige Zimmer zu ebener Erde, eine Bodenkammer
und eine Küche. Es war vor ungefähr zehn Jahren nach eigenem Plane
von einer alten, unverheirateten Dame erbaut worden, die ebenso
wunderlich wie reich war und von der allgemein angenommen wurde, daß
sie infolge einer unglücklichen Liebe der Menschheit entsagt habe. Wie
dem auch gewesen sein mochte, so lebte sie dort bis zu ihrem Tode in
strenger Zurückgezogenheit nur mit einer Dienerin, die ebenso alt und
verschroben war wie sie selbst. Dann hatte Chichester die Wohnung für
eine lächerlich kleine Summe von ihren Erben erstanden und war trotzdem
nicht auf seine Kosten gekommen, denn es hatte sich nie wieder ein
Mieter für das Haus gefunden.
Jetzt hatte Everard Leath es bezogen, und obschon er seit drei Wochen
darin hauste, hatte man in St. Mellions noch nicht aufgehört, sich über
den ›sonderbaren Herrn aus Australien‹ zu wundern.
Chichester, der, wie Gräfin Florence ihn mit Recht genannt hatte,
der beste Hauswirt war, den man sich nur wünschen konnte, hatte alle
notwendigen Ausbesserungen vornehmen lassen, und Leath selbst hatte
sich nach Market Beverley begeben und sich dort einfache Möbel und
Haushaltungsgegenstände bestellt, die er nach wunderlicher eigner
Methode selbst aufgestellt hatte. Darauf hatte er eine ältliche Witwe,
eine Schwägerin Buckstones, des Wirts der Chichester Arms, in seinen
Dienst genommen, um für ihn und seine Bedürfnisse zu sorgen, und
dann sich in der abgelegenen Behausung häuslich niedergelassen, als
beabsichtige er den Rest seines Lebens dort zu verbringen. Und über
ihn, über seinen Hausstand und sein Benehmen im allgemeinen verwunderte
man sich in St. Mellions höchlichst.
Aber nach drei Wochen war es ihm gelungen, sich mehr oder weniger
beliebt zu machen, trotz der halb argwöhnischen, halb belustigten
Neugier, mit der er angesehen wurde -- und zwar nicht nur von den
Dörflern. Der Bungalow war nicht länger das einzige Haus, in dem er
verkehrte.
Er hatte die Bekanntschaft des gutmütigen Pfarrers gemacht, ebenso
die des Doktors und seiner zahlreichen Familie; auch mit Bedloc, dem
klugen kleinen Advokaten -- ja, fast mit jedem war er bekannt geworden.
Und obgleich keine zweite Einladung nach Turret Court erfolgte und
Sir Jasper ihn, als er einmal auf der Halde an ihm vorbeigeritten
war, kaum gegrüßt hatte, so fand sich doch Roy Mortlake oft in Lychet
Hut ein, mit gänzlicher Nichtachtung des herrischen Verbots, das sein
Vater gegen seine Besuche erhoben, und mehr als einmal war auch Harry
Wentworth bei ihm gewesen.
Mitunter auch, zu Pferde oder zu Wagen, auf der Halde und auf den
Feldwegen und einmal im Wohnzimmer des Pfarrhauses war Leath mit
Florence und ihrer Cousine zusammengetroffen. Cis war ihm bei dieser
Gelegenheit recht freundlich begegnet, -- die Besuche ihres Verlobten
in Lychet Hut waren ihr kein Geheimnis, -- Florence huldvoll,
aber weniger herzlich. Sie war mehrere Male im Bungalow bei Herrn
Sherriff gewesen, seitdem Leath ausgezogen, hatte ihn aber zufällig
niemals getroffen. Obwohl er nicht selten in ihre Felsenhöhle in der
Klippenwand hinabstieg und eine Zigarre rauchte, während er finster
auf das Meer hinausschaute, hatte er sie niemals dort gesehen. Einmal
hatte er auf der untersten der drei unebenen Felsstufen ein blaues Band
gefunden, das wohl von ihrem Kleide abgerissen sein mochte, das war
aber auch alles. Vielleicht hielt sie sich absichtlich fern. Jedenfalls
glaubte er das.
Bewußt oder unbewußt stand sie so für ihn im Zusammenhang mit der
Halde, daß er niemals dort spazieren ging, -- was er gewöhnlich
jeden Tag tat, -- ohne an sie zu denken. Folglich nahm es ihn kaum
wunder, daß er ihr an einem sonnigen Nachmittage endlich dort
begegnete. Er schlenderte langsam, dicht am Rande der Klippe, über
den wellenförmigen Boden zwischen den Ginsterstauden und dem hohen
Farnkraut dahin, und als er plötzlich die Augen von dem kurzen,
sonnverbrannten Rasen, auf den er in finsterem Brüten niedergestarrt
hatte, emporhob, sah er sie in einiger Entfernung vor sich stehen. Sie
stand und wandte ihm das Gesicht zu, als warte sie auf ihn. Sie hatte
ihn schon seit mehreren Minuten gesehen.
Er beschleunigte seinen Schritt, beschleunigte ihn um so mehr beim
Anblick ihres Lächelns, und so standen sie sich nach wenigen Sekunden
gegenüber, und er umschloß mit festem Drucke die Hand, die sie ihm bot.
Es war das erstemal, daß er sie berührt hatte, seitdem sie sie ihm
gereicht, um ihn in die Höhle hinabzuführen. Das fiel ihm ein, während
er sich darüber wunderte, weshalb sie ihm heute gereicht wurde.
»Wie vertieft in Gedanken Sie waren, Herr Leath! Ich glaubte schon, ich
müßte Sie anrufen, damit Sie nicht über mich stolperten,« sagte sie.
Ihre Stimme war ebenso herzlich wie ihr Lächeln, ebenso herzlich wie
die warme schnelle Berührung ihrer unbehandschuhten Finger. Dennoch
dachte sie sich nichts dabei; es war nur eine Laune, daß sie ihn nicht
mit leisem, hochmütigem Neigen des Kopfes begrüßte und ohne ein Wort an
ihm vorüberschritt. Es fiel ihr zufällig ein, liebenswürdig zu sein,
-- das war alles. Er wußte das sehr wohl, denn er verstand sie viel
besser, als Gräfin Florence lieb gewesen sein würde, hätte sie darum
gewußt.
»Ich bitte um Entschuldigung, Gräfin; ich muß gestehen, daß ich Sie
nicht gesehen habe. Ich war wohl in meine Gedanken vertieft.«
»Und Sie schauten auf den Boden, wo Sie auf die See hätten
hinausblicken sollen.«
»Sie haben die See gern?« fragte er.
»So gern, daß meine Cousine behauptet, ich würde nach meinem Tode in
eine Nixe verwandelt werden.«
Sie war weitergegangen mit einem Blick und einer Handbewegung, die ihn
ermutigt hatten, an ihrer Seite zu bleiben.
»Wenn mich der Schein nicht trügt, so lieben Sie sie auch, nicht wahr?«
»Sehr!« Ihn durchzuckte der Gedanke, woher sie wisse, mit welcher
Regelmäßigkeit er auf der Klippe spazieren ging. »Ich bin oft hier,«
setzte er ruhig hinzu.
»Ja, es liegt etwas Trauliches in dem Rauschen der Wellen, obschon es
so schwermütig ist. Und ich fürchte, Sie müssen sich in Ihrer Klause
sehr einsam fühlen.«
Aus der lieblichen Stimme klang freundliches Interesse und Mitgefühl,
die leuchtenden grauen Augen waren voll Herzensgüte. Cis hätte ihre
eigenen blauen Augen weit aufgerissen, wenn sie die ihrer Cousine
auf Everard Leaths Antlitz hätte ruhen sehen. Er war sich vollkommen
bewußt, daß sie bei ihrer nächsten Begegnung ihn vielleicht kaum kennen
würde, aber trotzdem wurde seine eigene Stimme weicher, milderte sich
seine gewöhnliche, strenge Schroffheit.
Wo gab es einen Mann, den Florence Esmond, wenn sie wollte, nicht hätte
bezaubern können? Es war nur eine Grille, daß sie jetzt mit Leath
sprach, daß sie ihn verlockte, sich mit ihr zu unterhalten, aber sie
brachte ihn dazu.
Was würde Sir Jasper Mortlake empfunden haben, wäre er über die Halde
gekommen und hätte sein Mündel, bequem an eine mit Farn bewachsene
Erhöhung gelehnt, dasitzen sehen, ihren Hut neben sich im Grase, ihr
lichtbraunes Haar vom Winde verweht, und Everard Leath dicht neben
ihr ausgestreckt, so daß sein aufgestützter Ellenbogen fast den Saum
ihres kornblumenblauen Kleides berührte? Sicherlich konnte ihn nur eine
direkte Aufforderung bewogen haben, sich dort niederzulassen.
»Alles, was Sie mir über Queensland erzählen, gefällt mir eigentlich,«
sagte Florence langsam, in Sinnen verloren.
Ihre Unterhaltung hatte schon eine Zeitlang gedauert, als sie diese
Bemerkung machte. Sie hatte das Kinn auf die Hand gestützt, ihre grauen
Augen blickten auf das Meer hinaus, und ihre weiße Stirn war leicht in
Falten gezogen.
»Ja, -- es gefällt mir entschieden. Ich glaube sogar, ich möchte dort
sehr gern leben.«
»Das bezweifle ich, obgleich Sie das Leben dort für einen Besuch
vielleicht ganz erträglich finden würden -- aber als Heimat, nein!«
»Nein? Sie sind sehr bestimmt! Weshalb nicht?«
»Ich glaube, Sie würden sich bald nach England zurückwünschen.«
»Weil alles, an dem mein Herz hängt, hier ist und ich es als meine
Heimat betrachte? Das ist vielleicht wahr. Gerade wie Sie selbst
Australien ansehen.«
»Ja. Ich werde früher oder später dahin zurückkehren,« sagte Leath
ruhig.
»Wenn Ihr Geschäft erledigt ist?«
»Wenn mein Geschäft erledigt ist -- ja.«
Die Antwort genügte; dennoch stieg Florence das Blut in die Wangen, und
sie wußte, daß sie sich verletzt fühlte, weil sie nicht mehr enthielt.
Gegen ihren Willen dachte sie über ihn nach, und gegen ihren Willen
zerbrach sie sich den Kopf über ihn. Was hatte ihn nach St. Mellions
geführt? Was hielt ihn dort zurück? Gräfin Esmond hätte es nicht um
alles in der Welt über sich vermocht, die Fragen zu stellen, aber sie
hätte alles in der Welt darum gegeben, es zu wissen.
Leath gewahrte weder ihr Erröten noch das Aufeinanderpressen ihrer
Lippen. Er veränderte seine Stellung und runzelte einen Augenblick die
Stirn mit einem Ausdruck von Unentschlossenheit, daß ihre Augen ihn
unwillkürlich fragend anblickten. Ihrem Blick begegnend, sagte er:
»Ich möchte wissen, Gräfin, ob Sie mir wohl gestatten würden, eine
Frage an Sie zu richten?«
»Eine Frage?«
Sie vergaß ihre Gekränktheit über ihrer plötzlich erwachenden Neugier,
und außerdem wäre es unerträglich gewesen, ihn glauben zu lassen, daß
sie pikiert sei.
»Gewiß,« sprach sie lächelnd. »Weshalb nicht? Was ist es?«
»Danke! Meine Frage wird Sie vielleicht seltsam dünken,« sagte Leath,
der eine direkte Antwort umging, »und es ist sehr unwahrscheinlich,
daß Sie sie beantworten können, -- das weiß ich. Und doch habe ich
unzählige Male gewünscht, sie zu stellen.«
»Weshalb haben Sie es denn nicht getan?« lautete die Gegenfrage, die
sie auf der Zunge hatte und die ihr fast entschlüpft wäre, aber sie
kannte die Antwort darauf so gut, daß sie noch eben zur rechten Zeit
innehielt. Bis zu jenem Tage hatte sie ihm nur wenig Gelegenheit
gegeben, es zu wagen, Fragen an sie zu richten. »Fragen Sie mich
jetzt!« warf sie leicht hin.
»Das will ich sogleich.« Er blickte sie an. »Erinnern Sie sich, daß Sie
am ersten Tage unserer Bekanntschaft sagten, Sie kennten die meisten,
wenn nicht alle Leute in dieser Gegend?«
»So? Habe ich Ihnen das gesagt? Ich kenne allerdings die meisten, wenn
nicht alle.«
»Und ihre Namen?«
»Und ihre Namen, selbstverständlich!«
Sie lächelte ein wenig verwundert und belustigt.
»Dann also zu meiner Frage. Kennen Sie den Namen Robert Bontine?«
Er hatte sich auf dem Ellbogen aufgerichtet, ein gespannter, lebhafter,
erregter Ausdruck trat in seine Züge.
Florence blickte ihn an und schüttelte langsam den Kopf.
»Bontine?« sagte sie -- »Bontine? Das ist ein wunderlicher Name.
Nein, Herr Leath, es tut mir leid, Ihnen eine Enttäuschung bereiten
zu müssen, aber in ganz St. Mellions habe ich den Namen nicht nennen
hören.«
»Sie wissen das ganz bestimmt?« fragte Leath.
»Ganz bestimmt. Ich könnte Ihnen ein paar Dutzend des Namens Robert
oder Bob aufzählen, aber keinen Bontine. Ich würde mich des Namens
sicherlich erinnern, wenn ich ihn je gehört hätte.«
Sie zögerte einen Augenblick und hub dann mit einem Anfluge von
Befangenheit an, über den sie sich ärgerte, weil sie wußte, daß sie ihr
so gar nicht ähnlich sah: »Erwarteten Sie, ihn hier zu finden?«
»Ich hoffte es.«
»Er ist vielleicht fortgezogen.«
»Vielleicht, aber es ist kaum anzunehmen.« Er sprach in einem
merkwürdigen, erwägenden, mechanischen Tone, gleichsam mehr zu sich
selbst, als zu ihr, und blickte düster auf das Meer hinaus.
»Nein -- er ist hier, wenn ich ihn nur finden könnte, falls er nicht
tot ist.«
Die letzten Worte flüsterte er vor sich hin, und Florence hörte sie
nicht.
»Robert -- Robert?« wiederholte sie sinnend. »So gewöhnlich der Name
auch in dieser Gegend sein mag, so habe ich doch außer Sir Jaspers
Bruder meines Wissens nie einen Robert kennen gelernt.«
»Sir Jaspers Bruder?« Leath wandte sich jäh um. »Ich wußte gar nicht,
daß Sir Jasper einen Bruder hat.«
»Er lebt nicht mehr. Er starb schon vor Jahren. Er und nicht mein Onkel
würde der Besitzer von Turret Court sein, wäre er am Leben geblieben.«
»Der Bruder war also der ältere?«
»O ja -- er war um mehrere Jahre älter.«
»Und er hieß Robert?«
»Ja -- Robert Georg Mortlake. Roy sollte, glaube ich, nach ihm genannt
werden, aber Tante Agathe wollte es nicht, und so unterblieb es.«
»Ist es schon lange her?«
»Daß Robert Mortlake starb? O -- viele Jahre -- ehe Sir Jasper
heiratete -- etwa dreißig -- oder vielleicht noch länger!«
Leath antwortete nicht, er hatte sich schnell erhoben. Durchaus nicht
unzufrieden darüber, -- denn sie fand, daß die Unterhaltung lange genug
gedauert, und hatte während der letzten Minuten schon überlegt, wie
sie ihr am besten ein Ende machen könnte, -- stand Florence ebenfalls
auf und nahm die hilfreiche Hand, die er ihr darbot, als etwas
Selbstverständliches an. So flüchtig und gleichgültig sie sie auch
berührte, so konnte sie doch nicht umhin, zu bemerken, wie kalt sie
war, obgleich sie sich kaum die Mühe nahm, sich darüber zu wundern.
»Ja,« fuhr sie in leichtem Tone fort, »es muß dreißig Jahre her sein,
wenn nicht länger, daß Robert Mortlake starb. Nein -- es sind gerade
dreißig Jahre, denn das Datum steht auf seinem Denkstein in der Kirche.
Sie können sich ihn ansehen, Herr Leath, wenn es Sie interessiert. Er
ist in der südwestlichen Ecke; von unserm Gestühl blickt man gerade
darauf hin. Er liegt natürlich in der Familiengruft im Park begraben
wie alle Mortlake. Er wurde deshalb hierher geschafft.«
»Hierher geschafft?« wiederholte Leath hastig. »Starb er denn im
Auslande?«
»Freilich! Er war meistens im Auslande -- hat sich in der ganzen Welt
umhergetrieben -- wo, weiß ich nicht.«
Sie dämpfte die Stimme, beugte sich etwas näher zu ihm hinüber und
schlug die grauen Augen mit plötzlicher Vertraulichkeit zu ihm auf.
»Wissen Sie, ich sagte eben, Tante Agathe hätte nicht gewollt, daß
Roy nach ihm genannt wurde. Nun -- das war der Grund: er war ein
schrecklicher Tunichtgut.«
»Inwiefern?«
»Inwiefern? Was weiß ich!« Sie zuckte die Achseln. »Was meint man
gewöhnlich, wenn man von einem Menschen als von einem schrecklichen
Tunichtgut spricht? Wohl, daß er’s in jeder Beziehung ist. Mehr habe
ich nie darüber gehört, Robert Mortlake ist verfemt in Turret Court.«
»Sir Jasper spricht nicht von ihm?«
»Nein -- und duldet auch nicht, daß irgendein anderer es tut. Selbst
sein unschuldiges Bild hängt verkehrt an der Wand. Ich war indiskret
genug, es umzudrehen und mir anzuschauen -- es ist noch gar nicht lange
her -- und Sir Jasper war schrecklich -- war furchtbar böse. Ich, o --
o --«
Sie trat zurück, ihre grauen Augen hingen mit einem plötzlichen
Ausdruck der Bestürzung und Verwunderung an Leaths Antlitz; die frische
Farbe wich aus ihren Wangen, und sie wurde bleich.
Verwundert über ihr schreckensvolles Erstaunen, das ihm auffallen
mußte, blickte er sie an und sagte: »Was ist Ihnen?«
»Nichts -- nichts!« Sie schüttelte hastig den Kopf. »Ich muß gehen,
Herr Leath; es ist später, als ich dachte. Nein -- kommen Sie nicht mit
mir -- bitte, nicht! Leben Sie wohl!«
Sie reichte ihm zum Abschiede die Hand, obgleich sie schon zu sich
gesagt, daß das eigentlich ganz überflüssig sei, und eilte leichtfüßig
über das kurze, braune Gras dahin. Sie warf noch einen Blick über die
Schulter zurück und fand bestätigt, was sie schon gewußt, als sie ihn
noch auf dem Flecke, wo sie ihn verlassen, stehen und ihr nachblicken
sah. Sie ahnte freilich nicht, daß, obwohl seine Augen unverwandt an
ihrer hellen Gestalt hingen, er sich dessen nicht bewußt war. Er hatte
die Wahrheit gesprochen, als er Sherriff in bitterem Tone erklärte, daß
ihn anderes beschäftigte als der Gedanke an die Schönheit einer Frau.
»Welch ein dummer Einfall mir da gekommen ist!« sagte sie halblaut
in vorwurfsvollem Tone zu sich selbst. »Und doch kam er mir in einem
Augenblick und traf mich wie ein Schlag. Natürlich kann es nur
Einbildung sein! Natürlich! Und doch würde es erklären --. Bah! Welcher
Unsinn! Weshalb sollte ich nach einer Erklärung suchen, wo mir weder
an der ganzen Sache noch an dem Manne selbst das mindeste liegt! Es
war dumm von mir, so mit ihm zu reden; die Angelegenheit von Turret
Court geht ihn gar nichts an. Ich wollte mitunter, ich wäre nicht eine
solche Plaudertasche, aber was kann man von einem irischen Mädchen
wohl anderes erwarten?« Sie lachte mit einem Anfluge von Ungeduld und
fuhr dann in strengem Tone fort: »Auf alle Fälle etwas Besonnenheit.
Deshalb, Florence Esmond, solltest du besagtem Individuum wieder auf
der Halde begegnen, so wirst du die Güte haben, daran zu denken, daß du
nicht mit ihm reden darfst.«
Solch einen Entschluß zu fassen, war eine Sache -- ihn auszuführen,
eine andere. Möglicherweise waren die Schicksalsgöttinnen ihm abhold,
denn es geschah, daß in den zwei oder drei nächsten Wochen weitere
Begegnungen auf der Halde stattfanden, und es trug sich ebenfalls zu,
daß Gräfin Florence sich meistens am Ende und nicht am Anfang dieser
Zusammenkünfte ihres Entschlusses, sich nicht mehr mit Everard Leath
zu unterhalten, erinnerte. Es war sehr langweilig in Turret Court, was
vielleicht eine Entschuldigung für sie war.
11.
»Es ist schon Mitte August, und die Abende werden merklich kürzer. Ich
zählte heute morgen acht braune Blätter auf dem Pflaumenbaum. Jeder
Sommer ist kürzer als der vorhergehende. Talbot, ich glaube, ich werde
alt,« sprach Gräfin Florence.
Das Mittagessen in Turret Court war vorüber. Es war sehr langweilig
gewesen. Sir Jasper war in seiner wortkargsten, unnahbarsten Stimmung.
Harry und Roy hatten in Arborfield gesessen. Jetzt hatte man den Baron
sich selbst überlassen, damit er bei seinem Glase Wein ein Schläfchen
halte oder grüble, wie es ihm beliebte. Lady Agathe hatte sich in ihren
Roman vertieft, und Cis war verschwunden, -- wahrscheinlich, um sich
in ungestörter Einsamkeit weiter zu langweilen. Chichester, der beim
Betreten des Salons seine Braut an einem der hohen Terrassenfenster
stehen sah, hatte sich naturgemäß zu ihr gesellt.
»Ja, jeder Sommer ist kürzer als der vorige. Ich glaube, ich werde alt,
Talbot!« wiederholte Gräfin Florence mit einem Seufzer.
Aber sie lachte, während sie das sagte, denn sie wußte, daß sie Unsinn
sprach. Sie sah in der Tat heute abend fast wie ein Kind aus. Sie
trug Schwarz, was mitunter eine Laune von ihr war, einen leichten,
wolkigen und so dünnen Stoff, daß ihre weich gerundeten Schultern
und Arme weiß hindurchschimmerten. Sie hielt einen großen hellblauen
Federfächer in der Hand, und ein Sammetband derselben Farbe hielt den
lose verschlungenen Knoten ihres kastanienbraunen Haares zusammen. Ihre
Lippen waren dunkelrot, ihre lachenden Augen sahen im Zwielicht fast
schwarz aus.
Chichester blickte zu ihr nieder und lächelte nachsichtig und
beifällig. Er bewunderte ihre Schönheit wirklich sehr. Unter den
Familienbildern in Highmount gab es viele liebliche Frauengesichter,
aber keines war schöner als das ihre. Es war ihm lieb, daß dem so war,
und es mahnte ihn daran, daß er ihr heute abend etwas Besonderes zu
sagen habe.
»Alt?« wiederholte er. »Meine liebe Florence, das wird noch einige
Jahre dauern, ehe ich das von mir selbst sage -- wie viele also, ehe du
es zu tun brauchst. Willst du nicht Platz nehmen? Ich möchte etwas mit
dir besprechen.«
Er schob einen ihrer Lieblings-Schaukelstühle für sie in die
Fensternische; er war immer außerordentlich aufmerksam und artig.
Florence blickte widerstrebend auf den Sessel nieder und schnitt eine
kleine Grimasse. Vielleicht wußte sie nur zu gut, wovon er reden
wollte. Der Gegenstand war ihr sehr unerwünscht, aber sie war in
schalkhafter Stimmung und aufgelegt, ihn zu necken. Sie setzte sich
schmollend.
Er zog seinen eigenen Stuhl dicht an den ihren und nahm ihre Hand.
Gerade so hatte er es gemacht, als er um sie anhielt. Daran mußte das
junge Mädchen denken.
»Ich habe schon mit Sir Jasper über unsere Hochzeit gesprochen,« hub er
an, »ich möchte, daß sie bald stattfände. Ich bitte dich, so bald wie
möglich einen Zeitpunkt zu bestimmen! Je früher, desto besser, -- das
brauche ich wohl kaum hinzuzusetzen.«
Er küßte ihr die Hand, und wieder wurde sie an den Tag, an dem er sich
mit ihr verlobte, erinnert; sie wußte noch sehr wohl, wie sie dankbar
und erleichtert aufgeatmet, daß das alles gewesen, was er getan.
»Ich sehe nicht ein, daß irgendein Grund zur Eile vorliegt,« versetzte
sie. »Wir sind erst seit kurzer Zeit verlobt!« Ihre Stimme nahm einen
weichen, einschmeichelnden Klang an. »Es kommt mir vor, als sei es erst
gestern gewesen!«
»Es sind zwei Monate -- eine ziemlich lange Zeit!«
»Nein, nein -- eine sehr kurze Zeit! Cis und Harry, die seit
undenklichen Zeiten verlobt und seit einer Ewigkeit ineinander verliebt
sind, haben noch nicht einmal angefangen, über ihre Hochzeit zu reden!«
»Möglicherweise nicht,« beharrte Chichester. »Ich sehe wirklich nicht
ein, was uns das angeht. Ich hoffe, du wirst die Frage in Erwägung
ziehen. Du wirst sicherlich keinen Grund haben, weshalb du das nicht
tun solltest.«
»Keinen Grund?« Sie lehnte sich in ihren Stuhl zurück und lachte
übermütig. »Ich könnte dir ein Dutzend an den Fingern herzählen, aber
ich will barmherzig sein und nur einen anführen -- die Herzogin!«
»Die Herzogin? Sie hat ihre Einwilligung gegeben!«
»Zu unserer Verlobung -- ja. Aber, daß wir auch nur an unseren
Hochzeitstag denken ohne ihre erhabene Erlaubnis -- nein, tausendmal
nein! Und du verlangst wirklich, daß ich den Tag bestimme, solange sie
in Pontresina weilt? Unmöglich!«
»Du meinst, wir müssen die Dinge lassen, wie sie sind, bis sie nach
England zurückkehrt?«
»Allerdings. Ganz entschieden.«
»Du scheinst damit andeuten zu wollen, daß jedermann bange vor ihr ist.«
Sein Ton klang unverkennbar ungeduldig.
»Nur andeuten? Ich behaupte es sogar. Ich persönlich zittere vor
ihr. Der Herzog starb jung; wie es hieß, eines unnatürlichen Todes.
Man hatte recht -- die Ursache seines vorzeitigen Ablebens war die
Herzogin!«
Sie bewegte den Fächer hin und her und begann vor sich hinzusummen.
»Du bist also allen Ernstes der Ansicht, daß wir alles beim alten
lassen, bis sie zurückkommt, was vielleicht erst in vier Monaten
geschieht.«
»Freilich.«
»Und du möchtest nicht, daß ich noch weiter über die Sache rede?«