Cousine schlenderten Cis und Harry davon, und Roy, noch immer gähnend,
folgte ihnen. Florence blickte den dreien nach, bis sie verschwanden,
und schaute dann mit einem Lächeln zu ihrem Verlobten empor, der aber
keinen freundlichen Blick für sie hatte, denn sein Antlitz war ernst,
fast finster. Sie sah ihn mit immer größer werdenden Augen und fest
aufeinandergepreßten Lippen an und berührte dann leise seinen Arm.
»Was ist denn los?«
»Los?«
»Ja, du siehst auf einmal unheimlich ernst aus. Vielleicht, weil
ich sagte, ich wollte Roy meine Höhle zeigen, und dir nicht anbot,
mitzugehen? Sei nur recht artig, dann sollst du nächstens auch einmal
hin. So!«
In ihren Augen blitzte es wieder schalkhaft auf. Sie sprach, als gelte
es, ein verdrießliches Kind zu beschwichtigen. Die meisten Männer, die
in sie verliebt gewesen, würden sie unwiderstehlich gefunden haben.
Chichester blieb ebenso ernst wie vorher. Er nahm die Hand, mit der sie
ihm den Arm gestreichelt hatte. Dann begann er in seiner gehaltenen
Weise ihr Vorwürfe über ihr unverantwortlich unvorsichtiges Benehmen
gegen den Unbekannten zu machen.
»Du darfst deine eigene Stellung und Würde nicht vergessen,« schloß er.
»Und doch bin ich so stolz, wie es kein Mensch ahnt,« meinte das junge
Mädchen sinnend, als spräche sie zu sich selbst. Sie blickte ihn wieder
an.
»Du magst recht haben,« fuhr sie dann fort. »Ich vergesse meine Würde
wohl mitunter. Weißt du, es ist mir gar nicht eingefallen, daß die
einzig richtige Handlungsweise gewesen wäre, den Menschen naß werden
zu lassen. Welch ein Glück, daß du so etwas nie tun könntest.«
Herr Chichester ging jeglicher Sinn für Humor ab -- er war so unendlich
mit sich selbst zufrieden. Er lächelte und ließ ihre Hand los.
Florence verbarg ein Lächeln, als sie sich nach dem Fenster wandte.
Nach wenigen Minuten hatte Chichester Turret Court verlassen. Florence
stand allein am Fenster und blickte in den Mond, wie sie vorher getan
hatte, als Cis zärtlich den Arm um sie legte.
»Fehlt dir etwas, Florence? Du -- du siehst so ernst aus, mein Herz!«
»So?«
Liebkosend fuhr Florence mit der Hand über Cis’ goldblondes Haar. »Ich
sann wohl über mein unschickliches Benehmen nach.«
»O,« meinte Cis verständnisvoll, »du meinst gegen jenen Menschen in der
Höhle! Nun, ich muß sagen, daß es ziemlich leichtsinnig von dir war,
Liebste, aber natürlich hast du es nicht überlegt. Das habe ich auch
zu Harry gesagt. Es ist schade, daß du in Chichesters Gegenwart davon
gesprochen hast. Ich glaube, die Sache gefiel ihm nicht.«
»Ganz und gar nicht. Das sagte er mir.«
Cis blickte in das schöne, gedankenvolle Antlitz, dessen gewöhnlich
strahlender Ausdruck einem nachdenklichen Ernst gewichen war, und nahm
plötzlich all ihren Mut zusammen.
»Florence, werde nicht böse, aber ich habe dich schon so oft etwas
fragen wollen. Ich kann es gar nicht begreifen -- er ist so ernst
und steif und kalt -- in jeder Beziehung so verschieden von dir -- es
wundert mich, weshalb du Herrn Chichester dein Jawort gegeben.«
»Mich auch,« gab Florence zerstreut zurück, »mich auch!«
Diese Antwort hatte Cis jedenfalls nicht erwartet. Sie blickte sich
halb entsetzt, halb bestürzt um. Sie antwortete nicht, da sie bange
war, näher auf das Thema einzugehen, sah aber die Cousine im Mondschein
ungewiß von der Seite an. Als sie wieder sprach, war es in anderem Tone.
»Florence!«
»Nun, mein Schatz?«
»Wie ist dieser Herr Leath? Alt?«
»Alt? Nein. Ungefähr dreißig sollte ich denken.«
»O, ganz jung! Und hübsch?«
»Nein -- und häßlich auch nicht. Ganz gewöhnlich.«
»Und ist er nett, Florence?«
»Wer?«
»Nun, Herr Leath!«
»Nett? Nein -- unausstehlich!« sagte Florence schroff. »Ich bin
schrecklich müde und muß zu Bette gehen. Gute Nacht, mein Herz!«
5.
Unter der schattigen Veranda des Bungalow, wo Gräfin Florence gesessen
und mit dem freundlichen alten Hausherrn geplaudert hatte, standen
wieder die beiden bequemen Korbstühle; Herr Sherriff saß in dem
einen, Everard Leath in dem anderen. Die Blumenbeete draußen lagen im
hellen Morgensonnenschein. Leath war vor einer halben Stunde zu einem
Plauderstündchen gekommen. Obgleich er noch nicht vierzehn Tage in St.
Mellions weilte, war die Zuneigung des Alten, von der er zu Florence
gesprochen, täglich gewachsen. Er hatte ihm gerade gesagt, wie große
Freude ihm, dem einsamen Manne, der Verkehr mit Leath gewähre, da er
außer dem Pfarrer kaum je einen Besuch hatte, obwohl ihm die guten
Leute ringsum, denen er manchen kleinen Dienst hatte erzeigen können,
alle freundlich gewogen seien.
»Sie sehen aber doch Gräfin Esmond mitunter?«
»Gräfin Florence? Das ist wahr. Im Augenblick war ich undankbar genug,
sie fast zu vergessen. Sie kommt öfter, als man es in Turret Court gern
sieht, glaube ich. Aber seit der Zeit, daß sie kurze Kleider trug, hat
sie mich liebgehabt, und was mich anbetrifft, so könnte ich kaum mehr
von ihr halten, wenn sie meine Tochter wäre.«
»Sie ist eine Waise, wenn ich recht verstanden habe?«
»Ja -- sie verlor beide Eltern, als sie ein Kind war.«
»Und Sir Jasper Mortlake ist ihr Vormund?«
»Nur einer ihrer Vormünder. Er teilt sich in die Vormundschaft mit
ihrer Patin, der verwitweten Herzogin von Dunbar.«
»O, eine Herzogin!« Leath lachte und pfiff vor sich hin. »Gewöhnlich
genügt doch ein Vormund, mein’ ich -- weshalb sind hier denn zwei?«
»Das kann ich wirklich nicht sagen. Aber bei dem großen Vermögen, das
ihr eines Tages gehören wird, hielt ihr Vater es wahrscheinlich für --«
»Vermögen?« fiel ihm Leath in verwundertem Tone ins Wort. Er lachte
wieder. »Wie viele andere Leute, habe auch ich bisher irische
Grafenkronen für gleichbedeutend mit dem Bankerott gehalten. War der
verstorbene Graf denn eine Ausnahme?«
»Durchaus nicht, er war sehr arm. Gräfin Florence wird ihr großes
Vermögen ihrer Mutter verdanken, die eine amerikanische Erbin war.«
»Ich verstehe, Sie sagen ›wird verdanken‹. Ist sie denn noch nicht
mündig?«
»Schon seit einem Jahre. Aber sie gelangt nicht in den Besitz
ihres Vermögens, ehe sie dreißig Jahre zählt, es sei denn, -- was
wahrscheinlich der Fall sein wird, -- daß sie sich in der Zwischenzeit
verheiratet.«
»Jedenfalls wird es der Fall sein. Dann fällt es also ihr zu?«
»Es fällt ihr zu, wenn sie mit Einwilligung eines oder ihrer beiden
Vormünder heiratet; schließt sie eine Ehe ohne diese Einwilligung, so
fällt das ganze an verschiedene milde Stiftungen.«
»Das ist ein wunderlicher Vorbehalt!« Leath zog die Stirn in Falten.
»Wie mag das gekommen sein?«
»Ich weiß das nicht recht,« antwortete Sherriff zögernd. »Es ist
seltsam, wie Sie sagen. Die einzige Erklärung, die ich dafür habe
finden können, ist die, daß ihre Mutter wahrscheinlich nicht allzu
glücklich in ihrer Ehe war. Es war ein offenes Geheimnis, daß der Graf
seine Frau nur ihres Geldes wegen geheiratet hatte.«
»Und die letztwillige Verfügung der Gräfin sollte ihre Tochter
wahrscheinlich vor einer ähnlichen Erfahrung bewahren,« bemerkte Leath
nachdenklich.
»Vermutlich. Weder Sir Jasper noch die alte Herzogin würden zugeben,
daß das Mädchen eine unüberlegte Heirat mit einem Glücksjäger einginge.
Sollte sie bis zu ihrem dreißigsten Jahre unverehelicht bleiben,
so mag die Gräfin sie wohl für alt genug gehalten haben, um ihre
Interessen ohne Beistand wahren zu können. Es wundert Sie wohl, daß
nur die Zustimmung eines Vormundes notwendig ist? Ich machte dieselbe
Bemerkung, als Gräfin Florence, von der ich das Ganze weiß, mir die
Sache erzählte. Sie lachte und sagte, daß die Herzogin und Sir Jasper
niemals einer Ansicht wären und selten zusammenkämen, ohne sich zu
zanken, und daß, wenn sie nicht heiraten sollte, ehe sie sich über den
Bräutigam geeinigt hätten, wenig Aussicht dafür vorhanden sei, daß sie
in den nächsten Jahren unter die Haube kommen würde.«
Sherriff, der gewöhnlich nicht so beredt war, griff jetzt wieder nach
seiner Pfeife und begann sie aufs neue zu füllen.
»Sie ist wohl noch nicht verlobt?«
»Gräfin Florence? Nein -- meines Wissens nicht. Und wenn ich sage,
meines Wissens nicht, so heißt das, überhaupt nicht,« meinte der alte
Herr lächelnd, »denn andernfalls würde sie es mir anvertraut haben,
davon bin ich überzeugt. Nein -- verlobt ist sie nicht. Ich muß
gestehen, daß mich das aufrichtig freut; in dieser Gegend wenigstens
kenne ich niemand, als dessen Frau ich sie sehen möchte. Wenn mich
nicht alles trügt, so hat sie ein Herz, das heiß und innig lieben kann,
und dieses Herzens sind nur wenige Männer wert.«
»Sie hat es wohl nicht eilig damit?« fragte Leath langsam.
»Mit dem Heiraten? Nein -- ich glaube nicht. Im Gegenteil. Auch Sir
Jasper nicht. Sie verbringt fast das ganze Jahr in Turret Court -- sie
hängt sehr an Lady Agathe und Fräulein Mortlake, und ihre Heirat würde
eine Mindereinnahme von tausend Pfund Sterling jährlich für Jasper
bedeuten. Und ich bin, wie Sie wohl schon wissen, eine Art Verwalter
des Gutes -- ich weiß, daß ihm der Verlust nicht angenehm sein würde.
Die Mortlakes sind nicht allzu wohlhabend.«
»Es hat mich gewundert,« hub Leath stockend an, »daß Sie Lust zu dem
Posten haben. Nach dem, was ich mir aus den Reden der guten Leute
hier zusammengereimt habe, scheint es mir nicht leicht, mit Sir Jasper
auszukommen.«
»Nun,« antwortete der alte Mann mit großer Milde, während er seine
Pfeife schmauchte, »das mag im allgemeinen schon so sein. Sir Jasper
ist sehr rechthaberisch und oft sehr schlechter Laune, aber mein Gehalt
bildet einen willkommenen Zuschuß zu meinem geringen Einkommen. Und
ich habe wirklich kein Recht, mich über Sir Jasper zu beklagen. Er
behandelt mich auf alle Fälle ebenso gut, wenn nicht besser als andere.«
»Ich fürchte, das sagt nicht viel.«
Leath blickte mit einem halb zornigen Lächeln in das schöne alte
Antlitz, das so sanft und gelassen war. »Nach allem, was ich über ihn
hörte, befremdet es mich, daß ein Mann mit Ihren Fähigkeiten sich in
eine untergeordnete Stellung einem solchen Menschen gegenüber begeben
konnte. Sie nehmen mir meine Offenherzigkeit doch nicht übel?«
»Nein, nein,« sagte der andere hastig mit wehmütigem Lächeln und
blickte in den Garten hinaus; die Hand, die die Pfeife hielt, zitterte
auf seinem Knie. Dann erzählte er mit leiser Stimme, daß er vor langen
Jahren -- mehr als dreißig -- einen bitteren Kummer gehabt, der sein
ganzes Leben verdüstert, der allen Ehrgeiz, alles Streben in ihm
ertödet, der ihn vor der Zeit alt gemacht habe.
»Hier, fern von der Welt, im stillen Kreislauf meiner Pflichten,
in meinem Garten bei meinen Büchern bin ich so glücklich, wie ich
überhaupt je wieder werden kann. Doch genug davon, und genug von mir.
Lassen Sie’s gut sein,« schloß er.
Er legte die Hand über die Augen und saß ein Weilchen so da. Leath, in
dessen Gesicht ein ungewohnter sanfter, weicher Ausdruck getreten war,
blickte rücksichtsvoll von ihm fort auf den Rasen hinaus. Als Sherriff
wieder zu sprechen anhub, war es mit seiner gewohnten Ruhe und in einem
anderen Tone.
»Es freut mich, daß wir zufällig auf Sir Jasper zu reden kamen,« sagte
er, »denn dabei fällt mir ein, was ich sonst vergessen härte, -- daß
ich ihm einen Brief schicken muß, und zwar so bald wie möglich. Joe muß
sogleich damit fort.«
Leath erhob sich, um Joe herbeizurufen, aber es stellte sich heraus,
daß dieser mit einem Auftrage nach Lychet Hook geschickt worden, und
zwar von dem Hausherrn selbst, was diesem ganz entfallen. Er erklärte
nun, den Brief selbst nach Turret Court bringen zu müssen, aber Leath
legte ihm die Hand auf die Schulter, drückte ihn sanft in seinen Stuhl
zurück und erbot sich, nach Turret Court zu gehen, das er sich schon
längst gern einmal habe ansehen wollen, solange er in der Gegend bleibe.
Sherriff, der recht gut wußte, daß ihm die Hitze auf der Halde zu
viel werden würde, erhob nur eine schwache Einsprache, die Leath mit
einem Kopfnicken abwehrte, den Briefumschlag in die Tasche schob und
ins Haus ging, um seinen Hut zu holen. Als er im nächsten Augenblick
zurückkehrte, sah er, daß der alte Herr aufgestanden war und mit
bekümmertem Ausdruck auf seine bunten Blumenbeete schaute. Auf seinen
unwillkürlich fragenden Blick wandte Sherriff sich um und legte ihm
die Hand auf die Schulter. Beide waren hochgewachsene Männer, und ihre
Augen befanden sich ungefähr in derselben Höhe.
»Wir kennen uns noch nicht lange, Leath, aber ich glaube, ich sage
nicht zuviel, wenn ich behaupte, daß ich Sie sehr liebgewonnen habe.
Sie sprachen eben davon, daß Sie sich Turret Court gern einmal
ansehen wollten, solange Sie hier in der Gegend wären. Ich hoffe, das
soll nicht heißen, daß Sie daran denken, St. Mellions zu verlassen?
Wenigstens jetzt noch nicht?«
»Ich weiß nicht. Ich bin noch zu keinem Entschlusse gelangt. Ich bin
entmutigt -- ich kann noch nicht sagen, was ich tun werde -- was das
beste sein würde.«
Erst nach einer sonderbar langen Pause gab er diese Antwort, mit einer
seltsamen festen Entschiedenheit, so abgebrochen und ohne Zusammenhang
die kurzen Sätze auch hervorgestoßen wurden. Sherriff sah bestürzt aus,
sagte aber nichts. Leath, der sein Zartgefühl, das keine Frage stellte,
verstand, fuhr langsam fort, als wäge er jeden Satz sorgfältig, ehe er
ihn aussprach:
»Ich bin hierhergekommen, um, wie ich versprochen und seit meinen
Knabenjahren beabsichtigt habe, eine bestimmte Angelegenheit zu
erledigen. Sie dürfen es mir nicht übelnehmen, wenn ich Ihnen nichts
Näheres darüber sage. Mein Entschluß, es zu tun, steht unwiderruflich
fest, und doch bin ich schwach genug, mich fast entmutigt zu fühlen,
weil ich bisher keinen Zoll breit weitergekommen bin: ich hätte, wie es
scheint, ebensogut in Australien bleiben können, wie hierherzukommen,
und doch ist dieser Ort -- St. Mellions -- der einzige Ausgangspunkt
für meine Nachforschungen, den ich kenne. Heute morgen, als ich die
Sache überdachte, hielt ich es fast für verständiger, anderswo nach
einer Spur zu suchen, die mich vielleicht hierher zurückführen würde.
Ich bin noch unentschlossen, ob ich gehen oder bleiben werde. Aber ich
glaube, ich werde gehen.«
»Das tut mir leid zu hören.«
Sherriff mit seinem angeborenen Takte nahm das, was ihm gesagt worden,
hin, ohne eine Frage zu stellen.
»Ob Sie nun bleiben oder gehen,« sprach er ruhig, »hoffentlich werden
Sie nicht vergessen, daß es jedenfalls einen Fleck Erde gibt, wo ein
Freund und ein herzliches Willkommen stets Ihrer warten.«
»Das werde ich nicht vergessen.« Seine kraftvolle Rechte umschloß fest
die zarte Hand des Alten. »Außer Ihnen kenne ich niemand auf der Welt,
den ich kenne, der mir eine Freundeshand entgegenstrecken würde, außer
Ihrem Dach keines, das mir ein Obdach gewähren würde, ohne daß ich
dafür bezahlte.«
* * * * *
Der Weg über die Halde von St. Mellions nach Turret Court war lang,
und in der Glut der Junisonne war es ein sehr heißer Weg, aber Leath,
der an sehr viel heißere und längere Märsche gewohnt war, legte ihn
schnell und leicht zurück.
Am großen Einfahrtstor angekommen, blieb er zögernd stehen und schritt
dann auf eine nur angeklinkte Pforte in der hohen roten Mauer zu,
durch die er eintrat und gemächlich den Weg nach dem Hause einschlug.
Ehe er hundert Meter zurückgelegt hatte, blieb er stehen. In geringer
Entfernung von ihm, mit verschlungenen Armen, nach junger Mädchen Art,
in lebhaftem Geplauder, schlenderten zwei Damen dahin; in der einen
erkannte er sofort die junge Gräfin, während er die andere für Fräulein
Mortlake hielt. Als er stehen blieb, drehte die erstere zufällig den
Kopf seitwärts und erkannte ihn ebenso schnell, wie er sie erkannt
hatte. Der Ausruf des Staunens, der ihr entfuhr, so leise er auch war,
veranlaßte Cis, sich ebenfalls umzuwenden.
»Wer ist das, Florence?« fragte sie verwundert.
»Jener Mensch.«
»Welcher Mensch?«
»Leath.«
»O!« Cis blickte sich wieder um. »O, das ist er also?« sagte sie mit
Interesse. »Was mag er nur wollen?«
»Das kann uns kaum interessieren. Laß uns nicht stehenbleiben, mein
Herz! Wir tun, als hätten wir ihn nicht gesehen!«
»Warum denn?« widersetzte sich Cis. »Er sieht sehr nett aus, finde
ich,« flüsterte sie, »und ich bin davon überzeugt, daß er weiß, --
wissen muß, -- daß wir ihn gesehen haben. Sei so gut, Florence, und
stelle ihn mir vor. Da kommt er. Jetzt mußt du mich ihm vorstellen!«
Leath schritt nach kurzem Zögern auf die Damen zu und nahm vor Florence
den Hut ab.
»Guten Morgen, Gräfin! Ich hoffe, Ihnen nicht als Eindringling zu
erscheinen, aber ich bin von Herrn Sherriff beauftragt, Sir Jasper
einen Brief zu überbringen.«
»Von Herrn Sherriff?« Florence wurde bei Erwähnung ihres alten Freundes
milder gestimmt und entschied sich jetzt dafür, liebenswürdig zu sein.
»Das ist ein ausreichender Empfehlungsbrief für den Park,« meinte sie
lächelnd. »Darf ich Sie meiner Cousine, Fräulein Mortlake, vorstellen?
Liebe Cis, du erinnerst dich wohl noch, wie ich neulich dazu gekommen
bin, Herrn Leaths Bekanntschaft zu machen?«
»Gewiß erinnere ich mich dessen.«
Cis verbeugte sich mit ihrem reizendsten Lächeln. Leath war nicht
hübsch, wie Harry, der ihr Schönheitsideal war, er sah etwas zu streng
und zu ernst aus, aber sie konnte nichts ›Unausstehliches‹ an ihm
wahrnehmen und wunderte sich, weshalb Florence ihn so bezeichnet hatte.
»Ich habe gelacht, als ich davon hörte, Herr Leath,« sagte sie munter.
»Wissen Sie wohl, daß Sie sich geehrt fühlen sollten? Ich glaube, Sie
sind der erste Herr, der jemals Florences Felsenkammer hat betreten
dürfen.«
Florence empfand eine leise Regung der Ungeduld. Sie ärgerte sich
fast über Cis. Das allerliebste, muntere, freimütige Benehmen, das sie
immer geliebt und bewundert hatte, verdroß sie zum ersten Male. Es
entsprach durchaus nicht dem Benehmen, das sie Everard Leath gegenüber
für wünschenswert hielt. Sie warf einen mahnenden Blick auf das lustige
Gesichtchen und sprach, während sie den kastanienbraunen Kopf hochmütig
hob:
»Sie sagten, Sie hätten einen Brief für Sir Jasper, Herr Leath?
Erwarten Sie eine Antwort, oder soll ich ihn Ihnen abnehmen?«
Sie blieb stehen und machte eine Bewegung, als wolle sie die Hand
ausstrecken. Sie erwartete augenscheinlich die Aushändigung des
Briefes. Leath aber machte keine Anstalt, ihn hervorzuziehen.
»Sie sind sehr gütig, Gräfin, aber ich brauche Sie nicht zu bemühen.
Als ich mich erbot, das Billett zu besorgen, bat Herr Sherriff mich,
Sir Jasper selbst aufzusuchen und eine Antwort von ihm zurückzubringen.«
»So! Dann lassen Sie sich, bitte, durchaus nicht aufhalten! Wenn Sie
sich rechts wenden, so erreichen Sie das Haus auf dem kürzesten Wege.«
Leath verbeugte sich; er war nicht aus der Fassung zu bringen. Cis
kniff ihrer Cousine in den Arm und warf ihr einen vorwurfsvollen
Blick zu. Was nützte es, sich einen Herrn vorstellen zu lassen, wenn
er im nächsten Augenblicke seiner Wege geschickt wurde? Was konnte
Florence nur so plötzlich verstimmt haben? Sie hätte vielleicht
Einspruch erhoben, denn sie war in ihrer kindlichen Art voll lustiger
Ausgelassenheit, wäre nicht eine plötzliche und ganz unvorhergesehene
Unterbrechung eingetreten. Ein Schritt ertönte auf einem der Pfade
in der Nähe, und Sir Jasper in höchsteigener Person erschien auf der
Bildfläche.
6.
Cis wich einen Schritt zurück und warf Florence unwillkürlich einen
Blick schreckensvoller Bestürzung zu. Sir Jaspers Gegenwart schüchterte
seine Tochter fast ebenso ein wie seine Frau. Wie würde er den Fremden
empfangen, den er, stehenbleibend, eine leichte Wolke auf dem schönen,
ruhigen Gesicht, gemustert hatte -- liebenswürdig, steif und förmlich
oder ungezogen? Es kam ganz und gar auf die Stimmung an.
Wäre es Cis überlassen geblieben, die nötigen erklärenden Worte zu
sprechen, so würde sie sich wohl sehr schlecht aus der Sache gezogen
haben. Aber Florence übernahm das, als verstünde es sich ganz von
selbst, und tat es mit großer Gewandtheit.
»Wir wollten dich gerade aufsuchen, Onkel Jasper,« sagte sie lächelnd.
»Du ersparst uns den Weg nach dem Hause. Du hast mich von Herrn Leath
reden hören, glaube ich? Wir trafen uns vorige Woche im Bungalow. Er
ist so freundlich, dir einen Brief von Herrn Sherriff zu überbringen.«
»So?« fragte Sir Jasper. Noch immer war seine Stirn leicht gerunzelt,
aber er blickte Leath an, und sein Ausdruck hellte sich auf.
»Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Gestatten Sie mir,
Ihnen den Brief abzunehmen, dessen Besorgung Sie so freundlich
übernommen haben,« sprach er.
Leath überreichte ihm mit einer Verbeugung das Schreiben, das der
Baron mit einem Wort der Entschuldigung erbrach, las und in die Tasche
steckte; dann fragte er den jungen Mann, ob er ihn damit behelligen
dürfe, Herrn Sherriff eine Antwort mitzunehmen, was dieser freundlich
bejahte.
»Vielen Dank -- ich bin Ihnen sehr verbunden. Aber mittlerweile ist die
Zeit des zweiten Frühstücks gekommen, und ich hoffe, Sie erzeigen mir
die Ehre, es mit uns einzunehmen. Es wird mir eine Freude sein, Sie
meiner Frau vorzustellen.«
Leath nahm dankend an.
Cis riß hinter dem Rücken ihres Vaters ihre blauen Augen auf, so weit
sie nur konnte, und kniff ihrer Cousine heftig in den Arm -- beides
sollte ihre grenzenlose Überraschung ausdrücken. Was war nur über Sir
Jasper gekommen, daß er sich so liebenswürdig zeigte wie noch nie?
dachte seine Tochter.
Florence, die den Blick durch ein drolliges Emporziehen der Augenbrauen
beantwortete, behielt ihre eigene Verwunderung -- nicht über Sir
Jaspers Freundlichkeit, sondern über die Gelassenheit und Gewandtheit,
mit der Leath die Einladung aufnahm -- für sich. Er hatte keine Spur
der Befangenheit und Verlegenheit verraten, die er ihr gegenüber
anfangs im Bungalow gezeigt. Sie ging Arm in Arm mit Cis weiter, eine
Regung des Interesses und der Belustigung empfindend, sehr ernst und
schweigsam, -- etwas äußerst Seltenes bei Gräfin Florence.
Aber wenn sie auch mit ihrer gewandten irischen Zunge nicht plauderte,
so gebrauchte sie doch ihre großen, glänzenden irischen Augen und
wunderte sich, auf einmal das ungewohnte Lächeln aus dem Antlitz ihres
Vormundes entschwinden, seine Stirn sich furchen, seine Lippen sich
fest aufeinanderpressen und seine Augen verstohlene Seitenblicke auf
seinen Gefährten werfen zu sehen. War seine liebenswürdige Anwandlung
schon vorüber? Es sah fast so aus. Oder hatte ihn etwas geärgert?
So sah es noch mehr aus. Und dennoch, was konnte das gewesen sein?
Weder sie noch Cis hatten gesprochen, und Leath hatte nur Sir Jaspers
Fragen über die mutmaßliche Dauer seines Aufenthaltes in St. Mellions
und Ähnliches beantwortet, und doch sah er ihn mit dem sonderbaren,
zornigen, verstohlenen Blicke an. Und auch schweigsam war er geworden.
Als er gleich darauf wieder zu sprechen anhub, wandte er hastig die
Augen ab; sie fand, daß seine Stimme nie so scharf geklungen wie jetzt.
»Habe ich recht verstanden -- Sie kommen aus Australien, Herr Leath?«
»Ja, Sir Jasper. Vor acht Wochen habe ich mich eingeschifft.«
»Darf ich fragen, wo?«
»In Sydney. Aber ich habe in Queensland gelebt.«
»Ihr ganzes Leben lang?«
»Ja.«
»Sie sind früher noch nie in England gewesen?«
»Niemals.«
»Haben Sie die Absicht, sich in England niederzulassen?«
»Augenblicklich habe ich noch keinen bestimmten Entschluß gefaßt. Aber
mich fesselt nichts an Australien, und es ist möglich, daß ich es tue.«
»Nichts? Sie wollen damit sagen, daß Sie keine Eltern haben?«
»Ja. Ich habe weder Vater noch Mutter. Während der letzten acht Jahre
-- seitdem ich zweiundzwanzig Jahre alt bin -- habe ich ganz allein in
der Welt gestanden.«
»Sie haben keine Verwandten in England?«
»Ich habe sie, soweit ich sie kenne, in keinem Lande der Welt.«
Die Fragen waren in einem herrischen, brüsken Ton gestellt worden,
der beinahe ungezogen war; aber Leath hatte mit unverwüstlicher
Gelassenheit bereitwillig und deutlich geantwortet, während er ernst
vor sich hinblickte. Sie langten am Hause an. Sir Jasper hatte sein
Schweigen nicht wieder gebrochen, noch Leath wieder angeblickt.