Frühstück bei ihm ein; dabei zog sie Sir Jaspers Brief aus der Tasche
ihres Reitkleides. Herr Sherriff nahm ihn ihr ab, las ihn und schob ihn
wieder in den Umschlag.
»Die Sache ist sehr einfach, und ich glaubte, sie Sir Jasper vorige
Woche genügend erklärt zu haben. Wenn Sie gestatten, so werde ich Sie
mit ein paar Zeilen für ihn behelligen. Wie geht es allen in Turret
Court, Lady Agathe, Fräulein Cäcilie?«
»Meine Tante ist so wohl, wie sie überhaupt sein kann, und Cis ist
hübscher denn je. Sie und Harry Wentworth machen mich ganz sentimental
-- wirklich. Was wollte ich noch sagen? Ach ja! Roy ist sehr fidel und
Sir Jasper griesgrämlich. Ich bin, wie Sie mich vor sich sehen.«
»Und wie Sie hoffentlich bleiben werden. Besseres können Sie nicht tun,
liebes Kind.«
Der alte Herr blickte mit wohlwollendem, väterlichem Lächeln in das
liebreizende, strahlende Gesicht.
»Sie wollen hoffentlich nicht damit sagen, daß irgend etwas Besonderes
vorgefallen ist, was Sir Jasper verstimmt hat?«
»Du meine Güte, nein. Es ist eben nur sein chronisches Leiden!
Wenn ihm einmal wirklich etwas Widerwärtiges zustieße, so würde es
ihn vielleicht liebenswürdig machen -- wer weiß? Ich habe jetzt
angefangen, ›Das Hausgespenst‹ zu flöten, was der armen Agathe jedesmal
einen furchtbaren Schrecken einjagt! Als ob ihr Herr und Gemahl den
Gassenhauer kennte!«
»Das ist wohl kaum anzunehmen,« meinte Herr Sherriff lächelnd.
»Natürlich nicht. Trotzdem sah ich sie erzittern, wenn ich nur die
Lippen spitzte. Ich sollte es natürlich nicht tun, nicht wahr? Junge
Damen sollten niemals flöten. Da hat die arme Herzogin recht -- kommt
dort nicht jemand, Herr Sherriff?« unterbrach sie sich und horchte auf
näherkommende Schritte -- Schritte, die ihr ganz fremd waren.
Dann fuhr sie empor und rief in grenzenlosem Erstaunen: »Was, Sie sind
es? Hier?«
Es war Everard Leath, der um die Ecke der Veranda bog, und der bei
ihrem Anblick in ebenso großem Staunen stehen blieb.
Verwundert über ihr gegenseitiges Erkennen blickte Sherriff von einem
zum andern.
Leath sprach zuerst.
»Ich bitte um Entschuldigung, Gräfin Esmond. Ich hatte keine Ahnung
davon, daß Sie hier wären, und erwartete, Herrn Sherriff allein zu
finden.«
Er verbeugte sich und entfernte sich wieder. Florences graue Augen
richteten sich verwundert auf den Hausherrn.
»Wie in aller Welt kommt er hierher?« rief sie.
»Liebes Kind, erlauben Sie mir erst, Ihnen eine Frage vorzulegen: Wie
kommt es, daß Sie ihn kennen und er Sie?«
»Wie das kommt?« Sie lachte bei der Erinnerung hell auf. »Soll ich es
Ihnen erzählen?« meinte sie schelmisch in überlegendem Tone. »Ja, Sie
sollen es hören.«
Sie entwarf ihm darauf eine anschauliche und sehr drollige Schilderung,
wie es gekommen, daß Everard Leath in ihrem geheimen Schlupfwinkel in
der Klippenwand eine Zuflucht gefunden.
»Hat er Ihnen nichts davon erzählt?« fragte sie neugierig.
»Kein Sterbenswort.«
»Auch Sie gar nichts über mich gefragt?«
»Mein liebes Kind, Herr Leath hat Ihren Namen mir gegenüber gar nicht
in den Mund genommen! Ich hatte keine Ahnung davon, daß Sie ihm je
begegnet!«
»Höflich! Es nimmt mich sehr wunder, daß er sich überhaupt die Mühe
gegeben hat, herauszufinden, wer ich bin. Und jetzt zu meiner Frage,
bitte, Herr Sherriff. Wie kommt er hierher? Ich verstand von ihm, daß
er keine Seele in St. Mellions kenne.«
»Und das ist auch wahr, glaube ich. Ich habe seine Bekanntschaft auf
fast ebenso zwanglose Weise gemacht wie Sie. Als ich vor einigen
Abenden spazieren ging, überkam mich einer meiner unglücklichen
Schwächeanfälle. Ja, ohne ihn würde ich hingestürzt sein, denn ich
hatte das Bewußtsein fast gänzlich verloren.«
»O, wie mir das leid tut!« Das fröhliche, neugierige Gesicht des jungen
Mädchens wurde ernst. »Und er -- dieser Herr Leath -- brachte Sie nach
Hause, nicht wahr?«
»Ja, mein Kind -- als ich mich hinreichend erholt hatte, um ihm zu
sagen, wo ich wohnte, was ohne seine Kognakflasche wohl noch länger
gedauert haben würde. Natürlich kamen wir nachher ins Gespräch, und
ich erfuhr, daß er hier fremd, daß er aus Australien sei und in den
Chichester Arms abgestiegen wäre. Ich sagte ihm, daß er an einem
einsamen alten Mann ein gutes Werk tun würde, wenn er mir während
seines Aufenthalts in St. Mellions einen Teil seiner Zeit widmen wolle.
Er scheint sich auch einsam zu fühlen, denn er ist jeden Tag mehrere
Stunden bei mir gewesen. Gestern lud ich ihn für heute zu Tisch ein.
Ist diese Erklärung vollständig genug?«
»J--a.« Florence zog die Brauen zusammen. »Ausgenommen,« fuhr sie in
etwas pikiertem Tone fort, »daß ich nicht recht einsehe, weshalb Sie
einen völlig Fremden so gern haben sollten, Herr Sherriff.«
»Habe ich gesagt, daß ich ihn sehr gern habe, mein Kind?«
»Nein. Aber Sie tun es. Das sehe ich,« schmollte sie.
»Selbst wenn dem so wäre, so hat die Sache ihren Präzedenzfall. Vor
zehn Jahren zum Beispiel wurde ich einer jungen Dame vorgestellt, die
ich immer seither von Herzen liebgehabt habe.«
»Es ist so lieb von Ihnen, das zu sagen.« Mit einem reizenden Lächeln
legte sie zärtlich die Hand auf seinen Arm. »Aber gestehen Sie -- mögen
Sie diesen Herrn Leath leiden? Nun?«
»Ich gestehe, mein Herz, daß ich ihn sehr gern habe.«
»Und um nichts,« sagte Florence wieder schmollend, »aus keinem
besonderen Grunde.«
»Gerade ebensowenig Grund haben Sie, ihn nicht leiden zu mögen.«
»Mag ich ihn nicht leiden?« Sie lachte. »Ich fühle mich getroffen,«
setzte sie freimütig hinzu, »denn jetzt, wo ich darüber nachdenke,
glaube ich, daß dem so ist. Und doch kann ich nicht sagen, weshalb
eigentlich. Sein Benehmen war allerdings brüsk, aber ich glaube
nicht, daß das der Grund war. Aber wir können unseren Antipathien und
Sympathien nie auf den Grund kommen, nicht wahr?«
Sie blickte nachdenklich auf die Blumenbeete hinaus und zog die Stirn
wieder kraus. »Herr Sherriff!«
»Ich höre, liebes Kind.«
»Glauben Sie, daß er dauernd hier -- in St. Mellions -- bleiben wird?«
»Ja, wenigstens vorläufig. Das hat er mir gesagt.«
»Ja, ja, aber --« sie stockte. »Sie wissen wohl nicht, was ihn
hergeführt?«
»Darüber weiß ich ebensowenig wie Sie, mein Kind, gar nichts.«
»Vielleicht weiß ich doch etwas. Jedenfalls weiß ich, daß er nicht zum
Vergnügen, sondern in Geschäften gekommen ist. Das erzählte er mir, und
es war ihm Ernst damit.«
»So? Ich kann Ihnen nur die Versicherung geben, daß er mir nichts davon
gesagt hat.«
Wieder trat eine Pause ein. Sie blickte mit gerunzelter Stirn in den
Garten hinaus. Everard Leath beschäftigte sie merkwürdig.
»Herr Sherriff, glauben Sie, daß er arm ist?«
»Herr Leath? Arm, wie ich bin, sicherlich nicht,« meinte der alte Mann
lächelnd, »auch glaube ich nicht, daß er so reich ist wie Sie. Zwischen
diesen beiden Extremen liegt eine weite Kluft, wie Sie wissen.«
»Ich bin viel zu reich -- es ist einfach lächerlich! Also Sie glauben,
daß er viel Geld hat?«
»In bescheidenem Maße -- ja. Im Laufe unserer gestrigen Unterhaltung
deutete er an, daß er bis vor etwa einem Jahre mit bitterer Armut
gekämpft habe, wo ein Umschwung in seinen Verhältnissen eingetreten
sei.«
»Welcher Art wohl?« meinte Florence neugierig.
»Ich verstand so viel, daß er mit Minen zu tun gehabt -- ich bin zu
unwissend in solchen Dingen, um zu sagen, auf welche Weise. Das ist die
Glocke, die mich zum Mittagessen ruft. Habe ich Sie recht verstanden,
wollten Sie mir die Ehre antun, es als Ihr Gabelfrühstück anzusehen,
liebes Kind?«
»Ja, wenn Sie mich haben wollen,« antwortete Florence, munter ihren
Ernst abstreifend, und dabei nahm sie seinen Arm, was er so gern sah,
und ging mit ihm aus der Veranda und durch eine offene Glastür, die in
ein hübsches kleines Speisezimmer führte, in dem der ovale Tisch schon
für drei Personen gedeckt war.
Everard Leath trat bald nach ihnen ins Zimmer und machte so die
Gesellschaft vollständig. Daß er überrascht war, sie noch dort zu
treffen, und daß ihn das ein wenig aus der Fassung brachte, sah
Florence sofort. Dessenungeachtet gefiel es ihr, liebenswürdig gegen
ihn zu sein, und sie lächelte ihm zu, als er sich ihr gegenüber
niederließ.
»Sie haben also Frau Buckstone gefragt, Herr Leath?« fragte sie in
leichtem Tone.
Er verneigte sich, denn er verstand sie gleich.
»Ja, Gräfin.«
»Und sie stellte meine Person fest?«
»Sofort.«
»Wirklich? Sie müssen mich sehr anschaulich geschildert haben.«
»Im Gegenteil, ich fand, daß es nicht nötig war, Sie überhaupt zu
schildern.«
»So? Vermutlich, weil sie fand, daß mein Benehmen mir ›ganz ähnlich‹
sähe.«
»Da Sie mich darnach fragen, so glaube ich, daß es sich so verhielt.«
»Sie ist mir eine liebe alte Frau, aber ich fürchte, daß sie ebenso
entsetzt über mich ist, wie die Herzogin selbst. Und Sie haben Ihres
kleinen Abenteuers nie gegen Herrn Sherriff erwähnt?«
»Ich wußte nicht, daß Sie Herrn Sherriff kannten, und ich hielt mich
nicht für berechtigt, einem Fremden von Ihnen oder Ihrer Freundlichkeit
zu reden.«
Er war ein wenig steif und gezwungen in seinem Benehmen, obgleich man
ihn kaum hätte verlegen nennen können. Florence dachte im stillen, daß
sein Leben in Australien ihm wahrscheinlich nur selten Gelegenheit zu
vertrautem und leichtem Verkehr mit ihrem Geschlechte gewährt hätte.
Aber sie empfand auch, als sie das Gespräch abbrach, weil das kleine
Dienstmädchen geschickt das kalte Geflügel und den Salat herumreichte,
daß er ein Zartgefühl und eine Zurückhaltung gezeigt, die sie weder von
ihm erwartet noch ihm zugetraut hatte.
Diese Empfindung stimmte sie freundlich gegen ihn, und sie blieb
bei dem nun folgenden Gespräch in der heitersten, liebenswürdigsten
Stimmung. Die Unterhaltung drehte sich größtenteils um Australien,
aber, obwohl Leath durchaus nicht zu beredt war und seinen
charakteristischen, trockenen Ernst nicht leugnete, war ihr doch
sowohl der Gesprächsstoff wie seine Art und Weise neu genug, um sie
sehr zu interessieren und ihr viele wißbegierige und eifrige Fragen zu
entlocken. Als sie endlich, überrascht darüber, wie schnell die Zeit
vergangen war, aufstand und erklärte, daß sie fort müsse, war es mit
einer leisen Regung des Unmuts, weil sie über den Mann selbst so wenig
wie je wußte. Alles, was er erzählt und was sie aus ihm herausgebracht
hatte, war so ganz und gar unpersönlich gewesen.
»Haben Sie angefangen herauszufinden, daß ich Ihnen nur die Wahrheit
über St. Mellions gesagt habe, Herr Leath?«
Sie warf die Frage nachlässig hin, nur um etwas zu sagen, als sie
in der Veranda stand und zusah, wie ihre Fuchsstute auf und nieder
geführt wurde. Drinnen an seinem mit Büchern bedeckten Tische schrieb
Sherriff den Brief, den sie Sir Jasper mitnehmen sollte. Leath war ihr
hinausgefolgt; wie sie vermutete, um sie aufs Pferd zu heben.
»Wie meinen Sie?« sagte er fragend.
»Ich glaube, ich sagte Ihnen, daß es ein langweiliges kleines Nest sei.
Finden Sie das etwa nicht?«
»Es mag langweilig sein, aber nicht langweilig genug, um mich von hier
fortzutreiben.«
Sie errötete. Es klang, als ob er ihre unausgesprochene Neugier erraten
habe.
»Sie denken doch sicherlich nicht daran, sich hier niederzulassen?«
»Ich kann es nicht sagen, Gräfin. Für den Augenblick bin ich noch zu
keinem festen Entschlusse gelangt -- das heißt über meinen künftigen
Aufenthaltsort.«
»Wirklich? Wissen Sie noch nicht einmal, ob Sie nach Australien
zurückkehren werden?«
»Noch nicht einmal das, obgleich es sehr wahrscheinlich ist, daß ich
dorthin zurückkehren werde. Aber Familienbande fesseln mich an keinen
Teil der Welt, und ich kann folglich tun, wie mir beliebt.«
»O!« sagte Florence, »ich denke, wenn Sie zum Beispiel eine Frau hätten
--«
»Das habe ich allerdings nicht.«
Ihr Blick hatte die Pause zu einer Frage gemacht.
»-- so würde sie möglicherweise Australien nicht gern mit England
vertauschen.«
»Wahrscheinlich nicht. Aber meine Frau existiert nicht, Gräfin. Wie ich
sagte, stehe ich ganz allein in der Welt -- schon seit acht Jahren.«
Seine gelassene kalte Stimme wurde nicht weicher oder bewegt bei
diesen Worten, und das Antlitz, in das sie schaute, gab ihr keine
Ermutigung zu dem teilnehmenden Blick oder der freundlichen Frage, die
sie sich sonst vielleicht erlaubt haben würde, obgleich er ihr fast
noch ein Fremder war. Sie wandte sich, um Herrn Sherriff das Briefchen
abzunehmen, und ärgerte sich über sich selbst, daß sie sich hatte
verleiten lassen, ihm so viel Interesse zu bezeigen. Der Mann und seine
Angelegenheiten gingen sie, Florence Esmond, allerdings gar nichts an.
Er hatte etwas Strenges und Kraftvolles an sich, eine Kälte, die sie
abstieß.
In ihrem Benehmen gegen ihn lag jetzt keine Liebenswürdigkeit mehr,
und die Verbeugung, die sie ihm machte, nachdem er sie in den Sattel
gehoben, war so kalt, wie eine Verbeugung nur sein konnte. Aber sie
drehte sich um und warf Herrn Sherriff mit ihrer behandschuhten Rechten
eine zärtliche Kußhand zu, ehe sie aus dem Garten des Bungalow ritt.
Sie wollte ihren alten Freund und Liebling nicht schlecht behandeln,
weil er törichterweise so großes Gefallen an Everard Leath zu finden
schien.
4.
Das Mittagessen in Turret Court war vorüber. Es wurde stets früh
gespeist, denn Sir Jasper war magenleidend, und das Mahl war immer ein
auserlesenes. Für Lady Agathe war es die qualvollste Stunde des Tages,
denn der Hausherr ließ es selten zu, daß die Mahlzeit für irgend jemand
angenehm verlief, und am wenigsten naturgemäß für sie. Jetzt hatte er
sich in die Bibliothek zurückgezogen, einen Raum, in dem er geruhte,
den größten Teil seiner Zeit zuzubringen, und die übrigen begaben sich
in den Salon, überaus froh, ihn los zu sein.
Lady Agathe saß in dem bequemen Sessel mit einem anderen Bande des
Romans, in den sie sich am Morgen schon vertieft hatte. Roy hatte seine
langen Gliedmaßen der Länge nach auf dem Sofa ausgestreckt, gab sich
Mühe, einzuschlafen, und stöhnte bisweilen über die Hitze; draußen auf
der Terrasse gingen Cis und ihr Verlobter langsam auf und nieder; ein
Spitzentuch verhüllte den goldblonden Kopf und den Hals des jungen
Mädchens. Dicht an einem Fenster, bequem zurückgelehnt in einem ihrer
Lieblingsschaukelstühle, die Hände hinter dem kastanienbraunen Haar
verschlungen, lag Florence in ihrem langen weißen Kleide -- sie trug im
Hause gern übermäßig lange Schleppen -- im Gespräch mit der einzigen
noch anwesenden Persönlichkeit.
Das war ein Herr, dessen Gesellschaftsanzug tadellos saß, der eine
gute Figur sowie eine angenehme Stimme hatte, und dessen Gesicht
geradezu schön war. Das einzige, was man an seinem Äußeren und
seiner Persönlichkeit hätte aussetzen können, wäre gewesen, daß er
älter aussah als er war. Seine schönen Züge waren unbeweglich, -- er
hatte fast gar kein Mienenspiel, -- seine Gestalt hatte eine gewisse
Behäbigkeit, seine Bewegungen waren schwerfällig und langsam, seine
Redeweise eintönig und ernst; seinem Alter nach erst in der Blüte der
Jahre, hatte er seine Jugend doch schon eingebüßt: mit achtunddreißig
war er entschieden ein Mann mittleren Alters. In seinen ruhigen braunen
Augen lag kaum ein Glanz, während er die hin und her schaukelnde,
anmutige Gestalt des Mädchens betrachtete und das angeregte, lebhafte
Antlitz sich gegenüber sah.
»Ich wußte, daß ich dir etwas sagen wollte, was mir mindestens ein
halbes dutzendmal wieder entfallen ist,« sagte Florence schaukelnd.
»Heute morgen bekam ich einen Brief von der Herzogin.«
»Von der Herzogin? So?«
»Ja.«
Sie erzählte ihm dann kurz den Inhalt des Schreibens, und daß sie es
abgelehnt, ihre Patin nach der Schweiz zu begleiten.
»Da du der Herzogin geschrieben hast, so ergriffst du vermutlich die
Gelegenheit, sie von unserer Verlobung in Kenntnis zu setzen?« fragte
Talbot Chichester zögernd.
»O! Von unserer Verlobung?« Florence zog die Hände unter dem Kopf fort
und verschränkte sie im Schoß. »Nein,« sagte sie ruhig, »um dir die
Wahrheit zu gestehen, das habe ich nicht getan. Ich habe natürlich
daran gedacht, aber ich kam zu dem Entschlusse, daß es viel besser
ist, damit zu warten, bis sie glücklich in Pontresina ist und ihren
Ärger darüber, daß ich nicht mit ihr gehe, überwunden hat.« Sie lachte
schelmisch.
»Aber ich bin nicht derselben Ansicht,« erwiderte Chichester ernst;
das Lächeln, mit dem er auf ihr Lachen geantwortet, war nur sehr matt.
»Die Stellung, die Ihre Durchlaucht dir gegenüber einnimmt, erheischt
es von mir, daß ich sie von unserer Verlobung unterrichte und ihre
Einwilligung in unsere Heirat erbitte, wie ich es bei Sir Jasper tat.
Ich wollte es sofort tun, aber du schienst es vorzuziehen, es selbst zu
übernehmen, obgleich ich gestehen muß, daß ich den Grund nicht recht
begriff.«
»Einen Grund hatte es nicht; es war eine Laune von mir, es ihr selbst
zu erzählen -- warum, weiß ich nicht.«
»Natürlich fügte ich mich, da es dein Wunsch war,« fuhr Chichester
fort, »es ist freilich wahr, daß es in gewissem Sinne nur eine Form
ist, aber ich finde doch, es müßte geschehen.«
»Nur eine Form? O, du glaubst also nicht, daß sie etwas dagegen haben
wird?« fragte Florence wieder.
»Dagegen?«
Herr Chichester setzte sich in seinem Stuhle aufrecht. Sein Ton wurde
würdevoller, er fühlte, daß das, was Florence sagte, abgeschmackt sei.
War nicht die Familie Chichester auf Highmount sogar noch älter als das
Geschlecht der Mortlakes, und reich genug, um ihnen ihren ganzen Besitz
drei- oder viermal abzukaufen?
»Meine liebe Florence,« meinte er nachsichtig, »das ist sicherlich eine
ziemlich überflüssige Frage! Wir sind nicht von Adel, das ist freilich
wahr, -- wir haben die Ehre immer abgelehnt, -- aber in jeder anderen
Hinsicht ist es kaum möglich, daß die Herzogin etwas gegen mich als
Bewerber um deine Hand einzuwenden haben könnte. Du kannst das nicht
für wahrscheinlich halten.«
»Ich durchaus nicht!« sagte Florence fröhlich. »Ich glaube nicht, daß
sie etwas dagegen haben wird; weshalb, wie du sagst, sollte sie das?
Ich wollte nur gern wissen, wie du darüber dächtest.«
»Du gibst mir also die Erlaubnis, ihr binnen kurzem zu schreiben?«
»Ja. Sobald sie in Pontresina ist. Ich will ihr mit derselben Post
schreiben, damit sie erfährt, daß ich an deinem bisherigen Schweigen
schuld bin.«
»Danke! Das ist alles, was ich wissen wollte.« Florence nickte leicht
und wandte ihr Gesicht dem Fenster zu. Vielleicht verbarg sie ein
unterdrücktes Gähnen hinter der weißen Hand, die sie sich vor den Mund
hielt. Ein Plauderstündchen mit Talbot Chichester, obgleich er ihr
Verlobter war, wirkte nicht sehr belebend auf sie.
Cis und Harry kamen am Fenster vorbei; die Hand des jungen Mädchens
ruhte auf dem Arm ihres Verlobten; seine Lippen waren dicht an ihrem
kleinen Ohre, während er ihr Worte zuflüsterte, die niemand anders
verstehen konnte. Florences rote Lippen zuckten eigentümlich bei
dem Gedanken, Chichester könne so gehen, so flüstern -- der Einfall
belustigte sie. Er hatte es nie getan oder zu tun versucht, weder vor
seinem Heiratsantrag noch nachher. Als sie ihm ihr Jawort gab, hatte
sie sich gesagt, daß sein großer Vorzug sei, daß er niemals versucht,
ihr den Hof zu machen. Andere hatten das getan, und sie hatte das
unendlich langweilig gefunden und gleich im Keime erstickt. Talbot
Chichester hatte sich solcher Schwäche niemals schuldig gemacht, und
sie hatte versprochen, ihn zu heiraten.
Cis und Harry gingen wieder vorüber. Herr Chichester saß noch immer
stumm da. Florence schaute in den tiefstehenden Mond; das Schweigen
dauerte fort. Roy, der seine fruchtlosen Bemühungen, einzuschlafen,
aufgab, stand vom Sofa auf und schlenderte auf das Paar am Fenster zu.
Florences Verlobung mit dem ›alten Chichester‹, die er anfangs durchaus
nicht hatte glauben wollen und mit unbändigem Gelächter aufgenommen
hatte, war dem Jüngling noch immer unendlich komisch. Da es ihm jetzt
vorkam, als sähe Florence gelangweilt aus, warf er sich in einen Stuhl
und machte endgültig den Versuch, die Unterhaltung wieder in Gang zu
bringen.
»Wie schauderhaft heiß es ist!« sagte er mit einem Gähnen. »Finden
Sie das nicht auch, Chichester? Ich habe mich von meinem Morgenritt
nach Arborfield noch nicht erholt. Die Sonnenglut auf der Halde war
furchtbar. Du hast auch eine gute Dosis davon bekommen, nicht wahr,
Flo?«
»Ich?« Florence hatte an einer Feder ihres großen gelben Fächers
gezupft und ihn nicht gehört -- ihre Augen schauten noch träumerisch
in die tiefstehende, lichte Mondscheibe, die am dunkelvioletten
Abendhimmel glänzte.
»Ich?« sagte sie, sich besinnend, »wovon sprichst du, Roy?«
»Ich sage, du mußt es auf der Halde heute morgen sehr heiß gefunden
haben, nicht wahr? Wie ging’s dem alten Sherriff? Sie müssen wissen,
Chichester, ich behaupte immer, daß Florence in Sherriff verliebt ist.
Wenn man es sich recht überlegt, so ist es doch eigentlich ein starkes
Stück, daß sie solchem jungen, munteren Hagestolz Besuche macht!
Wundere mich oft darüber, daß er in solch gottverlassenem Neste bleibt
und die liebenswürdige Laune unseres Alten erträgt.«
»Er ist arm, glaube ich,« meinte Chichester gelassen. »Was er von Sir
Jasper erhält, kommt zweifelsohne in Betracht bei ihm.«
»Das ist’s vielleicht. Aber der Pfarrer behauptet, -- die beiden sind
nämlich dicke Freunde, -- daß, wenn Sherriff sich vor Jahren in London
niedergelassen hatte, er sich dort durch seine Schriften längst einen
Namen gemacht haben würde. Ich muß gestehen, ich begreife es nicht,
wie ein Mensch hier in St. Mellions weitervegetieren kann, wenn sich
ihm eine Möglichkeit bietet, fortzukommen.«
»Herr Sherriff ist alt, Roy,« meinte Florence sanft, »und steht ganz
allein in der Welt. Mit seinen Büchern und Blumen ist er hier ebenso
glücklich, glaube ich, wie er anderswo sein würde.«
»Na, er hätte sich wohl längst aus dem Staube gemacht, wenn das nicht
der Fall gewesen wäre,« gab Roy zu. Er gähnte wieder in beängstigender
Weise. »Da wir gerade von Leuten reden, die hier an der Scholle kleben,
fällt mir ein,« fuhr er mit tränenden Augen fort, »wer ist der Mensch
bei Mutter Buckstone?«
»In den Chichester Arms?«
Talbot Chichester stellte diese Frage.
»Ja. Ein ziemlich ansehnlicher Kerl -- sonnverbrannt -- erinnert mich
an jemand, den ich gesehen habe,« fuhr Roy unzusammenhängend fort.
»Gestern sprach ich mit ihm, oder er mit mir -- ich weiß nicht mehr
recht, wie es war -- als ich hinüberritt, um zu sehen, ob mir der alte
Buckstone das Öl für mein Rad besorgt hätte. Er wohnt dort, sagte er.
Wunderlicher Geschmack! Wer es wohl sein mag? Sie wissen es nicht etwa,
Chichester?«
»Ich bekümmere mich allerdings nicht um jeden, der in den Chichester
Arms absteigt.« Der Redende blickte belustigt. »Ich wußte überhaupt
nicht, daß dort jemand wohne. Vermutlich ein auf einer Fußtour
begriffener Londoner.«
Roy schüttelte den Kopf.
»Das glaube ich nicht. Nicht das Genre -- hat nicht den Londoner
Dialekt -- versteht zu viel von Pferden, um ein Großstädter zu sein.
Kommt wohl aus dem Auslande. Wenn ich ihn wiedersehe, will ich ihn mal
danach fragen.«
»Laß das nur! Es ist überflüssig. Was seinen Namen anbetrifft, so heißt
er Everard Leath und kommt aus Australien. Wer er ist, weiß ich nicht,
und was er will, das weiß er hoffentlich selbst.«
»Er hat es dir doch nicht etwa erzählt?«
»Mein lieber Junge, verzeih, das hat er getan.«
»Nun, das ist famos!« Roy riß die Augen noch weiter auf und lachte. »Du
warst immer das wunderlichste Mädchen unter der Sonne. Wo in aller Welt
hast du den Menschen gesehen?«
»Soll ich’s dir sagen?«
Sie setzte sich aufrecht und heftete lächelnd ihre schelmisch
blitzenden Augen auf das verwunderte und fragende Antlitz ihres
Bräutigams. »Ja -- wir sind heute abend alle sehr langweilig, und
deshalb will ich es tun.«
Harry und Cis waren vor dem Fenster stehen geblieben, und sie winkte
ihnen lustig, hereinzukommen. Und vor diesem nicht wenig erstaunten
Publikum erzählte sie harmlos plaudernd ihre Begegnung mit Everard
Leath.