Lady Agathe, der so plötzlich zugemutet wurde, die liebenswürdige

Wirtin einem jungen Manne gegenüber zu spielen, von dem sie außer

der Geschichte mit Florences Höhle nie etwas gehört hatte, war

freundlich und würde noch freundlicher gewesen sein, wäre sie über die

Empfindungen ihres Mannes im klaren gewesen. Chichester, der in Turret

Court frühstückte, wie er seit seiner Verlobung oft getan hatte, war

von angemessener Höflichkeit. Bei Tische saß er natürlich neben seiner

Braut, und Cis -- ganz und gar nicht gegen ihren Willen, denn in Harrys

Abwesenheit war ihr fast jeder Mann lieber als keiner -- fiel das

Amt zu, den Fremden zu unterhalten. Sie, Jasper und seine Frau saßen

einander gegenüber, und Roys Stuhl blieb leer -- er war nach Market

Beverley geritten.

Aber mit dem besten Willen fand Cis ihre Aufgabe nicht leicht. Es

mochte daran liegen, daß ihr Nachbar nicht auf ihre Fragen einging,

oder daß die allgemeine Atmosphäre etwas Bedrückendes hatte. Außer

ihr machte allerdings keiner irgendwelche Anstrengungen, ein Gespräch

in Gang zu bringen. Florences sonst so beredte Zunge hatte wenig zu

sagen. Sie blickte verwundert und fragend zu ihrem Vormund hinüber; sie

antwortete ihrem Verlobten, aber mehr tat sie nicht und wandte sich

nicht ein einziges Mal direkt an Everard Leath.

»Es ist zu abscheulich von Florence,« dachte Cis und warf vorwurfsvolle

Blicke über den Tisch. Weshalb sprach sie nicht -- sie, die immer

jedermann amüsieren konnte, wenn sie wollte? -- Die Pause, die nach

ihrer letzten Bemerkung und Leaths Antwort eingetreten war, hatte schon

beklemmend lange gedauert. Veranlaßt durch die Richtung, die die Blicke

ihres Gefährten nahmen, fragte sie schließlich:

»Sie haben Herrn Chichester doch schon getroffen, glaube ich, Herr

Leath?«

»Nein -- aber ich habe von ihm gehört. Ihm gehören die Chichester Arms,

nicht wahr?«

»Freilich, ihm gehört ein großer Teil von St. Mellions -- mehr als

uns,« sprach Cis. »Sein Besitz Highmount ist wirklich wundervoll.

Manche finden ihn schöner als Turret Court, aber die Ansicht teile ich

nicht. Haben Sie den Park und das Schloß schon gesehen?«

»Nur von der Chaussee aus.«

Leath blickte wieder über den Tisch hinüber. Chichester sprach gerade

mit Florence, die zu ihm aufschaute.

»Herr Chichester ist nicht verheiratet, nicht wahr?«

»Gewiß nicht! Wissen Sie denn nicht --« Cis brach ab, dunkelrot im

Gesicht, und verriet, was sie angefangen auszusprechen, so unbeholfen

durch ihr schuldbewußtes Aussehen, daß er sie sofort verstand. Einen

Augenblick zog sich seine Stirn in Falten, dann sprach er mit einer

kühnen Gelassenheit, die seine Gefährtin verblüffend fand, wenn sie

auch erleichtert aufatmete:

»Das wußte ich allerdings nicht, Fräulein Mortlake. Verzeihen Sie mir

die Frage -- ist Gräfin Esmonds Verlobung augenblicklich noch ein

Geheimnis?«

»Nein, nein!« sagte Cis hastig, »das nicht! Nichts der Art! Wir alle

wissen es, aber sie soll noch nicht veröffentlicht werden, ehe die

Herzogin -- die Patin meiner Cousine und ihr zweiter Vormund -- davon

in Kenntnis gesetzt ist und ihre Einwilligung gegeben hat.«

»Soll Gräfin Florences Verlobung auch vor Herrn Sherriff geheimgehalten

werden?«

»Vor Herrn Sherriff? Hat sie es ihm nicht erzählt? Sie hält so

viel von ihm, daß ich glaubte, er sei einer der ersten, dem sie es

mitgeteilt. Sind Sie sicher, daß er es nicht weiß?«

»Ganz sicher.«

»Das ist sonderbar!« Cis zog die Stirn kraus. »Das sieht ihr gar nicht

ähnlich! Bitte, erwähnen Sie lieber nichts davon gegen ihn, Herr Leath

-- es könnte ihr unangenehm sein. Die Sache mag wohl so zusammenhängen,

daß sie glaubt, daß Herr Sherriff sich nicht darüber freuen würde. Und

das glaub’ ich auch. Sehen Sie, Herr Sherriff hat sie so lieb, daß er

keinen für gut genug für sie hält.«

Leath verneigte sich ernst. Noch einmal wieder richteten sich seine

Augen quer über den Tisch hinüber auf das ruhige, schöne Gesicht

des Mannes, das sich ein wenig zu dem kastanienbraunen Mädchenkopfe

hinabbeugte, -- nur ein wenig mit artiger Höflichkeit, -- nicht mehr

vielleicht, als er sich eben zu Cis hinuntergebeugt hatte. Der ihr

Bräutigam? Er sah aus, als wäre er schon seit zehn Jahren ihr Gatte, so

gleichgültig war er.

Cis empfand das Schweigen aufs neue als unbehaglich, und nachdem sie

abermals ohne Erfolg zu ihrer Cousine hinübertelegraphiert hatte,

begann sie einige Fragen über Australien zu stellen, an die sie, durch

eine Antwort ermutigt, weitere anreihte, so daß endlich ein Gespräch

zwischen ihr und ihrem Tischnachbar in Gang kam, und was er ihr

erzählte, war wirklich amüsant und neu für sie.

»Ich glaube, ich selbst möchte gern einmal nach Australien,« meinte

sie. »Man macht sich erst eine Vorstellung von einem Orte, wenn jemand

redet, der dort gewesen ist, und der einzige außer Ihnen, den ich

kenne, ist Lord Carmichael, und der spricht nie davon.«

»Lord Carmichael?« Leath blickte schnell auf. »Darf ich fragen, wer das

ist, Fräulein Mortlake?«

»Wie dumm von mir, -- ich dachte, das wüßten Sie! Es ist Harrys

-- Herrn Wentworths Vater.« Sie errötete leicht, als ihr der Name

entschlüpfte und sie sich hastig verbesserte, aber sie hatte aus einer

seiner Äußerungen entnommen, daß ihr Tischnachbar um ihre Verlobung

wisse.

»Er ist einmal in Australien gewesen, aber es kann ihm dort nicht sehr

gefallen haben, denn er spricht, wie gesagt, nie davon. Ich hatte in

der Tat keine Ahnung davon, bis Har-- Herr Wentworth es mir erzählte.«

»Wann war er drüben? Kürzlich?« fragte Leath rasch.

»Ach nein! Vor vielen Jahren. Ehe er verheiratet war.«

»Vor dreißig Jahren vielleicht?« fragte Leath wieder und blickte sie

unverwandt an.

»Ja -- das mag schon sein! Sein Sohn ist fünfundzwanzig, also muß es

ungefähr so lange her sein.«

Lady Agathe machte ihrer Tochter und ihrer Nichte das übliche Zeichen

und stand auf. Es blieb keine Zeit zu einer Antwort.

Leath verabschiedete sich sofort, da die Antwort für Herrn Sherriff ihm

schon gegeben worden. Seine Wirtin entließ ihn mit einem Händedruck und

einem freundlichen Worte; der Hausherr machte ihm die kälteste und

förmlichste Verbeugung.

Was war aus Sir Jaspers überraschender Herzlichkeit geworden? Cis

blickte wieder mit drolligem Ausdruck zu ihrer Cousine empor, als die

beiden Mädchen zusammen am Fenster standen. Lady Agathe hatte mit

Chichester, den eine Verabredung mit seinem Verwalter nach Highmount

zurückrief, das Zimmer verlassen, und der Baron saß stumm und

regungslos vor sich hinbrütend an seinem Platze.

»Nun, ich muß gestehen, ich weiß nicht, weshalb du ihn unausstehlich

nennst, Florence,« gähnte Cis, »ich muß freilich zugeben, daß es nicht

leicht ist, sich mit ihm zu unterhalten, und du wolltest mir nicht

helfen, obgleich ich dich absichtlich immer anblickte. Es war zu

schlecht von dir.«

»Unsere Aufgaben waren geteilt,« gab Florence trocken zurück.

»Chichesters Unterhaltungsgabe war auch nicht gerade glänzend.«

»Apropos, Florence, ich finde, du hättest Herrn Sherriff deine

Verlobung mitteilen müssen. Er hält so viel von dir!«

»Herrn Sherriff? Woher weißt du, daß ich das nicht getan habe?« fragte

Florence rasch.

»Herr Leath sagte es mir, liebes Herz. Es entschlüpfte mir ihm

gegenüber, daß du verlobt seiest. Er sagte, er wisse bestimmt, daß Herr

Sherriff nichts davon wüßte.«

»Was vermutlich heißt, daß sie über mich gesprochen. Das sieht der

Unverschämtheit des einen von ihnen wenigstens ganz ähnlich.«

Florence trommelte ungeduldig auf der Fensterscheibe, dann lachte sie.

»Bah,« sagte sie dann in leichtem Tone, »es tut nichts, liebste Cis,

daß du es Herrn Leath gesagt hast; er kann meinetwegen Herrn Sherriff

gern aufklären, meinetwegen kann jedermann es erfahren.«

Sie trommelte weiter, mit zusammengezogener Stirn. »Cis!«

»Ja, Liebste?«

»Ist es dir nicht aufgefallen, daß er jemand furchtbar ähnlich sieht?«

»Herr Leath? Nein -- ich habe keine Ähnlichkeit gesehen.«

»Ich aber --« sagte Florence langsam, als suche sie sich zu

vergegenwärtigen, in welchem Zuge die Ähnlichkeit läge, »ich sehe es

immer; schon am Tage des Gewitters fiel es mir auf, Cis, und ich habe

seitdem immer darüber nachgedacht. Wem von meinen Bekannten er ähnlich

sieht, und worin die Ähnlichkeit liegt, weiß ich nicht, aber ich weiß,

daß sie da ist.«

»Was sagst du da?«

Cis stieß einen leisen Schrei aus. Sie war an ihres Vaters scharfe,

herrische Stimme gewöhnt, nicht an die Wut, die jetzt aus seiner

Stimme klang. Er hatte sich erhoben und stand vornübergebeugt da, die

gespreizten Hände schwer auf den Tisch gestützt. Sein blasses, zorniges

Gesicht paßte zu seiner Stimme.

Florence, die seine Schroffheit übelnahm, antwortete mit hochmütiger

Gelassenheit:

»Ich war es, Onkel Jasper, die sprach. Ich sagte, daß Herr Leath

irgend jemand außerordentlich ähnlich sähe, und es will mir nicht

einfallen, wem.«

»Du siehst es? Wie kannst du es sehen? Wie ist es möglich? Was kannst

du wissen?« Er brach nach diesen schnell und rauh hervorgestoßenen

Worten jäh ab und ließ auch die ungestüm erhobene Hand sinken.

»Du sprichst Unsinn, Florence,« sagte er finster. »Unsinn! Hüte deine

Zunge besser. An dem Menschen hast du keine Ähnlichkeit zu sehen, und

ich rate dir, von dem Manne überhaupt so wenig wie möglich zu sehen.

Er hat nichts mit uns zu schaffen, er ist ein Abenteurer, soviel wir

wissen. Es war verkehrt von mir, ihn heute hierher einzuladen. Ich

werde das nicht wieder tun, und du auch nicht. Und wenn du klug bist,

so laß es mich nicht wieder hören, daß du so törichte Reden führst.«

Er ging aus dem Zimmer. Die Tür fiel dröhnend hinter ihm ins Schloß.

Cis war sprachlos.

»Florence, was kann über ihn gekommen sein? Und so zu dir zu reden!«

Gräfin Florence sagte nichts. Ihre Stirn war gerunzelt, ihre Augen weit

geöffnet; sie hatte keine Antwort bereit.

* * * * *

Sherriff war über einem seinem Lieblingsschriftsteller fast

eingeschlafen, als er durch Everard Leath, der durch die Veranda

eintrat, aufgeweckt wurde. Die Worte freudiger Begrüßung, die er auf

der Zunge hatte, erstarben bei einem Blick auf den jungen Mann, mit

dem eine seltsame Veränderung vorgegangen war. Seine Augen glänzten,

sein Gesicht war gerötet, der gelassene Ausdruck verschwunden und einer

sonderbaren frohlockenden Erregung gewichen. Leath legte dem Alten, der

ihn verwundert ansah, die Hand auf die Schulter.

»Heute morgen fragten Sie mich, ob ich in St. Mellions bleiben würde.«

»Ja.«

»Ich sagte Ihnen, es sei noch unentschieden, ich würde aber

wahrscheinlich fortgehen. Ich bin indes anderen Sinnes, -- ganz anderen

Sinnes geworden, -- und mein Entschluß ist gefaßt. Ich bleibe hier.«

7.

Ein paar Tage waren verstrichen, langsam dahingeschlichen, denn die

Hitze hatte noch zugenommen, und sogar in den kühlen, großen, luftigen

Räumen von Turret Court empfanden alle sie als sehr lästig.

Lady Agathe, ihre Kinder -- Roy in einem weißleinenen Anzuge, in

dem er noch länger als sonst aussah -- und Florence saßen vor den

Fenstern des getäfelten Zimmers unter zwei alten Platanen auf dem

Rasen, wohin auf Florences Vorschlag der Teetisch gebracht worden.

Es war dort entschieden kühler als drinnen, und die weißgekleideten

Mädchengestalten, die sich licht von dem grünen Hintergrund abhoben,

boten ein hübsches Bild. Roy hatte sich aus Kissen und Decken ein Lager

zurechtgemacht.

Chichester, der wie immer kühl, gelassen und vornehm aussah, erschien

gerade, als die ersten Tassen eingeschenkt wurden.

»Wünschest du Tee, Talbot, oder ziehst du ein Glas Bischof vor?« fragte

ihn Florence.

Sie sowohl, wie ihr Verlobter hatten nach Pontresina an die Herzogin

geschrieben und beide äußerst befriedigende und herzliche Antworten

erhalten. Jetzt, wo Ihre Durchlaucht ihre förmliche Einwilligung zu

ihrer Verlobung gegeben, war niemand mehr in Rippondale, der nicht

wußte, daß Gräfin Florence Esmond als Herrin in Highmount einziehen

würde.

Chichester entschied sich für Tee und nahm die Tasse, die Florence ihm

reichte. Er hatte Lady Agathe schon seine Verbeugung gemacht und Cis

die Hand geschüttelt, die nie einen Versuch machte, eine Unterhaltung

mit ihm anzuknüpfen -- im stillen hielt sie ihn in der Beziehung noch

schlimmer als ›den Menschen Leath‹, was sehr viel sagen wollte.

»Ich bin nicht gekommen, um zu bleiben,« sagte er dann, »ich speise

heute bei dem Bischof. Ich muß heimfahren, sobald ich Sir Jasper

gesprochen habe.«

»O, es ist ein geschäftlicher Besuch?« meinte das junge Mädchen

lächelnd, »ich hätte dich also mit meinem frivolen Tee gar nicht

aufhalten sollen. Mein Onkel ist in der Bibliothek, oder sollen wir

ihm sagen lassen, daß du hier bist? Sir Jasper war sehr verstimmt beim

Frühstück, Tante Agathe, -- er sitzt zu viel allein -- ich will ihn

bitten lassen, zu uns zu kommen.«

Sie erteilte dem Bedienten, der gerade eine Schale mit Früchten

brachte, die nötige Anweisung, und ein paar Minuten darauf erschien

der Hausherr. Er hatte die Aufforderung augenscheinlich ziemlich

liebenswürdig aufgenommen. Die geschäftliche Besprechung mit Chichester

wurde rasch erledigt, während er den Tee trank, den Florence ihm

gereicht hatte. Er kehrte aber nicht ins Haus zurück, wie Cis im

stillen gehofft, sondern lehnte sich in seinen Stuhl zurück und schien

aufgelegt, sich zu unterhalten. Roy gähnte ganz unverhohlen; er hatte

nicht solche Furcht vor seinem Vater, wie die schüchterne kleine Cis,

und sagte:

»Das ist eine Hitze heute, wie ich nie etwas Ähnliches erlebt habe! Ich

fragte heute morgen Leath, ob es in Queensland noch heißer wäre, und

er sagte, dies wäre noch eine kühle Temperatur dagegen. Kühl! Du meine

Güte!«

»Was heißt das?« Sir Jasper brach mitten im Satz ab und drehte sich

schnell nach seinem Sohn und Erben um. »Von wem sprichst du?« fragte er

streng.

Roy, der ob dieser unerwarteten Unterbrechung sehr verwundert war,

antwortete:

»Von dem Menschen aus Australien, Everard Leath. Doch du mußt ihn ja

kennen, er hat hier vorige Woche gefrühstückt, wie mir Cis erzählt hat.«

»Laß deine Schwester gefälligst aus dem Spiel und antworte mir. Wo hast

du ihn getroffen?«

»Wo--o, ein paarmal bei dem alten Sherriff -- und bei Mutter

Buckstone -- und sonst im Orte. Er ist ein netter Mensch, den ich gern

leiden mag. Warum, Vater?«

»Weil ich wünsche, daß du diese Bekanntschaft abbrichst,« antwortete

Sir Jasper in demselben schroffen Tone. »Der Mensch ist für uns ein

Fremder -- laß ihn das auch bleiben! Wenn Sherriff sich lächerlich

machen will, so mag er es tun. Bitte, ich wünsche ihn nicht wieder von

dir genannt zu hören, und damit basta!«

Es war vielleicht gut, daß der Baron das Thema fallen ließ, denn Roys

Achselzucken und Grimasse verhießen nur geringe Fügsamkeit. Die Familie

Mortlake auf Turret Court war immer ein halsstarriges Geschlecht

gewesen, und Roy besaß eine gute Portion ihres angeborenen Eigensinns.

Er erhob sich langsam aus seiner bequemen Stellung und forderte Cis

auf, mit ihm durch den Garten zu gehen. Die Geschwister schlenderten

davon, und Lady Agathe, die sich ebenfalls in der Nähe ihres Gatten

nicht behaglich fühlen mochte, folgte ihnen bald.

Chichester hatte seit dem letzten Heftigkeitsausbruch des Hausherrn mit

gerunzelter Stirn dagesessen. Jetzt hub er an:

»Entschuldigen Sie -- darf ich fragen, ob Sie irgend etwas von diesem

Leath wissen, Mortlake?«

»Nichts -- gar nichts, was sollte ich wissen? Was meinen Sie?«

»Ich glaubte, daß Sie etwas Nachteiliges von ihm wüßten; da Sie

so dagegen sind, daß Roy sich mit ihm abgibt, so könnten Sie

möglicherweise einen besonderen Grund dafür haben.«

»Allerdings habe ich etwas dagegen, daß mein Sohn in seinem Alter einen

freundschaftlichen oder gar intimen Verkehr mit einem Menschen anfängt,

den ich nicht kenne. Das ist doch ganz begreiflich.«

»Sehr begreiflich, ich bestreite das nicht,« erwiderte Chichester mit

gewohntem Gleichmut. »Ich meinte nur, daß -- ich habe ihm gerade heute

Lychet Hut -- Sie kennen doch das kleine Haus? -- vermietet, und wenn

Sie wirklich etwas gegen ihn haben, so erführe ich es gern.«

»Sie haben ihm Lychet Hut überlassen -- ihn als Mieter genommen?«

fragte der Baron ungläubig.

»Ja, er hat es auf ein halbes Jahr gemietet.«

»Ist es fest abgemacht?«

»Heute morgen ist es abgemacht worden. Er hat die halbe Miete im voraus

bezahlt.«

»Und Sie sind verpflichtet, ihn zu behalten? Sie können ihn nicht an

die Luft setzen?«

»Weshalb? Weil Sie ihn nicht kennen, nicht wissen, wer er ist?«

»Freilich. Aber in einem solchen Falle genügt es, wenn ein Mieter

die Miete im voraus zahlt. Es steht nicht in meiner Macht, die Sache

rückgängig zu machen, selbst wenn ich es wünschte. Herr Sherriff --«

»Gut, genug davon! Geschehene Dinge sind nicht zu ändern. Wenn Sie

es in der Zukunft bedauern sollten, so denken Sie daran, daß ich

Sie gewarnt und Ihnen geraten habe, sich den Menschen vom Halse zu

schaffen, solange es noch anging. Sherriff? Sherriff ist ein alter

Narr!«

Er stand von seinem Stuhle auf. Gräfin Florence und ihr Verlobter

blieben allein und sahen ihm nach, wie er rasch dem Hause zuschritt,

und blickten dann einander an. Es lag Verwunderung auf beiden

Gesichtern -- ratlose Bestürzung auf dem des Mannes -- lebhaftes

Staunen auf dem des Mädchens.

Florence brach in Lachen aus und zuckte die Achseln; ihre Brauen waren

hoch emporgezogen.

»Der Tee hat augenscheinlich keinen beschwichtigenden Einfluß auf ihn

gehabt,« meinte sie, und setzte dann hinzu. »Wie er den Menschen haßt!«

»Leath? Ja, es scheint so. Du weißt nicht, weshalb?«

»Ich? Keinen Schimmer! Weshalb hassen oder lieben wir die meisten

Leute?«

Chichester umging die Antwort und stellte statt dessen eine höfliche

Frage:

»Hoffentlich mißbilligst du es nicht, daß ich ihm Lychet Hut vermietet

habe?«

»Durchaus nicht, obgleich ich mich über seinen Geschmack, es zu mieten,

wundere. Es ist fast verfallen, nicht wahr?«

»Ganz so schlimm nicht, aber das Haus bedarf einiger Ausbesserung. Ich

habe schon alles Nötige angeordnet.«

»Du bist das Ideal eines Hauswirts!«

Das war er wirklich und verdiente das Kompliment.

»Er wird es schrecklich einsam dort finden.«

»Das sagte ich ihm auch, aber er antwortete, daß er an Einsamkeit

gewöhnt sei und eigentlich eine Vorliebe dafür habe.«

»Das glaube ich gern. Wie eigentümlich, daß er den Wunsch hat, hier zu

bleiben,« sagte sie, die Stirn in Falten ziehend.

»Er sagte mir, er würde wahrscheinlich nur drei Monate, möglicherweise

nicht einmal so lange bleiben. Es tut mir leid, daß Sir Jasper böse

darüber ist.«

»Er war furchtbar schroff und verdrießlich, nicht wahr? Und wie er

den armen Roy anfuhr! -- Es war ordentlich eine Szene!« Sie lachte

schelmisch.

»Und eigentlich bin ich doch an allem schuld.«

»Du?«

»Gewiß. Hätte ich ihn neulich nicht in meine Höhle geladen, so wäre er

vielleicht ertrunken!«

Chichester zog die Brauen leicht zusammen. Er wurde nicht gern an das

›Höhlenabenteuer‹ seiner Braut erinnert, obwohl er zu gerecht war,

um Leath den Vorfall entgelten zu lassen. Dennoch wäre es ihm lieber

gewesen, wenn die Anspielung unterblieben. Das wußte Florence, deren

wunderschöne, schalkhafte Augen unter den gesenkten Wimpern übermütig

blitzten, sehr wohl. In der letzten Zeit war ihr mitunter der Gedanke

gekommen, daß sie ihren phlegmatischen Verlobten eifersüchtig machen

möchte. Aber sie würde es unter ihrer Würde gehalten haben, irgend

etwas zu tun oder zu sagen, was ihm Grund zur Eifersucht gegeben hätte.

Cis und Roy, die aus der Ferne gesehen, daß ihr Vater von der

Bildfläche verschwunden, kamen wieder herzu.

»Was mag Papa verstimmt haben?« fragte Cis.

»Ich weiß es wahrlich nicht!«

Florence war aufgestanden; es klang etwas wie Ungeduld aus ihrer

Stimme. Schlank und aufrecht stand sie in ihrem schlichten weißen

Kleide da und nestelte an den mattgelben Rosen an ihrer Brust. »Er mag

Herrn Leath nicht leiden,« sagte sie lässig. »Das ist wohl der Grund.«

»Ebenso wie du,« meinte Cis in aller Unschuld und ahnte nicht, daß sie

Chichester eine Tatsache verriet, die ihre Cousine ihn nicht hatte

erfahren lassen wollen. »Weißt du noch, wie böse Papa wurde, als du

sagtest, er sehe irgend jemand ähnlich?«

»Ja,« antwortete Florence kurz.

»Sehe jemand ähnlich?« wiederholte Chichester fragend.

»Florence behauptete es. Ich selbst konnte keine Ähnlichkeit sehen.

Zuerst war Papa sehr liebenswürdig gegen ihn, und Roy hat ihn sehr

gern, nicht wahr, Schatz?«

»Das will ich meinen -- viel lieber als die meisten, mit denen ich

sonst verkehre. Lassen Sie sich durch meinen Alten nicht gegen ihn

einnehmen, Chichester! Er erzählte mir heute morgen, daß er Lychet Hut

gemietet hätte. Er ist ein famoser Kerl! Und dabei fällt mir ein,«

setzte Roy mit einem Lachen und einem Blick auf seine Schwester hinzu,

»es lag ihm sehr viel daran, zu erfahren, wann Harry zurückkäme. Er

kennt ihn nicht, nicht wahr?«

»Nein,« gab Cis schnell zur Antwort.

»Das dachte ich mir schon. Trotzdem wollte er es wissen -- schien sehr

erpicht darauf. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, muß ich sagen, daß er

mich gehörig über Arborfield ausgepumpt hat. Wunderlich -- nicht wahr?«

»Wunderlich? Ich nenne es unverschämt!« rief Cis und warf den

goldblonden Kopf empört in den Nacken.

8.

Harry war wieder daheim und Cis selig, denn für sie war die Welt voll

Sonnenschein.

Sie standen nach dem ersten Frühstück zusammen auf dem Flur -- Harry

hatte in Turret Court übernachtet, nachdem er in Arborfield über sich

und seine Erlebnisse Bericht erstattet hatte -- und überlegten, wie sie

den Morgen verbringen wollten.

Cis, die in ihrem mattblauen Kleide mit ihren rosigen Wangen und dem

goldblonden Köpfchen wie ein Nippfigürchen aussah, erklärte, daß sie

weder Lawn-Tennis spielen noch ausfahren noch unter den Platanen

vorlesen wolle, und die Frage war noch unentschieden, als Florence

die breite Treppe herabkam. Sie trug ein hellgraues Leinenkleid mit

roten Bandschleifen und leuchtendrote Rosen auf ihrem großen, weißen

Schutzhute, unter dem ihr liebliches Antlitz wie eine taufrische Blume

hervorschaute.

»Wohin gehst du, Florence?« fragte Cis.

»Ich denke, hinaus auf die Halde. Mich verlangt nach der See; ich

muß sie sehen und rauschen hören. Deshalb werde ich mir ein nettes

Plätzchen aussuchen -- vielleicht meine Höhle -- und dort bleiben,

bis ich hungrig werde. Ängstige dich daher nicht, wenn ich nicht zum

zweiten Frühstück erscheine. Komm mit, Tramp,« wandte sie sich an den

zottigen Hund, der ihr besonderer Liebling und nie fern von ihr war.

Er war ihr vor zwei Jahren an einem bitterkalten Wintertage in London

halb verhungert und ganz verwahrlost bis an ihre Wohnung nachgelaufen

und hatte seitdem ein herrliches Leben geführt, obwohl Roy verächtlich

erklärte, das Vieh sei nicht wert, ertränkt zu werden.

Cis machte Harry den Vorschlag, sich ihr anzuschließen, und Florence

erhob keinen Widerspruch; sie war daran gewöhnt, bei dem Brautpaar die

Dritte im Bunde abzugeben, und empfand diese Situation niemals als

peinlich.

Bücher und Sonnenschirme wurden geholt, und die drei wanderten

seewärts. Auf den grasbewachsenen, mit Ginstergestrüpp bedeckten

Klippen gab es lauschige Plätzchen genug, und sie machten es sich bald

bequem. Die beiden Mädchen setzten sich nieder; der Hund drängte sich

dicht an Florence, und Harry streckte sich zu Cis’ Füßen hin. Florence

lächelte, als sie das sah, und lächelte noch mehr, als eine kleine

rosige Hand anfing, mit seinem dunklen Haar zu spielen und liebkosend

darüber hinzustreichen. Sich Chichester in ähnlicher Stellung zu

vergegenwärtigen, wäre komisch gewesen. Das junge Mädchen seufzte,

während sie auf das weite blaue Meer hinausblickte, und fragte sich

wieder: »Warum habe ich es nur getan?«

Das Schweigen dauerte nicht lange, denn als Harry seine Zigarre

ausgeraucht hatte, nahm er Cis ohne Umstände ihr Buch weg und

begann zu plaudern. Er konnte, wenn er wollte, entschieden ein sehr

unterhaltender Gesellschafter sein; Florence ließ ebenfalls ihr Buch

sinken, und Cis hörte ihm mit Entzücken und Bewunderung zu. Er erzählte

von London, das sie, zu ihrem großen Bedauern, sehr wenig kannte, und

sie meinte mit einem leisen Seufzer:

»Wie gern ginge ich einmal hin, und Roy ebenfalls!«

»Roy? Wie schade, daß er nicht mit hingereist ist! Ich wollte, ich

hätte daran gedacht, ihm den Vorschlag zu machen. O, dabei fällt

mir ein,« sprach Harry in verändertem Tone, »wer ist dieser Mensch

eigentlich, der so erpicht darauf sein soll, mich zu sehen?«

Robert Bontine: Roman · 第 4 / 17 段