Tors hing einmal das Schicksal dieser ganzen Burg, bange Menschenherzen
schlugen dahinter, ob es halte, rohe Siegesjauchzer schallten, wenn
es splitterte. Sie ist verbrannt, die Stadt, und ihr Tor muß also
gebrochen sein. Aber in ihrem Schutt fand Schliemann die scharfkantigen
Trümmerteile vom Gehäuse eines im ganzen Altertum vielbegehrten
Tieres, einer Purpurschnecke. In ihrer Weise bewohnt auch solche
kleine Purpurschnecke eine Burg, deren Tor sie verteidigen muß. Und
wie man an alten Burgtoren noch die unten offenen »Pechnasen« sieht,
aus denen siedendes Pech auf die Angreifer herabgeträufelt wurde, so
überschwemmt auch die gereizte Purpurschnecke ihren Gegner mit einem
scheußlichen Stinksaft aus ihrem Tor. Er hat aber die Eigenschaft,
am Lichte trocknend in herrliche Farbtöne auszuklingen, mit denen
heute noch spanische Fischer ihre Hemden zeichnen, während einst
hier der schlichte Ausgangspunkt der großen Purpurindustrie lag, der
diesem eigentlich recht zuwideren Stinkschneckenvolk im alten Byzanz
sogar einmal den offiziellen Titel der »kaiserlichen Purpurschnecken«
eingetragen hat.
Er ist nie bis in ihre eigene dämmernde Seele eingedrungen, der pompöse
Name, und wenn diese Purpurkinder in ihrer schwachen Burg überhaupt ein
Bild des Menschenwesens führen, so wird es auch nur das eines großen
Ungeheuers sein, das ab und zu durch ihr Tor will oder ihre ganze Burg
schleifen will -- wert aller Stinktöpfe dieser Burg. Solches Tier hatte
aber nicht nur lange vor Schliemanns Goldstadt und ihren Schicksalen
die Burg und die Pechnasen gefunden in seiner Art. Es hat in äußerst
kunstvoller Weise, durchaus voraufeilend der Menschentechnik, an
seine Burgen auch schon gelegentlich Türen gesetzt, regelrechte
Festungstore, hinter denen es auch in gespannter Sorge stand, wie die
Helden und Mädchen von Troja, und deren Splittern oder Bestehen auch
ihm Glück oder Tod bedeutete. Den Weg dazu in höherer Ähnlichkeit zum
Menschenwerk finden wir allerdings zunächst auch beim Tier nur, indem
wir den Begriff der Burg selber bei ihm noch etwas vertiefen -- das
aber können wir leicht.
Das Haus unserer Purpurschnecke ist wohl eine kleine Burg, insofern es
den weichen Körper hinter einer Art Zementmauer aus kohlensaurem Kalk
einmauert bis auf die einzige nötige Türöffnung. Aber abgesehen vom
Material dauern doch noch alle Zeichen dabei des rein persönlichen
Panzers: es ist nur sozusagen ein steinerner Mauerpanzer, der immer am
Leibe mit herumgetragen wird.
Auf dieser Stufe blieb indessen die organische Technik der Natur nicht
überall stehen.
Lebhaft gedenke ich noch daran, wie mir selber einst aus antikem Schutt
in Syrakus ein solcher Harnisch einer Purpurschnecke in die Hand
fiel. Ordentlich gespenstisch hauchte es wie noch umgehendes Altertum
daraus an. Zugleich aber rührten die Finger an eigentümliche lange
äußere Dornen des Gehäuses, Zinnen gewissermaßen dieser kleinen Burg,
wie ich sie im großen eben an der Menschenburg von Syrakus gesehen.
Im Leben des Tieres mochten auch diese spitzen Auswüchse irgendeine
Hilfe geboten haben neben Kalkwand und Stinktopf. Gerade das aber
erinnerte lebhaft an ein anderes, nicht direkt molluskenhaftes, aber
auf ähnlicher Mittelstufe stehendes Geschöpf der gleichen Gewässer, das
auch in ähnlichem Mauerharnisch steckte und dazu noch diesen ganzen
Mauerumfang mit dem wirksamsten Stacheldraht überzogen hatte: den
Seeigel.
Wenn man solchem Seeigel in seiner bekanntesten Gestalt am Seestrande
begegnet, so erscheint er als das wahre Ideal eines uneinnehmbaren
kleinen Forts. Es zeigt nicht einmal das große Ausfalltor der
Schneckenburg, sondern nur winzige Schießscharten, durch die feinste
Saugfüßchen geschoben werden, wenn es gilt, das starre Fort in eine
Art beweglichen Panzerautomobils zu verwandeln. Der Stacheldraht
selber ist bisweilen vergiftet, und zwischen seinen Spitzen sitzen
perfide Greifzangen, die im kleinen an die Wundermaschinen zum Packen
der feindlichen Krieger erinnern, mit denen einst Meister Archimedes
Syrakus verteidigt haben soll. Solcher Seeigel ist selber meist ein
Räuber, und man ahnt nicht, was seinem so verbarrikadierten Raubnest
gefährlich werden könnte. Und doch bemerkt man, daß diesen lebendigen
Stacheldrahtfestungen vielfach ihr Fort allein nicht genügt und daß
sie danach streben, es noch einmal unter den Schutz einer größeren
Befestigungslinie zu stellen.
Mit Staunen sieht man die Seeigel an der harten unterseeischen
Felsküste die Pfade der alten Diluvialmenschen gehen, die sich in
Höhlen bargen. Diese Urmenschen suchten sich die natürlichen Höhlen
ihres Landes aus. Die Seeigel, resoluter noch als sie, schaffen sich
die Höhlen selber erst, indem sie das eisenharte Gestein buchstäblich
anfressen, aufnagen mit den allerdings auch stahlharten Zähnen ihres
mächtigen Kauapparats, den man die »Laterne des Aristoteles« nennt.
Doflein, unserer prächtigsten Tierbeobachter und Tierschilderer einer,
hat sie am Vulkanfels der japanischen Küste so bei der Arbeit gefunden,
den Darm noch erfüllt mit den abgefressenen Gesteinssplittern dieses
ungeheuerlichen Mahls. Ist das verwegene Werk aber geglückt, der Fels
tunnelartig geöffnet, so fahren sie mit ihrem Panzerautomobil erst
als zu ihrer fortan eigentlichen Schutz- und Trutzburg ein. Wer aber
sind die Eroberer, die solche Stachelkugel zu solcher Doppelverwahrung
zwingen könnten?
Hier beginnt das Kapitel von der vielleicht schrecklichsten Waffe der
ganzen Natur.
Wir kehren noch einmal zur Schnecke selbst zurück. In der gangbaren
Meinung ist Schnecke wie Muschel das harmloseste, hilfloseste Wesen,
das weder Mensch noch Mittier zu schaden vermag. Als es einmal hieß,
Hollands ganzer Schutz, das Holz seiner Dammpfähle, sei vom Bohrwurm
(in Wahrheit einer Bohrmuschel) bedroht, konnte man mindestens im
ersten Punkte doch stutzig werden. Ähnliche Bohrmuscheln wühlen aber
nicht bloß im Holz, sondern sie graben auch ganz nach Seeigelart Höhlen
in den härtesten Stein. Berühmt sind die antiken Säulen von Pozzuoli
bei Neapel, die vermutlich einst aus einem Fischbassin ragten und
damals an der Basis von solchen zähen Bohrern tief durchlöchert worden
sind. In der Regel wird auch hier einfach mechanisch geraspelt. Wo aber
reiner Kalkstein beliebt, da taucht noch ein unheimlicheres Mittel auf.
Das Molluskentier sondert eine scharfe Säure ab, die den Stein
unmittelbar anätzt, löst, sozusagen chemisch verbrennt. Wir wissen,
was das für Säuren sein müssen, denen selbst der Kalkstein einer
Marmorsäule unterliegt, etwa Schwefelsäure. Vor rund sechzig Jahren
hat der Bonner Zoologe Troschel denn auch zuerst festgestellt, daß
gewisse Schnecken in ihrem Speichel in der Tat freie Schwefelsäure
ausspritzten, so stark, daß sie den Marmor italischer Fußböden angriff.
Eine kühne Sache, aber ein glänzendster Kunstgriff der Natur für ein
Tier, das Felsen anbohren sollte. Gewisse Bohrmuscheln bewähren's denn
auch, und gern möchte man es dem Seeigel drüben selber so gönnen. Aber
gerade hier mischt sich ein neuer, überraschender Gedanke ein.
Wenn der schönste bunte Cipollinmarmor der himmelragenden Säule, die
sonst der Jahrtausende spottet, machtlos zerfällt, verbrennt vor
der Schwefelsäurespritze des Molluskentieres -- wie hoffnungslos
muß solcher furchtbaren Chemie die gewöhnliche Panzerwand eben auch
des Seeigels verfallen sein, die doch auch ihre Stärke nur in der
Kalkeinlage hat. Wie Wachs an der Sonne müßten ihre Platten vor einem
Angriff dieser Art dahinschmelzen, die wehrlose Blöße des Insassen
nackt offenbarend. Nun aber wissen wir: die vom Molluskenvolk sind
keineswegs auch im Verhalten zu ihren Mitvölkern da unten alle sanfte
Lämmer. Gewaltige Schnecken, jene allbekannten, oft als Kriegstrompeten
verwendeten Tritonshörner, Ungetüme von selber schier uneinnehmbarer
Burg, haben sich der Schwefelsäurespritze wirklich bemächtigt, nicht
als harmloser Technik zum Einbrennen in den Fels, sondern als einer
verheerenden Waffe.
Alle schauerlichsten Sagen kommen kaum gegen das Bild auf, das hier
entsteht: der Drache, der mit seinem sengenden Atem und Geifer Wald
und Haus verheert -- die Teufelsspinne, die sich dem Ritter durch den
Helm bis ins Hirn brennt. Unerbittlich, wo sie ihm im freien Wasser
begegnen, halten diese Schwefelsäuredrachen den auf seinen Saugseilen
und beweglichen Stacheln kunstvoll heranbugsierten Panzerwagen des
Seeigels an, begießen ihn mit ihrer infamen Säure, öffnen die angeätzte
Stelle vollends mit der Raspel ihrer Zunge und fressen den armen
nackten Passagier heraus. Und auf der Flucht vor diesen Scheusalen
geschah es also, daß die Seeigel sich noch einmal in besonderen
Höhlenburgen wie in gesicherten Automobilschuppen zu bergen begannen,
bereit, lieber harte Steinsplitter zu zerkauen, als sich dauernd den
chemischen Stichflammen der Schwefeldrachen preiszugeben.
Sobald aber Tiere in künstliche Höhlen einfuhren, mußte auch das
Problem gegeben sein, die Höhle durch eine künstliche Tür beliebig
abzuschließen.
Den Diluvialmenschen wird das früh bewegt haben, wenn draußen der
grimme Höhlenlöwe durch die Nacht brüllte. Der halbtierische Zyklop
bei Homer wälzt wenigstens einen rohen Steinblock vor. Freilich, der
Seeigel selber hat's noch nicht. Wenn man ihn herausziehen will, stemmt
er sich mit aller Gewalt seines beweglichen Stacheldrahts gegen die
Höhlenwände, als müsse das genügen. Aber er so gut wie die Schnecke
haben ihren eigenen Leibespanzer doch aus Kalkmaterial körperlich
selber aufgebaut, sozusagen ausgeschwitzt. Nun sitzt der Panzer noch
einmal im Überpanzer, dem engen Höhlenhals. Sollte einer da drinnen
nicht ebenso, wie die Schwefelsäureschnecke nach außen ins Fremde
hinein zerstören konnte, so nach außen ins Fremde auch etwas weiter
aufbauen? Etwa auch etwas absondern, das zeitweise den verdächtigen
Höhleneingang ganz zubaute?
Am eigenen Häuslein kennt die Schnecke ja schon so etwas auf
Widerruf. Nach zwei Methoden. Bald scheidet sie für ihre ungestörte
Winterschlafzeit oder auch allzu dörrende Wüstenhitze einfach eine
provisorische, wieder lösbare spanische Wand vor ihrer Schalentür
aus ähnlichem Kalkschleim ab, wie er die Schale selbst erzeugt hat.
Oder sie verwertet ein altes Schildbürgerprinzip: wie der dort
sich ein Stück Blech in den Hinterboden der Hose als die im Kampf
gefährdetste Stelle einnähen ließ, so führt sie vorsorgend schon ein
hartes Schildstück in ihren sonst weichen Fußrücken, und das klemmt sie
gegebenenfalls einfach wie ein Monokel in die Türrundung.
Zunächst das letztere Prinzip hat dann mehrfach Freunde gefunden.
Bekanntlich lieben es manche Krebse, sozusagen auf Raub und Schummel
sich nachträglich in leere Schneckenhäuser einzunisten. Solche
Aftermieter bevorzugen nun auch, so gut es ihnen gegeben ist (sie
können nicht so leicht Kalk sabbern wie der echte Hausherr, die
Schnecke), die Schildbürgermethode -- sie klemmen, oft doch auch höchst
kunstgerecht, ihre Scheren und Beine in die ledige Türöffnung, zum
Zeichen, daß sie nicht zu sprechen sind, und es langt auch so.
Aber in der selbstgegrabenen Burghöhle wird diese Methode doch schon
schwerer. Gehen muß sie im Notfall ja auch. Bei den Kolobopsisameisen,
die in hohlen Zweigen wohnen, muß stets ein treuer Soldat des Volkes
sich mit dem vorne genau abgestutzten Dickkopf wie ein Pfropfen in die
Tür zum Bau klemmen, wobei der lebendige Verschluß so gut paßt und
in Farbe und Rauhigkeit der Oberfläche so genau von außen die Rinde
fortsetzt, daß so leicht keiner hier eine Tür überhaupt ahnt. Bei einer
Spinne (~Cyclosoma~), die sich senkrechte Erdschachte gräbt, wird gar
das eigene Hinterteil so benutzt, das, aufgeblasen und dann ganz jäh
völlig platt abgeschnitten, eine Art natürlichen Sektpfropfens bildet.
Aber wenn schon die Höhle ein selbstgefertigtes Fremdding an sich
sein soll, wieviel besser wäre es, auch diese äußerliche Höhlentür
wäre zuletzt wieder ein Fremdwerk, erst zweiter Hand aus irgendeinem
gegebenen Material gezimmert. Und diese letzte praktische Folgerung
hat endlich die sogenannte Minier- oder Tapezierspinne (Nemesia- und
Cteniza-Arten Südeuropas) im Bann der Entwicklung gezogen. Sie gräbt
sich Schutzschachte horizontal in Abhänge hinein, vor allem auch als
wohlverwahrte Kinderstuben. Hier hat es Zweck, die Tür hinter sich zu
schließen, auch wenn sie selber ausgeht. Ihre große Naturtechnik ist
aber das Spinnen. Mit dichter Spinnseide hat sie schon den Schacht
selber wie mit einer Tapete, die dem Abbröckeln der Wände wehrt, ganz
ausgeklebt. Was kann es dieser Meisterin verschlagen, auch einen
kreisförmigen Vorhang zu weben, der den Eingang deckt. Aber sie webt
ihn nicht ganz zu, sie schafft ihn als lose bewegliche Platte, die
bloß oben in einem Scharnier hängt. Sie webt Erde darein, so daß er
selber auch als Tür von außen das Loch nicht verrät. Und sie klappt den
Deckel auf, wenn sie hinaus will, hinter ihr fällt er an dem schrägen
Hang dann von selber wieder zu. Ist sie aber daheim, so wendet sie für
den, der doch das Versteck entdeckt hat, die gleiche Art noch obenein
an wie jene Ameisenwache: sie krallt ihre Klauen in kleine Löcher der
Türfüllung, stemmt sich fest im Schacht auf und hält krampfhaft die
Pforte zu.
Es fehlte bloß noch, daß sie einen Riegel vorschöbe, so wären wir ganz
wieder in Troja ...
Eine Liebesgeschichte zwischen Unterseeboot und Aeroplan
Zwei neue volkstümliche Heldentypen hat uns der Weltkrieg geschenkt:
den Luftfahrer und den Unterseebootfahrer.
Bisher hing an beiden etwas sozusagen Wissenschaftliches, wie meist
zuerst bei neuer Technik. Jetzt sind sie in die Romantik der Volksseele
eingewachsen: junge Prachtgestalten in der Überfülle sehniger Kraft,
mit eisernen Nerven, die, mit der Kinderruhe des Selbstverständlichen
im blauen Auge, das Unmögliche möglich machen, leuchtend siegen und,
wenn es sein muß, leuchtend untergehen. Die Liebesliteratur der Folge
wird sie finden, wenn sie einen modernen Helden braucht.
Bei uns wird eben Technik, was sonst Märchenzauber war. Die Sage
hat sie ja zu allen Zeiten und bei allen Völkern schon gehabt, die
Wunderbaren, die zwischen uns traten und freiten bloß wie ein schöner
Mensch -- die aber plötzlich sich dann wieder aus dem Arm der Liebe
lösten, ihr Schwanenkleid anzogen und durch die Lüfte davonfuhren oder
als Nix in den dunkeln Wassern untertauchten.
Wieder in der Sage selbst aber lag es wie ein tiefes Erinnern, daß
der Mensch, Geisteskönig dieser Welt, eigentlich auch das alles
beherrschen, besitzen müsse in geweihter Stunde, was Fisch und Vogel
bereits einmal hatten. Aber nur einzelnen Auserwählten gelang es. Den
anderen blieb nichts als unendliche Sehnsucht, wenn der Schwanenritter
auffuhr oder Melusine wieder versank. So enden auch die Liebesmärchen
von diesen Wundermenschen neuer Elemente durchweg tragisch -- das
Element, dessen Grenze kühn überschritten war, trennt die Liebenden
doch wieder zuletzt, und der Verlassene bleibt der Erde, wenn der
andere wieder in seine Wolken oder Wellen kehrt.
Ich weiß nicht, ob es irgendwo eine Sage gibt, wo der Flieger eine Nixe
liebt -- das Wunderbare das Wunderbare selber; es müßte aber, meine
ich, wohl eine besonders traurige Geschichte sein von Himmel und Tiefe,
die unmöglich dauernd zueinander können. Und doch hat ihn die Natur
auch schon einmal verwirklicht, diesen kühnsten Traum ...
Wenn vor dem grauen Nebelhimmel heute eine Schar Wildgänse hoch über
uns dahinsteuert -- zu jener charakteristischen Keilform geordnet,
von der auch unsere Aviatiker sagen, daß sie bei einer Fliegergruppe
hinter einem Leitflieger die einzig richtige zur Vermeidung des
Luftwirbels vom Vordermann sei --, oder wenn im tiefen grünen Rhein
die Pilgerschaft der Lachse still hinauffährt vom fernen Meer bis zum
ragenden Alpenfels, -- so wissen wir wieder, wie sie früh schon bei
Aeroplan und Unterseeboot angelangt war, diese proteisch schaffende
Natur. Und wo ihr einer großer Lebensinhalt unerbittlich waltet, der
harte Daseinskampf, da gewahren wir auch, wie solches natürliche
Luftboot gelegentlich mit dem natürlichen Wasserboot sich wenigstens
begegnet im Zusammenstoß solcher Fehde.
Auf dem sonnenüberglänzten märkischen See vor meinem Fenster ist es
mir ein alltäglicher Anblick, wie eine der großen schwarzgrauen Krähen
urplötzlich ihr gespenstisches Naturluftschiff wie einen Stein lotrecht
auf die Wasserfläche herabsausen läßt, um dann beim Wiederaufsteigen im
Schnabel weithin leuchtend den weißen Unterseebootskiel eines Fisches
in die Lüfte zu entführen. Nicht immer läuft das so einseitig glücklich
ab. Wiederholt hat man alte starke Karpfen oder Hechte gefangen, die
im Rücken eingewachsen die eisenharten Klauen des Fischadlers trugen:
das Boot des Fisches hatte hier, rechtzeitig noch untertauchend, das
Flugzeug des Vogels an seiner Harpune mit in die Tiefe gezogen und dann
mit der wunderbaren Heilkraft der Natur das furchtbare eigene Leck
wieder ausgeheilt.
Um aber auf meine Liebesgeschichte zu kommen, so muß ich zuerst ein
Wintermärchen erzählen. Es ist kurz und spielt im Apfelbaum.
In der eisigen Dezembernacht, wenn sonst alles Kerbtiervolk zur
Rüste gegangen ist, zeigt sich dort die seltsame Cheimatobia, der
Frostschmetterling. In schwankendem Aeroplan von unscheinbarem Grau
umkreist er die kahlen Stämme wie der abgeschiedene Geist dieser frohen
Sommerkinder vom Falterreich, der in den kalten Tartarus verbannt
ist. Er -- wohlverstanden aber nur er, der Liebhaber. _Sie_ hat kein
Flugzeug. Sie ist ein armselig verkümmertes Wesen in dem Punkt,
das in solcher Nacht des Frostes und der Naturöde auf den eigenen
Zappelbeinchen irgendwo an einem Stamm emporklettern mußte. Da sitzt
es nun und wartet geduldig, bis der Schwanenritter aus dem Dunkel
auftaucht und zu ihm niederschwebt.
Wie er es überhaupt finden mag? Die Natur hat ja für solche
verwickelten Wege ihres Liebeslebens so manchen raffinierten
Ariadnefaden. Bei unseren niedlichen Glühwürmchen, jenen kleinen
Käfern, wo auch der Jüngling auf etwas unbeholfenem Aeroplan das
Luftmeer durchkreuzt, während die ungeflügelte Maid ohne Schwanengürtel
an der Küste ihres Moosbodens seiner harren muß, stellt diese Maid
ein natürliches Lämpchen bei sich heraus wie Hero ihrem nächtlich
anschwimmenden Leander. Die Sage ist nicht so kühn gewesen, im
letzteren Falle ihrem schönen Mädchen Locken zu verleihen, die so
süß dufteten, daß sie allein in finsterer Nacht den Weg über den
Hellespont hätten weisen können. Zu solcher Wirkung denken wir uns kein
schönes Mädchen mehr, sondern es müßte wohl schon ein ganzes Land voll
aromatischer Düfte sein, wie man die blühenden Küsten der tropischen
Gewürzländer oder gewisser Mittelmeerinseln tatsächlich schon über das
Meer hin riecht, ehe die Feste selber sichtbar wird. Und doch tut's
gerade bei Schmetterlingen wirklich schon das schöne Mädchen allein.
Auf zwei Kilometer weit, über alle Qualmfabriken, Wurst- und Käseläden
einer ganzen Stadt hinweg (weiß Gott, was das besagen will!) lockt der
Duft gefangen gehaltener Pfauenaugenmädchen die jungen Bewerber heran,
wie ganz einwandfreie Beobachtungen festgestellt haben. Und so wird
wohl auch die verliebte Cheimatobia der Winternacht ihren heimlichen
Magnet haben.
Aber diese ganze Winterliebe zwischen Erdenmädchen und Luftfahrer
bildet doch nur ein schüchternes Vorspiel zu dem, was in abgeschiedener
Stille deutscher Gewässer, wo nächtlich die Sterne sich im schwarzen
Grunde spiegeln und schwankes Wasserkraut, wie bewegt von unsichtbaren
Nixenhänden, mit der dunklen Strömung auftaucht und wieder versinkt,
das einzigartige Tier Acentropus vollbringt. In gewissem Sinne das
wunderbarste Geschöpf unserer ganzen Heimat! Wenigen erst ist es
vergönnt gewesen, bisher einen Zipfel vom Schleier seiner Geheimnisse
zu lüften, so unter anderen Zeller und unserem trefflichen Stuttgarter
Meister Kurt Lampert, die ihr Studienmaterial an besonders bedeutsamem
deutschen Fleck fanden.
Solange wir Menschen von Luftschiffahrt singen und sagen werden, so
lange wird uns der Bodensee in der Erinnerung ein geweihtes Stück Erde
bleiben. Den alten Reiter traf der Schlag, weil er sich versehentlich
über das Eis gewagt. Den bewußten Menschengeist, der sich gerade hier
selbstwillig zum erstenmal durch die freie Luft gesteuert, hat kein
Schlag beirren können. Viele Jahrtausende aber, ehe der ungeheure
Schatten des ersten Zeppelin über diesen schönen Sonnenspiegel ziehen
sollte, ist hier wohl schon ein kleiner Schmetterling vom Volk der
Zünsler oder Lichtmotten zu verborgener Nachtstunde in seiner Weise
nahe dem Wasser hin mit lenkbarem Luftschiff gefahren -- nach jener
uralten Weise, die das schwache Insektengeschlecht einst in den Sümpfen
der Steinkohlenzeit sich mit kühner Neuerung errungen, indem es
plattenartige Anhängsel seines Brustrückens zu mächtigen Luftrudern
ausgestaltete. Er ist dahingefahren und hat etwas gesucht -- auch er
ein Schwanenritter -- eine Braut, die gleich dem Mädchen im Apfelbaum
selber nicht fliegen konnte. Aber was irrt er gerade über den Wassern
dabei herum?
Es hat immer etwas Rührendes für den Menschen, auch das einfachste
Gemüt, gehabt, wenn er weitab vom Lande auf grauer Wasserwüste solchem
einsam verflatterten Schmetterling begegnete. Dem Seefahrer erschien
er wie ein Gruß aus der Heimat, aber zugleich auch als ein armer
Verirrter, den das Spiel der Winde ins Verderben trieb. Lenau, dessen
düsterer Geist hier ein Sinnbild des eigenen zerrissenen Lebens sah,
verglich ihn auf solcher Fahrt einem verwegenen Denker, der sich dem
Tode voraus ins »Geistermeer« gewagt und nun in der Wüste verloren
gehe, »von wannen keine Wiederkehr«.
Aber keinem dort ist wohl je der Gedanke gekommen, daß der zarte
Luftfahrer auf seinen zitternden Flügelchen wirklich da draußen etwas
suchen könne -- in den Wassern selber, über die er mühsam steuerte.
Der Schwanenjüngling Acentropus über seinem nächtlich stillen Bodensee
aber sucht wirklich und wahrhaftig eben in den Wellen unter sich nichts
Geringeres als seine in ein anderes Element verzauberte Braut.
Der Naturspuk hat sie ihm, dem Luftkinde, dem Flieger, verkehrt in
ein ewiges Wasserkind, eine Nixe. Diesmal geht der Gegensatz nicht
bloß darauf, daß das geflügelte Männchen eines Schmetterlings
ein ungeflügeltes Weibchen suchen muß. Sondern wenn der männliche
Acentropus ein regelrechter Luftschmetterling gleich anderen ist, so
ist, mag es noch so unglaublich klingen, sein zugehöriges Weiblein
der einzige bisher bekannt gewordene Fall eines Wasserschmetterlings
-- eines regelrechten Unterwasserschmetterlings. Fisch und Vogel,
Unterseeboot und Aeroplan, Nix und Schwanenritter -- und diese
Gegensätze verteilt auf ein Liebespaar der gleichen Art!