Offensichtlich handelte es sich auch hier um eine bereits

alteingebürgerte Gewohnheit, die vielfach dort treibenden

Fremdschiffchen des Nautilus so zu benutzen, eine Gewohnheit,

die vielleicht bei dem zähen Durchhalten solcher Dinge bei jenen

Fischen bis auf Urweltstage zurückgeht, wo solche nautilusähnlichen

Tiere in unfaßbaren Mengen alle Meere bewohnten und ganze Felder

solcher schaukelnden Leergehäuse in allen Formen und Größen eine

Alltagserscheinung gewesen sein müssen.

Wohlverstanden: hier wohnen die Tiere schon im fremden Schiff, und bei

kluger, beweglicher und ungestümer Bande wie solchem Fischvolk liegt

nahe genug, daß sie gegebenenfalls ihr Schiff auch schon willkürlich

nach einer ihnen genehmen Richtung durch Stöße dirigieren.

Unmittelbar beobachtet aber wurde dieser letztere Fall bei einer

anderen Gelegenheit von einem unserer besten neueren Beobachter,

Richard Semon, dem berühmten Verfasser der Mnemetheorie.

Auf den Korallenbänken der Sundainsel Ambon versuchte er eine prächtige

Qualle lebend mit einem eingetauchten Glase zu erwischen. Immer wieder

mißlang es, denn die Qualle wich in sehr geschickten selbständigen

Bewegungen aus. Solches raffinierte, auf starke Intelligenzleistung

deutende Verhalten erschien nun bei einer Qualle durchaus ungewöhnlich,

ja unmöglich. Und wie erstaunte der Forscher, als er wirklich

feststellen konnte, daß in diesem Falle die dumme Qualle in der Tat

einen klugen Kapitän hatte, der sich in ihrem lebendigen Kristallschiff

verbarg.

Es war auch diesmal ein kleiner Fisch vom Makrelenschlage, der

gewohnheitsmäßig in solchen Quallen hauste. Noch in dem Eimer, in

den Semon seine endlich gefangene Qualle gesetzt hatte, trieb der

verwegene kleine Kapitän seine Arbeit unermüdlich weiter, indem er sein

lebendiges Boot durch fortgesetzte zielbewußte Stöße in bestimmter

Richtung fortzutreiben suchte und zu unausgesetztem Herumschwimmen

zwang -- natürlich in dem umgrenzten Raum ohne jeden Erfolg.

Ähnlicher Fischbrauch, gerade in den schwimmenden Glaspalästen der

Quallen zu leben, ist auch sonst vielfältig beobachtet worden.

Der Fisch findet in diesem Falle nicht bloß ein fremdes Schiff, sondern

er fährt auch in einem guten Kriegsschiff zugleich: die Qualle führt

nämlich furchtbare Nesselorgane, wahre Giftbomben, die im Wasser jeden

tierischen Angreifer böse abfallen lassen. Der Fisch selber aber wird

von dieser Quallenbatterie nicht geschädigt. Nach gangbarer Ansicht

ist auch das stumpfe Geistesleben solcher Qualle doch immer noch

empfänglich genug gewesen, um sich einem festen Genossenschaftsinstinkt

vor offenkundigem Vorteil nicht zu verschließen: sie schont den fremden

Insassen, eben weil er sich in Gefahr als intelligenter Steuermann

erweist.

Andere Meinung vertritt allerdings, daß diese Quallenkapitäne einfach

selber gegen das brennende Quallengift »immun« geworden seien, es nicht

mehr fühlten. Ihre Vorfahren sollen trotz der Batterie so manches

Quallenschiff im Sturm genommen und ausgefressen haben, und dabei wären

sie als Piraten durch die Ernährung mit Quallenfleisch schließlich

ganz giftfest geworden wie der hörnene Siegfried der Sage, der sich

mit Drachenfett salbte. Daß ja Tiere gelegentlich in dieser Weise

wirklich immun werden, zeigen unsere Schmetterlingsraupen des Admiral

und kleinen Fuchs, die gewohnheitsmäßig ganz gemütlich die Blätter

der Brennessel abweiden. Wer aber nun recht habe in der Deutung: das

gewaltsame Ausfressen solches Quallenschiffs ist jedenfalls an sich

wieder interessant.

Wir alle haben von Münchhausens armem Pferde vernommen, in das sich

ein Bär einfraß; als er es ganz gefressen, saß er selber an Deichsel

und Riemen, und Münchhausen kutschierte vergnügt mit ihm heim. Fast

so geht es bei gewissen kleinen Krebschen des Ozeans aus der Gruppe

der hüpfenden Flohkrebse. Ihre Weibchen fallen als böse Piraten über

die zierlichen glashellen Schifflein her, die sich gewisse andere

Seetiere aus der weit entfernten Gruppe der Manteltiere (Tunikaten),

die in vielem an Würmer, in manchem aber sogar an niedrigste

Wirbeltiere erinnern, geschaffen haben. Indem sie die berechtigten

Insassen herausfressen, bleibt von dem fremden Schiffe nur ein hohles

schwimmendes Tönnchen übrig, dessen durchscheinende Wand ausgespart

nach dem Brauch dieser Manteltiere auch noch aus der sonst nur im

Pflanzenreich üblichen Zellulose, also aus regelrechtem Holzstoff,

besteht.

In diesem Holzfäßlein als Fremdschiff aber sitzt jetzt wirklich

beinahe wie Münchhausens Bär der Fresser selber, der Krebs. Hier

erlebt er Mutterfreuden. Und da der alte Bewegungsapparat des Schiffs

geschwunden ist, muß er es fernerhin selber lenken: so reckt er

sein hinteres Leibesende vorsichtig aus dem vorne festgehaltenen

schwimmenden Faß hervor und rudert sich und seine Kinderstube

geschickt, wohin er will.

Daß er dabei unter falscher Flagge segelt, Krebsinhalt im

Manteltierschiff, das macht ihm so wenig aus, wie dem Schiffshalter

daran liegt, was für Farben über seinem Menschenschiff wehen.

Wie wenig aber fehlt bei dem Tier, das sein hölzernes Fremdschiff nicht

nur selbsttätig lenkt, sondern auch selber sich zum bequemen Sitzraum

gehöhlt hat, bis zu jenem »Einbaum« des Menschen?

II

Das Unterseeboot aus Luft

»Im November 1803 begegneten wir zum erstenmal den großen Seeblasen im

Atlantischen Meer, einige Grade nördlich vom Äquator; sie erscheinen

wie rosenrote Glaskugeln über dem Wasser, blähen sich stolz auf wie

ein Pfau und verändern unaufhörlich ihre Gestalt. Alle Leute auf dem

Schiff wurden aufmerksam auf diese sonderbaren Tiere und wünschten sie

in der Nähe zu betrachten, so daß endlich ein Matrose ins Meer sprang,

glücklich eine erhaschte und, indem er die Finger und Arme schmerzhaft

verbrannt fühlte, aufs Verdeck brachte. Sie schleppte lange Fäden

hinter sich her, die sehr schleimig waren, überall anklebten und, wenn

man sie auseinanderlösen wollte, an den Fingern brannten.«

So liest man in weiland Krusensterns Reisen von einem Meerwunder,

das bereits die ersten Ozeanfahrer, auch wenn sie nur ungebildete

Schiffsleute waren, gefesselt und zu den kühnsten Namenserfindungen

verlockt hatte.

Die »Karavelle« hießen es die Spanier und Postugiesen, wenn sie es so

in ganzen Flotten sein Kolumbusschifflein über die uferlose Wasserwüste

treiben sahen, den ~Man of War~, das Kriegsschiff, die englischen

Matrosen.

Es bedurfte aber noch saurer Zoologenarbeit bis tief in das neunzehnte

Jahrhundert hinein, ehe man heraus hatte, was diese »Seeblase«, die

Physalia, wie der Name schließlich stehenblieb, eigentlich für ein

Geschöpf sei, -- bis man erkannte, daß zum Vergleich mit einer Flotte

hier gar nicht ein Schwarm solcher roten Karavellen nötig war, sondern

daß jede einzelne schon eine Art Flotte für sich darstellte, ein Bündel

nämlich zusammengewachsener quallenhafter Tiere, die mit Hilfe eines

stolz geblähten Purpursegels aufrecht dahinfuhren.

Dieses Segel brauchte in Wahrheit nicht bloß der Wind aufzublähen,

sondern es war bei der Fahrt schon von sich heraus dick ausgeblasen,

indem es einen riesigen hohlen Luftsack enthielt. An ihm aber nach

unten ins Wasser hinein hingen in krausem Gewimmel die Einzeltiere,

in sinnreicher Arbeitsteilung auch sie in solche gesondert, die

bloß fraßen oder bloß tasteten oder bloß für die Jungmannschaft

sorgten, also sozusagen Küchenschiffe, beobachtende Admiralsschiffe

und Kadettenschiffe im Flottenverband bildeten, während schreckliche

Brennbatterien das Ganze verteidigten.

Nun, ich will hier jetzt nicht von den sozialen Wundern solcher

Röhrenquallen (Siphonophoren), wie man die ganze Gruppe nennt,

des engeren sprechen, wie es mir auch fern sei, mich etwa ganz im

allgemeinen über Flotten zu verbreiten, deren Hauptteil sich, näher

besehen, als eitel luftige Blase erweist ... Sondern was interessiert,

ist die Methode in solcher Physalienblase.

Kein Zweifel, daß hier Luftballon und Unterseeboot in sinnreichster

Weise kombiniert sind. In dem Ballon sitzt eine besondere »Gasdrüse«

und füllt nach Bedarf eine »Luftflasche«. Bei verwandten Arten führt

das eigentliche Unterseeboot noch besondere Bewegungsapparate,

sogenannte »Lokomotiven«, in denen hohle offene Quallenglocken

heftig pulsend arbeiten. Der Ballon aber, durch ein richtiges Ventil

reguliert, läßt das Ganze beliebig auf- und absteigen und gibt ihm

Haltung. Bei der Karavelle ist es, als wolle er sich ernstlich ganz aus

dem Wasser erheben, aber das Tiefenboot hält ihn als Fesselballon genau

in der Fläche fest.

Unwillkürlich denkt man daran, was Tiere auch sonst schon alles gerade

auf diesem scharfen Rain zwischen Wasser und Luft angestellt haben, --

wie sie herumbalancieren auf dieser schier mathematischen Scheide des

Elements.

In der gleichen hohen See, wo die Purpursegel der Karavellen

stolzieren, laufen (unser Chamisso hat es mit zuerst gesehen)

langbeinige Wasserwanzen regelrecht auf dem blanken Wellenspiegel

selber Schlittschuh.

Sie machen's wenigstens von oben, aber unsere ganz gewöhnliche

Schlammschnecke, die Limnäa, vollführt gar das Kunststück, von unten

sozusagen am Luftspiegel entlang zu kriechen, wobei sie mit ihrem

ganzen Hause huckepack nach unten hängt; eine ganze Literatur

existiert darüber, bald sollen abgesonderte Schleimbänder, bald

kahnartige Höhlung der scheinbar an der Luft Schlittschuh laufenden

Sohle das Unmögliche möglich machen, während mir die Sache immer noch

etwas von Münchhausen, der sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zog,

bewahrt, so sicher auch das Faktum feststeht.

Jedenfalls aber sind auch so die Naturleistungen der Karavelle in

zwei menschliche Technikgebiete zugleich hinein unwiderleglich. Aber

wieder auch mag man das alte Argument anbringen. Der Karavelle ist

ihr Ballonboot schon natürlich gewachsen am Leibe, ihre Gasdrüse und

Luftflasche hat sie von Kindheit an als Erbe mitbekommen. Um die

Analogie zur Menschentechnik wirklich zu finden, möchte man aber ein

Tier sehen, das selber erst mit Luft wirtschaftet als Material, das

sich ein Unterseeboot selbsttätig baut und nun damit das Prinzip

des Ballons kombiniert. Das äußerlich noch einmal schafft, was die

Karavelle, wer weiß woher, einfach bekommen hat. Nun, wenn die Frage so

liegt, so läßt sie sich doch auch noch wieder ihr Stück im Tierreich

weitertreiben.

Da sind wir im Teich, und es tauchen allerhand dicke Käfer auf,

Schwimmkäfer verschiedener Sorten. Ein Käfer ist auf jeden Fall bereits

ein weit höher entwickeltes Tier als eine Qualle. Man wird erwarten

dürfen, daß manches bei ihm auch entsprechend schon beweglicher, im

rechten Sinne gesagt, schon vergeistigter eingerichtet sei; auch in dem

höheren Tier muß man ja noch mit gewissen vererbten Instinkten für das

Geistige rechnen, die dem einzelnen sozusagen die Schule ersetzen,

aber auch so läuft alles doch über eine weit vertiefte Bahn, daran ist

kein Zweifel.

Nun sind die Käfer ersichtlich von Ursprung Landbewohner gewesen und

hatten also für ihre Organe der Atmung Freiluftatmen als Methode

mitbekommen. Nachher aber sind einige im stillen Teichwinkel wieder

ins Wasser gegangen, ohne daß sich doch ihr Organ dazu wieder ganz

mitumgewandelt hätte. Und so brauchen sie da unten Luft; da das Organ

sie ihnen aber nicht nach Art der Fischkiemen aus dem Wasser selber

zieht, müssen sie sie nachträglich erst sozusagen durch ihrer Hände

Arbeit beschaffen, -- damit begann aber für sie zunächst wirklich schon

ein sehr viel freieres Wirtschaften mit dem Luftstoff.

Sie holen sich nämlich händeweise oder, um es mit der Freiheit

des Naturforschers gerader herauszusagen, teils kopf-, teils

hinterteilweise kleine Portionen Freiluft von der Oberfläche, aus der

sie die betreffenden Körperteile einen Augenblick herausstrecken, ins

tiefe Wasser hinunter, stets einen Schluck direkt in die Atemröhren,

aber außerdem auch noch einen mehr oder minder dicken zur Reserve,

der unter den Flügeldecken wie in ein Fläschchen gefüllt oder mit

dem Haarfilz um den Bauch gebunden wird. Auch der Reserveschluck in

der Flasche dient in diesem Falle zur eigenen Luftatzung. Daß er an

und für sich gleich dem Ballon der Qualle mit ihrer Luftflasche den

Körper des Schwimmers etwas leichter macht, ist dem Käfer sogar gar

nicht immer genehm, denn er muß es ersetzen durch verstärkte Arbeit

beim Wiederhinabtauchen. Aber das Bedeutsame bleibt diesmal: das Tier

holt sich, einerlei zu was für einem Zweck, ein Stück fremder Luft

äußerlich hinunter, es beginnt wirklich zu wirtschaften mit Luft wie

mit einem fremden Material, das man aufgreift, wie einer sich ein Stück

Butterbrot in die Tasche steckt oder ein beliebiges Stück Holz oder

Stein von dort fortnimmt, wo es sich bot.

Was verschlüge es, wenn unser Wasserkäfer das, was er jetzt noch als

Püllchen oder Stüllchen bloß zu sich gesteckt hat, eines anderen Tages

doch auch selber verwertete für irgendeinen luftgefüllten Unterseebau?

Eines anderen Tages -- eines Entwicklungstages heißt das wieder,

natürlich.

Hier ist aber nun wiederum kein Zweifel, daß solcher Käfer etwas kann,

was die Karavellenquallen unbedingt noch nicht konnten: er kann nämlich

überhaupt schon eine Sache selbsttätig bauen.

Der riesige schwarze Kolbenwasserkäfer unserer Teiche, den jeder

sammelnde Schulknabe schon kennen lernt, bewährt diese Kunst zwar noch

nicht eben an Häusern, aber er hat sich eine Spezialität ausgesucht:

er ist berufsmäßiger Hersteller von Kinderwiegen. Da auch er ins

Wasser gegangen ist (an und für sich ist er kein besonders glänzender

Schwimmer und stammesgeschichtlich ist er auch kein »verwässerter«

Karabide wie die anderen, besseren Schwimmkünstler dort, die noch

bekannteren Gelbränder), müssen seine Kinderwiegen aber zugleich

Mosesschifflein sein, also auf alle Fälle mit Wassertechnik gebaut

werden.

Seit langem sind diese Mosesschiffchen als eine der niedlichsten

Naturleistungen bekannt. Der große satansschwarze Kerl treibt im

werdenden Mutterstande aus Warzen seines Hinterleibes eine zu weißen

Fäden erstarrende Substanz hervor nach ungefährer Art der Spinne.

Sonderte er sie bloß ab, so bliebe die Sache beim einfach Organischen,

wie bei den Taten der Qualle. Aber darin eben bewährt sich nun das

Prinzip des Selbstbauens, daß der Produzent oder, besser gesagt, die

Produzentin aus den Fäden sich selber eine hübsche, hinten geschlossene

Hose um den Hinterleib webt. In dieses Büchschen als Nest legt sie dann

Ei um Ei, bis deren eine tüchtige Fracht in den sicheren Hosenboden

hinabgesackt sind. Jetzt läßt sie den Rest des Raumes leer, indem

sie sich selber ganz herauszieht, an der ledigen Hose wickelt sie

auch noch die offene Seite mit einem richtigen langen Zipfel zu, und

das Mosesschiffchen ist fertig. Die Eier im Fond, die Zipfelspitze

emporgerichtet, so liegt es als kleiner Ballon im Wasser, sei es an

schwimmenden Blättern verankert oder auch frei schwimmend, aber immer

doch gestellt, daß es nicht dauernd aus der Balance geschaukelt werden

kann.

Es ist nur eine Kinderwiege, und wenn er sie vollendet hat, überläßt

der Käfer sie ihrem Schicksal wie in der Mosesgeschichte. Aber wie

wenig Arbeit erforderte es mehr: und der gleiche große schwarze Satan

würde sich aus dieser Hose einen dauernden eigenen Schlafsack bauen,

oder er würde auch den weiten zu einem großen Unterschlupf im ganzen,

einem Unterseeboot, in dem er aus und ein gehen und wohnen könnte.

Und warum sollte er, der gewohnheitsmäßig Luft sozusagen stückweise

in seinen Teichgrund hinabzuholen weiß -- warum sollte er dieses

unterseeische Haus nicht selber erfüllen mit solcher herangeschleppten

Luft, tragen lassen durch Luft, wohnlich und bekömmlich für sich machen

durch angesammelte, darein eingesperrte Luft?

Argyroneta, die Silberumsponnene, heißt sie, die das alles wirklich

vollbringt, die ihr Mosesschifflein zum silbernen, aus Duft und Luft

gewebten Nixenhause ausgebaut hat.

Sie gehört einem anderen, uralten Parallelstamme der

Insektenentwicklung an, der wenigstens in diesem Falle aber recht

eigentlich als der erfinderische alte Onkel neben dem täppischeren

Neffen steht. Argyroneta, deren Name wie ein Vers Homer klingt, ist

nämlich im gleichen Käferteiche unsere kunstreiche Wasserspinne.

Sie steht im Ruf, etwas liebenswürdiger zu sein als andere Spinnen, ihr

Weibchen frißt das Männchen nicht nach den Flitterstunden auf, wie das

sonst in diesem Pfui-Spinnenreiche öfters Brauch ist; aber vor allem

ist ihre Spezialität noch unvergleichlich weit über den Käfer hinaus

das »Luftfangen«.

Der brave Schildbürger, so hören wir, gedachte das Licht brockenweise

in einer Mausefalle zu fangen. Das Silberkind vom Spinnenlande weiß das

in seiner Art wenigstens mit der Luft zu machen, sie sperrt Brocken

Luft in eine Falle und benutzt sie dann -- als Bausteine. Auch sie

muß wie der Käfer immer Atemluft mit ins Wasser nehmen, denn auch

sie ist nur ein zum Nix verzaubertes Sonnenkind von da oben. Solche

mitgeholte Perle Atemluft ist es, von der ihr Leib immer so wie mit

Silber umflossen erscheint, wenn sie ihren Nixenteich durchquert. Und

auch sie hat, ist sie doch nicht umsonst selber Spinne, noch vermehrt

die Spinnfähigkeit des schwarzen Käfers. Indem sie aber beides jetzt

kombiniert, schafft sie aus umsponnener Luft sich den wunderbaren

Baustein ihres Hauses.

Angeklebt an ihre Spinndrüsen, werden mächtige Perlen Luft noch

unabhängig von der silbernen Atemrüstung von ihr in die Tiefe

hinabgerissen. Solche Perle aber wird mit dem Klebstoff umfirnißt, vom

Wasser abgeschlossen, und nun ist sie Baustein. Nun wird an geschützten

Fleck zwischen Wasserpflanzen Luftstein um Luftstein dieser Art

hinabgezaubert, vereint und verankert im ganzen, bis das wunderbarste

Lufthäuslein fertig ist, eine Taucherglocke, aus Spinndunst und

Luft ätherisch gewebt, an Spinnwebankern ruhend, ein durchsichtiges

Unterseeboot, das der Silbernixe oder Silberhexe (denn ein böser Räuber

bleibt sie ja in all ihren Zauberkünsten) nun alles in einem gibt:

Unterschlupf und die sehr erwünschte ungestörte Schlafkammer, das

Försterhäuschen, wohin sie ihr Jagdwild bringen kann, ihr Brautgemach

und in vielen Fällen auch ihre Kinderstube, zu deren Zweck sie noch

einen besonderen undurchsichtigen Gespinstvorhang über die Kuppel ihres

schimmernden Kristallhauses hängt. Von diesem verankerten Unterseekahn

läuft sie seiltänzerisch auf schwindelnden Planken ihrer Spinnfäden in

die Jagdgründe hinaus, angetan dann mit dem silbernen Hinterhelm ihrer

Jagdtaucherglocke; zu ihm kehrt sie immer wieder als dem behaglichen

Heim zurück nach vollbrachter Arbeit. Die Liebespaare aber legen ihre

Unterseekähne nahe nebeneinander vor Anker und bauen von Kahn zu Kahn

einen gedeckten Gang -- so wie sich in menschlichem Idyll auf abendlich

ruhendem Kanal wohl eine Planke von liebender Hand von Apfelkahn zu

Apfelkahn legt oder vorzeiten die Pfahlbauerliebe sich nächtlich

in ihrem Einbaum geräuschlos unter den Pfählen des Wasserdorfs

hindurchstahl.

So wunderbar wie die Meisterin Argyroneta hat die Technik, mit Luft

Unterseewohnungen zu bauen, keiner mehr erlernt. Auf das Prinzip des

Bauens mit gefirnißten Luftsteinen sind aber doch mehrere auch sonst

gekommen.

Die Labyrinthfische, zu denen unsere beliebten Makropoden der

Aquarienfreunde gehören, haben sie speziell wieder für Mosesschiffchen

ausgebildet. Obwohl diesmal eigentlich Wasserluft atmende Kiementiere,

holen sich diese merkwürdigen Fische doch regelmäßig auch Freiluft

brockenweise von der Oberfläche für besondere Kammern (Labyrinthe)

neben ihren Kiemenhöhlen herab, und dabei mögen auch sie auf das Bauen

mit Luftstein geführt worden sein. Es dient ihrer Kinderpflege, indem

sie große Schaumschiffe aus im Maul herangetragenen Luftperlen, die

mit einem Firnishäutchen aus Speichel umgeben sind, herstellen. Unter

diesen am Wasserspiegel ruhenden Luftkähnen legt nun das Weibchen seine

Eier ab. Meist steigen die Eier schon vermöge eigenen Leichtgewichts

zum Spiegel empor, sonst hilft das besorgte Männchen nach. Sie müssen

nämlich nahe zur reichen Sauerstoffschicht oben, sonst gehen sie ein.

Unmittelbar dem grellen Sonnenlicht dort ausgesetzt, würden sie aber

wiederum Gefahr leiden, auch leicht Feinden zum Opfer fallen. Und hier

schützt nun äußerst sinnreich, daß sie von unten gegen das Schaumschiff

prallen, das sie zugleich festhält und deckt und dessen gefangene

Luftperlen den Sonnenglanz durch starkes Reflektieren sozusagen wieder

ausschalten.

Wer aber zum Schluß auch noch fordert, daß der Erbauer selbst mit

seinem Unterseeboot aus Luft dahinfahre, anstatt es bloß wie einen

ruhenden Apfelkahn zu verankern, der muß die Blauschnecke Janthina im

freien Meere aufsuchen.

Blau ist ihr Reich, das sie durchfährt im Meeresblau, blau wie das Meer

ihre Schale. Aber nicht durch diese blaue Schale fährt sie dahin. Der

Ballon, an dem sie hängt, ihr luftgewebtes Ballonschiff, ist abermals

ein mächtiges schwebendes Schaumschiff, das sie sich selber erbaut

hat, indem sie mit ihrem ungefügen Schneckenfuß (oder was man bei

Schneckenleibern so nennt) Luftperle um Luftperle gleichsam aus der

Freiluft herunterschlug und dann ebenfalls mit Schleimkleister ins

Wasser hinein absperrte und verkittete. Auch ihr dient das Luftboot

zugleich als Mosesschiffchen, an dessen Unterseite die Mutter ihre Eier

hängt.

Wir sind wieder am Ort, von dem wir ausgingen. Im gleichen schönen

Meeresblau wie die Blauschnecke segeln die Quallenflotten mit ihren

Luftflaschen. Aber was dort Organ war, ist hier eigene Arbeit: das Boot

aus Luft.

Das älteste Festungstor

In unseren Tagen des Weltkriegs ist die Ilias ein aktuelles Buch.

Um eine einzelne Burgstadt wird dort gerungen, und doch weiß der

Dichter uns den Eindruck zu erwecken, daß es ein Entscheidungskampf der

ganzen Menschheit sei. Alle Götter beschäftigen sich nur mit Ilion und

den Griechen, als hinge das Schicksal von Recht und Kultur, von Himmel

und Erde zuletzt davon ab. Und gerade das ist die ungeheure Stimmung,

die wir heute verstehen, wo wirklich die ganze Erde brennt, während es

damals nur um ein paar Mauern und Tore an der Schwelle Asiens ging.

Schliemann hat erst so viel später die Stätte selbst wieder

ausgegraben, um die der Efeu der Trojasage webte, und es wurde nun

doch auch ein starkes geschichtliches Bild -- ein Zeugnis menschlicher

Zähigkeit, die nicht bloß ein Jahrzehnt ausdauerte. Acht- oder neunmal

haben sie immer wieder eine Burg auf den gleichen, durch eigene Trümmer

wachsenden Hügel hier gesetzt und ihre Mauern und Tore verteidigt,

viele, viele Jahrhunderte lang, und dabei auch einmal wohl (wenn auch

in anderer Schicht, als Schliemann meinte) als wirkliche Trojaner.

Es hat doch immer wieder etwas Bezauberndes, wie der kühne Gräber kurz

nach dem siebziger Kriege zum erstenmal auf die alten Pflasterplatten

unter dem Brandschutt seiner »Goldstadt« stieß, nahe dem uralten

Hause, das ihm den wunderbaren Schatz bot, den er den »Schatz des

Priamos« nannte; wie er eine lange gespenstische Reihe mannshoher Krüge

aufdeckte, groß, daß wirklich ein Mensch hineinkriechen konnte, die

Proviantkammer irgendeiner dieser verschollenen Burgen; und wie er

dann, dicht vor dem entscheidenden Goldfund, an den Unterbau zweier

großer Festungstore geriet, in deren jedem noch der lange kupferne

Riegel steckte, der einst die hölzernen Türflügel gegen Nacht und Feind

schließen mußte.

Unwillkürlich verweilt die Phantasie bei solchem uralten Tor.

Von Wundern und Tieren: Neue naturwissenschaftliche Plaudereien · 第 15 / 17 段