machen, ist ja schon an und für sich ein gewisses Kunststück. Von der
ersten bis zur letzten Stunde seines Daseins haust das Nixenweibchen
vom Hause Acentropus ausschließlich in seinem Kristallschloß der
Wassertiefe. Nie verläßt es sein feuchtes Reich, auf nichts anderes
versteht es sich als auf das Wasser. Im Wasser ist es selber aus seinem
Puppenschrein gekrochen. Wenn der gewöhnliche Schmetterling da oben
im rosigen Licht, irgendein Admiral oder Fuchs, aus der Puppe kommt,
so sind seine Aeroplanflügelchen ja auch zuerst noch eingefaltet und
feucht und er muß abwarten und proben, bis er sozusagen »trocken hinter
den Ohren« ist, dann aber schwingt er sich frei davon und freut sich
ihres prächtigen Tragens. Die Schmetterlingsnixe braucht das alles
nicht. Ihre verkümmerten Flügel werden überhaupt nie trocken und reif.
Mit den Vorderbeinchen hält sie sich an Wasserpflanzen fest, ganz wie
das Frostmädchen an seinem Apfelbaum, während sie die anderen stark
befiederten Glieder beständig wie kleine Schaufelrädchen lebhaft
schwingend bewegt.
Und wie sie es geworden, so werden auch ihre Kinder zunächst alle
wieder echte Nixenkinder. Unter dem Wasserspiegel im Kristallreich
der Mutter kriechen sie als niedliche Wasserräupchen aus den
Eiern, leben in kleinen Gehäusen aus Wasserblättern, denen die
untergetauchte Pflanze selber Luft gibt, und schlafen ihre Puppenzeit
in wohlverankerten, schön silberglänzenden, da auch mit Luft erfüllten
Mosesschifflein aus eigenem Seidengewebe aus.
Dann aber kommt das Wunder im Nixenreich.
Aus solcher Nixenpuppe steigt, wenn es ein Töchterchen werden
soll, ganz folgerichtig weiter auch wieder ein der Mutter gleicher
Wasserschmetterling, eine Nixenbraut, die in der Tiefe verharrt. Da,
dort aber ringt sich etwas ganz anderes vor: jeder Jüngling erscheint
wieder mit dem alten stolzen Schwanenkleide seines Stammes. Sogleich
strebt er auch aus dem Nixengrunde wieder in die freie Lufthöhe hinauf.
Er entfaltet dort die Ruderflügel seines schönen natürlichen Aeroplans
und könnte nun fern dahinschweben, den Sonnenhalden seiner entfernteren
Brüder am Lande zu, weitab vom vergessenen Storchteich der Nixenheimat.
Und doch sehen wir auch ihn diesen Weg nicht ganz einschlagen.
Ein dunkler Bann scheint ihn auch jetzt doch noch an die Nähe des
Wasserspiegels zu fesseln wie jenen Geisterschmetterling Lenaus.
Sein Leben ist kurz. Und doch steckt in ihm noch der große Sinn, dem
alles Schmetterlingsdasein zu tiefst geweiht ist: die Liebe. Aber die
Nixenmädchen seines Volkes sind ja im Kristallgrunde verblieben. Und
das nun bestimmt unabwendbar auch des freien Luftfahrers Tun. In den
kurzen Abendstunden, die ihm nur vergönnt sind, muß auch er rastlos
über dem verlassenen Kinderteiche schweben, ob nicht doch eine solche
Nixe irgendwo auftauche.
Und sie schwimmen in solcher Feierstille der Nacht wirklich dicht zur
Oberfläche heran, die Nixenmädchen, auch sie im dunkeln ererbten Wissen
des Naturwillens, daß für ihr Geschlecht umgekehrt die Liebe von oben,
aus den Himmeln niedersteige.
Und nun vollendet sich, was sonst nur der wilde Kampf vollbrachte, im
Frieden der Liebesharmonie.
Das Unterseeboot taucht zur äußersten Grenze seines Wasserbereichs. Der
Aeroplan senkt sich bis hart auf den Spiegel. So im Kuß der Elemente
finden sich die Liebenden.
In der Sage steigt Perseus auf seinem Flügelpferde herab und erlöst
die am Felsen über den Wassern angekettete Braut. Oder in der anderen
taucht Leander aus den Wassern zu seinem schönen Mädchen Hero empor.
Hier aber vermischen sich alle Legenden. Hero selber taucht aus dem
Hellespont, und zu ihr nieder senkt sich im Mondlicht der Schatten des
Flügelreiters.
Aber im Märchen von der schönen Melusine stirbt auch der Ritter zuletzt
im Nixenkuß zur Sühne einer freventlichen Störung des Geheimnisses
im Bund der fremden Elemente. Der strenge Geschichtschreiber der
Natur vermerkt hier, daß auch im Hause Acentropus bisweilen, wenn
auch ungewollt, der Nixenleib bei jäher Störung der verschwiegenen
Liebesstunde den kühnen Flieger ganz in die Wasser hinabziehen soll,
also daß der Liebhaber elendiglich ertrinken muß. Auch die Natur
scheint der Tragik der vertauschten Elemente also ihren Tribut zu
zahlen ...
Und vielleicht hat gerade die Gefahr, die hier liegen könnte, den
Naturwillen oder die Naturzüchtung (wie man's nun ausdrücken mag --
Menschenausdruck bleibt ja immer nur Stückwerk) noch zu dem letzten
Wunder genötigt, das uns Acentropus zeigt.
Zu gewissen, angeblich genau geregelten Zeiten entwickelt dieser
seltsamste Schmetterling nämlich neben den geflügelten Männchen
_zwei_ verschiedene Sorten von Weibchen, von denen die eine ebenfalls
beflügelt und zur freien Luftfahrt und reinen Aeroplanliebe geeignet
ist. Zu den regelrechten Nixenmädchen und Schwanenrittern erscheint
diese Nebengeneration wie eine Art hilfsweisen dritten Geschlechts.
Aus den Puppenwiegen steigt mit ihr eine bestimmte Anzahl bevorzugter
Bräute auf, die regelrechte Walküren sind, auf ebenso schönen
Aeroplanflügeln sich emporschwingen können wie die Schwanenritter
selbst und nunmehr in freier Seeluft hoch über den Wassern ihre Helden
vom gleichen Element suchen und finden mögen.
Es ist, als gehe hier auch durch das wilde Naturmärchen der
Schatten der Erlösung, der den Frosch doch wieder zum Prinzen, den
Nixenschmetterling wieder zum Luftfahrer befreit ...
Wir aber beugen uns vor den Schauern und Geheimnissen dieses Alls,
das immer groß bleibt, ob Du nun zu flammenden Sonnen gehst oder zu
der Liebesnacht eines Schmetterlings auf stillem See -- und aus dem
immer etwas klingt -- -- etwas klingt -- -- -- als wenn es in unseren
innigsten Träumen wäre -- und doch auch im kältesten Raum da draußen
-- -- -- etwas, von dem wir aber eigentlich noch kaum angefangen
hätten, es zu begreifen -- --
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
Korrekturen:
S. 63: konnte → könnte
Hier {könnte} ein sehr respektables Organ
End of Project Gutenberg's Von Wundern und Tieren, by Wilhelm Bölsche