das Pferd mit uns in die Schlacht zieht! Seine Ahnen waren scheue
Geschöpfe, ihr Heil vor jeder Gefahr lag in der ungestümen Flucht. Zum
Fluchtorgan allerersten Ranges wuchs ihr Fuß mit dem einen schlagenden
Huf auf durchrastem Plan sich aus. Die Angst brachte diese berufenen
Durchgänger dazu, in Scharen zusammenzuhalten und sich als solche
Schar um ein Leittier zu drängen, dessen Fluchtsignal das scheue Volk
davonbrausen ließ wie eine Staubwolke vor dem Orkan. Eben diese Treue
zu einem Anführer, einem Leiter, dem unbedingt gehorcht werden mußte,
Jahrtausende um Jahrtausende geübt in der eigenen Sippe, ist aber
zweifellos der Grund gewesen, der dieses gewaltige Tier eines Tages in
die Gefolgschaft, in die unlösbare Zaubermacht des Menschen gebracht
hat. Dieser Mensch aber wieder war bestimmt, kein feiger Ausreißer
zu sein. Wer ihm folgte, der mußte mit in die wilde Schlacht, den
offenen Blick gegen die offene Front des Feindes. Und so ist das Wunder
geschehen, das schon der Hiobsänger der Bibel bestaunt hat: daß dieses
scheueste Wild das symbolische Tier des Krieges und des Angriffs werden
sollte in der Zucht seines großen Meisters.
Aber umgekehrt auch -- wie werden uns Kriege des Menschen zum
deutlichsten Bilde, wenn wir an kleine Züge der Tierwelt darin denken.
Wenn der Karthager Hannibal mit Elefanten über einen Alpenpaß zieht,
um die Römer zu bekriegen: wie gewaltig zeigt der eine Zug, daß hier
Afrika noch einmal den Versuch machte, Europa zu unterwerfen -- und
wenn die Elefanten trompetend in den Abgrund stürzten, so fühlen
wir, daß der Versuch mißlingen mußte. Oder wie schaurig malt es den
Dreißigjährigen Krieg, wenn wir hören, daß bei seinem Ausgang die
Wölfe erschreckend überhand genommen hatten, herrenlose Hunde überall
fast wieder zu Wölfen geworden waren und Pferde sich verwildert in den
Wäldern herumtrieben.
Unser Kampf heute geht zum Teil um Küste und Meer; schon lesen wir
gelegentlich als kleine Staffagebilder, die sich aber sogleich
einprägen, daß der Geschützdonner an der belgischen Küste alle Seevögel
der Dünen zu wildem Aufruhr gebracht hat und in unzähligen Scharen die
Luft mit ihrem Gekreisch erfüllen läßt -- oder daß ein toter Walfisch
angetrieben ist, den eine findige englische Kanonenkugel auf der Suche
nach bösen Unterseebooten als unschuldiges Opfer getroffen.
Unwillkürlich habe ich bei der letzteren Nachricht aber doch noch an
etwas anderes denken müssen.
Lange ehe es auch nur den Traum eines Unterseeboots und seiner
furchtbaren Angriffsart gab, hat die Seemannsphantasie der
verschiedensten fahrenden Nationen immer wieder etwas ausgekostet von
den Schauern solchen urplötzlichen verderbendrohenden Tiefenangriffs,
bei dem ein ganzes Schiff zuschanden werden sollte, ohne daß sich
eine Sturmwelle dabei zu rühren brauchte. Wenn der Matrose daheim von
so etwas erzählte, so dachte er nicht bloß an tückische Klippen; die
konnten zur Not mit Lotse und Karten vermieden werden; er dachte auch
nicht bloß an ein schwimmendes Wrack oder einen perfiden Eisberg. Ganz
etwas unberechenbar Bewegliches sollte es sein, das zu jeder Stunde und
an jedem Ort sich aus dem dunkeln Abgrund heben und wie im wirklichen
Krieg einen absichtlichen unterseeischen Angriff ausführen könnte -- so
abscheulich, daß man gar nur den Stoß spürte und die Schrecken eines
Lecks auf offener See erlebte, aber noch nicht einmal feststellen
könnte, was sich da unten den Stich erlaubt habe.
Dieser Dämon des Untermeeres konnte nur irgend etwas Lebendiges sein,
etwa ein riesiges Tier, das eine greuliche Stoßwaffe führte, der keine
dickste Schiffsplanke standhielt. Immer und immer wieder sollte so
etwas vorgekommen sein. Wer es als »selbsterlebt« berichtete, der
hatte natürlich den Glückstreffer gehabt, daß das Leck rasch entdeckt
wurde und sich noch verstopfen ließ; aber wieviel schöne Schiffe waren
immer wieder ganz spurlos verloren gegangen, ohne daß ein Sturm gerade
gewütet hatte oder im gewohnten Kurs Klippen lagen. Was aber konnte
dieser Unhold für ein Tier sein?
Der berühmte Kraken nicht, denn der ist, wofern er in seiner legendären
Größe existiert, nur ein übergroßer Tintenfisch, und der wieder ist
fast nur eine mehr oder minder knorpelig weiche Masse. Auch von
einfachen boxenden Dickköpfen mögen wir absehen, wie dem Pottwal,
der nur als vom Schiffe selber schwer gereizter Bulle ab und zu
angreift, während im allgemeinen die Historien von attackierenden
Riesenwalfischen wüst übertrieben sind; das Grundwesen dieser
vielbehelligten Kolosse ist eine beinahe ängstliche Friedfertigkeit,
und außerdem besitzen sie nicht die zu jener Geschichte unumgängliche
Spitzwaffe. Mustert man also unsere Sammlungen möglicher Seemonstra
durch, so bleiben zuletzt wesentlich nur drei verdächtige Unterseeler
mit solchen Waffen oder waffenähnlichen Zutaten übrig.
Zunächst steht da im Schrank auch kleiner Museen wohl stets ein
schraubenförmig gefurchter, ziemlich dicker Spieß von über Manneslänge,
der zum sogenannten Narwal gehört, einem an Körper noch einmal etwa
doppelt so langen, also gegen jene Zwanzig- und Dreißigmeterriesen
immerhin mäßigen delphinartigen Walfischverwandten. Der Spieß ist
in diesem Falle der linke Eckzahn des Bullen, und da er mit seiner
tüchtigen Länge und Spitze einmal da ist, ist auch von ihm wirklich
schon erzählt worden, sein Besitzer spieße gewohnheitsmäßig darauf
Fische und ramme damit Schiffe. In Wahrheit hat noch nie ein
wissenschaftlicher Beobachter an dem hochgradig friedlichen Gesellen
irgendeine böse Absicht zu beidem bemerkt, sondern der speerhafte,
übrigens schwache Zahn ist wohl eines jener Geschlechtsabzeichen des
Männchens, in deren romantischer Übertreibung die Natur bekanntlich
Meisterin ist.
Ein zweites Objekt hat vielleicht der eine oder andere Leser sich
selbst schon mitgebracht, auch wenn er nicht Professionssammler ist:
es wird jedem Vergnügungsreisenden einer Tropenfahrt in Aden von
handelnden Arabern zum Kauf angeboten als eine der ersten Proben einer
märchenhaften neuen Welt. Und es ist nicht zu leugnen, daß es, als
Bestandteil eines Seetieres bezeichnet, das vollkommene Ansehen einer
höchst perfiden Waffe von unheimlicher Kraft besitzt -- es gleicht
nämlich einem langen platten Schwert oder, vielleicht besser gesagt,
einem Tomahawk, der an beiden Seiten mit einer Reihe spitzer Hauzähne
besetzt ist, mit denen man offenbar gründlich hauen oder auch sägen
oder zum Zweck scheußlicher Fetzwunden stechen könnte, so wie das Ding
aussieht.
In diesem Falle handelt es sich sozusagen um die bezahnte Nase eines
echten Fisches, eines Rochens, der aber auch kein Größter seines
Geschlechtes ist, nämlich nicht über vier Meter Länge erreicht.
Genauer gesagt ist die »Säge« dieses Sägefisches, wie das häßliche
Wunder direkt heißt, ein Knorpelauswuchs seiner Oberschnauze, der zu
Zähnen gekommen ist im Sinne, daß bei diesen Fischen das Ding, das wir
Zahn nennen, nicht auf den Beißapparat im Munde beschränkt zu sein
braucht, sondern beliebig auch in mehr oder minder schuppenartiger
Gestalt aus der ganzen Haut wachsen kann. Wer solche einzelne Säge
nun später hübsch an seiner Wand zwischen allerlei gekreuzten fremden
Waffenstücken stecken hat, der mag gut und gern sich ausdenken, daß
unser Fisch damit Walfischbäuche zerfleische, noch schlimmer aber,
Schiffswände ansäge, und erzählt worden ist naturgemäß auch das, denn
wenn ein Fisch schon eine Säge hat, so muß er doch damit auch Streiche
vollführen und sägen. Schade inzwischen: auch der Sägefisch tut laut
aller Kenntnis niemand etwas zuleide und benutzt seine phantastische
Naturgabe wahrscheinlich nur als ganz harmlose Schaufel beim Gründeln
im Schlamm, falls er sie überhaupt praktisch irgendwo benutzt. In
Wahrheit besitzen zahllose Tiere zahllose oft höchst martialische
Abzeichen, die eben nur »ornamental« sind ohne Nutzzweck, und dazu kann
auch die Säge gehören. Hier liegt ja ein schweres Kapitel für jeden,
der die ganze Lebenswelt auf purem Nutzen aufbauen möchte -- wert, daß
man sich allein ausführlich darüber unterhielte; jedenfalls aber muß
genügen, daß die Säge, wenn sie in dieses Feld verrechnet ist, sowenig
Schiffe ansägen wird, wie wir Menschen uns mit Schmucksachen oder mit
Statuen prügeln.
Bleibt nur der dritte Fall.
Alle unsere Meere durchstreift gelegentlich, die nördlicheren bis zur
Ostsee (also auch den Kanal) besonders zur Sommerszeit, ein riesiger
Fisch von stolzer Schönheit. Purpurblau ist sein Rücken, silbern der
Bauch, schwarzblau die imposante Schwanzflosse, dunkelblau das mächtige
Auge. In dieser Pracht kommt der »Schwertfisch« oder das Schwert der
Schwerter, wie der alte Linné-Name ~Xiphias gladius~ es ausdrückt,
durch die offene See daher.
Die größten alten Herren schätzt man bis fünf Meter an Länge, doch geht
die Sage von noch weit stärkeren Kolossen. Wer den Fisch nur an den
Schuppen kennen will, kommt bei dem nicht auf die Rechnung, denn seine
Farben schillern nur von der schuppenlosen rauhen Haut selbst. Das
eigentliche Wunder dieses Riesen aber ist sein wirkliches »Schwert«.
Auch bei ihm springt es als enorme Spitze mit scharf schneidenden
Kanten vom Kopf aus vor. Der verlängerte Oberkiefer steckt als
Knochenmasse darin, aber auch noch Teile sonst der Schädelknochen geben
ihm gleichsam den festen Griff. Und diesmal hat man tatsächlich den
sicheren Eindruck einer Waffe.
Zum Riesenfisch gehört ein Riesenappetit, und wenn man hört, daß es
sich um der allergewandtesten Fische einen handelt, der Jagd auf andere
Fische betreibt, so erscheint selbstverständlich, daß das spitze
Schwert dabei eine Rolle spielen muß. In der Tat wirft sich nach treuem
Bericht der wilde Schwimmer mitten in Fischschwärme hinein, haut mit
dem Degen rücksichtslos um sich, bis weithin alles sich krümmt von
mitten durchschnittenen Heringen oder Makrelen, und sättigt sich dann
behaglich aus dem Überfluß dieses Blutbades. Wo aber das geschieht,
da kann auch ein badender Mensch gegenüber solchem tollen Draufgänger
von doppelter Menschengröße wohl in Gefahr kommen. Fischer wissen
Geschichten genug, wo einer einen Stich dieses Schwertes selbst von
kleinen Exemplaren erhielt, der durch Arm oder Bein ging. Doch ist das
alles noch nicht das eigentliche Märchen des Schwertfisches.
Der Schwertfisch in seiner größten, legendär noch ins weiteste
gesteigerten Gestalt soll es sein, der, jäh im Zorn von unten
anrennend, wirklich große Schiffe einstößt, leck macht, in äußerste
Gefahr oder wirkliches Verderben bringt.
Viel ist seit alters darüber spintisiert worden, ob das wahr, ob es
überhaupt möglich sei. Die Wand eines richtigen Ozeanschiffs -- und
ein anrennender Berserker von Fisch -- es schien immer wieder zu kühn.
Otto Steche, dem neuen trefflichen Bearbeiter des Fischbandes in Brehms
Tierleben, gebührt das Verdienst, die sozusagen amtlichen Angaben
darüber erneut kritisch gesichtet zu haben; das Ergebnis aber ist
überraschend. Der Schwertfisch ist weit schlimmer, als jemals erwartet
werden konnte!
Ein paar schlichte Daten, die durch die zoologische Kritik jetzt
einwandfrei durchgegangen sind, mögen das besser als alle Reden
erläutern. Bei einem alten britischen Kriegsschiff hatte das (im Holz
schließlich abgebrochene) Schwert des Fisches die 2,5 Zentimeter der
Verschalung, 7,5 Zentimeter Holz einer Planke durchstoßen und war
dann noch mehr als 11 Zentimeter weit in einen Pfosten eingedrungen.
In einem Walfischfänger waren in gleicher Weise der Kupferbelag, die
2,5-Zentimeter-Verschalung, eine 7,5 Zentimeter dicke Planke und
ein 30 Zentimeter starker Eichenbalken durchlocht worden, und die
scheußliche Spitze hatte zum Schluß noch dem Boden eines Tranfasses
im Schiffsraum ein besonderes Leck geschlagen. Der Stoß erschütterte
in solchem Fall das ganze Schiff so, daß alles auf Deck rannte. Auf
einem großen englischen Indienfahrer konnte man den unterseeischen
Angriff unmittelbar in seinem Anlaß verfolgen: man hatte den ungeheuren
Fisch mit der Angel geködert, worauf aber die Leine riß und der
wütende Unhold sofort einen furchtbaren Unterwasserstoß wagte. Das
Schiff wurde leck und kam mit Not in den Hafen zurück, von dem es
ausgegangen war; es entwickelte sich dann eine Schadenersatzklage,
bei der zoologische Sachverständige die Kraft des Fisches zu
solcher Leistung gerichtlich festlegen mußten und schließlich die
Versicherungsgesellschaft 12000 Mark dafür zahlen mußte, daß sich
solche lebendigen Unterseeboote im Ozean herumtreiben.
Was ein einfaches Boot bei solcher Sachlage erfahren kann, erhellt
von selbst: schon ein kleinerer Schwertfisch stieß gelegentlich beide
Bootsseiten durch und das dazwischen befindliche Bein eines Rudernden
mit. Der bekannte Zoologe Peschuel-Loesche ist um ein Haar bei solchem
Angriff, bei dem der Fisch sich mit Schwert und noch einem Stück Kopf
durch den Bootsboden schlug, ums Leben gekommen.
Nach diesen Angaben kann also nicht bestritten werden, daß der
Schwertfisch eine wirkliche Gefahr für die Schiffahrt ist, an der
tatsächlich Schiffe verunglückt sein können, ohne daß man je etwas von
ihrem genaueren Schicksal mehr gehört hat. Und es ist gewiß ein Gedanke
von seltsamer Romantik: der einsame, wilde Fisch in seinem Element,
der den Kampf gegen die ganze Kultur wagt, die da hinter ihren paar
Zentimetern Holzplanken über den weiten Ozean fährt. Aber was will's in
unserer ungeheuren Zeit, wo das feurige Schwert des Menschen in seiner
Not Schiff um Schiff in den schwarzen Abgrund senkt, aus dem keine
Wiederkehr ...
Aus der Flottenkunst der Tiere
I
Unter fremder Flagge
Vom See, dessen lichtblauer Spiegel zwischen dem weißen und rosenroten
Blütenschnee meines Gartens durchlugt, schallt ein eigentümliches, bald
mehr summendes, bald mehr rollendes Geräusch.
Ich weiß: sie proben wieder da draußen. In diesen Zeiten des
Weltensturmes nicht wie sonst zum anmutigen technischen Spiel, sondern
mit dem ganzen furchtbaren Ernst der Stunde. Und doch kommt es so von
weitem daher blank und elegant wie ein Spielzeug aus dem Laden: ein
Wasserflugzeug. Erst saust es mit seiner Schaumbrust in die glänzende
Wasserfläche hinein wie ein riesiger Fisch; gleich, denkt man, wird
er untertauchen. Aber ehe der Blick es noch ganz fest gefaßt hat, ist
der Fisch zum fliegenden Fisch geworden: mit seinen Flossen gleichsam
schwebt er auf einmal hoch über dem Seeplan im freien, durchsichtigen
Element, und nur sein Schatten läuft noch gespenstisch als Fisch unten
weiter. Und jäh wird der Fisch zum Vogel, majestätisch schraubt das
prachtvolle Wunderwerk menschlichen Erfindergeistes sich zu Adlerhöhen
hinauf und wieder hinab, um endlich pfeilschnell und treffsicher wie
der Adler zum Horst bei seiner Halle am Ufer wieder einzuschlüpfen.
Wie viele Wege der Natur, uraltes, jahrmillionenlanges Proben, hat
der große Magier, der alles noch einmal jetzt neu für seine Zwecke
heraufzaubert, der Mensch, hier zusammengefaßt!
Die gleiche Not des Kampfes, die uns heute diese technischen
Experimente mit so fieberhafter Eile weiter und weiter treiben
läßt, hat in grauen Tagen schon das Tier gedrängt, das Flugzeug zu
»erfinden«, und zwar hat es dieses Flugzeug ganz in der Form zunächst
erfunden, die hier vor Augen steht: als Wasserflugzeug.
Im Wasser, so seltsam es klingen mag, ist in der Natur das Fliegen
zuerst erfunden worden. Vom Meeresboden herauf hat das Tier zuerst
lernen müssen, wie man im freien Wasserraum selber sich schwebend
in Balance hält, sich wie auf Fallschirmen tragen läßt, endlich das
Wasser mit Rudern und Rädern schlägt zu eigenmächtiger Bewegung. Und
erst als man so im Wasser frei fliegen konnte, da wurde dieses Prinzip
auch auf die noch freiere, noch gewagtere Schicht jenseits des Wassers
ausgedehnt, die Luft.
Auf seinen großen Wasserflügeln, den Brustflossen, sehen wir noch
heute den fliegenden Fisch wie im ersten tastenden Versuch 200 Meter
weit reglos, bloß nach dem Fallschirmprinzip, über dem Meeresspiegel
dahinschweben. Auf Java gleitet der fliegende Frosch so auf den
gespreizten Flächen seiner Schwimmhäute zwischen den Zehen vom hohen
Ast durch die Luft zur Erde. Bis dann im Adler endlich auch für die
Luft das große Problem eigener zwecktätiger Steuerbewegung glänzend
durchgeführt war.
Und doch will ein Unterschied zwischen dem Alten und dem Neuen stören.
In dem Wasserflugzeug des großen Magiers Mensch sitzt ein wirklicher
Mensch und leitet eine riesige summende Maschine; der Vogel fliegt
»sich selbst«, sein Leib mit seinen organischen Bewegungen ist zugleich
sein eigener angewachsener Flugapparat. Und überall, wo ich über meinen
blauen See hier blicke, sehe ich scheinbar auf diesen Gegensatz.
Im schmucken goldbraunen Boot dort sitzen weiße Ruderer und schlagen
den Plan mit fremdem Ruder. Wenn ein Unterseeboot hier führe: es
schlösse auch Menschen ein in einem Kunstbau fremden Materials.
Der schmucke Haubentaucher dort aber rudert nur mit den eigenen
Beinen, und das Fischlein, das eben aufschnellend mit einem Blitz
die untere Blankheit seines sinnreichen Unterseeboots verrät, fährt
nicht in solchem Boot, sondern ist es zugleich selber. Das scheint
so selbstverständlich als Gegensatz. Und doch ist es, wie so manches
Selbstverständliche, auch einmal wieder nicht wahr.
Die Flottenkunst auch des Tieres hat sich durchaus nicht bloß darauf
beschränkt, im »Selbstschiff« zu fahren. Auch das Tier sitzt unter
Umständen vergnüglich im fremden Schifflein und dirigiert bloß als
Kapitän. Hier beginnen freilich absonderliche Tiere, die nicht gleich
jeder beachtet hat.
Zunächst als Übergang mag da das Tier gelten, das überhaupt mit
Menschenschiffen fährt. Ich meine jetzt nicht die Ratte im Kielraum
oder den Floh der Matrosenkabine, das wäre ein zu billiges Beispiel
ohne echten Sinn. Aber es gibt eine Gruppe kleiner und mittelgroßer
Fische, die der Tierforscher als »Schiffshalter« bezeichnet. Um zu
verstehen, was diese höchst verwunderlichen Gesellen vollbracht haben
und täglich noch vollbringen, muß man einen Augenblick dabei verweilen,
wie der Mensch selber als Schiffbauer angefangen hat.
All unsere Flottenkunst bis zum herrlichsten Kriegsschiff heute geht
zuletzt zurück auf den »Einbaum«. Der Mensch merkte, daß Holz auf
Wasser schwamm, und wenn er übers Wasser wollte, so ließ er sich von
einem Baumstamm tragen. Als Wesen mit Luftatmung setzte er sich oben
darauf, klammerte sich an und trieb so dahin. Indem er den gegebenen
fremden Holzstamm sich künstlich zum Sitzen höhlte und zu dirigieren
lernte, war dann die ungeheure, so endlos folgenreiche Erfindung des
Schiffs im Prinzip vollbracht. Warum aber wollte der Mensch übers
Wasser?
Gerade wir erleben heute wieder, was sich ergibt, wenn man
Menschen von der Schiffahrt absperren will. Es ergeben sich
Verproviantierungsfragen. Alle Schiffahrt der Menschheit ist zuletzt
und im umfassendsten Sinn immer eine Verproviantierungsfrage gewesen.
Von diesen Grundpunkten aus aber versteht sich nun auch das Problem des
Fisches, den sie den »Schiffshalter« nennen.
Es war einmal ein kleiner Fisch, um die Geschichte wie im Märchen zu
beginnen; es ist aber der Zoologe, der ganz ohne Märchen spricht.
Dieser kleine Kerl brauchte als Wasserluftatmer keinen Holzklotz,
um über das Wasser zu kommen, und sein eigener Fischleib war längst
ein gegebenes treffliches Unterseeboot, ein »Selbstschiff«. Indessen
auch hier kam die Proviantfrage. Sie kam schon in Urweltstagen, so
weit gehen unsere Kenntnisse der Geschichte zurück, und sie bewirkte
irgendeines Urwelttages (sie pflegen bekanntlich lang zu sein,
diese Tage), daß der betreffende Fisch sich daran gewöhnte, als ein
kleiner hungriger Köter seines Elements sich in der Nähe größerer
Fresser dort zu halten, von deren Herrentisch immer auch einmal ein
paar Brosamen für ihn abfielen. Auf dem Lande folgen so Schakale dem
Löwen oder Panther, im Ozean ergaben sich die mächtigen Haifische als
Herrenräuber, die besonders in Urweltsmeeren lange die oberste Rolle
spielten.
Aber der kleine freche Tafeldieb machte die Sache, wieder eines
Entwicklungstages, noch praktischer. Wenn auch nicht wie Jonas in des
Riesenfisches Bauch, so klammerte er sich doch gern unter des Haies
Bauch an unfaßbare Stellen, wobei die rauhe Haifischhaut gute Stütze
gab.
Und wieder nach einer Weile führte das, wie so oft, zu einer festen
körperlichen Anpassung bei ihm. Seine erste Rückenflosse verwandelte
sich in eine große Saugwarze, mit der er sich oberwärts an den
Haifischbauch wie mit einem Schröpfkopf unmittelbar ansaugen konnte,
während gleichzeitig sein gieriger kleiner Kötermund darunter frei
und freßfroh blieb -- der Schakal verankert am Löwen und von ihm
unfreiwillig fortan herumgeschleppt.
Die Sache war, wie gesagt, zunächst eine Freßfrage, sie wurde dann aber
folgerichtig auch schon eine Vehikelfrage. Der kleine Fisch brauchte
mit dem großen nicht mühsam Tempo zu halten, wenn solcher große seine
weiten Raubzüge wie ein alter Normanne veranstaltete: immer war er von
selbst gleich mit zur Stelle, wo immer es zur Beute kam.
Schließlich aber mußte der Fremdtransport, einmal so billig gemacht,
auch von Wert sein, wo gar kein Hai da war. Man hängte sich irgendwo
an und ließ sich auf gut Glück treiben, ob der Zufall eine eigene oder
fremde Beute in den Schoß warf.
Die kleinen Frechen hefteten sich, wo es sich gab, auch an tote, aber
mit Wellenschlag und Strömung treibende Gegenstände an, und da bewährte
sich ganz von selber auch hier schon der Segen des Holzes, das weit,
weit dahinfuhr, ohne zu sinken.
Zeiten schwanden, da zeigte sich aber im Ozean eine ganz besondere neue
Sorte »Holz«. Menschenschiffe aus Holz fuhren übers Wasser. Und die
Fischlein klebten sich auch an diese Menschenplanken, nichts konnte
bequemer sein. Zumal da sich rasch herausstellte, daß diese neuen
Seeungeheuer in ihrer Art den »blinden Passagier« auch noch selber
fütterten. Denn vom Schiffe fiel mancherlei Abfall, den diese wenig
Wählerischen gern als ihren Schakalsanteil begrüßten.
Seither reisen die »Schiffshalter« gewohnheitsmäßig in Scharen mit den
Menschenschiffen. Sie sitzen nicht oben darauf, wie sollten sie, ihnen
ist ja im Wasser wohl und nicht in der Luft. Gleichwohl: sie fahren
Fremdboot statt Eigenboot. Und nur das trennt sie immer scheinbar noch
endlos vom Menschen selber, daß sie das Holz, an dem sie hängen, nicht
selber dirigieren können, wohin es fahren soll, und daß sie es auch
nicht künstlich zum Fahrzweck umgestaltet haben.
Aber es war am 17. Februar 1899.
Jenes prächtige deutsche Naturforscherschiff, die »Valdivia«, näherte
sich, von Ceylon kommend, dem Äquator. Da trieb vor dem Schiff
im Indischen Ozean eine schwimmende Schale dahin, eine jener als
Zierstück auf unseren Kaminen so oft beliebten Nautilusschalen, die
von einem höchst seltsamen, tintenfischähnlichen Weichtier körperlich
abgeschieden werden und auch nach dem Tode ihres Besitzers vermöge
ihrer vielen geschlossenen Luftkammern auf der offenen See schwimmend
bleiben.
Gewisse Anzeichen erweckten in diesem Falle zuerst den Glauben, das
lebende Tier sitze noch angewachsen in seinem Gehäuse und leite sein
Selbstschiffchen; dann aber zeigte sich: es war doch auch nur eine
verlassene Schale -- in dieser Schale aber hatten sich wunderbarerweise
eine Anzahl kleiner barschartiger Fische (Riffische, ~Glyphidodon~)
eingenistet, die regelrecht als in einem Fremdschiffchen in ihr wohnten
und »fremd fuhren«. Scheu hineingeduckt, wurden ihrer mehrere in dem
Nautilusboot mit heraufgefischt, ja als man zur Probe die leere Schale
noch einmal ins Wasser warf, schwammen sogleich verschiedene andere
der kleinen Bande auf das wiedergegebene Wasserhaus zu und schlüpften
hinein, wobei sie durch die Fähigkeit, ihren Rückenstachel in eine
Furche einzuklappen, unterstützt wurden.