jetzt die abgestürzten Opfer regelrecht frißt. In die Flüssigkeit des
Seidels hinein gießt sie verdauenden Pepsinsaft, der die genießbaren
Teile der Insekten löst und verdaut wie nur je ein regelrechter
Tiermagen. Zu einem Magen und Darm im buchstäblichen Sinne ist jedes
der Münchner Seidel geworden, Fleisch frißt die Pflanze. Menschen
streiten sich, ob reines Vegetariertum vielleicht bekömmlicher und auch
ethischer sei. Die Kannenpflanze hat sich entschieden: sie ist nicht
Vegetarierin und würde, wenn die nötige Größe gegeben werden könnte,
zweifellos auch Menschen fressen; in die halbmeterlangen Kannen einer
Art von Borneo ginge schon ohne Mühe ein Vogel von der Größe einer
Taube hinein.
So weit war unsere Weisheit bis vor ein paar letzten Jahren.
Aber es ist im Natur- wie Menschenleben immer das gleiche: auf
jeden Schlag kommt wieder ein Gegenschlag, jedem Schach bietet
sich ein kühnes Gegenschach. Das stolzeste Kriegsschiff erliegt
dem Unterseeboot, die dickste Festungsmauer der Neuerfindung des
42-Zentimeter-Geschosses. Und so hat die Naturzüchtung im Tier nicht
geruht, bis sie auch hier wieder vom Tier aus den Gegenzug tun konnte.
Die Pflanze hatte keck genug noch einmal spät für sich den Magen
erfunden. Wie bewältigt, wie verkehrt man in sein Gegenteil jetzt den
Freßmagen: das war das neue, dem Tier gestellte Problem. Nun, und da
gab's eine alte Erfahrung. Wir Tiere hatten den Magen seit alters,
gewiß. Alle höhere Tierentwicklung, Tierkultur, Tiergutbürgerlichkeit
hatte sogar wohl geradezu angefangen mit der korrekten Ausgestaltung
des Magens auf der sogenannten Gasträastufe. Aber wir Tiere in
unserem Entwicklungsmärchen hatten auch seit längst den Gassenjungen,
der diesem Magen ein Schnippchen schlug: das war der Bandwurm,
der Eingeweidewurm, der sich einfach in den Magen, die fressende
Zyklopenhöhle, lebendig hineinschmuggelte, gegen die verdauende
Pepsinapotheke da drinnen das dickste Fell hatte, ja sich einfach immun
erwies und nun den Spieß so drehte, daß er selber als ungebetener Gast
sich über den eingehamsterten Proviant da drinnen hermachte und nach
Leibeskräften »mitaß« vom gedeckten Fremdtisch.
Unzerkaut und unverdaut im Magen weiterleben und dann diesen Magen
als seinen benutzen: das war die geniale Lösung, war der gewonnene
Gegenschlag.
Wenn aber nun der Magen in der Pflanze ist?
Was hilft's, dann muß die Kannenpflanze den Bandwurm bekommen ...
Eine der ersten Andeutungen des überaus sensationellen Fundes, der hier
nahen sollte, las man 1905 in dem trefflichen Reisewerke der Vettern
Sarasin über Celebes. »Die Untersuchung einer der großen Kannen (von
~Nepenthes maxima~) zeigte sie mit trüber Flüssigkeit halb angefüllt.
In dieser schwammen Reste einer verdauten Schnecke, ~Nanina cincta
(Lea)~, nämlich das Ende der Fußsohle und die Schale, auch diese
letztere schon stark angegriffen, ferner Überbleibsel von Spinnen,
Heuschrecken und Ameisen. Merkwürdig war aber, daß lebende Mückenlarven
und Fliegenmaden in der Brühe ihr Wesen trieben, offenbar ohne von
der verdauenden Wirkung Schaden zu nehmen, ganz analog wie Parasiten
im Magen und Darm ihrer Wirte.« Also lebende Tiere im Sphinxabgrund
selber, die fröhlich dort weiterlebten!
In der berühmten Naturforscherstation von Buitenzorg auf Java rückte
man der zunächst schier unglaublichen Sache rasch näher auf den
Leib, und den Schlußstein konnte einstweilen durch eigene wichtigste
Entdeckungen unser ausgezeichneter Freiburger Zoologe Konrad Guenther
(bekannt auch im weitesten Kreise besonders durch sein so überaus
wertvolles Anschauungswerk zur Entwicklungslehre »Vom Urtier zum
Menschen«) bei Gelegenheit eines Aufenthalts auf Ceylon setzen.
Jeder von uns kennt unsere lieben Stechmücken, berufen offenbar,
uns nicht zu sehr zu Schlemmern im still beschaulichen Naturgenuß
am idyllischen Schilfufer werden zu lassen, und interessant durch
ihren Bezug zur Frauenfrage, indem es nur ihr Damengeschlecht ist,
dessen kriegerischen Angriffen wir ausgesetzt sind, während die
Männchen nicht stechen. Ihre kleinen Lärvchen nehmen mit jedem
bescheidensten Tümpelchen vorlieb, wo sie köpflings, mit der Atemröhre
zum Wasserspiegel gereckt, hängen wie kleine Würste am Rauchfang.
Im Tropenland ist erst recht kein Mangel an dieser allgegenwärtigen
Plagerbande, und was Wunder, daß sie noch emsiger jede feuchte
Gelegenheit für ihre Wasserbrut auszunutzen suchen, somit auch auf die
Wasserkrüge unserer Kannenpflanzen geführt wurden.
Ertrinken würden gerade die Mückenlarven da drinnen ja nicht, wohl aber
wäre im hergebrachten Lauf, daß die zersetzenden Verdauungssäfte des
pflanzlichen Magens auch sie erbarmungslos vernichteten. Hier aber trat
prompt der Gegenschachzug, trat die Regulierung ein.
Die Mückenbrut in der verderblichen Kanne entwickelt, wie genaue
Experimente gezeigt haben, sogenannte Antifermente in ihrem Leibe,
eigene chemische Stoffe, die jene chemische Zersetzungswirkung des
Magenpepsins aufheben. Man kann die Probe außerhalb der Kanne mit
Würfelchen Eiweiß machen. Setzt man ihnen Pepsin, also normal wirkenden
Verdauungssaft zu, so lösen sie sich in gewisser Zeit darin auf. Fügt
man aber zerquetschte Mückenlarven aus Kannenpflanzen bei, so hört
alsogleich die Pepsinwirkung auf, man hat ein Gegengift gleichsam aus
der Mücke gepreßt, und vor ihm bleibt jetzt auch das fremde Eiweiß
intakt.
Einmal so gegen die Gefahr der Kanne gefeit, hat das kleine Rackerzeug
da drinnen nun seinerseits aber offenbar großen Vorteil von dem
Aufenthalte gerade in dieses Walfischs Bauch. In ganzen Massen stürzt
immerfort auch ihm Nahrung in seinen Tümpel herab, und die zersetzende
Magenbrühe, in der es schwimmt, liefert ihm diese Opfer sogar schon
handlich zerkleinert, ja halbverdaut in den Mund, während andererseits
kein lebendiger Angreifer, kein Fisch, kein Molch, kein Raubinsekt sein
Behagen stört und der Tümpel sich ewig von selber nachfüllt ohne Gefahr
des Versiegens.
Kein Zweifel, die Mückenlarve hat hier durchaus im Lebensbrauch den
Charakter eines wohlig geborgenen fetten Eingeweidewurms, also im
gangbarsten Bilde eines Bandwurms, angenommen, wozu auch stimmt, daß
ihre Farbe grellweiß geworden ist wie solcher Dunkelschmarotzer im
Tierbauch.
Daß auch Fliegenmaden das gleiche Kunststück fertiggebracht haben, in
den Deckelkannen auszudauern, kann um so weniger wundernehmen, als
gerade die Fliegenbrut auch sonst schon gern echte Parasiten bildet,
die wie Eingeweidewürmer sich in tierische Organe einschmuggeln.
Guenther hat aber auch eine Milbe (also ein spinnenähnliches Tier)
als Kannenbewohner näher bekanntgemacht, die im Gegensatz zu anderen,
gefressenen Arten als einzige pepsinfest ist. Und als seltsamsten aller
Funde: er hat eine Schmetterlingsraupe in gleicher Lage bei seinen
Kannen von Ceylon nachweisen können. Hier könnte zuerst unglaublich
erscheinen, wie eine Schmetterlingsraupe im Wasser leben, also den
Kannenbauch als Bruttümpel suchen soll gleich dem Mückenvolk, wenn es
nicht wirklich auch sonst ein paar solcher Wasserraupen gäbe, z. B.
die Zünslerraupe Nymphula in unseren Tümpeln. Speziell die pepsinfeste
Kannenraupe Guenthers, die er als Kannenfreund (~Nepenthophilus~)
bezeichnet hat, gehört aber zu den Psychiden oder Sackschmetterlingen.
Dieses eigenartige Volk führt seinen Namen nach den selbstgefertigten
und mit Holz oder Sandkörnchen oder Blattresten bekleideten Säcken, in
denen die Raupe lebt. Und solchen Sack baut sich nun auch die besagte
Kannenraupe in ihrem absonderlichen Magentümpel: sie benutzt aber dazu
in erster Linie Material von den getöteten Insekten der Sphinxhöhle,
also vor allem Ameisenbeine, die sie für ihren Zweck noch besonders
zurechtbeißt.
Seltsames Bild, wenn man sich ausmalt, wie eines Tages aus
solchem unheimlichen fressenden Pflanzenbauch kleine lustige
Schmetterlinge heraufgaukeln werden oder ein Mückenschwarm zu seiner
Zeit herausdampfen wird wie ein Rauchwölkchen, das die bauchige
Pflanzenpfeife hervorpafft. Wie manches Mirakel mag da noch in der
Folge hinzukommen! Mich sollte es nicht wundern, wenn einer der
niedlichen tropischen Laubfrösche, die so viel Not mit der Erhaltung
ihrer Eier und Kaulquappen haben und erfinderisch jedes Wassereckchen
ihres Baumbereichs auszunutzen verstehen, irgendwo auch seine zarte
Brut pepsinfest gemacht und der Drachenhöhle einer Kannenpflanze
anvertraut hätte.
Tiere als Schützen
Wann ist es gefährlich, in den Garten zu gehen? Wenn die Bäume
ausschlagen und die Spargel schießen.
An dieser alten Vexierfrage erfreuen sich immer neue Generationen von
Kinderherzen. In gewaltiger Stunde, da Land und Meer vom Donner der
wirklichen Geschütze hallen, legt man sich aber wohl einmal die Frage
vor, wer zuerst auf dieser unruhigen Erde geschossen hat.
Der Mensch treibt es sicher seit einigen dreißigtausend Jahren: etwa so
alt oder noch älter mögen spanische Höhlenbilder sein, auf denen man
nackte Jäger der Diluvialzeit riesige Bogen spannen sieht.
Aber der kluge Mensch wiederholte zunächst damals mit seiner ganzen
Werkzeugtechnik nur, was die Natur seit undenklichen Zeiten bereits
allerhand niederem Tiervolk in Gestalt gewisser Organe und gewisser
Instinkte, die diese Organe zu lenken wußten, auf den Leib gezüchtet
hatte. Ob nun auf solchen Tierstufen auch schon regelrecht geschossen
worden ist?
Der Tierkenner, der etwas in alten Naturgeschichten Bescheid weiß,
lächelt bei der Frage trotz allen Ernstes der Zeit, denn er erinnert
sich an eine lustige Überlieferung.
Kommt abermals hervor, ihr ehrwürdigen alten Folianten des 16.
Jahrhunderts, hinter deren schweinsledernem Panzer in Riesenschrift
und mit handkolorierten Holzschnitten die Tierweisheit von damals sich
eingekapselt hat mit all ihren köstlichen Märchen. Laut Vater Gesner
und seinen Verdeutschern lebte Anno dazumal in Italien offenbar noch
ein wahrhaft fürchterliches Geschöpf, das man lieber bei den Greueln
der Urwelt gesucht hätte -- nämlich das »Dornschwein«.
Von dieses Ungeheuers »natürlicher Anmut und Art«, wie es dort heißt,
erfährt man, daß, »so es gejagt wird, so bringt es mit seiner Stimm
zuwege, daß alle andern seinesgleichen Dornschwein zusammenrüchlen,
ihren Balg erschütten und zu den Hunden und Jägern ganz trutzlich mit
ihren Stacheln schießen; ist auch seiner Schüssen ganz und gar gewiß«.
Der treffliche Holzschnitt läßt aber keinen Zweifel, was für ein
böser Gast der Wildnis in Wahrheit gemeint sei: es ist unser braves
Stachelschwein, das in dieser Weise Tier und Mensch über den Haufen
schießen soll. Die mächtigen Stachelkiele dieses großen Nagers, der
nächtlich durch die römische Campagna trollt, kennt ja wohl jeder.
Wer sich aber jemals die Mühe gemacht hat, solches Stachelschwein im
Zoologischen Garten genauer zu beobachten und (im Gegensatz zu den
ernsthaften Anweisungen der verehrlichen Direktion) zu »reizen«, der
weiß auch, daß es zu den ausgesprochenen »Schrecktieren« gehört --
das heißt jener Gruppe von Tieren, die es verstehen, dem, der sie zu
erschrecken gedachte, selber einen guten Schreck einzujagen.
Kaum geneckt, klopft es auf wie ein Kapellmeister, der sein Signal
gibt, und im gleichen Augenblick setzt auch wirklich schon sein
ganzes Orchester ein: hoch auf sträuben sich unter lautem Gerassel
seine Stacheln bis zur vollen Breitenverdopplung des ganzen Tiers und
konzentrieren sogar ersichtlich ihren willkürlich beweglichen Speerwall
genau in der Richtung des Angreifers. Während vorne die langen gelben
Zähne fletschen, wendet sich die unheimliche rückseitige Phalanx
blitzschnell gegen alles, was von hinten oder seitwärts kommt, und
dieser rückstoßende Angriff ist kein Spaß. Einem Menschen, dem solcher
»Igel«, wie der alte Soldatenausdruck für einen derartigen gestrafften
Lanzenklumpen lautet, gegen die Beine fährt, geht es unerbittlich durch
Hose und Fleisch, und die Wunden sind so fatal, daß man sogar an eine
Art Vergiftung durch den Hauttalg dabei gedacht hat. In der Größe etwa
eines wirklichen starken Schweins wäre solcher Stacheler zweifellos
einer der furchtbarsten Angreifer der ganzen Tierwelt.
Nun, hinter dem Gitter im Zoo kann man die Sache ja behaglich sich
ansehen. Wehe dir aber, wenn die Legende recht hätte! Vom sterbenden
Cäsar hören wir, daß er zuletzt noch mit seinem Schreibgriffel sich
der Mörder zu erwehren suchte. Vom erzürnten Stachelschwein aber liest
man nicht bloß beim alten Gesner, nein, man kann es noch heute überall
im Süden vom gemeinen Mann bestätigen hören: daß es im äußersten
Wutanfall vermöchte, seine wie Glas so harten und scharfen natürlichen
Schreibkiele durch wildeste Muskelspannung aus ihren Hauttaschen
herauszuschleudern und dem Feinde regelrecht in den Leib zu schießen.
Nach den alten Autoren soll solcher Schuß gar ein dickes Brett
durchbohren können. Und seltsam nur: in keinem Zoo-Zwinger hat der
Unhold seit je gerade diese angebliche Freikunst betätigen wollen. So
schloß also schon der gute Buffon im 18. Jahrhundert, der sonst für
Fabeln noch manchen Bedarf hatte, das »schießende Dornschwein« sei
wirklich nur ein zoologisches Märchen.
Indessen wie es wunderlich hergeht. In unsern Tagen hat ein bester
Zoologe und Tiergärtner, Vosseler vom schönen Hamburger Garten, auch
für das wirkliche und wahrhaftige Schießen dieses »lanzenkundigen
Königs« erneut eine ernsthafte Lanze gebrochen.
Er hat zunächst theoretisch wahrscheinlich gemacht, daß das
Stachelvieh, wenn auch wohl nicht gewohnheitsmäßig, so doch
gelegentlich in der höchsten Wut schießen könne. Ein Taschentuch,
das auf die Stacheln geworfen worden war, wurde beim jähen Ruck
der Trutzstellung volle zwei Meter weit fortgeschleudert. Da die
Stachelkiele leicht ausfallen und im Affekt durch besondere Muskeln in
wildesten Kurven herumgeschwungen werden, erschien es also durchaus
nicht unmöglich, daß der eine oder andere auch in solche Weite
tatsächlich hinausschwirren und sich drüben irgendwo tief einbohren
könnte. Und dazu wird nun ein anscheinend einwandfreier Bericht
beigebracht, wonach ein in der Falle gefangenes wildes Stachelschwein
den Baumstamm über seinem Fangeisen bis über Manneshöhe mit
solchergestalt abgeschossenen Pfeilen bespickt hätte.
Im Zoo müßte den Stachlern für gewöhnlich wohl die Leidenschaft zu
solcher äußersten Tat abhanden gekommen sein, was aber an sich nicht
ganz außergewöhnlich wäre, da zum Beispiel auch das berüchtigte
Stinktier hier von seiner gemeingefährlichen »Stinkpistole« keinen
Gebrauch zu machen pflegt, selbst wenn man es ärgert. Immerhin gestehe
ich, daß ich seither vor dem Stachelschweinkäfig merklich tugendhafter
geworden bin und mich geneigt fühle, das Direktionsgebot zu achten,
nach dem man kein Tier reizen soll, das beißt, spuckt oder gar --
schießt.
Bleibt inzwischen hier immer noch etwas Problematisches, so fehlt jeder
Zweifel in einem andern Fall.
Unsere ganz gewöhnlichen Weinberg- und Gartenschnecken schießen,
schießen vollkommen regelrecht und zielgemäß mit einem Apparat,
der eigentlich drei Waffen zugleich vorwegnimmt: die Armbrust, das
Pusterohr und die pneumatische Pistole.
Seltsame Vorstellung gewiß, eine Schnecke, die schießt. Man kann sich
einen Seehund und einen Elefanten abgerichtet denken, daß sie eine
Pistole abfeuern; aber ausgesucht eine Schnecke!
Das Schießorgan der Schnecke (diesmal ist es ein wirkliches Organ zum
Zweck) sitzt auf der rechten Seite vor dem Atemloch, das bei diesen
landbewohnenden Sorten die hier vorhandene Lungenatmung ermöglicht;
bekanntlich gibt es bei diesem sonderbaren Volk genau wie bei den
Wirbeltieren fischartige Kiemenatmer, Amphibien mit Doppelatmung
und echte Lungenatmer. Das Organ hat durchaus den Bau eines kleinen
Pistolenlaufs, in ihm aber steckt ein regelrechter spitzer Pfeil aus
harter Kalkmasse. Für gewöhnlich verharrt der Pfeil ruhig in dem Lauf
wie in einem hüllenden Etui. Wenn die Schnecke aber schießen will,
so richtet sie den Lauf durch besondere Muskeleinstellung, zielt und
entsendet den Pfeil in kraftvollem Stoß aus der Mündung, indem zugleich
dabei ein weißes Wölkchen zerstiebender Flüssigkeit wie der Dampfstrahl
des Schusses aufpufft.
Bloß Blitz und Knall fehlen -- sonst ist es ein regelrechter
Pistolenschuß, und über die Absicht des Schießens kann diesmal
keinerlei Zweifel, wie gesagt, mehr sein. Wird eine zweite, gerade in
der Nähe befindliche Schnecke von dem Pfeil oder Bolzen getroffen,
so zeigt sich auch die genügend energische Wirkung: er bohrt sich
in die Haut ein, ja manchmal geht er noch durch sie hindurch, und
die Getroffene zuckt merkbar dabei zusammen. Das Merkwürdige wieder
aber ist hier, daß stets nur eine zweite Schnecke so zum Schußziel
genommen wird und nichts sonst, und das Allermerkwürdigste ist, daß
sich die Schnecken mit solchen Pistolenschüssen nicht zu jederseitiger
Verteidigung bedrohen, obwohl der Treffer ersichtlich etwas schmerzt,
sondern daß sie sich beschießen -- man kann nicht gut anders sagen, als
weil es ihnen im Gegenteil Spaß macht.
Es handelt sich um eine Art Salonschießerei, die das Liebeswerben der
Schnecken einleitet. Wie der Pfau vor dem Weibchen sein Rad schlägt,
wie der Paradiesvogel seine herrlichen Schmuckfedern als eine Art
Strahlenkrone auf der Liebesbalz um sich entfaltet, wie die sehnende
Nachtigall singt und das verliebte Heimchen geigt -- so scheint
auch der Schuß der Schnecke nichts anderes zu sein als das stumme
Bekenntnis ihres Werbens. »Liebespfeil« nennt der Naturforscher
folgerichtig den kleinen Kalkstift, der dabei versandt wird. Es ist ein
wunderliches Ding um die Natur in der Unerschöpflichkeit ihrer Mittel
an dieser Ecke. Technisch entscheidend aber ist, daß zu dem spielenden
Zweck auf alle Fälle hier die regelrechte Schußwaffe schon erfunden ist.
Zwar der Knall des Schusses fehlt. Was verschlüge es aber der alten
Meisterin, auch das hinzuzubringen? Hat sie es doch an anderer Stelle
separat vollbracht.
In manchen Teilen Deutschlands begegnet man unter Steinen oder Wurzeln
kleinen, kokett gefärbten Käferchen aus dem Laufkäfergeschlecht, die,
wenn man sie nachher aus dem Buch bestimmt, verwunderliche Namen
ergeben: ~crepitans~, der Kracher, ~explodens~, der Explodierer. Und
in der Tat, wenn solcher hübsche Kerl ernstlich in die Enge getrieben
wird, so pufft auch hier ein bläuliches oder weißliches Gaswölkchen
auf, und es gibt einen hörbaren Knall dazu. Ein Tröpfchen Drüsensaft
des Mastdarms enthielt eine Säure, die an der Luft nach Art der
Salpetersäure explodiert. Der tapfere Gesell hat auf dich geschossen
wie die Schnecke. Und diesmal war es ein richtiger Schreckschuß,
freilich ungeladen: der unvermutete Knall ist es, worauf diese
»Bombardierkäfer« das Entscheidende legen. Gegen Verfolger aus der
eigenen Käferverwandtschaft muß das Geräusch in Verbindung mit etwas
stechendem Pulverdampf mit Ätzwirkung wohl schon genügen.
Da es aber eine Menge Tiere gibt, die Leuchtapparate besitzen und
darunter auch solche (zum Beispiel gewisse Fische in der dunkeln
Tiefsee), bei denen die Laterne unmittelbar an das Nervensystem
angeschlossen ist, also willkürlich vom Nerv aus abgedreht oder zum
jähen Aufblitzen gebracht werden kann, so stände prinzipiell nichts
im Wege, daß solcher Schuß auch noch von einem Blitz begleitet wäre.
Vielleicht wird auch das noch einmal gelegentlich irgendwo beobachtet.
Und da noch wieder Tiere existieren (Welse, Zitteraale, Rochen), die
elektrische Schläge austeilen, so wäre denkbar, daß solcher Puff und
Blitz gar mit einer empfindlichen elektrischen Entladung verbunden wäre.
Ja für den Kampf zwischen Mensch und Tier möchte man es geradezu als
ein Glück bezeichnen, daß das Gesamtprinzip offenbar noch nicht bis
zur vollkommenen Ausnutzung gediehen war, ehe wir selbst Schußwaffen
erfanden. Denn beispielsweise als Zieler haben die Tiere auch schon
fast Fabelhaftes erreicht: man muß das Chamäleon beobachten, wie
es, unbewegt und scheinbar nur mit dem verstellbaren Auge lebendig,
dasitzt, jäh aber auf eine weit entfernte Fliege seine endlose
Klebzunge ausschleudert und dabei mit einer Sicherheit stundenlang
immer und immer wieder trifft, daß einem graut vor der Idee, solches
Chamäleon sollte bei solcher Treffkraft auch noch wirklich etwa mit
vergifteten Pfeilen schießen. Denn warum sollte der Pfeil nicht
schließlich lebensgefährlich vergiftet sein gleich den Brennborsten
der Brennessel ~Urtica mentissima~ von der Insel Timor, die in der
Stichwunde wie eine Kanüle wirken und ein Gift eingießen, dessen
Wirkung Starrkrämpfe und ähnliche Folgen auslöst gleich einem giftigen
Schlangenbiß?
Will man aber schließlich den Unterschied von tierischer und
menschlicher Schußwaffe doch darauf hinauslenken, daß das Tier stets
sozusagen mit seinem Leibe schieße, aber nicht unter Zuhilfenahme
äußerlichen toten Materials, so ist selbst das nicht richtig.
Einen gewissen Übergang bilden da schon handlange Barsche in Siam, die
sogenannten Schützenfische (~Toxotes~), die in fast unglaublicher und
doch fest erwiesener Weise aus dem Fluß ans Ufer mit Wasser schießen.
Sie zielen gleich dem Chamäleon auf Fliegen und andere Insekten,
die in einigermaßen erreichbarer Nähe auf den Pflanzen oberhalb des
Wasserspiegels sitzen, senden ihnen jäh einen dicken Wassertropfen
zu und verschmausen vergnüglich dann das Opfer, das so getroffen ins
Wasser gefallen ist. In Ermanglung der Chamäleonzunge, die einen Lasso
mit Klebevorrichtung darstellt, muß auch der Fisch dabei wirklich
»schießen« -- er legt sich horizontal nahe unter den Wasserspiegel,
äugt scharf hinauf und schnellt dann, vermutlich durch besondern
Muskeldruck, bei geschlossenem Munde von der etwas vorstehenden
Unterkieferspitze eine Wasserperle geradlinig über die Fläche empor
aufs nichts ahnende Ziel. Schützenfische im Zimmeraquarium wissen so
auch das Auge des Menschen, das sie wohl ebenfalls für ein glänzendes
Insekt halten, auf etwa drei Fuß Entfernung mit erstaunlichster
Sicherheit blitzschnell zu treffen.
Ist es hier schon fremdes Wasser, das benutzt wird, so zeigt aber ein
Landtier vollends drastisch die Stufe des »Fremdmaterials« beim Schuß.
An den sonnenwarmen kahlen Sandhängen unserer Kiefernwälder haust, mir
auf gewohnten Spaziergängen am märkischen Müggelsee zur rechten Zeit
ein alltäglicher Anblick, der »Ameisenlöwe«, die gefräßige Larve eines
äußerlich libellenhaften Insekts, in selbstgeschaffenen Sandtrichtern.
Gerät eine Ameise oder ein ähnliches Kleintier auf den losen Rand
dieser bösen Falle und droht ohnehin schon abzurutschen, so eröffnet
der fette Unhold der Tiefe in seinem Schützengraben alsbald eine
regelrechte Beschießung von unten nach oben, indem er Sandgarbe um
Sandgarbe nach dem strauchelnden Opfer schleudert, bis es verloren ganz
hinabstürzt.
Kein Zweifel, daß hier schon mit fremdem Material geschossen wird,
wenn schon in plumperer Form. Und erwägt man nun, daß zum Beispiel
unsere Flußkrebse nach jeder Häutung wieder fremde Sandkörnchen, also
ebensolches Material, in ihre Gehörorgane aufnehmen, wo sie eine
bestimmte notwendige Rolle spielen, so ließe sich unschwer denken,
daß auch bei jenen feinen Pistolen der Schnecken mit ähnlich von
außen geholtem »Schrot« geschossen würde -- dann aber hätten wir
bis zu gewissem Grade auch diesen Fremdschuß schon beim Tier in der
verfeinerten Form.
»~Natura artis magistra~«, sagt ein altes Wort: »die Natur Lehrerin der
Kunst«; sie ist mehr: ihre Vorläuferin.
Unterseeische Schiffsangriffe durch Tiere
Das Tier im Kriege -- wieviel läßt sich davon erzählen!