Das stark behaarte Tier ist auch hier in lebhafter Bewegung, wohl
heranschreitend, erfaßt, die charakteristische Elefantenstirn erhoben,
die (beim Mammut kleinen) Ohren schlagend, Rüssel und Beine in rascher
Schrittstellung. Ganz besonders lebendig wirkt die Schwanzquaste, die
die linke Flanke peitscht. Solche Lage ergab sich aus kluger Ausnutzung
des Platzes, der gleichzeitig die Stoßzähne zum Opfer fielen; aber das
Vorbild dieser Möglichkeit konnte nur aus dem lebenden Tier in der
Seele des Künstlers sein -- des Mammutschnitzers von Predmost.
Die Furcht vor dem Menschen
Auf die menschliche Phantasie hat von je der Anblick ferner duftig
blauer Inseln mit einer ganz besonderen Magie gewirkt.
Noch heute empfindet man das, wenn man vom Schiff eine solche
dämmernde Küste aufsteigen und dämmernd wieder verschwinden sieht.
Eine unendliche Sehnsucht mischt sich mit unendlicher Neugier: als
müsse gerade dort die Erfüllung aller Märchen wohnen. Und so war es
in jüngeren und romantischeren Tagen der Erdgeschichte auch ein gern
geglaubter Traum, es werde eine solche Insel einmal neu aus dem blauen
Glast tauchen, die uns noch ein Stück des alten Paradieses bewahrt
habe. Mit jungfräulichem Wald, wo der Löwe neben dem Lamm ruhte und
die Tiere den Menschen als Bruder begrüßten. Vielleicht floß dort auch
der Wunderquell, der die Menschen selber wieder verjüngte. Aber diese
selige Insel ist nie gefunden worden ...
Dagegen gab es eine andere Erfahrung, die wirklich wiederholt und immer
deutlicher gemacht wurde.
Ganz rohes Matrosenvolk machte sie zuerst in rohen Zeiten, Leute, die
gewiß das Paradies sowenig brachten, wie sie es zu finden verdienten,
die auf einsamen Inseln im Meere sich als wüste Schlächter etablierten
und zu ihren Proviantzwecken ganze Tiergenerationen massakrierten.
Sie bestaunten, und ihre Kapitäne schrieben es ins Schiffsjournal, daß
die Tiere auf solchem noch nie vorher vom Menschen betretenen Eiland
wirklich keine Angst vor dem Menschen hätten. Als Lämmer nahten sie dem
Löwen Mensch, der ihnen dann allerdings gründlich genug das Paradies
austrieb.
Die eigentliche Hochflut solcher Inselentdeckungen im weiten Weltmeer
liegt ja im allgemeinen noch in recht unkritischen Zeiten der
Beobachtung. So könnte auch diese Geschichte in den älteren Quellen
also oft wie ein Schiffermärchen aussehen, bei dem die alten Schlächter
dort in einer Art unbewußten Kehrbildes zu ihrer eigenen Gefühlsroheit
die Legende vom »ethischen Tier« erfunden hätten.
Aber die Sache ist wahr geblieben. An den Hauptstätten der alten
Verwüster ließ sie sich freilich durchweg später nicht mehr
kontrollieren, aus dem einfachen Grunde, weil die Tierwelt, um die es
sich handelte, dort längst vernichtet war, als die strenge Forschung
nachkam. Aber es blieb doch noch einzelnes Neuland, und hier machten
jetzt auch kritische Gelehrte von moderner Schulung den gleichen Fund.
Darwin hat ihm zuerst die Gewähr seines großen Beobachternamens
gegeben. Zweimal trat ihm auf seiner Weltfahrt die Paradiesesunschuld
solcher Inseltiere gegenüber dem Menschen überwältigend entgegen:
einmal auf den Galapagosinseln, diesem weit in den Stillen Ozean hinaus
verschlagenen Rest von Südamerika, dann auf den Falklandinseln, diesem
umgekehrten Vorposten der südamerikanischen Spitze im Atlantischen Meer.
Auf den Galapagosinseln kannte kein Vogel Furcht vor dem Menschen. Man
konnte kleine Vögel -- Darwin war alles eher als ein Tierschlächter
alten Stils, immerhin aber doch ein passionierter Sammler -- mit der
Mütze totschlagen, so gänzlich naiv kamen sie heran. Zum erstenmal
durfte der Kulturjäger, dessen Vorgänger es daheim mit viel Bemühen
bis zum Schießgewehr gebracht, wieder zurückkehren zum Schlagwerkzeug
prähistorischer Zeiten: ein Falke ließ sich einfach mit dem Flintenlauf
vom Zweige eines Baumes stoßen. Eines Tages, erzählt Darwin wörtlich,
kam, während er am Boden lag, eine Spottdrossel, setzte sich am Rande
eines aus der Schale einer Schildkröte gefertigten Eimers, den er
in der Hand hielt, nieder und begann ganz ruhig von dem Wasser zu
schlürfen. An einer Quelle traf der Reisende einen Jungen, der vor
sich einen Haufen von Tauben und Finken für sein Mittagessen liegen
hatte; er hatte weiter nichts getan, als mit einer Rute im Sitzen das
heruntergeschlagen, was ohne jede Scheu vor ihm an der gleichen Quelle
trinken wollte.
Auf den Falklandinseln liefen die Wildgänse, deren Vorsicht man sonst
zur Genüge kennt, dem Jäger überall in die Hand, und ein kleiner
Strandvogel war wenigstens zu den ersten Besuchern vor Darwin noch
so zahm gewesen, daß er sich beinahe auf ihren vorgehaltenen Finger
gesetzt hatte und zu zehn Stück in einer halben Stunde mit dem Stock
erschlagen werden konnte; natürlich erschlagen -- anders ging's zum
Lohn für seine Paradiesesneigungen nicht!
Darwin reiste in den dreißiger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts,
und seitdem ist die Zahl dieser »naiven Inseln« natürlich noch kleiner
geworden. Wie geographisch die letzte große ~Terra incognita~ aber die
Antarktis, die Südpolarwelt, auch dann noch bis auf unsere Tage bleiben
sollte, so sollten sich auch hier in der Nähe die letzten Bestätigungen
des alten Wunders konservieren, glücklich begünstigt durch den Umstand,
daß es in dieser ganzen Antarktis auch keinen einheimischen Menschen im
Sinne des nordischen Eskimo gibt und wohl je gegeben hat.
Selber noch nicht eigentlich polar, aber doch schon recht
weit hinausgerückt dort, wo die unendlichen Wasser des freien
Indischen Ozeans gegen den südlichen Polarkreis fluten, ragen die
Kergueleninseln, eine Art Spitzbergen dieser Südwelt, mit wilden
Fjorden und Gletscherschliffen, mit Eis und Basalt, alter Glut und
jungem Frost, dazwischen mit sommerlich grünen Matten und reicher
Tierwelt. Freilich wunderlichen Pflanzen und wunderlicher Tierwelt.
Hier und fast nur hier wächst der rätselhafte Kerguelenkohl, eine
Gemüsepflanze mit meterhohen Blütenständen, die zur ganzen übrigen
Vegetation der Erde so fremd steht, als stamme sie von der Kante eines
seit Urtagen abgesonderten Kontinentes. Zwischen den Blättern dieses
antarktischen Kohls aber kriechen wie Blattläuse flügellose Fliegen
und zu flugunfähiger Mißgestalt verkümmerte Schmetterlinge, die
aussehen, als seien sie vorzeitig aus der Puppe geschält. Rüsselkäfer
scheinen anzudeuten, daß einst auch diesen öden Fels Wälder geschmückt
haben dürften. Den Hauptteil der Fauna aber bestreiten riesige Robben
und zahllose Vögel -- und gerade sie waren es, bei denen auch in
unseren Tagen noch ein vielleicht letztes Mal die »Paradiesunschuld«
festgestellt werden konnte.
Als die Gelehrten der deutschen Valdiviaexpedition am Weihnachtstage
1898 dort landeten, umflogen sogleich Schwärme von Seeschwalben die
Dampfbarkasse und ließen sich auf ihrem Zeltdach nieder.
Von allen Seiten trippelten dann, wie der Reisebericht erzählt, auf den
vom Wogenschlag abgeschliffenen Basaltkuppen die hühnergroßen weißen
Scheidenschnäbel heran, eine seltsame Sorte antarktischer Regenpfeifer,
die eine besondere Scheide am Schnabel zum Schutz ihrer Nasenlöcher
führen. Sie brauchen diesen Schutz beim Verschmausen des klebrigen
Inhalts stibitzter Pinguineier -- in diesem Punkte sind dieselben
nämlich ohne paradiesische Manieren. Um so lebhafter aber trat in jener
Stunde auch ihre vollkommene Unbefangenheit gegenüber dem Menschen
zur Schau: neugierig pickten sie Herrn Chun aus Leipzig, der sie mit
Zoologenblick musterte, mit ihren kuriosen Schnäbeln auf dem Schuhwerk,
ja selbst dem Gewehrkolben herum und schlossen sich dann als treue
Begleiter dem Wanderer an, als sollten sie ihm auf dem fremden Terrain
Führerdienste leisten.
Als die Reisenden Rast machten, setzten sich zwei mächtige, stahlblau
und weiß mit roten Schnäbeln gefärbte Kormorane behaglich zu ihnen
auf das gleiche Rasenstück und reckten wie zu lustiger Frage die
Köpfe. Ungeheure Robben, sogenannte See-Elefanten, deren alte Bullen
mit ihren aufgeblasenen Rüsselnasen und mächtigen Hauern martialisch
genug ausschauen, so daß man sie daheim auf Tierbuchbildern für die
grauenhaftesten Angreifer halten möchte, blieben ruhig im Wege liegen,
äugten mit ihren großen braunen Augen bloß die Fremden gemütlich einen
Augenblick an und duselten und schnarchten dann wieder in ihrer Sonne
weiter. Bald war man sich gewiß, daß es zum Bewältigen auch dieser
Kolosse keiner Feuergewehre bedurfte, wenn man ihre Felle und Skelette
für die heimischen Museen wünschte.
Und vollends die Pinguine, diese drolligsten Südpolarler, behandelten
das Menschenvolk völlig wie ihresgleichen. Sie traten herzu, hielten
lange und eindringliche Reden in ihrer unverständlichen Sprache,
versetzten auch Schnabelhiebe und Flossenpüffe, wenn man ihre eng
gedrängte Kolonie durchschritt, aber offenbar auch das nur nach
den Regeln eines gewissen derben Anstandskomments, den sie ebenso
unaufhörlich untereinander übten. Der Leipziger Professor machte
sich gelegentlich den Spaß, eine ganze Herde solcher ein Meter
hohen Königspinguine eine halbe Stunde lang vor sich herzutreiben
oder, besser gesagt, zu einem gemeinsamen Spaziergang zu animieren.
Gravitätisch watschelten sie mit ihm dahin, anzuschauen wie die
Rektoren der Hochschulen im Ornate, die, »jeder von dem eigenen Werte
genügend durchdrungen, zur Audienz antreten«. Gegen zu rasches Tempo
lehnten sie sich sanft auf, fröhlich dagegen stimmten sie mit ihrem
»Kräh! Kräh!« ein, als der menschliche Führer einen Wandergesang
intonierte. Die lustige Tour endete leider auch diesmal etwas traurig,
denn am Ufer griffen die Matrosen die schönsten Exemplare heraus und
schleppten sie lebendig an Bord.
Nach diesen Angaben, die nicht romantischen Fabulierern,
sondern ernsten, sogar hervorragend kritisch veranlagten
Naturforschern verdankt werden, kann über die Grundtatsache der
»Menschenfreundlichkeit« nichtgejagter Tiere kein Zweifel sein.
Diese Tatsache aber muß nun auch für unsere Zeit und Denkrichtung vom
allerhöchsten Interesse sein.
Es gibt, so zeigt sie, keinen allgemeinen »Urinstinkt« des Tieres, der
_gegen_ den Menschen gerichtet wäre.
Im Zeitalter Darwins mit seiner Lehre vom Kampf ums Dasein denken wir
ja unwillkürlich zunächst, das Feindliche müsse allemal das Erste und
Ursprüngliche sein. Wir vergessen aber dabei, was für eine ungeheure
Rolle auch in der sich selbst überlassenen Natur die gegenseitige
Freundschaft und Hilfe längst und von früh an gespielt haben und
noch spielen. Wir vergessen den urgeborenen Trieb der Tiere zur
Geselligkeit, und wie aus ihm zunächst keineswegs Kampf und Flucht
einem neuen Wesen gegenüber resultieren. Daseinskampf im Sinne, daß
die Wesen um ihre Existenz ringen mußten, ist ja gewiß eine uralte
Erscheinung auf Erden. Aber die engere Form, daß dabei gerade das
lebendige Mitwesen befehdet und gefürchtet wurde, ist keineswegs
eine absolute, sondern vielfach erst eine ganz nachträgliche,
sekundäre gewesen. Mächtiger als sie war von Beginn an der Versuch,
durch Zusammenhalten Vieler und gegenseitige Hilfe die _gemeinsame_
Not des Daseins zu ertragen und das Glück des Daseins positiv zu
vermehren. Daher schon die Zellenstaaten, dann die Liebesbünde, die
Tiergenossenschaften und Tierstaaten, all diese unendlichen Wege und
Ziele, deren höchste Krönung ja schließlich eben auch die unendlichen
Regungen und Segnungen des menschlichen Gesellschaftslebens selber
sind, _ohne_ die der Kulturmensch gar nicht denkbar ist und denen bei
uns das entspringt, was wir Ethik nennen.
Daß die Robbe, daß der Pinguin, die von Haus aus bereits extrem
gesellige Tiere sind, den neu erscheinenden Menschen nicht als Gegner
nehmen, ist also nur das Nächstliegende. Der »Feind« ist ihnen ein
in ein paar bestimmten Formen präzisierter leidiger Einzelfall --
das Anschlußfähige, Anschmiegsame, Mittuende dagegen sozusagen die
Normalsache. Soll man die traditionelle Auffassung eines solchen Tiers
menschlich ausdrücken, so würde sie wohl ungefähr lauten: es gibt ein
paar Spitzbuben in der Welt, die diese oder jene bestimmte Livree
tragen, jenseits dieser Ausnahmen aber ist die Masse treu, und was
neu ist, wird zunächst nicht eben für eine Ausnahme, sondern für die
Regel gewertet werden. Der Begriff des allen Mittieren und Neutieren
gegenüber wahnsinnig verscheuchten und absolut mißtrauischen Wesens,
wie ihn eine falsche Konsequenz der Darwinschen Ideen erzeugt hat, wird
von uns erst künstlich in den Normalzustand hineingedacht. Wohl aber
ist natürlich auch ein Weiteres wahr.
Wenn der Mensch sich solchen an sich gesellschaftlich wohlwollenden
Tieren gegenüber eine Weile als obstinate Räuberausnahme geriert,
so fängt auch das Tier an, ihn als solche individuelle _Ausnahme_
einzuschätzen, und gewisse Schutzorganisationen seiner Natur schaffen
das in kürzerer oder längerer Frist zu einem festen Instinkt um.
In unglücklichen Fällen kommt die Bedrohung ja rascher, als daß diese
Selbsthilfe nachkommen kann. So waren die guten dicken Drontenvögel
von Mauritius, truthahngroße Tauben, die jeden fremden Matrosen auch
zuerst als Genossen begrüßt hatten, im Nu von den proviantbedürftigen
Holländern bis auf den letzten Kopf hingemordet, ehe sich von innen
heraus irgend etwas bei ihnen auflehnen konnte. Bei ein wenig Spielraum
aber wird der Instinkt, der das Menschenwesen fürchten lehrt, nicht
ausbleiben.
Auf was für einem Wege er sich durchsetzt, das ist ja heute eine
Streitfrage für sich. Die einen nehmen schlicht an, daß die Tiere
einzeln allmählich durch Schaden klug werden und den Gegner kennen
lernen, und daß sich diese Erfahrung allmählich schon als zwingender
Instinkt auf die Jungen vererbt; andern ist gerade das nicht genehm,
und sie suchen verwickeltere Erklärungspfade; aber das sind Nebendinge,
die das Faktum nicht ändern.
Darwin selbst merkte schon, daß die Vögel auf den Falklandinseln
zu seiner Zeit nicht mehr _ganz_ so zahm waren wie siebzig Jahre
früher. Ein Zugvogel der Inseln, der schöne schwarzhalsige Schwan,
hatte aber schon damals überhaupt keine Menschenfreundschaft gezeigt:
seine Vorfahren hatten auf ihren Wanderungen offenbar längst anderswo
gelernt, daß der Mensch ein Feind sei, und brachten diese Weisheit
schon mit ins »Paradies«.
Ebenso beobachteten die Gelehrten von der »Valdivia« mit Staunen,
daß _ein_ Tier der Kerguelen in ausgesprochenster Weise die Flucht
vor dem Menschen ergriff: nämlich das Kaninchen. Aber auch diese
Kerguelenkaninchen waren erst junger Import, eine englische Expedition
hatte sie nicht lange vorher ausgesetzt. Wohl hatten sie sich auf
dem guten Boden ins Unbegrenzte vermehrt, so daß jener interessante
Kerguelenkohl ihrem vereinten Appetit bereits bedenklich zu erliegen
begann. Aber noch war auch in ihnen mit ganzer Kraft der Instinkt
ihrer wahren Heimat lebendig -- der Instinkt der Flucht vor dem
Menschenfeinde, den ihre Ahnen in langer Notzeit dort sich ausgebildet.
Wen ergreift es nicht mit einer gewissen Tragik, wenn er von diesem
»Umlernen« des Tieres hört!
Der Mensch trat eines Tages auf diese Erde, zwischen die Tiere mit
ihren unverwüstlichen Geselligkeitstrieben. Die Blüte seiner Kultur
verdankte auch er der Existenz solcher Geselligkeitsformen seines
eigenen Lebens. Auf ihnen beruhen Sitte, Recht und Staat, Mitleid und
Menschenliebe und die Idee aufopfernder Hingabe, die zuletzt die Wurzel
unseres ganzen Ideallebens bildet, bei ihm. Der schwarzhalsige Schwan
und das Kaninchen aber haben ihn bloß als bösen Feind in den Kodex
ihrer natürlichen Schutzzüchtungen aufnehmen müssen!
Aber unwillkürlich denken wir, daß sich doch auch hier schon wieder
etwas ändert. Hat sich im Tier etwas ändern müssen, so ändert sich
jetzt wieder allmählich etwas im Menschen. Indem wir uns auf Tierschutz
besinnen, einsehen, daß es nicht so fortgehen könne mit dem wüsten
Hinmetzeln und Zerstören, indem wir plötzlich einen neuen Standpunkt
der Freude und der Achtung auch vor dem Tier uns zu erringen beginnen,
bahnt sich von uns aus ein neuer entscheidender Umschwung an.
Wo das Tier sich nur im Notzwange anpassen konnte, da bewähren wir
Menschen eine neue und edlere Entwicklung aus eigener Kraft.
Und es wird die Zeit kommen, wo auch diese veränderte Front sich
im Tier selbst geltend machen wird. Seine Geselligkeitstriebe zum
Menschen, der ihm in neuer Weise entgegenkommt, werden neu erstarken.
Und es wird ein Triumph für uns selbst sein, wenn wir das eines Tages
im ganzen zu bemerken beginnen -- wie es heute schon hier und da ein
paar zusammenhaltende Nachbarn erleben, die in ihren Gärten die kleinen
Vögel nicht abschießen, sondern hegen und zutraulicher zu machen
suchen und die in diesen Gärten bereits wieder diese verscheuchten
Vögelchen sich versammeln sehen wie in einem Asyl --, ein erster blauer
Schein wieder von der neuen Insel des Paradieses, die diesmal nicht in
Wolkenkuckucksheim, noch in entlegenen Polarbreiten liegt, sondern in
der erstarkenden Wärme des Menschenherzens selbst.
Wie das Tier der fleischfressenden Pflanze ein Schnippchen schlug
»Hier steht Aurikel in der Schenke
Und zapft den Gästen das Getränke.«
Wie lange ist es her, aus stillen Tagen ohne Kriegssturm, daß Meister
Busch dieses niedliche Idyll schuf, wie Aurikelchen, die Kellnerin, im
sonnigen Frühlingsgärtchen den dicken Käfern und leichten Immen aus
Münchner Deckelkrügen süßen Honigmet verzapft und ihr dabei verstohlen
ein Liebesbriefchen zugesteckt wird. Das Spiel symbolisierte die
einfache naturgeschichtliche Tatsache aus dem großen Liebesgarten der
Natur, daß solche kokett bunte kleine Blüte das lüsterne Insektenvolk
wirklich mit einer harmlosen Honigschenke lockt und daß die Insekten
dafür ihre Liebesboten durch Übertragung des Blumenstaubes bilden
müssen.
Aber Meister Busch, der alte treue Einsiedler im bienenumsummten
Pfarrhaus der deutschen Heide, ist selber nie in den Tropen gewesen
-- dort, wo alle leisen Melodien unseres Lebens daheim zu gewaltigem
Sturm anschwellen in der Üppigkeit des Urwaldes. So konnte er nicht
erfahren, was der große Erforscher der tropischen Sundainseln, Herr
Alfred Russell Wallace, erfuhr, als er um die Mitte der fünfziger Jahre
den Berg Ophir auf Malakka bestieg, durch Haine herrlicher Baumfarne
wanderte und sich plötzlich Rankpflanzen gegenübersah, die ihm von
allen Seiten wirkliche ganz regelrechte Krüge kredenzten, sogar mit
einem richtigen, halb offenen Deckel daran -- Krüge, zierlich aus
Blattsubstanz gebaut, die zwar nicht Münchner Bier, aber doch eine
trinkbare Flüssigkeit enthielten. Er war etwas warm, der Trank und ohne
sich offenbar viel dabei zu denken, erwähnt Herr Wallace, daß er voll
ertrunkener Insekten lag; trotzdem erwies er sich als sehr schmackhaft,
und alle, hören wir, löschten ihren »Durst aus diesen natürlichen
Krügen«.
Ohne sich viel dabei zu denken!
Seit rund hundert Jahren gab es zwar damals schon eine dunkle Sage
in der Welt, -- von etwas ganz unerhört Dämonischem im stillen
Pflanzenreich, das wir so gern als das Reich bloß friedlicher Duldung
ansehen.
Dem alten Linné hatte man schon von ähnlichen Blattgebilden in
Nordamerika berichtet, die in schönen altertümlichen Deckelgläsern
edles Naß darboten, doch er träumte dabei bloß das freundliche Bild
der Pflanze, die sich selber an geschickt gespartem Trunk in der
Hitzestunde labte, und des Vogels, der sich an diesem lebendigen
Wasser erquickte im anmutig geregelten Naturhaushalt. Aber schon hatte
daneben der Blick des einen oder anderen auch an den Insekten gehaftet,
die jedesmal in diesen Naturpokalen ertränkt lagen. Man hatte sie
verglichen mit anderen, die man immer und immer wieder an den klebrigen
Haarborsten gewisser Blätter angeleimt oder in selbsttätig gefalteter
Blattklappe eingeklemmt fand, und man hatte vor ihnen herumgetastet an
einem dunkeln Sinn, einem dunkeln Geheimnis, das doch vielleicht auch
hier, wie so oft in der wilden Unterschicht des Naturkampfes, irgend
etwas höchst Schauerliches mit dem Idyll eines fröhlichen Kneiptisches
überdeckte.
Immerhin wußte man aber mit der Sache zunächst nichts Rechtes
anzufangen. Die Naturseidel der »Kannenpflanzen«, wie man jene
indischen Tropenkinder geradezu benannt hatte, zeigten oft die
herrlichsten Farben, und ihr Krugrand sonderte köstlichen Honig
ab. Kein Zweifel, daß hier Insekten unmittelbar angelockt wurden,
genau wie in den Liebeskneipen der Kellnerin Aurikel und anderer
Blüten. Aber in solcher Blüte war eben die erste Voraussetzung, daß
der Kneipant, das Insekt, lebendig wieder in die nächste Kneipe
kam, um dort den Liebesbrief, den lebenskräftigen Blütenstaub der
Pflanze, weiterzugeben. Auf Leben war dort alles aufgebaut -- hier
aber herrschte der Tod. Das große Faß unter dem Schenktisch lag
voller Leichen. Wer den Krug angesetzt hatte, den schien er zu seinem
Verderben in den furchtbaren Schlund zu ziehen. Das Wirtshaus im
Spessart schien hier gebaut, nicht eine gemütliche Animierkneipe.
Fast zwei Jahrzehnte erst, nachdem Herr Wallace auf dem Berge Ophir aus
den Naturkannen seinen Durst gelöscht, löste Darwin des bangen Rätsels
Siegel.
Das lustige Deckelseidel der Kannenpflanze ist ein greulicher
Sphinxabgrund, in dem die Pflanze das arme, verleitete, herabgestürzte
Kneipopfer, das Insekt, frißt. Eine uralte Fügung des Lebenskampfes
auf Erden hat hier ihre wohl eigenartigste letzte Wende genommen.
Einst, in Anfängen der Entwicklung, war die grüne Pflanze dem Tier
voraufgegangen. Sie hatte es erst möglich gemacht. Als eine Art
Schmarotzerwesen an der Pflanze war das Tier zuerst entstanden. Es
konnte nur bestehen, indem es Pflanzen fraß. In unsagbarer Arbeit hatte
sich die Pflanze gegen diese Invasion gewehrt, mit Stacheldraht und
Gift, am besten schließlich doch mit ihrer ungeheuren Produktionskraft
selbst, die alle Repressalien ersetzte. Bis auf jenen Friedensschluß,
an einer Ecke, eines Tages, der das lebendige Tier gerade als Insekt
in den Liebesdienst der lebendigen Pflanze stellte, zu Ehren jener
edleren Form des Aufgehens im anderen, die weit über dem Ziel des rohen
Fressens die Feinform der Liebe vertritt. Aber hart im Raume stoßen
sich die Dinge. Gerade hier setzte ein letzter grausiger Gegenzug der
Pflanze ein. Eine kleine Partei drehte den uralten Spieß um: sie fraß
das gelockte Insekt auf. Und so die Kannenpflanze.
Ihre weit hinausgereckten Deckelkrüge sind infame Tierfallen.
Äußerst kunstvoll ist das ganze Pflanzenblatt dazu umgearbeitet. Die
eigentliche grüne Blattarbeit für das Leben der Pflanze sonst ist auf
gewisse Teile des Blattstiels abgewälzt. Die Spitze dieses Stiels
gestaltet dann auch noch das Bäuchlein der Kanne. Und als Deckel darauf
liegt erst das eigentliche Blatt. Anfangs schützt es die noch werdende
Kanne. Erst wenn es sich hebt, ist die Falle fertig. Jetzt quillt aus
dem Seidelrand und der inneren Deckelfläche wie von süßem Honigmund der
Zuckersaft, dessen Anwesenheit zugleich weithin prangende Farben wie
mit schreiend buntem Wirtshausschild verkünden: »Frisch angezapft.«
Alsbald sind Käfer und Heuschrecken, Wanzen und Spinnen, vor allem
aber die berufensten Süßmäuler, die Ameisen, da. Gibt es doch bei
diesen Tropenameisen so unersättliche Honigschlecker, daß sie mit den
heimgebrachten Schätzen einzelne lebende Mitglieder ihres Staates
gewohnheitsmäßig randvoll füttern, um sie so zunächst zu lebendigen
Vorratsflaschen zu machen, aus denen später nach Bedarf wieder
abgezapft werden kann. Doch der Kneipenrand der Kannenpflanze ist
glatt, rasch stürzt bald der, bald jener der sorglosen Kneipanten ab;
in der Kanne steht hohe Flüssigkeit wie in einem Brunnenschacht, ein
Hinaufklettern gibt's nicht mehr, da ein besonderer Kranz grimmer
Zähne, von unten gesehen, herabbleckt -- und so geht's auf Tod und
Leben. Über das Ende kann kein Zweifel sein.