Merkwürdige Verwandte unserer Nashörner von heute fanden sich ja

unter dem Urweltsvolk genug. Da hatte es in Nordamerika (wo heute

überhaupt kein Nashorn mehr existiert) Rhinozerosse gegeben mit ganz

kurzen Beinchen wie ein Teckelhund; andre, die überhaupt kein Horn

auf der Nase trugen, dafür aber Dickköpfe mit gewaltigen Eckhauern

führten wie ein Nilpferd und auch nilpferdhaft amphibisch lebten; und

noch wieder andere, die ihren hornlosen Nashornkopf auf langen Hälsen

trugen und die gewandtesten schlanken Galoppierbeine des Pferdes

anzunehmen begannen. In den nah verwandten sogenannten »Titanentieren«

(~Titanotheria~) hatten die Hörner umgekehrt wahre Orgien wilder

Gestaltungskraft gefeiert, je zwei nebeneinander (nicht nacheinander)

hatten sich auf festen Knochenzapfen nach Art eines Ochsengehörns

aus der Nase erhoben, und zuletzt waren hier aus den Zapfenhörnern

regelrechte Masken mit weithin vorspringender Knochengabel geworden,

die den alten Bullen nicht mehr geschützt, sondern eher wehrlos gemacht

haben müssen. Ein Nebenzweig dieser Titanentiere (also immer doch noch

im Nashornanschluß) hatte es in dem Wunderwesen Chalikotherium gar zu

einer nicht mehr trabenden, sondern grabenden Form gebracht, die bei

Rhinozerosmaßen des Körpers statt Hufen mächtige krumme Grabkrallen wie

ein Riesengürteltier besaß. Aber kein echtes Klippdachsnashorn fand

sich dazu, so sorgsam man auch gerade darauf fahndete.

Unterdessen lenkte der Zahnbau des lebenden Klippdachses gelegentlich

aber noch einmal auf einen ganz anderen Gedanken.

Aus dem Maul ragten, wie erwähnt, oben die beiden vordersten

Schneidezähne gleich kleinen scharfen Stoßzähnen (beim Männchen

kräftiger als beim Weibchen) vor. Diese Stößer waren immerwachsende

Zähne mit Emailbelag, die trotz ihrer Ähnlichkeit mit Nagezähnen von

dem rein blätter- oder kräuterfressenden Tier doch nie zum wirklichen

Nagen benutzt wurden. Dagegen hatten sie eine in jedem Betracht

frappante Ähnlichkeit mit den allbekannten Elfenbeinstoßzähnen des --

Elefanten.

Der Elefant ist nun auch ein großes altertümliches Huftier und als

solches im weitesten Sinne natürlich auch mit dem Nashorn urverwandt;

im engeren aber wissen wir ja jetzt (wir haben eben davon gesprochen),

daß sein Stammbaum später ganz eigene Wege, unabhängig sowohl von

der Nashorn- und Pferdelinie wie auch von der Nilpferd-, Schwein-

und Wiederkäuerlinie, genommen hat. Sollte auch der Klippdachs in

seiner dunkeln Vorgeschichte am Ende mit dem Elefanten noch näher

zusammengegangen sein als dem Nashorn?

Lange tappte auch diese Idee für sich im Dunkeln, da man die

Elefantenvorfahren in wirklichen Knochenresten selbst zunächst ja nicht

finden konnte. Erst in letzter Zeit ist das, wie gesagt, in Ägypten

endlich geschehen. Gerade jetzt aber mischte recht ärgerlich sich auch

noch ein grober Fehlschluß in den Fall Klippdachs ein.

Der höchst eifrige, aber etwas voreilige Paläontologe Ameghino in

Südamerika beschrieb nämlich plötzlich die angeblichen Ahnen des

Klippdachses aus angeblich so uralten Gesteinsschichten Patagoniens,

daß sie gar noch in der großen Saurierzeit, in der Kreideperiode,

gelebt hätten. Beides war aber falsch, sowohl die Zeitbestimmung wie

die Sache selbst; es hatte eine Verwechslung mit echt südamerikanischen

Huftieren stattgefunden, die selber, wie in allem, was aus ihnen

je geworden ist, niemals über Südamerika hinausgekommen sind und

nicht einmal entfernt den Klippdachsen geglichen haben. Leider

wurden die betreffenden Tiere in der ersten Hitze »Urklippschliefer«

(~Archeohyrax~) benannt, und dieser Name erbt nun nach dem Gesetz der

Erstgeburt in unseren Lehrbüchern fort, obwohl er völlig in die Irre

führt. Das Gesetz hat schon manche Not dieser Art gebracht, diesmal

aber sollte es ein besonders mißliches Exempel werden. Denn kaum, daß

der falsche Urklippdachs im Buche stand (mit dem Vermerk, daß er falsch

sei!), so meldete sich wie zum Tort gerade der so lange Gesuchte selbst.

Jenes Fayumgebiet in Unterägypten gab bei Gelegenheit der erfolgreichen

Suche nach den dort begrabenen Vorfahren der Elefanten nun doch

plötzlich eine Fülle auch echter urweltlicher Klippdachsknochen frei.

Und das lief jetzt auf eine wirklich große Überraschung hinaus.

Um das Ende des ersten Drittels der Tertiärzeit haben die sumpfigen

Waldungen des damaligen nordafrikanischen Kontinents offenbar auch

schon sehr zahlreiche Klippdachse bewohnt. Unter ihnen aber wandelte

als auffälligste Gestalt damals noch der wahre Riesenklippdachs

(~Megalohyrax~).

In der Größe nahm er es mit dem stärksten Bären oder, wenn wir beim

Nashorn bleiben wollen, ungefähr mit einem mittelgroßen Sumatranashorn

auf. Ein solcher entsprechend schwerer Riese kletterte natürlich

nicht auf Bäume, sowenig er in engen Felsspalten »schliefte« oder

sich an glattes Gestein klebte. Das Wasser dürfte er mit seinem

schwachen Schwanz auch nicht geliebt haben. Seine kurzen, bei solcher

Größe jedenfalls noch nicht so springflinken Klippdachsbeine machten

ihn vielmehr wohl zu einem ruhigen Waldgänger, der behaglich das

üppige Laub abweidete. Im ganzen Habitus muß er aber sonst schon

ein durchaus echter Klippdachs gewesen sein, bloß daß alle Eigenart

viel imponierender hervortrat: der dicke Pelz als große bären- oder

mammuthafte Wollgestalt, die emaillierten Stoßzähne als wirkliche

starke Elefantenstößer. Recht unheimlich muß der Riese ausgesehen

haben, obwohl gewiß auch er kein besonderer Angreifer war und von den

bösen Raubtieren dieses urafrikanischen Waldes sicherlich viel Not

gelitten hat.

Entscheidend aber löst er uns die oben gestellte Frage. Also auch die

Klippdachse hatten einmal ihre »große Zeit«. Ganz früh hatten sie

diese Zeit schon, in Tagen, wo das Pferd sogar noch klein war. Aber

dieser frühe Glanz erlosch auch um so rascher.

Im letzten Drittel der Tertiärzeit hat, wie wir jetzt aus nachträglich

richtiger Deutung von Knochenresten auch glücklich wissen, auf

der Insel Samos und dem griechischen Festlande noch ein einzeln

verspäteter, relativ großer Altklippdachs jener Glanztage fortgelebt.

Auf unsre Zeit aber kam das Geschlecht nur mehr in kaninchenhafter

Verzwergung. Bedeutsam aber ist dabei wieder der alte Ort des Glanzes:

Afrika.

Offenbar haben die Klippdachse zum ältesten Stamm ursprünglich

afrikanischer, in Afrika landes- und geburtseigentümlicher

Hufsäugetiere unserer Erde gehört.

Im Gebiß wesentlich noch urtümlicher, weniger einseitig gebaut,

verraten jene großen Altformen ihres Geschlechts uns auf der einen

Seite jetzt noch deutlich auch ihren Anschluß an die Stammgruppe der

Huftiere überhaupt, von der auch alle die geographisch entfernteren

(selbst die nordamerikanischen) Formen ursprünglich einmal ausgegangen

sein müssen.

So erklären sich die Beziehungen, die den kleinen Schliefer von heute

noch in seinem Zahnbau mit dem Nashorn verknüpfen; einzelne jener alten

Fayumer gemahnen ebenso und stärker hier auch noch an das Schwein, das

heute doch wieder vom Nashorn so weit fernsteht.

Das sind aber eben ganz allgemeine Altersreminiszenzen.

Andererseits muß dagegen für ihre engere afrikanische Fortbildung und

Nächstverwandtschaft jetzt entscheidend werden, daß sie in dieser ihrer

engeren geographischen Wurzelung wirklich nur noch einen einzigen

uns erkennbaren, ebenfalls damals hochsteigenden Genossen gehabt

haben, nämlich tatsächlich das alte große Wundertier der Sage wie

Naturgeschichte -- den Elefanten.

In jenen gleichen nordafrikanischen Sumpfwäldern der älteren

Tertiärzeit sind ja auch die Elefanten damals hochgekommen aus den

relativ kleinen, wirklich sumpfbewohnenden Urelefanten (Möritherien) zu

den späteren Riesen.

Wenn nun im Bau der Stoßzähne wie in mehreren Einzelheiten des Fußbaues

eine unverkennbare engere Ähnlichkeit auch von Klippdachs und Elefant

heute noch besteht, so legt diese geographische Einheit einen solchen

Stein jetzt dazu in die Wagschale, daß es fast zwingend zu des Märchens

wie der Weisheit letztem Schluß wird: Klippdachs und Elefant gehörten

ursprünglich auch körperlich noch länger zusammen, bildeten eine

Einheit -- und erst in ihrem Afrika selber haben sie sich allmählich

getrennt: der Urelefant, indem er zuletzt auf Mastodon und Mammut

ins Kolossale ging -- der Klippdachs, indem er zum Kaninchenzwerge

später sank. Nicht ein Miniaturnashorn lebt uns also heute in diesem

Klippdachs fort, wohl aber ein _Miniaturelefant_.

Die Mammutschnitzer von Predmost

Sie kommen -- da hilft nun nichts mehr!

Lange genug haben wir uns ehrlich gewehrt, nun ist es Zeit, daß wir uns

ehrlich für besiegt erklären.

Nämlich jene wunderbaren Menschen der Diluvialzeit, die so viele

Jahrtausende vor Beginn unserer geschichtlichen Überlieferung gelebt

haben, daß den Historiker, dem schon ein Tag ein Wert ist, mit Recht

dabei ein Gruseln überläuft.

Wie auf dem Bilde Kaulbachs über dem Schlachtfelde noch die Geister der

Gefallenen weiter bekämpft werden, so haben wir mit ihren unheimlichen

Schatten gerungen, als sie zuerst vereinzelt aus den feuchtkalten

Kellergewölben ihrer Höhlen aufzusteigen begannen. Aber aus den

Schemen sind ganze Völker geworden, und die Gespenster haben, was das

Entscheidende für ihre Aufnahme in die wirkliche Geschichte sein muß,

für uns eine Seele bekommen.

Keine Tradition wußte von diesen Menschen. Sie haben für uns keine

Namen, keine Sprache, vielleicht auch keine Heimat, denn sie tauchen

als schweifende Jägerstämme bei uns in Europa auf, die wer weiß wie

weit herkommen konnten. Aber sie tauchen auf in der Eiszeit. Mit nicht

schlechten, aber ganz einseitigen Waffen (Stein, Horn, Bein, Holz)

jagen sie die märchenhaften Tiere jener Erdepoche, auf europäischem

Boden Löwen und Panther, riesenhafte Bären, Elefanten und Nashörner,

das Urwildpferd und den Präriebison.

Nie wieder hat Europa solche Jagd gesehen. Wie verschwinden alle

Herkulessagen der Griechen dagegen! Zu den Ungetümen, die sie

bezwangen, möchte man sich schauerlich wilde Vormenschen denken, die

selber noch halbe Ungeheuer waren. Zumal in so endlos ferner Zeit. Aber

gerade das sind sie auch nicht gewesen, und daß sie es nicht waren, ist

wohl das allverblüffendste an ihnen, vor dem auch die energischsten

Heißsporne, die zuerst für ihre Existenz eintraten, noch haben umlernen

müssen.

Sie hatten schon eine hochentwickelte Kunst! In unzähligen Denkmälern,

die in Südfrankreich und Spanien neuerdings fast Monat für Monat neu

aus den alten Höhlen und Kulturschichten hervorgezogen werden, ersteht

diese Kunst augenblicklich imposant vor unserem Blick. Schnitzereien,

Gravierungen, Reliefplastik und farbige Malereien, die Jagdszenen,

Tierbilder, Ornamente darstellen, geben ein nie erwartetes, ein

überwältigendes Bild. Diese Menschen begannen nicht erst mit der Kunst:

sie besaßen sie bereits. Sie waren vielfach Meister der Darstellung.

Die Prachtwerke über diluviale Höhlenmalereien, die gegenwärtig unter

der Ägide des Fürsten von Monako erscheinen, riesige Quartbände mit

Farbentafeln, enthüllen nicht nur wissenschaftliche Dokumente zur

Kunstgeschichte, sondern sie geben (besonders aus der Wunderhöhle

von Altomira in Spanien, deren ganze Decke ein figurenreiches und

farbenprächtiges prähistorisches Freskogemälde bedeckt) einzelne

Blätter, die fortan die Freude jedes künstlerisch empfindenden Auges

sein müssen wie nur irgendeine große Höhenleistung sonst der älteren

Kunst. Und erst seit wir in diese Kunst der Mammutjäger schauen, läßt

sich wirklich jenes eben gebrauchte Wort anwenden: daß wir jetzt auch

diese Menschen _seelisch_ besitzen im Inhalt unserer Kulturgeschichte.

Von Mammutjägern also zu Mammutmalern und Mammutschnitzern!

Die amüsante kleine Episode, die ich hier an diese mächtige neue

Melodie knüpfen möchte, beweist indessen mit ihrem Anfang klärlich, daß

man auch heute noch, in unseren (bekanntlich) sehr hellen Tagen, bei

einem Mammut zunächst an etwas wesentlich anderes denken kann als an

Kunst.

So geschah es nämlich Herrn Chrometschek, Gutsbesitzer zu Predmost,

einem kleinen Flecken bei Prerau in Mähren, der vor einer Reihe von

Jahrzehnten hinter seinem Garten graben ließ und dabei in einer alten

verbackenen Staubschicht des ehemaligen diluvialen Steppenbodens dieser

Gegend auf eine Katakombe gewaltiger Knochen stieß. Die meisten und

größten stammten eben vom Mammut, und nie bisher ist eine großartigere

Anhäufung von Gebeinen dieses verschollenen europäischen Elefanten

zutage gekommen. Die Reste von fast tausend Individuen sind noch in

der Folge geborgen worden, junge und alte dabei, vom Urvater bis zum

Embryo. Daneben Knochen des Nashorns, des Urstiers, des heute noch in

Grönland existierenden Moschusochsen, des Elchs, des Wildpferdes, der

Gemse, vermischt mit denen von Löwe, Leopard, Wolf, Vielfraß und Biber.

Herr Chrometschek aber als umsichtiger Landwirt ließ diesen ganzen

reichen Segen, so oft er sich beim Abbau des alten Steppensandes

wiederholte, reinlich zu Pulver zerstampfen und düngte seine Felder

damit -- lange Jahre hindurch. Und dann erst fanden ein paar

hinzukommende ausgezeichnete Gelehrte (zunächst Wankel, nachher

Maska und Kriz), daß dieser Dünger doch für Kohlköpfe oder Rüben

entschieden etwas zu kostbar sei und besser menschlichen Gehirnen und

wissenschaftlichen Theorien zugewendet werde.

Als das ganz besonders Interessante ergab sich nämlich, daß es sich

hier nicht bloß um ein zufälliges Massengrab vorweltlicher Tiere, etwa

auf Grund zusammengeschwemmter oder in einem Staubsturm gemeinsam

begrabener Kadaver, handelte. Vorgeschichtliche Menschen hatten schon

einmal die Hand dabei im Spiel gehabt. Zu vielen Tausenden lagen ihre

Steinwerkzeuge am Fleck, auch einzelne Skelettreste. An Holzkohlen

und Asche erkannte man, daß sie Feuer gebrannt hatten. Viele der

Tierknochen waren künstlich zerschlagen, angebrannt, bekritzelt, rot

gefärbt. Stellenweise lagerten die Mammutgebeine in hübsch sortierten

Haufen: hier lauter Beckenknochen, dort Schulterblätter, Zähne oder

Gelenkköpfe zueinander gesammelt. Kein Zweifel: Menschen hatten mit

dem Material gewirtschaftet, und wenn irgend etwas nahelag, so war es

die Annahme, daß es sich um eine Jägerstation handelte, wo frisches

Jagdwild abgehäutet, verarbeitet, zum Teil gebraten und gegessen,

zum Teil in seinen brauchbaren Knochenteilen ausgeschlachtet worden

war. Wohlverstanden: hauptsächlich Mammutwild. Eine Art Abdeckerei

oder Schlachthaus aus der Mammutzeit selber stand vor Augen, und der

Schlächter war schon der Mensch gewesen!

Es war eine gar gewaltige Triebkraft, was dieses Mammutlager von

Predmost damals, in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts,

in die annoch junge prähistorische Wissenschaft hineinzubringen schien.

Zum ersten Male faßte man davor den ganzen Mut, den Menschen der alten

Steinzeit wirklich zusammen zu sehen mit diesen schauerlichen letzten

Urweltsgestalten der Tierwelt, die alle ältere Geologie noch durch

die furchtbarste Erdenkatastrophe von jeglicher Menschennähe getrennt

gedacht hatte.

Aber der Geistesboden war zu glänzend damit gedüngt, um nicht eine ganz

unerwartete Riesenrübe noch hervorzutreiben in Gestalt eines genialen

Gedankens, der so genial war, daß er tatsächlich noch einmal die ganze

Geschichte in die Luft fliegen ließ.

Der Gedanke wuchs im durch und durch gescheiten Kopfe des alten Japetus

Steenstrup aus Kopenhagen, der, damals schon bald achtzigjährig, eigens

herangepilgert war, um sich auch von dem Wunder zu überzeugen.

Steenstrup, Zoologe von Haus aus, dann selber Prähistoriker, hatte die

gründlichsten allgemein geachteten Forschungen hinter sich -- über das

Liebesleben jener wundersamen Seetiere, die stets in einer Generation

wirkliche Liebespärchen, in der nächsten dagegen nur ein einziges

pflanzenhaft ausschlagendes Elternwesen hervorbringen; über die

verschrobenen Augen der Flundern; über die geschichtlichen Geheimnisse

der dänischen Torfmoore und Muschelbänke und anderes mehr. Meister

Steenstrup befand sich aber kaum im Angesicht des Mammutfeldes, so gab

er auch schon die überraschendste Lösung.

Jedermann kennt die berühmte Geschichte von den sibirischen Eiskadavern

von Mammuten, die, vor ungezählten Jahrtausenden in Gletscherspalten

eingefroren, heute noch gelegentlich mit Haut und Haaren heraustauen.

Wenn solches Tauen geschieht, kommen die hungrigen Wölfe heute

noch hinzu und fressen von dem derben Brocken vorgeschichtlichen

Gefrierfleisches, nicht minder aber besuchen die armen Tungusenjäger da

oben die Stätte, um sich der famosen Elfenbeinhauer zu bemächtigen.

Wer beweist uns nun, fragte der alte Steenstrup, daß ein solcher

Hergang nicht auch den Fall Predmost selber erklären kann? Bis ans

Ende der Eiszeit reichten nordsibirische Verhältnisse tief nach Europa

hinein. Wenn nun schon damals im gefrorenen Boden oder Gletschereis

solche Gefriermumien gesteckt haben? Bloß eben damals bis in Gegenden

noch hinein, die so weit südlich lagen wie dieses mährische Predmost?

Und wenn schon damals einmal ein solcher ganzer Eisschrank gerade hier

aufgetaut war, seine uralten Mammutbraten in nicht ganz delikatem

Zustande wieder herausgebend? Wenn dann Menschen von damals in der Nähe

vorbeizogen, werden nicht auch sie sich brauchbare Zähne und Knochen

herausgesucht haben? Die ekle Stätte wird jedenfalls gründlich von

ihnen durchwühlt worden sein. Wölfe werden von dem Fleisch gefressen

haben. Wer weiß: am Ende sogar halb verhungerte Menschen selber.

Steinzeitmenschen natürlich. Aber deshalb doch noch lange nicht

Zeitgenossen des _lebenden_ Mammuts. Keine Mammutjäger! Unabsehbare

Zeiträume mögen die Zeit, da diese Mammute wirklich gelebt hatten,

schon damals getrennt haben von der Stunde, da ihre Gefrierleichen

heraustauend so in Menschenhand kamen. Sibirien in Predmost, nichts

weiter, aber nicht lebende Menschen vor lebendigen europäischen

Elefanten.

Wenn je ein Gedanke mit seiner Logik bezwang, so war es dieser. Ich

weiß selbst noch genau, wie er mich absolut sieghaft gefangennahm,

als ich ihn zum ersten Male las. Es gab keine Widerrede. Für einen

so geistvollen und eminent kenntnisreichen Kopf wie Virchow ist er

damals entscheidend für seine ganze Stellungnahme zu diesen Fragen

bis an sein Lebensende geworden. Er schien berufen, pädagogisch eine

wahre Warnungstafel zu werden, wie heillos vorsichtig man beim Gehen

auf diesem schwankenden Staub und Schnee der Vorwelt sein müsse. Nach

solchem Fiasko an der eklatantesten Stelle mußte man auch alle anderen

angeblichen Beweise für das Zusammenleben von Mensch und Mammut mit

neuen und zwar mit sehr, sehr kühlen Augen ansehen. Virchow kam mit

solchen Augen zu dem festen Schluß, daß es trotz aller Rederei und

Flunkerei bisher keinen diluvialen »Mammutmenschen« gebe, sowenig wie

einen tertiären Affenmenschen.

Die Franzosen besaßen allerdings damals längst in einer ihrer

Sammlungen ein vielbewundertes Stück Mammutelfenbein -- gefunden im

Vézèretal in der Dordogne, wo das wahre Pompeji diluvialer Kultur und

Kunst ist -- mit einem wohl erkennbar eingravierten Bilde eines Mammut

darauf. Das mußte jetzt eine »Fälschung« sein. Wenn einige tüchtigste

deutsche Forscher, die damals aburteilten, dort Direktor gewesen

wären, wer weiß, in was für einer Müllgrube das unschätzbare Stück

verschwunden wäre. Wer aber ja noch so leichtgläubig sein wollte, es

für echt zu halten, der mußte sich sagen lassen, daß es selbst dann

nichts beweise; denn wenn die Steinzeitmenschen noch Eiskadaver mit

erhaltenen Rüsseln und Mähnen aufgefunden hatten, so mochten sie danach

auch ein echtes behaartes Elefantenbild, wie es jene Platte wies,

konstruiert haben, ohne doch je ein lebendes Mammut gesehen zu haben;

auch dieser Schluß hat mir selber lange imponiert.

Das unschätzbare Stück ...! Denn das ist schließlich doch der Witz und

die wahre Nutzanwendung der ganzen Geschichte geworden, daß der alte

Steenstrup sich trotz- und alledem gründlich verhauen hatte.

Seine Idee stand und fiel mit der einen Möglichkeit, daß jene

Steinzeitler zu ihrer Zeit in Mähren mit uralten, in undenklichen

Zeitfernen rückwärts niemals aufgetauten Eismassen und Gefrierböden

in Berührung kommen konnten. Die nähere geologische Untersuchung der

Stelle hat diese Möglichkeit aber rund verneint. Predmost ist überhaupt

niemals in der Diluvialzeit derartig vereist gewesen, konnte also auch

keine Mammute konservieren.

Die Menschen jener Tage lebten nicht auf Dauereisboden, sondern in

weiten Grassteppen, wie sie für große Landgebiete und Zeitperioden der

langen Diluvialzeit vielfach in Mitteleuropa charakteristisch gewesen

sind, Steppen, durch die die Saigaantilope streifte wie heute noch im

südöstlichen Rußland. Ihrer Kultur und ihrem Körperbau nach gehörten

diese Predmoster Jäger wahrscheinlich zu jenem diluvialen Volk, das

man heute nach dem Fundort Solutré bei Lyon benennt; die Solutréenser

waren in Frankreich besonders eifrige Jäger auf die zahllosen, auch

für die Grassteppe charakteristischen Herden von Wildpferden, wie sie

ähnlich heute die Wüste Gobi bewohnen. Man schiebt gegenwärtig diese

Solutréenser zeitlich ziemlich weit in die Diluvialzeit hinein und

läßt sie wesentlich älter sein als die sogenannten Magdalenier, die

das hauptsächlichste Volk jener französischen Kunsthöhlen im Vézèretal

gewesen sind. Nun wissen wir aber, seit wir diesen Volksanschluß

ungefähr haben, aus zahlreichen anderen Funden, daß in die Jagdsteppe

der Solutréenser tatsächlich auch das Mammut noch allenthalben lebend

gekommen ist. Ein _Nicht_zusammentreffen mit dem Menschen, dem

jagdfrohen von damals, müßte also geradezu ein Wunder gewesen sein!

Und so ergibt sich der alte Schluß für Predmost diesmal als die

selbstverständlichste Folgerung: auch in dieser mährischen Steppe

müssen die Mammute besonders zahlreich gewesen sein, und speziell in

Predmost haben die mährischen Solutréenser besondere Jagdtriumphe über

das Riesenvolk gefeiert.

Damit aber werden auch alle weiteren Schlüsse wieder hinfällig.

Jenes von der Hand eines Diluvialmenschen gezeichnete Mammutbild kann

echt und noch nach dem lebenden Original gezeichnet sein. Es ist von

einem Magdalenier gefertigt, also von einem Diluvialmenschem dessen

Volk, wie gesagt, erst einer späteren Epoche der Diluvialzeit als die

Solutréenser angehört. Es beweist also nur, daß das Mammut über die

Predmoster Tage fort noch lange in Europa hinaus weitergelebt haben

muß. Inzwischen zweifelt aber an der vollwiegenden Echtheit dieses

schönen Fundstücks auch deshalb längst kein Mensch mehr, weil man in

den Höhlen des Vézèretales seither die prachtvollsten magdalenischen

Malereien entdeckt hat, die zahlreiche Mammute in den lebendigsten

Stellungen mitten unter den anderen zweifellosen Jagdtieren von

damals darstellen. Da hört jeder Gedanke wie an Fälschung, so auch an

Rekonstruktion nach Eisfleisch auf!

Gerade an dieser Stelle aber hat die Geschichte neuerlich nun noch eine

besondere Krönung erfahren, die erst den ganz würdigen Schluß gibt.

Bereits sehr zu Anfang hatte man auf den Predmoster Knochen leise

Kunstspuren entdeckt, Zickzackornamente, Wellenlinien, konzentrische

Kreise, Dreiecke. Später kamen Elfenbeinschnitzereien zutage, darunter

das Bild einer sehr rundlichen, anscheinend tätowierten Dame. 1895

stieß nun Herr Kriz auf ein mehrfach zerbrochenes Stück Mammutzahn, das

ihm immerhin auch als ein unvollendeter Kunstversuch erschien, ohne

daß er der Sache Bedeutung beilegte. Und erst 1909 faßte der andere

treffliche Bearbeiter der Schätze, Maska, den wahren Sachverhalt:

die richtig aneinander gepaßten Stücke zeigten ein höchst famoses

Schnitzbild des Mammut -- ein zeitgenössisches Bild also des so viel

umstrittenen Mammut von Predmost nunmehr in höchsteigener Gestalt.

Von Wundern und Tieren: Neue naturwissenschaftliche Plaudereien · 第 11 / 17 段