Mit geschicktestem Feldherrntalent (Paläontologen müssen immer

Diplomaten sein) wurde von Jaekel zunächst der »Acker« gesichert: der

preußische Staat erwarb das Recht auf alle Fossilfunde in der Grube,

Finderlöhne wurden ausgesetzt, ministerielle, kaiserliche und private

Mittel zusammengebracht. Gefährliche Abbaumethoden durch Sprengschüsse

in der Grube wurden eingestellt. Die Härtung und Zusammensetzung der

Skelettteile nahmen Jaekel und seine Helfer und Helferinnen (besonders

letztere zeichneten sich aus) selbst in die Hand. Und nun kam Schlag

auf Schlag eine Ausbeute, die selbst die verwegenste Erwartung übertraf.

Laut dem ersten wissenschaftlichen Bericht sind in der kurzen Zeit

bisher schon nicht weniger als vierzig Dinosaurierskelette geborgen

worden, zum Teil in prachtvollster Erhaltung und Individuum für

Individuum für sich gesondert. Noch nie sind auch die Schädel in

solcher Vollkommenheit bisher irgendwo zutage gekommen. Von dem

schönsten Stück hat (Laune des Zufalls!) bloß ein Wiesel, das in der

Nacht nach der Freilegung gerade hier ein paar Mäuse verzehrte, ein

Stückchen vom Zungenbeinbogen verschleppt. In anderen Fällen fehlten

allerdings derbere Skeletteile schon durch Räuberarbeit der Keuperzeit

selbst, so einmal die ganzen Vordergliedmaßen, die bei einem solchen

wehrlos »versumpften« Unhold wohl damals schon einem Krokodil zur Beute

geworden waren.

Was die systematische Stellung anbetrifft, so handelt es sich in

der wesentlichsten Art um einen Plateosaurus, der eine vermittelnde

Stellung zwischen dem rein raubtierhaften Megalosaurus und jenen

Iguanodonten einnimmt. Es ist die Gruppe, wo auch der schöne Name

»Greßlyosaurus« vorkommt, der aber mit der naheliegenden Gräßlichkeit

nichts zu tun hat, sondern auf den originellen Schweizer Geologen

Greßly geht.

Ganz besonders wertvoll macht den imposanten Fund, der zu den

glänzendsten paläontologischen aller Zeiten bisher gerechnet

werden muß, auch die Zeitbestimmung. Jene belgischen wie die neuen

afrikanischen Dinosaurier gehören zur Kreideperiode. Hier im

Halberstädter Delta steht man noch in der Trias, also eine ganze Reihe

von Jahrmillionen früher.

Die ersten fertig aufmontierten Halberstädter Skelette sind jetzt schon

in ganzer Pracht im Berliner Museum für Naturkunde neben den Afrikanern

vom Tendaguru zu sehen. Unabsehbar scheint aber der noch zu erwartende

weitere Reichtum dieser Glücksgrube, nachdem vor Beginn der Rettung für

die Wissenschaft doch sicher wohl schon hundert oder noch mehr Skelette

zu Ziegeln vermahlen worden waren!

Halberstadt mag stolz sein: zu seinem Dom und Gleim und Broyhanbier

tritt ihm der Ruhm, fortan die »echteste« Drachenstadt Deutschlands zu

sein in der Zeit wissenschaftlicher Rehabilitierung dieses Drachens.

Sirenen

Als der homerische Dichter das Abenteuer des Odysseus mit den

Sirenen schilderte, benutzte er stofflich wohl ein damals schon

altes Schiffermärchen. Die unvergleichliche Eigenart, die aus diesen

fünfunddreißig Versen eines der herrlichsten Gedichte der Weltliteratur

gemacht hat, liegt in der Schilderung. Das Schiff des umgetriebenen

Dulders kommt herangeschwebt, von freundlichem Winde getrieben.

Plötzlich dann, ehe noch die Sireneninsel selber auftaucht, ist es,

als gehe ein Zauber von ihr aus. Der Wind ruht. Die stille See glänzt

von heiterer Bläue des Himmels, ein Himmlischer scheint die Wasser zu

senken. Jetzt, als der bedenkliche Fels auf Hörweite nahe ist, der

Sirenengesang selbst. Nur acht Verse, aber vielleicht das Klangvollste,

was in Ilias wie Odyssee vorkommt. Man merkt dem Dichter ordentlich

die Verantwortung an, dieses Lied, das selbst den schlauen Odysseus

verführen soll, wörtlich zu geben, und doch hat er es gewagt. Aber die

Genossen des Dulders, die ihre Ohren mit Wachs verstopft und ihn selber

zur Vorsicht an den Mast gebunden haben, rudern vorbei. »Leiser, immer

leiser verhallte der Singenden Lied und Stimme.«

Es ist eine arge Sache, wie mit Namen umgesprungen wird.

Den scheußlichsten, rohesten Lärmapparat, den der spätere Kulturmensch

erfunden hat, nennt er eine Sirene. Ein Tiergeschlecht aber von so

unerhörter Unform, daß ein Schwein dagegen die leichtfüßige Eleganz

verkörpert, hat der moderne Naturforscher sozusagen amtlich als das der

Sirenen bezeichnet, nämlich die mit anderem Wort sogenannten Seekühe.

Wenn man sich eine Kuh denkt, die mit derselben unerschütterlichen

maschinenhaften Konsequenz, mit der eine richtige Alpenkuh rupfend und

rückend tagaus tagein ihre Matte dezimiert, Seegras statt Wiesengras

abweidet; wenn man diese Kuh für das Wasserleben hinten abhackt und

in eine plattliegende Fischflosse auswalzt, ihr auch gleich dabei

die Hinterbeine fortschneidet und die Vorderbeine in runde Paddeln

verbreitert, so kommt man auf die Seekuh. In dieser Gestalt liegt

sie ihr Leben lang faul über ihrer unterseeischen Küstenmatte und

äst, wobei sie im Vorschreiten gelegentlich ihrer Weide auch in die

großen, zur See mündenden Flüsse hinein nachpaddelt und so bis tief ins

Binnenland kommt.

Ihre Weide ist fett, und das Wasser trägt -- so darf sie alle Kuhmaße

überbieten und als kolossale Fleischwalze von fünf oder gar zehn Metern

Länge über ihrer Wasserwiese schaukeln.

Dabei ist sie gleich der richtigen Kuh ein Säugetier. Ihre milchgebende

Mutterbrust hat sogar etwas ganz Menschliches in Lage und Form, und

hier steckt die halbwegs gangbare Begriffsbrücke, die zur Vergleichung

mit einer homerischen »Sirene« geführt hat; denn es wird behauptet, daß

diese Seekühe, im Indischen und Roten Meer gelegentlich schon vor den

ältesten Seefahrern beim Luftschöpfen auftauchend und solche Büste

produzierend, geradezu die Fabel von Meerweibchen, also doch irgendwie

der Verwandtschaft wenigstens der echten sirenischen Fräuleins, erzeugt

hätten.

Die meisten Säugetiere aber, die nachträglich (denn alle echten

Säuger waren geschichtlich wohl zunächst Landtiere) wieder ins Wasser

gegangen sind, haben dort eine Art Zersetzungs- und Zerfließungsprozeß

ihrer Leibesformen erlebt. Während der Fisch als ursprüngliches

Wasserkind durchweg (selbst im riesigsten Hai) eine gewisse Grazie

der vollkommenen Anpassungsform bewahrt hat, stößt man beim

Wassersäuger auf die greuliche, verschwommene und zerhackte Mißform

des Nilpferdmauls oder die Monstra der großen Wale und Pottfische, die

jeder geordneten Linienführung im Umriß spotten. Und so ist auch die

Seekuh auf ihrer Wasserweide an »Nichtform« ein echtes und rechtes

Meerwunder geworden, so ungeschlacht wie nur möglich, wie einer, der

sich gehen lassen kann und es nicht mehr nötig hat, auf nettes Äußeres

und adrette Umgangsform zu sehen.

Gleich für die ersten klaren Ordnungsgenies in der neueren Tierkunde

mußte es dabei aber eine wichtige Frage werden, zu welcher engeren Ecke

des großen Säugervolks nun dieser Vetter Wanst eigentlich gehöre. Vom

Lande war er gekommen; an was für eine Landform aber sollte man ihn

dort systematisch anreihen?

War es etwa wirklich die Kuh gewesen, die, gefräßig ihrer Weide

nachrückend, in irgendwelchen Urweltstagen so ganz allmählich sich ins

Seichtwasser hinein verloren hatte und endlich dort zur regelrechten

Taucherin geworden war, wo die Grasnarbe sich allzu tief unters Wasser

verlor?

Ganz so seltsam, wie es sich anhört, wäre solcher Vorgang nicht. So

ist das allbekannte Nilpferd ja wirklich nichts viel anderes als ein

in die weiten Binnenseegründe voller Lotosweide dauernd verlocktes

altertümliches Schwein, das bei Sansibar sogar schon wie eine rechte

Seekuh kühn ins Meer hinausschwimmt.

Längere Zeit indessen war unsere wissenschaftliche Tierkunde zu solchen

Ableitungen deshalb nicht recht mutig, weil ihr überhaupt zweifelhaft

geworden war, ob sich eine Tierform aus einer anderen »entwickelt«

haben könnte. So gesellte man einstweilen die Seekuh gar nicht zu

irgendeinem Landtier im System, sondern rückte sie mit zwei anderen

ausgesprochenen Wassersäugern, dem Seehund und dem Walfisch, zu einer

engeren Gemeinschaft der Fisch- oder Seesäugetiere zusammen. So haben

wir's noch aus dem alten, wirklich noch vom Manne dieses Namens

verfaßten »Brehm« gelernt, und der älteren Generation sitzt's noch in

Fleisch und Blut. Es hilft aber nichts, die Welt läuft, und der Mensch

muß mitlaufen und immer wieder umlernen.

Schon als der erste Darwinismus hochkam, wurde klar, daß einer aus

diesem künstlichen, bloß dem Aufenthaltsort nach vereinten Trio

unbedingt woanders hinkommen müsse, nämlich der Seehund. Er war

wirklich ein Stück »Hund«, nämlich lediglich ein für die ergiebige

Wasserjagd umgepaßtes ursprüngliches Landraubtier.

Ein Räuber, das heißt ein absoluter Fleischfresser, ist aber auch

der Walfisch, und so entstand vor ihm bald ein zoologischer Argwohn,

daß er, obwohl ersichtlich viel weiter fürs offene Meer umgeformt,

irgendwie doch auch zuletzt und in grauen Entwicklungsurtagen an die

Raubtiere anschließe. Das ist in neuester Zeit durch geologische

Funde auch immer wahrscheinlicher, wenn auch noch nicht ganz zur

Gewißheit geworden; die Landväter sind in diesem Falle wohl noch wahre

Urraubtiere (sogenannte Kreodonten) gewesen.

Blieben zuletzt also wieder als vereinsamter Rest unsere Seekühe.

Diesmal schien aber ihre »Kuhnatur« zunächst wieder zur Anerkennung

kommen zu wollen.

Bei Haeckel, dessen Systematik jetzt für eine neue Generation zu

einer Art zoologischen Breviers wurde, las man, daß die Seekuh

höchstwahrscheinlich ein Wasserableger des paarhufigen Huftiers sei,

also eben der Gruppe, zu der unter anderem auch die Kuh gehört.

Solche entwicklungsgeschichtlichen Vermutungen sind nun bei umsichtiger

Handhabung der Theorie stets sehr wertvolle Fingerzeige, und Haeckels

provisorische »Stammbäume« haben trotz allen wohlfeilen Gegnerspotts

eine wahre neue Ära der ganzen zoologischen Systematik eingeleitet, in

der praktisch heute auch alle die leben und weben, die Haeckels Namen

nachträglich undankbar verleugnen. Auf der anderen Seite bleibt aber

ebenso wahr, daß alle noch so geschickte Theorie arm ist, wenn nicht

das Glück wirkliche Neuentdeckungen hinzubringt, -- in diesem Falle

also den Fund wirklicher vorweltlicher Skelette von Übergangsformen,

die etwa den Schritt von einem nilpferdisch und noch weiter wasserlieb

gewordenen Zweihufer aus der Kuhverwandtschaft zur Seekuh leibhaftig

vor Augen stellten.

Nun fanden sich zwar versteinerte Seekühe. Seekuhweiden bieten sich

heute in den verschiedensten Meeren und Strömen, von Florida und

dem Orinoko bis Afrika und dem Indischen Ozean; eine riesige Seekuh

bei Kamtschatka, das sogenannte Borkentier, ist erst in junger

geschichtlicher Zeit vom Menschen ausgerottet worden. Wie aber in der

Urwelt alle geographischen Grenzen durchweg auf den Kopf gestellt

scheinen, so mußte man sich auch hier mit dem Bilde befreunden, daß

noch in der Epoche der Tertiärzeit, als unser allbekannter Bernstein

als frisches Harz von Waldbäumen des Landes tropfte, über die Gegend

bei Mainz und Darmstadt ein Meeresarm ging, dessen Seegraswiesen

auch dort damals schon von zahlreichen, mäßig großen (etwa drei

Meter langen) Seekühen abgeweidet wurden. Diese alten Darmstädter

Meerweibchen zeigten, wie es scheint, äußerlich noch ein verkümmertes

Hinterbeinchen, das heute ganz fehlt, sozusagen ein Abzeichen noch mehr

ihrer sicheren ehemaligen Landverwandtschaft. Aber das war auch alles:

im übrigen waren sie schon genau so mißgeformt und wasserfroh wie ihre

Genossen unseres Tages etwa in ihrem fernen Roten Meer. Die sirenische

Übergangskuh hatte man jedenfalls in ihnen noch nicht vor Augen.

Inzwischen gab es aber eine alte Stimme aus der Tierkunde selbst, fast

vergessen wie der Mann, von dem sie hauptsächlich ausgegangen war,

der schon fast zehn Jahre vor Darwins Auftreten verstorbene Franzose

Blainville.

Sie mahnte an die höchst seltsamen Zahnverhältnisse dieser Sirenen, in

denen offenbar noch ein separates Geheimnis stecke.

Wenn von den homerischen Sirenenmädchen die böse Kunde gilt, daß ihr

süßer Sängermund in verschwiegenen Stunden Menschenfresserei trieb, zu

der neben verminderten ethischen Hemmungen mindestens ein gutes Gebiß

gehörte, so hatten einzelne der wirklichen Sirenenkühe überhaupt keine

Zähne oder doch nur spärlichste Reste solcher. Doch das war offenbar

wieder Wasseranpassung für sich; auch der ungeheure Grönlandwal

ist zahnlos und seiht nur winziges weiches Meergetier durch seine

Gaumenbarten, die uns das bekannte Fischbein liefern. Was aber noch

vorhanden war von sirenischem Normalgebiß, das war wirklich bedeutsam

genug.

Bald zeigte sich ausgesprochene Neigung, die oberen Schneidezähne

unter der fetten Wulstlippe in regelrechte Stoßzähne zu verwandeln.

Bald wuchsen die Backzähne beständig neu nach, und zwar so, daß

der vorderste immer nach einer Weile ausfiel, von hinten her aber

die Zahnreihe ergänzt nachrückte. Diese Zahnwunder aber erinnerten

auffällig jetzt an einen zweiten Fall im Säugerbereich, der ganz und

gar nichts mit der Kuh zu tun hatte, sondern mit dem -- Elefanten.

Auch die riesigen Stoßzähne unseres lebenden Elefanten sind obere

Schneidezähne, und auch bei den Backzähnen dieses Elefanten herrscht

ein mindestens sehr ähnliches System von streng geregeltem Verfall und

Ersatz.

Kein Zweifel: die Sirenen hatten auch im übrigen Bau ihres Skelettes

mit den schweren, nicht gehöhlten Knochen mancherlei Züge vom

Elefanten. Trotzdem schien der notwendig hier auftauchende Ideengang

selbst den kühnsten Stammbaumtheoretikern zu kühn.

Unglücklicherweise wußte man lange Zeit gerade von der eigenen

Urverwandtschaft der Elefanten gar nichts. Sie standen bis heute

auf dem Lande, und doch wußte man nicht, wo sie auf diesem Lande

hergekommen sein sollten. Kein anderes Säugetier glich ihnen genug

zur Anknüpfung. Die Gegner der Deszendenztheorie liebten es, lächelnd

hierher mit Fingern zu weisen. Hier waren Tiere, die riesengroß waren,

schon in Urweltsperioden massenhaft gelebt und massenhaft versteinerte

Knochen hinterlassen hatten; und doch hatten sie anscheinend keine

»Ahnen«.

Eines Tages indessen sollte das ein recht jähes Ende nehmen. Im

untersten Ägypten, im Hinterlande des sogenannten Fayum, entdeckten

die Geologen vor einigen Jahren eine geradezu fabelhaft glänzende

Fundstätte vorweltlicher Säugetiere. Nie werde ich den Anblick

vergessen, als ich im Londoner Naturhistorischen Museum beim Eintritt

in die große Halle vor dem ersten frisch ausgestellten Prachtstück

von dort stand: dem grotesken Riesenschädel eines sogenannten

Arsinoitherium, eines elefantenähnlichen Ungetüms, das auf der Nase

zwei enorme, nebeneinander gestellte knöcherne Zapfen, die an die

Zipfel einer kolossalen Narrenkappe erinnerten, getragen hatte. Schon

dieses jedenfalls nah verwandte neue Tier bewies, daß man hier in die

Urverwandtschaft des Elefanten geraten war. Schlag auf Schlag folgten

sich dazu dann die weiteren Entdeckungen an dieser Glücksstelle.

Es zeigte sich ein Vormastodon, das die Entstehungsgeschichte des

späteren Elefantenrüssels enträtselte. Die Krone aller Entdeckungen

aber war der Ahne des ganzen Elefantengeschlechts überhaupt. Er

erschien in trefflicher Erhaltung schon in einer Schicht der

Tertiärzeit, die geologisch noch ein Stück älter war als jene der

Arsinoitherien und Vormastodons. Da erschien ein Tier, auch etwa so

groß wie ein Tapir, also gegen den heutigen Elefanten relativ klein.

Die Gliedmaßen schlank; ein langer Schwanz; im flachen, keineswegs

elefantenhaft steil getürmten Schädel ein altertümliches Gebiß, in dem

doch aber die Schneidezähne schon eine Tendenz zeigten, hauerhafte

Stoßzähne zu werden. Im Umriß also ganz gewiß kein Elefant. Und doch

durch soundso viel feine anatomische Details einzig und allein an die

Elefanten anzuschließen. Die Sachkenner waren sich bald einig: man

hatte den so lange vermißten »Elefantenvater« vor sich. Ein durchaus

altertümliches Landtier, selber noch den ältesten, sehr indifferenten

Huftieren der Vorwelt nahe, das aber den Ausgangspunkt der seltsamen

Entwicklung zu den elefantischen Kolossen, all den Dinotherien,

Mastodons, Mammuten und wie sie hießen, gebildet hatte. Da in

Altägypten in dieser Fayumgegend der berühmte Mörissee gelegen hat,

wurde das einzigartige Geschöpf Möritherium getauft. Kaum aber hatte

man sich mit seiner Existenz abgefunden, so sollte es den Tierkundigen

noch eine Überraschung bereiten, die zu den größten gehört, die alle

Tierkunde je erlebt hat. An der Küste des urafrikanischen Kontinents,

wo sich zu ihrer Zeit die Möritherien herumtrieben, lebten damals,

vom Wasser her in die Flußmündung aufsteigend, auch schon Seekühe.

Auch ihre Knochen kamen in den heute erhärteten Schichten des alten

Uferschlamms von ehemals für uns zutage. Und nun zeigte sich das

Unerwartete. Diese uralten Seekühe hatten fast genau den Schädel und

das Gebiß des Möritheriums gehabt. Auch in den Beckenknochen glichen

sie ihm noch frappant. Und doch waren sie sonst schon Seekühe! Seekühe

aber, die zugleich schwimmende Elefantenväter waren! Kein Zweifel: in

jenen Anfangstagen war ein Zweig möritherienhafter Urelefanten auf die

Wasserweide gegangen und hatte sich dort zu Seekühen umgestaltet. Als

Wasserelefanten kamen diese Seekühe fortan in die Seichtbuchten der

Ufer und die Flußmündungen, über denen auf dem Festlande dröhnenden

Schrittes die Landelefanten dahinstampften. Wie das Nilpferd zum

Schwein, der Seehund zum echten Hund oder Bär, so stehen die »Sirenen«

zum Elefanten: sie sind seine Wasseranpassung. Nun gilt es ein Umräumen

in allen Museen. Die Elefanten, lange so vollkommen isoliert, bekommen

Nachbarn.

Die große Seekuh des Roten Meeres, so hören wir, wird bei Nacht

dort bei den Korallenriffen von den Beduinen in ungeheuren Netzen

gefangen, durch langes Untertauchen (das sie als Säugetier ja nicht

unbegrenzt verträgt) erstickt und mit großen Mühen endlich gehoben.

Das Bild erhält eine neue Farbe, wenn man sich sagt, daß es sich

hier um eine nächtliche Elefantenjagd handelt. Ein Wasserelefant,

noch ein Meter in der Länge größer als der größte lebende Elefant im

Kilimandjarobuschwald, dickhäutig und ungeschlacht über alle Begriffe,

im Netz gefangen und zappelnd wie ein Fisch, bei Fackelschein auf der

Kante einer Korallenbank -- wahrlich eine packende Situation mehr im

Märchen der Tierwelt.

Die Entdeckung des Riesenklippdachses

In meiner Bibliothek stehen ein paar kleine alte Bände mit zierlicher

Rückenvergoldung -- die erste Ausgabe von Cuviers »Tierreich« von 1817.

Nach solchem alten, ehrwürdigen Bändchen greift man heute nicht leicht,

um sich über laufende Fragen der Tierkunde zu unterrichten. Es muß

schon mehr in Sonntagslaune sein, wenn man sich einmal an der Stimmung

einer Zeit ergötzen will, die zwar weit hinter uns an zoologischem

Wissen stand, die aber eines immerzu noch erleben durfte, das uns

fremder wird: nämlich ganz große Sensationen, Überraschungen dieses

Wissens.

Eine solche Sensation ersten Ranges steht dort bei Cuvier beschrieben,

wenn er von dem Tier spricht, das nach einem übertragenen Namen der

»Klippdachs« heißt; mit unserem bärenartigen Raubtier Dachs hat es

nichts zu tun; man nennt es auch »Klippschliefer«, das heißt: einen,

der in engen Klippenspalten gern unterschlüpft (schlieft). In Luthers

Bibelübersetzung figuriert es als das »Kaninchen« der palästinensischen

Felsen.

Die Klippdachse sind kleine, dick bepelzte Geschöpfchen vom Habitus

mittlerer Häschen oder großer Meerschweinchen, die von Syrien bis zum

Kap teils so in Höhlen »schliefen«, teils hoch im Urwaldgezweige fast

affenhaft ihr Wesen treiben. Kein Mensch, der sie so sieht, wird sie

wirklich für etwas viel anderes halten als Karnickel oder Eichhörner,

zumal wenn er aus ihrem Mäulchen auch noch die spitzen oberen

Vorderzähne anscheinend völlig nagetiergemäß vorstehen sieht.

Als Nagetiere waren sie denn auch von den Zoologen bis auf Cuvier

verrechnet worden. Er aber mußte jetzt den inhaltschweren Satz

drucken lassen, diese Klippdachse seien eine »~sorte de rhinocéros en

miniature~«; sie hätten die Backzähne des Nashorns und trügen an den

meisten ihrer Zehen kleine Hufe!

Man muß in den Quellen der Zeit die Entrüstungsrufe der übrigen

Zunftgelehrten von damals lesen, daß so etwas möglich sein sollte: ein

Nashorn von der Größe eines Kaninchens!

Aber Cuviers Ansehen war zu gewichtig, um dauernden Widerspruch

aufkommen zu lassen. Der Klippdachs ist wirklich fortan bei den

Huftieren und versuchsweise immer wieder in der Nähe des riesigen

Nashorns in den Listen der Tierforscher geführt worden, so schwer's

auch fallen wollte; aber man wurde das Gefühl eines Rätsels dabei nicht

los, das seiner wahren Lösung noch harrte.

Inzwischen wurden sein Leibesbau und seine Lebensweise von vielen und

immer eingehender studiert. Man stellte jene Tatsache fest, daß er auch

auf Bäume klettern konnte, was dann für ein Rhinozeros noch grotesker

wirken mußte. Unser großer deutscher Reisender Schweinfurth sah ihn

an steilen, glatten Felsen in so unmöglichen Lagen auf und ab turnen,

ja todeswund noch wie angeklebt haften, daß er auf eine besondere

laubfroschartige Saugkraft seiner Füßchen raten mußte, die in der

Tat beim Einziehen und Ausdehnen eines Spalts im Sohlenpolster durch

Luftverdünnung zustande kommt -- ein Rhinozeros mit Laubfroschfüßen auf

polierten Rutschflächen!

Im übrigen Körperbau kamen aber auch immer neue Seltsamkeiten ans

Licht. Die Hufe waren eine Vereinigung von affen- oder menschenhaften

Nägeln mit dem echten, die Fingerbeere ganz umgreifenden Sohlenhorn

des Hufs. Aus dem Pelz ragten überall einzelne lange Tasthaare vor,

deren Gebrauch unklar blieb. Im Rückenfell umschloß eine abweichend

gefärbte Flocke eine kleine Tonsur, deren Zweck ebenfalls im Geheimnis

verharrte. Wiederkäuen wurde behauptet, dann wieder abgeleugnet;

jedenfalls paßte der Magen nicht dazu.

Je mehr man aber allmählich anfing, Tiere überhaupt

entwicklungsgeschichtlich, im Bilde eines Stammbaumes, zu ordnen, desto

dringlicher mußte die Frage werden, an was für einen Ast des großen

Stammbaumes man diesen verdrehten Gesellen mit seinen Saugfüßchen denn

nun tatsächlich kleben solle?

Das Nashorn selber kam dort zweifellos zu Pferd und Tapir. Unter den

Pferdeahnen waren vorgeschichtlich auch kleine Geschöpfe gewesen. Aber

ihre speziellen Knochenreste, als man sie fand und zusammensetzte,

wollten wieder gar nicht zum Klippdachs stimmen.

Viele Jahrzehnte galt es als eine Hoffnung der Versteinerungskundigen,

endlich einmal vom Klippdachs selber urweltliche Reste zu entdecken --

ob die den Schleier lüfteten. Würden auch sie uns kleine Tiere weisen,

so daß der lebende Schliefer ein echtes Überbleibsel wenigstens

der allgemeinen Zeit wäre, in der alle Huftiere, auch die größten,

auch Nilpferd und Nashorn, klein angefangen hatten? Oder würden sie

wirklich jetzt nashornhafte Riesen von Klippdachsgestalt zeigen, eine

Ahnenschaft der entsprechend Großen, von der unser lebender Freund spät

erst und jämmerlich zu seinem Zwergenmaß wieder heruntergesunken wäre?

Lange aber wollte kein einziges Knöchelchen dartun, daß überhaupt schon

Klippdachse in der tierreichen Vorwelt gelebt hätten.

Von Wundern und Tieren: Neue naturwissenschaftliche Plaudereien · 第 10 / 17 段