Der Laie denkt bei jedem großen Skelett ja unwillkürlich zunächst an

ein Säugetier, baut also ganz von selbst hochbeinig im Sinne etwa

eines Elefanten; da wird ihm nun jetzt etwas abgetan, aber schließlich

muß auch er doch lernen, daß diese Dinosaurier eben Saurier, das

ist Verwandte von Krokodil und Eidechse, waren und keine Elefanten.

Dafür wird er bei niedrigerer Stellung diesmal besser in die wahre

Zyklopenmauer der unglaublich großen Wirbel und in das burghafte

Zinnenwerk der Rückenfortsätze hineinsehen. Und im sensationellen

Sinne entschädigt sicher die Aufreckung des Halses, mit der das

relativ winzige Köpfchen diesmal kühn und imposant gegen die Decke

aufbiegt, anstatt sich schlapp beinahe auf den Boden zu senken, zu dem

es doch keinen wahren Schwerpunkt bildet. Das Tier wird lebendiger

so aussehen, wenn schon auch so nicht eigentlich wahrscheinlicher

im schlichten Sinne; denn das wird nun einmal die Eigenart dieser

Monstra bleiben, daß wir sie physiognomisch mit nichts Heutigem recht

vergleichen können und auch technisch immer unter dem Eindruck der

nicht ausgeklärten wirklichen Monstrosität sehen müssen. Gar nicht

berührt aber wird die schließlich doch allergrößte Sensation: nämlich

die Länge und Dicke der Einzelknochen wie der Gesamtmasse zwischen dem

wahren Spatzenköpfchen vorn und der endlosen Schwanzpeitsche hinten.

Doch während hier noch das Gefecht der Sachkenner dauern mag, ist über

jenes andere kein Zweifel mehr: auch diese wahre Größe, die da bleibt,

schlägt eben zur Stunde überhaupt nicht mehr den wahren Saurierrekord.

Nicht ein Kollegium von Gelehrten, sondern die Natur selber hat sich

hier berichtigt. Und in ihrer Laune, unvorhergesehen genug, hat sie

deutscher Erde, allerdings auch in fernem Welterdteil, den Preis

zuerkannt.

Um den ragenden amerikanischen Drachen in der Walfischhalle des

Berliner Museums sammelt es sich zur Stunde wie ein seltsamer stummer

Chor. Drachensaat, neue, noch unheimlichere, in einzelnen Stücken

vorerst, gelbe Knochenblöcke, wie sie frisch aus der Erde kamen, aber

diesmal nicht Abguß, sondern Original. Einzelne Quadern zu einer neuen

Zyklopenmauer, einzelne Strebepfeiler und Säulen zu neuen Trägern einer

Drachenlast.

Manches ist noch sorgsam eingewickelt von langer Fahrt. Was aber

bereits sichtbar ausliegt oder an der Fundstelle photographiert

erscheint, das verrät eine kommende Auferstehung in Dimensionen, wie

sie selbst für urweltliches Gigantenvolk keine üppigste Phantasie je zu

ahnen gewagt hatte. Da liegt ein einzelnes Vorderbein, wohl erhalten

(die Knochen sind alle erstaunlich wenig zerdrückt) und oberflächlich

erst einmal in den Hauptstücken aneinandergelegt: ein Kind kann aber

schon ausmessen, daß das rund die _doppelten_ Größenmaße wie bei dem

aufmontierten Carnegieschen Diplodokus sind. Der zugehörige Hals,

höre ich, wird 12 Meter Länge ergeben; der Amerikaner hat dort nur

5. Bereits jetzt, da vorläufig nichts zusammengesetzt ist, schwillt

der Segen als eine Art Sintflut durch das Haus. Die Gelehrten klagen,

daß man in den Gängen des Paläontologischen Instituts schon über die

Knochen buchstäblich stolpere. Da es sich um die Reste zahlreicher

Individuen und Arten handelt, liegen zurzeit im ganzen Knochen im

Gesamtgewicht von mehr als 100000 Kilogramm vor! Und dabei scheint

gerade jener neue Rekordriese fast vollständig zu sein, so daß er

eventuell wirklich als Ganzes aufmontiert werden kann; vielleicht

geschähe es allerdings besser gleich in einem Abguß, damit die

zerbrechlichen Originalteile nicht den Gefahren eines Baues ausgesetzt

zu werden brauchen; auch dieser Abguß wird aber eine neue Museumshalle

fordern, ein einziges Tier vielleicht ein ganzes neues Haus.

Berlin hat schon einmal Glück mit Giganten gehabt, die ihm unverhofft

aus ferner Gegend zukamen -- damals bei dem herrlichen Fries von

Pergamon. Menschliche Kunst hatte dort dämonische Mischwesen, halb

Menschen-, halb Schlangenleiber, mit denen die Götter kämpften,

ersonnen und köstlich in Marmor gebildet. In einem anderen, noch viel

groteskeren Natursinne erzählen nun auch diese neuen hunderttausend

Kilogramm Saurierknochen von einer furchtbaren »Gigantomachie«, die

sich mehrere Millionen Jahre vor aller Menschenzeit abgespielt.

In weit entlegenen Urweltstagen hing die Seite Afrikas, auf der heute

unsere ostafrikanische Kolonie liegt, noch mit Indien zusammen. Quer

über den Indischen Ozean zog sich damals jenes wunderbare Gondwanaland.

In der Blütezeit des Ichthyosaurus, in der Juraperiode, begann dieses

Land dann allmählich dem Meere zu erliegen. Lange hielt sich noch ein

einzelner Streifen von ihm, der etwa vom Kapland über Madagaskar nach

Vorderindien lief. Rechts und links davon aber strömte schon jetzt frei

der Ozean ein. Und so kam dieser Ozean auch in der Kreidezeit bereits

an die Küstengegend des heutigen Deutsch- und Portugiesisch-Ostafrika

heran, ja er überflutete periodisch diese heutige Küste damals

selbst noch weit ins Land hinein. Schlamm lagerte sich aus ihm ab.

Charakteristische Meertiere jener Kreideepoche schwammen herzu (so

Belemniten oder Donnerkeiltintenfische) und betteten absterbend ihre

harten Körperteile in diesen Schlamm. Nur einzelne große Klippen

trotzten, scheint es, der schäumenden Flut. In diesem Gebiet damals nun

vollzog sich die Gigantomachie, die ich meine.

Dort in der Nähe lebten jene Saurier, deren größte Exemplare heute den

Rekord der Nordamerikaner brechen. Verschiedene Sorten, neben den

größeren auch kleinere. Die größten dem Diplodokus eng verwandt. Eine

kleinere Sorte (Stegosaurier) mit einer wilden Wehr oder Ornamentzier

ragender Knochenstacheln, die Riesen wohl einfach nackt.

Sie lebten in Herden beisammen, wie die Häufung der Knochen von fünfzig

und mehr Exemplaren der gleichen Art an der gleichen Stelle, dabei

ersichtlich von jungen und alten Tieren, noch heute erweist.

Eigentlich waren sie Landtiere. Aber sie müssen das Ufer bevorzugt

haben. Wenn sie auch wohl nicht, wie man früher vom Diplodokus meinte,

unmittelbar Meeralgen abgeweidet haben, so dürften sie doch auf

Meertiere gegründelt und gefischt haben. Eine Art besaß sogar ganz

energische Raubzähne. Vielleicht watschelten sie gewohnheitsmäßig weit

in die Watten hinaus, trieben sich im Seichtmeer herum, aus dem die

langhalsigen Arten ihre Schlangenhälse bequem zum Atmen heraufstrecken

konnten, erkletterten und bewohnten auch wohl die Klippen, die für

gewöhnlich von der höchsten Flut nicht bedeckt wurden. Bei solchen

Gepflogenheiten jetzt muß es gelegentlich zu örtlichen Katastrophen

gekommen sein.

Das Wasser überraschte, verschlang, ersäufte ab und zu einmal in wilder

Gigantenschlacht eine solche ganze Herde der stumpfsinnigen Gesellen,

schnitt sie ab oder schwemmte sie von ihren Klippen und begrub sie im

Schlick. Die ungeschlachten Kadaver verfaulten, die Knochen, meist in

einem gewissen Umkreis herumgeworfen, bildeten große Beinhügel und

Schädelstätten, wobei freilich gerade die verhältnismäßig so winzigen

Schädel selber am ehesten dem Los verfielen, ganz fortverspült zu

werden, so daß sie heute bei den großen Knochenlagern am seltensten

noch zu finden sind. Über die Gigantengräber aber wälzte der Sieger

Ozean im Laufe der Jahrtausende Bergeslasten neuen und immer neuen

Kreideschlammes.

Bis endlich eine neue Wende der Dinge kam ...

Durch hebende Kräfte der Erdrinde stieg dieses ganze heutige

ostafrikanische Küstengebiet wieder endgültig aus den Wassern

empor. Die alten Schlammbänke wurden zum hohen Plateau, auf dem

die Tropensonne brannte und Ströme flossen. Gegen die Oberfläche

des Plateaus aber arbeitete fortan die Verwitterung. Die uralten

versteinerten Schlammassen wurden von ihr neu zernagt und

aufgeschlossen, endlich auch bis in solche Tiefen hinein, wo die

Katakomben der Saurier lagen. Längst gab es kein lebendes Ungeheuer

dieser Sorte mehr auf Erden. Aber gerade jetzt erschienen da, dort

mitten im Gras und Buschwald von heute noch einmal aus ihrem alten Sand

der Kreidezeit herausgewittert die gespenstischen Arme, Rippen, Wirbel

der scheusäligen Opfer von ehemals, zusammengehäuft noch immer auf

engem Bezirk, preisgegeben der hellen Tropensonne jetzt auch sie, die

einst in einer Schauerstunde den allzu wilden Wassern erlegen waren.

Das Material, das unsere geologische Forschungsarbeit enthält, hängt

an dünnen Fäden. Wenn die Saurierkatakombe, die gerade in unsere

Tage hinein auf solchem Wege in Ostafrika, vier Tagemärsche von dem

Hafen Lindi und in Sichtweite des jetzt paläontologisch unsterblichen

Tendaguruberges, herauszuwittern begann, nicht durch einen Zufall

von kundigen Europäern entdeckt worden wäre, so wäre sie, einmal

angeschnitten und damit auf den kritischen Punkt gebracht, wie sie

war, selber still weiter verwittert und in mehr oder minder absehbaren

Zeiten spurlos zu Staub wieder dahingeweht.

Aber der Fleck war inzwischen deutscher Kolonialboden geworden; ganz

südlich nahe unserer Grenze gegen das portugiesische Afrika. Ein schon

glatt herausgewitterter Riesenknochen spielt den Kobold: ein Ingenieur

Sattler muß über ihn stolpern und erkennt ihn dabei. Unser famoser

Stuttgarter Paläontolog Fraas erfährt davon und bringt Belegstücke mit,

daß das, was man bisher nur im Lande Carnegie für denkbar gehalten,

auch in Ostafrika »buchstäblich am Wege liege«, nämlich diplodokushafte

Gigantenknochen in größter Pracht.

Das war vor jetzt sieben Jahren. Fraas war selber nicht imstande, den

Schatz zu heben. »Ihr Berliner müßt es machen,« schrieb er. Es hat aber

noch verzweifelte Mühe gekostet -- auch den Berlinern. Ehe der Spaten

zu seinem Recht kam, mußte der Klingelbeutel umgehen. Staatsmittel

waren auch in Berlin zunächst für die Sache nicht zu haben. Das

erste Verdienst erwarb sich also die treffliche »Gesellschaft

naturforschender Freunde« in Berlin. Sie gab 23000 Mark. Dann kam

die Akademie der Wissenschaften und endlich ein besonderes Komitee.

Als (wesentlich also doch durch Privathilfe) 180000 Mark beisammen

waren, konnte man darangehen, der tropischen Verwitterung eine Beute

wenigstens teilweise zu entreißen, die (mag man in solchen geologischen

Fragen nun jenen eigentlichen nationalen »Rekorden« auch mit einem

stillen Lächeln gegenüberstehen) mindestens doch den speziellen Wert

haben mußte, uns zu zeigen, was unsere Kolonien an glänzenden und

sensationellen Überraschungen bieten konnten. Mit dem Gelde wurden zwei

jüngere Gelehrte, Janensch und Hennig, auf drei Jahre zu Ausgrabungen

nach Afrika geschickt; später gesellte sich ihnen als dritter noch

Hans von Staff zu. Das Menschenmögliche ist von den dreien geleistet

worden. Unter den schwierigsten Umständen haben sie zeitweise bis 500

Neger als Arbeiter beschäftigt. Das bereits an die freie Oberfläche

herangewitterte Knochenmaterial erwies sich zwar als reich, aber

naturgemäß auch schon als (Menetekel der Sachlage!) vielfach verdorben.

Man mußte also für bessere Stücke tiefer gehen, im äußersten bis 10

Meter, mußte wirklich graben, anstatt bloß aufzulesen. Das Verpacken

der zerbrechlichen Knochen im tropischen Milieu war auch keine

Kleinigkeit. 4500 einzelne Lasten sind schließlich zur Küste geschleppt

worden, wobei es allerdings eine kleine Freude war, wie die schwarzen

Leute, vielfach interessiert, mithalfen. Sogar Rekonstruktionen der

Ungetüme haben sie nach ihrer eigenen Phantasie entworfen, die lustig

wirken, aber tatsächlich doch nicht so sehr viel schlechter sind als

das etwa, was um 1660 noch der brave Jesuitenpater Athanasius Kircher

als Fachpaläontolog von damals geliefert hat.

Die drei Jahre sind um, die Leistung liegt jetzt im Berliner Museum.

Ihr Wert besteht ganz besonders auch darin, daß wir im Sinne des

oben umrißhaft Erzählten diesmal ein wesentliches mehr auch über

Lebensart und Untergang jenes alten Drachenvolkes gehört haben -- also

keineswegs bloß in Rekordmetern auf Hals oder Schwanz. Die Forderung,

die bleibt, sind aber weitere Geldmittel. Lange ist nicht alles getan.

Die Fundstätte bietet noch die reichsten ferneren Möglichkeiten, sie

ist tatsächlich selbst so noch erst auf eine Stichprobe sondiert.

Wertvollste Neuheiten sind weiter möglich, mindestens Reichtum für

all unsere anderen deutschen Museen. Wer wird helfen? Ein gewisser

Staatszuschuß ist ja jetzt, nach so beispiellosem Erfolg durch private

Entschlossenheit, der Sache gewiß, aber er wird allein nicht entfernt

langen. Sollen wir uns an Herrn Carnegie wenden -- auf unserem eigenen

Grund und Boden ...?

Der Schatz von Halberstadt

Aus meinen jungen Jahren ist mir ein kleines zoologisches Ereignis

unvergeßlich. Es schwebt mir noch vor Augen wie ein ganz großes Glück,

und der Leser wird einigermaßen erschreckt sein, wenn er hört, worin

dieses Glück bestand.

Passionierte Sammler, wie ich einer mein Leben lang gewesen bin,

haben eben ihre besonderen Glücksquellen, die übrigens unverwüstliche

sind und also jedem zu gönnen wären, auch wenn es sich um den

absonderlichsten Gegenstand dabei handeln mag. Also ich besuchte

durch Zufall eine Ziegelei in der damals noch sehr schlichten

und ländlichen Umgebung meiner Vaterstadt Köln. In den künstlich

ausgestochenen, steilwandigen Vertiefungen des Bodens dort aber

hatte sich eine erstaunliche Masse von Kröten angesammelt, und ich

erkannte darunter zum ersten Male und am gleichen Fleck vereint die

drei charakteristischsten Arten unseres Krötengeschlechts -- neben

der gewöhnlichen Erdkröte die prächtig grüngefleckte Wechselkröte

und als ganz besondere Merkwürdigkeit die Kreuzkröte, die einen

schwefelgelben Strich längelang über den Rücken trägt und statt zu

hüpfen, wie andere Froschlurche, pfeilschnell auf kurzen Beinchen wie

eine Eidechse dahinläuft und auch famos zu klettern versteht. War das

ein Fest, die drei einmal alle beisammen zu haben ~in natura~, wie

sie auf dem Bilde bei Brehm standen! Auf dem platten und nackten

Boden erschienen die einzelnen Tiere riesengroß, und heute noch, wenn

ich an solche Ziegelgrube denke oder an einer vorbeifahre, sehe ich

sie im Geiste bevölkert mit solchem lustigen Quaquarium mächtiger

humpelnder und trabender Krötenprinzen in brauner, grüner oder

schwefelgelb gestreifter Livree. Die Erinnerung übertreibt ja gern die

Größenverhältnisse noch. Aber das habe ich doch nicht ahnen können, daß

mein altes Bildchen mir wirklich noch einmal so ins Gigantisch-Groteske

auferstehen sollte, wie jetzt bei den Wundern der Ziegelgrube von

Baerecke und Limpricht bei Halberstadt geschehen ist ...

An und für sich gibt es wohl auch für den kapitalsten Naturschwärmer

nicht leicht etwas Einförmig-Langweiligeres als so eine Ziegelgrube,

deren Naturbild so öde ist wie der brave Bauziegel selbst, den die

Technik daraus gewinnt; man schaut auf die Entwicklung der Natur zur

Mietkaserne, und diese Art der Vergeistigung scheint doch eine der --

minder gelungenen auf unserem Planeten zu sein.

Am guten alten Fleck aber, wo Vater Gleim seine zweifellos höchst

vortrefflichen Lieder dichtete und Vater Broyhan, wenn die Sage

recht berichtet, eines jener segensreichen Getränke erfand, die

selbst Mietkasernen und mäßige Verse erträglich machen können in

dieser schlechten Welt -- hier zu Halberstadt an der Straße gen

Quedlinburg ist es der ganz gewöhnlichen Tongrube einer solchen

Ziegelei wirklich geglückt, sich im Lauf von ein paar Jahren zu einem

der naturgeschichtlich merkwürdigsten Orte unseres ganzen deutschen

Vaterlandes auszuwachsen -- einem Orte, der gerade der üppigsten

Naturphantasie eine der grandiosesten Perspektiven eröffnet hat.

Otto Jaekel, der treffliche Forscher zu Greifswald, ist der Zauberer

gewesen, dessen Stab aus diesem Loch schmutzigen Tons eine Welt

gezaubert hat, die sich hinter die uns bekannten Landschaftsbilder

unserer deutschen Heimat von heute schiebt wie das Märchen eines

fremden Sterns, in dessen Sonne, Farben und völlig fremdartiges Leben

uns plötzlich zu schauen vergönnt ist.

Über diesen Fleck Erde hier ging vor Zeiten einmal ein ungeheures

verschlammendes und versandendes Flußdelta. Der Fluß war nicht die nahe

Elbe, nicht die Weser von heute; dieses ganze gegenwärtige deutsche

Stromnetz kam für diese Tage überhaupt noch nicht in Betracht. Das

Meer, in das der Strom sich mit träger, zeitweise fast stagnierender

Übergangszone ergoß, muß schon ziemlich in der Nähe hier gewesen

sein, und der uralte Gleim, wenn er das hätte erleben dürfen, wäre

allen Ernstes ein Sänger von der »Waterkant« gewesen. Aber auch

dieses Meer war nicht unsere Nordsee -- es war irgendein namenloses

Stück Urweltozean, wie dieser riesige Strom ein namenloser deutscher

Mississippi oder Ganges von damals gewesen ist.

Haifische aus der entfernteren Verwandtschaft des Cestracionhaies,

der heute nur noch in der Südsee bei Japan und Australien lebt,

besuchten von diesem Meere her das Flußdelta, aber mit ihnen kamen

auch schwimmende Plesiosaurier, von Gestalt dem sagenhaften Drachen

vergleichbar, wie er uns auf den Holzschnitten in Athanasius Kirchers

alten Folianten überliefert ist.

Daran merkt man, wie lange das her ist. Und es war sogar erst die

Morgenrötezeit dieser schlangenhalsigen Meerdrachen. Gleichwohl

hatte sich allgemein in Deutschland und auch nahe diesem Fleck schon

Unendliches vorher zugetragen gehabt.

Eine gewaltige Gebirgskette hatte sich längelang durch das deutsche

Land aufgetürmt, zu der auch der Harz, den man vom Rande der

Halberstädter Grube heute blauen sieht, schon einmal gehört hatte.

In den Flanken und Mulden dieser mitteldeutschen Alpen hatten die

Steinkohlenwälder gegrünt. Dann war dieses Gebirge zunächst fast

ganz wieder heruntergewittert. Wüste hatte weithin mit ihren roten

Schutthalden das Land überzogen, die prächtigsten farbigen Sandsteine

von heute schaffend. Zweimal war in diese Wüste das Meer wieder

eingebrochen, einmal von Nordosten als Zechsteinmeer, einmal von

Süden als Muschelkalkmeer. Wiederum waren diese Wasser zu Salzpfannen

verdampft und in Wanderdünen langsam erstickt. Bis endlich zu Ausgang

der zweiten solchen Wechselepoche von roter Wüste und einschwemmendem

Meer auf längere Zeit eine Art Interregnum von Halbland und Halbwasser

eintrat, mit vielen Flüssen und Seen, breiten Deltabildungen und

Brackwasserneigungen, recht eine Epoche des Schlicks, Wattenmeeres und

Morastes, geeignet für beidlebiges Tiervolk, das in Wasser wie Land

gleichmäßig daheim war.

Trias, die Dreigeteilte, nennt der Geologe diese zweite Zeit, und

den besagten letzten Abschnitt bezeichnet er nach einem fränkischen

Dialektwort als die Zeit des »Keuper«. Was aus dieser Keuperzeit an

altem Schlick und Brackwasserabsatz bis heute erhalten geblieben und

zufällig Oberfläche für uns geworden ist, das hat durchweg noch eine

ganz besondere kulturelle Bedeutung für uns gewahrt, da es in weiten

Strecken deutscher Landschaft die gesegnete Scholle unseres Kornbaues

geliefert hat. Jene beidlebige Art damaliger Tierwelt verriet sich

deutlich genug aber auch in unserem Stromdelta von Halberstadt.

Da hauste als fester Gast darin der Molchfisch Ceratodus, ausgestattet

mit Kiemen und Lunge zugleich, wie er heute noch in bald üppigem bald

fast versiegenden Flüßchen Australiens in eben dieser gleichen Gattung

und Lebensart noch fortgedeiht: zu fetter Zeit atmet er Wasserluft wie

ein echter Fisch, zu karger, im engen und luftverdorbenen Resttümpel,

hilft er sich dagegen mit offenem Luftschnappen wie ein Landtier.

Da trieben sich auf dem annoch frischen Wattenschlick und Flußsand

jetzt wirklich amphibische, meist wohl riesigen Salamandern gleichende

Unholde herum, zur Gruppe der sogenannten Stegocephalen gehörig, von

denen eine kleinere Sorte aber ganz und gar auch schon die Kopfform

einer immerhin auch noch ziemlich mächtigen Kröte gehabt haben muß,

bloß daß sich damit noch eine krokodilartige Verpanzerung und Bezahnung

verband. Mein kühnstes Phantasiebild aus der Kölnischen Krötengrube war

hier also reichlich überboten!

Da fanden sich ferner, wohl aus dem Fluß selber schon herabkommend,

sonderbare Schildkröten und echte Krokodile hinzu. Die Schildkröten

noch höchst altertümlich gebaut, wie es so früher Zeit entspricht, der

Rückenpanzer mit großen Buckeln und Zacken umkränzt, der Bauchpanzer

aber noch erkennbar aus verbreiterten und miteinander verwachsenen

Bauchrippen zusammengekittet. Die Krokodile dem stattlichen Urkrokodil

Belodon nahe verwandt, das im Stuttgarter Naturalienkabinett so

prächtig noch zu sehen ist, weil es auch in Schwaben ein ganz

gewöhnlicher deutscher Gast zur Keuperzeit gewesen sein muß.

Die zahlreichsten und zugleich unheimlichsten Landgäste, die sich

in diese Wattengründe hinaus wagten, aber waren offenbar mächtige

Watschelsaurier aus jener heute gänzlich verschwundenen Ordnung der

Dinosaurier, zu der auch die so oft abgebildeten kolossalen belgischen

Iguanodonten gehört haben.

Bisher nahm man allgemein an, daß diese Iguanodonten und einige andere

Vertreter dieser wahrhaft phänomenalen Scheusale regelmäßig auf steilen

Hinterbeinen nach Känguruhart dahingehüpft wären -- bei doppelter

Elefantenlänge eine dämonische Vorstellung. Neuerdings ist man gegen

diese wohl etwas »allzuleicht beschwingte« Bewegungsmethode skeptischer

geworden, immerhin aber glaubt Jaekel doch von den Halberstädter

Gesellen, daß wenigstens die im Oberkörper aufgerichtete Stellung ihre

normale gewesen sei. Nicht so groß wie die belgischen Riesen, aber

immer auch noch stattlich genug, möchten sie bald auf den Hinterbeinen

und dem Hinterleibe gehockt haben, bald schwerfällig mit vorgebeugtem

Halse und breitspurig auf ganzen Hintersohlen dahingewatschelt sein,

immer doch die Vorderbeine mehr als Arm und Pfote zum gelegentlichen

Nachstützen, Greifen und Scharren verwertend. Äußerst biegsam war

der Hals, klein der Kopf, mächtig der Schwanz. So kamen sie in das

Sumpfdelta hinaus -- noch viel tollere »Kröten« des Bildes als jene

wirklich amphibischen. Vielleicht wagten sie sich heran auf der Jagd

nach kleinem weichem Getier, zu dem ihr Zahnbau besser paßte als zu

reiner Pflanzenkost; manchmal mögen sie aber auch selber gehetztes Wild

des bissigeren Raubzeugs aus dem damaligen Reptilvolke gewesen sein.

Und gar manches Mal wird ein solcher plumper Watschler im allzuweichen

Brei versunken sein, daß sein Gerippe später fest mit der trocknend

sich härtenden Masse verbuk.

Von all diesen Dingen dort aber wüßten wir tatsächlich nicht das

geringste, wenn jene schlichte Ziegelgrube bei Halberstadt nicht wäre.

Unfaßbare Zeiten sind hingerauscht seit den Tagen jenes geheimnisvollen

Flußdeltas mitten im Herzen deutschen Landes -- die ganze Jura- und

Kreidezeit, in denen diese Saurier in immer wachsender Hochblüte noch

emporgingen, um ganz zuletzt um so hoffnungsloser zusammenzubrechen,

die ganze Tertiär- und Diluvialzeit, in denen der Mensch langsam ins

Licht kam. Und dann eines Tages entstand jene Dampfziegelei, die zu

ihrem Bedarf Ton brauchte und eine heute etwa 100 Meter lange und 15

Meter tiefe Grube in den Grund schnitt. Kaum aber war der oberste

aufgelagerte Humus und Diluvialstaub durchschnitten, so sägte eben

diese Grube sich Meter um Meter der Tiefe in nichts anderes wieder ein

als in das uralte Flußdelta von dazumal.

Sie durchquerte die Sande, die zu Zeiten eines etwas lebhafteren

Gefälles der große Keuper-Ganges hier herausgeschwemmt, und erreichte

eben mit dem technisch des Abbaues werten eigentlichen kompakten Ton

darunter den ehemaligen Dauergrund des gemächlich verschlammenden

Deltas selbst, dessen gehäufter Schlick diesen Ton geliefert. Die

Arbeit blühte, 100000 Kubikmeter wurden allmählich zu Ziegeln zermahlen

-- keiner aber, der dabei war, ahnte, in was er grub und was außer

Ziegeln hier für die Zwecke einer höheren Schicht Geistesmenschheit

noch mehr zu ergraben war.

Da steht im Sommer 1909 der Zahnarzt Torger aus Halberstadt bei der

Grube am geschlossenen Schlagbaum der Eisenbahn und wartet den Zug ab,

und neben ihm warten ebenfalls ein paar Arbeiter, und sie erzählen

ihm, wie man so beim Warten plaudert, von Knochen, die in der Grube

gelegentlich gefunden worden wären. Torger erwirbt ein paar Splitter

und sendet sie zum Bestimmen an den Paläontologen Jaekel in Greifswald,

und der erfaßt sogleich das Bedeutende: eine Fundstätte großer

Dinosaurierknochen auf deutscher Heimaterde.

Es ist eben erzählt, was Nordamerika und neuerdings noch erfolgreicher

Deutsch-Ostafrika hier geliefert haben. Jetzt aber lag der Schatz

endlich auch daheim sozusagen vor der Tür und wartete nur des

planmäßigen Hebens.

Von Wundern und Tieren: Neue naturwissenschaftliche Plaudereien · 第 9 / 17 段