krokodilhaften Panzeramphibien besitzen, gehen doch auch die
nackthäutigen Lurche, zu denen ein solcher Molch von heute gehört,
über Millionen von Jahren zurück; schon in der Jurazeit gab es den
echten Frosch, also wohl die Krone auch dieses jüngeren Stammes. Da
konnte sich viel vollenden, auch wenn es langsam ging, viel konnte da
die Natur, wenn wir einmal so menschlich reden wollen, experimentieren
nach allen Richtungen, und wundervoll konnte sich die tatsächliche
Biegsamkeit und Schmiegsamkeit des Lebensprinzips bewähren. War dann
die Anpassung geglückt, so überdauerte sie auch wohl wieder unfaßbare
weitere Generationen in starrem Bann.
Was wir Menschen uns wünschten, ist hier weniger zugleich und mehr.
Nicht die Menschenart im ganzen möchten wir für jede Einzelhilfe
verwandeln. Dafür aber möchten wir im individuellen Falle einen Ausweg
schaffen, der ein krankes Organ durch ein anderes ersetzte, jetzt
gleich, im einzelnen. Und hier liegt einstweilen unser Gegensatz
noch zu den grandiosen Auswegen und Erfolgen der dunkel schaffenden
Naturzüchtung unter uns, der uns Menschen in all unserem bewußten
Erfassen der Dinge heute noch wie einen Tantalus erscheinen läßt, zu
dem sich die goldenen Früchte herabsenken und der sie doch nicht zu
erfassen weiß.
Wenn es aber irgendeinen Erfolgsweg gibt, so heißt er: Lernen von der
Natur.
Der Vliesigel, das seltsamste Tier Neuguineas
Alte indische Weisheit lehrt, daß jeder Mensch sich irgendwo
»dahinten«, im kosmisch-mystischen Storchteich, sein eigenes irdisches
Leben freiwillig gewählt, erfunden und gedichtet habe.
All unsre unterschiedlichen und nicht immer ganz wohltuenden Abenteuer
hier unten seien nur die Autosuggestionen eines Poeten, der eine Weile
seine eigene Phantasie für Wahrheit nimmt -- einzelnen Abenteuern
gegenüber doch eine etwas unheimliche Vorstellung.
Inzwischen wäre es aber hübsch, wenn wir gelegentlich wirklich wählen
dürften, wann und wo wir noch einmal wiederkommen wollen. Jeder würde
da seine sehr speziellen Wünsche haben; ich aber weiß gewiß, daß ich
unter den Zeiten und Orten der Vergangenheit mir keinen lieberen Fleck
zum Wiedermiterleben wählen könnte als -- Gondwanaland.
Zwei Dutzend Millionen Jahre vielleicht möchte ich meine Uhr
zurückdrehen -- nicht vordrehen, nicht in die gespenstische Zukunft
hinein, sondern historisch dorthin, wo der Mensch selber noch als eine
ferne Zukunftsüberraschung im Storchteich der Erdentwicklung schlief --
und wissen, wie es eigentlich wirklich in Gondwanaland ausgesehen hat.
Gondwanaland ist ein verschollener, verklungener, zerfetzter,
versunkener Erdteil der Urwelt, der aber dokumentarisch sehr viel
besser beglaubigt ist als die angeblich noch von Menschen bewohnte
sagenhafte Atlantis.
In einer sonst belanglosen Landschaft des heutigen Indien ist man
wissenschaftlich zuerst auf seine Spur gekommen -- daher der Name, der
im übrigen nicht viel mehr Bezug zu ihm hat als der des ehrenwerten
Herrn Amerigo zu Amerika.
Gondwanaland ragte, als sich bei uns im Norden die roten Wüsten
dehnten, denen wir unseren auffälligst gefärbten Bausandstein verdanken.
Gondwanaland ragte, als sich in weitem Waldmoorgürtel dort aus
sterbenden Farnbeständen die Ursubstanz unserer Steinkohle bildete.
Gondwanaland verband damals auf der Südhalbkugel Afrika mit Indien,
es erfüllte den Indischen Ozean und schob sich westlich in den
Atlantischen; Australien und Südamerika lagen als zugehörige
Dependenzen oder Halbinseln neben ihm; wie weit es sich zur Antarktis
südpolar erstreckte, das eben möchte ich unter anderem wissen, wenn ich
noch einmal dahin geboren würde.
Aber noch mehr würde ich dann wissen.
Gondwanaland verschwand als Kontinent, versank größtenteils in der
Jurazeit; damals entstand als junges Meer über seinem Hauptgrabe erst
der Indische Ozean. Aber lange vorher muß Gondwanaland der Schauplatz
des merkwürdigstem des rätselhaftesten Vorgangs gewesen sein, den die
geologische Vergangenheit, soweit wir ihr ahnend noch folgen können,
überhaupt enthalten hat.
Seine Gelände bedeckten sich »eines Tages« (geologisch gesprochen)
in den Breiten Indiens und Südafrikas mit Schnee, und zwar so tief
herab, wie es heute dort ganz unmöglich wäre. Von ungeheuren weißen
Firnfeldern schoben sich ungeheure blaue Gletscher bis ans Meer,
regelrechte Grundmoränen mit poliertem oder geschrammtem Gestein
dabei bildend. Die Schlammufer dieses Meeres erstarrten in Indien
zeitweise zu hartem Eisboden, als lägen sie in Nordsibirien. Eine
Eiszeit, die über den Äquator zog! Was kann sie erzeugt haben? Fragen!
Wie entstanden überhaupt Eiszeiten auf der Erde? Wie entstanden sie
periodisch im Laufe der Erdgeschichte -- mehrfach? An diesem Rätsel
quälen sich heute tausend sehr kluge und sehr mäßige Menschenköpfe,
aber den Schlüssel hat noch keiner gefunden.
Dann -- nach langer Dauer, während die Oberflächengesteine unter ihrer
Vereisung größtenteils zu Schutt zerfallen waren -- änderte sich
der Feuchtigkeitsgehalt der Luft wieder, die abnormen Schneeflächen
schmolzen fort, und auf den nackten Moränenfeldern der alten Gletscher
siedelte sich eine fremdartige Pflanzenwelt an, die inzwischen irgendwo
entstanden war -- völlig andersartige Farnwälder, als sie sonst und im
Norden der Steinkohlenwelt entsprochen hatten.
Durch diesen neuen Wald aber kroch eine Tierwelt daher, Geschöpfe, wie
sie nie vorher so wunderlich, so äußerlich scheußlich gesehen worden
waren. Teils glichen sie Reptilien, teils Säugetieren, teils war es,
als wolle sich mit ihnen ein ganz neuer dritter Typus neben beiden
bilden. Die einen liefen auf ganz kurzen, aber unerhört massigen
Teckelbeinen, während ihr Knochengerüst eine Tendenz zeigte, zu groben
Klötzen zusammenzuwachsen, wie es in manchem noch das unserer heutigen
Schildkröten tut. Andere führten an Drachenleibern wilde Tigerköpfe
mit einem echten, fast völlig säugetierhaften Raubtiergebiß. Wieder
andere glichen in der Größe und Lebensart Nilpferden, die aber auf
Krokodilklauen watschelten und denen aus dem schnabelartigen Maul zwei
riesige Stoßzähne wie beim Elefanten ragten.
Viel Wunderbares hat die zeitlich erst folgende große Saurierzeit
noch hervorgebracht. Wer möchte nicht einen Ichthyosaurus noch einmal
lebend gesehen haben? Vielleicht hätte er uns enttäuscht: er glich zu
sehr unseren Delphinen. Diese Gondwanatiere aber, die wie aus drei
Tierklassen zusammengestückelt waren, hätten allen Anforderungen
groteskester Phantasie standgehalten.
Als dieser Ichthyosaurus sich bei uns in Schwaben tummelte, war aber
Gondwanaland bereits als Ganzes dahin. Zwischen all den Wundern der
Urwelt steht es noch einmal besonders wie ein Märchen, das kam und
ging, aus dem Blau stieg und im Blau versank. Wie seine Schneefelder
heruntergeschmolzen waren, so tauchte zuletzt auch sein Sockel wieder
unter den Ozean.
Nur ein paar Klippen blieben stehen, der unterste Zipfel von
Südamerika, das Kapland, ein Stück Indien. Sie verschmolzen später mit
von Norden heranrückenden Kontinentmassen, so daß sie fortan als deren
Südecken in die freien Weiten der Südozeane vorzuspringen schienen;
so zeigen sie heute unsere Karten, jedem vertraut; aber wo sie heute
abbrechen, da träumt unter den blauen Wassern in Wahrheit tief
versenkt das Märchen von Gondwanaland.
Und nur Australien, einst auch eine verschneite Insel oder Halbinsel
neben den Gletschern des Hauptlandes, liegt noch jetzt fast unverändert
an seinem Fleck. Deutlich erkennt man auch in seinem alten Gestein noch
die Moränen, die Eisschliffe der großen Gondwanakatastrophe. Nie in
aller Folge sind Australien und seine nächstgelagerten Inseln von einer
späteren nördlichen Kontinentzunge erfaßt und »nördlich« einverleibt
worden. Wenn irgendwo noch ein letztes Abendrot der Wunder von
Gondwanaland hätte fortglühen können, so wäre es also nur hier gewesen.
Und nur hier in Australien bestände bis heute eine loseste Möglichkeit,
daß noch irgendein letzter Rest fortlebte von jenen Wundertieren, die
einst dort den neuen Farnwald und die Schmelzseen belebt hatten, als
der geheimnisvolle äquatoriale Schneewinter schwand ...
Tiere aus Gondwanaland in unseren zoologischen Gärten!
In diese Gärten ist in den letzten Jahren ja so manches gekommen, das
man nicht für denkbar gehalten hätte. Das diluviale Wildpferd, das die
Menschen der Steinzeit in Europa gejagt hatten, ist noch lebend aus
der Wüste Gobi zu uns gelangt. Dann hat Hagenbeck jenes Zwergnilpferd
von Liberia eingeführt, das einst seine Miniaturgenossen auf Malta
und Kreta hatte. So zur rechten Stunde taucht nun auch ein ganz neues
Geschöpf gerade bei uns auf, das aus dem eng zu Australien gehörigen
Paradiesvogellande, aus Neuguinea, stammt.
Neuguinea, immer noch weit weniger erforscht als das eng zugehörige
Festland von Australien, ist einer der letzten größeren Erdenwinkel,
von denen wir noch wirkliche zoologische Überraschungen erwarten
dürfen. Fort und fort werden noch neue und immer herrlichere
Paradiesvögel dort entdeckt, während es gleichzeitig mit immer mehr
Glück gelingt, diese farbenfrohen »Kunstwerke der Natur« auch lebend
zu uns herüber zu bringen; im Berliner Zoologischen Garten lebten
kürzlich nicht weniger als vier der schönsten Arten nebeneinander; und
auch auf Schutz dieser Paradiesier vor dem bösen Raubtier, das ihnen
im mörderischen Damenhut unserer Mode erstanden ist, läßt sich ja
nächstens hoffen.
Da aber war es nun eine der echtesten Freudennachrichten für die
Tierkundigen, als es hieß, in den schwer wegsamen Wäldern dieses
Neuguinea habe auch das merkwürdigste Tier des australischen Kontinents
noch ein zweites großes Asyl: nämlich das sagenumwobene Schnabeltier.
Ein einzelner Schädel wies schon vor Jahren die erste Spur, daß
auch dort große Landschnabeltiere vorkämen, die der bestachelten
australischen Form, die man den »Schnabeligel« nennt, entsprächen, aber
weit imposanter und im Besitz weit größerer Schnäbel, also in jedem
Betracht noch interessantere Tiere wären. Nach und nach hat sich das
dann dahin geklärt, daß tatsächlich nicht das australische Festland,
sondern dieses Neuguinea heute recht eigentlich das Entfaltungsgebiet
dieser Landschnabeltiere ist. Neben einem echten kleinen Verwandten
der Landaustralier bewohnen es mehrere jener großen Sorten, für die
man den besonderen Namen »Vliesigel« erfunden hat. Vliesigel wäre ein
Igel (oder hier ein äußerlich igelähnliches Schnabeltier), der mehr
weiches »Vlies«, also mehr einfaches Wollhaar als wirkliche Stacheln
besitzt. Gerade dieses Merkmal scheint aber nur auf eine der großen
Arten dort zuzutreffen, während eine andere, noch weit größere, sogar
extrem borstig und langstachelig ist. Immerhin lehrt das Schwanken
im Grade der Stacheln, daß diese äußerliche Wehr überhaupt nur etwas
Nebensächliches bei diesen Schnablern darstellt, das ebensogut ganz
fehlen könnte, ohne ihre übrige Absonderlichkeit zu berühren.
Eben jener lang- und dickstachelige Vliesigel (~Proechidna
nigroaculeata~) ist es nun, der in einem Prachtexemplar neuerlich zum
ersten Male lebend in den schönen Zoologischen Garten zu Amsterdam
gelangt ist, während andere Vliesigel auch sonst in Tiergärten, so
den Berliner, gekommen sind. Und das jetzt ist ein ganz einzigartig
kurioser Geselle. In der Gestalt möchte man ihn durchaus einem
kleinen Elefanten vergleichen (natürlich auch ohne bescheidenste
Elefantenmaße): der Schnabel biegt sich zum verhältnismäßig
ungeheuren krummen Rüssel wie ein Pfeifenrohr ein, und während die
kleinen Australier platt am Boden dahinwackeln, hebt sich bei diesem
Stachelelefanten der Leib auf hohe, wirklich mehr elefantenhafte
Säulenbeine herauf. Denkt man sich die Größe dazu, so möchte im
ganzen etwa ein alter karthagischer Kriegselefant herauskommen, dem
sie zu besserer Wehr in der Schlacht eine künstliche Lederdecke mit
Wollpolster und vielen eingesetzten derben Metallzylindern über Rücken
und Kopf gestülpt haben.
Aber dieser »Elefant von Neuguinea« hat in Wahrheit nichts mit
Elefanten und Elefantengenossen zu tun. Lebend, wie er heute noch in
seinem holländischen Neuguinea durch den Nachtwald streift und nun
auch bis zu uns ins Kulturland gekommen ist, trägt er doch einen ganz
eigentümlichen zoologischen Duft, einen geologischen Zauber über sich:
er und seinesgleichen stehen nämlich heute tatsächlich noch im Abendrot
von Gondwanaland.
Es sind keine echten Säugetiere, diese Schnabeltiere. Das weiß man,
seit feststeht, daß sie regelrechte Eier legen, die äußerlich denen
der Schildkröten ähneln, und daß ihre Bluttemperatur in weitem Maße je
nach der äußeren Luftwärme steigt oder fällt, wie es den wechselwarmen
Reptilien im Gegensatz zu den dauerwarmen Säugetieren allgemein eigen
ist.
Freilich führen sie bereits das Haar des Säugetiers (auch die Stacheln
sind nur verklebte Haargebilde), und ihre Jungen werden noch im Ei
durch Säfte des Mutterleibes, später aber durch eine Art Muttermilch
selbst genährt. Das sind Züge bei ihnen, die, wenn nicht auf das
vollendete, so doch auf das werdende Säugetier weisen, und so ist es
eine wohlbegründete Vermutung, daß von Tieren, die ihnen in diesen
Punkten glichen, in Urweltstagen einmal wirklich diese Säugetiere sich
geschichtlich heraufentwickelt haben.
Aber wenn wir sie selber nun unabhängig von dieser immerhin noch in
manchem verschleierten Möglichkeit geologisch und systematisch irgendwo
angliedern und einordnen wollen, so ergibt sich nur eine einzige
bedeutsame Stelle dafür im weiten Bereich aller bekannten Tierheit.
Sie gleichen den alten Gondwanatieren, jenen Sauriern oder doch
saurierähnlichen Wesen, in denen Reptil und Säugetier im Knochenbau
gleichsam miteinander rangen, daneben aber ein drittes neben beiden her
sich durchzukämpfen schien.
Schon den ersten Anatomen, die das Skelett des Schnabeltieres
beschrieben, war aufgefallen, wieviel echt saurierhafte Züge es
(besonders im Schultergürtel) wies. Umgekehrt die ersten Deuter der
Knochen jener Gondwanatiere aus den Gesteinen des heutigen Kaplandes
staunten über die schnabeltierhaften Züge, die hier überall im
speziellen auffielen. Eine Weile schrak man ja doch noch zurück vor zu
enger Vergleichung. Aber je genauer gerade in letzter Zeit durch die
emsige Forschung der Engländer das Gesamtgerippe der uralten Gondwaner
bekannt wurde bis in fast jede Einzelheit, desto sieghafter wurden die
Übereinstimmungen.
Einmal fand sich ein Gondwanaschädel, der unbedingt schon auf ein
Säugetier zu deuten schien. Man bestritt es: es sollte doch ein
Reptil gewesen sein. Doch die Säugetiernatur setzte sich durch, sie
mußte zugegeben werden. Die Backenzähne gerade dieses Schädels aber
stimmten aufs genaueste überein mit dem Milchgebiß des lebenden
Wasserschnabeltieres!
Eine Weile machte der Unterkieferansatz der Schnabeltiere Not; hier
sollte ein himmelweiter Unterschied gegen die Gondwanatiere liegen;
auch da sind kürzlich wenigstens Übergänge nachgewiesen worden. Und
auch von dem völligen Abirren von Reptil wie Säugetier, das viele
jener Gondwaner verraten, boten die lebenden Schnabler Züge. So
besitzen ihre Männchen sämtlich einen absolut eigenartigen Sporn
am Hinterfuß, der durchbohrt ist wie der Giftzahn einer Schlange
und zu einer Drüse führt, die etwas absondert; noch heute steht
nicht ganz sicher fest, ob hier ein Giftapparat oder ein erotischer
Erregungsapparat für das Weibchen vorliegt, gewiß aber ist (auch wenn
das letztere sich als wahrscheinlicher ergeben sollte), daß kein Reptil
noch Säugetier, das wir kennen, sonst so etwas führt.
So überwältigend schwillt im Augenblick das Material, daß ernstlich
schon (durch Jaekel in Greifswald) der Vorschlag laut geworden ist, es
sollten irgendwie im System die Gondwanatiere mit den Schnabeltieren in
einer neuen Klasse der Wirbeltiere vereinigt werden, einer Klasse, die
dann gleichwertig neben Reptilien, Vögeln und Säugetieren stehen müßte.
Vor so auffälligen und immer eindeutigeren körperlichen Indizien aber
kann es nun schwerlich ein Zufall sein, daß auch die geographische
Sachlage bei den heutigen Schnabeltieren so energisch nach der gleichen
Richtung weist.
Nur Australien und sein nächstzugehöriges Inselland (Neuguinea,
Tasmanien) beherbergen lebende Schnabeltiere. Nur dort aber befinden
sie sich heute noch auf der letzten geologisch intakten Scholle von
Gondwanaland selbst. Ihre heutige Isolierung auf dem einen einzigen
Fleck der großen Erdkugel weist schlagend eben auf ihren alten, ihren
ehemaligen Zusammenhang mit dem großen Urweltserdteil, der nur noch
hier erhalten, überall sonst dagegen entweder im Ozean versunken oder
doch durch Anschluß seiner Restklippen an andere Erdteile seither in
der ursprünglichen Eigenart verwischt worden ist.
Gern möchte man ja aus den alten Gesteinsschichten Neuguineas oder
Festlandaustraliens selbst noch etwas über die Geschichte der Schnabler
in diesem ihrem Asyl erfahren. Aber die Versteinerungskunde von
Neuguinea harrt noch ihrer Auferstehung; wer weiß, was sie auch sonst
noch Schönes bergen mag. In Australien dagegen haben Knochenfunde
bisher nur ergeben, daß noch in der Diluvialzeit auch dort, auf dem
Kontinent, sehr viel größere Landschnabeltiere als heute lebten.
Sie sind vermutlich untergegangen durch die gleiche merkwürdige
Katastrophe, die auch die damals hier noch vorhandenen elefantengroßen
Riesenbeuteltiere dahingerafft hat.
Australien erfuhr im Verlauf der Diluvialperiode eine zunehmende
Austrocknung, die weite Gebiete seines Innern aus einem feuchten
Waldlande in traurige Wüsten verwandelte. Dieses Ausdörren wirkte auf
die großen Tiere des Landes in geradezu katastrophaler Weise ein.
In ganzen Herden gingen sie an den versumpfenden und endlich ganz
vertrocknenden Seen durch Nahrungs- und Wassermangel zugrunde, wovon
noch heute die in wahren Massengräbern beisammen liegenden Skelette
der riesigen Diprotodonten (Verwandten des kleinen lebenden Wombat)
gelegentlich beredte Kunde geben.
Eine geringe Steigerung noch dieses späten und unerwarteten
Verhängnisses, die auch die kleineren Tiere des Landes bedroht hätte
-- und wir wären auch in diesem letzten Refugium keinem lebenden
gondwanahaften Tier, keinem Schnabeltier, mehr begegnet. Die Natur
fährt mit rauher Hand durch ihre Schöpfungen. Der Untergang eines
ganzen Kontinents ist vor ihr nur wie eine Nachtwache. Baut sie doch
ebenso rasch wieder auf. Aus den zermahlenen Sandkörnchen des alten
einen neuen Erdteil. Nach Gondwanatieren Menschen -- Menschen, deren
Gehirn das alte versunkene Gondwanaland noch einmal zu _denken_
versucht.
Tendaguru und der Rekord der Saurier
Nordamerika und Deutschland lebten in Frieden. Selbst ihr streitbarstes
Material tauschten sie zur beruhigenden Abschleifung gegenseitig aus:
den Professor. Indessen man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Im
Schoß der Dinge regte sich ein furchtbares Geheimnis. Wurde es endlich
ruchbar: wer wußte, was die Folgen sein konnten. Deutschland hatte
Nordamerika den Rekord der Dinosaurier abgewonnen!
Nordamerika wahrt nicht mehr den Ruhm, das Vaterland des größten und
interessantesten Scheusals zu sein, das die feste Erde je getragen hat.
Auf deutschem Kolonialboden ist ein noch größeres gefunden worden ...
Es ist jetzt einige Jahre her, daß ein paar unserer schönsten
europäischen Museen durch das Geschenk des Herrn Carnegie in den
Besitz eines vollständigen Abgusses des Skeletts jenes Urweltdrachen
Diplodokus kamen, der bisher als der beste Vertreter des
nordamerikanischen Rekords gegolten hatte. Das Ungetüm maß 25 Meter
und erzeugte zunächst räumlich etwas von der Situation des bekannten
armen Studenten, der in einer Bodenkammer wohnte und in der Lotterie
einen lebendigen Elefanten gewann mit der Pflicht, ihn bei Androhung
immenser Futterkosten sofort abzuholen. In Wien stellten sie es ins
Treppenhaus, in Berlin räumten sie Walfische fort, um Platz zu machen.
Als der Koloß endlich verstaut war, wurde er aber rasch populär.
Neben Scheffels altem Lied vom Ichthyosaurus kann man wohl sagen, daß
dieses Geschenk Carnegies die stärkste volkstümliche Anregung für das
Interesse an der Paläontologie gewesen ist, die bisher geglückt ist.
Inzwischen fehlte es aber schon diesem Skelett auf seiner Wanderschaft
nicht an einigen Abenteuern. Vom Berliner Museum aus wurde behauptet,
daß es nicht ganz richtig zusammengesetzt sei. Die Natur liefert uns
ja in diesem Falle nur die losen Knochen. Das Wiederzusammensetzen
des Ganzen ist Gelehrtenarbeit, bei der jeder sein Bestes gibt, aber
Unfehlbarkeit nicht erwartet werden kann. Es ist also eine völlig
unberechtigte Voraussetzung im Publikum, daß der Wert und die Sensation
eines solchen Fundes litten, wenn hier wie überall der Fortschritt
sich dadurch dokumentierte, daß er Einzelheiten berichtigte. Der
Ichthyosaurus sieht heute in unseren Lehrbüchern wesentlich anders
aus, als man ihn in Scheffels Tagen malte; das Dinotherium, das früher
Flossen führte, hat heute Elefantenfüße; fast alle die Vorwelttiere,
die einst der unbedingt bedeutendste Fachkenner der Zeit, der alte
Owen in London, in Sydenham naturgroß wiederhergestellt hatte, waren
zunächst falsch rekonstruiert. Damit verzeichnet man keine Schlappen
der Forschung, sondern eben selbstgewollte Fortschritte; man muß eben
nur eine Ahnung haben, was alles an Wissen, Glück, solider Arbeit und
Genie nötig ist, um so ein paar Knochen richtig zu setzen.
Nun also wird von dem Berliner Zoologen Tornier auf Grund vorzüglicher
anatomischer Detailkenntnis gerade auf dem Kriechtiergebiet (und jene
Drachen waren Reptile) behauptet, auch im Diplodokus stecke einstweilen
noch ein Fehler. Er habe nicht so steil auf den Beinen gestanden
wie ein Säugetier, sondern sei mehr grätschbeinig wie ein Krokodil
gekrochen; so habe auch sein ungeheurer Schwanz flacher gelegen,
andererseits aber sei der Hals normal nach oben in die Höhe gekrümmt
worden. Die Gründe, die dafür vorgebracht werden, haben sehr viel
Überzeugendes, jedenfalls ist es eine fruchtbare Debatte. Wird vorerst
einmal wenigstens das Berliner Modell auf das neue Prinzip hin umgebaut
(der Kaiser, an den seinerzeit zunächst Carnegies Prachtgeschenk ging,
hat bereits persönlich die Erlaubnis erteilt), so wird der gewöhnliche
Beschauer vor seinem »Drachen« wohl einerseits etwas Nachteil gegen
früher haben, aber dafür ebensoviel Vorteil nach anderer Richtung.