Was sollte dieser Mäusekatarakt? Wenn man hörte, daß der lebendige

Strom nicht etwa eine dauernde Besiedelung des Flachlandes bedeute,

daß die Tiere sich durch ihren fortgesetzten Weiterzug gleichsam

selber umbrächten, in Gegenden eindrängen, wo sie gar nicht leben

könnten, sich sinnlosen Krankheiten und Gefahren in den Arm würfen,

in Hekatomben beim Durchqueren von Seen oder gar im Meer ertränken

und zuletzt einfach alle miteinander auf solcher tollen Fahrt ins

Blaue zugrunde gingen, ohne daß auch nur ein Stück die liebe Heimat

wieder erreichte -- so schien das zwar kein Wunder, aber doch einen

Gipfel zweckwidriger Unvernunft in der sonst so zweckschönen Natur zu

bedeuten, der in seiner Art an ein Wunder grenzte. Und an diesem Faden

wurde der Lemming jetzt für weitere anderthalb Jahrhunderte zu einer

Art von fachzoologischem Gespenst, mit dem bald das, bald jenes, aber

nie etwas Rechtes bewiesen werden sollte.

Eine Weile freilich konnte es scheinen, als solle auch dieser Nimbus

jämmerlich fallen. Linnés Zeugnis wurde allmählich auch etwas

altersgrau -- aus neuerer, ganz heller Zeit aber blieb es lange

merkwürdig still von neuen Lemmingzügen. Und als gar der treffliche

Brehm in Lappland und Finnland überall herumgefragt, kein Mensch dort

aber etwas vom reisenden und rasenden Lemming gewußt hatte, da meinte

schon mancher, man dürfe auch diese Wanderlegende nachgerade zu der

anderen schreiben und aus den ernsthaften Naturgeschichten streichen.

Das aber war wieder zu viel. Der Lemming, schon fast totgesagt,

erlaubte sich doch wieder zu schwärmen, und noch in den letzten Jahren,

wie gesagt, ist er wieder von seinen Bergen zu Tal gerast wie zu Linnés

Tagen. So blieb denn nichts übrig, als den Kampf mit diesem Gespenst

auf die richtige Waffe zu stellen: nämlich es zu bannen mit einer

vernünftigen Erklärung des rätselhaften Todeszugs.

Darwin hat einmal gesagt, seine ganze Zweckmäßigkeitslehre mit all

ihren Folgerungen müsse einpacken, wenn ihm einer einen tierischen

Instinkt nachweisen könne, der einfach sinnlos darauf ausgehe, die

betreffende Tierart, die ihn besäße, selber zu schädigen. Es mußte sich

also wesentlich darum handeln, in dem »Unsinn« des Lemmingzuges doch

mehr oder minder auch noch eine »Methode« zu finden.

Der erste klärende Schritt dazu war, daß man den seltsamen Kerl in

seiner normalen Heimat genau studierte. Obwohl eine echte Wühlmaus,

also nächstverwandt unseren Feldmäusen, lebt er im skandinavischen

Gebirge nach Art des Murmeltiers. Die »Tundra« zwischen dem tieferen

Bereich des Fichtenforstes und dem ewigen Schnee ganz oben ist seine

Welt dort, jener karge Pflanzengürtel, wo der Wacholder und die

Zwergbirke, die ~Betula nana~, die nur mehr als eine Art Heidelbeere am

Boden kriecht, einen Liliputanerwald bilden. Üppiger Tisch ist da oben

gewiß nicht, zumal unser Lemming nicht die echte Murmeltiergewohnheit

besitzt, den Winter zu verschlafen. Immerhin findet er sein Auskommen,

und Gefahr entsteht, scheint es, gerade nur durch etwas mehr

gelegentlichen Luxus der armen Natur um ihn her.

Ab und zu kommt nämlich einmal ein besonders mildes Jahr, und

in solchem fetten Stande schwillt die Nachkommenproduktion der

kleinen Tundralemminge ins Ungemessene an. Im folgenden macht sich

das unheimlich in der großen Kopfzahl geltend, und wenn jetzt in

erklärlicher klimatischer Folgerichtigkeit ein besonders dürrer Sommer

eintritt, so entsteht ernstliche und wachsende wirkliche Not. In

solchen Tagen, heißt es, werde das jahrelang still da oben seßhafte

Völklein unruhig. Es strebe nach Erweiterung seines Nährgebiets,

wandere vor allem in den Waldgürtel unterhalb seiner gewöhnlichen

erhabeneren Sitze massenhaft aus.

Soweit ist die Sache plausibel und fügt sich lückenlos aneinander. Nun

aber soll wieder daran die große Wanderung hängen.

In dem tieferen Forst finde der Nager, der aus seiner Welt der

Flechten und Birkenwurzeln kommt, andersartige und ihm unbehagliche

Bedingungen. Und da fasse ihn der Trieb, abwärts noch weiter zu

sondieren -- diesmal aber nicht in entsprechend langsamer Ausbreitung,

sondern sozusagen explosionshaft, in einem ohnemaßen verwegenen Vorstoß

ins Ferne und immer Fernere, der aber bei der geographischen Situation,

die anstatt in neues Gebirge in eine immer tiefere Ebene mit tausend

Feinden und Hemmnissen, ja endlich ans Meer als das wahre »Ende der

Welt« führe, jedesmal im allgemeinen Verderben enden müsse.

In diesem Teil der Beweisführung bleibt eine Lücke.

Es wird nämlich nicht eigentlich erklärt, wie gerade dieser explosive

Wandertrieb entsteht. Es wird nur gezeigt, wie er ausgelöst werden

könnte -- wenn er in den Tieren vorhanden ist. Und auch dazu gibt es

nun noch mancherlei zu denken und zu bedenken.

Man hat beobachtet, daß die Wanderexplosion nicht bloß vom Waldgürtel

des Gebirges zu Tal, sondern auch vom eigentlichen Lemminggebiet nach

oben in die Schnee- und Gletscherwelt erfolgt, wo natürlich die armen

Weltfahrer noch rascher elendiglich absterben müssen als unten. Von

Anfang an muß also die Wucht des Wandertriebes enorm sein, die selbst

in diese unmittelbare Öde jagen kann.

Dann aber hat man an dem Zuge selbst gewisse merkwürdige Einzelheiten

wahrgenommen. Die ziehenden Tiere kommen wohl in großen Scharen daher,

zäh jedesmal im Absteigen den gleichen, nämlich wohl den geographisch

bequemsten Straßen folgend, aber im Trupp geht jeder Einzellemming

streng für sich, mit ordentlichem Zwischenraum zum nächsten, und wenn

zwei Pilger sich doch zufällig nähern, so gibt es stets eine böse

Beißerei. Ein bissiges, zänkisches Gesindel sind sie ja durchweg auch

sonst, und ein Beobachter wollte das ganze Wandern noch mehr aus dieser

wachsenden Unverträglichkeit bei größerer Menge erklären anstatt aus

der eigentlichen Nahrungsnot. Vielleicht aber hängt eben mit dieser

hochgradigen Wanderfeindschaft, die immerhin doch etwas Sonderbares

hat, wieder etwas zusammen, das von verschiedenen Beobachtern

einstimmig erwähnt wird: es sollen nämlich bei den skandinavischen

Lemmingen die großen Explosionszüge fast ganz aus jüngeren Männchen

bestehen. Tiermännchen unter sich sind ja stets beißwütiger. Nun

ist aber wiederum dieses einseitige Geschlechtsverhältnis aus der

Nahrungsfrage nicht erklärt, und es sieht nach einem besonderen

Geheimnis noch hinter allem aus.

Ist die treibende Kraft der eigentlichen Explosion etwa unerfüllte

Liebe? Stellt sich bei der Überproduktion ein Mißverhältnis der

Geschlechter mit zahlreichen zwangsweisen Junggesellen, die nicht zur

Heirat kommen können, ein, und ist es der ungestillte Trieb dieser

»Supernumerare«, der eigentlich in dem Wanderfieber steckt?

Das würde erklären, warum dieses wie ein entfesselter Strom

dahinfließende Wandervolk auch vor keinen »Fleischtöpfen« unten

mehr zum Stillstand kommen kann, sondern rastlos gepeitscht immer

weiter sucht und sucht bis ins eigne Verderben. Das Drauflosgehen bis

zum Sinnlosen würde, wenn man es erotisch, aus einer ungestillten

Leidenschaft, erklären könnte, wohl seine gute Analogie im Benehmen

der meisten anderen Tiere in der »Liebesraserei« finden.

Schließlich bleibt aber auch bei dieser erotischen Hilfe, daß auch

sie doch offenbar einen sonst schon geregelten Instinkt auslösen

muß. Daß die Wanderlemminge sich nicht einzeln regellos da und dort

zerstreuen, daß sie, obwohl knurrend von Pilger zu Pilger, im ganzen

zusammenhaltende Trupps bilden, die zusammen aufgebrochen sein müssen

und eine gemeinsame Richtung wahren, und daß diese geregelte Zugform

immer wieder, solange man die Erscheinung kennt, die gleiche gewesen

ist, obwohl es sich doch bei den Wiederholungen um weit voneinander

getrennte Generationen handelt, das alles spricht deutlich für einen

solchen festen Instinkt, der jedesmal in Kraft tritt, wenn die äußere

Auslösung, das Stichwort gleichsam, gegeben wird.

Aber ein Instinkt zum Verderben der Art?

Hier wird man sich über das Einzelbild gerade dieses Tieres und das

engere geographische Bild des heutigen Skandinavien hinaus einen

freieren Blick schaffen müssen.

Ähnliche gelegentliche explosive Massenwanderungen kommen nämlich

auch bei anderen Tieren vor, zum Beispiel bei verschiedenen Insekten.

Sie sind wohl zu unterscheiden von regelmäßigem, friedlichem Wandern,

das an den Heimatort wieder zurückführt (wie bei unseren Zugvögeln),

wie von wirklichem Auswandern oder Vorrücken einer ganzen Art. Stets

handelt es sich dabei um eine Abstoßung von Überproduktion in die Weite

hinaus, während die eigentliche alte Normalziffer der Bevölkerung ruhig

an ihrem Sitz verharrt.

Unwillkürlich wird man dabei an menschliche Dinge erinnert. An die

alte Geschichte vom »~Ver sacrum~«, dem Weihefrühling. Bei antiken

Völkern wurde gelobt, eine ganze Kindergeneration in den Reifejahren

auszustoßen, in die ungewisse Ferne zu schicken. Die Samniter in

der römischen Geschichte sollten so entstanden sein. Die Sache wird

religiös erzählt, aber sie könnte auch sehr praktische Gründe bei

Übervölkerung gehabt haben.

Bei jenen Tierabstößen aber könnte in diesem Sinne nun ein doppelter

Nutzzweck für die Art herauskommen.

Einmal, wenn die Abgestoßenen wirklich alle zugrunde gingen. Die

Zurückbleibenden blieben dann ohne erhöhten und vielleicht zerstörenden

Daseinskampf im alten Statusquo. Es wäre ein grausiges Mittel -- ein

besonderer Wanderinstinkt, bei so und so viel Einzeltieren der Art

zeitweise ausgelöst, damit sie sich zugunsten der Art opferten, indem

sie ins Blaue rasten, dem sicheren Tode zu.

Aber ich glaube, es gibt einen zweiten und milderen Fall, der wohl

auch bei jenem menschlichen ~Ver sacrum~ eigentlich als das Normale

vorgesehen war. Der abgestoßene Schwarm findet auf seinem Wege eine

neue Heimat. Eine andere günstige Stelle, wo die Art sich neu ansiedeln

kann oder wenigstens Artgenossen leben, denen eine Blutauffrischung

günstig zustatten kommt. Hier hätte die Art rein positiven Vorteil

durch stärkere Ausbreitung und erhöhte Kraft. Und diesem Sinn würde

auch das rasend Schnelle des Zuges besonders gut dienen, während es für

den reinen Todeszweck belangloser wäre: es gälte in kürzester Frist

möglichst große Strecken zu überqueren, ob der Zufall ein gutes Neuland

zeige, -- je weiter hinaus, desto größer die Chance.

Nun freilich: bei den skandinavischen Lemmingen von heute kommt es

immer nur zu einem Todeszug: sie vergehen alle in der Ebene oder im

Meer. Hier scheint also unabänderlich heute wenigstens nur der erste

Fall zu gelten.

Indessen wir erinnern uns an Geologisches. Solche Tierarten mit ihren

Instinkten leben ungeheure Zeiträume hindurch. In solchen Zeiten aber

ändern sich Festländer und Meere. Skandinavien ist nicht immer so zu

größten Teilen inselhaft gegen das Meer geöffnet gewesen und wird

es schwerlich in Ewigkeit sein. Wenn eine Landbrücke über Nord- und

Ostsee es heute mit Deutschland verknüpfte, könnten auch die rasenden

Lemmingzüge zuletzt wieder auf wirklich geeignetes Gebirgsland stoßen;

solche Zustände haben aber in geologischen Tagen geherrscht. In der

Diluvialzeit ist durch die großen eiszeitlichen Klimastürze zeitweise

sogar die Tundra selber bis tief nach Mitteleuropa hinein gekommen, und

entsprechend findet man Lemmingknochen aus diesen Tagen dort überallhin

wirklich verbreitet.

Also andere Zeit, ein anderes Lied. Am »Sinn« aber werden wir auch hier

noch lange nicht zu verzweifeln brauchen!

Die Entdeckung von Landwirbeltieren ohne Lunge

In der guten alten Zeit hatte man noch viel lustige Hoffnungen

hinsichtlich naturgeschichtlicher Entdeckungen. Man erwartete und

fabulierte Menschen mit Kranichköpfen oder einem einzigen Riesenfuß,

der so groß war, daß er bei Sonnenhitze dem ganzen Körper Schatten

geben konnte.

Aber ein Wesen, Tier oder Mensch, das nicht als Fisch im Wasser,

sondern richtig auf dem Lande in offener Atemluft lebte und doch weder

eine Fischkieme noch auch eine Lunge, sondern in diesem Sinne überhaupt

gar nichts zum Atmen hatte und dennoch lebte -- das haben auch die

problematischen Geographen und Naturhistoriker, die von der Indienfahrt

des Apollonius von Tyana oder den wunderbaren Reisen weiland Herzogs

Ernst schrieben, nicht zu erfinden gewagt ...

Wer ist nicht einmal an der Riviera gewandert und hat in diesem

unsagbar köstlichen Paradies den melancholischen Gedanken gedacht:

was für ein Schlachtfeld unter all diesen Herrlichkeiten des blauen

Himmels und der sonnenüberglänzten Palmenerde sich dehne von unfaßbar

tragischem Menschenkampf mit dem Unvermeidlichen.

Um den Atemzug des Menschen ging dieser Kampf, um die Lunge, die ihn

gewährte. Wie ist hier vom einzelnen gerungen worden mit äußerster

heiliger Seelenkraft! Wie klangen und klingen hier die langsamen,

tastenden Fortschritte der modernen Medizin als Paradieseshoffnungen

bald, bald wieder als Resignationen an.

Aber in aller Not denkt man dort doch auch an die wunderbaren

Widerstände, die geheimnisvollen Selbstregulierungen der Natur. Wie

lange der Mensch vielfach den Kampf aushält selbst mit einem stark

herabgesetzten Organ! Ist es doch, als sei unser Körper schon in

gesundem Stande gleich auf das Doppelte angelegt mit seinen zwei

Lungenflügeln, zwei Gehirnhalbkugeln, zwei Nieren: damit bei Zerstörung

der einen Hälfte doch noch der Rest das Ganze einstweilen trage.

Doch wenn zuletzt die gesamte Innenfläche schwindet, auf der Luft

und Leben sich nach uraltem Pakt, der allein das Leben in der Luft

garantierte, begegnen, dann sinken doch die großen Schleier. Ganz ohne

Lunge hat auch die Natur in uns, die um Erhaltung ihres Gebildes ringt

bis zum letzten Atemzuge, keine Selbsthilfe, keine Regulierung mehr.

Wohl weiß der Arzt, der zugleich den geschichtlichen Entwicklungsgang

dieses Organs überschaut, uns noch etwas Merkwürdiges dazu zu erzählen,

das bei vielen heute noch überraschend wirkt.

Diese Lunge ist auch als Ganzes nur wieder ein Teilstück eines anderen,

viel größeren und gegen Zerstörungen durchweg viel widerstandsfähigeren

Organs in uns. Sie ist ursprünglich nämlich nichts als ein Stück

Darm, eine Ausstülpung am vorderen Teil des Verdauungskanals. Eine

Seitentasche dieses Darms ist sie, die durch besonderen Anschluß von

Blutbahnen in der Arbeitsteilung der Ernährung sich speziell darauf

eingestellt hat, nicht flüssige und feste Nahrung zu verarbeiten,

sondern die in der Luft enthaltene.

Wenn es wahr ist, daß sich im darwinistischen Sinne die Landwirbeltiere

aus fischartigen Wassertieren einmal entwickelt haben, so ist

der engere Hergang wahrscheinlich so gewesen, daß ein gewisses

Darmanhängsel, das bei den Fischen ganz anderen Zwecken (dem Auf-

und Absteigen im Wasser) diente, die sogenannte »Schwimmblase«, sich

nachträglich zum »Luftdarm« als Atmungsorgan auf dem Lande an Stelle

der Wasserkiemen des Fisches ausgewachsen hat. Die Darmnatur aber hat

die Lunge auch so und gerade so erst recht niemals ablegen können.

Wollte man nun einmal ganz kühn sein, so könnte man folgern: die

Natur hätte auch bei vollkommener Zerstörung der Lunge noch _einen_

Rettungsausweg. Wenn nämlich rechtzeitig der ganze übrige Darm für sein

zerstörtes Teilstück einzutreten begänne, gewisse Blutgefäße dick und

leicht durchlässig vordrängte und so Ersatz schüfe.

Ja, theoretisch könnte man sich die Maschine so reguliert denken. Aber

in der Praxis fehlt es bei uns eben doch offenbar -- leider -- an der

Möglichkeit und Schnelligkeit der Umschaltung, und so fällt auch dieser

Traum unter die Resignationen der Wirklichkeit -- es sei denn, daß die

Medizin noch einmal ganz andere Mittel und Wege fände, unseren Körper

überhaupt umzuzüchten und ihm alles tatsächlich zu entlocken, was in

den Anlagen der Natur auch in ihm schlummert.

Gewiß aber bleibt, daß zu solchen oder ähnlichen waghalsigen Ideen

nicht leicht etwas stärker Anklingendes entdeckt werden konnte, als vor

nicht langer Zeit eben auf der so schönen und so tragischen Erde der

italienischen Riviera selbst geschehen ist.

Man hat ein Tier dort entdeckt, das ein Wirbeltier ist gleich uns. Und

zwar ein Landwirbeltier, also kein Fisch. Dieses Tier aber besitzt

keine Spur von einer Lunge und atmet doch Luft, genau wie wir. Es atmet

sie nämlich wirklich ein und aus mit einer weit umfassenderen Fläche

seines Leibes, in diesem Falle allerdings auch nicht mit dem ganzen

Darm, sondern, unverkennbar noch praktischer, gleich mit der Außenhaut

des Körpers.

Dieses, man kann wohl mit Grund sagen, nunmehr wirklich wunderbarste

Wirbeltier ganz Italiens ist ein äußerlich schon lange bekannter,

noch nicht handlanger Salamander, auf braunem Grunde gelbrot fleckig

mit etwas allgemeinem Goldglanz, also nicht unähnlich einem kleinen

Exemplar unserer heimischen Feuersalamander, die jeder Schuljunge

kennt, der in den Sammeljahren steckt.

Man hat ihn als den »braunen Höhlensalamander« (~Spelerpes fuscus~)

bezeichnet, denn wie unser gelbschwarzer Landsmann liebt er Dunkelheit

und feuchte Verstecke, was bei ihm aber bis dahin gediehen ist, daß

er gewohnheitsmäßig in kühlen und finsteren Höhlen der nord- und

mittelitalischen Gebirge als ein möglichst scheuer Sonderling haust,

der dort auf die uns widerwärtigste Jagd, zum Beispiel auf die der

kleinen Skorpione des Landes, geht.

Eine ungeheuerlich weit vorschnellbare Zunge, wie sie beim Chamäleon

wiederkehrt, erleichtert ihm das Jagdvergnügen zwischen diesem

bedenklichen Wildstand seines fast unzugänglichen Reviers. Wie so

mancher weltabgeschiedene Eigenbrötler im Amphibienvolk, scheint er

eigentliches Wasser nicht einmal für seine Jungen mehr nötig zu haben,

sondern auch sie werden gleich landfertig und nach Abschluß ihres

Kaulquappenstandes geboren.

Um so sicherer aber hätte man aller zoologischen Folgerichtigkeit nach

nun damit rechnen sollen, daß der kleine Geselle von solcher Geburt an

zeit seines ganzen fertigen Molchlebens ein paar tüchtig entwickelte

Lungenflügel im Leibe führe.

Denn das wissen wir ja von seinen allbekannten Genossen bei uns,

Feuersalamander wie Teichmolch: diese amphibischen Langschwänzer sind

zwar darin »Amphibien«, also »beidlebige Tiere«, daß sie als freie

Kaulquappe im Wasser mit fischhaften Kiemen Wasserluft atmen können,

_wenn_ sie aber dann als reifes Geschöpf aufs Land gehen, haben sie so

gut Lungen zu freier Luftatmung wie nur irgendein Vogel oder Säugetier

oder wie wir Menschen selber.

Und eine solche Lunge ist auch bei einem Lurch solchen Schlages keine

bloße »Tätigkeit«: sie ist ein sichtbares Gebild im Leibe, das man

greifen kann; eine Froschlunge zum Beispiel sieht, abgesehen von ihrer

etwas kurzen Verankerung, äußerlich gar nicht so sehr viel anders aus

als eine menschliche. Um so überraschender aber mußte jetzt die Kunde

klingen, daß findige Anatomen beim genauen Zergliedern des italischen

Spelerpesmolchs auch nicht das allerkleinste Substanzzipfelchen

gefunden hätten, das auf eine solche Lunge gedeutet werden könnte. Ein

alter Haruspex, der bei einem seiner Opfertiere das unerwartete Fehlen

eines so scheinbar unumgänglich nötigen Organs festgestellt hätte,

würde mindestens den Untergang der Welt daraus prophezeit haben! Der

Fall hatte diesmal aber noch eine viel weitere Perspektive als die

einer vereinzelten Abnormität.

Das zweideutige Höhlenkind Italiens ist, rein geographisch betrachtet,

ein höchst seltsamer Fremdling in unserem Erdteil. Alle seine Genossen

von der engeren Spelerpesgattung wie einem anschließenden größeren

Kreise wohnen (Werner hat jüngst die Tatsachen darüber anschaulich

zusammengestellt) sonst jenseits des Großen Wassers in Nord- und

Südamerika. Irgendein Urweltweg (einst hat es ja Tage gegeben, wo

Europa enger mit Nordamerika zusammenhing als selbst mit Asien) muß es

vereinzelt so weit hinausgelockt haben.

Dabei ist es aber durchaus nur dem treu geblieben, was auch drüben

Trumpf war. Diesem ganzen Geschlecht von mehr als einem Halbhundert

verschiedener Arten fehlt ganz gleichermaßen jede Spur von einer

Lunge im Leibe! Dabei ist es im übrigen ein äußerst vielgestaltiges

Völklein. Da gibt es Molche, die hoch auf Bäume klettern; Molche, die

weite Sprünge vollführen können; Molche, die einen Greifschwanz haben,

an dem sie sich eine Weile schwebend erhalten können; Molche, die im

Gegensatz zu der sonstigen Wehrlosigkeit des heutigen Lurchgeschlechts

lange Zähne führen und damit an gewisse riesige krokodilhaft bissige

Riesenlurche der Vorwelt (Labyrinthodonten) gemahnen. Manche aus jenem

Stamm leben gleich unserem Italiener streng auf dem Lande, andere gehen

auch ins Wasser. Allen aber gemeinsam ist das große Mirakel ihrer

Familie: der bedingungslose Verzicht auf die Lunge ebenso wie auf jedes

besondere andere Atmungsorgan.

Und die entscheidende Frage muß sein, wie dieser Mangel ausreichend

ersetzt werden konnte von einem Wirbeltier, das unter allen Umständen

doch an das große Gesetz der Atmung gebunden war wie alle übrigen.

Schaut man nun einem solchen lungenlosen Salamander eine Weile zu,

so gewahrt man mit Befremden ein unablässiges schnelles Schwingen

der Kehlhaut, das ganz und gar doch wieder nach sogar sehr heftiger

Lungenarbeit ausschaut. Aber der Anatom löst dieses Rätsel und damit

zugleich das andere.

Unser geheimnisvoller Lurch atmet in Wahrheit nicht vom Mund in den

Lungenschlund, sondern er _atmet mit der Mundhöhle selber_. Hier schon

treten die Blutgefäße zum nötigen Gasaustausch unmittelbar heran. Und

entsprechend geht das Atmungsfeld, wenn man sich so ausdrücken soll,

auch von innen nach außen und nicht umgekehrt weiter, indem es sich

von der Mundhöhle nun ausbreitet über die gesamte äußere Körperfläche

bis in ihre entlegensten Ausläufer. Merkwürdigerweise sind es ganz

besonders _die Zehen_, die oft durch ein sehr starkes oberflächliches

Blutnetz am erfolgreichsten diesem Zweck dienen, ein Sachverhalt, der

weit fort von allem Wirbeltierbrauch geradezu an die Krebse erinnert,

wo die kiemenhaften Atmungsapparate ebenfalls an den Beinen sitzen als

der Stelle, die am besten mit frisch anströmendem Wasser in Berührung

kommt.

Obwohl die Lebensweise der heutigen »lungenlosen Molche« keine

einheitliche mehr ist, wird man doch kaum fehlgehen, wenn man

diese ihre kurioseste und schlechtweg einzigartige »Anpassung« auf

ursprüngliche Verhältnisse zurückführt, wie sie wohl gerade der

italienische Höhlensalamander noch mit am deutlichsten spiegelt.

Dieses Molchvolk wird lange Zeit weder rein auf dem Trockenen noch

rein im wirklichen Wasser gelebt haben. Es war vielmehr vermutlich ein

gewohnheitsmäßiger Bewohner der »Dusche«. An feuchten Grottenwänden

kletternd, erhielt es einen immerwährenden feinen Sprühregen und

Kellerschwaden auf Maul und Haut, der die Atmung dieser äußeren Haut

(etwas atmet ja jede tierische Nackthaut und ganz besonders stark auch

sonst schon die amphibische, zum Beispiel beim Frosch) in eben dem

Maß durch feine Reizung verstärkte, wie er beim Eindringen in eine

wirkliche innere Lunge vielleicht umgekehrt zu grob wirkte.

Jedenfalls wird man kaum darum kommen, daß die Lunge erst wieder

nachträglich abgeschafft und durch die Mund- oder Fingerhaut ersetzt

worden ist; denn zu der gesamten Organisationshöhe des echten Molchs,

die doch sonst auch hier schon überall erreicht ist, gehörte normal

zweifellos auch der ursprüngliche Besitz bereits einer Lunge in reifem

Zustande.

Also es ginge im Spielbereich der Natur: wir könnten auch mit dem

Gaumen oder mit den Fingerspitzen atmen -- die Maschine ließe sich

theoretisch auch hier anschalten. Nur daß diese Natur immer ihre Zeit

gebraucht hat, solchen Anpassungswechsel durchzusetzen. Nicht am

einzelnen Individuum hat sie es vollbracht, sondern an Generationen.

Von Wundern und Tieren: Neue naturwissenschaftliche Plaudereien · 第 7 / 17 段