Während der Riese bekanntlich den größten Teil seiner Zeit wie eine
Seekuh im tiefen Binnensee- und Stromwasser verbringt und dabei ein
geselliges Beisammenleben liebt, bei dem die tauchende Herde bald da,
bald dort einen ihrer ungeschlachten Köpfe prustend und luftschöpfend
sehen läßt, sollte der Zwerg einsiedlerisch im dichten Walde hausen.
Ein paar beste Museen konnten sich dank jenem Sammler ein schlecht
und recht ohne Lebenskenntnis montiertes Fell leisten, sonst aber
schliefen alle Nachrichten bald wieder auf lange Jahrzehnte ein, und
das Tier rechnete in den Büchern nach wie vor unter die Halbbekannten,
die Erwünschten, aber wie im Zauberwald für uns Verschlossenen --
immer eine unbehagliche Sache für einen letzten Mohikaner auf so
winzig umschränkter Scholle, dem eine einzige Epidemie oder sportliche
Flintenschießerei wissenschaftlich indifferenter »Afrikaner« den Garaus
machen konnte.
Und auch nach dem Tage, da Choeropsis den Ruhm erlebte, auf einer
Freimarke seines Landes sozusagen national wie international
aufzutreten, sollten noch sechs weitere Jahre vergehen, bis endlich
auch in dieses zoologische Geheimnis volles Licht fiel.
Wirklich noch rechtzeitig, denn Choeropsis lebte, und der erste, der
endgültig jetzt den Schleier von ihm lüftete, stand im Dienste der
zoologischen Sachforschung und nicht der tiermordenden Sonntagsjägerei;
Sonntagsjäger heißt in den wertvollsten Tierasylen der Erde heute
nämlich leider nicht, wer nicht schießen kann, sondern wer so gut
schießt, daß er in einem »Sonntag« mehr zwecklos verderben kann, als
der Tierforschung in Jahren wieder gutzumachen ist. Der alte Hagenbeck
sollte es einmal wieder sein, auf den das spannende Abenteuer gewartet
hatte. Man kennt die glückliche Mischung von Geschäftsgeist und
Chancen für die Wissenschaft, die dort bestand. Solches Unikum, lebend
zum erstenmal nach Europa gebracht, gibt dem Tierpark in Stellingen
jedesmal eine große Sensation und erzielt im Verkauf an einen anderen
Garten Liebhaberpreise, die selber nichts vom Zwerg haben; zugleich
aber besteht das Faktum, daß mit solchem geschickten Fang und Import
des lebenden Tieres durchweg auch die zunächst wichtigste Tat im Sinne
der wirklichen Wissenschaft getan zu sein pflegt; für den Rest sorgen
dann schon die Professoren selber.
Bei Hagenbeck ging so etwas aber stets im großen Stil. Er schickte also
auch diesmal einen tüchtigen Mann, Hans Schomburgk, eigens nach Liberia
mit der strikten Order, so viel lebende Zwergnilpferde wie möglich zu
fangen und nach Stellingen zu bringen; wie einst der selige Bennett zu
Stanley sagte: »Finden Sie irgendwo in Innerafrika Herrn Livingstone.«
Und Schomburgk drang mit außerordentlicher Zähigkeit in die schwierigen
Flußwälder Liberias ein, ließ Hunderte von Fallgruben herstellen und
erreichte planmäßig wirklich sein Ziel. Vor einiger Zeit sind in
Stellingen fünf lebende Zwergnilpferde, dabei ein alter Bulle und ein
junges Pärchen, programmäßig eingelaufen. Ein Exemplar lebt jetzt im
Berliner Zoologischen Garten, dieser herrlichen Lehrstätte moderner
Tierkunde, die unter Ludwig Hecks Leitung eine immer umfassendere
wissenschaftliche Bedeutung erlangt hat. Seitdem kennt man die wahre
Gestalt, den Charakter und die heimische Lebensart des so überaus
merkwürdigen Geschöpfes; dieses Kapitel der Naturgeschichte ist
gerettet.
Unser großer Hippopotamus ist, niemand bestreitet es, im eigentlichen
Sinne ein Scheusal. Er hat jenes Zerflossene, sozusagen in den
Proportionen Aufgelöste, das alle Säugetiere zuletzt im Wasser
annehmen. Der ungeheuerliche Kopf geht auf den Pottfisch, der Leib wird
zur schleifenden Walze, die Beine degenerieren.
Dem kleinen Bruder sieht man dagegen sofort an, daß er niemals so
extrem Wassertier geworden ist. Er bleibt dem Tapir (übrigens keinem
Verwandten, sondern einem Pferdevetter), der auch, aber mit Maß, badet,
darin ähnlicher. Ganz ohne Bad kann ja auch der Zwerg nicht leben, so
bewiesen die Gefangenen. Aber in ihren dichten Urwäldern genügen ihnen
dazu schon die kleinen Bäche. Ausgesprochen lichtscheue Nachttiere,
bergen sie sich auch tagsüber nicht etwa im Wasser, sondern verstecken
sich in selbstgegrabenen Erdlöchern. Und wenn er dann im Dunkeln in
seinem Dickicht auftaucht, der Zwerg, kommt er in der Tat, wie schon
Büttikofer berichtete, durchweg allein. Ein Einsiedler ist er, der
aber auf seiner einsamen Streife weithin durch den Forst wechselt,
friedlich und harmlos von Wesen, wie die überaus geduldigen, leicht zu
meisternden Gefangenen dartaten. Kautschukhaft glatt ist auch seine
Livree, wenn er so dahertrabt, doch tragen die Beinchen viel höher,
der Bauch hängt nicht so schleppend wie beim Riesenbruder, und am
besser proportionierten Kopf fehlen völlig die ungeheuren Augenringel
und Nasenwülste, so daß das flunderhafte Hippopotamusprofil zu einer
einfachen Dicknase mit wieder richtig seitlich abgerückten Augen
gemildert erscheint. Der Fuß, der beim Riesennilpferd rein vierzehig
aufpatscht, zeigt schon eine entschiedene Neigung, beim raschen Gang
bloß eine Schweinespur zu hinterlassen, also hauptsächlich die beiden
Mittelzehen zu benutzen, eine Sache, die für die Stellung im Stammbaum
der Paarhufer außerordentlich interessant ist. Und gänzlich fehlt das
»Bluten« des echten Hippopotamus, eine höchst kuriose Hautabsonderung,
die durch einen weinroten Farbstoff die Sage erzeugt hat, das Ungetüm
schwitze buchstäblich Blut; wahrscheinlich hängt eben auch diese
Absonderlichkeit mit dem langen Wasserleben zusammen und ist also bei
dem Zwerge nicht vonnöten.
Wie aber kam es, so legt man sich vor dem eigenartigen Gesellen zuletzt
wieder die Frage vor, daß gerade in diesem Liberiawinkelchen ein
solcher Zwerg des alten Geschlechts saß und sogar bis heute fortleben
konnte, während sonst das ganze große Afrika durchweg nur den Riesen
erhielt?
Der Zoologe Trouessart hat auch hier auf jene Inseltheorie
zurückgegriffen. Liberia mit seinen kurzen Flüßchen und seinem starken
Gebirgsriegel gegen das tiefere Afrika bilde auch ohne Wassereinschnitt
eine Art Insel zum übrigen Afrika, in der auch diese Nilpferdchen seit
alters abgeschnitten, isoliert und verzwergt sein könnten.
Vielleicht ist das doch etwas kühn erdacht, bloß um die Theorie zu
rechtfertigen, zumal da nach Schomburgk die Beschränkung nur auf den
liberianischen Küstenstrich nicht feststeht.
Man könnte aber auch an Einwanderung von einer etwa heute
untergegangenen Insel des Meerbusens von Guinea denken. In sehr alten
geologischen Tagen zog sich aller Wahrscheinlichkeit nach aus dieser
Gegend eine Landverbindung bis nach Südamerika hinüber, von der
immerhin zur frühesten Nilpferdzeit noch einzelne größere Inselpfeiler
fortbestanden haben könnten. Damals lag aber umgekehrt auch noch der
ganze Nordwestteil der Sahara zeitweise unter Wasser, und auch aus
diesem Saharameer konnten Inseln ragen, die Zwergnilpferde begünstigten.
So führt uns das harmlose kleine Geschöpf zuletzt noch in die weite
Flut geographischer Fragen, und vielleicht wird man um seinetwillen
noch einmal die Karte der Vorzeit verändern müssen. Der Sammler
aber mag seine Briefmarke in Ehren halten: über dieses Markentier
von Liberia und seine anknüpfenden Rätsel wird noch manche Schrift
geschrieben werden.
Der Waldrapp, ein verschollenes deutsches Tier
In einem der schönen Flugkäfige für Enten und andere Wasservögel im
Berliner Zoologischen Garten hausten jüngst ein paar seltsame Vögel.
Ihr Gesamtanblick verriet eine Sorte des Ibis, des allbekannten
heiligen Vogels der alten Ägypter, dessen langer Krummschnabel in
jedem Kinderbuch bis heute die Aufmerksamkeit fesselt. Aber ganz
schwarz, nur mit schön buntem Metallschimmer, war diesmal der »Ibis«,
rot prangten nur Schnabel und Beine sowie der größte Teil des Kopfs,
der eigentümlicherweise fast ganz in einer runzligen Greisenhaut
ohne Federn steckte, dafür aber tief noch im Genick mit einem langen
vielfederigen Schopf gar auffällig stolzierte.
Alles in allem schon für die einfache Schau ein recht kurioser Geselle,
von dem man gern Näheres hörte.
Wenn aber Vögel romantischen Empfindungen nach Menschenart zugänglich
wären und von der Geschichte ihres Volkes mehr besäßen als ein paar
altüberkommene dunkle Instinkte, so würde durch den kahlen Kopf dieses
scheuen Gastes dahinten im Gebüsch seiner Voliere ein eigenartiger
Traum gezogen sein.
Der Schopfibis (~Geronticus~ lautet der lateinische Name) kommt heute
aus fernem fremdem Erdteil zu uns, vom asiatischen Euphrat oder aus
dem afrikanischen Abessinien oder Marokko. In Europa ist seine Stätte
nur noch im Zoologischen Garten unter ausländischem Getier. Und doch
war dieser Fremdling einst ein echter und rechter Bürger nicht nur
europäischer, sondern deutscher Erde!
Gute deutsche Namen hat er einmal in allen südlicheren Teilen des
großen deutschen Sprachgebiets geführt, von denen »Waldrapp«, eine
speziell schweizerische Bezeichnung, die hochdeutsch »Waldrabe« gibt,
sich in der Schriftsprache ihrer Zeit am stärksten durchgesetzt hatte.
Und die Leute, die ihn so nannten, sind nicht etwa alte Alemannen
und Helvetier oder gar Pfahlbauer oder Mammutjäger der Diluvialzeit
gewesen, sondern Renaissance- und Reformationsmenschen.
Ein allbekanntes Tier war der Waldrapp damals im Volke. Chroniken und
Naturgeschichten sowohl wie Gerichte und ihre Urkunden kannten und
nannten ihn, der Koch und der Feinschmecker wußten von ihm zu sagen,
stellenweise bildete er geradezu ein Charaktertier der Landschaft.
Die eigentliche wissenschaftliche Tierkunde hatte damals ja noch nicht
entfernt so viele Vertreter wie heute; aber um so zahlreicher gab es
Praktiker, die als Jäger oder sonst bei ihrem gefiederten Mitvolk im
Lande Bescheid wußten -- nicht vom Hörensagen wußten, sondern weil sie
die Tiere selbst alle Tage sahen; und die alle müssen -- vielerlei
Anzeichen als Stichproben beweisen es noch klärlich genug -- auch den
deutschen Waldrapp gekannt haben.
Dieser _deutsche_ Waldrapp aber ist verschollen seither!
In Zeit weniger Jahrhunderte.
Einer der wunderbarsten, fast möchte man sagen beängstigendsten Fälle
aus der Besitzgeschichte unseres Vaterlandes liegt hier vor: ein
lebendiges Tier geht in Seiten hellster Kultur, unter den Augen --
nein, nicht unter den Augen, denn gesehen hatte es zunächst niemand --
unserer Naturforscher einfach im Lande unter wie in Urtagen das Mammut
-- bis auf den letzten Kopf, hoffnungslos, für immer.
Diese Geschichte ist wert, daß jeder sie näher kennen lernt, denn sie
enthält ein Menetekel. Sie predigt mehr für die Notwendigkeit von
Tierschutz und Heimatschutz, als ganze Bände vermögen. Das gleiche Los
hätte die Nachtigall treffen können in der Zeit. Es kann morgen da,
dort eingreifen, uns dieses, jenes Stück Altdeutschland, deutscher
Natur herausgreifen und in die Versenkung werfen, wenn wir nicht
Gegenmittel ergreifen.
Nein, sie hatten zunächst schlechterdings nichts gemerkt, die
Naturkundigen; hinter ihnen aber ebensowenig das ganze unabsehbare Heer
der Jäger, Förster, Landschaftsschilderer, alle, alle, bis zum Koch
herab.
Der Schopfibis wurde im Jahr 1832 von Wagler als _neue_ Entdeckung,
als eine »neue Tierart aus Ägypten«, beschrieben, und das war sein
tatsächlicher Eintrittsmoment in die _moderne_ Wissenschaft. Also
wohlverstanden: als ein Vogel Afrikas, bisher von keinem europäischen
Forscher gesehen, in Europa selbst völlig unbekannt. Er erhielt einen
neuen lateinischen Namen, kam in Lehrbücher und Museen -- als Exote,
den sich die Museen mit mancherlei Mühen von weither jetzt übers Meer
beschaffen mußten, nachdem er einmal im Verzeichnis der Arten stand.
Nach diesem Datum vergingen nochmals 65 Jahre bis zu der denkwürdigen
Stunde, da 1897 drei ausgezeichnete, noch lebende Vogelkenner, die
Herren Hartert, Kleinschmidt und Walther Rothschild, ganz zufällig bei
einem Gespräch im schönen Rothschildschen Museum in London eine der
sonderbarsten zoologischen Feststellungen machten, die jemals möglich
geworden ist: nämlich eben die Feststellung daß dieser heute nur noch
exotisch fortlebende Schopfibis identisch sei mit dem alten deutschen
Waldrapp des sechzehnten Jahrhunderts, den damals an vielen Orten
jedermann bei uns gekannt hatte.
Die Entdeckung war an sich nicht schwer. In jenem sechzehnten
Jahrhundert hatte wenigstens ein einziger wirklich großer Tierforscher
und Sachkenner der deutschen Tierwelt gelebt und geschrieben: Konrad
Gesner zu Zürich. In seinen ursprünglich lateinisch verfaßten, dann
aber gleich auch deutsch bearbeiteten Folianten ist der deutsche
Waldrapp sowohl ganz vortrefflich beschrieben, wie auch gut abgebildet.
Der Holzschnitt zeigt auf den ersten Blick, daß man den heutigen
exotischen Schopfibis und nicht eine echte Rabenart vor sich hat. Der
Text sagt auch nur, daß der Vogel einem Raben in Größe und Farbe »fast
ähnlich« sei. Im übrigen sehen wir den krummen roten Ibisschnabel und
wehenden Nackenschopf, wir hören von der Kahlheit des Kopfes und dem
schwarzen sonstigen Gefieder, auf dem damals wie jetzt der metallische
Spiegel ergleißte.
Daß der gemeine Mann ihn aber damals mit einem Raben verglich (er, der
ja keinen Ibis zum Vergleich kannte), wird uns vollends verständlich,
wenn Gesner uns berichtet, daß der Waldrapp nicht nur in »einöden
Wäldern« wohnte, sondern besonders gern »in hohen Schroffen oder
alten einöden Türmen und Schlössern« nistete, »dannenher er auch ein
Steinrapp genannt wird und anderswo in Bayern und Steurmarck ein
Klaußrapp, von den Felsen und engen Klausen, darinn dann er sein Nest
macht« (Schweizer Deutsch des sechzehnten Jahrhunderts!). So steil und
unzugänglich lägen oft seine Niststätten, daß »er dann etwan von einem
Menschen, so an einem Seil hinab gelassen, außgenommen und für einen
Schleck gehalten wird, wie er auch bey uns in etlichen hohen Schroffen
bey dem bad Pfäfers (Bad Pfäffers!) gefunden wirt, da sich auch etliche
Weydleut hinab gelassen haben«.
Hier allerdings scheint sich eine Schwierigkeit einzudrängen.
Der Ibis, wie er uns geläufig ist, der schwarz-weiße der alten Ägypter
wie der braunrote oder schwärzliche der Mittelmeerländer oder der schön
rosenrot flamingofarbige Amerikas: er ist uns doch als Sumpfvogel
geläufig. Aber ausgespart bestätigt der Fall Waldrapp die Ausnahme von
dieser Regel: denn eben der Schopfibis nistet auch heute in seiner
fernen Gegend noch mit Vorliebe hoch in Felsen und altem Gemäuer, --
zum Beispiel traf man ihn am Euphrat scharenweise so in den Ruinen
eines alten Sarazenenschlosses. Also das erledigt sich von selbst.
Gesners Vogelbuch mit seinen zum Teil ganz ausgezeichneten Bildern war
aber nun als ein Grundwerk neuerer Tierkunde selber niemals vergessen
worden. Wohl aber hatte das Kapitel »Vom Waldrapp« darin in der
Zwischenzeit auch sein eigenartiges Schicksal erlebt.
Der große Linné, als er im achtzehnten Jahrhundert das tat, was
eigentlich Vater Adam im Paradiese schon besorgt haben sollte, nämlich
den ganzen Inhalt der großen Erdenarche mit dauernd gültigen Etiketten
versah -- er glaubte selber noch so viel an Gesners Autorität, daß er
dessen Waldrapp als deutschen Vogel ins System nahm, anfangs als eine
Art Wiedehopf, später als wirklichen Raben; sonst wissen tat er von ihm
aber schon nichts mehr.
Der treffliche Vogelforscher Bechstein in der Wende zum neunzehnten
Jahrhundert wagte dagegen einen entscheidenden Schritt. Er prüfte
Gesners Bild, gab selber noch ein anderes altes wieder, konstatierte
aber zugleich, daß es einen so aussehenden Vogel in ganz Europa ja doch
nicht gebe. Nicht mehr gebe -- darauf kam er zunächst nicht. Nein,
überhaupt nie gegeben habe, meinte er. Man habe den guten alten Gesner
genarrt mit dem irgendwie verunstalteten Balg einer Alpenkrähe.
Und auf diese voreilige Skepsis hin wurde wirklich jetzt von der
ganzen nächstfolgenden Forschung auch das Gesnersche Bild abgelehnt
und ignoriert -- der deutsche Waldrapp war also gleichsam doppelt
verschollen. Und es bedurfte erst des Zufalls, daß jene drei
Vogelkundigen im Rothschildmuseum gerade das Gesnerbild, das
Bechsteinbild und endlich ein Bild und einen Balg des längst inzwischen
unabhängig entdeckten exotischen Schopfibis von heute nebeneinander zu
sehen bekamen, womit denn natürlich augenblicklich Bechsteins Schluß
als falsch erkannt, Gesner wieder anerkannt und zugleich konstatiert
war, daß es sich um einen wirklichen, aber heute auf deutscher Erde
ausgestorbenen Vogel handeln müsse.
Einmal das Eis gebrochen, ist dann unsre Kunde vom wenigstens
historisch wiedererstandenen Waldrapp rasch erweitert worden noch über
Gesner hinaus. Neuerdings hat besonders Robert Lauterborn, der so
eifrige und glückliche Arbeiter in der Geschichte deutscher Tierkunde,
das Material gesichtet und vervollständigt.
Wir wissen aus den verschiedensten Quellen jetzt, daß dieser dohlenhaft
auf Burgruinen nistende deutsche Ibis außer in der Schweiz auch im
Salzburgischen, im weiteren Österreich, im bayerischen Donaugebiet bei
Kelheim und Passau im sechzehnten Jahrhundert durchaus nicht selten
war. Als Vertilger widerwärtigen Ungeziefers, das sein krummer Schnabel
leicht aus den tiefsten Löchern zog, wurde er gelegentlich schon
damals in Steiermark und zu Zürich urkundlich geschützt. Nach Stumpfs
berühmter Schweizer Chronik war er um 1606 noch ein »gemein Wildpret«.
Und zum Überfluß verglichen ihn wenigstens die Gelehrten schon damals
selber mit einem Ibis, wobei einer eine alte Stelle bei Plinius
ausgrub, die der Existenz des Ibis in den Schweizer Alpen gedenkt.
Dieses alte Zitat ist an sich wieder höchst interessant, denn es ist
die einzige antike Quelle über den deutschen Waldrapp.
Plinius, in der besten Zeit der römischen Cäsaren, Zeitgenosse des
Tacitus, war als Naturgeschichtschreiber nicht eben ein Mann, dem es
auf ein derbes Teil Tierfabeln ankam. Aber in seinen Tagen begann
man sich aus Staatsräson und sozusagen Kolonialpolitik in Rom sehr
ernst mit der Schweiz und Süddeutschland zu befassen, und bei dieser
Gelegenheit wurde in Amtsberichten offenbar doch vielerlei über die
Natur gerade dieser Gegenden bekannt, das den Stempel der Echtheit
trägt. Von einem Alpenpräfekten seiner Zeit, Egnatius Calvinus,
hatte nun Plinius gehört, er habe den eigentlich für Ägypten
heimatberechtigten Ibis auch in den Alpen gesehen. Kaum ist ein Zweifel
möglich, daß das wirklich auf unsern Waldrapp geht, der also in den
Römertagen schon an den Felsen der Alpenstraßen genistet haben muß,
genau wie zu Gesners Zeit.
Warum aber ging ein so lange dem Lande treuer Vogel ein?
Man hat an eine Klimaverschlechterung gedacht, die das heute auf
durchaus warme Länder beschränkte Tier, dessen meiste Verwandte
sogar Tropenbewohner sind, vom Rhein und der Donau vertrieb; in
Wahrheit spricht dafür aber nichts. Viel deutlichere Sprache dagegen
spricht »der Schleck«, den nach Gesner das »liebliche Fleisch und
weich Gebein« seiner Nestküken den Feinschmeckern gewährt hätten
und um dessentwillen die Nestplünderer mit Lebensgefahr sich an den
steilsten Felsen herabließen. Wehe dem Vogel, der in Tagen mangelnden
Vogelschutzes durch die Gesetzgebung und den Natursinn seines Volkes in
die Schußlinie eines »Schlecks« kommt! Der alte Gesner selber weiß ja
noch zu berichten, daß die Leute seiner Zeit, die die Waldrappjungen
aus ihrem Nest nahmen, »in einem jeglichen eins liegen (ließen), damit
sie am nachgehenden Jahr desto lieber wiederkommen«. Das war in der
geordneten Schweiz von 1500 und so und so viel. Anderswo und später
auch dort las man's offenbar anders, und zwar so gründlich, daß die
Waldrappen, Zugvögel, wie sie gleich Storch und Nachtigall waren, eben
allmählich nicht mehr wiederkamen. Um die Zinnen flatterten Dohlen und
Tauben, aber kein Ibis mehr. Der deutsche Ibis war ein ausgeträumter
Traum deutscher Landschaft.
Wird ihm der Storch, wird ihm wer weiß was noch alles von den Tieren,
die in Sage und Naturschau um die Wiege unserer deutschen Volkskraft
gestanden haben, in unseren Tagen folgen? Oder werden wir den
Heimatsinn finden, der wenigstens jetzt solche nicht mehr zu sühnenden
Sünden an unserem Heimatsbilde endgültig bannt?
Der Gespensterzug der Lemminge
In den letzten zehn Jahren hat sich in Skandinavien mehrfach
hintereinander wieder ein uraltes Volksgespenst sehen lassen: der
mysteriöse Massenzug der Lemminge.
Heute geschieht ja da drüben besonders viel für die Bauernbildung, und
ich weiß nicht, ob man sich im Winkel noch als echt weitererzählt, was
mindestens in früheren Jahrhunderten dort für eine unerschütterliche
Wahrheit galt. Da aus der alten Gespenstergeschichte aber bis heute
eine heftige wissenschaftliche Streitfrage ausgegangen ist, mag es an
der Zeit sein, einmal wieder davon zu reden.
Des grausen Märchens Inhalt war, daß es in diesem doch durchweg nicht
allzu üppigen Lande eine besondere Landplage gebe, die alle paar Jahre
zum Verdruß auf die Bauern fiele. Über Nacht zögen Wolken auf und
ließen regnen, und wenn der Tag den Schaden besähe, habe es tausend und
aber tausend lebendige große Mäuse geregnet, hübsche Tierchen in Gelb
und Schwarz wie die überseeischen Meerschweinchen, aber gefräßig wie
nur irgendeine Feldmaus, ja den orientalischen Heuschreckenschwärmen
gleich, vor denen alles Laubgrün bekanntlich im Nu vergeht wie unter
einem Gifthauch. Entsprechend ihrer unerhörten Herkunft flössen diese
Tiermassen wie ein reißendes Wasser von der Höhe zu Tal durch das
Land, rasten und fräßen sich fort über jedes Hindernis, bis sie endlich
auch gleich einem regengeschwellten Bach in einen See oder das große
Meer einmündeten, wo sie dann allesamt jämmerlich ertrinken müßten.
Dieser wilde Tierstrom war der berühmte und berüchtigte »Lemmingzug«.
Die ersten einheimischen Geographen und Zoologen da oben, im
sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert, nahmen die Sache noch ganz so
als buchstäblich wahr und stritten sich bloß zunächst über das Problem,
ob die betreffende Wolke jedesmal Lemminge aus sich selbst erzeuge oder
ob das kleine Plagevolk irgendwo in ferner Gegend vom Sturm mitgerissen
und dann erst wieder am Fleck herabgeschüttelt werde. Dem Geist der
Zeit von damals erschien das erste meist als das Amüsantere und deshalb
als das Wahrscheinlichere.
Dieser im ganzen leider allzu amüsanten Legende aber machte im Jahre
der Thronbesteigung unseres großen Friedrich der naturgeschichtlich
nicht minder große Linné ein Ende. Nach ihm, der sein eignes Land
schließlich doch kennen mußte, handelte es sich um eine wirkliche Sorte
Maus, die nicht nur in der Gefräßigkeit, sondern auch sonst durchaus
irdisch-realistischer Natur war. Die Wolke, die sie ins Tiefland
spie, war aber in Wahrheit das Gebirge. Dort lebten die Lemmingmäuse
für gewöhnlich im kärglichsten Gebiet. Ab und zu aber kamen sie als
großer Wanderzug von dort zu Tal, und dieses plötzliche Auftreten der
stets nächtlich vorrückenden Tiere erzeugte die abgeschmackte Sage vom
Lemmingregen. Das klang nun recht ernüchternd, ja fast langweilig,
wenn nicht doch ein interessanter Punkt auch so geblieben wäre. Er
betraf die Wanderung selbst.
Mit stärksten Farben erzählte auch Linné von ihr: wie das
vieltausendköpfige Volk tatsächlich einem reißenden Strom an Zähigkeit
und Folgerichtigkeit gleich daherkomme, einem Menschen nicht ausweiche,
sondern sich zwischen seinen Beinen durchzuwälzen suche, durch einen
im Wege liegenden Heuschober ein Loch fresse, anstatt ihn zu umgehen,
über Bäche und Ströme unter tollsten Opfern setze und, fahre ein
Nachen darin vorbei und kreuze die schwimmende Masse, diesen Nachen
erklettere, um auf der anderen Seite wieder ins Wasser zurückzuspringen.