Wenn das Altern und der Tod keine Grundeigenschaften aller lebendigen

Substanz sind, sondern bloß eine mehr oder minder äußerliche Zutat, die

(wie jene Infusorienexperimente zu beweisen scheinen) wesentlich doch

nur eine Abnutzungserscheinung durch Ungunst der äußeren Verhältnisse

im unmittelbaren Effekt darstellt, so ließe sich ein erneutes änderndes

Eingreifen durch unsere Intelligenz denken. Es werde zwar ein Phantom

bleiben, das Menschenleben ins Unendliche zu verlängern. »Aber indem

durch genaue Erforschung eine Anzahl der günstigen Bedingungen

ausfindig gemacht werden und für ihre Wirksamkeit während der

Entwicklung des Lebens des Individuums gesorgt wird, während möglichst

viele Schädigungen ausgeschaltet werden, muß es möglich sein, die

Abnützung des Körpers hinauszuschieben, seine Leistungen länger auf der

Höhe zu erhalten und das Leben als Ganzes zu verlängern.« In diesem

Sinne seien die bekannten Ideale Metschnikoffs von einer gewissen

Verlängerung des individuellen menschlichen Lebens wirklich würdige

Ziele für den Forschergeist.

In der Tat ist ja kein Zweifel, daß sich beim Menschen, selbst wenn

wir auch ihn in diesem Zusammenhang als bloßes Naturprodukt unter dem

Nützlichkeitssinn ansehen wollen, an dieser Stelle wieder etwas ganz

entscheidend verschoben hat.

Der »Nutzwert« des Individuums auch über den Neuzeugungsakt hinaus ist

schier ins Unendliche bei ihm gestiegen.

Schon im höheren Tier überhaupt sehen wir die Bedeutung des noch

eine Weile fortlebenden Elterntiers zum Schutz der Jungen und damit

der Art rapid zunehmen. Im Menschen treten dazu aber nun die enormen

Fortschrittsleistungen des Einzelnen für das Ganze, die unabhängig von

aller körperlichen Fortpflanzung in Forschung, Kunst, Gemeinarbeit

jeder Art, in Vorbildlichkeit des Charakters und so fort sich bewähren

und durch Lehre, Tradition, geleistetes Werk selbständig fortzeugend

in einer anderen Linie für sich weiter wirken. Von einem »fernerhin

Überflüssigen« in Weismanns Sinne kann hier also unmöglich mehr geredet

werden.

Jede Förderung dieser individuellen Leistung muß fortan wieder

eminent wichtig für die »Menschenart« sein -- in tausend und tausend

Einzelfällen kann sie sogar wichtiger sein als die Neuzeugung selbst,

wenn auch letztere natürlich ihre eigene Notwendigkeit daneben stets

wahrt. Zu diesen Forderungen könnte aber natürlich auch eine rein

zeitlich vermehrte Dauer gehören, die ein stärkeres Ausspielen und

Ausstrahlen der individuellen Kräfte ermöglichte. Wer denkt hier nicht

an Goethe, dem vergönnt war, über achtzig Jahre in Kraft auszuleben und

der mit zweiundachtzig noch an seinem »Faust« arbeitete, an Humboldt,

der mit neunzig Jahren noch bei seinem »Kosmos« saß.

Das Nützlichkeitsgesetz, das im niederen organischen Wesen nach Darwins

und Weismanns Auffassung als blind ausmerzende oder begünstigende

Zuchtwahl waltete, ist für den Menschen aber jetzt überall in seine

eigene Intelligenz eingegangen. »Nehmt die Gottheit auf in euren

Willen,« sagt (nur mit etwas anderen Worten) Schiller. Mit seiner

Intelligenz überschaut der Mensch jetzt die Dinge und leitet sie bewußt

in die _ihm_ günstigere Bahn. Und so mag auch an dieser Stelle die

fortschreitende Intelligenz resolut den Wechsel begreifen und mag im

Maß ihrer wachsenden Kräfte erneut einzugreifen suchen. Wie weit, das

verliert sich freilich in blauen Zukunftsschleiern.

Goldene Tiere

Wer von uns hat nicht in phantasiefroher Kinderzeit einmal gebebt unter

den Schauern der Sage vom Argonautenzug!

Wie Jason mit seinem Heldenschiff gen Kolchis fährt, um das goldene

Widderfell zu holen, das von einem Drachen bewacht an einer Eiche im

Areshain hängt ...

Kolchis ist die Kaukasusecke des Schwarzen Meeres, damals für einen

Griechen ein so fernes Sagenland wie uns Europäern von heute etwa das

Innere von Neuguinea. Die Argonautenfabel ist wilder und menschlich

kleiner als Ilias und Odyssee, denen man, aller Homerkritik zum

Trotz, eben doch auf Schritt und Tritt die läuternde Hand einer ganz

großen Dichterpersönlichkeit anmerkt, während dort nur noch die rohe

Mythe zu uns spricht. Aber um so packender für die Jugend schlägt

die reine Abenteuerlichkeit der Handlung durch. Und dabei ist auch

hier charakteristisch, wie die Sage mit naiven Effekten das Stärkste

erreicht.

Ein Häuflein Gold in der Größe und Dicke eines Widdervlieses ist gewiß

noch kein besonders großer Schatz. Aber das Aparte, das Verblüffende

ist, daß ein lebendiges Säugetier Gold am Leibe getragen haben soll.

Dieses Tierfell lohnte schon die verwegenste Heldenarbeit!

Zugleich aber fehlt auch der Zug nicht, daß in allem bunten Märchenspuk

die dunkle Kunde von einer nüchtern realen Sache gleichsam das

Gebein zu bilden pflegt. Wo immer wir heute naturgeschichtliche oder

historisch-geographische Forschung an diese Griechenlegenden wenden,

kommen solche Wirklichkeitsgebeine zutage, ohne daß der Duft der Sage

sich deshalb zu verlieren brauchte. An dem Fleck des alten Labyrinths

auf Kreta, wo der Stiermensch Minotaurus gewütet haben sollte, ist

vor kurzem die Stätte alter Kampfspiele der mykenischen Kulturepoche

ausgegraben worden; zoologisch bestimmbare Knochen beweisen, daß der

heute ausgestorbene riesige Urstier dort noch vorgeführt wurde, und ein

Wandgemälde aus der Zeit verewigt noch solchen gefährlichen Stierkampf

in anschaulichster Form.

Und so erfahren wir auch aus den späteren Quellen griechischer

Wissenschaft selbst noch von einer althergebrachten Sitte der

Kaukasusbewohner, daß sie zottige Schaffelle in ihre Bäche hingen, um

die natürlichen Goldteilchen, die von den Wassern dieses metallreichen

Gebirges geführt wurden, aufzufangen -- eine nüchterne Praxis, den

mancherlei Methoden unserer Arbeiter in Silberseifen und Goldwäschen

damals schon durchaus ähnlich.

Was aber kein antiker Grieche wußte, ist die Tatsache, daß es wirklich

auf unserer Erde Säugetiere gibt, die ein »goldenes Vlies« tragen.

Freilich kein Vlies, aus dem man echte Goldstücke prägen kann.

Als das Leben sich seine zwölf bis zwanzig mineralischen Elemente

aneignete, die teils notwendig, teils hilfsweise seine wunderbaren

Zellenbauten zusammensetzen, war Gold nicht dabei. Wenn es sich ab

und zu einmal in organischen Restbeständen auch von Lebewesen chemisch

nachweisen läßt, in Austernschalen, Pflanzenholz und so weiter, so

war es dort doch nur zufällig durch das Wasser eingeschleppt worden,

das ja für jegliches Leben eine absolute Notwendigkeit ist, in dem

aber vielfältig (zum Beispiel im Ozean durchweg) feinste Goldrestchen

auf Grund selbsttätiger Goldwäsche der Natur herumschweben. Zu einer

wirklichen Macht im Leben hat auch dieses schöne Element erst die

menschliche Intelligenz gebracht: vom Zahlgold in der Hosentasche bis

zur Goldplombe im hohlen Zahn!

Das tierische Goldvlies, das ich meine, ist dagegen ein Fell, das

äußerlich im wundervollsten Goldglanz gleißt, als sei jedes Härchen

einzeln in Schaumgold getaucht gleich einer Weihnachtsnuß.

Das erste wirklich dem Fachzoologen bekannt gewordene Tier, das

ein ganz unzweideutiges goldenes Vlies wenigstens für den Anblick

trägt, ist ein Geschöpf im tropischen Afrika, dessen Anblick aber für

gewöhnlich einfach unmöglich gemacht ist, weil es nämlich nach der Art

unseres Maulwurfs unter der Erde lebt.

Jedermann kennt unseren heimischen Wühler, den Maulwurf. Er selber hat

schon ein recht hübsches, bläulich bereiftes Fellchen. Dieser Mull

gehört, wie wir schon besprochen haben, systematisch weder zu den

echten Raubtieren noch den Nagetieren, sondern zu jener uralten, heute

nur spärlich noch fortlebenden Stammgruppe der höheren Säugetiere,

die man die Insektenfresser zu nennen pflegt. Diese Insektenfresser

haben aber in ihrer Entwicklung offenbar von früh an eine Neigung oder

besser einen Zwang gehabt, gewisse Formen doppelt hervorzubringen.

So haben sie den Typus des Igels zum Beispiel zweimal geschaffen,

einmal als wirklichen Igel und dann noch einmal ganz unabhängig davon

im Borstenigel der fernen Insel Madagaskar. Und entsprechend gibt es

bei ihnen auch zweimal den Mull: das eine Mal in unserem echten und

das zweite Mal (auch hier vollkommen unabhängig) in einem ebenfalls

erdgrabenden Sprößling jener Borstenigel, den man den »Goldmull«

getauft hat.

Dieser Goldmull lebt vom Kap bis zum Kongo, und zwar ebenso extrem

unterirdisch, wenn auch meist nicht sehr tief. Auch ihm ist dabei der

kleine fette Leib in richtiger Anpassung zur Walze oder Wurst geworden,

die schon bald gar nicht mehr nach einem Säugetier ausschaut. Da gibt

es keinen Schwanz mehr und keine Ohrmuscheln, ja für den äußeren

Anblick fast keine Gliedmaßen mehr; nur die Hände stehen noch als

starre krumme Haken vor, und auf dem Näschen sitzt eine kleine Schaufel

in Gestalt eines Hornschildes; das alles dient ersichtlich der Technik

des Sicheinbohrens und Vorwärtsdrängelns im trockenen Steppensande, in

dem der passionierte Unterweltler auf die still verborgene Suche nach

Würmern und Insektenlarven geht. Mögen in dieser afrikanischen Steppe

so viel böse Räuber oben über ihn weglaufen wie wollen: er ist in

seinen Sandstollen sicher, und was sich hier unten herumtreibt, dessen

ist er selber Herr.

Nun aber die Verschwendung. Diesem ewigen Gast der Finsternis gerade

hat die Natur den Argonautenzauber des Goldvlieses verliehen!

Jedes Härchen seines Maulwurfsfellchens ergleißt wirklich und

wahrhaftig im schönsten Goldschein. Je nach der Lichtbrechung mischen

sich in dieses Grundgold noch einzelne goldig angehauchte Farben, die

dann gleich Edelsteinen aus der Goldfassung glühen, bald grün wie von

Smaragden, bald ein unbeschreiblich schönes Violett gleich Amethysten.

Wenn dieser wahre »Dorado«, wie die südamerikanischen Indianer einst

ihren vergoldeten Sagenkönig nannten, bei uns lebte, so ist gewiß,

daß er längst um seines Königsmantels willen vernichtet wäre, während

ihn jetzt bloß ab und zu ein Kaffer seines Landes zum schmucken

Tabaksbeutel verarbeitet.

Wozu aber der Glanz gerade in dieser Hütte -- oder in diesem

schmutzigen finsteren Bergwerk, muß man besser sagen?

Und der Fall wird um so seltsamer, als auch der zweite Träger eines

goldenen Vlieses, den man unter den Säugetieren kennt, ein mindestens

ebenso ausgesprochener mullhafter Erdgräber im Finstern ist.

Um ihn zu finden, muß man den dürren Sandboden diesmal der

zentralaustralischen Wüste aufschaufeln. In ihm steckt und bohrt er

genau so verborgen wie der Goldmull in der afrikanischen Steppe.

Australien hat aber nie Borstenigel gehabt, die dort zu Mullen werden

konnten. Der Hauptstamm seiner eigentümlichen Tierwelt gehört zu der

wohl noch altertümlicheren Gruppe der Beuteltiere, und folgerichtig ist

also auch sein einheimisch seit alters zugehöriger Mull ein solches

Beuteltier, ein »Beutelmull«. Im übrigen hat aber auch er die ganz

entsprechenden Hackenhände und auf der Nase seine eigene Hornschaufel.

Die Bergwerke dieses Beutelmulls liegen so versteckt in ihrer Wüste,

daß man erst in neuerer Zeit und nachdem Australien gerade auf

sonderbare Tiere schon reichlich abgesucht war, seiner zum erstenmal

habhaft geworden ist.

Nun: auch dieser Beutelmull schimmert in Gold, wobei auch bei ihm das

Fell bald mehr reines Gelbgold zeigt, bald mehr Silber oder irisierende

Edelsteinfarbe. Abermals das goldene Vlies als Arbeitskleid eines

Tunnelarbeiters!

Es ist ein ungemein fesselndes Problem, wie gerade diese

lichtscheuesten Gesellen unter unserem Säugervolk an das im Lichte

herrlichste Gewand gekommen sind.

Eine Reihe gebräuchlicher Erklärungen versagt hier vollkommen.

Es kann sich nicht um eine den Tieren nützliche Anpassungsfarbe

handeln, also etwa um einen Schutz, wie ihn dem grünen Laubfrosch

auf grünem Laube sein Grün gewährt. In der finsteren Sandröhre da

unten wird der goldene Rock dem Mull weder als Jägerrock noch als

Jagdwildverkleidung helfen können; um diesen Vorteil zu genießen, müßte

er schon in künstlich tagheller Goldhöhle hausen, die es doch nicht

gibt.

Gleichermaßen versagt aber die berühmte Darwinsche Deutung, daß gewisse

gleißende Prachtfarben bei Tieren so herangezüchtet sein könnten,

daß die Tiere selbst an der Pracht ihre Freude gehabt und bei der

Liebeswahl von jeher die farbenprächtigsten Exemplare begünstigt

hätten. Abgesehen davon, daß durch diese Methode immer nur eine schon

vorhandene glänzende Farbe (also hier der Goldglanz) gesteigert, aber

nicht erst die Farbe selbst geschaffen worden sein kann, ist dazu

mindestens doch nötig, daß die verliebten und farbenfrohen Tiere sich

_sehen_ können.

Schon unser heimischer Maulwurf hat aber stark verkümmerte Augen, was

bei seiner Finsterlingsart und Dreckwühlerei ja gut genug zu verstehen

ist; nötigenfalls ans Licht gebracht, sieht er zwar noch, aber seine

Hauptmittel im eigentlichen Jagdgebiet sind schon Tasten, Riechen und

Hören.

Bei dem Goldmull aber zieht sich geradezu das Haarfell auch über die

Augen fort, sie verharren also dauernd im Schlafzustande der fest

geschlossenen Lider. Und erst recht beim Beutelmull liegt außer der

Haut auch noch ein Muskel unmittelbar auf dem völlig verkümmerten

Augenpünktchen, so daß hier auch nur vom schwächsten Erfassen eines

Lichtscheins keine Rede mehr sein kann. Diese Nachtwächter haben

eben einfach ihr Sehen abgeschafft -- folgerichtig ist es aber auch

nicht möglich, daß sie sich, mögen sie in ihrem Tartarus sonst so

verliebt sein, wie sie wollen, auf »Gold« hin selber durch Liebeswahl

heraufgezüchtet haben könnten.

So sehr das Goldvlies uns eine Hauptsache erscheint: es macht den

Eindruck, als sei es nur eine indirekte Folge von etwas anderem.

Haben die Fellhaare dieser Unterweltler irgendeine nützliche Struktur

sonst sich angeeignet, die als Begleiterscheinung ohne eigenen

Nutzzweck den Goldschein mit sich brachte, etwa im Sinne, wie unser

Blut zufällig seine schöne rote Farbe hat?

Oder frißt der Mull da unten irgend etwas, das ihm besonders gut

bekommt, das aber sein Haar nebenbei irgendwie chemisch vergoldet, ohne

daß diese Vergoldung selbst ihn weiter förderte oder störte?

Für den letzteren Fall könnte man wirklich nun auf allerlei verwegene

Gedanken kommen.

Vom afrikanischen Goldmull wie vom australischen Beutelmull wird

berichtet, daß sie als echte »Insektenfresser« besonders gern und

massenhaft gewisse Schmetterlingsraupen und Engerlinge (Larven) von

Bockkäfern ihrer Heimat verzehren. Speziell vom Goldmull des Kaplandes,

der dort den Gärtnern genau so vertraut und, je nachdem, verhaßt wegen

des Wühlens, erwünscht wegen des Insektenvertilgens ist wie bei uns der

Maulwurf, hören wir, daß er hauptsächlich von Raupen lebt, und zwar

besonders denen einer sogenannten Plusiaeule, die sich tagsüber an den

Wurzeln ihrer eignen Futterpflanze verkriechen.

Nun spielt aber bei Käfern und Schmetterlingen der Goldglanz

selber wieder seine Rolle. Jeder weiß von »Goldkäfern«. Gewisse

tropische Bockkäfer erscheinen wie in eine Goldlösung getaucht. Auf

Schmetterlingspuppen schimmern die schönsten Goldflecken. Ausgespart

aber jene Plusiaeulen, von denen ungefähr zwanzig Arten auch bei uns

vorkommen, führen seit alters geradezu den Namen »Goldeulen«!

Die meist kleinen Schmetterlinge, die man »Eulen« nennt, wirken

in ihren langen Sammlungsreihen durchweg sonst unscheinbar,

ja langweilig, sofern man nicht auf die feinen Ornamente ihrer

Deckflügel achtet. Plötzlich aber bei den Plusiaeulen wird das

anders. In die schlichte Flügelzeichnung fließt plötzlich Gold ein in

verschwenderischer Fülle. Nicht roh hinzugemischt, sondern sorgsam

aufgenommen in den feinen Rhythmus der Ornamente. Bald färbt es rein in

den Umriß eingewebt gewisse Bänder, die anderswo bloß in Sepiazeichnung

den Flügel belebten, bald schwimmt es als Spiegel in Rundflecken, bald

bildet es ganz eigene, schön gezackte Felder auf dem dunkeln Grunde von

hoher stilistischer, jedes Künstlerauge entzückender Durchbildung. Sie

sind ja auch sonst geheimer Zeichen und Wunder voll, diese Eulenflügel,

sobald man genau hinsieht. Eine der bekanntesten Plusiaeulen führt

den griechischen Buchstaben Gamma aufs deutlichste dort, daher ihr

Name Gammaeule. Wo nun Gold hinzutrat, da schmiegte es sich ebenfalls

durchaus diesem Arabesken- und Hieroglyphenspiel organisch ein.

Warum aber hat gerade solche Plusiaeule vor so viel anderen Gold zur

Verfügung? Lebt sie von Pflanzenstoffen, die das chemisch begünstigen?

Und könnten jene grabenden Säugetiere zu ihrem eigenen Schmuck

unwillkürlich gelangt sein, weil sie gewohnheitsmäßig wieder solche

Goldfabrikanten als Nahrung benutzen?

Die Erklärung hat etwas Verführerisches, nur muß man sich vor Augen

halten, daß sie selber noch lange nicht alles erklärt, zum Beispiel

noch ganz und gar nicht, wie es kommt, daß nun etwa bei solcher

Plusiaeule der als Nahrung aufgenommene Stoff sich gerade in

derartigen köstlichen Mustern und Ornamenten von hoher rhythmischer

Stilisierung betätigt, während er beim Goldmull einfach das ganze Fell

gleichmäßig vergoldet.

Hier mischen sich offenbar noch wieder besondere, vorläufig unbekannte

Gesetzmäßigkeiten ein, die das einfache Wort »chemischer Einfluß« nicht

erschöpft.

Sicher aber ist es eine Sache zu reichem Nachdenken, dieses »goldene

Vlies«.

Liberia und das seltenste Tier auf der Briefmarke

Der Weise, der alles auf die Nützlichkeit ansieht, versichert uns,

daß man beim Freimarkensammeln Geographie, Geschichte, Politik, eine

gewisse juristische Findigkeitstechnik und wer weiß was noch für

vortreffliche Sachen lernen könne.

Ich bin nun der Ansicht, daß das Sammeln hier wie überall in erster

Linie eine Glücksquelle sei, und alle Nützlichkeit des Herrn Professors

in Ehren, halte ich doch stark auf den Wert jedweder Vergnüglichkeit

in dieser Welt als Selbstzweck. Wenn aber durchaus auch hier gelernt

werden soll, so läßt sich sogar vor dem Freimarkenalbum eine

Zoologiestunde geben.

Zwar an den älteren mythologischen Wappentieren ist nicht viel mit

wirklicher Tierkunde zu fassen: den Löwen, die wie muntere Pudel

ausschauen, dem Braunschweiger Weihnachtspferdchen, dem steifen

Mecklenburger oder gar dem alten Moldauer Ochsenkopf, der schon mehr

nach mykenischer Urkunst schmeckt als nach 1858.

Ob der chinesische Markendrache wirklich auf den Alligator des

Jangtsekiang zurückgeht, weiß ich nicht, jedenfalls könnte er der

Gestalt nach ebensogut von der berühmten Seeschlange abstammen.

Wenn das südamerikanische Paraguay nicht den heimischen Jaguar, sondern

den Löwen (und zwar auf neueren Marken einen naturgeschichtlich

treuen, nicht stilisierten) führt, so will es offenbar direkt betonen,

daß es _nicht_ zoologisch echt kommt, denn in Amerika gibt es keinen

echten Löwen.

Aber in so manchem überseeischen Reich oder Kolonialland blüht wachsend

jetzt ein wirkliches Stück »zoologischen Gartens« auf den Marken, und

man merkt die Hilfe des tierkundigen Fachmannes.

Französisch-Guiana zeigt den Yurumi, den großen Ameisenbären

mit riesigem Buschschweif, Guatemala den altheiligen Vogel des

mexikanischen Sonnengottes und Königshabits, den herrlichen goldgrünen

Quesal oder Prachttrogon.

Peru hat sein braves Lama, Nordamerika den schönen weißköpfigen

Seeadler und eine Jagd noch auf den Bison, was schon bald wie

prähistorisch wirkt, Neufundland seinen unschätzbaren Kabeljau, eine

Robbenkolonie und das Ptarmigan, das beliebte Schneehuhn seiner

Sportleute, Kanada auch ein aussterbendes Tier: den Biber.

Neukaledonien führt stolz seinen landeseigentümlichen Rallenkranich,

den seltsamen Kagu, vor, Neuseeland den flügellosen Zwergstrauß Kiwi,

den Houia (Hopflappenvogel), bei dem Männchen und Weibchen verschieden

gebaute Schnabel besitzen, und den fleischfressenden Alpenpapagei

Nestor, Neusüdwales den australischen Emustrauß, den edeln Leiervogel

und das Känguruh, Westaustralien seinen berühmten schwarzen Schwan,

Tasmanien auf einer allerdings nicht ganz vollwertigen Stempelmarke gar

das geheimnisvoll eierlegende Schnabeltier.

Die bekannteste und technisch schönste Menagerie gibt das englische

Nordborneo -- alles Bedeutende, das es hat, ist darauf: der

Samburhirsch und der Argusfasan, das kolossale Leistenkrokodil und

der Orang-Utan, der groteske Nashornvogel und der possierliche

Malaienbär, der Schabrackentapir, der indische Elefant und das lange

so sagenhafte Doppelnashorn Südasiens, selbst der geographisch hier

nur noch anklingende Kasuar. In Afrika hat der Kongostaat einen wilden

Elefantenbullen, das portugiesische Nyassa Giraffen, Kamele und Zebras

in wahrhaft monumentalen Maßen.

Keine moderne Briefmarke aber erscheint mir interessanter als die

Ausgabe 1906 mit der Wertziffer 75 Cents der Negerrepublik Liberia an

der westafrikanischen Pfefferküste.

In alten Jahrgängen führte Liberia auf heute seltenen Marken stets

hübsch die Gestalt der Freiheit mit der Mütze, respektabel und etwas

langweilig anzusehen wie alles Symbolische. Mehr und mehr ist es

aber dann auch zoologisch geworden, ist zu Eidechsen, Elefanten und

Schimpansen übergegangen.

Auf jener hübschen braun und schwarzen Marke aber erkenne ich in

gutem Umriß sein allermerkwürdigstes Landesprodukt, ein bislang

auch fast mythisches Tier, das doch angetan ist, den Namen dieser

kleinen Republik für alle Zeiten in den Annalen der Naturgeschichte

festzuhalten und mit einem gewissen Glanz zu umgeben, eine nützliche

Verewigung auf jeden Fall im wechselnden Schicksalslauf politischer

Konstellationen.

Ich meine die einzige noch lebende Nebenform und Zwergform des

populärsten afrikanischen Tierriesen, des Flußpferdes oder Nilpferdes,

die sich hier in diesem kleinen Küstenländchen durch irgendein

besonderes Stück Weltlauf erhalten hat.

Wie der Elefant, wie die Giraffe, wie das Erdferkel oder das

Schnabeltier gehört das gigantische Flußpferd heute zu den

Vereinzelten, Vereinsamten im Tierbereich. Man weiß von ihm nur, daß

es, alles eher als ein echtes Pferd, einen uralten stehengebliebenen

Ausläufer des Stammbaumzweiges, der einst von den Schweinen zu den

Hirschen und Rindern lief, darstellt; am nächsten steht es wohl noch

den Schweinen.

Sein Lebensbereich aber hat sich noch in junger geologischer Zeit

arg eingeengt; kam es doch um den Beginn der Diluvialzeit noch im

Florentiner Arno und in der Londoner Themse vor, während es heute

auf das (immerhin ja für sich noch kolossale) tropische Afrika

beschränkt und selbst in Ägypten völlig fremd geworden ist. Jene

früheren europäischen Nilpferde gehörten dabei durchweg einer noch

etwas größeren Art an. Aber gelegentlich hat man im Mittelmeergebiet

in Knochenhöhlen doch auch Spuren einer wesentlich winzigeren

Sorte von damals entdeckt, so auf der Insel Samos einen wahren

Pygmäenhippopotamus, der kaum so groß wurde wie ein wirkliches Schwein.

Man hat dieses örtliche und zeitweise Herabgehen in der Körpergröße

dort damit zu erklären versucht, daß es sich um Flußpferde handelte,

die durch Zerreißen und Versinken großer Landgebiete im damaligen

Gebiet des heutigen Mittelmeeres plötzlich auf Inseln isoliert wurden.

Inselsäugetiere haben auf die Dauer meist eine Tendenz, klein zu

werden; auf Sardinien zum Beispiel sind heute der Edelhirsch, der

Damhirsch und das Wildschwein merkbar verzwergt. Bei noch stärkerem

Abbröckeln ihres Heimatbodens und Versiegen größerer Ströme und

Landseen hätten dann freilich auch diese Miniaturnilpferdchen

sich überhaupt nicht mehr halten können, so daß wir heute auf den

betreffenden Inselresten nur mehr ihre Knochen finden.

Hier aber wurde nun der ferne Weltwinkel Liberia bedeutsam.

1844 gab ein Kolonialarzt dort, Morton, die erste unsichere Kunde, daß

in den noch ganz unerforschten, unwegsamen Binnenwäldern der kleinen

Republik ein solches Zwergnilpferd noch lebend existiere.

Zuerst erschien das ganz als Pygmäensage, die ja auch für Menschen

immer im dunkelsten Afrika geblüht hat, bis sie doch eines Tages in

Gestalt der wirklichen Zwergenvölker dort wahr wurde. Als ein emsiger

Museumssammler, Büttikofer, endlich Haut und Skelett nach Europa

brachte, konnte man auch an dem flußpferdischen Zwerg nicht länger

zweifeln. Er wurde nur so lang wie ein stattlicher Mensch, etwa 1,80

Meter, was besonders klein wirkte, wenn man den Kopf des gewöhnlichen

großen Hippopotamus danebenstellte, der bei Exemplaren von 4 Meter

und noch mehr Gesamtlänge allein über 80 Zentimeter mißt. Der Zahnbau

wich so vom großen Bruder ab, daß man schon seinetwegen einen neuen

Gattungsnamen erfinden mußte; »Choeropsis« wurde der Kleine benannt

anstatt des alten »Hippopotamus«.

Von Wundern und Tieren: Neue naturwissenschaftliche Plaudereien · 第 5 / 17 段