Aquariumszwecken gedient hatte, wurde gewissermaßen eine künstliche
Adelsberger oder Kanzianer Grotte geschaffen. Fünf Meter wenigstens
taucht man auch hier unter den sonnigen Praterboden in einen schwarzen
nassen Schlund hinab, den nur ein rotes Glühlämpchen gespenstisch
erhellen darf, und den Schreiber dieser Zeilen, der nicht eben der
geschickteste Kletterer auf schlüpfrig-schwindligem Terrain ist, mutete
der Besuch schon einigermaßen wie eine wirkliche Höhlenpartie an.
Was aber sonst nicht immer als bauliches Ideal gelten dürfte, wird da
drunten zum Segen: durch die gemauerte Decke tropft das Sickerwasser
so reichlich, daß es schon zu richtigen Stalaktitenbildungen gekommen
ist, von unten aber überschwemmt das Grundwasser beständig den defekten
Zementboden. Das verdunstende Wasser hält die Luft sozusagen im Bad,
ewige natürliche Finsternis waltet, keine Erschütterung bewegt den
Spiegel, und die Temperatur bleibt unabhängig von allem Wechsel der
Jahreszeiten bei 12 bis 14 Grad Celsius.
Als menschliches Gefängnis wäre das die greulichste Folterkammer,
vergleichbar der römischen, wo sie den Sonnenkönig Jugurtha einst
verschmachten ließen. Der Olm aber findet hier sein Paradies. Hier
läßt er sich in vollkommener »Naturtreue« studieren, womit zugleich
dann für abändernde Experimente in oberirdischen, erhellten und anders
temperierten Aquarien die nötige Kontrolle gegeben ist.
Das erste, was Kammerer enträtselte, war die Fortpflanzungsgeschichte
des Olm. Die Grottenführer in Adelsberg und St. Kanzian hatten stets
behauptet, der Olm bringe lebendige Junge zur Welt. Eine älteste,
genau protokollierte Beobachtung schien das zu bestätigen. Andere
Befunde aber widersprachen ebenso entschieden. In den achtziger
Jahren des neunzehnten Jahrhunderts erlebte eine höchst vorzügliche
wissenschaftliche Beobachterin, Fräulein von Chauvin, daß ihre Olme
im Aquarium Eier legten, und ein anderer Forscher sah aus solchen
Eiern auch die jungen Tiere hervorgehen. Neuerdings aber war in einem
solchen Aquarium rein unbegreiflicherweise auch wieder vorgekommen,
daß ein Weibchen statt der zahlreichen Eier einen einzelnen, schon
recht stattlichen Olm lebendig zur Welt gebracht hatte. Findige Köpfe
hatten also schon die Vermutung aufgestellt, es gebe zwei verschiedene
Olmarten, die sich in dem Punkte entgegengesetzt verhielten. Kammerer
konnte dagegen jetzt folgendes als sicher festlegen.
Die Fortpflanzungsform des Olm ist abhängig von der Temperatur
des Wassers, in dem man ihn hält. Hielt man ihn bei weniger als
15 Grad Celsius (also in der besagten unterirdischen Zisterne der
Versuchsanstalt), so brachte er unter allen Umständen lebende Junge
zur Welt und zwar normalerweise nur je zwei, die bereits ziemlich groß
waren und schon alle vier Beine besaßen. Diese zwei hoffnungsvollen
Sprößlinge hatten sich bereits im Mutterleibe als die alleinigen Sieger
bewährt, indem sie den ganzen nicht entwickelten Rest der Eier dort
einfach aufgefressen hatten, ein Kampf ums Dasein und embryonaler
Kannibalismus schon vor der Geburt, den man nur mit einigem Grausen
verzeichnet!
Hielt man den Olm dagegen in Aquarien mit Wasser, das wärmer war als 15
Grad Celsius, so legte er ebenso konsequent stets Eier und zwar diesmal
bis zu 60 an der Zahl, aus denen entsprechend viele noch fußlose Junge
erst nachträglich auskrochen; diese Jungen dauernd am Leben zu erhalten
gleich den anderen, gelang aber nicht.
Und schon letzteres deutete darauf, wo der _natürliche_ Fall liegt: in
ihren heimischen Grotten entspricht die Temperatur stets nur der in
der Wiener Zisterne -- der Olm bringt also auch dort unabänderlich nur
seine zwei lebendigen Jungen hervor, während das Eierlegen nur eine
Aquariumskünstelei ohne weiteren Erfolg ist.
Daß es sich nicht um zwei verschiedene Arten des Olm handeln kann,
wurde ebenso evident, als bei Kammerers Versuchen ein uraltes, schon
über zwanzig Jahre in der Gefangenschaft gehaltenes Olmweibchen zuerst
im warmen Becken Eier legte und dann selber, in die kühle Zisterne
zurückversetzt, dort wieder zwei lebendige Jung-Olme brachte. Licht
oder Dunkelheit beeinflußt die ganze Sache nicht. Wohl aber beginnen
hier für sich wieder interessante Versuche Kammerers, die jetzt die
persönliche Abänderung des künstlich belichteten Olms betrafen.
Wenn man erwägt, daß die Olme doch höchstwahrscheinlich schon seit
Jahrtausenden Generation um Generation ihr Wesen in stygischer
Finsternis treiben, so wäre es wahrlich naheliegend, zu denken, daß ein
erzwungenes Leben im hellen Licht jeden Olm notwendig töten müsse. Das
gerade Gegenteil ist der Fall.
Will man den Olm in seinen Naturbedingungen studieren, so muß man
ihn natürlich möglichst dunkel halten. Man _kann_ ihn aber ebensogut
ans Tageslicht gewöhnen. Bloß bekommt er dann Pigmenteinlagen in der
Haut: das heißt, er wird nach einer gewissen Zeit individuell aus
einem Weißen zum Neger mit dunkler, zuletzt blauschwarzer Haut. Diese
Umfärbung vererbt sich bei richtiger Stärke auch auf die Jungen, und
zwar auch dann, wenn diese Jungen selber wieder im Dunkeln geboren
worden sind und sich dort entwickelt haben -- wobei im Sinne moderner,
sehr kniffliger Vererbungstheorien allerdings noch offen bleibt, ob
hier ein echter Fall von Vererbung einer erworbenen Elterneigenschaft
vorliegt oder ob die Lichtstrahlen, die den Elternleib äußerlich
schwärzten, durch ihn hindurch auch schon die Eier und mit ihnen alles,
was je daraus werden sollte, für immer mitgeschwärzt hatten. Viel
wunderbarer als dieses erzwungene Negertum aber ist, was Kammerer
durch Belichtung beim Olm_auge_ erzielte.
Wie gesagt, ist das im Finstern unbenutzte Auge des erwachsenen Olms
hochgradig verkümmert; es entspricht in unserem normalen Menschensinne
einem linsenlosen, höchst defekten und ewig im Lid geschlossenen Auge.
Beim neugeborenen Jung-Olm ist das nun noch nicht ganz so. Das Auge
ist hier schon äußerlich deutlicher, erscheint als schwarzer Punkt;
innerlich besitzt es noch eine Linse, und es ist noch nicht so dick
von der Haut überwachsen. Man hat den Fall wie so oft: das Jungtier
spiegelt noch deutlicher die Ahnenstufe, die einmal für das Leben im
Licht taugliche Augen besessen hatte, während das erwachsene Dunkeltier
das Auge mehr auf der jetzt gültigen Stufe des Nichtgebrauchs
verkümmert weist. Kammerer stellte sich nun als Problem, was wohl mit
dem Auge werde, wenn man solche Jung-Olme im hellen Licht erzöge.
Der Versuch ergab zunächst eine Schwierigkeit. Die rasch im Licht
einsetzende Negerfärbung verdunkelte nämlich auch das schwache Häutchen
des Jungauges sofort so, daß eine tiefere Lichtwirkung darunter nicht
ferner möglich wurde. Alsbald aber half die Entdeckung, daß das Licht
einer roten Lampe nicht zu jener dunkeln Pigmentbildung führt, so daß
durch geschickte Abwechslung mit solchem roten Licht wenigstens der
Hauptschaden beseitigt werden konnte. Jetzt aber ergab sich das in
dieser Stärke denn doch überraschendste Resultat.
Junge Olme wurden während der ersten fünf Jahre ihres Lebens konsequent
in dieser Weise belichtet. Im ersten Jahre verharrten ihre Augen
einfach auf dem Jugendstadium, ohne sich in der sonst hier schon
eintretenden Weise weiter rückzubilden. Im zweiten Jahre schwoll das
Auge unter seiner Haut merkbar an. Im dritten wölbte es die ganz
dünn gewordene Deckhaut uhrglasartig vor. Im vierten schien eine
unverkennbare Hornhaut entstanden zu sein. Im fünften Jahre wurden
die Augen automatisch genau untersucht, und es zeigte sich folgender
Sachverhalt.
Die Deckhaut war so verdünnt, daß das Auge fast vollkommen an die
Oberfläche gerückt war. Die reine Größe des Augapfels hatte sich um
mehr als das Doppelte des im Finstern normalen Maßes verstärkt. Über
die Existenz einer Hornhaut konnte kein Zweifel sein. Geblieben, nicht
wie sonst stets beim erwachsenen Olm rückgebildet, war die Linse;
im Gegensatz zum Jugendstand hatte sie sich vielmehr noch um das
Achtzehnfache an Länge vergrößert. Als eine völlige Neubildung, die
noch nie, weder bei einem jugendlichen noch bei einem alten Olmauge,
sonst gesehen worden war, hatte sich aber sogar ein Glaskörper
entwickelt. Ebenso war eine Iris jetzt da, die eine deutliche Pupille
umschloß. Die Netzhaut war flächenhaft ausgebreitet und verdünnt, wobei
die Sehzellen gleichzeitig eine beträchtliche Vervollkommnung erfahren
hatten.
Mit einem Satz: man hatte ein _Lichtauge_ vor sich statt eines
Dunkelauges.
Entspricht der fertige Olm im ganzen einer kiemenatmenden Larve unseres
Feuersalamanders, so kann man sagen: diese neuen Augen des Lichtolms
entsprachen ebenfalls jetzt den zum dauernden, lebenslänglichen Sehen
bestimmten Augen einer solchen Feuersalamanderlarve.
Über den Grad der Sehfähigkeit selbst wagte Kammerer anfangs kein
Urteil, doch scheinen die neuesten Experimente die Bestätigung zu
bringen, daß dem fertigen Apparat schließlich eben auch der Gebrauch,
den man erwartet, wirklich zukommt. Und so schenkt uns das glänzende
Gelingen des ganzen Versuchs eigentlich einen neuen Olm: eine Lichtform
des Dunkelmolchs, die nicht mehr auf die finstere Grotte eingestellt
ist, sondern sich vollwertig neben die anderen Molche in diesem Punkte
fügt -- die in jedem sonnendurchglänzten Teich ebensogut leben könnte
wie irgendeine unsrer kiemenatmenden Lurchformen sonst.
Man ahnt aber, daß, was der Experimentator hier künstlich vollbracht
hat, auch die Natur wohl auf ähnlichen Wegen aus dem so bildsamen
Geschöpf hätte herausarbeiten können -- etwa wenn die dunkeln Decken
seiner Grotten sich gelegentlich durch irgendeine geologische Wandlung
wieder zur offenen, belichteten Klamm aufgetan hätten.
So schauen wir auf wirkliche Möglichkeiten geschichtlicher Umwandlungen
der Arten, und der schlichte Einzelversuch erhebt sich bis zu der Höhe
umfassendster biologischer wie philosophischer Fragen.
Die unsterbliche Amöbe
Der treffliche Burmeister, eine Prachtgestalt älteren deutschen
Gelehrtentums von echtem Schrot und Korn und ein Original dazu,
war in späteren Jahren dauernd nach Südamerika übergesiedelt, ganz
eingesponnen dort in seine Studien über das heutige kleine und das
ehemalige Riesengetier dieses seltsamen Stücks Erde. Als jüngere
deutsche Freunde ihn dort besuchten, mit ihm beim goldenen Wein saßen
und etwas verwundert waren, den uralten Patriarchen immer noch so
rüstig als Pionier auf der Schanze zu finden, meinte er wohl launig:
seine geistige Unsterblichkeit sei ihm ja ein Problem, aber woran er
nachgerade wirklich glaube, das sei seine körperliche Unsterblichkeit.
Der alte Herr hat zuletzt doch auch diese äußerste Forschungsreise
antreten müssen. An seinen Ausspruch aber muß ich denken bei einer
wissenschaftlichen Streitfrage, die jetzt auch schon über rund dreißig
Jahre zurückgeht.
Es war zu einer Zeit damals, als in der Naturphilosophie gerade einmal
besonders lebhaft wieder über geistige Unsterblichkeit debattiert
wurde. Da aber kam einer der allerbesten Köpfe unter den strengen
Fachnaturforschern (kürzlich hat auch er auf die große dunkle Wanderung
müssen) und stellte ganz friedlich den Satz auf: auf jeden Fall gebe es
auf unserem merkwürdigen Planeten körperlich unsterbliche Wesen.
Nicht der Mensch gehöre dazu, von dem das schwermütige polynesische
Liedchen singt, daß die Palme wachse, die Koralle sich breite, er aber
dahingehen müsse. Auch die Palme nicht und die Koralle nicht. Wohl aber
ein unsichtbares Reich, das lange in der Phantasie der Völker geradezu
mit Gespenstern bevölkert worden war.
Wenn früher die Pest oder eine ähnliche Masseninfektion durch die
Kulturmenschheit ging, so erschien sie wie ein böser Dämon, der
uns heimsuchte. Unsere Zeit hat diesen Dämon entlarvt. In unseren
Mikroskopen hat er sich als jenes Heer kleinster der kleinen,
einfachster der einfachen Lebewesen ausweisen müssen, als Geschöpfe vom
Bakterien- und Infusorienschlage.
Wir wissen jetzt, daß es auf unserer Erde zwei Hauptgruppen lebendiger
Organismen gibt: die einen, zu denen alle höheren Pflanzen wie Tiere
gehören, zusammengesetzt aus vielen, oft unfaßbar vielen Zellen; die
anderen zeit ihres Lebens nur bestehend aus einer einzigen solchen
Zelle. Unter diesen »Einzellern« aber befinden sich jene Massenmörder,
Massengifter, die bei jenen Krankheiten gegen uns wüten und deren wir
gerade jetzt in den schlimmsten Fällen Herr zu werden beginnen oder
doch hoffen.
Eben von diesen Einzellern aber stellte nun der große Forscher August
Weismann den verblüffenden Satz auf: sie hätten vor all den sonst so
viel höher entwickelten Vielzellern doch ein ungeheures voraus: nämlich
die Gabe körperlicher Unsterblichkeit.
Was kein Stein der Weisen, kein wundertätiger Quell Bimini uns jemals
hatte geben können, das sollte jede armselige mikroskopische Amöbe
besitzen seit Urtagen irdischen Lebens!
An sich ist wohl kaum je etwas Verblüffenderes streng wissenschaftlich
behauptet worden. Noch verblüffender aber wirkte die schlichte
Logik der Beweisführung, die ihren Faden vom allereinfachsten und
bekanntesten Sachverhalt zu spinnen schien.
Zunächst durfte man die Behauptung selbst ja nicht verkehrt fassen.
So ein Bazillus oder eine Amöbe oder ein Malariaparasit sind nicht
einfach todesfest im Sinne, daß man sie nicht gewaltsam umbringen
könnte. Sonst stände es schlimmer als schlimm um den großen Feldzug
unserer heutigen Medizin. Natürlich kann man auch sie gewaltsam
vergiften, verbrennen und so weiter. Was aber Weismann meinte, ist, daß
solcher Einzeller keinen _natürlichen_ Tod kenne.
Wir alle wissen um den gewöhnlichen, den so oft als tragisch
empfundenen Hergang bei dem höheren Wesen. Es wächst auf, es erreicht
eine gewisse Blüte seines Lebens -- dann, nach einer rund abgemessenen
Zeit, altert es wieder und stirbt endlich, auch wenn keinerlei
Gewalt es bedroht hat; inmitten auch des höchsten Glücks endet es an
Altersschwäche wie eine abgelaufene Uhr. Wohl mag es auf der Höhe
seiner Tage eine neue, lebenskräftige, wieder junge Generation von sich
haben ausgehen lassen, aber der neue, morgenfrische Aufstieg dieser
jungen Welt des Kindes ändert nichts an dem Altern und Sterben des
Vaters, der Mutter. So ist es bis zu uns. Der große Held, die edelste
Frau, der geniale Forscher oder Künstler, der Krösus und der Bettler:
sie schrumpfen und verfallen endlich wie ein welkes Blatt, wenn ihre
gewisse kurze Spanne erfüllt ist.
Ganz anders aber bei der Amöbe.
Auch ihr Leib, der nur aus einer Zelle besteht, wächst zunächst frisch
ins Leben hinein. Wenn ihm dieses Leben aber sonst kein besonderes
gewaltsames Ungemach bringt, so ist der weitere normale Verlauf, daß
dieser Leib auf der Höhe seiner Reife und Gesundheit sich einfach in
zwei lebendige Hälften teilt, von denen jede sich alsbald wieder zu
einem vollkommenen Geschöpf auswächst. Die so entstandenen zwei Amöben
stellen die Kinder dar, die das alte Leben mit frischer Kraft beginnen.
Zugleich aber ist das elterliche Wesen restlos in sie aufgegangen: es
ist keine Mutter etwa geblieben, die jetzt zu Altern und Tod bestimmt
wäre -- keine Leiche liegt auf dem Plan.
Die beiden Jungamöben aber werden es zu ihrer Zeit genau ebenso wieder
machen, werden wieder teilen und damit restlos in ihr Jungbad gehen,
ohne daß jemals ein natürlicher Tod sich einstellte.
Wenn nur einmal im Anfang der Zeit Leben auf der Erde entstanden ist
und die heute noch lebenden Amöben die Nachkommen der damals schon
gebildeten sind, so hat sich in Wahrheit in ihnen kraft dieser Methode
leibliches Leben bereits über hundert und mehr Millionen Jahre fort
weitergegeben ohne Todesriß.
Im einzelnen mag die Teilung selbst komplizierter sein, als man sich
früher dachte, auch recht verschiedenartig bei den verschiedenen
Einzellertypen, aber das Schlußergebnis bleibt immer das gleiche:
die körperliche Unsterblichkeit. Unfaßbar viele Pechvögel des
Einzellervolkes mögen auch in jener langen Zeit gewaltsam ihr Ende
gefunden haben. Aber die zahllosen, die noch immer überleben, überleben
auf Grund dieser Unsterblichkeit.
Der verblüffende Gedanke war aber kaum ausgesprochen, da begann auch
schon das hitzigste Turnier um ihn. Den meisten erschien er zu paradox,
als daß er wahr sein könnte.
Ein erster Gegenstoß ging davon aus, daß bei solcher restlosen
Aufteilung einer alten Amöbe in zwei verjüngte doch die alte
Individualität sich auflöse, also gewissermaßen mit ihr doch etwas
sterbe.
Aber diese Individualitätsfrage führt strenggenommen schon ins
seelische Gebiet, und Weismann hatte sehr geschickt immer nur von der
körperlichen Unsterblichkeit gesprochen. Mit der »Individualität«
erlebt man ja auch bei so manchen schon etwas höheren Tieren noch
die sonderbarsten Sachen. Noch einen Süßwasserpolypen kann ich in
zwölf Schnitzelchen zerhacken, und jedes Schnitzelchen ergänzt sich
prompt zu einem ganzen neuen Polypen; jetzt was ist auch hier mit der
Individualität des alten Polypen geschehen? Unser Denken kommt da
einstweilen nicht durch.
Gewiß aber ist, daß der alte Polyp, körperlich genommen, dabei nicht
getötet worden ist, denn zum Tode gehört eine Leiche, und keines der
zwölf Hackstücke ist als Leiche liegengeblieben. Genau so fehlte aber
die Leiche bei unserer Amöbe.
Vorsichtigere Kritiker wagten sich denn auch nicht auf dieses heikle
Gebiet, sondern versuchten einen wesentlich substantielleren Weg, um zu
prüfen, ob Weismanns Idee selber unsterblich sei: sie rückten ihr mit
dem unmittelbaren Experiment auf den Leib.
Wenn Weismann recht hatte, durfte sich auch in einer unabsehbaren Kette
genau kontrollierter Einzellergenerationen niemals ein natürliches
Altern, ein Altersverfall einstellen, der endlich doch noch zum
körperlichen Zusammenbruch dieser Kette führte.
Der Franzose Maupas züchtete also Hunderte von Generationen eines
gewissen Infusoriums und kam zunächst zu einem höchst bedenklichen
Resultat.
Die betreffenden Liliputaner teilten anfangs glatt, teilten wieder und
wieder, als liefe die Sache anstandslos auch hier in die Ewigkeit.
Aber nach einer Weile fielen sie ab, degenerierten, gerieten in
greisenhaften Stillstand, der das Ganze unvermeidlich doch noch auf den
Tod losführte.
Hätte man das Experiment hier für immer abgebrochen, so wäre Weismanns
Idee für immer widerlegt gewesen, die Leiche im Spiel war gefunden,
wenn sie auch erst nach hundert und mehr Teilungen erschien.
Aber Maupas mußte einen weitereren Sachverhalt feststellen, der alles
wieder umwarf.
Wenn man diese Infusorien nicht unter unnatürliche Bedingungen brachte,
sondern sich selbst überließ, so fanden sie, ehe noch jener scheinbare
Altersverfall sich geltend machte, aus eigener Kraft ein untrügliches
Mittel, ihm vorzubeugen.
Nach einer Reihe einfacher Teilungen veränderten sie nämlich plötzlich
ihr Fortsetzungsprinzip: sie verschmolzen zu je zwei und zwei, und
wenn jetzt aus dieser Mischzelle neue Teilungen weiter erfolgten, so
bewährten diese erneut die alte Jugend ohne jede senile Gefahr.
Der Vorgang war an sich sehr interessant, weil er schon eine Vorstufe
des Prinzips darstellte, das nachher im Liebesleben der höheren Tiere
und Pflanzen eine so kolossale und entscheidende Rolle spielen sollte.
Zur Sache zeigte er aber eine Regulierung, die Weismanns Idee erneut
glänzend zu rechtfertigen schien: denn ob nun Teilung oder Mischung: es
blieb dabei, daß keine Leiche das Spiel unterbrach.
Emsigste Kritiker wurden indessen nicht müde, nach dieser »Leiche«
weiter zu suchen.
Der Mischungsvorgang, hochinteressant wie er war, wurde selbst enger
aufs Korn genommen.
Es zeigte sich, daß die verschmelzenden Infusorien gleichsam einen Teil
ihres Eigengerüstes dabei abbrachen und erst neu wieder aufbauten.
Dieses Abbrechen wurde als versteckte Leichenbildung gefaßt, als sterbe
in jedem der beiden Geschöpfchen gleichsam seine eine eigene Hälfte
erst ab, ehe die andere zu neuer Lebenskraft sich mit der anderen von
drüben vereinige -- ein unsagbar raffiniertes Durcheinanderspiel von
Liebe und Tod fast im gleichen Moment.
Die Frage, ob das nicht wieder zu spitzfindig ausgelegt sei, machten
aber erneute Massenexperimente belanglos.
Calkins züchtete abermals lange Infusorienkulturen und konnte wiederum
feststellen, daß nach einer gewissen Kette einfacher Teilungen
die Lebenskraft haperte und die Uhr, bildlich gesprochen, anfing
nachzugehen. Zur neuen Regulierung auf das richtige Tempo bedurfte
es aber, so wurde diesmal offenbar, nicht immer jener Mischung von
Individuen. In vielen leichteren Fällen genügte Abänderung der Nahrung
und ähnliches schon.
Von da aber war nur noch ein kleiner Schritt zu der Möglichkeit
überhaupt, das Senilwerden der Teilgenerationen auch durch reine
Sorgfalt der Pflege und systematische Abwehr störender Außeneinflüsse
dauernd zu verhindern. Und auch diese Möglichkeit ist, soweit
menschliches Ermessen zurzeit reichen kann, inzwischen von Jennings und
Woodruff wirklich erwiesen worden.
Sie haben Infusorien durch 2500 Generationen gezüchtet und
kontrolliert. In diesem Falle trat weder Altersverfall ein noch
Vermischung. Angemessene Diät, die jede Störung der Lebenshaltung
ausschloß, genügte offenbar allein zur Selbstregelung der Lebensuhr.
Man konnte natürlich annehmen, daß bei der millionsten oder billionsten
Generation doch noch die Dinge haperten. Aber diese Annahme wäre eine
durchaus willkürliche, die einstweilen dem schlichten Sachverhalt nicht
entspricht.
August Weismann ist also bis zu seinem Tode der Ansicht geblieben,
daß er trotz aller Fehden das Spiel gewonnen habe. Der Sieg seiner
Grundthese bedeutete für ihn aber zugleich Sieg einer Folgerung, die er
daran geknüpft.
Wenn die einzelligen Wesen noch keinen natürlichen Tod kennen und
kannten, so muß dieser Tod also erst innerhalb der organischen
Entwicklung bei den vielzelligen Wesen entstanden sein. Er wäre keine
Ureigenschaft des Lebens, sondern erst eine spätere Zutat. Was aber
könnte diese »Zutat« bewirkt haben? Eine unheimlich gewaltige Frage!
Weismann war aber nun der Ansicht, daß unser menschliches Denken
so konstruiert sei, daß es rein wissenschaftlich alle solche
Entwicklungsfragen in der Natur nur lösen könne nach dem Begriff
»Nützlich« oder »Unnützlich«.
Bei den höheren Pflanzen und Tieren ist jenes Amöbenprinzip, das
elterliche Wesen restlos in die Jungen ausgehen zu lassen, verworfen
worden. In der Reife ihres Lebens produzieren sie bloß noch Keimzellen,
aus denen die junge Generation erwächst. Sie selbst bleiben auch danach
noch selbständig stehen. Warum leben auch sie als Eltern aber nun nicht
unsterblich fort?
Weil sie fernerhin überflüssig für die Erhaltung der Art sind,
meint Weismann. Alles Überflüssige ist aber zuletzt unnützlich im
Naturhaushalt und wird im Daseinskampfe endlich weggezüchtet, Jede
Funktion und jedes Organ schwinden, wenn sie für die Erhaltung der
betreffenden Lebensform überflüssig werden.
Franz Doflein, nach dem Rücktritt des ehrwürdigen alten Meisters jetzt
Weismanns Nachfolger auf dem Freiburger Lehrstuhl für Zoologie, hat
dagegen versucht, der Grundthese eine freundlichere Konsequenz für uns
selbst zu geben.