Verteidigungswaffe eines Tieres setzt bestimmte Giftdrüsen voraus,
die das Gift liefern. Solche Giftdrüsen kennt man im Reptilienbereich
von den Schlangen. Sie treten dort durchweg in Verbindung auf mit
besonderen Vorrichtungen an den Zähnen. Gewisse Schlangenzähne sind
durchbohrt oder wenigstens zu einer Rinne gefurcht zum Injizieren oder
Einlöffeln der giftigen Drüsenabsonderung beim Biß. Hier ist also alles
klar.
Eine Schlange aber ist nun keine Eidechse. Von keinem anderen Reptil,
also auch von keiner Eidechse, war in vieljährigen anatomischen
Untersuchungen je ein solcher schlangenhafter Giftapparat, weder
Drüse noch Hohl- oder Furchenzahn, jemals festgestellt worden. Und so
schien es zunächst geradezu ein Widersinn, der sich über grundlegende
systematische Unterschiede hinwegsetzen wollte, wenn einer mit einer
»giftigen Eidechse« kam -- mochte sie auch noch so verdächtig aussehen
und an einen Molch erinnern (der immerhin in der Haut etwas Gift führt,
wenn er auch nie giftig beißen kann), und mochte sie aus noch so
verwunschener Gegend stammen.
Eine Weile eröffnete sich also folgerichtig ein heftiger Kampf der
wissenschaftlichen Theorie, ehern begründet, wie sie schien, und etwas
selbstbewußt, wie einer guten Theorie zukommt, mit der Praxis des
unentwegt weiter geifernden und beißenden Gila-Tieres.
Gila-Tier, da half kein Mittel, behielt aber auf die Dauer die Oberhand.
Gila-Tier biß Hühner und andere Tiere, und sie starben prompt wie von
Schlangenbiß. Die Vergiftungserscheinungen gingen über Lähmung des
Atmungsapparats -- ganz wie bei Schlangengift.
Gila-Tier biß auch Menschen, und sie hatten ebenfalls fatale Folgen
davon. Der Biß brauchte ja nicht immer gleich tödlich zu sein; das ist
aber auch der Biß schlimmster Ottern nicht immer.
Das alles aber passierte nicht mehr bloß in der mondhaften
Arizonawüste, sondern auch im Zoologischen Garten, ja beim planmäßigen
wissenschaftlichen Experiment. Der Theorie aber wurde schließlich
leicht gemacht, klein beizugeben.
Denn anatomische Zergliederung des häßlichen Gilakopfs erwies eines
Tages gerade das, was sie zur hartnäckigen Voraussetzung genommen.
Gila-Tier _hatte_ tatsächlich im Unterkiefer zwei dicke, schlangenhafte
Drüsen, und seine Zähne waren ganz genau wie die Furchenzähne vieler
Giftschlangen mit einer Rinne versehen, durch die der ausgequetschte
Drüsengeifer direkt in die Bißwunde eingeträufelt werden mußte. Diese
Eidechse _hatte_ eben einen Schlangenapparat, und damit war das Wunder
der Wirkung sehr einfach aufgeklärt.
Immerhin war es ein großer Fund. Bis zum heutigen Tage ist keine
zweite »Gifteidechse« mehr zu der einen hinzuentdeckt worden. Auch ein
unmittelbarer Verwandter des Gila-Tiers, der seltsamerweise himmelweit
entfernt auf Borneo lebt, besitzt die höllische Waffe nicht. Die
Mondwüste am Gila hat hier wirklich etwas ganz Besonderes aus sich
geboren.
Warum aber gleicht das Gila-Tier nun auch dem Feuersalamander?
Von einer Nachahmung, die Schutz gewährte, kann dabei wohl nicht die
Rede sein, denn das große Scheusal ist selber doch ein ganz anders
wirksamer Gifter als der kleine, beißunfähige, bloß auf der Haut etwas
ätzende Molch.
Eher könnte man meinen, die Gifteidechse ahme den Molch nach, um bei
ihren nächtlichen Raubzügen im Revier gerade umgekehrt harmloser zu
erscheinen als sie ist.
Man hat aber die grellgelben Pustelflecken des Molchs auch so gedeutet,
daß sie mit ihrer Auffälligkeit größere Angreifer »warnen«, also schon
von fern aufmerksam machen sollten, daß es sich um ein giftiges, also
auf jeden Fall für sie ungenießbares Tier handle. Da aber nicht nur
hier, sondern auch bei anderen giftigen oder sonst ungenießbaren Tieren
stets als solche »Warnfarbe« gerade ein ähnliches Gelb oder Gelbrot
auftaucht, so wird man zunächst wohl auch an einen direkten chemischen
Zusammenhang zwischen Gift und diesem Gelb denken müssen, unbeschadet,
daß nachher auch noch solche Nutzzwecke sich mehr oder minder daran
angeknüpft haben könnten.
Warum diese natürliche Giftlivree die unheimliche Eidechse nun aber
wieder dazu gebracht haben sollte, ihre Schuppen auch in warzenhafte
Körner zu verwandeln, die vollends an nackte Molche und Kröten, die
Hautgifter und nicht Beißgifter sind, erinnern: das bleibt auch so noch
ein Rätsel.
Die Wunder des Gila-Tiers sind offenbar noch nicht zu Ende!
Im kürzlich vollendeten Berliner Aquarium, dieser größten neuen
Sehenswürdigkeit unserer Reichshauptstadt, ist es inzwischen lebend zu
schauen -- in seiner ganzen Scheußlichkeit gelagert auf einem Stückchen
künstlichen gelben Wüstenbodens seiner Mondwüste.
Die drei Augen der Blindschleiche
Es hat so manches Menschenkind gegeben, dessen wahre Taten im Guten wie
im Bösen längst vergessen sind, das aber unsterblich fortlebt in dem,
was von ihm gelogen worden ist.
Von einem der zierlichsten und, wenn man ihn nur genauer besehen will,
hübschesten Vertreter unserer heimischen Tierwelt gilt in stärkstem
Maße, daß seit alters sein Ruhm, Name und Wert durchaus nur der Legende
verdankt wird -- nämlich von unserer Blindschleiche.
Drei Volkslegenden sind es, die sich an sie heften, und alle drei sind
erstklassiger zoologischer Unsinn.
Eine Schlange soll sie sein, immerhin ein verzeihlicher Irrtum; in
Wahrheit ist sie eine echte Eidechse, die aber nach Schlangenart ihre
vier Beine abgeschafft hat und auf dem Bauche kriecht.
Giftig soll sie sein; ich erinnere mich des köstlichen Anblicks, wie
die sämtlichen Dienstleute eines großen Kuhstalls, ein ganzer Haufen
starker erwachsener Menschen, unter wildem Lärm mit Stöcken und
Mistgabeln gegen ein harmlos dahinkriechendes Blindschleichlein zu
Felde zogen, als gelte es einen Drachen zu erlegen; tatsächlich ist
diese kleine fußlose Eidechse unserer Heimat sowenig giftig wie die
andern Echsen, die sich dort am Rain oder auf dem Gemäuer sonnen.
»Blindschleiche« aber heißt der friedliche Geselle, weil die kopflose
Angst, die vor ihm davonlief, sich nicht Zeit nahm, zu beachten, was
er für zwar kleine, aber vollkommen wohlentwickelte zwei Äugelchen an
seinem Eidechsenkopf führt.
Gerade dieser dritte und letzte Irrglaube sollte in neuesten Tagen
von allen aber noch einmal der eigenartigste, der paradoxeste werden.
Denn eben diese »Blindschleiche«, der man gar keine Augen angedichtet
hatte, sollte mit zum besten Exempel werden bei einer höchst
absonderlichen Entdeckung, die auf dem Gebiete der Sehmöglichkeiten zu
den großartigsten gehört, die jemals gemacht worden sind.
Die Blindschleiche besitzt nicht nur jene zwei Augen, sondern sie hat
in Benutzung noch ein drittes, höchst geheimnisvolles Sehwerkzeug, das
uns Menschen fehlt!
Die erfinderische halbzoologische Sagenphantasie hat ja gern auch mit
der Zahl der Augen gespielt. Fabelwesen sollten Augen am ganzen Leibe
haben, wobei vielleicht die vage Kunde von herrlichen Vögeln unter
ferner Sonne mitspielte, wie dem Argusfasan, dessen Federn augenartig
aussehende Kugelflecken von berückendem Zauber zieren. Dem Neunauge
gab die Fischerphantasie »neun Augen«, wobei in Wahrheit Saugmund
und Kiemenlöcher mitgezählt auf die hohe Ziffer bringen mußten. Das
groteskeste Bild aber ist der Zyklop, der nur ein einziges Rundauge
mitten auf der Stirn führen sollte.
Für das einfache bestmögliche Sehen nach vorn ist die Lage unserer zwei
natürlichen Menschenaugen so gut, daß eine Verlagerung auf die Stirn
mit Wiederzusammenziehen in ein einziges Auge gewiß nicht als Vorteil
gelten könnte. Aber unwillkürlich drängt das Zyklopenauge auf etwas
Drittes.
Angenommen, das gewöhnliche Augenpaar ist neben ihm auch noch vorhanden
und genügt dem Blick in der Frontlinie; das Zyklopenauge aber rückt
noch etwas höher von der Stirn bis an die Scheitelwölbung: so entstände
plötzlich ein sehr großer Vorteil. Ein Wesen mit der Zutat eines
solchen »Scheitelauges« könnte nämlich (vorausgesetzt, daß es keine
Hüte trägt) bei Frontstellung auch noch nach oben oder (bei hoher
Scheitellage) einigermaßen sogar nach hinten sehen. Es beherrschte
ein weites Sehfeld mehr. In der Bedrängnis des Lebens aber bedeutet
Mehrsehen (auch den Feind noch sehen, der von oben oder hinterrücks
kommt) auf jeden Fall eine gute Schutzchance mehr.
Und wieder: was so mehr schützt und nützt, das hat die Natur immer
gern auch einmal wirklich gemacht. Seltsam also, daß es nicht da,
dort einmal einen Versuch wenigstens auch im wahren Naturhaushalt
gegeben haben sollte zu einem »Zyklopenauge« dieser brauchbaren Art
-- wenn nicht bei Menschen, so doch anderswo bei schädelbesitzenden
Wirbeltieren.
In den siebziger und achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, das
in der Tierkunde so ungeheure Fortschritte gebracht hat, verbreitete
sich in engsten Fachkreisen die Kunde, es könne vielleicht wenigstens
für ferne Urweltstage etwas dahin Gehendes wirklich vermutet werden.
Der ausgezeichnete Anatom Leydig hatte auf dem Scheitel über dem
Zwischengehirn junger Eidechsen von heute ein kleines Gebilde entdeckt,
das wie ein verkümmertes Restchen irgendeines ehemals hier sitzenden
Organs aussah. Andere deuteten es auf das Rudiment irgendeines
Sinnesorgans. Und man brachte es in irgendeine Verbindung mit einem
stummelhaften, verkümmerten, durchaus heute rätselhaften Gehirnteil,
der sogenannten Zirbeldrüse.
Dieser »Gehirnstummel« findet sich noch bei den höchsten Säugetieren,
ja bei uns Menschen erhalten, und er ist gelegentlich in der
menschlichen Gehirnforschung interessant oder, besser gesagt, amüsant
dadurch geworden, daß Philosophen in ihm den Sitz der »Seele« gesucht
hatten, nach dem Rezept: was wir im Gehirn mit gar keinem Zweck mehr zu
verbinden wissen, das muß wohl das Uhrrädchen für die »Seele« sein.
Jetzt schien es aber, als sei diese problematische Zirbeldrüse in
Wahrheit die alte Zentrale am Hirn für irgend etwas, das einmal hier in
der Scheitelgegend Anschluß gehabt hatte, heute aber zum toten Gleise
geworden war.
Bei den Säugetieren bis zu uns hatte man noch die Ruine der Zentrale,
bei den Eidechsen schien selbst das tote Gleis noch als solches
nachweisbar. Dirigieren und fahren aber tat heute anscheinend nirgendwo
mehr etwas dort.
Nun aber: die heutigen Tiere sind Enkel der Urweltstiere. Manches,
das hier heute nur mehr verfallenes Haus, zugemauertes Fenster,
»rudimentäres Organ« ist, war dort einst noch belebte Burg, offene
Schau, funktionierender Körperteil.
Findige Vorweltkenner konstatierten also, daß eine ganze Menge der
berühmten urweltlichen Saurier an ihren erhaltenen Schädeln noch ein
höchst charakteristisches Scheitelloch gerade an diesem verdächtigen
Fleck zeigten, so der berühmte Ichthyosaurus, die riesigen,
seeschlangenhaften Mosasaurier, die säugetierähnlichen Theromorphen vom
Kapland und andere mehr. Hier könnte ein sehr respektables Organ damals
gesessen haben -- ein Organ, das damals wohl noch funktionierte in
irgendeinem entsprechend respektabeln Lebenszweck. Was aber konnte das
für ein Organ gewesen sein?
Ein Forscher meinte, es sei vielleicht ein besonderes Wärmeorgan
gewesen, dessen sich diese alten Saurier, wenn sie faul in der
Tropensonne lagen, bedienten, um gleichsam ein Warnsignal gegen
Sonnenstich bei zu hoch steigender Scheiteltemperatur zu erhalten.
Das Vorhandensein des Organs gerade bei extrem wasserbewohnenden
Sauriern (wie dem Ichthyosaurus), andererseits das Fehlen seines Restes
bei unsern Krokodilen, die mit so besonderer Liebe in der Sonnenglut
duseln, sprach gegen diese kühne Vermutung.
Dagegen führte die genaue Untersuchung des heutigen Restes, wo er bei
Reptilien wirklich noch bestand, allmählich mit wachsender Sicherheit
auf eine andere Spur, nämlich daß es sich um ein Lichtorgan, also ein
Auge, gehandelt habe. Ein Scheitelauge (Parietalauge, wie der Forscher
in seiner Sprache sagt), das bei jenem alten Drachenvolk als drittes
Auge neben den beiden andern irgendwie in Tätigkeit gewesen wäre!
Man konnte an der heutigen Ruine noch mehr oder minder deutlich die
ursprüngliche Linse und die Netzhaut feststellen, und der alte Sehnerv
schien in der Tat wenigstens gegen die Nähe der heutigen Zirbeldrüse
verlaufen zu sein. Besonders wertvoll wurde bei diesen Studien die noch
auffällig gute Erhaltung des Organrestes bei dem einzigen heute noch
überlebenden Ursaurier der Triaszeit, der merkwürdigen Brückeneidechse
(Sphenodon) von Neuseeland.
Längere Zeit machte die Forschung hier halt.
Das »Scheitelauge« kam als Besitztum der Urweltler, an das heute noch
geringe Reste, obwohl in völlig gebrauchsunfähigem Zustande, gemahnen
sollten, in alle Lehrbücher, vor allem die am nächsten interessierten
geologischen.
Bis es dann in jüngster Zeit endlich einem Privatdozenten in Moskau,
Nowikoff, gelang, die ganze interessante Frage noch einmal neu
aufzurollen und auf eine unerwartete höhere Stufe zu bringen.
Nowikoff stellte nämlich nichts Geringeres fest, als daß bei unseren
bekanntesten heimischen Eidechsen, insbesondere unserer Blindschleiche,
das Scheitelauge auch heute noch gar nicht als unbrauchbarer Rest,
sondern in energischer Leistung vorhanden ist!
Verdächtig erschien Nowikoff, daß die Bindegewebsschicht, die das alte
Organ zudeckte, deutlich noch glasartig, also lichtdurchlässig war. Das
Organ nahm also heute noch Licht in sich auf. Es hatte auch eine Linse,
wenn schon eine schlechte. Es hatte einen Glaskörper, es hatte eine
(gar nicht so üble) Netzhaut, und es hatte einen Sehnerv zum Gehirn.
Vor so vollkommenem Apparat mußte die Frage akut werden, ob das lebende
Tier nicht tatsächlich das einfallende Licht noch »sehend« erfasse --
heute noch.
Anfangs mißlangen die Versuche, dem gefangenen Tier irgendeine Äußerung
abzulocken, ob es (bei Verdeckung der Seitenaugen) mit dem Scheitelauge
mindestens allgemein Licht empfinde. Schließlich aber glückte ein
anatomischer Beweis.
Auf der Netzhaut der seitlichen Augen trat bei diesen Reptilien (wie
anderswo) stets eine Änderung einer gewissen Pigmentverteilung ein, je
nachdem das Auge sehend Licht aufnahm oder im Dunkeln blieb; im Dunkeln
stellte sich die Netzhaut damit auf möglichste Ausnutzung auch des
schwächsten Dämmerlichts ein, bei greller Belichtung umgekehrt suchte
sie etwas abzublenden. Ganz genau die _gleiche_ Reaktion zeigte nun
die Netzhaut des Scheitelauges: auch sie _regulierte_ automatisch ihre
Lichtaufnahme, mußte also sehen!
Nach der ganzen Sachlage schließt Nowikoff, daß das »dritte Auge«
immerhin schlechter sieht als die beiden Seitenaugen. Die schlechte
Linse gibt wohl keine eigentlichen Bilder der Dinge. Doch unterscheidet
das Organ noch sehr deutlich Licht und Schatten. Und es unterscheidet
auch an der verschiedenartigen Reizung der halbkugeligen Netzhaut die
Richtung und Bewegung äußerer Abwechslungen von Dunkel und Hell.
In diesem Sinne hat das immer geöffnete Scheitelauge für ein
schwaches, sonst sehr schutzloses Tier, das gern auf hellbelichteten
Stellen ruht und dabei im Hitzedusel die Seitenaugen schließt,
immer noch einen ganz gewaltigen Vorteil. Es verrät ihm das Nahen
lichtabschwächender, anders belichteter, schattenwerfender Körper von
Angreifern. Man versteht, daß eine fest schlafende Blindschleiche durch
den Lichtwechsel geweckt wird und sogleich in der entgegengesetzten
Richtung flieht, wenn sich ein Mensch auch nur von fern ihrem Ort
nähert. Das Scheitelauge ist nur ein halbes Auge heute, aber es dient
noch immer einem ganzen Zweck!
Natürlich ist dabei nicht ausgeschlossen, daß es bei den urweltlichen
Sauriern _noch besser_ funktionierte als jetzt. So ist auch bei
Nowikoffs Studien wieder bestätigt worden, was andere schon vor ihm
vermutet hatten: es scheint auch an dieser Stelle ursprünglich ein
Augen_paar_ gelegen zu haben, so daß die echten Urweltler im ganzen
nicht weniger als vier Augen besaßen. Noch heute bemerkt man hinter
dem sehenden Scheitelauge einen zweiten Augenrest, der noch enger zur
Zirbeldrüse anlenkt, aber gegenwärtig wirklich ganz verkrüppelt bleibt.
Manches in der Lage und dem Gehirnanschluß spricht aber dafür, daß
ursprünglich auch diese beiden Scheitelaugen _nebeneinander_ anstatt
hintereinander lagen: erst bei Verkümmerung des einen scheint das
übrigbleibende sich vorgedrängt zu haben, so daß es jetzt die Spitze
der Reihe bildet.
Die Sage gab dem Schlangenscheitel ein funkelndes Krönlein. Vielleicht
ist die Wahrheit doch noch niedlicher, die hier das Haupt eines Reptils
mit einem feinen Lichtdeuter krönt, dessen Funkeln schutzbringend in
sein eigenes Gehirn glänzt.
Neues von den Wundern des Olm
Wer je einmal durch eine echte, ganz enge Gesteinsklamm -- etwa in
unserer Sächsischen Schweiz -- gewandert ist, der wird einen gewissen
beängstigenden Gedanken kennen.
Immer schmaler wird gelegentlich der tief eingesägte Spalt, immer
kleiner der Ausschnitt Himmelsblau darüber; eine einzige größere
Felsennase, ein einziger alter Fichtenstamm, der sich dort fast im
rechten Winkel von seiner zäh in einen Riß der Wand eingeklammerten
Wurzel dem kargen Licht entgegen abbiegt, scheint die Öffnung schon
fast ganz versperren zu können. Wie, wenn der Raum oben noch enger
würde, wenn eine ganz feste Decke sich zusammenschlösse? Dann würde der
Maulwurfsgang, den das Wasser sich im leicht löslichen, spaltenreichen
Kreidegestein hier unten genagt, ganz finster liegen. Keine Sonne,
kein Stern schauten mehr hinein. Kein Baum grünte mehr. Gespenstig nur
murmelten die schwarzen Wasser durch den schwarzen Tunnel. Wasser, die
irgendwo in einem abgrundtiefen Loch niederstürzend sich geheimnisvoll
hier hineingefunden und jetzt Stunde um Stunde in absoluter Finsternis
dahingingen, im größeren Gewölbe schwarze Seen bildend, im engsten bis
zur Decke den ganzen Schacht erfüllend.
Es ist die wahre Situation der unterirdischen Höhlenflüsse und gänzlich
geschlossenen Höhlenklammen des Karstgebirges im adriatischen
Küstengebiet Österreichs, was die ängstliche Phantasie sich hier
ausmalt.
Das wühlende, den morschen Stein zerfressende Wasser hat dort nicht
bloß von oben Rinnen und Kessel getieft: es hat ganz im Unterirdischen
selbst Labyrinthe angelegt, die nur bei künstlichem Licht besucht
werden können.
Als zum erstenmal eine Sage im Lande von diesem Tartarus der Tiefe
entstand, knüpfte sich aber gleich auch der Glaube an scheußliche
Drachenbrut daran, die da unten hausen sollte. Wir denken heute mit
einigem Lächeln, aber doch auch etwas unwillkürlichem Gruseln an
Jules Vernes Erfindung, daß in solchen nachtverhangenen Urwassern
des Erdengrundes noch die Ichthyosaurier der Urwelt fortlebten.
Davon ist nun leider nichts wahr gewesen. Aber ein Tier vom alten
amphibisch-reptilischen Drachenstamm, soweit ihn auch der Naturforscher
kennt, wurde wirklich in der Folge da drinnen im schwärzesten Styx
gefunden, ein körperlich kleines Geschöpf, aber darum vielleicht das
größte Tierwunder unseres ganzen Erdteils.
In unseren offenen Gebirgsklammen begegnet man auf dem feuchten Moos
wohl jenem wie schwarzes Leder mit goldgelben Pusteln glänzenden
Feuersalamander. Dieser ebenfalls kleine, aber sagenumwobene
Drachenverwandte liebt Regen und Nässe, aber in seinem gewöhnlichen
Lebensbrauch ist er doch ein Landtier und Freiluftatmer. Nur
seine Wiege steht im reinen Wasser. Dort macht er, ehe er als das
schwarzgoldene Wappentier ans Ufer kriecht, ein Kinderstadium
der zierlichen Wasserlarve durch, die mit einem Ruderschwanz
dahinschwänzelt, erst nach und nach Beinchen bildet und am Halse
jederseits wie einen kleinen Federbüschel noch die Kiemen des echten
fischhaften Wasseratmers führt.
Einer solchen Molchlarve nun, die aber überhaupt nie zum Landtier
wird, ewig im Wasser, und zwar im schlechterdings finsteren der
unterirdischen Karsthöhlen verharrt, gleicht das Wunderwesen von
Adelsberg -- der Olm.
Langgestreckt wie ein Wurm oder Aal ist des Olms Gestalt, mit
spatelförmiger Langschnauze und vier winzigsten Beinchen. Wie
neueste Forschung lehrt, ist das eine Anpassungsform seines Leibes,
entsprechend der Gewohnheit, sich am Boden des Seichtwassers seiner
Höhlenschlünde in den nachgiebigen Schlamm einzugraben, wobei die
Schnauze bohrt und die Beinstummelchen bloß nachschieben.
Das »Menschenfischlein« nennen ihn die Grottenfischer, denn dieser
Wurmleib ist fleischfarben-farblos, ohne dunklere Pigmentschicht wie
ein nackter europäischer Mensch: eine Wirkung der ewigen Nacht.
Mit Staunen aber sahen die ersten wissenschaftlichen Olmforscher
diese Nacht auch waltend noch in einem ganz besonderen Zuge seiner
Organisation. Sven Hedin erzählt uns von den büßenden Einsiedlern in
Tibet, die sich bei karger Nahrung vierzig und mehr Jahre in dunkler
Zelle einschließen lassen; als solcher Eremit im Alter noch einmal
ans Licht gekommen, sei sein Auge farblos und blind gewesen. Und ein
ähnlicher Kerkerheiliger erscheint uns auch der Olm.
Beim erwachsenen Tier erweist sich das Auge als verkümmert, die Linse
fehlt, und ihr Platz ist durch eine Wucherung der Netzhaut ausgefüllt,
während gleichzeitig die äußere Körperhaut in voller Dicke das ganze
Auge bedeckt, ihm also dauernd den Charakter eines »geschlossenen
Auges« ohne Möglichkeit eines Lidaufschlagens verleiht.
Seit über hundert Jahren bemüht sich die Wissenschaft jetzt um diesen
Olm und seine Wunder.
Nur einen einzigen Genossen auf der großen Erde hat er hinsichtlich
seiner Lebensweise in der Zeit bekommen: beim Anbohren eines
artesischen Brunnens in Texas in Nordamerika kam gelegentlich auch dort
rein zufällig ein olmartig blinder, farbloser Höhlenlurch, ~Typhlomolge
rathbuni~, zutage, ohne daß sich doch aus dieser Entdeckung bisher viel
weitere Aufschlüsse ergeben hätten. Der systematischen Stellung nach
schloß sich dieser Amerikaner nicht an den Olm selbst, sondern die
unten noch zu besprechenden lungenlosen Spelerpesmolche an.
Die außerordentliche Schwierigkeit, die aus der ganz absonderlichen
Lebensart dieser Höhlengäste zu erwachsen schien, wollte lange den
Fortschritt unserer Olmkenntnis trotz eifrigster Arbeit immer wieder
lähmen. In letzter Zeit aber ist das nun doch endgültig anders
geworden. Zu Wien, mitten im lustigen Prater mit all seinen Wurstbuden
und Schießbuden und Schaukeln steht ein stilles Haus, das der
bedeutsamsten Forschung geweiht ist: die Biologische Versuchsanstalt.
In eifriger Feinarbeit werden dort durch das Experiment am lebendigen
Tierkörper Fragen an die Natur gestellt. Ob erworbene Abänderung der
Färbung sich vererbe, ob ein in der freien Natur fest eingebürgerter
Instinkt sich umzüchten lasse unter künstlich veränderten Bedingungen
und ob auch das schon vererbungsfähig sei und so weiter. Hinter dem
Ganzen steht als treibende Idee wesentlich jene Forschungsart, die
von dem großen Physiologen von Halle, Wilhelm Roux, als sogenannte
»Entwicklungsmechanik« mit wachsendem Glück begründet worden ist.
Erstaunlich über alle Erwartung scheinen auch die Erfolge schon des
kleinen Hauses im Prater, insbesondere durch die rastlose Tätigkeit
Paul Kammerers dort. Und vor dem planmäßigen Angriff Kammerers hat nun
neuerdings auch der kleine zähe Finsterling, der Olm, endlich einiges
mehr von seinen Geheimnissen ausplaudern müssen.