Welt gibt, so hat sie offensichtlich zur Sühne uns Menschen den Kampf
_um_ den Maulwurf auferlegt.
Unsere Menschheit fängt gegenwärtig an, so ungeheuer klug zu werden,
daß man fast mit einigen Ängsten an das Wort denkt, daß allzukluge
Kinder nicht alt werden. Wir wissen, was für Stoffe in den Sonnen des
Andromedanebels glühen, wir erzählen uns, daß der Lichtdruck Tröpfchen
von 0,00016 Millimeter Durchmesser bewegt und daß auf jedes solcher
Tröpfchen 96 Millionen Moleküle gehen, und wir werden demnächst wohl
über den Gaurisankar fliegen ... in solchen Momenten ist es aber
nützlich und spricht doch für eine etwas längere Lebensdauer, daß wir
noch immer nicht genau die Geheimnisse des Maulwurfshaufens kennen.
In einer geordneten und sozusagen approbierten Wissenschaft ist der
Maulwurf trotz seines blauen Fellchens immerzu bis heute der roteste
Revolutionär.
Mit seinem heimischen Genossen, dem Igel, hat er im System so lange
rumort, bis man ihm und seinen Vettern glücklich eine ganze eigene
Säugetierordnung hat einräumen müssen, die der »Insektenfresser«,
deren Name besonders gut auf den Maulwurf paßt, indem er nämlich
hauptsächlich Regenwürmer, die bekanntlich keine Insekten sind, frißt.
Auch dann aber noch sind mit ihm immerfort ärgerliche, wie Fontane
sagen würde: genierliche Sachen passiert.
Das ganze so sehr zu preisende neunzehnte Jahrhundert hindurch ist
eine (immer dieselbe) Abbildung seiner unterirdischen Burg durch alle
Fachwerke gegangen, die nach Ansicht neuester Kritiker nur den einen
Fehler hatte, daß sie mindestens als Regel verkehrt war. Auch mußte
gerade bei ihm der doch gewiß nicht alltägliche Fall sich ereignen, daß
die Anatomen eine Zeitlang die Weibchen mit den Männchen verwechselten,
eine mindestens unhöfliche Geschichte. Doch der eigentliche »Fall
Maulwurf« beginnt erst mit einer dritten Situation, nämlich bei der
Frage, ob er ein Racker oder ein Engel in seinem Verhältnis zu uns sei.
In der besagten hübschen Geschichte bei dem stets unparteiisch
warmherzigen Altmeister Busch setzt der brave Gärtner sich bei dem
vernichtenden Schaufelstoß gegen den Mull zugleich hinterrücks in
die Spitzen der Gartenharke. Und das ist gewissermaßen ein Symbol
der Maulwurfsfrage im ganzen. So leicht wir den kleinen Samtkerl
hochprellen und aufs rote Näschen hauen können -- dieses rote
Näschen, das ein so unfaßbar feiner Fühlapparat für die leisesten
Zitterbewegungen des Erdreichs ist, daß man es schon ernstlich unseren
großen menschlichen Seismographen oder Erdbebenmessern vergleichen
möchte --: das Problem ist, inwieweit wir uns dabei alle miteinander
dauernd auf eine Gartenharke in unserer Kultur setzen könnten, die uns
tückisch ins gegenseitige Fleisch sticht.
Der Bauer, das »Volk« überhaupt, ist seit alters der zähen Meinung,
daß der Maulwurf ein unleidlicher Schädling sei. Die Dorfgemeinden
stellten, wie Kreuzotterfänger, so besondere Maulwurfsfänger an,
in manchen Gegenden »Schärmäuser« genannt nach dem süddeutschen
Maulwurfsnamen »Schärmaus«, der auf ~scero~ zurückgeht und mit dem
Anschluß an die Maus deutlich schon das Böse hineinschmuggelt; denn was
eine echte Maus ist, ist immer ein Unnutz.
Wer nun Volkesstimme ohne weiteres in der Naturgeschichte für
Gottesstimme zu halten geneigt ist, der wird darin einen vollgültigen
Beweis sehen, und das Volk hat ja gewiß so manche alte Weisheit, von
der auch Forscher noch lernen können. Aber daneben flattern durch die
Volksnaturgeschichte auch ebenso sicher allerhand Gespenster. Der
Bauer, der die Fledermaus für ein verderbliches Scheusal hält, das
in die Haare fliegt und ihm im Schornstein den Speck wegfrißt, oder
der die nützliche Eule als Unhold übers Scheunentor nagelt, wird uns
schwerlich für den Nutzen und Schaden des Mulls, wenn er ihn für eine
wurzelfressende Maus hält, kompetent sein können.
Die erste Tat des Forschers war also auch der Nachweis, daß unser Mull
kein Nagergebiß habe, sondern ein Raubtiergebiß, das in seiner Weise
sogar das der echten Raubtiere noch übertrumpfe und jedenfalls, wie es
im Märchen heißt, in seinem Reich »Vieh und Leut« fresse, aber nicht
Rüben.
Wie alles Wissenschaftliche auch immer einmal wieder angezweifelt zu
werden pflegt (an sich kein Schaden!), so hat man diese Räubernatur
gelegentlich zwar bestritten, aber ohne Glück. Wollte doch gar einer
(wie Meister Heck im neuen Brehm erzählt) den leibhaftigen Maulwurf
gesehen haben, wie der niederträchtige Kerl halb aus seinem Loch vorkam
und ein Rübenblatt nach dem anderen abknabberte. Hier aber möchte man
wohl den alten Satz anwenden: es hat einer manches gesehen, und es
ist doch nicht wahr. Mit einer Einzelbeobachtung auf falscher Fährte
kann man auch beweisen, daß der Hund Gras fresse, und ein so famoser
Beobachter wie der alte Adolf Müller hat allen Ernstes einmal sogar den
Kuckuck brüten »sehen«.
Wenn aber unser Mull wirklich ein »Tierfresser« ist, so scheint doch
seine Nützlichkeit erwiesen; denn was soll er in seinen unterirdischen
Labyrinthen, wo er das Erdreich auf wahren Atlasschultern im kleinen
trägt und wälzt, anders fressen als wirkliche Schädlinge des Landmanns,
-- mit den bösesten, den Engerlingen, voran?
Indessen hier kamen die Gärtner und verwiesen auf den »Wühler«.
Was er schließlich fresse oder nicht fresse, das sei das ganz
Nebensächliche. Aber mit seinem unterirdischen Pflügen und
oberirdischen Bergbauen kreuze er immerfort das Werk des Menschen
an den Stellen, wo die Erde ein Schmuck -- etwa in einer prächtigen
Parkwiesenfläche -- und nicht ein schmutziges Bergwerk mit Stollen und
Halden sein solle. Gerade hier aber war nun wieder und erst recht etwas
auch nach der anderen Seite Hochbedeutsames angeschlagen.
Für die schöne Außenseite des Parks, dessen Ideal eine smaragdene
Grasfläche ohne Makel ist, oder im Beet mit seinem kleinen
Pflanzenvolk, das in der Wurzel nicht gelockert sein will, mag der
Bergmann im Samtröcklein verpönt bleiben. Aber wir verdammen doch nicht
in Bausch und Bogen unseren menschlichen Grubenbetrieb bloß deshalb,
weil es nicht hübsch wäre, wenn er vermöge deplacierter Wahl seines
Arbeitsfeldes die Peterskirche zum Einsturz brächte oder den Berliner
Tiergarten mit schmutzigem Schutt durchsetzte. Gerade als Bergarbeiter
ist unser Maulwurf wirklich noch etwas ganz anderes als bloß ein
Fresser und Nutzfresser, und dieses andere scheint zunächst erst seinen
_eigentlichen_ Wert zu berühren.
Mit kurzem Wort gesagt: der Maulwurf gehört hier zu den »geologischen
Tieren«.
Geologische Tiere sind Tiere, die nicht bloß auf der gegebenen
Erdscholle leben, lieben und herumfahren, sondern es sind solche, die
an der Bildung und Umbildung unserer Erdrinde selber aktiven Anteil
nehmen, also im recht eigentlichen Sinne »geologisch« für jene anderen
mit wirksam sind.
Tiere dieser Art hat es seit den ältesten Tagen der Erdgeschichte
immer wieder in Masse gegeben, und durchweg war ihre Arbeit von der
allergrößten Bedeutung.
Die Korallentiere gehörten dazu, die schon in der Urwelt Kalkriffe
gebaut haben, deren Ruinen jetzt hohe Berge bilden, und die heute
noch im Stillen Ozean die Umrisse längst versunkener Inseln in zähem
Konservativismus durch ihre aufgesetzten Mauern erhalten, als sei alle
geologische Elementarbeit zu schwach, ihre eigenen und eigensinnigen
Wege zu hemmen.
Nicht alle »geologischen Tiere« aber bauen selber in Korallenweise
neuen Grund. Andere verarbeiten nur das Vorhandene -- gerade das aber
kann wieder für dritte, gleichsam bloß genießende Wesen erst recht
von höchstem Nutzen sein. Sie arbeiten mit an der Umwandlung der
ursprünglich mehr oder minder starren Gesteinsrinde unseres Planeten
in eine dem übrigen Leben, vor allem dem Pflanzenleben brauchbare
Erdkrume. In der vorhandenen Krume lockern und lüften, karren und
fahren und bewässern sie unablässig, als wären sie selber angestellte
Gärtner und Bauern im Dienste des großen Naturparks oben, ohne Wissen
natürlich von dem Nutzen im irdischen Gesamtspiel, bloß auf ihren
eigenen Gewinn bedacht, aber durch die Verkettung der Dinge immerfort
ein reger Faktor von höchstem Wert für alles, was mit Wohl und Weh des
großen Erdengartens zusammenhängt.
Und auf diesem letzteren Felde schafft nun auch der Maulwurf.
Mit seinem Wühlen und Hochstoßen durchlüftet er den Grund und
Boden aufs glücklichste und schafft auch der Feuchtigkeit besseren
Eingang, so daß er überall da, wo es nicht auf das schöne Aussehen
der Oberfläche oder eine sehr zarte Kultur ankommt, ein unentwegter
Förderer des Pflanzenwuchses wird, dessen sich auch der Mensch in
unzähligen Fällen freuen muß. Das hat schon der alte Tierkundige Gesner
im sechzehnten Jahrhundert geahnt, wenn er sagte: »Ich hab von etlichen
bauleuthen vernommen, daß sie kein Schärmauß auß den wisen oder matten
schlagen, vermeinen, der boden in den wisen müsse also gleich wol unten
erbauwen werden als das väld mit dem Pflug.«
Nimmt man nun hinzu, daß der unterirdische kleine Pflüger zugleich aus
jeder Furche, die er ritzt, die wirklichen Pflanzenverderber, wie den
bösen Engerling, absucht und vertilgt, so meint man, es könne nicht
leicht einen braveren Helfer für uns geben.
Aber der wahre Naturhaushalt ist ein verwickeltes Ding -- immer noch
wieder um ein Geheimfach verwickelter, als wir auf rascher Suche ahnen.
Eben als solches »geologisches Tier« kommt unser Mull auf seiner
unterirdischen Jagd nämlich in Konflikt mit einem anderen »geologischen
Tier«, das jetzt als solches _noch_ weit nützlicher für das
Pflanzenleben und damit für uns ist -- mit dem wirksamsten und zugleich
nützlichsten, das es von echten Tieren da unten in der Scholle
überhaupt gibt -- nämlich mit dem Regenwurm.
Hoch klingt heute das Lied vom Regenwurm in unserer Bodenkultur.
Der alte Darwin, den die meisten nur von seiner Abstammungstheorie
kennen, der in Wahrheit aber auch hunderterlei anderes in unsagbarem
Beobachterfleiß ergründet hat, ist zuerst sein Prophet geworden.
Der Regenwurm treibt zunächst ganz das gleiche als praktischer Geologe
wie der Maulwurf, bloß noch gründlicher und weniger stürmisch. Er
lockert den Boden, durchsetzt ihn mit senkrechten Röhrchen, die
den Pflanzenwurzeln erwünschten Raum bieten, er durchlüftet und
durchfeuchtet ihn, läßt das Wasser und die Kohlensäure auch an die
tieferen Schichten heran.
Aber noch unvergleichlich viel mehr tut er als der Maulwurf. Indem er
in der bekannten Weise welkes Laub in seine Erdhöhlen zieht, düngt er
regelrecht auch den Grund, in dem er lebt. In der harten Erde weiß er
aber dieses Düngens noch einen praktischeren Weg.
Wie der Märchenjunge im Breiberg frißt er sich durch diese Erde einfach
durch, indem er sie aufweicht, in sich aufnimmt und die innerlich
verarbeitete dann oben auf der Decke in natürlicher Weise wieder
absetzt. Nicht ganz im Rahmen parlamentarischer Redeformen tut er das,
aber nützlich, unendlich nützlich für die Güte und Ertragskraft des
Bodens!
Geradeso entsteht erst die allerfeinste, weichste Pflanzenerde.
Zugleich wird das Erdreich unablässig von oben nach unten gearbeitet.
Der Wiesenboden oben wird beständig erneuert, er glättet sich, da auf
die Dauer jeder störende Stein bei dieser konsequenten Umkrempelung in
die Tiefe absinken muß, ja zuletzt sind diese armen Würmer im Lauf
der Jahrtausende regelrechte Erdbaumeister, die das ganze Bild da oben
bestimmen, die begraben und versenken und überschütten, den Granitblock
wie die gefallene Tempelsäule. Immer aber bleibt ihr Geschenk an uns
die köstliche Erdkrume in vollendetster Gestalt.
Ja wohl nun: der Maulwurf frißt Engerlinge und andere Schädlinge, aber
viel mehr noch und zumeist frißt er eben diese seine geologischen
Mitarbeiter, die Regenwürmer!
Seine wie ein unterirdisches Spinnennetz ausgebreiteten Labyrinthgänge
pflegen gerade so zu liegen, daß die Würmer sie bei ihrem Tagewerk
immerfort durchschneiden müssen, wobei sie dann wie die Fliegen unter
das Messergebiß des kleinen Minotaurus fallen, während die Engerlinge
nur gelegentlich einmal hineingeraten. Unglaubliche Massen von Würmern
werden so vertilgt. Und der barbarische Zyklop kerkert sich sogar ganze
Wintervorräte lebender Wurmopfer ein, deren ein sicherster neuerer
Beobachter, Dahl, in einem einzigen Maulwurfsbau 1280 Stück in einem
Gewicht von 2,13 Kilogramm gefunden hat. Und so sänke der Kurs des
Maulwurfs abermals.
Mancher ausgezeichnete moderne Tierkundige ist da wieder ganz und gar
zum Zweifler geworden. Der treffliche Züricher Nutztierforscher Conrad
Keller möchte schon die alten Schärmäuser bei den Flurkommissionen
wieder anerkannt sehen, und auch Heck hat wenigstens seine Bedenken.
Ich aber meine, es langt noch wieder nicht zum hochnotpeinlichen
Beschluß.
Zunächst ist die Zahl der Regenwürmer derartig Legion, daß das
Dezimieren im Einzelfall meines Erachtens gar keine Rolle spielt --
abgesehen davon, daß im Einzelfall ihrer auch in einer Kultur zu viele
werden können, also ein gewisses natürliches »Abschießen« sogar eher
nützt. Eine Rechnung von Hensen setzt auf ein Hektar Gartenland mehr
als 100000 Würmer an, das gibt 130 Kilo Fleisch. (Schade, daß wir uns
nicht daran gewöhnt haben, Regenwürmer zu essen. Oder sollten wir nicht
einmal ... wer fängt an?) Auf dieses arbeitende Stück Geologie sind
jetzt seit etwa drei Millionen Jahren (diese Insektenfresser reichen
sehr wahrscheinlich bis in den Ausgang der Kreidezeit zurück) die
Maulwürfe gehetzt, und doch ist die Zahl und auch offensichtliche Macht
der Würmer heute noch in solchem Flor. Aller Vermutung nach wird die
Sache also darauf hinauslaufen, daß im bestehenden, von Menschenhand
nicht veränderten Naturhaushalt die Massenproduktion des Regenwurms
auch den Maulwurf noch erträgt.
Vielleicht, wenn man an darwinistische Anpassungen denken will, hat
sie sich im Laufe der Zeiten unmittelbar auf eine Überproduktion
eingestellt, die den dort entfallenden Abzug im Gesamtspiel schon
gleichsam vorsorgend ersetzt; bei einer Menge von Tieren, wo zum
Beispiel die Jungen stark bedroht sind, glaubt man ja ganz deutlich
solche Regulierung wahrzunehmen, die sich in einer ungeheuren
Überproduktion von Jungen kundgibt auf die Wahrscheinlichkeit hin, daß
von unzähligen doch nur so und so viele erhalten bleiben -- wobei aber
diese »so und so vielen« vollauf zur Erhaltung der Art genügen. Auf der
anderen Seite ersetzt aber der Maulwurf durch seine eigene nützliche
geologische Arbeit selbsttätig wohl auch noch das, was eventuell dort
bei den Regenwürmern als Manko durch ihn ausfallen könnte. Und so
rückte sich dieses Konto doch wieder wenigstens ins Reine, wenn auch
ohne Überschuß. Darüber hinaus aber vertilgt der gleiche Maulwurf nun
doch _auch_ Engerlinge und andere Schädlinge, und hier beginnt also
wieder sein positiver Nutzen, wenn der auch vielleicht nicht so groß
ist, wie man im Überschwang der ersten Entdeckung geglaubt hatte.
Das Fazit ist einfach.
Man wird unseren Mull nicht verfolgen (abgesehen von feiner
Schmuckkultur im Garten) wegen seiner Wühlarbeit, denn die ist nützlich.
Man wird ihn nicht verfolgen wegen seiner Nahrungsweise, denn die ist
zum Teil auch nützlich, zum Teil indifferent.
Man wird ihn vielleicht nicht eben fördern, sondern den gegebenen
Naturhaushalt an dieser Ecke möglichst lassen, wie er ist.
Aber ganz gewiß wird man nicht zulassen, daß er willkürlich ausgerottet
werde -- zumal heute nicht aus Motiven, die etwa gar überhaupt mit
Landwirtschaft nichts zu tun haben, die aber, wenn sie irgendein armes
Vieh erreichen, prompter das ganze Geschlecht zu bedrohen pflegen
als alle Schärmäuser von ehemals die Mulle oder alle Mulle von je
die Regenwürmer -- also zum Beispiel Verwertung des Fells für einen
Modezweck; der Versuch ist bei unserem Mull schon gemacht worden,
hat sich aber zunächst wieder zum Glück etwas verzogen, da das arme
Samtfellchen nicht genug brachte.
Hier käme vor allem auch der allgemeine Heimatschutz in Frage, dem der
Mull doch _auch_ gehört und der verhindern muß, daß wir ein heimisches
Geschöpf verlieren, von dem zweifellos noch eine Menge zu lernen ist
und das sicherlich zu den eigenartigsten unseres Landes, ja unseres
ganzen Planeten gehört.
Das unheimliche Gila-Tier
Durch die Wüsten des Mondes, diese vollkommenen Wüsten, über denen
nicht einmal bläuliche Luft zittert und spiegelt, in denen nicht einmal
ein ausgetrocknetes, versandetes Flußbett von alten Wassern zeugt,
auf denen nicht einmal eine gespenstische Riesenwüstenpflanze wie die
Welwitschia unserer Kalahari kriecht -- durch diese Öden ziehen sich
ungeheure Spalten, die sogenannten Rillen. Bald schnurgerade, bald in
scharfem Zickzack durchqueren sie weite, weite Strecken des Mondlandes.
Sie sind keine Stromläufe, keine künstlichen Kanäle. Ja, was sind sie?
Niemand weiß es genau. Vielleicht ist die Mondrinde hier geplatzt in
den letzten Zuckungen des Mondinnern. Vielleicht haben die furchtbaren
Kontraste von nicht abgeblendeter Sonnenglut und eisiger Weltraumkälte
das Gestein zerbersten lassen. Eine ungelöste Frage da oben, wie so
viele.
Gewiß aber ist, daß es nur eine einzige Landschaft auf unserer Erde
gibt, die äußerlich eine gewisse Ähnlichkeit zeigt mit einer solchen
Rillengegend des Mondes: das ist das Wunderland von Arizona in
Nordamerika mit seinen berühmten Cañons, den »Röhren«, wie sie der
Spanier nennt.
Auch hier senken sich in einem wild zerfressenen, vielfach mondhaften
Wüstenplateau noch einmal besondere Spaltenabgründe in die Tiefe,
wahre »Rillen«, deren größte bei sechzig Meilen Länge sich bis
zweitausend Meter tief in den untersten Fels einschneidet, einen
exakten Querschnitt durch die ganzen älteren geologischen Schichten der
Erdrinde bis zu den entlegensten hinab eröffnend.
Gern möchte man auch bei solchem Cañon an furchtbare revolutionäre
Ereignisse dieser Erdrinde denken, die sie so bis ins Herz hier
zerrissen. Aber wir wissen, daß es ein viel unscheinbarerer
Titan gewesen ist, der diesmal seine Macht bewährt hat, nämlich
wühlendes Wasser, das sich langsam, langsam in den Block des großen
Wüstenplateaus eingefressen und die Cañonrillen eingetieft hat --
die gleiche Macht also zuletzt, die nach einem einfachen Regen das
Sandhäufchen eines Kinderspielplatzes mit kleinen Furchen durchzieht.
Kleinste Wirkung, größter Erfolg!
In diesem wilden Lande, diesem Stück Mond auf Erden, aber lebt das
Gila-Tier, das unheimliche, das verdächtige, wie der Naturforscher es
genannt hat, seit sich von ihm eine bedenkliche Kunde verbreitet hatte.
Wenn in stiller Nacht das Silberlicht des wirklichen Mondes um den Rand
einer solchen Arizonarille fließt, in deren schwarzem Grunde tief, tief
unten unsichtbar der Coloradostrom geht, so möchte man von Ungeheuern
träumen, die sich diesen Höllenschlund zur Höhle gewählt. Die alten
Riesensaurier möchte man noch einmal aus den zernagten Schichten des
Urweltgesteins hervorkriechen sehen. Aber sie lagen schon längst
eingesargt in ähnlichem Fels, als auch nur der erste Spatenstich
des wühlenden Wassertitanen einsetzte, der diese zweitausend Meter
aushöhlen sollte.
Man muß sich von dem Mondzauber in eine andere, uns sehr viel nähere,
obwohl auch höchst seltsame Geschichtszeit verzaubern lassen, um auf
die erste Kunde vom wirklichen Monstrum dieser Arizonawüsten zu kommen.
An Arizona grenzt nach Süden Mexiko. Vor rund vierhundert Jahren war's,
bei den alten Mexikanern. Von ihnen vernimmt man zum erstenmal einen
Namen für das geheimnisvolle Tier des Cañonlandes, das auch bis in ihr
Landgebiet hinüberkroch: Tola-Chini.
Sagendunst aber wob sich seither immer erneut darum.
Tatsächlich eine Art Drachensage.
Wenn es auch kein Drache in der Größe sein sollte, so doch einer in
der Gefährlichkeit. Ein »männermordendes« Tier, würde der alte Homer
gesagt haben. Die späteren Arizonakolonisten tauften es nach dem Ödland
im Bereich des Nebenflusses des Colorado, des bald ganz vertrocknendem
bald zu Hochwassern schwellenden Wüstenstroms Gila, das »Gila-Tier«.
Und wie dieser Strom, so stiegen und versiegten auch bei ihnen immer
wieder abwechselnd die Nachrichten und Legenden über den unheimlichen
Gast der unheimlichsten Gegend, bis endlich ganz langsam in neuerer
Zeit die Forschung, der vor keinem Gespenst graute, auch hier sozusagen
polizeilich feststellen durfte, um was für einen »Bauernschreck« es
sich denn eigentlich handle.
Das Gila-Tier existierte tatsächlich. Und es war ein Reptil, also
immerhin verschwägert mit den alten Drachen. Eine ziemlich ansehnliche,
bald meterlange Eidechse steckte hinter ihm -- eine Eidechse aber, die
sich -- das war das erste Merkwürdige, das sofort auffiel -- ausgespart
wie ein ganz himmelweit anderes Tier trug, das auch genügend von je der
Sage Stoff geboten, nämlich wie ein Feuersalamander.
Wer an Mimikry glaubte, der mußte annehmen, hier mache eine Eidechse
einfach bis zur vollendetsten Täuschung den Salamander nach.
Ein solcher Molch hat eine feuchte, schlüpfrige, kellerhafte Nacktheit,
sein Leib gleicht einem feisten Wurm, den vier winzige Beinchen
nur mühsam dahinschleppen, Warzen und Pusteln bedecken seine Haut,
dazwischen aber liegen auf ihrer schwarzen Negernacktheit hochgelbe
oder rötliche Flecken wie brennende Striemen auf.
Dagegen ist das Sonnenkind Eidechse durchweg ein feiner, schlanker
Ritter im zierlichsten Schuppenhemd, der in allerlei trockener und
sauberer Buntheit und schönen Ornamenten zu kokettieren liebt und flott
mit graziöser Taille dahintänzelt.
Ein solches Schuppenkleid hat nun auch das Gila-Tier. Aber seine
Schuppen sind zu unregelmäßigen Körnern geworden, die ebenfalls Warzen
und Drüsen zu bilden scheinen, und indem einzelne größere Körnerbrocken
ein schmutziges fleischhaftes Gelbrot vordrängen, entsteht auch
hier der vollkommene Eindruck von rohen Farbpusteln auf einer ekeln
schwarzbraunen Nackthaut. Gleichzeitig hat sich der Leib in eine
unförmliche, schlecht gestopfte Walze verwandelt, in deren Quellung
Kopf und Beinchen fast verloren gehen. Gerollt wie ein wirklicher
Wurm liegt das Scheusal so in seinem Wüstenversteck, zweifellos der
allerhäßlichsten Tiere eines. Wer es plötzlich aufdeckt, könnte es für
einen modernden Pflanzenrest halten, auf dessen verwester Rinde sich
eine hochgelbe Pilzvegetation angesiedelt hat.
Es möchte aber nicht ratsam sein, solches unvorsichtige Aufdecken
und Aufwecken. Denn jetzt beginnt das unheimliche Phänomen, dem das
Geschöpf der arizonischen Mondwüste seinen eigentlichen Ruf verdankt.
Unter heftigem Zischen hebt das Maul an zu geifern, so heftig, als
wolle sich das entwickeln, was bei der afrikanischen Speischlange,
einer bösen Najaart, die Regel ist, die auf ein Meter Entfernung
dem Angreifer ihren Speichel direkt ins Gesicht bläst, eine lange
bestrittene, aber endlich doch bestätigte scheußliche Methode. Doch
schon kommt der Biß des Gila-Tiers, ein sehr herzhafter. Die langen
krummen Zähne, die für gewöhnlich fast ganz im Zahnfleisch versteckt
liegen, werden bei dem Druck selbst erst eigentlich frei und schlagen
sich nun nahezu zentimetertief ein. Jetzt aber die Wirkung dieses
Bisses ... Alles Gräßliche, was dem Monstrum seit alters nachgesagt
worden ist, konzentrierte sich von je auf den einen Punkt, daß der Biß
die verheerendste, die unmittelbar tötende Wirkung besitze, indem er
nämlich in der schauerlichsten Weise vergiftet sei.
Wirkliche Forscher mußten gerade das aber zunächst mit rechtem
Befremden hören.
Die Volkssage macht ja gern alle nur denkbaren Tiere, wofern sie nur
sonst etwas Verfängliches zeigen, auch zu Giftbeißern. Der Zoologe aber
legt hier ein zunächst ganz unanfechtbares Veto ein.