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Von Wundern und Tieren
Von _Wilhelm Bölsche_ erschien früher im gleichen Verlage:
Stunden im All.
Naturwissensschaftliche Plaudereien.
11. u. 12. Auflage. Geb. M 14.--
Von
Wundern und Tieren
Neue naturwissenschaftliche Plaudereien
von
Wilhelm Bölsche
10. bis 12. Auflage
[Illustration]
Deutsche Verlags-Anstalt
Stuttgart und Berlin 1920
Alle Rechte vorbehalten
~Copyright 1915
by Deutsche Verlags-Anstalt.
Stuttgart~
Druck der Deutschen Verlags-Anstalt
in Stuttgart
Inhalt
Seite
Eine Räubergeschichte aus dem Termitenbau 1
Amadinens illuminierte Kinderstube 12
Die Vorfahren des Schmetterlings 21
Der Kampf um den Maulwurf 30
Das unheimliche Gila-Tier 42
Die drei Augen der Blindschleiche 51
Neues von den Wundern des Olm 59
Die unsterbliche Amöbe 70
Goldene Tiere 82
Liberia und das seltenste Tier auf der Briefmarke 92
Der Waldrapp, ein verschollenes deutsches Tier 102
Der Gespensterzug der Lemminge 111
Die Entdeckung von Landwirbeltieren ohne Lunge 121
Der Vliesigel, das seltsamste Tier Neuguineas 131
Tendaguru und der Rekord der Saurier 143
Der Schatz von Halberstadt 154
Sirenen 164
Die Entdeckung des Riesenklippdachses 175
Die Mammutschnitzer von Predmost 184
Die Furcht vor dem Menschen 195
Wie das Tier der fleischfressenden Pflanze ein Schnippchen
schlug 206
Tiere als Schützen 216
Unterseeische Schiffsangriffe durch Tiere 226
Aus der Flottenkunst der Tiere 235
Das älteste Festungstor 256
Eine Liebesgeschichte zwischen Unterseeboot und Aeroplan 266
Vorwort
Es ist über hundert Jahre her, da kam Alexander von Humboldt von
seinen Orinoko- und Kordillerenfahrten zurück, aller Wunder der
Tropenlandschaft voll und wie verklärt von der ungeheuren Schau auf die
Herrlichkeiten der Natur an einer ihrer irdisch größten Stellen. Daheim
aber brannte der Krieg in roten Flammen zum Himmel. Eisern lag die
Hand der Fremdherrschaft auf seinem deutschen Volke, und nur ein neuer
furchtbarer Kampf verhieß, sie zu brechen. Damals erschienen dem edeln
Manne gegen den Sturm dieser Stunde seine Urwälder und Tiere, bei denen
er so lange gelebt und mit denen er so manches Abenteuer ausgefochten,
plötzlich wie ein fernes blaues Reich des Friedens. Und so widmete er
das wundervolle Werk, das er schrieb, die »Ansichten der Natur«, den
bedrängten Gemütern, deren Sehnsucht nach den Bergen ging, wo nach
den Worten des Dichters die Freiheit wohnen sollte und der Hauch der
Grüfte nicht in die reineren Lüfte drang. Die kleinen Naturskizzen
meines Büchleins hier sollen selbstverständlich nicht mit den Blättern
Humboldts verglichen werden, die heute mit Recht für klassisch gelten.
Höchstens, daß man eben an ihnen sehen kann, wie leicht es uns heute
gemacht ist, von der Natur zu erzählen, nachdem solche Vorbilder uns
den Weg gewiesen haben. Aber mein Büchlein fällt äußerlich in eine
ähnliche Zeit. Wieder ist der Himmel blutesrot, und noch ganz anders
als damals ringen wir um das Wurzelrecht und Kronenrecht unseres
Volksbaumes. Fast ist die Stunde zu groß sogar für das Eingeständnis
der Sehnsucht im bedrängten Gemüt. Dennoch meine ich, es trifft etwas
zu, das wohl auch Humboldt meinte. Selbst im furchtbarsten eigenen
Kampfe hat der Blick auf die große unerschütterliche Ewigkeitslinie
der Natur eine beruhigende Macht. Gewiß, daß kein größeres Wunder ist
als der Mensch selbst. Aber wenn aus diesem Wunder so die dämonischen
Züge glühen wie heute, so sucht der Gedanke das Rätsel der Natur,
das uralte, -- und er fühlt in ihm die starke Hand, die, wie du sie
nun nennen magst, zuletzt doch auch allen Dämon wieder zurückzwingt
zu der Ackerscholle und dem Pfluge heilig stillen Werdens auf immer
bessere Fernen zu. Um das zu erkennen und sich zu sagen auch in solcher
Sturmesstunde, kann kein Bild und Wunder zu klein sein, und wäre es
auch nur das Summen einer Mücke oder das leise Geigen des Heimchens
hinter dem Herd daheim, für dessen Friedensflamme unsere Helden draußen
streiten.
* * * * *
Die meisten Blätter des kleinen Bilderbuchs, die ich hier vereine und
die eine unmittelbare Fortsetzung meiner »Stunden im All« bilden, lagen
bereits bei Ausbruch des Weltkrieges gedruckt vor. Nur in den letzten
wird man leise das Gewitter vom düstern Horizont rollen hören. Zu der
Scherzstelle vom Regenwurm sei hier noch nachgetragen, daß dieser
merkwürdige Geselle gleich mehreren andern Tieren, deren Genuß dadurch
vorübergehend beeinträchtigt wird, gewisse Zeiten im Leben zu haben
scheint, wo er einigermaßen giftig wirken könnte.
_Friedrichshagen_, 1. November 1915
Wilhelm Bölsche
Eine Räubergeschichte aus dem Termitenbau
Der Mensch mit seinen sonnenhaften Augen ist von Natur ein geborenes
Lichtgeschöpf. Dennoch hat ihn seine Kultur vielfältig genötigt, im
Finstern zu hantieren, lange hat er in Höhlen hausen müssen, und
nachher ersetzten die Höhle die düsteren Gänge und Verliese enger
Burgen, die Korridore und Treppen finsterer Schlösser und Häuser.
Selbst unsere höchste Technik von heute muß noch im Bergwerk graben,
muß Tunnels bohren.
Die Phantasie hat das aber immer mit einem gewissen Grauen empfunden.
Aus den schwarzen Schlünden krochen ihr Drachen und Scheusale aller Art
ungesehen auf den Eindringling los; in jedem Bergwerk läßt die Sage
gespenstische Bergmönche und schwarze Männer umgehen, die den armen
Grubenleuten den Hals umdrehen, und im alten Schloßkorridor spukt die
weiße Frau. Wo die Dinge aber real bleiben, da bleibt mindestens doch
die unheimliche Romantik der »Räuberhöhle« als fester Begriff.
Und doch besaßen wir seit alters wenigstens die Gabe, künstliches Licht
da unten mit hineinzuführen. Was würden Wahrheit und Dichtung erst
für Grauen geschaffen haben, wenn uns Menschen im ganzen das Los für
unser Gesellschaftsleben getroffen hätte, das einem anderen, kleineren,
ebenfalls überaus geselligen und tatkräftigen Geschöpf unseres
Planeten zugefallen ist -- das Los: in den Ländern der hellsten,
glühendsten Sonne doch fast sein ganzes unsagbar verwickeltes,
millionenköpfiges Staatsleben, fast alle Wunder seines patriarchenhaft
gesegneten Liebeslebens in künstlich hergestellten finsteren, von
keinerlei Kunstlicht erhellten Schachtgängen auszuleben, ja da drinnen
selbst das zu treiben, was das Untrennbarste scheint von Sonne und
Licht: seinen ganzen Ackerbau ...
Zu den Charaktergebilden tropischer Sonnenlandschaft gehören mitten
zwischen der üppigsten sonnenfrohen Vegetation gewisse künstliche
Hügel, manchmal bis sieben Meter hoch, steinhart, durchweg von außen
abgeschlossen gegen diese Sonnenwelt wie mit solidesten Klostermauern,
die finstere Verborgenheit des Innern zu wahren.
Das sind die Bauten der Termiten, seltsamster Insekten, von denen erst
allmählich und neuerdings entscheidend bekannt geworden ist, daß die
geradezu märchenhaften Taten ihres Soziallebens und »Kulturwesens« fast
alles bisher von Ameisen und Bienen Berichtete noch in den Schatten
stellen.
Die Termiten sind nach gangbarer Systematik engste Verwandte unserer
Küchenschaben oder Schwaden, also körperlich weder den Bienen noch den
Ameisen näher vergleichbar.
In solchem, wie gesagt, mehrmillionenköpfigen Staat der auffälligsten
tropischen Arten lebt normal nur ein einziges eierlegendes
Riesenweibchen, die Termitenkönigin. Bis zu dreißigtausend Eier kann
sie an einem Tage legen, ewig so der wimmelnden Volksmasse Abrahams
Segen garantierend. Zehn, vielleicht sogar bis fünfzehn Jahre kann
sie das so treiben. Und ihr zur Seite steht dabei ebenso lange der
ebenfalls nur als einmalige nationale Kostbarkeit vorhandene König.
Zusammen haben die beiden einst den Staat, der später den Hügel
bewohnt, individuell neu begründet, indem sie aus einem anderen Staate
eines Tages wie zwei Handwerksburschen fortwanderten, sich einten
und eine erste schlichte kleine Hütte bauten, in der ihre Hochzeit
stattfand und erste Kinderwiege stand. Aber aus dem Segen, der wachsend
auf ihnen ruhte, ergab sich bald ein ungeheures Volk um sie, in
Kasten geteilt, geschäftige kleine Arbeiter und wehrhafte Soldaten.
Dieses »Volk« schützte und fütterte von gewissem Zeitraum an auch das
ehrwürdige Elternpaar der Nation, und es fügte durch Unterkellern und
Überbauen zu der alten Hütte den kolossalen Staatspalast oder besser:
das Staatsbergwerk -- bis diese Hütte, in der nach wie vor der Urvater
und die Urmutter hausten und die Nation weiter und weiter ergänzten
und vergrößerten, nur noch ein einzelnes kleines dunkles Kämmerchen im
ganzen, die »Königszelle«, darstellte.
Große Schachte ventilieren diesen Gesamtbau, ohne ihn doch im Innern
zu beleuchten. Denn wenn die Termiten auch wenigstens zum Teil selber
nicht so unbedingt lichtscheu sind, wie man früher wohl meinte,
und mehr als die hellende Sonne die trockenheiße Außenluft ihrer
Heimatländer scheuen, so bleibt doch tatsächlich ihr Leben ein extremes
Dunkelmännerdasein, dem nicht einmal das winzigste Grubenlämpchen
glüht.
Allenthalben in das düstere Staatslabyrinth aber lagern sich
kellerartige Sonderräume ein, in denen als der eigentliche
Nationalwohlstand tatsächlich der eifrigste Ackerbau getrieben wird,
ein regelrechter Bergwerksackerbau, der in Wahrheit nichts anderes ist
als eine ebenso raffinierte wie dem Volkswohl ergiebige Pilzkultur
größten Stils. Das unterirdische Nährgeflecht der Pilze wird auf
besonders präparierten Mistbeeten künstlich gezüchtet und liefert vor
allem den »Kinderbrei« für die beständig wie Sand am Meer sich mehrende
Jugend des Volkes.
Noch nicht anderthalb Jahrhunderte ist es her, daß wir auch nur ein
weniges von diesen Geheimnissen der Termite in ihrem finsteren Hades
wissen. Genauere Beobachtung setzte erst neuerlich ein, und ganz
besonders ist es der ausgezeichnete Münchener Professor K. Escherich
gewesen, der in den letzten Jahren durch Zusammenfassung des älteren
und reiche Sammlung neuen Materials unsere Kenntnis aufs glücklichste
erweitert hat. Je heller jetzt aber wenigstens das Licht unserer
Forschung in den Hades leuchtet, desto seltsamer, desto unerhörter
werden seine teils lustigen, teils grausigen Mysterien. Und ein
besonders unheimliches Kapitel betrifft da die »Gespenster« im Bau.
Auch im Termitenbergwerk gehen graue Gespenster um, die den braven
Arbeiter in seiner Nacht bedrohen, kriechen gräßliche Drachen aus
unsichtbarem Höhlengang, die ihn als Beute fortschleppen.
Bald sind diese »Gespenster« fremde Termiten, die in das Labyrinth
der normalen Bergwerksgänge ein noch feineres, für gewöhnlich
streng getrenntes Laufnetz für sich eingesponnen haben, von dem
aus sie diebische Vorstöße in die Vorratskammern der rechtmäßigen
Grubenbesitzer machen.
Bald sind es echte Ameisen, die ebenso aus Geheimgängen, sozusagen aus
Wandschränken und unbekannten Hintertreppen, wie langbeinige Spinnen
jählings huschend auftauchen und nicht bloß stehlen, sondern auch
schon den kleinen hilflosen Termitenarbeiter selbst, dem gerade kein
wehrhafter »Soldat« beisteht, gelegentlich überfallen und als Mordbeute
verschleppen.
Kleine Käferchen aus der Gruppe der Staphyliniden gleiten wie Gnomen
blitzschnell im Finstern vorbei, Kopf und Glieder tief unter einem
aalglatten Deckschild verborgen, das die Dienste einer Tarnkappe
tut; so unfaßbar wie allgegenwärtig, spielen sie die Hasen in den
unterirdischen Kohlfeldern der Pilzgärten.
Ganz scheußlich aber sind die wirklichen »Drachenhöhlen« der
Abgrundsnacht da unten, auf die zuerst Escherich bei seinen Studien auf
Ceylon aufmerksam gemacht hat.
Besonders in der Nähe der Pilzbeete, wo es stets von Termitenkindern
und ammenhaft wartenden und fütternden Arbeitstermiten wimmelt, finden
sich flaschenförmige Geheimgelasse, die mit schmaler Pforte in den
großen Pilzkeller, der solches Beet umschließt, einmünden. In jeder
dieser Extrahöhlen aber lauert ein fettes Ungetüm, das mit seinem
flaschenhaft verdickten Bauche genau in die Wölbung paßt.
Dem Blick des Zoologen enthüllt es sich als die wunderlich
aufgeschwollene weiße Larve eines karabusähnlichen Käfers namens
Orthogonius -- also im Sinne unseres Maikäfers als ein »Engerling«.
Hier im Termitenschacht aber haben diese Engerlinge sich zu
regelrechten Drachen ausgebildet.
Bei Homer lesen wir von der gräßlichen Scylla, die aus engem Felsspalt
plötzlich ihre Freßmäuler streckt, um sich am Menschenfleisch harmloser
Passanten zu mästen. Und so streckt auch der feiste engerlinghafte
Bewohner unseres Geheimschachts nur eben seine spitzen Kiefern aus dem
unsichtbaren Hinterhalte seiner Flaschenhöhle vor -- wehe aber dem
harmlos in die Nähe kommenden Termitenkinde, wehe der nichts ahnend
vorbeihastenden treuen Termitenamme! Unerbittlich werden sie gepackt,
hereingezogen und bestialisch abgeschlachtet.
Die tückische Falle hat dabei eine ganz frappante Ähnlichkeit mit einer
anderen, die bei uns zulande der sogenannte Ameisenlöwe den Ameisen
stellt. Bekanntlich wühlt dieser Ameisenlöwe, der ebenfalls bloß die
räuberische Larve eines großen, äußerlich libellenähnlichen Fluginsekts
ist, im losen Sande zierliche Trichter aus, in deren Mitte er als böser
kleiner Minotaurus auf hinabstürzende Ameisen lauert. Das Hinabstürzen
befördert er dabei selber durch geschickt zielende Sandwürfe von unten.
Auch die kühnste Phantasie würde aber nicht zu erfinden wagen, daß
ein Heer solcher Ameisenlöwen ihre Fallgruben mitten im Ameisenhaufen
selbst etablierten. Die Engerlinge im Termitenbau haben in ihrer Weise
selbst diese tollste Überbietung erreicht!
Kein Wunder, wenn sie an so vorzüglichem Fleck Schmerbäuche bekommen.
Fast wie die alte Termitenkönigin selber sehen sie endlich aus. Dabei
spielt aber offenbar noch etwas Besonderes mit.
Diese staatserhaltende Dame, die Königin, wird, wie gesagt, in allen
späteren Semestern ihres gesegneten Daseins von ihren Vasallen, den
Termitenarbeitern, künstlich mit einem besonderen Futter ernährt,
das diese Arbeiter in ihrem eigenen Leibe wie in einer natürlichen
Milchflasche heranbringen und ihr einfüttern. Dabei aber schwillt
nun ihr Leib zu vielfach geradezu kolossalen Maßen an, die sie als
wahre Riesin über ihrem Volke thronen lassen. Dieser Umfang spielt im
ferneren bei ihr ja wieder seine gute Rolle für die doch ebenfalls bei
ihr so märchenhaft kolossale nationale Mutterpflicht. Offenbar aber
muß in dem Futter, das man ihr eintrichtert, schon etwas stecken, was
gerade auf ihn hinwirkt.
Die bösen Engerlinge haben nun auf ihrer Lebensstufe keinerlei eigene
Mutterpflichten; hätten sie sie, so würden sie ohnehin ja doch nur
wieder neue Drachen erzeugen, sehr zum Unheil des Termitenvolks.
Gleichwohl wirkt auch auf sie offenbar jene Kraft des Futters, das sie
vielfältig beim Verzehren ganzer Termiten, die gerade ihre Milchflasche
im Leibe gefüllt trugen, einfach mitfressen mußten: sie werden
nicht nur wohlgenährt überhaupt, sondern sie bekommen regelrechten
künstlichen Königinnenumfang im Sinne königlicher Spezialmast -- genau
so, als wenn sie selbst gutwillig auf »Königin« von den Termiten
gefüttert würden.
Von hier aus ist aber nun wiederum ein höchst wunderbarer Schachzug in
diesem verwegenen Spiel möglich geworden.
Zu den Eigenarten, die das königliche Spezialfutter bei der
Termitenkönigin hervorbringt, scheint nämlich auch allgemein zu
gehören, daß der ungeheure, schließlich einer kleinen Kartoffel
vergleichbare Leib dieser Königin einen _narkotischen Saft_ absondert,
den die pflegenden Termitenarbeiter mit höchster Wonne schlürfen. Die
Lust daran ist so groß, daß es vielfach fast aussieht, als pflegten
sie die alte Dame nur deshalb so heiß, weil sie ihnen zugleich diesen
Kneiptisch, diese wahre königliche Staatskneipe, eröffnet. Mindestens
sind der Trieb zum Pflegen und die Freude an dieser Kneiperei aufs
engste bei ihnen aneinander angeschlossen.
Wie aber nun, wenn dieses Narkotikum sich auch bei den Drachen in ihren
Höhlen einstellte?
Es ließe sich etwas ganz Nichtswürdiges denken.
Die Engerlingsdrachen kröchen einfach in das offene Termitengewimmel,
ja bis in das Heiligtum gar der Königszelle selber hinaus. Äußerlich
der Königin höchst ähnlich in der Leibesgestalt, würden sie von den
Termitenarbeitern, die sie nicht sehen, sondern nur fühlen können,
für wahre Königinnen gehalten, deren gelegentlich auch einmal mehrere
nebeneinander nach dem termitischen Hausgesetz nicht ganz unmöglich
sind. Man ginge ihnen also gar nicht mehr aus dem Wege, -- und
ungestört könnten sie ihr scheußliches Räuberhandwerk sozusagen mitten
auf der offenen Straße fortsetzen.
Der bekannte Jesuitenpater Wasmann, dessen Philosophie nicht eben
jedermanns Sache ist, der aber als Spezialforscher auf diesen Gebieten
sich mit Recht allgemeiner Sympathie erfreut, hat gelegentlich da schon
von tapferen Orthogoniusengerlingen selbst vermutet, daß sie solche
freien Spaziergänge in Königinnenmaske probierten; Escherich hat es
gerade von dieser Sorte Käferlarven indessen nicht bestätigen können.
Aber nehmen wir einmal an, andere »Drachen« da drinnen hätten
es wirklich gemacht. So mußte die Absonderung auch noch eines
königinhaften Narkotikums durch die verkappten Herren Räuber die
Situation nochmals ins ganz Tolle weitertreiben.
Die Kneipgelüste der Termitenarbeiter mußten sich nämlich bei
Begegnungen mit höchstem Eifer auch diesen Räubern zuwenden. Während
die Scheusale rechts und links in die Schar der kleinen Kneipanten
im Dunkeln mit Scyllamäulern hineingriffen und nach Herzenslust ihre
Opfer massakrierten, strömte die Menge selbst ihnen immer begeisterter
entgegen. Da aber der Kneiptrieb so eng mit dem Füttertrieb hier
verschwistert war, boten sich die andrängenden Termiten, wenn sie genug
gekneipt hatten, gar auch noch den fremden Ungeheuern als freundliche
Fütterer dar, suchten sie zu nähren und zu pflegen wie wahrhaftige
Königinnen -- sie, die im nächsten Moment stets bereit waren, den
naiven Fütterer selbst oder irgendeinen seiner Nebenmänner leibhaftig
samt dem Futtertopf aufzufressen.
Groteskes Bild: Rausch, sorgende Liebe und rücksichtsloser Mord, alles
bunt durcheinander waltend.
Nun ist aber kein Zweifel, daß gerade diese letzte Station der Dinge
_wirklich_ existiert.
Gewisse fertige Käfer (also nicht bloß Engerlinge) aus der Gruppe der
schon genannten Staphyliniden leben genau so im Termitenbau. Sie haben
Riesenbäuche wie Königinnen, laufen frei zwischen dem Termitenvolk
herum, schwitzen narkotische Kneipsäfte aus und werden von den
Termitenarbeitern mit Königinnenfutter genährt. Letzteres lassen sie
sich schon lange ganz gewohnheitsmäßig gefallen, so daß sich sogar ihre
Zunge durch Verbreiterung direkt daran angepaßt hat. Und doch sind
sie ihrem grundlegenden Wesen nach alte Räuber und Termitenfresser
geblieben nach wie vor!
Einen Moment könnte man ja versucht sein, zu hoffen, das letzte Stück
dieses ungeheuerlichen Weges sei von selber bestimmt, doch noch wieder
auf einen Friedenspfad zu führen.
Wenn nämlich jede Termite, die dem Räuber vor den Mund kam, ihn fortan
freiwillig fütterte, so brauchte er ja schließlich keine mehr zu
fressen!
Die Beobachtungen sprechen bisher aber gegen diesen letzten Schluß.
Bei den Ameisen, wo ganz ähnliche »lebendige Kneipen« in Gestalt
kleiner Käferchen vielfältig im Bau gehalten und ebenfalls gefüttert
werden, haben sich diese zweifelhaften Existenzen doch durchweg
nebenher noch als arge Räuber auch so erwiesen, und nicht viel
anders scheint es bei den Termiten zu stehen. Die allgemeine und
extreme Staatskneiperei, bei der echten Königin anscheinend noch
eine gemütliche, ja förderliche Zutat, hat eben zur regelrechten
Drachenzucht in diesem sonst so wohlgeordneten Staat verleitet.
Ob die amüsante Geschichte aus Mutter Naturs Skizzenbuch hier am
Ende doch noch eine besondere Nutzanwendung hat? »Hingegen soll
der Branntewein um Mitternacht nicht schädlich sein.« Die Wahrheit
dieses ehrwürdigen Satzes wird beim Menschen neuerdings bekanntlich
öfter bestritten. Ob auch in der ewigen Mitternacht des dunklen
Termitenbaues die Kneiperei, selbst die staatlich konzessionierte, sich
schließlich doch nicht recht bewährt hat, indem sie zu solchen fatalen
Extravaganzen führte ...?
Amadinens illuminierte Kinderstube
Aus unseren Kinderstuben pflegt uns fürs Leben eine kleine Gespensterei
nachzufolgen, die unausrottbar fest bleibt. Im Märchen kommt es vor:
das Kind geht durch den finstern Wald, da funkeln plötzlich aus der
Dunkelheit ein paar rotglühende Augen. Alle dämonischen Schauer der
Nacht vereinigen sich in diesem Zuge. Wölfe und Teufel haben solche
Augen.
Später lernt man dann, daß allerhand Tieraugen wirklich so leuchten,
gefährliche wie ganz harmlose; Katzen und Eulen sind das bekannteste
Beispiel, aber der Schmetterlingssammler merkt mit Staunen, wie auch
die Augen seiner Schwärmer, die abends so wild um Winde und Geißblatt
gaukeln, aufglühen gleich kleinen brennenden Kohlen, und im Berliner
Aquarium habe ich das unheimliche Phänomen in seltener Kraft an den
großen Glotzern der dicken Ochsenfrösche beobachten können. Unheimlich
bleibt es aber immer.
Wie oft habe ich von schönen und sehr gebildeten Lippen gehört, daß
die Katzenaugen sich wirklich selber ihr Licht dabei anstecken,
daß sie irgendwie »phosphoreszieren«, wie die gangbare Meinung es
den Johanniswürmchen oder den winzigen Erzeugern des herrlichen
Meerleuchtens zuschreibt.
Von solchen Leuchtkäfern und Leuchtinfusorien weiß man zwar heute, daß
auch ihr nächtlicher Glanz mit wirklichem Phosphorschein nichts zu
tun hat, sondern auf gewissen Stoffwechselprodukten dieser Lebewesen
beruht, die bei ihrer Verbindung mit Sauerstoff Licht hervorbringen.
Aber es bleibt hier doch wirklich bei »Eigenlicht«, und warum sollte
also das Katzenauge nicht eine ähnliche Kraft bewähren? Und wenn
wir von gewissen leuchtenden Fischen, die es in der ewig dunkeln
Tiefsee gibt, gar hören, daß ihre Leuchtorgane an besondere Nerven
angeschlossen sind, also willkürlich bald in Kraft gesetzt und bald
wieder »abgedreht« werden können, so scheint uns auch Frau Kätzin sehr
deutlich etwas derart zur Verfügung zu haben, denn jeder merkt, wie
auch ihre Glühäugelchen, wenn sie im Dämmer schleicht, bald aufglänzen,
bald wieder verlöschen.
Es ist jetzt etwas über hundert Jahre her, daß Prevost zum erstenmal
die damals für die ganze Medizin und Zoologie nicht nur kühne, sondern
geradezu ungeheuerliche Behauptung aufstellte, das Leuchten des
Katzenauges sei nur eine ganz zufällige Reflexerscheinung für den
Beschauer, die durchaus nichts mit eigener Leuchtkraft oder gar Willkür
des Tieres selbst zu tun habe. Katzenaugen leuchteten überhaupt niemals
im absolut Dunkeln, sondern es bedürfe dazu stets eines (wenn auch ganz
schwachen) einfallenden Dämmerlichtes, das dann vom tiefen Grunde des
Auges je nach Stellung für den Zuschauer zurückgeworfen (reflektiert)
würde.
Noch mehr als drei Jahrzehnte später mußte unser damals größter
deutscher Physiolog, Johannes Müller, diese richtige Deutung gegen
ernsthafte wissenschaftliche Gegner verteidigen, und es ist amüsant,
heute seine eigenen Worte darüber zu hören, die zugleich die
Sinnestäuschungen berühren, denen jeder ungeübte Urteiler bei so
delikaten Dingen zu unterliegen pflegt.
»Wer,« sagt Müller, »für das Leuchten der Katzenaugen aus Neigung
eingenommen, dem empfehlen wir, wie wir getan haben, eine Katze in
einen absolut dunkeln Raum mit sich zu nehmen und sich vom Gegenteil zu
überzeugen, dabei aber die durch eine schnelle Bewegung unserer eigenen
Augen und durch Zerrung des Sehnerven entstehende, bloß subjektive
Lichtempfindung nicht zu verwechseln. Ein neuerer Versuch, den ich mit
einer Katze in einem absolut dunkeln Raum, in einem Keller der hiesigen
Anatomie, in Gegenwart mehrerer angestellt, fiel ganz negativ aus. Eine
Person hielt die Katze. Diese Person wurde von mir im Dunkeln an einen
Ort gestellt, den die anderen Anwesenden nicht kannten, den sie aber
wahrnehmen mußten, falls die Katze Licht aus den Augen ausströmte. Alle
sahen nichts, bis auf einen, dieser wollte zwei feurige Kreise gesehen
haben. Sogleich ließ ich diesen seinen Arm nach der Gegend ausstrecken,
wo er die Kreise gesehen haben wollte. Dann wurde die Tür geöffnet,
und nun zeigte sich, daß der Arm nach der entgegengesetzten Seite von
derjenigen, wo die Katze gehalten wurde, hinwies, zu nicht geringer
Belustigung. Offenbar hatte derjenige, der die zwei feurigen Kreise
sah, seine eigene Empfindung gesehen. Bei rascher Wendung der Augen im
Dunkeln sieht man wegen Zerrung der Sehnerven sehr leicht zwei feurige
Kreise, welche nichts als die gesteigerten Empfindungen der Sehnerven
sind.«
Die Sache wurde aber wissenschaftlich erst ganz sicher, als der
Nachweis glückte, daß zwar bei Katzen, Eulen und Konsorten das
Augeninnere besonders gut reflektierte, tatsächlich aber bei richtiger
Einstellung auch bei jedem beliebigen anderen Auge der Erfolg im Sinne
der Theorie herausgezaubert werden könne, und zwar schließlich auch
beim Menschen selbst. Brücke, einer der genialsten Schüler Müllers,
konnte zum erstenmal zeigen, daß das menschliche Auge, wenn man es
in dunklem Raum mit einer Blendlaterne bestrahlte und dann einen
Beobachter an dieser Lichtquelle vorbei hineinblicken ließ, für
diesen Beobachter leuchtete! Und es war eigenartigerweise ein dritter
Physiolog ersten Ranges und anderer großer Schüler Johannes Müllers,
dessen Auge zum erstenmal zu diesem Experiment benutzt wurde, also zum
erstenmal ein Menschenauge mit »Katzenlicht« zeigen sollte: Emil du
Bois-Reymond.
Der eigenartige Fund, der jetzt endgültig eine Jahrtausende alte
Volksmeinung umwarf, ist damals (auf der Wende zu den fünfziger Jahren)
in Fachkreisen besonders noch berühmt geworden, weil sich an ihn
unmittelbar einer der größten medizinischen Fortschritte aller Zeiten
anschloß: nämlich die Erfindung des sogenannten Augenspiegels durch
Helmholtz -- dieses wunderbaren Apparates, der es dem Arzt fortan
ermöglichte, ein vollkommenes Bild der Netzhaut am lebendigen Auge zu
gewinnen. Helmholtz kam einfach darauf, als er seinen Schülern eben
jene Brückesche Theorie des menschlichen Augenleuchtens in möglichst
anschaulicher Form vortragen wollte: er konstruierte in Zeit von acht
Tagen einen kleinen optischen Hilfsapparat dazu, und plötzlich erschien
etwas noch viel Bedeutsameres als bloß das Katzenleuchten eines
Menschenauges -- zum erstenmal hatte, wie er selbst berichtet, ein
Mensch die Freude, eine lebendige menschliche Netzhaut mit all ihren
verzweigten Blutgefäßen und der Eintrittsstelle des Sehnervs in der
eigenen natürlichen Vergrößerung durch ihre zugehörige natürliche Linse
klar vor sich liegen zu sehen.
Hier aber sei nun ein kleiner Sprung erlaubt.
Von den Wundern des Katzen- und Menschenauges wenden wir uns zu einem
der lieblichsten Schönheitswunder der Natur -- einem kleinen Vögelchen
von juwelenhafter Herrlichkeit.
Mancher wird es kennen, denn obwohl seine Heimat der ferne
Eukalyptuswald Australiens ist, sieht man es doch seit Mitte der
achtziger Jahre nicht selten in unseren Liebhaberkäfigen. Ein altes
Volksmärchen läßt den lieben Gott, nachdem er alle Tiere hübsch
angemalt, den Stieglitz noch aus den letzten übriggebliebenen
Farbkleckschen zusammenstoppeln. Nun, in diesem Sinne möchte man
vermuten, er habe umgekehrt sein gesamtes Werk mit frischesten Farben
bei der Amadine, wie das Vöglein heißt, begonnen, denn mit solcher
genialen Pracht und zugleich doch solcher edlen Einfachheit der
Pinselführung ist kaum ein zweiter Vogel im großen Erdenatelier bedacht
worden. Die schönste Abart der sogenannten Frau-Goulds-Amadine, getauft
nach der Gattin des großen Spezialisten der australischen Vogelwelt,
Gould, wirkt bei einfachster Gestalt eines kleinen Sperlingsvogels
durch die Folge ihrer Farben, die in ungetrübter Schöne wie ein vom
Prisma gebrochenes Lichtspektrum über ihren zierlichen Körper gehen.
Rücken und Flügel vom durchsichtigsten Grasgrün, das gegen die dunkeln
Schwanzspitzen in ein zartes Himmelblau verdämmert; am Halse durch ein
ähnliches Blauband und einen schwarzen Samtstrich davon getrennt, eine
leuchtend blutrote Kopfkappe, die tief bis über die Wangen herabfällt
und prachtvoll gegen das Elfenbeinweiß des Schnabels und die schwarze
Kehle steht; wiederum zu diesem Grün und Rot aber die Brust mit einem
breiten Felde des unvergleichlichsten Lila, und ganz scharf wieder
dagegen abgesetzt, aber herrlich in der Farbenharmonie zugleich
einklingend, der Bauch mit dem sattesten Dottergelb.
Seiner engeren Verwandtschaft nach gehört dieses Farbenwunder zu
den sogenannten Webefinken, jener Vogelgruppe, zu der unter anderen
auch der berühmte Siedelweber oder Siedelsperling zählt, eines der
merkwürdigsten »sozialen Tiere« der Erde. Er lebt nämlich nicht nur
gesellig in großen Scharen, die ihre Nester dicht gedrängt in den
gleichen Baum bauen, sondern die Schutzdächer dieser Nester werden
zu einem gemeinsamen Dach verschmolzen, das, allmählich immer mehr
verstärkt, zuletzt wie ein ungeheurer Heuschober in den afrikanischen
Buschbäumen hängt und die darunter liegenden, immer wieder neu
eingebauten Nesterkolonien gleich einer alten Zyklopenmauer beschirmt,
in deren Schutz die Generationen eines Dorfs aufwachsen. Solche
Leistung läßt wohl auf manches Verblüffende auch sonst in dem Liebes-
und Gesellschaftsleben dieser Vetternschaft der Weber schließen, aber
was von den Amadinen gerade hier bekannt geworden, das schießt doch im
eigentlichen Sinne »den Vogel ab«.
Schon seit längerer Zeit war es den Anatomen aufgefallen, daß
die kleinen, noch nicht flüggen Nestjungen dieser und verwandter
Prachtfinken (wie der Liebhaber dieses zumeist farbenschöne Völklein im
ganzen zu benennen pflegt) in ihren »Spatzenecken«, wie der Volksmund
das wohl bei Menschenkindern bezeichnet, nämlich in den Mund- oder
Schnabelwinkeln, beiderseitig gewisse dick vorspringende Kugeln
zeigten. Bei den jungen Frau-Goulds-Amadinen saß jederseits genau ein
Paar solcher Anhängsel, und jede Kugel war schön blau mit einem dunkeln
Ring -- eine so auffällige Färbung bei einem solchen Nestling, daß sie
klärlich irgend etwas Bedeutsames markieren mußte. Wuchs das Junge sich
aus, so verschwand der ganze Spuk wieder vollkommen -- es mußte sich
also um etwas handeln, das speziell nur die Kinderstube anging.
Nun, in die Kinderstube des Tieres spielt ja so manches für sich
hinein. Bald müssen die kleinen Lebensanfänger nach urgegebenem Gesetz
in ihr noch einmal Züge der Ahnen wiederholen, sozusagen Großvaters
Maske aufsetzen, ehe sie ihr eignes Gesicht endgültig bekommen.
Vielfach aber unterliegen sie auch besonderen Anpassungen dort, die nur
den Nutzzwecken der Kinderstube selbst dienen, gleichsam Wiegen- und
Windelanpassungen darstellen, wenn man es menschlich ausdrücken soll.
Sorgsame Beobachtung wies nun nach, daß es sich bei den jungen Amadinen
um einen Fall der letzteren Art allein handle, aber um einen ganz
unerwarteten.
Wir alle kennen ein Bild aus dem trauten Leben der Mutter bei uns.
Es ist tiefe Nacht, alles weithin still und dunkel. Nur in der
Kinderstube dämmert ein blasser Schein. Dort läßt die treue Mutter
ein Nachtlichtlein brennen, um sogleich orientiert zu sein, wenn das
Kleine etwas braucht. Dunkel, immerzu recht dunkel ist es aber auch in
der Kinderstube solchen niedlichen Webervögelchens, -- in seinem fast
ganz geschlossenen Webernest. Und wenn der alte Vogel durch die kleine
Öffnung einfliegt und die hungrigen Kleinen atzen soll, so wäre auch
ihm wohl zu gönnen, daß er da drinnen ein Nachtlichtchen finden könnte,
das ihm den Weg zu den sperrenden Schnäbelchen wiese. Es ist aber in
der Tat dafür gesorgt, daß er es findet!
Sobald er seine Kinderstube besucht, _leuchtet_ es ihm nämlich von
da drinnen entgegen wie kleine Lämpchen. Und diese Lämpchen sitzen
sogar höchst sinnreich gerade da, wo sie wirklich am besten auf den
Weg weisen: nämlich eben in den Schnabelwinkeln der kleinen Schnäbel
selbst. Es ist, als trage jede Jungamadine dort einige winzige, aber
vollkommen wirksame Glühbirnen angeheftet, deren Glanz das finstere
Stübchen illuminiert. Nichts anderes als solche angewachsenen
Glühbirnen sind eben die bewußten geheimnisvollen Kugeln mit ihrem Blau
-- Leuchtorgane der Nestjungen zur Orientierung des fütternden Vogels
im finsteren Nest.
Das war nun, als man endlich darauf kam, eine Entdeckung, wie sie
die Tierkunde selten erlebt hat. Leuchtende Vögel, und zwar zu so
sinnreichem Zweck!
Auch hier mußte die Frage entstehen: konnte es ein echtes Leuchten
sein wie bei den Johanniswürmchen oder Tiefseefischen? Prinzipiell
hätte schließlich nichts im Wege gestanden, daß es selbst das war,
die Nestjungen hätten dann in ihren Glühbirnen eine echte oxydierende
Leuchtsubstanz produzieren müssen. Chun, der jüngst verstorbene
treffliche Leipziger Zoologe, hat nach sorgfältigster Analyse indessen
anders entschieden.
Amadinens blaue Leuchtkugeln leuchten tatsächlich nach der Methode
des Katzenauges. Ohne selber Augen zu sein, wirken sie doch als
raffinierter Reflektierapparat. Sie fangen, konzentrieren und strahlen
hell zurück die schwachen Stäubchen Dämmerlicht der nicht absolut
schwarzen Neststube, genau wie das Katzenauge aus der Dämmernacht, die
uns als vollkommenes Dunkel erscheint, doch noch gleichsam einen roten
Funken sammelt. Das Wunderbarste aber ist, daß auch dieses reflektierte
Licht hier in den Dienst eines bestimmten Nutzzweckes tritt. Und
daß es ausdrücklich in einem besonderen Leuchtorgan nur für diesen
Zweck erzeugt wird, anstatt nebenbei zu entstehen wie im funkelnden
Katzenauge!
Das macht Amadinens illuminierte Kinderstube zum Exempel einer
Lebensleistung, die bisher einzig in ihrer Art ist und mit der
gleichsam ein neues Kapitel der Naturgeschichte beginnt.
Die Vorfahren des Schmetterlings
In dem lieblichen Schöpfungsbilde der Bibel sehen wir, wie die junge
Erde sich mit allerlei Getier belebt. Vögel schwingen sich in die
Lüfte, Fisch und Walfisch tummeln sich im Meer, das Vieh geht zur
Weide, und der Wurm wühlt sich durch den Grund. Aber einen hat der
Chronist vergessen: den Schmetterling, der über die Blüten gaukelt.
Wieviel fehlte der irdischen Landschaft, wenn er nicht wäre!
Goethe hat bei Gelegenheit seiner Metamorphose der Pflanzen einmal
gesagt, der Schmetterling sei selber eigentlich nur eine Blüte, die
sich eines Tages vom Stengel gelöst habe und frei fortgeflattert sei.
Er dachte dabei wohl an die wunderbare Wasserpflanze Vallisneria, bei
der sich die männlichen Blüten in der Tat selbsttätig von den Stielen
ablösen, um sich durch das Wasser zu den weiblichen tragen zu lassen.
Aber noch in einem tieferen Sinn hatte er recht.
Die Raupe, die träg im Blattwerk der Pflanze hängt, immer nur auf
Fressen und Wachsen bedacht und in der Farbe oft grün wie das Blatt,
das sie verzehrt, hat in ihrem Stande etwas von der Pflanze selbst, die
bloß erst emporwachsend Sprossen und Blätter treibt. Der Schmetterling
aber, der aus dieser Raupe durch das Knospenstadium der Puppe eines
Tages ersteht, gleicht der Blütenbildung an solcher Pflanze. Wie sie,
tritt er in reifer Entfaltung gleich ganz hervor. Wie sie, lebt er
wesentlich nur der Liebe. Wie sie, prangt er durchweg in herrlichen
Formen und Farben. Der Kenner weiß sogar, daß Schmetterlinge nach
Vanille und anderem Aroma -- lebhaft duften können. Und zum Überfluß
ist der Schmetterling verknüpft mit dem Leben der Blume. Seit grauen
Zeiten ist er ihr Liebesbote geworden, der ihr selber unentbehrlich
ist, den sie mit Näschereien füttert, dem sie ihren Duft und ihre
Farben entgegenbringt.
Seit grauen Zeiten! Aber auch das Graueste muß zuletzt einmal
angefangen haben. Auch unser Schmetterling mit all seiner Blumenschöne
und Blumenliebe muß zuletzt auch einmal auf Erden entstanden sein.
Solange Menschen sich erinnern, war er da, aber das ist doch nur
eine ganz kurze Zeit. Wir blicken zurück in die wunderbaren Wälder
der Urwelt, durch die noch kein Menschenschatten mit Menschengröße
und Menschenqual ging. Und wir sehen im Steinkohlenwald, diesem
Sumpfforste gigantischer Schachtelhalme und Bärlappe, noch keine
leiseste Spur eines gaukelnden Schmetterlings. Wohl war das fliegende
Insekt als solches schon da. Sei es nun, wie die einen wollen, aus
einem trilobitenhaften Krebs damals hervorgegangen, der sich mit
schwerfälligem Erstlingsfluge aus einer austrocknenden Pfütze so zur
nächsten besseren rettete, -- sei es, wie andere vermuten, auf einem
langen Wege vom Tausendfuß gekommen: genug, es schwirrte, obwohl
in wirklich noch einigermaßen mühseliger Form, im kleinen unseren
Aeroplanen von heute noch vergleichbar, die auch vielleicht erst bei
unseren Enkeln einmal schmetterlingshaft zierlich werden.
Seltsam freilich: in der relativen Größe, an Insektenmaßen selbst
gemessen, waren diese ersten lebenden »Aeroplane« des Steinkohlensumpfs
die Riesen ihres Geschlechts. Nie wieder sind Insekten auf Erden
überhaupt so kolossal geworden. Da flog mit »halbstarrem System«, das
sich erst nach oben aufrichten, aber noch nicht nach hinten gefaltet
übereinanderlegen ließ, der Koloß Meganeura, dessen Flügel zusammen
an dreiviertel Meter spannten. Aber Meganeura war kein Schmetterling,
näher verwandt war der Riese den heute noch in jener Methode fahrenden
Libellen.
Lange noch auch in der mittleren Urwelt hat es prachtvolle Flieger aus
den Kreisen dieser Nichtschmetterlinge gegeben, wenn auch keine ganz so
kolossalen in der Folge mehr -- so flog noch in der berühmten Lagune
von Solnhofen zur Jurazeit die herrliche ~Kaligramma Haeckeli~, bei der
jeder Vorderflügel über 12 Zentimeter maß und auf allen Flügeln riesige
Kreisflecken wie bei unsern Pfauenaugen standen; sie war keine Libelle,
sondern eine Nächstverwandte jenes hübschen Insekts, das aus unserm
allbekannten »Ameisenlöwen« als seiner häßlichen Larve steigt.
All diese Urweltler lehren uns aber nichts über den engeren Werdegang
unseres Schmetterlings. Überschlagen wir ungeheure geologische
Zeiträume nach jenen Steinkohlensümpfen und ihren riesigen Meganeuren
und machen erst wieder halt in jenen viel näheren, obwohl immer noch
urweltlichen Wäldern der Tertiärzeit, wo der Bernstein als Harzträne
von den Fichtenstämmen perlte und gerade Spuren des Insektenlebens
wie in einem Archiv aufbewahrte, so finden wir dort in der Tat schon
den Schmetterling vollendet. Der niedliche Bläuling gaukelte schon am
Tage um die Bernsteinbäume, der dicke Schwärmer nahte sich abends den
Waldblüten. Noch war auch damals die Zahl nicht groß, die grenzenlose
Prachtentfaltung muß erst in unseren eigenen Tagen liegen; aber die
Stunde war erfüllt, darüber ist kein Zweifel. Zwischen damals und jenem
nebelfeuchten Farnwalde von so viel früher muß die Schöpfungsstunde des
Schmetterlings gelegen haben, da er nicht einzeln wie jeder von heute
aus seiner Puppe, sondern im ganzen gleichsam aus einem anderen Insekt
hervorgekrochen war. Was könnte das aber für ein Insekt gewesen sein?
Wir betrachten einen Moment genauer den heutigen Falter, irgendeinen
Admiral oder Trauermantel des Tals oder den wundervollen Apollo
der Hochgebirgsmatte, und zweierlei erscheint uns als sein
Charakteristisches im Gegensatz zu allem sonst vertrauten Insektenvolk.
Seine Mundwerkzeuge bilden statt harter und roher Beißer eben
jenen feinen Saugrüssel, mit dem er den Blütennektar nascht. Und
eben seine blütenhaft bunte Farbenpracht entsteht durch eine Art
köstlichen Pelzes, dessen schuppenförmigen Haare lose in dem zugrunde
liegenden nackten Glasflügel wurzeln. In der Herkunft dieser beiden
Besonderheiten muß das Geheimnis der Schmetterlingsherkunft stecken.
Hier mag uns aber ein kleines Erlebnis bedeutsam werden, das wohl ein
jeder von uns einmal durchgemacht hat.
Wir haben als Kinder im flachen Schilfgrund gegründelt oder das
angeschwemmte Genist des Ufers zerteilt. Da geriet uns ein sonderbares
kleines Futteral aus zäh verknüpften Rohrstückchen, Sandkörnchen oder
gar Schneckenhäuschen in die Hand, das wir nicht zu deuten wußten.
Indem wir es aber drückten, schaute vorne ein unwillig gestörter
häßlicher Kopf vor: in der Hülse wohnte als ihr Verfertiger ein langer
wurmhafter Geselle. Das jetzt aber war kein echter Wurm, sondern auch
eine Insektenlarve, entsprechend dem Raupenstande beim Schmetterling.
Köcherfliege oder Köcherjungfrau heißt das fertige Insekt, das später
aus ihr hervorgeht, ein Flügelinsekt, das auf sehr viel gelenkigerem,
schon hinterwärts kunstvoll zusammenfaltbarem Luftschiff dahinfahren
wird, als es etwa eine Libelle besitzt. Aber bezeichnenderweise wird
solche Köcherjungfrau auch »Wassermotte« genannt. Wirklich trägt sie,
einzig unter allen nicht schmetterlingshaften Insekten der Jetztzeit,
auch auf ihren Flügelchen einen deutlichen bunten Pelzbesatz, obwohl
von etwas primitiverem Haarstande. Und ebenso erscheint auch ihr
kleiner Mund verkümmert zum derben Beißen, er bietet bereits den
deutlichen Anfang eines zarten Blütensaugers. Wie ein Doppelgänger
taucht dieses Wasserkind neben dem Schmetterling auf, eine leichte
Bleistiftskizze gleichsam zu dem dort glänzend vollendeten Kunstwerk.
Schon früh ist es also denkenden Beobachtern aufgeblitzt: hier müsse
noch etwas bis heute fortleben aus dem ursprünglichen Werdegang des
Schmetterlings, und, einmal angeschlagen, hat das dann zu einem weiten
Gewebe der Möglichkeiten gelockt.
Jene Köcherfliegen oder Phryganeiden verknüpfen sich selber heute
ziemlich ersichtlich noch mit einem anderen Insektengeschlecht. Das
sind die sogenannten Skorpionfliegen oder Panorpaten. Sie führen
keinen Flügelpelz und keinen sanften Honigheber. Ein wildes Räubervolk
sind sie, mit einem bösen Beißschnabel, der unerbittlich über anderes
Insektenvolk herfällt; die bekannteste Sorte führt beim Männchen
hinten eine zum Rücken umgeschlagene Zange, die an den gefürchteten
Stachel des Skorpions gemahnt. Zweifellos ist solche Skorpionfliege
ein niedrigeres und altertümlicheres Insekt, zugleich aber deuten
mancherlei Indizien darauf, daß gerade sie einst die Ahnfrau der
schon viel feiner organisierten Köcherjungfrau war. Skorpionfliege,
Köcherjungfrau, Schmetterling -- hier lebte also heute noch etwas wie
der Schatten eines Stammbaumes ...
Gehen wir damit aber wieder in die Urwelt selber zurück. Da ist es
nun sehr interessant jetzt, daß die Skorpionfliegen gar sehr eines
beträchtlich hohen Alters verdächtig sind. Sie tauchen in zahlreichen
unmittelbaren Resten (Abdrücken von Flügeln) etwas vor der Mitte
zwischen jenen schmetterlingsleeren Steinkohlensümpfen und den schon
von Schmetterlingen besuchten Bernsteinforsten auf: zu Anfang der vom
Ichthyosaurus allbekannten Jurazeit. Feine Indizien aber verknüpfen
sie dort wieder rückwärts noch bis zu den wirklichen Urinsekten des
Steinkohlensumpfes selbst, so daß man wohl annehmen darf, sie mit
ihren bis heute ja noch so viel roheren Beißorganen sind ursprünglich
doch auch von dort hergekommen. Nun aber sehen wir des weiteren
etwas geradezu verblüffend an jenen geahnten höheren Stammbaum auch
urweltlich Anschließendes.
Schon in den Gesteinsschichten jenes untersten Jura finden sich neben
den deutlichen Flügeln von Skorpionfliegen auch bereits einzelne Flügel
noch erkennbar abgeprägt, die heutigen Flügeln der Köcherjungfrau
gleichen. Und schon im mittleren und oberen Jura gesellen sich dazu
einzelne noch weitere Flügel, die jetzt gar schon stark an den echten
Schmetterlingsflügel von heute gemahnen. An sehr verschiedenen Orten
ist man bisher auf diesen ersten Schatten des Urschmetterlings
gestoßen: in England, in Sibirien und im berühmten lithographischen
Kalkstein von Solnhofen in Franken. Im letzteren hatte man allerdings
lange die Abdrücke von Holzwespen mit Schmetterlingen verwechselt,
aber nachdem dieser Irrtum erledigt war, gab es doch auch echte
Schmetterlingsflügel dort. Und da scheint nur ein schlichter Schluß
möglich.
Schon zu Anfang der Jurazeit hatte sich ein Teil der alten
Skorpionfliegen in Köcherjungfrauen verwandelt, und im Verlauf der
Juraperiode dann gingen wieder aus einem Teil der Köcherjungfrauen
die echten Schmetterlinge hervor. Immer wandelte sich nur ein Teil,
wohlbemerkt, denn es leben ja heute neben den Schmetterlingen auch noch
(allerdings wenige) Skorpionfliegen und ein gut Teil Köcherjungfrauen
fort; das ist die alte Sache wie fast immer im Stammbaum; neben dem
Neffen lebt der Onkel auch noch weiter. Indessen ist hier noch eine
Erwägung nötig, die zugleich das Bild des Hergangs noch farbiger macht.
Frühlingsfliege sowohl wie noch viel vollkommener der Schmetterling
selbst besitzen heute durchweg einen reinen Blütensaugapparat. Dazu
aber sind höhere Blüten nach Art unserer heutigen von Insekten
besuchten nötig.
Nun hat es aber solche Blüten in jener Juraperiode noch gar nicht
gegeben, sie entstanden erst in der folgenden Kreidezeit, die noch
zwischen den Jurawäldern und dem Bernsteinforst liegt.
Wir müssen also annehmen, daß, der Not der Zeit gehorchend, auch
die erst erstandenen Köcherjungfrauen der Jurazeit noch beißende
Mundwerkzeuge gleich den älteren Insekten besaßen.
Auf dieser Stufe aber müssen zunächst doch die Flügel bei einem Teil
ihres Urvölkleins schon mehr oder minder schmetterlingshaft geworden
sein, so daß man mit einigem Recht schon von diesen Vertretern
damals hätte sagen können, es waren bereits Schmetterlinge, doch
Schmetterlinge auch noch mit beißenden Kiefern ohne Honigrüssel.
Es ist dabei wieder interessant zu bemerken, daß noch heute einige
wenige Schmetterlinge uns lebend beinahe noch diese Urstufe vor Augen
bringen; so hat der primitivste aller lebenden Schmetterlinge, von
dem die Art ~Micropteryx~ oder ~Eriocephalus Calthella~ bei uns in
Europa vorkommt, noch regelrechte kauende Mundteile mit wohlerhaltenem
Oberkiefer anstatt des Saugrüssels.
Und erst in der Kreidezeit selber werden wir dann annehmen dürfen,
daß sowohl die echt verbleibenden Köcherjungfrauen wie die Partei der
schon werdenden Schmetterlingsflügler unter ihnen fast auf der ganzen
Linie sich wirklich den entstehenden Blumen (und die Blumen ihnen)
auch im Mundbau anschlossen, womit für den Schmetterling erst das
ganz Ätherische, vom Brutalen Abgelöste seines endgültigen Schicksals
gegeben war.
Nachdem zuerst in der langsam prägenden Urweltshand sein farbenfroher
Flügel sorgsam fertiggestellt worden war, folgte jetzt der Honigmund.
Und so ist er bereits in den sonnendurchhellten Bernsteinwald
eingeschwebt, so ist er als lieblichstes Schöpfungsmärchen
heraufgegaukelt bis zu uns.
Der Kampf um den Maulwurf
Da liegt der schwarze Bösewicht
Und wühlte gern und kann doch nicht,
Denn hinderlich, wie überall,
Ist hier der eigne Todesfall.
Diese klassischen Worte Wilhelm Buschs charakterisieren den Kampf _mit_
dem Maulwurf.