XIV.

Seit diesem Augenblick ist es zu Ende mit mir. Mein letzter Rest von

Glücksbewusstsein und Selbstgefälligkeit ist zu Tode gehetzt

zusammengebrochen, ich kann nicht mehr, ja, ich bin unglücklich, ich

gestehe es ein, und ich sehe eine klägliche und lächerliche Figur in

mir! -- Aber ich halte das nicht aus! Ich gehe zu Grunde! Ich werde mich

totschiessen, sei es heut oder morgen!

Meine erste Regung, mein erster Instinkt war der schlaue Versuch, das

Belletristische aus der Sache zu ziehen und mein erbärmliches

Übelbefinden in »unglückliche Liebe« umzudeuten: Eine Albernheit, wie

sich von selbst versteht. Man geht an keiner unglücklichen Liebe zu

Grunde. Eine unglückliche Liebe ist eine Attitüde, die nicht übel ist.

In einer unglücklichen Liebe gefällt man sich. Ich aber gehe daran zu

Grunde, dass es mit allem Gefallen an mir selbst so ohne Hoffnung zu

Ende ist!

Liebte ich, wenn endlich einmal diese Frage erlaubt ist, liebte ich

dieses Mädchen denn eigentlich? -- Vielleicht ... aber wie und warum?

War diese Liebe nicht eine Ausgeburt meiner längst schon gereizten und

kranken Eitelkeit, die beim ersten Anblick dieser unerreichbaren

Kostbarkeit peinigend aufbegehrt war und Gefühle von Neid, Hass und

Selbstverachtung hervorgebracht hatte, für die dann die Liebe bloss

Vorwand, Ausweg und Rettung war?

Ja, das alles ist Eitelkeit! Und hat mich nicht mein Vater schon einst

einen Bajazzo genannt?

Ach, ich war nicht berechtigt, ich am wenigsten, mich seitab zu setzen

und die »Gesellschaft« zu ignorieren, ich, der ich zu eitel bin, ihre

Miss- und Nichtachtung zu ertragen, der ich ihrer und ihres Beifalls

nicht zu entraten vermag! -- Aber es handelt sich nicht um Berechtigung?

Sondern um Notwendigkeit? Und mein unbrauchbares Bajazzotum hätte für

keine sociale Stellung getaugt? Nunwohl, eben dieses Bajazzotum ist es,

an dem ich in jedem Falle zu Grunde gehen musste.

Gleichgültigkeit, ich weiss, das wäre eine Art von Glück ... Aber ich

bin nicht im stande, gleichgültig gegen mich zu sein, ich bin nicht im

stande, mich mit anderen Augen anzusehen, als mit denen der »Leute«, und

ich gehe an bösem Gewissen zu Grunde -- erfüllt von Unschuld ... Sollte

das böse Gewissen denn niemals etwas anderes sein, als eiternde

Eitelkeit? --

Es giebt nur ein Unglück: das Gefallen an sich selbst einbüssen. Sich

nicht mehr zu gefallen, das ist das Unglück -- ah, und ich habe das

stets sehr deutlich gefühlt! Alles übrige ist Spiel und Bereicherung des

Lebens, in jedem anderen Leiden kann man so ausserordentlich mit sich

zufrieden sein, sich so vorzüglich ausnehmen. Die Zwietracht erst mit

dir selbst, das böse Gewissen im Leiden, die Kämpfe der Eitelkeit erst

sind es, die dich zu einem kläglichen und widerwärtigen Anblick

machen ...

Ein alter Bekannter erschien auf der Bildfläche, ein Herr Namens

Schilling, mit dem ich einst in dem grossen Holzgeschäfte des Herrn

Schlievogt gemeinschaftlich der Gesellschaft diente. Er berührte in

Geschäften die Stadt und kam, mich zu besuchen -- ein »skeptisches

Individuum«, die Hände in den Hosentaschen, mit einem schwarzgeränderten

Pincenez und einem realistisch duldsamen Achselzucken. Er traf des

Abends ein und sagte: »Ich bleibe ein paar Tage hier.« -- Wir gingen in

eine Weinstube.

Er begegnete mir, als sei ich noch der glückliche Selbstgefällige, als

den er mich gekannt hatte, und in dem guten Glauben, mir nur meine eigne

fröhliche Meinung entgegen zu bringen, sagte er:

-- »Bei Gott, Du hast Dir Dein Leben angenehm eingerichtet, mein Junge!

Unabhängig, was? frei! Eigentlich hast Du recht, zum Teufel! Man lebt

nur einmal, wie? Was geht einen im Grunde das übrige an? Du bist der

Klügere von uns beiden, das muss ich sagen. Übrigens, Du warst immer ein

Genie ...« Und wie ehemals fuhr er fort, mich bereitwilligst

anzuerkennen und mir gefällig zu sein, ohne zu ahnen, dass ich

meinerseits voll Angst war, zu missfallen.

Mit verzweifelten Anstrengungen bemühte ich mich, den Platz zu

behaupten, den ich in seinen Augen einnahm, nach wie vor auf der Höhe zu

erscheinen, glücklich und selbstzufrieden zu erscheinen -- umsonst! Mir

fehlte jedes Rückgrat, jeder gute Mut, jede Contenance, ich kam ihm mit

einer matten Verlegenheit, einer geduckten Unsicherheit entgegen -- und

er erfasste das mit unglaublicher Schnelligkeit! Es war entsetzlich, zu

sehen, wie er, der vollkommen bereit gewesen war, mich als glücklichen

und überlegenen Menschen anzuerkennen, begann, mich zu durchschauen,

mich erstaunt anzusehen, kühl zu werden, überlegen zu werden, ungeduldig

und widerwillig zu werden und mir schliesslich seine Verachtung mit

jeder Miene zu zeigen. Er brach früh auf, und am nächsten Tage belehrten

mich ein paar flüchtige Zeilen darüber, dass er dennoch genötigt gewesen

sei, abzureisen.

Es ist Thatsache, alle Welt ist viel zu angelegentlich mit sich selbst

beschäftigt, als dass man ernstlich eine Meinung über einen anderen zu

haben vermöchte; man acceptiert mit träger Bereitwilligkeit den Grad von

Respekt, den du die Sicherheit hast, vor dir selber an den Tag zu legen.

Sei, wie du willst, lebe, wie du willst, aber zeige kecke Zuversicht und

kein böses Gewissen, und niemand wird moralisch genug sein, dich zu

verachten. Erlebe es andererseits, die Einigkeit mit dir zu verlieren,

die Selbstgefälligkeit einzubüssen, zeige, dass du dich verachtest, und

blindlings wird man dir recht geben. -- Was mich betrifft, ich bin

verloren ...

* * * * *

Ich höre auf zu schreiben, ich werfe die Feder fort -- voll Ekel, voll

Ekel! -- Ein Ende machen: aber wäre das nicht beinahe zu heldenhaft für

einen »Bajazzo«? Es wird sich ergeben, fürchte ich, dass ich weiter

leben, weiter essen, schlafen und mich ein wenig beschäftigen werde und

mich allgemach dumpfsinnig daran gewöhnen, eine »unglückliche und

lächerliche Figur« zu sein.

Mein Gott, wer hätte es gedacht, wer hätte es denken können, dass es ein

solches Verhängnis und Unglück ist, als ein »Bajazzo« geboren zu

werden!...

Tobias Mindernickel.

Der kleine Herr Friedemann: Novellen · 第 42 / 47 题