Seit diesem Augenblick ist es zu Ende mit mir. Mein letzter Rest von
Glücksbewusstsein und Selbstgefälligkeit ist zu Tode gehetzt
zusammengebrochen, ich kann nicht mehr, ja, ich bin unglücklich, ich
gestehe es ein, und ich sehe eine klägliche und lächerliche Figur in
mir! -- Aber ich halte das nicht aus! Ich gehe zu Grunde! Ich werde mich
totschiessen, sei es heut oder morgen!
Meine erste Regung, mein erster Instinkt war der schlaue Versuch, das
Belletristische aus der Sache zu ziehen und mein erbärmliches
Übelbefinden in »unglückliche Liebe« umzudeuten: Eine Albernheit, wie
sich von selbst versteht. Man geht an keiner unglücklichen Liebe zu
Grunde. Eine unglückliche Liebe ist eine Attitüde, die nicht übel ist.
In einer unglücklichen Liebe gefällt man sich. Ich aber gehe daran zu
Grunde, dass es mit allem Gefallen an mir selbst so ohne Hoffnung zu
Ende ist!
Liebte ich, wenn endlich einmal diese Frage erlaubt ist, liebte ich
dieses Mädchen denn eigentlich? -- Vielleicht ... aber wie und warum?
War diese Liebe nicht eine Ausgeburt meiner längst schon gereizten und
kranken Eitelkeit, die beim ersten Anblick dieser unerreichbaren
Kostbarkeit peinigend aufbegehrt war und Gefühle von Neid, Hass und
Selbstverachtung hervorgebracht hatte, für die dann die Liebe bloss
Vorwand, Ausweg und Rettung war?
Ja, das alles ist Eitelkeit! Und hat mich nicht mein Vater schon einst
einen Bajazzo genannt?
Ach, ich war nicht berechtigt, ich am wenigsten, mich seitab zu setzen
und die »Gesellschaft« zu ignorieren, ich, der ich zu eitel bin, ihre
Miss- und Nichtachtung zu ertragen, der ich ihrer und ihres Beifalls
nicht zu entraten vermag! -- Aber es handelt sich nicht um Berechtigung?
Sondern um Notwendigkeit? Und mein unbrauchbares Bajazzotum hätte für
keine sociale Stellung getaugt? Nunwohl, eben dieses Bajazzotum ist es,
an dem ich in jedem Falle zu Grunde gehen musste.
Gleichgültigkeit, ich weiss, das wäre eine Art von Glück ... Aber ich
bin nicht im stande, gleichgültig gegen mich zu sein, ich bin nicht im
stande, mich mit anderen Augen anzusehen, als mit denen der »Leute«, und
ich gehe an bösem Gewissen zu Grunde -- erfüllt von Unschuld ... Sollte
das böse Gewissen denn niemals etwas anderes sein, als eiternde
Eitelkeit? --
Es giebt nur ein Unglück: das Gefallen an sich selbst einbüssen. Sich
nicht mehr zu gefallen, das ist das Unglück -- ah, und ich habe das
stets sehr deutlich gefühlt! Alles übrige ist Spiel und Bereicherung des
Lebens, in jedem anderen Leiden kann man so ausserordentlich mit sich
zufrieden sein, sich so vorzüglich ausnehmen. Die Zwietracht erst mit
dir selbst, das böse Gewissen im Leiden, die Kämpfe der Eitelkeit erst
sind es, die dich zu einem kläglichen und widerwärtigen Anblick
machen ...
Ein alter Bekannter erschien auf der Bildfläche, ein Herr Namens
Schilling, mit dem ich einst in dem grossen Holzgeschäfte des Herrn
Schlievogt gemeinschaftlich der Gesellschaft diente. Er berührte in
Geschäften die Stadt und kam, mich zu besuchen -- ein »skeptisches
Individuum«, die Hände in den Hosentaschen, mit einem schwarzgeränderten
Pincenez und einem realistisch duldsamen Achselzucken. Er traf des
Abends ein und sagte: »Ich bleibe ein paar Tage hier.« -- Wir gingen in
eine Weinstube.
Er begegnete mir, als sei ich noch der glückliche Selbstgefällige, als
den er mich gekannt hatte, und in dem guten Glauben, mir nur meine eigne
fröhliche Meinung entgegen zu bringen, sagte er:
-- »Bei Gott, Du hast Dir Dein Leben angenehm eingerichtet, mein Junge!
Unabhängig, was? frei! Eigentlich hast Du recht, zum Teufel! Man lebt
nur einmal, wie? Was geht einen im Grunde das übrige an? Du bist der
Klügere von uns beiden, das muss ich sagen. Übrigens, Du warst immer ein
Genie ...« Und wie ehemals fuhr er fort, mich bereitwilligst
anzuerkennen und mir gefällig zu sein, ohne zu ahnen, dass ich
meinerseits voll Angst war, zu missfallen.
Mit verzweifelten Anstrengungen bemühte ich mich, den Platz zu
behaupten, den ich in seinen Augen einnahm, nach wie vor auf der Höhe zu
erscheinen, glücklich und selbstzufrieden zu erscheinen -- umsonst! Mir
fehlte jedes Rückgrat, jeder gute Mut, jede Contenance, ich kam ihm mit
einer matten Verlegenheit, einer geduckten Unsicherheit entgegen -- und
er erfasste das mit unglaublicher Schnelligkeit! Es war entsetzlich, zu
sehen, wie er, der vollkommen bereit gewesen war, mich als glücklichen
und überlegenen Menschen anzuerkennen, begann, mich zu durchschauen,
mich erstaunt anzusehen, kühl zu werden, überlegen zu werden, ungeduldig
und widerwillig zu werden und mir schliesslich seine Verachtung mit
jeder Miene zu zeigen. Er brach früh auf, und am nächsten Tage belehrten
mich ein paar flüchtige Zeilen darüber, dass er dennoch genötigt gewesen
sei, abzureisen.
Es ist Thatsache, alle Welt ist viel zu angelegentlich mit sich selbst
beschäftigt, als dass man ernstlich eine Meinung über einen anderen zu
haben vermöchte; man acceptiert mit träger Bereitwilligkeit den Grad von
Respekt, den du die Sicherheit hast, vor dir selber an den Tag zu legen.
Sei, wie du willst, lebe, wie du willst, aber zeige kecke Zuversicht und
kein böses Gewissen, und niemand wird moralisch genug sein, dich zu
verachten. Erlebe es andererseits, die Einigkeit mit dir zu verlieren,
die Selbstgefälligkeit einzubüssen, zeige, dass du dich verachtest, und
blindlings wird man dir recht geben. -- Was mich betrifft, ich bin
verloren ...
* * * * *
Ich höre auf zu schreiben, ich werfe die Feder fort -- voll Ekel, voll
Ekel! -- Ein Ende machen: aber wäre das nicht beinahe zu heldenhaft für
einen »Bajazzo«? Es wird sich ergeben, fürchte ich, dass ich weiter
leben, weiter essen, schlafen und mich ein wenig beschäftigen werde und
mich allgemach dumpfsinnig daran gewöhnen, eine »unglückliche und
lächerliche Figur« zu sein.
Mein Gott, wer hätte es gedacht, wer hätte es denken können, dass es ein
solches Verhängnis und Unglück ist, als ein »Bajazzo« geboren zu
werden!...
Tobias Mindernickel.