Ich bin entschlossen, diese Niederschrift zu Ende zu führen, obgleich
ich vor innerem Widerstreben in jedem Augenblicke aufspringen und
davonlaufen möchte. Ich habe in dieser Angelegenheit so bis zur
Erschlaffung gegraben und gebohrt! Ich bin alles dessen so bis zur
Übelkeit überdrüssig!...
Es sind nicht völlig drei Monate, dass mich die Zeitungen über einen
»Bazar« unterrichteten, der zu Zwecken der Wohlthätigkeit im Rathause
der Stadt arrangiert worden war, und zwar unter Beteiligung der
vornehmen Welt. Ich las diese Annonce mit Aufmerksamkeit, und ich war
gleich darauf entschlossen, den Bazar zu besuchen. Sie wird dort sein,
dachte ich, vielleicht als Verkäuferin, und in diesem Falle wird nichts
mich abhalten, mich ihr zu nähern. Ruhig überlegt bin ich Mensch von
Bildung und guter Familie, und wenn mir dieses Fräulein Rainer gefällt,
so ist es mir bei solcher Gelegenheit so wenig wie dem Herrn mit dem
erstaunlichen Hemdeinsatz verwehrt, sie anzureden, ein paar scherzhafte
Worte mit ihr zu wechseln ...
Es war ein windiger und regnerischer Nachmittag, als ich mich zum
Rathause begab, vor dessen Portal ein Gedränge von Menschen und Wagen
herrschte. Ich bahnte mir einen Weg in das Gebäude, erlegte das
Eintrittsgeld, gab Überzieher und Hut in Verwahrung und gelangte mit
einiger Anstrengung die breite, mit Menschen bedeckte Treppe hinauf ins
erste Stockwerk und in den Festsaal, aus dem mir ein schwüler Dunst von
Wein, Speisen, Parfüms und Tannengeruch, ein wirrer Lärm von Gelächter,
Gespräch, Musik, Ausrufen und Gongschlägen entgegendrang.
Der ungeheuer hohe und weite Raum war mit Fahnen und Guirlanden
buntfarbig geschmückt, und an den Wänden wie in der Mitte zogen sich die
Buden hin, offene Verkaufsstellen sowohl, wie geschlossene Verschläge,
deren Besuch phantastisch maskierte Herren aus vollen Lungen empfahlen.
Die Damen, die ringsumher Blumen, Handarbeiten, Tabak und Erfrischungen
aller Art verkauften, waren gleichfalls in verschiedener Weise
kostümiert. Am oberen Ende des Saales lärmte auf einer mit Pflanzen
besetzten Estrade die Musikkapelle, während in dem nicht breiten Gange,
den die Buden freiliessen, ein kompakter Zug von Menschen sich langsam
vorwärts bewegte.
Ein wenig frappiert von dem Geräusch der Musik, der Glückshäfen, der
lustigen Reklame, schloss ich mich dem Strome an, und noch war keine
Minute vergangen, als ich vier Schritte links vom Eingange die junge
Dame erblickte, die ich hier suchte. Sie hielt in einer kleinen, mit
Tannenlaub bekränzten Bude Weine und Limonaden feil und war als
Italienerin gekleidet: mit dem bunten Rock, der weissen, rechtwinkligen
Kopfbedeckung und dem kurzen Mieder der Albanerinnen, dessen Hemdärmel
ihre zarten Arme bis zu den Ellenbogen entblösst liessen. Ein wenig
erhitzt lehnte sie seitwärts am Verkaufstisch, spielte mit ihrem bunten
Fächer und plauderte mit einer Anzahl von Herren, die rauchend die Bude
umstanden, und unter denen ich mit dem ersten Blicke den Wohlbekannten
gewahrte; ihr zunächst stand er am Tische, vier Finger jeder Hand in den
Seitentaschen seines Jaquetts.
Ich drängte langsam vorüber, entschlossen, zu ihr zu treten, sobald eine
Gelegenheit sich böte, sobald sie weniger in Anspruch genommen wäre ...
Ah! Es sollte sich erweisen nunmehr, ob ich noch über einen Rest von
fröhlicher Sicherheit und selbstbewusster Gewandtheit verfügte, oder ob
die Morosität und die halbe Verzweiflung meiner letzten Wochen
berechtigt gewesen war! Was hatte mich eigentlich angefochten? Woher
angesichts dieses Mädchens dies peinigende und elende Mischgefühl aus
Neid, Liebe, Scham und gereizter Bitterkeit, das mir auch nun wieder,
ich bekenne es, das Gesicht erhitzte? Freimut! Liebenswürdigkeit!
Heitere und anmutige Selbstgefälligkeit, zum Teufel, wie sie einem
begabten und glücklichen Menschen geziemt! Und ich dachte mit einem
nervösen Eifer der scherzhaften Wendung, dem guten Worte, der
italienischen Anrede nach, mit der ich mich ihr zu nähern
beabsichtigte ...
Es währte eine gute Weile, bis ich in der schwerfällig vorwärts
schiebenden Menge den Weg um den Saal zurückgelegt hatte, -- und in der
That: als ich mich aufs neue bei der kleinen Weinbude befand, war der
Halbkreis von Herren verschwunden, und nur der Wohlbekannte lehnte noch
am Schanktische, indem er sich aufs lebhafteste mit der jungen
Verkäuferin unterhielt. Nun wohl, so musste ich mir erlauben, diese
Unterhaltung zu unterbrechen ... Und mit einer kurzen Wendung verliess
ich den Strom und stand am Tische.
Was geschah? Ah, nichts! Beinahe nichts! Die Konversation brach ab, der
Wohlbekannte trat einen Schritt zur Seite, indem er mit allen fünf
Fingern sein rand- und bandloses Binocle erfasste und mich zwischen
diesen Fingern hindurch betrachtete, und die junge Dame liess einen
ruhigen und prüfenden Blick über mich hingleiten -- über meinen Anzug
bis auf die Stiefel hinab. Dieser Anzug war keineswegs neu, und diese
Stiefel waren vom Strassenkot besudelt, ich wusste das. Überdies war ich
erhitzt, und mein Haar war sehr möglicherweise in Unordnung. Ich war
nicht kühl, nicht frei, nicht auf der Höhe der Situation. Das Gefühl,
dass ich, ein Fremder, Unberechtigter, Unzugehöriger, hier störte und
mich lächerlich machte, befiel mich. Unsicherheit, Hilflosigkeit, Hass
und Jämmerlichkeit verwirrten mir den Blick, und mit einem Worte, ich
führte meine munteren Absichten aus, indem ich mit finster
zusammengezogenen Brauen, mit heiserer Stimme und auf kurze, beinahe
grobe Weise sagte:
-- Ich bitte um ein Glas Wein.
Es ist vollkommen gleichgültig, ob ich mich irrte, als ich zu bemerken
glaubte, dass das junge Mädchen einen raschen und spöttischen Blick zu
ihrem Freunde hinüberspielen liess. Schweigend wie er und ich gab sie
mir den Wein, und ohne den Blick zu erheben, rot und verstört vor Wut
und Schmerz, eine unglückliche und lächerliche Figur, stand ich zwischen
diesen beiden, trank ein paar Schlucke, legte das Geld auf den Tisch,
verbeugte mich fassungslos, verliess den Saal und stürzte ins Freie.
Seit diesem Augenblicke ist es zu Ende mit mir, und es fügt der Sache
bitterwenig hinzu, dass ich ein paar Tage später in den Journalen die
Verkündigung fand:
»Die Verlobung meiner Tochter Anna mit Herrn Assessor Dr. Alfred
Witznagel beehre ich mich ergebenst anzuzeigen. Justizrat Rainer.«