Eine der Strassen, die von der Quaigasse aus ziemlich steil zur
mittleren Stadt emporführen, heisst der Graue Weg. Etwa in der Mitte
dieser Strasse und rechter Hand, wenn man vom Flusse kommt, steht das
Haus No. 47, ein schmales, trübfarbiges Gebäude, das sich durch nichts
von seinen Nachbarn unterscheidet. In seinem Erdgeschoss befindet sich
ein Krämerladen, in welchem man auch Gummischuhe und Ricinusöl erhalten
kann. Geht man, mit dem Durchblick auf einen Hofraum, in dem sich Katzen
umhertreiben, über den Flur, so führt eine enge und ausgetretene
Holztreppe, auf der es unaussprechlich dumpfig und ärmlich riecht, in
die Etagen hinauf. Im ersten Stockwerk links wohnt ein Schreiner, rechts
eine Hebamme. Im zweiten Stockwerk links wohnt ein Flickschuster, rechts
eine Dame, welche laut zu singen beginnt, sobald sich Schritte auf der
Treppe vernehmen lassen. Im dritten Stockwerk steht linker Hand die
Wohnung leer, rechts wohnt ein Mann Namens Mindernickel, der obendrein
Tobias heisst. Von diesem Manne giebt es eine Geschichte, die erzählt
werden soll, weil sie rätselhaft und über alle Begriffe schändlich ist.
Das Äussere Mindernickels ist auffallend, sonderbar und lächerlich.
Sieht man beispielsweise, wenn er einen Spaziergang unternimmt, seine
magere, auf einen Stock gestützte Gestalt sich die Strasse
hinaufbewegen, so ist er schwarz gekleidet, und zwar vom Kopfe bis zu
den Füssen. Er trägt einen altmodischen, geschweiften und rauhen
Cylinder, einen engen und altersblanken Gehrock und in gleichem Masse
schäbige Beinkleider, die unten ausgefranst und so kurz sind, dass man
den Gummieinsatz der Stiefeletten sieht. Übrigens muss gesagt werden,
dass diese Kleidung aufs reinlichste gebürstet ist. Sein hagerer Hals
erscheint um so länger, als er sich aus einem niedrigen Klappkragen
erhebt. Das ergraute Haar ist glatt und tief in die Schläfen gestrichen,
und der breite Rand des Cylinders beschattet ein rasiertes und fahles
Gesicht mit eingefallenen Wangen, mit entzündeten Augen, die sich selten
vom Boden erheben, und zwei tiefen Furchen, die grämlich von der Nase
bis zu den abwärts gezogenen Mundwinkeln laufen.
Mindernickel verlässt selten das Haus, und das hat seinen Grund. Sobald
er nämlich auf der Strasse erscheint, laufen viele Kinder zusammen,
ziehen ein gutes Stück Wegs hinter ihm drein, lachen, höhnen, singen:
»Ho, ho, Tobias!« und zupfen ihn wohl auch am Rocke, während die Leute
vor die Thüren treten und sich amüsieren. Er selbst aber geht, ohne sich
zu wehren und scheu um sich blickend, mit hochgezogenen Schultern und
vorgestrecktem Kopfe davon, wie ein Mensch, der ohne Schirm durch einen
Platzregen eilt; und obgleich man ihm ins Gesicht lacht, grüsst er hie
und da mit einer demütigen Höflichkeit jemanden von den Leuten, die vor
den Thüren stehn. Später, wenn die Kinder zurückbleiben, wenn man ihn
nicht mehr kennt und nur wenige sich nach ihm umsehen, ändert sich sein
Benehmen nicht wesentlich. Er fährt fort, ängstlich um sich zu blicken
und geduckt davonzustreben, als fühlte er tausend höhnische Blicke auf
sich, und wenn er unschlüssig und scheu den Blick vom Boden erhebt, so
bemerkt man das Sonderbare, dass er nicht im stande ist, irgend einen
Menschen oder auch nur ein Ding mit Festigkeit und Ruhe ins Auge zu
fassen. Es scheint, möge es fremdartig klingen, ihm die natürliche,
sinnlich wahrnehmende Überlegenheit zu fehlen, mit der das Einzelwesen
auf die Welt der Erscheinungen blickt, er scheint sich einer jeden
Erscheinung unterlegen zu fühlen, und seine haltlosen Augen müssen vor
Mensch und Ding zu Boden kriechen ...
Was für eine Bewandtnis hat es mit diesem Manne, der stets allein ist
und der in ungewöhnlichem Grade unglücklich zu sein scheint? Seine
gewaltsam bürgerliche Kleidung sowie eine gewisse sorgfältige Bewegung
der Hand über das Kinn scheint anzudeuten, dass er keineswegs zu der
Bevölkerungsklasse gerechnet werden will, in deren Mitte er wohnt. Gott
weiss, in welcher Weise ihm mitgespielt worden ist. Sein Gesicht sieht
aus, als hätte ihm das Leben verächtlich lachend mit voller Faust
hineingeschlagen ... Übrigens ist es sehr möglich, dass er, ohne schwere
Schicksalsschläge erlebt zu haben, einfach dem Dasein selbst nicht
gewachsen ist, und die leidende Unterlegenheit und Blödigkeit seiner
Erscheinung macht den peinvollen Eindruck, als hätte die Natur ihm das
Mass von Gleichgewicht, Kraft und Rückgrat versagt, das hinlänglich
wäre, mit erhobenem Kopfe zu existieren.
Hat er, gestützt auf seinen schwarzen Stock, einen Gang in die Stadt
hinauf gemacht, so kehrt er, im Grauen Weg von den Kindern johlend
empfangen, in seine Wohnung zurück; er begiebt sich die dumpfige Treppe
hinauf in sein Zimmer, das ärmlich und schmucklos ist. Nur die Kommode,
ein solides Empire-Möbel mit schweren Metallgriffen, ist von Wert und
Schönheit. Vor dem Fenster, dessen Aussicht von der grauen Seitenmauer
des Nachbarhauses hoffnungslos abgeschnitten ist, steht ein Blumentopf,
voll von Erde, in der jedoch durchaus nichts wächst; gleichwohl tritt
Tobias Mindernickel zuweilen dorthin, betrachtet den Blumentopf und
riecht an der blossen Erde. -- Neben dieser Stube liegt eine kleine,
dunkle Schlafkammer. -- Nachdem er eingetreten, legt Tobias Cylinder und
Stock auf den Tisch, setzt sich auf das grün überzogene Sofa, das nach
Staub riecht, stützt das Kinn in die Hand und blickt mit erhobenen
Augenbrauen vor sich nieder zu Boden. Es scheint, dass es für ihn auf
Erden nichts weiter zu thun giebt.
Was Mindernickels Charakter betrifft, so ist es sehr schwer, darüber zu
urteilen; der folgende Vorfall scheint zu Gunsten desselben zu sprechen.
Als der sonderbare Mann eines Tages das Haus verliess und wie gewöhnlich
eine Schar von Kindern sich einfand, die ihn mit Spottrufen und
Gelächter verfolgten, strauchelte ein Junge von etwa zehn Jahren über
den Fuss eines anderen und schlug so heftig auf das Pflaster, dass ihm
das Blut aus der Nase und von der Stirne lief und er weinend liegen
blieb. Alsbald wandte Tobias sich um, eilte auf den Gestürzten zu,
beugte sich über ihn und begann mit milder und bebender Stimme ihn zu
bemitleiden. »Du armes Kind,« sagte er, »hast Du Dir wehgethan? Du
blutest! Seht, das Blut läuft ihm von der Stirn herunter! Ja, ja, wie
elend Du nun daliegst! Freilich, es thut so weh, dass es weint, das arme
Kind! Welch Erbarmen ich mit Dir habe! Es war Deine Schuld, aber ich
will Dir mein Taschentuch um den Kopf binden ... So, so! Nun fasse Dich
nur, nun erhebe Dich nur wieder ...« Und nachdem er mit diesen Worten
dem Jungen in der That sein eigenes Schnupftuch umgewunden hatte,
stellte er ihn mit Sorgfalt auf die Füsse und ging davon. Seine Haltung
und sein Gesicht aber zeigten in diesem Augenblicke einen entschieden
anderen Ausdruck als gewöhnlich. Er schritt fest und aufrecht, und seine
Brust atmete tief unter dem engen Gehrock; seine Augen hatten sich
vergrössert, sie hatten Glanz erhalten und fassten mit Sicherheit
Menschen und Dinge, während um seinen Mund ein Zug von schmerzlichem
Glücke lag ...
Dieser Vorfall hatte zur Folge, dass sich die Spottlust der Leute vom
Grauen Wege zunächst ein wenig verminderte. Nach Verlauf einiger Zeit
jedoch war sein überraschendes Betragen vergessen, und eine Menge von
gesunden, wohlgemuten und grausamen Kehlen sang wieder hinter dem
geduckten und haltlosen Manne drein: »Ho, ho, Tobias!«