Ich will erzählen, dass ich infolge eines Zufalles diese junge Dame nach
Verlauf von acht Tagen bereits zum zweiten Male sah, und zwar in der
Oper. Man gab Gounods »Margarete«, und kaum hatte ich den
hellerleuchteten Saal betreten, um mich zu meinem Parkettplatze zu
begeben, als ich sie zur Linken des alten Herrn, in einer
Prosceniumsloge der anderen Seite gewahrte. Nebenbei stellte ich fest,
dass mich lächerlicherweise ein kleiner Schreck und etwas wie Verwirrung
dabei berührte, und dass ich aus irgend einem Grunde meine Augen sofort
abschweifen und über die anderen Ränge und Logen hinwandern liess. Erst
beim Beginn der Ouverture entschloss ich mich, die Herrschaften ein
wenig eingehender zu betrachten.
Der alte Herr, in streng geschlossenem Gehrock mit schwarzer Schleife,
sass mit einer ruhigen Würde in seinen Sessel zurückgelehnt und liess
die eine der braun bekleideten Hände leicht auf dem Sammet der
Logenbrüstung ruhen, während die andere hie und da langsam über den Bart
oder über das kurzgehaltene ergraute Haupthaar strich. Das junge Mädchen
dagegen -- seine Tochter, ohne Zweifel? -- sass interessiert und lebhaft
vorgebeugt, beide Hände, in denen sie ihren Fächer hielt, auf dem
Sammetpolster. Dann und wann machte sie eine kurze Kopfbewegung, um das
lockere, lichtbraune Haar ein wenig von der Stirn und den Schläfen
zurückzuwerfen.
Sie trug eine ganz leichte Bluse aus heller Seide, in deren Gürtel ein
Veilchensträusschen steckte, und ihre schmalen Augen blitzten in der
scharfen Beleuchtung noch schwärzer als vor acht Tagen. Übrigens machte
ich die Beobachtung, dass die Mundhaltung, die ich damals an ihr bemerkt
hatte, ihr überhaupt eigentümlich war: in jedem Augenblicke setzte sie
ihre weissen, in kleinen, regelmässigen Abständen schimmernden Zähne auf
die Unterlippe und zog das Kinn ein wenig empor. Diese unschuldige
Miene, die von gar keiner Koketterie zeugte, der ruhig und fröhlich
zugleich umherwandernde Blick ihrer Augen, ihr zarter und weisser Hals,
welcher frei war, und um den sich ein schmales Seidenband von der Farbe
der Taille schmiegte, die Bewegung, mit der sie sich hie und da an den
alten Herrn wandte, um ihn auf irgend etwas im Orchester, am Vorhang, in
einer Loge aufmerksam zu machen -- alles brachte den Eindruck einer
unsäglich feinen und lieblichen Kindlichkeit hervor, die jedoch nichts
in irgend einem Grade Rührendes und »Mitleid«-Erregendes an sich hatte.
Es war eine vornehme, abgemessene und durch elegantes Wohlleben sicher
und überlegen gemachte Kindlichkeit, und sie legte ein Glück an den Tag,
dem nichts Übermütiges, sondern eher etwas Stilles eignete, weil es
selbstverständlich war.
Gounods geistreiche und zärtliche Musik war, wie mich dünkte, keine
falsche Begleitung zu diesem Anblick, und ich lauschte ihr, ohne auf die
Bühne zu achten, und ganz und gar hingegeben an eine milde und
nachdenkliche Stimmung, deren Wehmut ohne diese Musik vielleicht
schmerzlicher gewesen wäre. In der Pause aber bereits, die dem ersten
Akte folgte, erhob sich von seinem Parkettplatz ein Herr von sagen wir
einmal: siebenundzwanzig bis dreissig Jahren, welcher verschwand und
gleich darauf mit einer geschickten Verbeugung in der Loge meiner
Aufmerksamkeit erschien. Der alte Herr streckte ihm alsbald die Hand
entgegen, und auch die junge Dame reichte ihm mit einem freundlichen
Kopfnicken die ihre, die er mit Anstand an seine Lippen führte, worauf
man ihn nötigte, Platz zu nehmen.
Ich erkläre mich bereit, zu bekennen, dass dieser Herr den
unvergleichlichsten Hemdeinsatz besass, den ich in meinem Leben
erblicken durfte. Er war vollkommen blossgelegt dieser Hemdeinsatz, denn
die Weste war nichts als ein schmaler, schwarzer Streifen, und die
Frackjacke, die nicht früher als weit unterhalb des Magens durch einen
Knopf geschlossen wurde, war von den Schultern aus in ungewöhnlich
weitem Bogen ausgeschnitten. Der Hemdeinsatz aber, der an dem hohen und
scharf zurückgeschlagenen Stehkragen durch eine breite, schwarze
Schleife abgeschlossen wurde, und auf dem in gemessenen Abständen zwei
grosse, viereckige und ebenfalls schwarze Knöpfe standen, war von
blendendem Weiss, und er war bewunderungswürdig gestärkt, ohne darum der
Schmiegsamkeit zu ermangeln, denn in der Gegend des Magens bildete er
auf angenehme Art eine Vertiefung, um sich dann wiederum zu einem
gefälligen und schimmernden Buckel zu erheben.
Es versteht sich, dass dieses Hemd den grössten Teil der Aufmerksamkeit
für sich verlangte; der Kopf aber, seinerseits, der vollkommen rund war,
und dessen Schädel eine Decke ganz kurzgeschorenen, hellblonden Haares
überzog, war geschmückt mit einem rand- und bandlosen Binocle, einem
nicht zu starken, blonden und leichtgekräuselten Schnurrbart und auf der
einen Wange mit einer Menge von kleinen Mensurschrammen, die sich bis
zur Schläfe hinaufzogen. Übrigens war dieser Herr ohne Fehler gebaut und
bewegte sich mit Sicherheit.
Ich habe im Verlaufe des Abends -- denn er verblieb in der Loge -- zwei
Positionen an ihm beobachtet, die ihm besonders eigentümlich schienen.
Gesetzt nämlich, dass die Unterhaltung mit den Herrschaften ruhte, so
sass er, ein Bein über das andere geschlagen und das Fernglas auf den
Knieen, mit Bequemlichkeit zurückgelehnt, senkte das Haupt und schob den
ganzen Mund heftig hervor, um sich in die Betrachtung seiner beiden
Schnurrbartenden zu versenken, gänzlich hypnotisiert davon, wie es
schien, und indem er langsam und still den Kopf von der einen Seite nach
der anderen wandte. In einer Konversation, andernfalls, mit der jungen
Dame begriffen, änderte er aus Ehrerbietung die Stellung seiner Beine,
lehnte sich jedoch noch weiter zurück, wobei er mit beiden Händen seinen
Sessel erfasste, erhob das Haupt so weit wie immer möglich und lächelte
mit ziemlich weit geöffnetem Munde in liebenswürdiger und bis zu einem
gewissen Grade überlegener Weise auf seine junge Nachbarin nieder.
Diesen Herrn musste ein wundervoll glückliches Selbstbewusstsein
erfüllen ...
Im Ernste gesprochen, ich weiss dergleichen zu schätzen. Keiner seiner
Bewegungen, und sei ihre Nonchalance immerhin gewagt gewesen, folgte
eine peinliche Verlegenheit; er war getragen von Selbstgefühl. Und warum
sollte dies anders sein? Es war klar: er hatte, ohne sich vielleicht
besonders hervorzuthun, seinen korrekten Weg gemacht, er würde denselben
bis zu klaren und nützlichen Zielen verfolgen, er lebte im Schatten des
Einverständnisses mit aller Welt und in der Sonne der allgemeinen
Achtung. Mittlerweile sass er dort in der Loge und plauderte mit einem
jungen Mädchen, für dessen reinen und köstlichen Reiz er vielleicht
nicht unzugänglich war, und dessen Hand er in diesem Falle sich guten
Mutes erbitten konnte. Wahrhaftig, ich spüre keine Lust, irgend ein
missächtliches Wort über diesen Herrn zu äussern!
Ich aber, ich meinesteils? Ich sass hier unten und mochte aus der
Entfernung, aus dem Dunkel heraus grämlich beobachten, wie jenes
kostbare und unerreichliche Geschöpf mit diesem Nichtswürdigen plauderte
und lachte! Ausgeschlossen, unbeachtet, unberechtigt, fremd, hors ligne,
deklassiert, Paria, erbärmlich vor mir selbst ...
Ich blieb bis zum Ende, und ich traf die drei Herrschaften in der
Garderobe wieder, wo man sich beim Umlegen der Pelze ein wenig aufhielt
und mit diesem oder jenem ein paar Worte wechselte, hier mit einer Dame,
dort mit einem Offizier ... Der junge Herr begleitete Vater und Tochter,
als sie das Theater verliessen, und ich folgte ihnen in einem kleinem
Abstande durch das Vestibül.
Es regnete nicht, es standen ein paar Sterne am Himmel, und man nahm
keinen Wagen. Gemächlich und plaudernd schritten die drei vor mir her,
der ich sie in scheuer Entfernung verfolgte, -- niedergedrückt,
gepeinigt von einem stechend schmerzlichen, höhnischen, elenden Gefühl
... Man hatte nicht weit zu gehen; kaum war eine Strasse zurückgelegt,
als man vor einem stattlichen Hause mit schlichter Fassade stehen blieb,
und gleich darauf verschwanden Vater und Tochter nach herzlicher
Verabschiedung von ihrem Begleiter, der seinerseits beschleunigten
Schrittes davonging.
An der schweren, geschnitzten Thür des Hauses war der Name »Justizrat
Rainer« zu lesen.