Es giebt Herbsttage, die wie ein Wunder sind. Der Sommer ist vorüber,
draussen hat längst das Laub zu vergilben begonnen, und in der Stadt hat
Tage lang bereits der Wind um alle Ecken gepfiffen, während in den
Rinnsteinen unreinliche Bäche sprudelten. Du hast dich darein ergeben,
du hast dich sozusagen am Ofen bereit gesetzt, um den Winter über dich
ergehen zu lassen; eines Morgens aber beim Erwachen bemerkst du mit
ungläubigen Augen, dass ein schmaler Streif von leuchtendem Blau
zwischen den Fenstervorhängen hindurch in dein Zimmer blitzt. Ganz
erstaunt springst du aus dem Bette, du öffnest das Fenster, eine Woge
von zitterndem Sonnenlicht strömt dir entgegen, und zugleich vernimmst
du durch alles Strassengeräusch hindurch ein geschwätziges und munteres
Vogelgezwitscher, während es dir nicht anders ist, als atmetest du mit
der frischen und leichten Luft eines ersten Oktobertages die
unvergleichlich süsse und verheissungsvolle Würze ein, die sonst den
Winden des Mai gehört. Es ist Frühling, es ist ganz augenscheinlich
Frühling, dem Kalender zum Trotz, und du wirfst dich in die Kleider, um
unter dem schimmernden Himmel durch die Strassen und ins Freie zu
eilen ...
Ein so unverhoffter und merkwürdiger Tag erschien vor nunmehr etwa vier
Monaten, -- wir stehen augenblicklich am Anfang des Februar -- und an
diesem Tage sah ich etwas ausnehmend Hübsches. Vor neun Uhr am Morgen
hatte ich mich aufgemacht, und ganz erfüllt von einer leichten und
freudigen Stimmung, von einer unbestimmten Hoffnung auf Veränderungen,
Überraschungen und Glück schlug ich den Weg zum Lerchenberge ein. Ich
stieg am rechten Ende den Hügel hinan, und ich verfolgte seinen ganzen
Rücken der Länge nach, indem ich mich stets auf der Hauptpromenade am
Rande und an der niedrigen Steinrampe hielt, um auf dem ganzen Wege, der
wohl eine kleine halbe Stunde in Anspruch nimmt, den Ausblick über die
leicht terrassenförmig abfallende Stadt und den Fluss freizuhaben,
dessen Schlingungen in der Sonne blinkten und hinter dem die Landschaft
mit Hügeln und Grün im Sonnendunst verschwamm.
Es war noch beinahe menschenleer hier oben. Die Bänke jenseits des Weges
standen einsam, und hie und da blickte zwischen den Bäumen eine Statue
hervor, weissschimmernd vor Sonne, während doch ein welkes Blatt dann
und wann langsam darauf niedertaumelte. Die Stille, der ich horchte,
während ich im Wandern den Blick auf das lichte Panorama zur Seite
gerichtet hielt, blieb ungestört, bis ich das Ende des Hügels erreicht
hatte, und der Weg sich zwischen alten Kastanien zu senken begann. Hier
jedoch klang hinter mir Pferdegestampf und das Rollen eines Wagens auf,
der sich in raschem Trabe näherte, und dem ich an der Mitte etwa des
Abstieges Platz machen musste. Ich trat zur Seite und blieb stehen.
Es war ein kleiner, ganz leichter und zweirädiger Jagdwagen, bespannt
mit zwei grossen, blanken und lebhaft schnaubenden Füchsen. Die Zügel
hielt eine junge Dame von neunzehn vielleicht oder zwanzig Jahren, neben
der ein alter Herr von stattlichem und vornehmem Äussern sass, mit
weissem à la russe aufgebürstetem Schnurrbart und dichten, weissen
Augenbrauen. Ein Bedienter in einfacher, schwarz-silberner Livree
dekorierte den Rücksitz.
Das Tempo der Pferde war bei Beginn des Abstieges zum Schritt verzögert
worden, da das eine von ihnen nervös und unruhig schien. Es hatte sich
weit seitwärts von der Deichsel entfernt, drückte den Kopf auf die Brust
und setzte seine schlanken Beine mit einem so zitternden Widerstreben,
dass der alte Herr, ein wenig besorgt, sich vorbeugte, um mit seiner
elegant behandschuhten Linken der jungen Dame beim Straffziehen der
Zügel behilflich zu sein. Die Lenkung schien ihr nur vorübergehend und
halb zum Scherze anvertraut worden, wenigstens sah es aus, als ob sie
das Kutschieren mit einer Art von kindlicher Wichtigkeit und
Unerfahrenheit zugleich behandelte. Sie machte eine kleine, ernsthafte
und indignierte Kopfbewegung, während sie das scheuende und stolpernde
Tier zu beruhigen suchte.
Sie war brünett und schlank. Auf ihrem Haar, das überm Nacken zu einem
festen Knoten gewunden war und das sich ganz leicht und lose um Stirn
und Schläfen legte, so dass einzelne lichtbraune Fäden zu unterscheiden
waren, sass ein runder, dunkelfarbiger Strohhut, geschmückt
ausschliesslich mit einem kleinen Arrangement von Bandwerk. Übrigens
trug sie eine kurze, dunkelblaue Jacke und einen schlichtgearbeiteten
Rock aus hellgrauem Tuch.
In ihrem ovalen und feingeformten Gesicht, dessen zartbrünetter Teint
von der Morgenluft frisch gerötet war, bildeten das Anziehendste
sicherlich die Augen: ein Paar schmaler und langgeschnittener Augen,
deren kaum zur Hälfte sichtbare Iris blitzend schwarz war, und über
denen sich ausserordentlich gleichmässige und wie mit der Feder
gezeichnete Brauen wölbten. Die Nase war vielleicht ein wenig lang, und
der Mund, dessen Lippenlinien jedenfalls klar und fein waren, hätte
schmaler sein dürfen. Im Augenblicke aber wurde ihm durch die schimmernd
weissen und etwas von einander entfernt stehenden Zähne ein Reiz
gegeben, die das junge Mädchen bei den Bemühungen um das Pferd energisch
auf die Unterlippe drückte, und mit denen sie das fast kindlich runde
Kinn ein wenig emporzog.
Es wäre ganz falsch, zu sagen, dass dieses Gesicht von auffallender und
bewunderungswürdiger Schönheit gewesen sei. Es besass den Reiz der
Jugend und der fröhlichen Frische, und dieser Reiz war gleichsam
geglättet, stillgemacht und veredelt durch wohlhabende Sorglosigkeit,
vornehme Erziehung und luxuriöse Pflege; es war gewiss, dass diese
schmalen und blitzenden Augen, die jetzt mit verwöhnter Ärgerlichkeit
auf das störrische Pferd blickten, in der nächsten Minute wieder den
Ausdruck sicheren und selbstverständlichen Glückes annehmen würden. --
Die Ärmel der Jacke, die an den Schultern weit und bauschig waren,
umspannten ganz knapp die schlanken Handgelenke, und niemals habe ich
einen entzückenderen Eindruck von auserlesener Eleganz empfangen, als
durch die Art, mit der diese schmalen, unbekleideten, mattweissen Hände
die Zügel hielten! --
Ich stand am Wege, von keinem Blicke gestreift, während der Wagen
vorüberfuhr, und ich ging langsam weiter, als er sich wieder in Trab
setzte und rasch verschwand. Was ich empfand, war Freude und
Bewunderung; aber irgend ein seltsamer und stechender Schmerz meldete
sich zur gleichen Zeit, ein herbes und drängendes Gefühl von -- Neid?
von Liebe? -- ich wagte es nicht auszudenken -- von Selbstverachtung?
Während ich schreibe, kommt mir die Vorstellung eines armseligen
Bettlers, der vor dem Schaufenster eines Juweliers in den kostbaren
Schimmer eines Edelsteinkleinods starrt. Dieser Mensch wird es in seinem
Inneren nicht zu dem klaren Wunsche bringen, das Geschmeid zu besitzen;
denn schon der Gedanke an diesen Wunsch wäre eine lächerliche
Unmöglichkeit, die ihn vor sich selbst zum Gespött machen würde.