XI.

Es giebt Herbsttage, die wie ein Wunder sind. Der Sommer ist vorüber,

draussen hat längst das Laub zu vergilben begonnen, und in der Stadt hat

Tage lang bereits der Wind um alle Ecken gepfiffen, während in den

Rinnsteinen unreinliche Bäche sprudelten. Du hast dich darein ergeben,

du hast dich sozusagen am Ofen bereit gesetzt, um den Winter über dich

ergehen zu lassen; eines Morgens aber beim Erwachen bemerkst du mit

ungläubigen Augen, dass ein schmaler Streif von leuchtendem Blau

zwischen den Fenstervorhängen hindurch in dein Zimmer blitzt. Ganz

erstaunt springst du aus dem Bette, du öffnest das Fenster, eine Woge

von zitterndem Sonnenlicht strömt dir entgegen, und zugleich vernimmst

du durch alles Strassengeräusch hindurch ein geschwätziges und munteres

Vogelgezwitscher, während es dir nicht anders ist, als atmetest du mit

der frischen und leichten Luft eines ersten Oktobertages die

unvergleichlich süsse und verheissungsvolle Würze ein, die sonst den

Winden des Mai gehört. Es ist Frühling, es ist ganz augenscheinlich

Frühling, dem Kalender zum Trotz, und du wirfst dich in die Kleider, um

unter dem schimmernden Himmel durch die Strassen und ins Freie zu

eilen ...

Ein so unverhoffter und merkwürdiger Tag erschien vor nunmehr etwa vier

Monaten, -- wir stehen augenblicklich am Anfang des Februar -- und an

diesem Tage sah ich etwas ausnehmend Hübsches. Vor neun Uhr am Morgen

hatte ich mich aufgemacht, und ganz erfüllt von einer leichten und

freudigen Stimmung, von einer unbestimmten Hoffnung auf Veränderungen,

Überraschungen und Glück schlug ich den Weg zum Lerchenberge ein. Ich

stieg am rechten Ende den Hügel hinan, und ich verfolgte seinen ganzen

Rücken der Länge nach, indem ich mich stets auf der Hauptpromenade am

Rande und an der niedrigen Steinrampe hielt, um auf dem ganzen Wege, der

wohl eine kleine halbe Stunde in Anspruch nimmt, den Ausblick über die

leicht terrassenförmig abfallende Stadt und den Fluss freizuhaben,

dessen Schlingungen in der Sonne blinkten und hinter dem die Landschaft

mit Hügeln und Grün im Sonnendunst verschwamm.

Es war noch beinahe menschenleer hier oben. Die Bänke jenseits des Weges

standen einsam, und hie und da blickte zwischen den Bäumen eine Statue

hervor, weissschimmernd vor Sonne, während doch ein welkes Blatt dann

und wann langsam darauf niedertaumelte. Die Stille, der ich horchte,

während ich im Wandern den Blick auf das lichte Panorama zur Seite

gerichtet hielt, blieb ungestört, bis ich das Ende des Hügels erreicht

hatte, und der Weg sich zwischen alten Kastanien zu senken begann. Hier

jedoch klang hinter mir Pferdegestampf und das Rollen eines Wagens auf,

der sich in raschem Trabe näherte, und dem ich an der Mitte etwa des

Abstieges Platz machen musste. Ich trat zur Seite und blieb stehen.

Es war ein kleiner, ganz leichter und zweirädiger Jagdwagen, bespannt

mit zwei grossen, blanken und lebhaft schnaubenden Füchsen. Die Zügel

hielt eine junge Dame von neunzehn vielleicht oder zwanzig Jahren, neben

der ein alter Herr von stattlichem und vornehmem Äussern sass, mit

weissem à la russe aufgebürstetem Schnurrbart und dichten, weissen

Augenbrauen. Ein Bedienter in einfacher, schwarz-silberner Livree

dekorierte den Rücksitz.

Das Tempo der Pferde war bei Beginn des Abstieges zum Schritt verzögert

worden, da das eine von ihnen nervös und unruhig schien. Es hatte sich

weit seitwärts von der Deichsel entfernt, drückte den Kopf auf die Brust

und setzte seine schlanken Beine mit einem so zitternden Widerstreben,

dass der alte Herr, ein wenig besorgt, sich vorbeugte, um mit seiner

elegant behandschuhten Linken der jungen Dame beim Straffziehen der

Zügel behilflich zu sein. Die Lenkung schien ihr nur vorübergehend und

halb zum Scherze anvertraut worden, wenigstens sah es aus, als ob sie

das Kutschieren mit einer Art von kindlicher Wichtigkeit und

Unerfahrenheit zugleich behandelte. Sie machte eine kleine, ernsthafte

und indignierte Kopfbewegung, während sie das scheuende und stolpernde

Tier zu beruhigen suchte.

Sie war brünett und schlank. Auf ihrem Haar, das überm Nacken zu einem

festen Knoten gewunden war und das sich ganz leicht und lose um Stirn

und Schläfen legte, so dass einzelne lichtbraune Fäden zu unterscheiden

waren, sass ein runder, dunkelfarbiger Strohhut, geschmückt

ausschliesslich mit einem kleinen Arrangement von Bandwerk. Übrigens

trug sie eine kurze, dunkelblaue Jacke und einen schlichtgearbeiteten

Rock aus hellgrauem Tuch.

In ihrem ovalen und feingeformten Gesicht, dessen zartbrünetter Teint

von der Morgenluft frisch gerötet war, bildeten das Anziehendste

sicherlich die Augen: ein Paar schmaler und langgeschnittener Augen,

deren kaum zur Hälfte sichtbare Iris blitzend schwarz war, und über

denen sich ausserordentlich gleichmässige und wie mit der Feder

gezeichnete Brauen wölbten. Die Nase war vielleicht ein wenig lang, und

der Mund, dessen Lippenlinien jedenfalls klar und fein waren, hätte

schmaler sein dürfen. Im Augenblicke aber wurde ihm durch die schimmernd

weissen und etwas von einander entfernt stehenden Zähne ein Reiz

gegeben, die das junge Mädchen bei den Bemühungen um das Pferd energisch

auf die Unterlippe drückte, und mit denen sie das fast kindlich runde

Kinn ein wenig emporzog.

Es wäre ganz falsch, zu sagen, dass dieses Gesicht von auffallender und

bewunderungswürdiger Schönheit gewesen sei. Es besass den Reiz der

Jugend und der fröhlichen Frische, und dieser Reiz war gleichsam

geglättet, stillgemacht und veredelt durch wohlhabende Sorglosigkeit,

vornehme Erziehung und luxuriöse Pflege; es war gewiss, dass diese

schmalen und blitzenden Augen, die jetzt mit verwöhnter Ärgerlichkeit

auf das störrische Pferd blickten, in der nächsten Minute wieder den

Ausdruck sicheren und selbstverständlichen Glückes annehmen würden. --

Die Ärmel der Jacke, die an den Schultern weit und bauschig waren,

umspannten ganz knapp die schlanken Handgelenke, und niemals habe ich

einen entzückenderen Eindruck von auserlesener Eleganz empfangen, als

durch die Art, mit der diese schmalen, unbekleideten, mattweissen Hände

die Zügel hielten! --

Ich stand am Wege, von keinem Blicke gestreift, während der Wagen

vorüberfuhr, und ich ging langsam weiter, als er sich wieder in Trab

setzte und rasch verschwand. Was ich empfand, war Freude und

Bewunderung; aber irgend ein seltsamer und stechender Schmerz meldete

sich zur gleichen Zeit, ein herbes und drängendes Gefühl von -- Neid?

von Liebe? -- ich wagte es nicht auszudenken -- von Selbstverachtung?

Während ich schreibe, kommt mir die Vorstellung eines armseligen

Bettlers, der vor dem Schaufenster eines Juweliers in den kostbaren

Schimmer eines Edelsteinkleinods starrt. Dieser Mensch wird es in seinem

Inneren nicht zu dem klaren Wunsche bringen, das Geschmeid zu besitzen;

denn schon der Gedanke an diesen Wunsch wäre eine lächerliche

Unmöglichkeit, die ihn vor sich selbst zum Gespött machen würde.

Der kleine Herr Friedemann: Novellen · 第 39 / 47 题