Wieder einmal ist ein Tag zu Ende, ein Tag, dem nicht abzusprechen ist,
Gott sei Dank, dass er Inhalt hatte; der Abend ist da, die Vorhänge des
Fensters sind geschlossen, auf dem Schreibtische brennt die Lampe, es
ist beinahe schon Mitternacht. Man könnte zu Bette gehen, aber man
verharrt halb liegend im Lehnsessel, und die Hände im Schosse gefaltet,
blickt man zur Decke empor, um mit Ergebenheit das leise Graben und
Zehren irgend eines halb unbestimmten Schmerzes zu verfolgen, der nicht
hat verscheucht werden können.
Vor ein paar Stunden noch habe ich mich der Wirkung eines grossen
Kunstwerkes hingegeben, einer dieser ungeheuren und grausamen
Schöpfungen, welche mit dem verderbten Pomp eines ruchlos genialen
Dilettantismus rütteln, betäuben, peinigen, beseligen, niederschmettern
... Meine Nerven beben noch, meine Phantasie ist aufgewühlt, seltene
Stimmungen wogen in mir auf und nieder, Stimmungen von Sehnsucht,
religiöser Inbrunst, Triumph, mystischem Frieden, -- und ein Bedürfnis
ist dabei, das sie stets aufs neue emportreibt, das sie heraustreiben
möchte: das Bedürfnis, sie zu äussern, sie mitzuteilen, sie zu zeigen,
»etwas daraus zu machen« ...
Wie, wenn ich in der That ein Künstler wäre, befähigt, mich in Ton, Wort
oder Bildwerk zu äussern -- am liebsten, aufrichtig gesprochen, in allem
zu gleicher Zeit? -- Aber es ist wahr, dass ich allerhand vermag! Ich
kann, zum guten Beispiel, mich am Flügel niederlassen, um mir im stillen
Kämmerlein meine schönen Gefühle vollauf zum Besten zu geben, und das
sollte mir billig genügen; denn wenn ich, um glücklich zu sein, der
»Leute« bedürfte -- zugegeben dies alles! Allein gesetzt, dass ich auch
auf den Erfolg ein wenig Wert legte, auf den Ruhm, die Anerkennung, das
Lob, den Neid, die Liebe?... Bei Gott! Schon wenn ich mich an die Scene
in jenem Salon zu Palermo erinnere, so muss ich zugeben, dass ein
ähnlicher Vorfall in diesem Augenblick für mich eine unvergleichlich
wohlthuende Ermunterung bedeuten würde.
Wohlüberlegt, ich kann nicht umhin, mir diese sophistische und
lächerliche Begriffsunterscheidung zu gestehen: die Unterscheidung
zwischen innerem und äusserem Glück! -- Das »äussere Glück«, was ist das
eigentlich? -- Es giebt eine Art von Menschen, Lieblingskinder Gottes,
wie es scheint, deren Glück das Genie und deren Genie das Glück ist,
Lichtmenschen, die mit dem Widerspiel und Abglanz der Sonne in ihren
Augen auf eine leichte, anmutige und liebenswürdige Weise durchs Leben
tändeln, während alle Welt sie umringt, während alle Welt sie bewundert,
belobt, beneidet und liebt, weil auch der Neid unfähig ist, sie zu
hassen. Sie aber blicken darein wie die Kinder, spöttisch, verwöhnt,
launisch, übermütig, mit einer sonnigen Freundlichkeit, sicher ihres
Glückes und Genies, und als könne das alles durchaus nicht anders
sein ...
Was mich betrifft, ich leugne die Schwäche nicht, dass ich zu diesen
Menschen gehören möchte, und es will mich, gleichviel ob mit Recht oder
Unrecht, immer aufs neue bedünken, als hätte ich einstmal zu ihnen
gehört: vollkommen »gleichviel«, denn seien wir ehrlich: es kommt darauf
an, für was man sich hält, für was man sich giebt, für was man die
Sicherheit hat, sich zu geben!
Vielleicht verhält es sich in Wirklichkeit nicht anders, als dass ich
auf dieses »äussere Glück« verzichtet habe, indem ich mich dem Dienst
der »Gesellschaft« entzog und mir mein Leben ohne die »Leute«
einrichtete. An meiner Zufriedenheit aber damit ist, wie
selbstverständlich, in keinem Augenblick zu zweifeln, kann nicht
gezweifelt werden, darf nicht gezweifelt werden -- denn um es zu
wiederholen, und zwar mit einem verzweifelten Nachdruck zu wiederholen:
Ich will und muss glücklich sein! Die Auffassung des »Glückes« als eine
Art von Verdienst, Genie, Vornehmheit, Liebenswürdigkeit, die Auffassung
des »Unglücks« als etwas Hässliches, Lichtscheues, Verächtliches und mit
einem Worte Lächerliches ist mir zu tief eigentlich, als dass ich mich
selbst noch zu achten vermöchte, wenn ich unglücklich wäre.
Wie dürfte ich mir gestatten, unglücklich zu sein? Welche Rolle müsste
ich vor mir spielen? Müsste ich nicht als eine Art von Fledermaus oder
Eule im Dunkeln hocken und neidisch zu den »Lichtmenschen«
hinüberblinzeln, den liebenswürdigen Glücklichen? Ich müsste sie hassen,
mit jenem Hass, der nichts ist als eine vergiftete Liebe, -- und mich
verachten!
»Im Dunkeln hocken!« Ah, und mir fällt ein, was ich seit manchem Monat
hin und wieder über meine »Ausserhalb-Stellung« und »philosophische
Vereinsamung« gedacht und gefühlt habe! Und die Angst meldet sich
wieder, die übelbekannte Angst! Und das Bewusstsein irgend einer Art von
Empörung gegen eine drohende Macht ...
-- Unzweifelhaft, dass sich ein Trost fand, eine Ablenkung, eine
Betäubung für dieses Mal und ein anderes und wiederum ein nächstes. Aber
es kehrte wieder, alles dies, es kehrte tausendmal wieder im Laufe der
Monate und der Jahre.