Ist ein Siebenundzwanzigjähriger überhaupt im stande, an die endgültige
Unabänderlichkeit seiner Lage, und sei diese Unabänderlichkeit nur zu
wahrscheinlich, im Ernste zu glauben? Das Zwitschern eines Vogels, ein
winziges Stück Himmelsblau, irgend ein halber und verwischter Traum zur
Nacht, alles ist geeignet, plötzliche Ströme von vager Hoffnung in sein
Herz zu ergiessen und es mit der festlichen Erwartung eines grossen,
unvorhergesehenen Glückes zu erfüllen ... Ich schlenderte von einem Tag
in den andern -- beschaulich, ohne ein Ziel, beschäftigt mit dieser oder
jener kleinen Hoffnung, handele es sich auch nur um den Tag der
Herausgabe einer unterhaltenden Zeitschrift, mit der energischen
Überzeugung, glücklich zu sein, und hin und wieder ein wenig müde vor
Einsamkeit.
Wahrhaftig, die Stunden waren nicht gerade selten, in denen ein Unwille
über Mangel an Verkehr und Gesellschaft mich ergriff, -- denn ist es
nötig, diesen Mangel zu erklären? Mir fehlte jede Verbindung mit der
guten Gesellschaft und den ersten und zweiten Kreisen der Stadt; um mich
bei der goldenen Jugend als fêtard einzuführen, gebrach es mir bei Gott
an Mitteln, -- und andererseits die Bohème? Aber ich bin ein Mensch von
Erziehung, ich trage saubere Wäsche und einen heilen Anzug, und ich
finde schlechterdings keine Lust darin, mit ungepflegten jungen Leuten
an absinthklebrigen Tischen anarchistische Gespräche zu führen. Um kurz
zu sein: es gab keinen bestimmten Gesellschaftskreis, dem ich mit
Selbstverständlichkeit angehört hätte, und die Bekanntschaften, die sich
auf eine oder die andere Weise von selbst ergaben, waren selten,
oberflächlich und kühl -- durch mein eigenes Verschulden, wie ich
zugebe, denn ich hielt mich auch in solchen Fällen mit einem Gefühl der
Unsicherheit zurück und mit dem unangenehmen Bewusstsein, nicht einmal
einem verbummelten Maler auf kurze, klare und Anerkennung erweckende
Weise sagen zu können, wer und was ich eigentlich sei.
Übrigens hatte ich ja wohl mit der »Gesellschaft« gebrochen und auf sie
verzichtet, als ich mir die Freiheit nahm, ohne ihr in irgend einer
Weise zu dienen, meine eigenen Wege zu gehen, und wenn ich, um glücklich
zu sein, der »Leute« bedurft hätte, so musste ich mir erlauben, mich zu
fragen, ob ich in diesem Falle nicht zur Stunde damit beschäftigt
gewesen wäre, mich als Geschäftsmann grösseren Stils gemeinnützlich zu
bereichern und mir den allgemeinen Neid und Respekt zu verschaffen.
Indessen -- indessen! Die Thatsache bestand, dass mich meine
philosophische Vereinsamung in viel zu hohem Grade verdross, und dass
sie am Ende durchaus nicht mit meiner Auffassung von »Glück«
übereinstimmen wollte, mit meinem Bewusstsein, meiner Überzeugung,
glücklich zu sein, deren Erschütterung doch -- es bestand kein Zweifel
-- schlechthin unmöglich war. Nicht glücklich sein, unglücklich sein:
aber war das überhaupt denkbar? Es war undenkbar, und mit diesem
Entscheid war die Frage erledigt, bis aufs neue Stunden kamen, in denen
mir dieses Für-sich-sitzen, diese Zurückgezogenheit und
Ausserhalbstellung nicht in der Ordnung, durchaus nicht in der Ordnung
erscheinen wollte und mich zum Erschrecken mürrisch machte.
»Mürrisch« -- war das eine Eigenschaft des Glücklichen? Ich erinnerte
mich meines Lebens daheim in dem beschränkten Kreise, in dem ich mich
mit dem vergnügten Bewusstsein meiner genial-artistischen Veranlagung
bewegt hatte -- gesellig, liebenswürdig, die Augen voll Heiterkeit,
Moquerie und überlegenem Wohlwollen für alle Welt, im Urteil der Leute
ein wenig verwunderlich und dennoch beliebt. Damals war ich glücklich
gewesen, trotzdem ich in dem grossen Holzgeschäfte des Herrn Schlievogt
hatte arbeiten müssen; und nun? Und nun?...
Aber ein über die Massen interessantes Buch ist erschienen, ein neuer
französischer Roman, dessen Ankauf ich mir gestattet habe, und den ich,
behaglich im Lehnsessel, mit Musse geniessen werde. Dreihundert Seiten,
wieder einmal, voll Geschmack, Blague und auserlesener Kunst! Ah, ich
habe mir mein Leben zu meinem Wohlgefallen eingerichtet! Bin ich
vielleicht nicht glücklich? Eine Lächerlichkeit, diese Frage, und weiter
nichts ...