Der Platz war nicht übel gewählt. Es ist eine ansehnliche Stadt, noch
ohne allzu lärmenden Grossstadttrubel und allzu anstössiges
Geschäftstreiben, mit einigen ziemlich beträchtlichen alten Plätzen
andererseits und einem Strassenleben, das weder der Lebhaftigkeit noch
zum Teile der Elégance entbehrt. Die Umgebung besitzt mancherlei
angenehme Punkte; aber ich habe stets die geschmackvoll angelegte
Promenade bevorzugt, die sich auf dem »Lerchenberge« hinzieht, einem
schmalen und langgestreckten Hügel, an den ein grosser Teil der Stadt
sich lehnt, und von dem man einen weiten Ausblick über Häuser, Kirchen
und den weich geschlängelten Fluss hinweg ins Freie geniesst. An einigen
Punkten, und besonders, wenn an schönen Sommernachmittagen eine
Militärkapelle konzertiert und Equipagen und Spaziergänger sich hin und
her bewegen, wird man dort an den Pincio erinnert. -- Aber ich werde
dieser Promenade noch zu erwähnen haben ...
Niemand glaubt, mit welchem umständlichen Vergnügen ich mir das
geräumige Zimmer herrichtete, das ich nebst anstossender Schlafkammer
etwa inmitten der Stadt, in belebter Gegend gemietet hatte. Die
elterlichen Möbel waren zwar zum grössten Teil in den Besitz meiner
Schwestern übergegangen, indessen war mir immerhin zugefallen, was ich
gebrauchte: stattliche und gediegene Dinge, die zusammen mit meinen
Büchern und den beiden Vorfahrenporträts eintrafen; vor allem aber der
alte Flügel, den meine Mutter für mich bestimmt hatte.
In der That, als alles aufgestellt und geordnet war, als die
Photographieen, die ich auf Reisen gesammelt, alle Wände sowie den
schweren Mahagoni-Schreibtisch und die bauchige Kommode schmückten, und
als ich mich, fertig und geborgen, in einem Lehnsessel am Fenster
niederliess, um abwechselnd die Strassen draussen und meine neue Wohnung
zu betrachten, war mein Behagen nicht gering. Und dennoch -- ich habe
diesen Augenblick nicht vergessen -- dennoch regte sich neben
Zufriedenheit und Vertrauen sacht etwas anderes in mir, irgend ein
kleines Gefühl von Ängstlichkeit und Unruhe, das leise Bewusstsein
irgend einer Art von Empörung und Auflehnung meinerseits gegen eine
drohende Macht ... der leicht bedrückende Gedanke, dass meine Lage, die
bislang niemals mehr als etwas Vorläufiges gewesen war, nunmehr zum
ersten Male als definitiv und unabänderlich betrachtet werden musste ...
Ich verschweige nicht, dass diese und ähnliche Empfindungen sich hie und
da wiederholten. Aber sind die gewissen Nachmittagsstunden überhaupt zu
vermeiden, in denen man hinaus in die wachsende Dämmerung und vielleicht
in einen langsamen Regen blickt und das Opfer trübseherischer
Anwandlungen wird? In jedem Falle stand fest, dass meine Zukunft
vollkommen gesichert war. Ich hatte die runde Summe von 80000 Mark der
städtischen Bank vertraut, die Zinsen betrugen -- mein Gott, die Zeiten
sind schlecht! -- etwa 600 Mark für das Vierteljahr und gestatteten mir
also, anständig zu leben, mich mit Lektüre zu versehen, hier und da ein
Theater zu besuchen -- ein Bisschen leichteren Zeitvertreibs nicht
ausgeschlossen.
Meine Tage vergingen fortab in Wirklichkeit dem Ideale gemäss, das von
jeher mein Ziel gewesen war. Ich erhob mich etwa um 10 Uhr, frühstückte
und verbrachte die Zeit bis zum Mittage am Klavier und mit der Lektüre
einer litterarischen Zeitschrift oder eines Buches. Dann schlenderte ich
die Strasse hinauf zu dem kleinen Restaurant, in dem ich mit
Regelmässigkeit verkehrte, speiste und machte darauf einen längeren
Spaziergang durch die Strassen, durch eine Gallerie, in die Umgegend,
auf den Lerchenberg. Ich kehrte nach Hause zurück und nahm die
Beschäftigungen des Vormittags wieder auf: ich las, musizierte,
unterhielt mich manchmal sogar mit einer Art von Zeichenkunst oder
schrieb mit Sorgfalt einen Brief. Wenn ich mich nach dem Abendessen
nicht in ein Theater oder ein Konzert begab, so hielt ich mich im Café
auf und las bis zum Schlafengehen die Zeitungen. Der Tag aber war gut
und schön gewesen, er hatte einen beglückenden Inhalt gehabt, wenn mir
am Klaviere ein Motiv gelungen war, das mir neu und schön erschien, wenn
ich aus der Lektüre einer Novelle, aus dem Anblick eines Bildes eine
zarte und anhaltende Stimmung davongetragen hatte ...
Übrigens unterlasse ich es nicht, zu sagen, dass ich in meinen
Dispositionen mit einer gewissen Idealität zu Werke ging und dass ich
mit Ernst darauf bedacht war, meinen Tagen so viel »Inhalt« zu geben,
wie nur immer möglich. Ich speiste bescheiden, hielt mir in der Regel
nur einen Anzug, kurz, schränkte meine leiblichen Bedürfnisse mit
Vorsicht ein, um andererseits in der Lage zu sein, für einen guten Platz
in der Oper oder im Konzert einen hohen Preis zu zahlen, mir neue
litterarische Erscheinungen zu kaufen, diese oder jene Kunstausstellung
zu besuchen ...
Die Tage aber verstrichen, und es wurden Wochen und Monate daraus --
Langeweile? Ich gebe zu: es ist nicht immer ein Buch zur Hand, das einer
Reihe von Stunden den Inhalt verschaffen könnte; übrigens hast du ohne
jedes Glück versucht, auf dem Klavier zu phantasieren, du sitzest am
Fenster, rauchst Cigaretten, und unwiderstehlich beschleicht dich ein
Gefühl der Abneigung von aller Welt und dir selbst; die Ängstlichkeit
befällt dich wieder, die übelbekannte Ängstlichkeit, und du springst auf
und machst dich davon, um dir auf der Strasse mit dem heiteren
Achselzucken des Glücklichen die Berufs- und Arbeitsleute zu betrachten,
die geistig und materiell zu unbegabt sind für Musse und Genuss.