VIII.

Der Platz war nicht übel gewählt. Es ist eine ansehnliche Stadt, noch

ohne allzu lärmenden Grossstadttrubel und allzu anstössiges

Geschäftstreiben, mit einigen ziemlich beträchtlichen alten Plätzen

andererseits und einem Strassenleben, das weder der Lebhaftigkeit noch

zum Teile der Elégance entbehrt. Die Umgebung besitzt mancherlei

angenehme Punkte; aber ich habe stets die geschmackvoll angelegte

Promenade bevorzugt, die sich auf dem »Lerchenberge« hinzieht, einem

schmalen und langgestreckten Hügel, an den ein grosser Teil der Stadt

sich lehnt, und von dem man einen weiten Ausblick über Häuser, Kirchen

und den weich geschlängelten Fluss hinweg ins Freie geniesst. An einigen

Punkten, und besonders, wenn an schönen Sommernachmittagen eine

Militärkapelle konzertiert und Equipagen und Spaziergänger sich hin und

her bewegen, wird man dort an den Pincio erinnert. -- Aber ich werde

dieser Promenade noch zu erwähnen haben ...

Niemand glaubt, mit welchem umständlichen Vergnügen ich mir das

geräumige Zimmer herrichtete, das ich nebst anstossender Schlafkammer

etwa inmitten der Stadt, in belebter Gegend gemietet hatte. Die

elterlichen Möbel waren zwar zum grössten Teil in den Besitz meiner

Schwestern übergegangen, indessen war mir immerhin zugefallen, was ich

gebrauchte: stattliche und gediegene Dinge, die zusammen mit meinen

Büchern und den beiden Vorfahrenporträts eintrafen; vor allem aber der

alte Flügel, den meine Mutter für mich bestimmt hatte.

In der That, als alles aufgestellt und geordnet war, als die

Photographieen, die ich auf Reisen gesammelt, alle Wände sowie den

schweren Mahagoni-Schreibtisch und die bauchige Kommode schmückten, und

als ich mich, fertig und geborgen, in einem Lehnsessel am Fenster

niederliess, um abwechselnd die Strassen draussen und meine neue Wohnung

zu betrachten, war mein Behagen nicht gering. Und dennoch -- ich habe

diesen Augenblick nicht vergessen -- dennoch regte sich neben

Zufriedenheit und Vertrauen sacht etwas anderes in mir, irgend ein

kleines Gefühl von Ängstlichkeit und Unruhe, das leise Bewusstsein

irgend einer Art von Empörung und Auflehnung meinerseits gegen eine

drohende Macht ... der leicht bedrückende Gedanke, dass meine Lage, die

bislang niemals mehr als etwas Vorläufiges gewesen war, nunmehr zum

ersten Male als definitiv und unabänderlich betrachtet werden musste ...

Ich verschweige nicht, dass diese und ähnliche Empfindungen sich hie und

da wiederholten. Aber sind die gewissen Nachmittagsstunden überhaupt zu

vermeiden, in denen man hinaus in die wachsende Dämmerung und vielleicht

in einen langsamen Regen blickt und das Opfer trübseherischer

Anwandlungen wird? In jedem Falle stand fest, dass meine Zukunft

vollkommen gesichert war. Ich hatte die runde Summe von 80000 Mark der

städtischen Bank vertraut, die Zinsen betrugen -- mein Gott, die Zeiten

sind schlecht! -- etwa 600 Mark für das Vierteljahr und gestatteten mir

also, anständig zu leben, mich mit Lektüre zu versehen, hier und da ein

Theater zu besuchen -- ein Bisschen leichteren Zeitvertreibs nicht

ausgeschlossen.

Meine Tage vergingen fortab in Wirklichkeit dem Ideale gemäss, das von

jeher mein Ziel gewesen war. Ich erhob mich etwa um 10 Uhr, frühstückte

und verbrachte die Zeit bis zum Mittage am Klavier und mit der Lektüre

einer litterarischen Zeitschrift oder eines Buches. Dann schlenderte ich

die Strasse hinauf zu dem kleinen Restaurant, in dem ich mit

Regelmässigkeit verkehrte, speiste und machte darauf einen längeren

Spaziergang durch die Strassen, durch eine Gallerie, in die Umgegend,

auf den Lerchenberg. Ich kehrte nach Hause zurück und nahm die

Beschäftigungen des Vormittags wieder auf: ich las, musizierte,

unterhielt mich manchmal sogar mit einer Art von Zeichenkunst oder

schrieb mit Sorgfalt einen Brief. Wenn ich mich nach dem Abendessen

nicht in ein Theater oder ein Konzert begab, so hielt ich mich im Café

auf und las bis zum Schlafengehen die Zeitungen. Der Tag aber war gut

und schön gewesen, er hatte einen beglückenden Inhalt gehabt, wenn mir

am Klaviere ein Motiv gelungen war, das mir neu und schön erschien, wenn

ich aus der Lektüre einer Novelle, aus dem Anblick eines Bildes eine

zarte und anhaltende Stimmung davongetragen hatte ...

Übrigens unterlasse ich es nicht, zu sagen, dass ich in meinen

Dispositionen mit einer gewissen Idealität zu Werke ging und dass ich

mit Ernst darauf bedacht war, meinen Tagen so viel »Inhalt« zu geben,

wie nur immer möglich. Ich speiste bescheiden, hielt mir in der Regel

nur einen Anzug, kurz, schränkte meine leiblichen Bedürfnisse mit

Vorsicht ein, um andererseits in der Lage zu sein, für einen guten Platz

in der Oper oder im Konzert einen hohen Preis zu zahlen, mir neue

litterarische Erscheinungen zu kaufen, diese oder jene Kunstausstellung

zu besuchen ...

Die Tage aber verstrichen, und es wurden Wochen und Monate daraus --

Langeweile? Ich gebe zu: es ist nicht immer ein Buch zur Hand, das einer

Reihe von Stunden den Inhalt verschaffen könnte; übrigens hast du ohne

jedes Glück versucht, auf dem Klavier zu phantasieren, du sitzest am

Fenster, rauchst Cigaretten, und unwiderstehlich beschleicht dich ein

Gefühl der Abneigung von aller Welt und dir selbst; die Ängstlichkeit

befällt dich wieder, die übelbekannte Ängstlichkeit, und du springst auf

und machst dich davon, um dir auf der Strasse mit dem heiteren

Achselzucken des Glücklichen die Berufs- und Arbeitsleute zu betrachten,

die geistig und materiell zu unbegabt sind für Musse und Genuss.

Der kleine Herr Friedemann: Novellen · 第 36 / 47 题