II.

Nicht dass ich in meinem äusseren Wesen ihr gleich gewesen wäre, denn

meine Beschäftigungen waren zu einem grossen Teile durchaus nicht still

und geräuschlos. Ich denke an eine davon, die ich dem Verkehr mit

Altersgenossen und ihren Arten von Spiel mit Leidenschaft vorzog, und

die mich noch jetzt, da ich beiläufig dreissig Jahre zähle, mit

Heiterkeit und Vergnügen erfüllt.

Es handelte sich um ein grosses und wohlausgestattetes Puppentheater,

mit dem ich mich ganz allein in meinem Zimmer einschloss, um die

merkwürdigsten Musikdramen darauf zur Aufführung zu bringen. Mein

Zimmer, das im zweiten Stocke lag, und in dem zwei dunkle

Vorfahrenportraits mit Wallensteinbärten hingen, ward verdunkelt und

eine Lampe neben das Theater gestellt; denn die künstliche Beleuchtung

erschien zur Erhöhung der Stimmung erforderlich. Ich nahm unmittelbar

vor der Bühne Platz, denn ich war der Kapellmeister, und meine linke

Hand ruhte auf einer grossen runden Pappschachtel, die das einzige

sichtbare Orchester-Instrument ausmachte.

Es trafen nunmehr die mitwirkenden Künstler ein, die ich selbst mit

Tinte und Feder gezeichnet, ausgeschnitten und mit Holzleisten versehen

hatte, so dass sie stehen konnten. Es waren Herren in Überziehern und

Cylindern und Damen von grosser Schönheit.

-- Guten Abend, sagte ich, meine Herrschaften! Wohlauf allerseits? Ich

bin bereits zur Stelle, denn es waren noch einige Anordnungen zu

treffen. Aber es wird an der Zeit sein, sich in die Garderoben zu

begeben.

Man begab sich in die Garderoben, die hinter der Bühne lagen, und man

kehrte bald darauf gänzlich verändert und als bunte Theaterfiguren

zurück, um sich durch das Loch, das ich in den Vorhang geschnitten

hatte, über die Besetzung des Hauses zu unterrichten. Das Haus war in

der That nicht übel besetzt, und ich gab mir das Klingelzeichen zum

Beginn der Vorstellung, worauf ich den Taktstock erhob und ein Weilchen

die grosse Stille genoss, die dieser Wink hervorrief. Alsbald jedoch

ertönte auf eine neue Bewegung hin der ahnungsvoll dumpfe Trommelwirbel,

der den Anfang der Ouverture bildete, und den ich mit der linken Hand

auf der Pappschachtel vollführte, -- die Trompeten, Klarinetten und

Flöten, deren Toncharakter ich mit dem Munde auf unvergleichliche Weise

nachahmte, setzten ein, und die Musik spielte fort, bis bei einem

machtvollen crescendo der Vorhang emporrollte und in dunklem Wald oder

prangendem Saal das Drama begann.

Es war vorher in Gedanken entworfen, musste aber im einzelnen

improvisiert werden, und was an leidenschaftlichen und süssen Gesängen

erscholl, zu denen die Klarinetten trillerten und die Pappschachtel

grollte, das waren seltsame, volltönende Verse, die voll grosser und

kühner Worte steckten und sich zuweilen reimten, einen verstandesmässigen

Inhalt jedoch selten ergaben. Die Oper aber nahm ihren Fortgang,

während ich mit der linken Hand trommelte, mit dem Munde

sang und musizierte und mit der Rechten nicht nur die darstellenden

Figuren, sondern auch alles übrige aufs umsichtigste dirigierte, so dass

nach den Aktschlüssen begeisterter Beifall erscholl, der Vorhang wieder

und wieder sich öffnen musste und es manchmal sogar nötig war, dass der

Kapellmeister sich auf seinem Sitze wendete und auf stolze zugleich und

geschmeichelte Art in die Stube hinein dankte.

Wahrhaftig, wenn ich nach solch einer anstrengenden Aufführung mit

heissem Kopf mein Theater zusammenpackte, so erfüllte mich eine

glückliche Mattigkeit, wie ein starker Künstler sie empfinden muss, der

ein Werk, an das er sein bestes Können gesetzt, siegreich vollendete. --

Dieses Spiel blieb bis zu meinem dreizehnten oder vierzehnten Jahre

meine Lieblingsbeschäftigung.

Der kleine Herr Friedemann: Novellen · 第 30 / 47 题