Nicht dass ich in meinem äusseren Wesen ihr gleich gewesen wäre, denn
meine Beschäftigungen waren zu einem grossen Teile durchaus nicht still
und geräuschlos. Ich denke an eine davon, die ich dem Verkehr mit
Altersgenossen und ihren Arten von Spiel mit Leidenschaft vorzog, und
die mich noch jetzt, da ich beiläufig dreissig Jahre zähle, mit
Heiterkeit und Vergnügen erfüllt.
Es handelte sich um ein grosses und wohlausgestattetes Puppentheater,
mit dem ich mich ganz allein in meinem Zimmer einschloss, um die
merkwürdigsten Musikdramen darauf zur Aufführung zu bringen. Mein
Zimmer, das im zweiten Stocke lag, und in dem zwei dunkle
Vorfahrenportraits mit Wallensteinbärten hingen, ward verdunkelt und
eine Lampe neben das Theater gestellt; denn die künstliche Beleuchtung
erschien zur Erhöhung der Stimmung erforderlich. Ich nahm unmittelbar
vor der Bühne Platz, denn ich war der Kapellmeister, und meine linke
Hand ruhte auf einer grossen runden Pappschachtel, die das einzige
sichtbare Orchester-Instrument ausmachte.
Es trafen nunmehr die mitwirkenden Künstler ein, die ich selbst mit
Tinte und Feder gezeichnet, ausgeschnitten und mit Holzleisten versehen
hatte, so dass sie stehen konnten. Es waren Herren in Überziehern und
Cylindern und Damen von grosser Schönheit.
-- Guten Abend, sagte ich, meine Herrschaften! Wohlauf allerseits? Ich
bin bereits zur Stelle, denn es waren noch einige Anordnungen zu
treffen. Aber es wird an der Zeit sein, sich in die Garderoben zu
begeben.
Man begab sich in die Garderoben, die hinter der Bühne lagen, und man
kehrte bald darauf gänzlich verändert und als bunte Theaterfiguren
zurück, um sich durch das Loch, das ich in den Vorhang geschnitten
hatte, über die Besetzung des Hauses zu unterrichten. Das Haus war in
der That nicht übel besetzt, und ich gab mir das Klingelzeichen zum
Beginn der Vorstellung, worauf ich den Taktstock erhob und ein Weilchen
die grosse Stille genoss, die dieser Wink hervorrief. Alsbald jedoch
ertönte auf eine neue Bewegung hin der ahnungsvoll dumpfe Trommelwirbel,
der den Anfang der Ouverture bildete, und den ich mit der linken Hand
auf der Pappschachtel vollführte, -- die Trompeten, Klarinetten und
Flöten, deren Toncharakter ich mit dem Munde auf unvergleichliche Weise
nachahmte, setzten ein, und die Musik spielte fort, bis bei einem
machtvollen crescendo der Vorhang emporrollte und in dunklem Wald oder
prangendem Saal das Drama begann.
Es war vorher in Gedanken entworfen, musste aber im einzelnen
improvisiert werden, und was an leidenschaftlichen und süssen Gesängen
erscholl, zu denen die Klarinetten trillerten und die Pappschachtel
grollte, das waren seltsame, volltönende Verse, die voll grosser und
kühner Worte steckten und sich zuweilen reimten, einen verstandesmässigen
Inhalt jedoch selten ergaben. Die Oper aber nahm ihren Fortgang,
während ich mit der linken Hand trommelte, mit dem Munde
sang und musizierte und mit der Rechten nicht nur die darstellenden
Figuren, sondern auch alles übrige aufs umsichtigste dirigierte, so dass
nach den Aktschlüssen begeisterter Beifall erscholl, der Vorhang wieder
und wieder sich öffnen musste und es manchmal sogar nötig war, dass der
Kapellmeister sich auf seinem Sitze wendete und auf stolze zugleich und
geschmeichelte Art in die Stube hinein dankte.
Wahrhaftig, wenn ich nach solch einer anstrengenden Aufführung mit
heissem Kopf mein Theater zusammenpackte, so erfüllte mich eine
glückliche Mattigkeit, wie ein starker Künstler sie empfinden muss, der
ein Werk, an das er sein bestes Können gesetzt, siegreich vollendete. --
Dieses Spiel blieb bis zu meinem dreizehnten oder vierzehnten Jahre
meine Lieblingsbeschäftigung.