Sie liegt so weit dahinten, die kleine, alte Stadt mit ihren schmalen,
winkeligen und giebeligen Strassen, ihren gotischen Kirchen und Brunnen,
ihren betriebsamen, soliden und einfachen Menschen und dem grossen,
altersgrauen Patrizierhause, in dem ich aufgewachsen bin.
Das lag inmitten der Stadt und hatte vier Generationen von vermögenden
und angesehenen Kaufleuten überdauert. »Ora et labora« stand über der
Hausthür, und wenn man von der weiten, steinernen Diele, um die sich
oben eine Gallerie aus weisslackiertem Holze zog, die breite Treppe
hinangestiegen war, so musste man noch einen weitläufigen Vorplatz und
eine kleine, dunkle Säulenhalle durchschreiten, um durch eine der hohen,
weissen Thüren in das Wohnzimmer zu gelangen, wo meine Mutter am Flügel
sass und spielte.
Sie sass im Dämmerlicht, denn vor den Fenstern befanden sich schwere,
dunkelrote Vorhänge; und die weissen Götterfiguren der Tapete schienen
plastisch aus ihrem blauen Hintergrund hervorzutreten und zu lauschen
auf diese schweren, tiefen Anfangstöne eines Chopinschen Notturnos, das
sie vor allem liebte und stets sehr langsam spielte, wie um die
Melancholie eines jeden Accordes auszugeniessen. Der Flügel war alt und
hatte an Klangfülle eingebüsst, aber mit dem Piano-Pedal, welches die
hohen Töne so verschleierte, dass sie an mattes Silber erinnerten,
konnte man die seltsamsten Wirkungen erzielen.
Ich sass auf dem massigen, steiflehnigen Damastsofa und lauschte und
betrachtete meine Mutter. Sie war klein und zart gebaut und trug
meistens ein Kleid aus weichem, hellgrauem Stoff. Ihr schmales Gesicht
war nicht schön, aber es war unter dem gescheitelten, leichtgewellten
Haar von schüchternem Blond wie ein stilles, zartes, verträumtes
Kinderantlitz, und wenn sie, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, am
Klaviere sass, so glich sie den kleinen, rührenden Engeln, die sich auf
alten Bildern oft zu Füssen der Madonna mit der Guitarre bemühen.
Als ich klein war, erzählte sie mir mit ihrer leisen und zurückhaltenden
Stimme oft Märchen, wie sonst niemand sie kannte; oder sie legte auch
einfach ihre Hände auf meinen Kopf, der in ihrem Schosse lag, und sass
schweigend und unbeweglich. Mich dünkt, das waren die glücklichsten und
friedevollsten Stunden meines Lebens. -- Ihr Haar wurde nicht grau, und
sie schien mir nicht älter zu werden; ihre Gestalt ward nur beständig
zarter und ihr Gesicht schmaler, stiller und verträumter.
Mein Vater aber war ein grosser und breiter Herr in feinem, schwarzen
Tuchrock und weisser Weste, auf der ein goldenes Binocle hing. Zwischen
seinen kurzen, eisgrauen Cotelettes trat das Kinn, das wie die Oberlippe
glattrasiert war, rund und stark hervor, und zwischen seinen Brauen
standen stets zwei tiefe, senkrechte Falten. Es war ein mächtiger Mann
von grossem Einfluss auf die öffentlichen Angelegenheiten; ich habe
Menschen ihn mit fliegendem Atem und leuchtenden Augen verlassen sehen
und andere, die gebrochen und ganz verzweifelt waren. Denn es geschah
zuweilen, dass ich und auch wohl meine Mutter und meine beiden älteren
Schwestern solchen Scenen beiwohnten; vielleicht, weil mein Vater mir
Ehrgeiz einflössen wollte, es so weit in der Welt zu bringen wie er;
vielleicht auch, wie ich argwöhne, weil er eines Publikums bedurfte. Er
hatte eine Art, an seinen Stuhl gelehnt und die eine Hand in den
Rockaufschlag geschoben, dem beglückten oder vernichteten Menschen
nachzublicken, die mich schon als Kind diesen Verdacht empfinden liess.
Ich sass in einem Winkel und betrachtete meinen Vater und meine Mutter,
wie als ob ich wählte zwischen beiden, und mich bedächte, ob in
träumerischem Sinnen oder in That und Macht das Leben besser zu
verbringen sei. Und meine Augen verweilten am Ende auf dem stillen
Gesicht meiner Mutter.