III.

Wie verging doch meine Kindheit und Knabenzeit in dem grossen Hause, in

dessen unteren Räumen mein Vater seine Geschäfte leitete, während oben

meine Mutter in einem Lehnsessel träumte oder leise und nachdenklich

Klavier spielte und meine beiden Schwestern, die zwei und drei Jahre

älter waren als ich, in der Küche und an den Wäscheschränken hantierten?

Ich erinnere mich an so weniges.

Fest steht, dass ich ein ungeheuer muntrer Junge war, der bei seinen

Mitschülern durch bevorzugte Herkunft, durch mustergültige Nachahmung

der Lehrer, durch tausend Schauspielerstückchen und durch eine Art

überlegener Redensarten sich Respekt und Beliebtheit zu verschaffen

wusste. Beim Unterricht aber erging es mir übel, denn ich war zu tief

beschäftigt damit, die Komik aus den Bewegungen der Lehrer

herauszufinden, als dass ich auf das übrige hätte aufmerksam sein

können, und zu Hause war mir der Kopf zu voll von Opernstoffen, Versen

und buntem Unsinn, als dass ich ernstlich im stande gewesen wäre, zu

arbeiten.

-- »Pfui,« sagte mein Vater, und die Falten zwischen seinen Brauen

vertieften sich, wenn ich ihm nach dem Mittagessen mein Zeugnis ins

Wohnzimmer gebracht und er das Papier, die Hand im Rockaufschlag,

durchlesen hatte. -- »Du machst mir wenig Freude, das ist wahr. Was soll

aus Dir werden, wenn Du die Güte haben willst, mir das zu sagen? Du

wirst im Leben niemals an die Oberfläche gelangen ...«

Das war betrübend; allein es hinderte nicht, dass ich bereits nach dem

Abendessen den Eltern und Schwestern ein Gedicht vorlas, das ich während

des Nachmittags geschrieben. Mein Vater lachte dabei, dass sein Pincenez

auf der weissen Weste hin und her sprang. -- »Was für Narrenspossen!«

rief er einmal über das andere. Meine Mutter aber zog mich zu sich,

strich mir das Haar aus der Stirn und sagte: -- »Es ist gar nicht

schlecht, mein Junge, ich finde, dass ein paar hübsche Stellen darin

sind.«

Später, als ich noch ein wenig älter war, erlernte ich auf eigene Hand

eine Art von Klavierspiel. Ich begann damit, in fis-dur Accorde zu

greifen, weil ich die schwarzen Tasten besonders reizvoll fand, suchte

mir Übergänge zu anderen Tonarten und gelangte allmählich, da ich lange

Stunden am Flügel verbrachte, zu einer gewissen Fertigkeit im takt- und

melodielosen Wechsel von Harmonieen, wobei ich in dies mystische Gewoge

so viel Ausdruck legte, wie nur immer möglich.

Meine Mutter sagte: -- »Er hat einen Anschlag, der Geschmack verrät.«

Und sie veranlasste, dass ich Unterricht erhielt, der während eines

halben Jahres fortgesetzt wurde, denn ich war wirklich nicht dazu

angethan, den gehörigen Fingersatz und Takt zu erlernen. --

Nun, die Jahre vergingen, und ich wuchs trotz der Sorgen, die mir die

Schule bereitete, ungemein fröhlich heran. Ich bewegte mich heiter und

beliebt im Kreise meiner Bekannten und Verwandten, und ich war gewandt

und liebenswürdig aus Lust daran, den Liebenswürdigen zu spielen,

obgleich ich alle diese Leute, die trocken und phantasielos waren, aus

einem Instinkt heraus zu verachten begann.

Der kleine Herr Friedemann: Novellen · 第 31 / 47 题