Ergebenst _Oskar Freiherr von Stein_.«

-- Ich blickte auf. Er hatte die Hände auf den Rücken gelegt und sich

wieder dem Fenster zugewandt. Ich fragte nichts, als:

»Du reist?«

Und ohne mich anzusehen, erwiderte er:

»Bis morgen früh müssen meine Sachen bereit sein.«

Der Tag verging mit Besorgungen und Kofferpacken, wobei ich ihm

behilflich war, und abends machten wir auf meinen Vorschlag einen

letzten gemeinsamen Spaziergang durch die Strassen der Stadt.

Es war noch jetzt fast unerträglich schwül, und der Himmel zuckte jede

Sekunde in jähem Phosphorlichte auf. -- Paolo schien ruhig und ermüdet;

aber er atmete tief und schwer.

Schweigend oder in gleichgültigen Gesprächen waren wir wohl eine Stunde

umhergewandert, als wir vor der Fontana Trevi stehen blieben, jenem

berühmten Brunnen, der das dahineilende Gespann des Meergottes zeigt.

Wir betrachteten wieder einmal lange und mit Bewunderung diese prächtig

schwungvolle Gruppe, die, unaufhörlich von grellblauem Leuchten

umspielt, einen nahezu zauberhaften Eindruck machte. Mein Begleiter

sagte:

»Gewiss, Bernini entzückt mich auch noch in den Werken seiner Schüler.

Ich begreife seine Feinde nicht. -- Freilich, wenn das jüngste Gericht

mehr gehauen als gemalt ist, so sind Berninis Werke sämtlich mehr gemalt

als gehauen. Aber giebt es einen grösseren Dekorateur?«

»Weisst Du eigentlich,« fragte ich, »was für eine Bewandtnis es mit dem

Brunnen hat? Wer beim Abschied von Rom daraus trinkt, der kehrt zurück.

Hier hast Du mein Reiseglas --« und ich füllte es an einem der

Wasserstrahlen -- »Du sollst Dein Rom wiedersehen!«

Er nahm das Glas und führte es an die Lippen. In diesem Augenblick

flammte der ganze Himmel in einem blendenden, lang anhaltenden

Feuerscheine auf, und klirrend sprang das dünne Gefässchen am Rande des

Bassins in Scherben.

Paolo trocknete mit dem Taschentuch das Wasser an seinem Anzug.

»Ich bin nervös und ungeschickt,« sagte er. »Gehen wir weiter.

Hoffentlich war das Glas nichts wert.«

Am nächsten Morgen hatte sich das Wetter aufgeklärt. Ein lichtblauer

Sommerhimmel lachte über uns, als wir zum Bahnhof fuhren.

Der Abschied war kurz. Paolo schüttelte schweigend meine Hand, als ich

ihm Glück wünschte, viel Glück.

Ich sah ihm lange nach, wie er hochaufgerichtet an dem breiten

Aussichtsfenster stand. Tiefer Ernst lag in seinen Augen -- und Triumph.

Was habe ich noch zu sagen? -- Er ist tot; gestorben am Morgen nach der

Hochzeitsnacht, -- beinahe in der Hochzeitsnacht.

Es musste so sein. War es nicht der Wille, der Wille zum Glück allein,

mit dem er so lange den Tod bezwungen hatte? Er musste sterben, ohne

Kampf und Widerstand sterben, als seinem Willen zum Glück Genüge

geschehen war; er hatte keinen Vorwand mehr zu leben.

Ich habe mich gefragt, ob er schlecht gehandelt, bewusst schlecht an

der, welcher er sich verband. Aber ich habe sie gesehen bei seinem

Begräbnis, als sie zu Häupten seines Sarges stand; und ich habe auch in

ihrem Antlitz den Ausdruck erkannt, den ich auf seinem gefunden: den

feierlichen und starken Ernst des Triumphes.

Enttäuschung.

Ich gestehe, dass mich die Reden dieses sonderbaren Herrn ganz und gar

verwirrten, und ich fürchte, dass ich auch jetzt noch nicht im stande

sein werde, sie auf eine Weise zu wiederholen, dass sie andere in

ähnlicher Weise berührten, wie an jenem Abend mich selbst. Vielleicht

beruhte ihre Wirkung nur auf der befremdlichen Offenheit, mit der ein

ganz Unbekannter sie mir äusserte ...

Der Herbstvormittag, an dem mir jener Unbekannte auf der Piazza San

Marco zum ersten Male auffiel, liegt nun etwa zwei Monate zurück. Auf

dem weiten Platze bewegten sich nur wenige Menschen umher, aber vor dem

bunten Wunderbau, dessen üppige und märchenhafte Umrisse und goldene

Zierrate sich in entzückender Klarheit von einem zarten, lichtblauen

Himmel abhoben, flatterten in leichtem Seewind die Fahnen; grade vor dem

Hauptportal hatte sich um ein junges Mädchen, das Mais streute, ein

ungeheurer Rudel von Tauben versammelt, während immer mehr noch von

allen Seiten herbeischossen ... Ein Anblick von unvergleichlich lichter

und festlicher Schönheit.

Da begegnete ich ihm, und ich habe ihn, während ich schreibe, mit

ausserordentlicher Deutlichkeit vor Augen. Er war kaum mittelgross und

ging schnell und gebückt, während er seinen Stock mit beiden Händen auf

dem Rücken hielt. Er trug einen schwarzen, steifen Hut, hellen

Sommerüberzieher und dunkelgestreifte Beinkleider. Aus irgend einem

Grunde hielt ich ihn für einen Engländer. Er konnte dreissig Jahre alt

sein, vielleicht auch fünfzig. Sein Gesicht, mit etwas dicker Nase und

müdeblickenden, grauen Augen, war glattrasiert, und um seinen Mund

spielte beständig ein unerklärliches und ein wenig blödes Lächeln. Nur

von Zeit zu Zeit blickte er, indem er die Augenbrauen hob, forschend um

sich her, sah dann wieder vor sich zu Boden, sprach ein paar Worte mit

sich selbst, schüttelte den Kopf und lächelte. So ging er beharrlich den

Platz auf und nieder.

Von nun an beobachtete ich ihn täglich, denn er schien sich mit nichts

anderem zu beschäftigen, als bei gutem wie bei schlechtem Wetter,

vormittags wie nachmittags, dreissig- und fünfzigmal die Piazza auf und

ab zu schreiten, immer allein und immer mit dem gleichen seltsamen

Gebahren.

An dem Abend, den ich im Sinne habe, hatte eine Militärkapelle

konzertiert. Ich sass an einem der kleinen Tische, die das Café Florian

weit auf den Platz hinausstellt, und als nach Schluss des Konzertes die

Menge, die bis dahin in dichten Strömen hin und wieder gewogt war, sich

zu zerstreuen begann, nahm der Unbekannte, auf abwesende Art lächelnd

wie stets, an einem neben mir freigewordenen Tische Platz.

Die Zeit verging, rings umher ward es stiller und stiller, und schon

standen weit und breit alle Tische leer. Kaum dass hier und da noch ein

Mensch vorüberschlenderte; ein majestätischer Friede lagerte über dem

Platz, der Himmel hatte sich mit Sternen bedeckt, und über der

prachtvoll theatralischen Façade von San Marco stand der halbe Mond.

Ich las, indem ich meinem Nachbar den Rücken zuwandte, in meiner Zeitung

und war eben im Begriff, ihn allein zu lassen, als ich mich genötigt

sah, mich halb nach ihm umzuwenden; denn während ich bislang nicht

einmal das Geräusch einer Bewegung von ihm vernommen hatte, begann er

plötzlich zu sprechen.

-- Sie sind zum ersten Mal in Venedig, mein Herr? fragte er in

schlechtem Französisch; und als ich mich bemühte, ihm in englischer

Sprache zu antworten, fuhr er in dialektfreiem Deutsch zu sprechen fort

mit einer leisen und heiseren Stimme, die er oft durch ein Hüsteln

aufzufrischen suchte.

-- Sie sehen das alles zum ersten Male? Es erreicht Ihre Erwartungen? --

Übertrifft es sie vielleicht sogar? -- Ah! Sie haben es sich nicht

schöner gedacht? -- Das ist wahr? -- Sie sagen das nicht nur, um

glücklich und beneidenswert zu erscheinen? -- Ah! -- Er lehnte sich

zurück und betrachtete mich mit schnellem Blinzeln und einem ganz

unerklärlichen Gesichtsausdruck.

Die Pause, die eintrat, währte lange, und ohne zu wissen, wie dieses

seltsame Gespräch fortzusetzen sei, war ich aufs neue im Begriff, mich

zu erheben, als er sich hastig vorbeugte.

-- Wissen Sie, mein Herr, was das ist: Enttäuschung? fragte er leise und

eindringlich, indem er sich mit beiden Händen auf seinen Stock lehnte.

-- Nicht im Kleinen und Einzelnen ein Misslingen, ein Fehlschlagen,

sondern die grosse, die allgemeine Enttäuschung, die Enttäuschung, die

alles, das ganze Leben einem bereitet? Sicherlich, Sie kennen sie nicht.

Ich aber bin von Jugend auf mit ihr umhergegangen, und sie hat mich

einsam, unglücklich und ein wenig wunderlich gemacht, ich leugne es

nicht.

Wie könnten Sie mich bereits verstehen, mein Herr? Vielleicht aber

werden Sie es, wenn ich Sie bitten darf, mir zwei Minuten lang

zuzuhören. Denn wenn es gesagt werden kann, so ist es schnell gesagt ...

Lassen Sie mich erwähnen, dass ich in einer ganz kleinen Stadt

aufgewachsen bin in einem Pastorhause, in dessen überreinlichen Räumen

ein altmodisch pathetischer Gelehrtenoptimismus herrschte, und in dem

man eine eigentümliche Atmosphäre von Kanzelrhetorik einatmete -- von

diesen grossen Wörtern für Gut und Böse, Schön und Hässlich, die ich so

bitterlich hasse, weil sie vielleicht, sie allein an meinem Leiden die

Schuld tragen.

Das Leben bestand für mich schlechterdings aus grossen Wörtern, denn ich

kannte nichts davon als die ungeheuren und wesenlosen Ahnungen, die

diese Wörter in mir hervorriefen. Ich erwartete von den Menschen das

göttlich Gute und das haarsträubend Teuflische; ich erwartete vom Leben

das entzückend Schöne und das Grässliche, und eine Begierde nach alledem

erfüllte mich, eine tiefe, angstvolle Sehnsucht nach der weiten

Wirklichkeit, nach dem Erlebnis, gleichviel welcher Art, nach dem

berauschend herrlichen Glück und dem unsäglich, unahnbar furchtbaren

Leiden.

Ich erinnere mich, mein Herr, mit einer traurigen Deutlichkeit der

ersten Enttäuschung meines Lebens, und ich bitte Sie, zu bemerken, dass

sie keineswegs in dem Fehlschlagen einer schönen Hoffnung bestand,

sondern in dem Eintritt eines Unglücks. Ich war beinahe noch ein Kind,

als ein nächtlicher Brand in meinem väterlichen Hause entstand. Das

Feuer hatte heimlich und tückisch um sich gegriffen, bis an meine

Kammerthür brannte das ganze kleine Stockwerk, und auch die Treppe war

nicht weit entfernt, in Flammen aufzugehen. Ich war der erste, der es

bemerkte, und ich weiss, dass ich durch das Haus stürzte, indem ich

einmal über das andere den Ruf hervorstiess: »Nun brennt es! Nun brennt

es!« Ich entsinne mich dieses Wortes mit grosser Genauigkeit, und ich

weiss auch, welches Gefühl ihm zu Grunde lag, obgleich es mir damals

kaum zum Bewusstsein gekommen sein mag. Dies ist, so empfand ich, eine

Feuersbrunst; nun erlebe ich sie! Schlimmer ist es nicht? Das ist das

Ganze?...

Gott weiss, dass es keine Kleinigkeit war. Das ganze Haus brannte

nieder, wir alle retteten uns mit Mühe aus äusserster Gefahr, und ich

selbst trug ganz beträchtliche Verletzungen davon. Auch wäre es

unrichtig, zu sagen, dass meine Phantasie den Ereignissen vorgegriffen

und mir einen Brand des Elternhauses entsetzlicher ausgemalt hätte. Aber

ein vages Ahnen, eine gestaltlose Vorstellung von etwas noch weit

Grässlicherem hatte in mir gelebt, und im Vergleich damit erschien die

Wirklichkeit mir matt. Die Feuersbrunst war mein erstes grosses

Erlebnis: eine furchtbare Hoffnung wurde damit enttäuscht.

Fürchten Sie nicht, dass ich fortfahren werde, Ihnen meine

Enttäuschungen im einzelnen zu berichten. Ich begnüge mich damit, zu

sagen, dass ich mit unglückseligem Eifer meine grossartigen Erwartungen

vom Leben durch tausend Bücher nährte: durch die Werke der Dichter. Ach,

ich habe gelernt, sie zu hassen, diese Dichter, die ihre grossen Wörter

an alle Wände schreiben und sie mit einer in den Vesuv getauchten Ceder

am liebsten an die Himmelsdecke malen möchten -- während doch ich nicht

umhin kann, jedes grosse Wort als eine Lüge oder als einen Hohn zu

empfinden!

Verzückte Poeten haben mir vorgesungen, die Sprache sei arm, ach, sie

sei arm -- oh nein, mein Herr! Die Sprache, dünkt mich, ist reich, ist

überschwenglich reich im Vergleich mit der Dürftigkeit und Begrenztheit

des Lebens. Der Schmerz hat seine Grenzen: der körperliche in der

Ohnmacht, der seelische im Stumpfsinn, -- es ist mit dem Glück nicht

anders! Das menschliche Mitteilungsbedürfnis aber hat sich Laute

erfunden, die über diese Grenzen hinweglügen.

Liegt es an mir? Läuft nur mir die Wirkung gewisser Wörter auf eine

Weise das Rückenmark hinunter, dass sie mir Ahnungen von Erlebnissen

erwecken, die es gar nicht giebt?

Ich bin in das berühmte Leben hinausgetreten, voll von dieser Begierde

nach einem, einem Erlebnis, das meinen grossen Ahnungen entspräche. Gott

helfe mir, es ist mir nicht zu teil geworden! Ich bin umhergeschweift,

um die gepriesensten Gegenden der Erde zu besuchen, um vor die

Kunstwerke hinzutreten, um die die Menschheit mit den grössten Wörtern

tanzt; ich habe davor gestanden und mir gesagt: Es ist schön. Und doch:

Schöner ist es nicht? Das ist das Ganze?

Ich habe keinen Sinn für Thatsächlichkeiten; das sagt vielleicht alles.

Irgendwo in der Welt stand ich einmal im Gebirge an einer tiefen,

schmalen Schlucht. Die Felsenwände waren nackt und senkrecht, und

drunten brauste das Wasser über die Blöcke vorbei. Ich blickte hinab und

dachte: Wie, wenn ich stürzte? Aber ich hatte Erfahrung genug, mir zu

antworten: Wenn es geschähe, so würde ich im Falle zu mir sprechen: Nun

stürzt du hinab, nun ist es Thatsache! Was ist das nun eigentlich? --

Wollen Sie mir glauben, dass ich genug erlebt habe, um ein wenig

mitreden zu können? Vor Jahren liebte ich ein Mädchen, ein zartes und

holdes Geschöpf, das ich an meiner Hand und unter meinem Schutze gern

dahingeführt hätte; sie aber liebte mich nicht, das war kein Wunder, und

ein anderer durfte sie schützen ... Giebt es ein Erlebnis, das

leidvoller wäre? Giebt es etwas Peinigenderes als diese herbe Drangsal,

die mit Wollust grausam vermengt ist? Ich habe manche Nacht mit offenen

Augen gelegen, und trauriger, quälender als alles übrige war stets der

Gedanke: Dies ist der grosse Schmerz! Nun erlebe ich ihn! -- Was ist das

nun eigentlich? --

Ist es nötig, dass ich Ihnen auch von meinem Glücke spreche? Denn auch

das Glück habe ich erlebt, auch das Glück hat mich enttäuscht ... Es ist

nicht nötig; denn dies alles sind plumpe Beispiele, die Ihnen nicht klar

machen werden, dass es das Leben im ganzen und allgemeinen ist, das

Leben in seinem mittelmässigen, uninteressanten und matten Verlaufe, das

mich enttäuscht hat, enttäuscht, enttäuscht.

»Was ist,« schreibt der junge Werther einmal, »der Mensch, der

gepriesene Halbgott? Ermangeln ihm nicht eben da die Kräfte, wo er sie

am nötigsten braucht? Und wenn er in Freude sich aufschwingt oder in

Leiden versinkt, wird er nicht in beiden eben da aufgehalten, eben da zu

dem stumpfen, kalten Bewusstsein wieder zurückgebracht, da er sich in

der Fülle des Unendlichen zu verlieren sehnte?«

Ich gedenke oft des Tages, an dem ich das Meer zum ersten Male

erblickte. Das Meer ist gross, das Meer ist weit, mein Blick schweifte

vom Strande hinaus und hoffte, befreit zu sein: dort hinten aber war der

Horizont. Warum habe ich einen Horizont? Ich habe vom Leben das

Unendliche erwartet.

Vielleicht ist er enger, mein Horizont, als der anderer Menschen? Ich

habe gesagt, mir fehle der Sinn für Thatsächlichkeiten, -- habe ich

vielleicht zu viel Sinn dafür? Kann ich zu bald nicht mehr? Bin ich zu

schnell fertig? Kenne ich Glück und Schmerz nur in den niedrigsten

Graden, nur in verdünntem Zustande?

Ich glaube es nicht; und ich glaube den Menschen nicht, ich glaube den

wenigsten, die angesichts des Lebens in die grossen Wörter der Dichter

einstimmen -- es ist Feigheit und Lüge! Haben Sie übrigens bemerkt, mein

Herr, dass es Menschen giebt, die so eitel sind und so gierig nach der

Hochachtung und dem heimlichen Neide der anderen, dass sie vorgeben, nur

die grossen Wörter des Glücks erlebt zu haben, nicht aber die des

Leidens?

Es ist dunkel, und Sie hören mir kaum noch zu; darum will ich es mir

heute noch einmal gestehen, dass auch ich, ich selbst es einst versucht

habe, mit diesen Menschen zu lügen, um mich vor mir und den anderen als

glücklich hinzustellen. Aber es ist manches Jahr her, dass diese

Eitelkeit zusammenbrach, und ich bin einsam, unglücklich und ein wenig

wunderlich geworden, ich leugne es nicht.

Es ist meine Lieblingsbeschäftigung, bei Nacht den Sternenhimmel zu

betrachten, denn ist das nicht die beste Art, von der Erde und vom Leben

abzusehen? Und vielleicht ist es verzeihlich, dass ich es mir dabei

angelegen sein lasse, mir meine Ahnungen wenigstens zu wahren? Von einem

befreiten Leben zu träumen, in dem die Wirklichkeit in meinen grossen

Ahnungen ohne den quälenden Rest der Enttäuschung aufgeht? Von einem

Leben, in dem es keinen Horizont mehr giebt?...

Ich träume davon, und ich erwarte den Tod. Ach, ich kenne ihn bereits so

genau, den Tod, diese letzte Enttäuschung! Das ist der Tod, werde ich im

letzten Augenblicke zu mir sprechen; nun erlebe ich ihn! -- _Was ist das

nun eigentlich?_ --

Aber es ist kalt geworden auf dem Platze, mein Herr; ich bin im stande,

das zu empfinden, hehe! Ich empfehle mich Ihnen aufs allerbeste.

Adieu ...

Der Bajazzo.

Nach allem zum Schluss und als würdiger Ausgang, in der That, alles

dessen ist es nun der Ekel, den mir das Leben -- mein Leben -- den mir

»alles das« und »das Ganze« einflösst, dieser Ekel, der mich würgt, mich

aufjagt, mich schüttelt und wieder niederwirft, und der mir vielleicht

über kurz oder lang einmal die notwendige Schwungkraft geben wird, die

ganze lächerliche und nichtswürdige Angelegenheit überm Knie zu

zerbrechen und mich auf und davon zu machen. Sehr möglich immerhin, dass

ich es noch diesen und den anderen Monat treibe, dass ich noch ein

Viertel- oder Halbjahr fortfahre zu essen, zu schlafen und mich zu

beschäftigen -- in derselben mechanischen, wohlgeregelten und ruhigen

Art, in der mein äusseres Leben während dieses Winters verlief, und die

mit dem wüsten Auflösungsprozess meines Innern in entsetzlichem

Widerstreite stand. Scheint es nicht, dass die inneren Erlebnisse eines

Menschen desto stärker und angreifender sind, je dégagierter,

weltfremder und ruhiger er äusserlich lebt? Es hilft nichts: man muss

leben; und wenn du dich wehrst, ein Mensch der Action zu sein, und dich

in die friedlichste Einöde zurückziehst, so werden die Wechselfälle des

Daseins dich innerlich überfallen, und du wirst deinen Charakter in

ihnen zu bewähren haben, seiest du nun ein Held oder ein Narr.

Ich habe mir dies reinliche Heft bereitet, um meine »Geschichte« darin

zu erzählen: warum eigentlich? Vielleicht um überhaupt etwas zu thun zu

haben? Aus Lust am Psychologischen vielleicht und um mich an der

Notwendigkeit alles dessen zu laben? Die Notwendigkeit ist so tröstlich!

Vielleicht auch, um auf Augenblicke eine Art von Überlegenheit über mich

selbst und etwas wie Gleichgültigkeit zu geniessen? -- Denn

Gleichgültigkeit, ich weiss, das wäre eine Art von Glück ...

Der kleine Herr Friedemann: Novellen · 第 28 / 47 题