-- Ich blickte auf. Er hatte die Hände auf den Rücken gelegt und sich
wieder dem Fenster zugewandt. Ich fragte nichts, als:
»Du reist?«
Und ohne mich anzusehen, erwiderte er:
»Bis morgen früh müssen meine Sachen bereit sein.«
Der Tag verging mit Besorgungen und Kofferpacken, wobei ich ihm
behilflich war, und abends machten wir auf meinen Vorschlag einen
letzten gemeinsamen Spaziergang durch die Strassen der Stadt.
Es war noch jetzt fast unerträglich schwül, und der Himmel zuckte jede
Sekunde in jähem Phosphorlichte auf. -- Paolo schien ruhig und ermüdet;
aber er atmete tief und schwer.
Schweigend oder in gleichgültigen Gesprächen waren wir wohl eine Stunde
umhergewandert, als wir vor der Fontana Trevi stehen blieben, jenem
berühmten Brunnen, der das dahineilende Gespann des Meergottes zeigt.
Wir betrachteten wieder einmal lange und mit Bewunderung diese prächtig
schwungvolle Gruppe, die, unaufhörlich von grellblauem Leuchten
umspielt, einen nahezu zauberhaften Eindruck machte. Mein Begleiter
sagte:
»Gewiss, Bernini entzückt mich auch noch in den Werken seiner Schüler.
Ich begreife seine Feinde nicht. -- Freilich, wenn das jüngste Gericht
mehr gehauen als gemalt ist, so sind Berninis Werke sämtlich mehr gemalt
als gehauen. Aber giebt es einen grösseren Dekorateur?«
»Weisst Du eigentlich,« fragte ich, »was für eine Bewandtnis es mit dem
Brunnen hat? Wer beim Abschied von Rom daraus trinkt, der kehrt zurück.
Hier hast Du mein Reiseglas --« und ich füllte es an einem der
Wasserstrahlen -- »Du sollst Dein Rom wiedersehen!«
Er nahm das Glas und führte es an die Lippen. In diesem Augenblick
flammte der ganze Himmel in einem blendenden, lang anhaltenden
Feuerscheine auf, und klirrend sprang das dünne Gefässchen am Rande des
Bassins in Scherben.
Paolo trocknete mit dem Taschentuch das Wasser an seinem Anzug.
»Ich bin nervös und ungeschickt,« sagte er. »Gehen wir weiter.
Hoffentlich war das Glas nichts wert.«
Am nächsten Morgen hatte sich das Wetter aufgeklärt. Ein lichtblauer
Sommerhimmel lachte über uns, als wir zum Bahnhof fuhren.
Der Abschied war kurz. Paolo schüttelte schweigend meine Hand, als ich
ihm Glück wünschte, viel Glück.
Ich sah ihm lange nach, wie er hochaufgerichtet an dem breiten
Aussichtsfenster stand. Tiefer Ernst lag in seinen Augen -- und Triumph.
Was habe ich noch zu sagen? -- Er ist tot; gestorben am Morgen nach der
Hochzeitsnacht, -- beinahe in der Hochzeitsnacht.
Es musste so sein. War es nicht der Wille, der Wille zum Glück allein,
mit dem er so lange den Tod bezwungen hatte? Er musste sterben, ohne
Kampf und Widerstand sterben, als seinem Willen zum Glück Genüge
geschehen war; er hatte keinen Vorwand mehr zu leben.
Ich habe mich gefragt, ob er schlecht gehandelt, bewusst schlecht an
der, welcher er sich verband. Aber ich habe sie gesehen bei seinem
Begräbnis, als sie zu Häupten seines Sarges stand; und ich habe auch in
ihrem Antlitz den Ausdruck erkannt, den ich auf seinem gefunden: den
feierlichen und starken Ernst des Triumphes.
Enttäuschung.
Ich gestehe, dass mich die Reden dieses sonderbaren Herrn ganz und gar
verwirrten, und ich fürchte, dass ich auch jetzt noch nicht im stande
sein werde, sie auf eine Weise zu wiederholen, dass sie andere in
ähnlicher Weise berührten, wie an jenem Abend mich selbst. Vielleicht
beruhte ihre Wirkung nur auf der befremdlichen Offenheit, mit der ein
ganz Unbekannter sie mir äusserte ...
Der Herbstvormittag, an dem mir jener Unbekannte auf der Piazza San
Marco zum ersten Male auffiel, liegt nun etwa zwei Monate zurück. Auf
dem weiten Platze bewegten sich nur wenige Menschen umher, aber vor dem
bunten Wunderbau, dessen üppige und märchenhafte Umrisse und goldene
Zierrate sich in entzückender Klarheit von einem zarten, lichtblauen
Himmel abhoben, flatterten in leichtem Seewind die Fahnen; grade vor dem
Hauptportal hatte sich um ein junges Mädchen, das Mais streute, ein
ungeheurer Rudel von Tauben versammelt, während immer mehr noch von
allen Seiten herbeischossen ... Ein Anblick von unvergleichlich lichter
und festlicher Schönheit.
Da begegnete ich ihm, und ich habe ihn, während ich schreibe, mit
ausserordentlicher Deutlichkeit vor Augen. Er war kaum mittelgross und
ging schnell und gebückt, während er seinen Stock mit beiden Händen auf
dem Rücken hielt. Er trug einen schwarzen, steifen Hut, hellen
Sommerüberzieher und dunkelgestreifte Beinkleider. Aus irgend einem
Grunde hielt ich ihn für einen Engländer. Er konnte dreissig Jahre alt
sein, vielleicht auch fünfzig. Sein Gesicht, mit etwas dicker Nase und
müdeblickenden, grauen Augen, war glattrasiert, und um seinen Mund
spielte beständig ein unerklärliches und ein wenig blödes Lächeln. Nur
von Zeit zu Zeit blickte er, indem er die Augenbrauen hob, forschend um
sich her, sah dann wieder vor sich zu Boden, sprach ein paar Worte mit
sich selbst, schüttelte den Kopf und lächelte. So ging er beharrlich den
Platz auf und nieder.
Von nun an beobachtete ich ihn täglich, denn er schien sich mit nichts
anderem zu beschäftigen, als bei gutem wie bei schlechtem Wetter,
vormittags wie nachmittags, dreissig- und fünfzigmal die Piazza auf und
ab zu schreiten, immer allein und immer mit dem gleichen seltsamen
Gebahren.
An dem Abend, den ich im Sinne habe, hatte eine Militärkapelle
konzertiert. Ich sass an einem der kleinen Tische, die das Café Florian
weit auf den Platz hinausstellt, und als nach Schluss des Konzertes die
Menge, die bis dahin in dichten Strömen hin und wieder gewogt war, sich
zu zerstreuen begann, nahm der Unbekannte, auf abwesende Art lächelnd
wie stets, an einem neben mir freigewordenen Tische Platz.
Die Zeit verging, rings umher ward es stiller und stiller, und schon
standen weit und breit alle Tische leer. Kaum dass hier und da noch ein
Mensch vorüberschlenderte; ein majestätischer Friede lagerte über dem
Platz, der Himmel hatte sich mit Sternen bedeckt, und über der
prachtvoll theatralischen Façade von San Marco stand der halbe Mond.
Ich las, indem ich meinem Nachbar den Rücken zuwandte, in meiner Zeitung
und war eben im Begriff, ihn allein zu lassen, als ich mich genötigt
sah, mich halb nach ihm umzuwenden; denn während ich bislang nicht
einmal das Geräusch einer Bewegung von ihm vernommen hatte, begann er
plötzlich zu sprechen.
-- Sie sind zum ersten Mal in Venedig, mein Herr? fragte er in
schlechtem Französisch; und als ich mich bemühte, ihm in englischer
Sprache zu antworten, fuhr er in dialektfreiem Deutsch zu sprechen fort
mit einer leisen und heiseren Stimme, die er oft durch ein Hüsteln
aufzufrischen suchte.
-- Sie sehen das alles zum ersten Male? Es erreicht Ihre Erwartungen? --
Übertrifft es sie vielleicht sogar? -- Ah! Sie haben es sich nicht
schöner gedacht? -- Das ist wahr? -- Sie sagen das nicht nur, um
glücklich und beneidenswert zu erscheinen? -- Ah! -- Er lehnte sich
zurück und betrachtete mich mit schnellem Blinzeln und einem ganz
unerklärlichen Gesichtsausdruck.
Die Pause, die eintrat, währte lange, und ohne zu wissen, wie dieses
seltsame Gespräch fortzusetzen sei, war ich aufs neue im Begriff, mich
zu erheben, als er sich hastig vorbeugte.
-- Wissen Sie, mein Herr, was das ist: Enttäuschung? fragte er leise und
eindringlich, indem er sich mit beiden Händen auf seinen Stock lehnte.
-- Nicht im Kleinen und Einzelnen ein Misslingen, ein Fehlschlagen,
sondern die grosse, die allgemeine Enttäuschung, die Enttäuschung, die
alles, das ganze Leben einem bereitet? Sicherlich, Sie kennen sie nicht.
Ich aber bin von Jugend auf mit ihr umhergegangen, und sie hat mich
einsam, unglücklich und ein wenig wunderlich gemacht, ich leugne es
nicht.
Wie könnten Sie mich bereits verstehen, mein Herr? Vielleicht aber
werden Sie es, wenn ich Sie bitten darf, mir zwei Minuten lang
zuzuhören. Denn wenn es gesagt werden kann, so ist es schnell gesagt ...
Lassen Sie mich erwähnen, dass ich in einer ganz kleinen Stadt
aufgewachsen bin in einem Pastorhause, in dessen überreinlichen Räumen
ein altmodisch pathetischer Gelehrtenoptimismus herrschte, und in dem
man eine eigentümliche Atmosphäre von Kanzelrhetorik einatmete -- von
diesen grossen Wörtern für Gut und Böse, Schön und Hässlich, die ich so
bitterlich hasse, weil sie vielleicht, sie allein an meinem Leiden die
Schuld tragen.
Das Leben bestand für mich schlechterdings aus grossen Wörtern, denn ich
kannte nichts davon als die ungeheuren und wesenlosen Ahnungen, die
diese Wörter in mir hervorriefen. Ich erwartete von den Menschen das
göttlich Gute und das haarsträubend Teuflische; ich erwartete vom Leben
das entzückend Schöne und das Grässliche, und eine Begierde nach alledem
erfüllte mich, eine tiefe, angstvolle Sehnsucht nach der weiten
Wirklichkeit, nach dem Erlebnis, gleichviel welcher Art, nach dem
berauschend herrlichen Glück und dem unsäglich, unahnbar furchtbaren
Leiden.
Ich erinnere mich, mein Herr, mit einer traurigen Deutlichkeit der
ersten Enttäuschung meines Lebens, und ich bitte Sie, zu bemerken, dass
sie keineswegs in dem Fehlschlagen einer schönen Hoffnung bestand,
sondern in dem Eintritt eines Unglücks. Ich war beinahe noch ein Kind,
als ein nächtlicher Brand in meinem väterlichen Hause entstand. Das
Feuer hatte heimlich und tückisch um sich gegriffen, bis an meine
Kammerthür brannte das ganze kleine Stockwerk, und auch die Treppe war
nicht weit entfernt, in Flammen aufzugehen. Ich war der erste, der es
bemerkte, und ich weiss, dass ich durch das Haus stürzte, indem ich
einmal über das andere den Ruf hervorstiess: »Nun brennt es! Nun brennt
es!« Ich entsinne mich dieses Wortes mit grosser Genauigkeit, und ich
weiss auch, welches Gefühl ihm zu Grunde lag, obgleich es mir damals
kaum zum Bewusstsein gekommen sein mag. Dies ist, so empfand ich, eine
Feuersbrunst; nun erlebe ich sie! Schlimmer ist es nicht? Das ist das
Ganze?...
Gott weiss, dass es keine Kleinigkeit war. Das ganze Haus brannte
nieder, wir alle retteten uns mit Mühe aus äusserster Gefahr, und ich
selbst trug ganz beträchtliche Verletzungen davon. Auch wäre es
unrichtig, zu sagen, dass meine Phantasie den Ereignissen vorgegriffen
und mir einen Brand des Elternhauses entsetzlicher ausgemalt hätte. Aber
ein vages Ahnen, eine gestaltlose Vorstellung von etwas noch weit
Grässlicherem hatte in mir gelebt, und im Vergleich damit erschien die
Wirklichkeit mir matt. Die Feuersbrunst war mein erstes grosses
Erlebnis: eine furchtbare Hoffnung wurde damit enttäuscht.
Fürchten Sie nicht, dass ich fortfahren werde, Ihnen meine
Enttäuschungen im einzelnen zu berichten. Ich begnüge mich damit, zu
sagen, dass ich mit unglückseligem Eifer meine grossartigen Erwartungen
vom Leben durch tausend Bücher nährte: durch die Werke der Dichter. Ach,
ich habe gelernt, sie zu hassen, diese Dichter, die ihre grossen Wörter
an alle Wände schreiben und sie mit einer in den Vesuv getauchten Ceder
am liebsten an die Himmelsdecke malen möchten -- während doch ich nicht
umhin kann, jedes grosse Wort als eine Lüge oder als einen Hohn zu
empfinden!
Verzückte Poeten haben mir vorgesungen, die Sprache sei arm, ach, sie
sei arm -- oh nein, mein Herr! Die Sprache, dünkt mich, ist reich, ist
überschwenglich reich im Vergleich mit der Dürftigkeit und Begrenztheit
des Lebens. Der Schmerz hat seine Grenzen: der körperliche in der
Ohnmacht, der seelische im Stumpfsinn, -- es ist mit dem Glück nicht
anders! Das menschliche Mitteilungsbedürfnis aber hat sich Laute
erfunden, die über diese Grenzen hinweglügen.
Liegt es an mir? Läuft nur mir die Wirkung gewisser Wörter auf eine
Weise das Rückenmark hinunter, dass sie mir Ahnungen von Erlebnissen
erwecken, die es gar nicht giebt?
Ich bin in das berühmte Leben hinausgetreten, voll von dieser Begierde
nach einem, einem Erlebnis, das meinen grossen Ahnungen entspräche. Gott
helfe mir, es ist mir nicht zu teil geworden! Ich bin umhergeschweift,
um die gepriesensten Gegenden der Erde zu besuchen, um vor die
Kunstwerke hinzutreten, um die die Menschheit mit den grössten Wörtern
tanzt; ich habe davor gestanden und mir gesagt: Es ist schön. Und doch:
Schöner ist es nicht? Das ist das Ganze?
Ich habe keinen Sinn für Thatsächlichkeiten; das sagt vielleicht alles.
Irgendwo in der Welt stand ich einmal im Gebirge an einer tiefen,
schmalen Schlucht. Die Felsenwände waren nackt und senkrecht, und
drunten brauste das Wasser über die Blöcke vorbei. Ich blickte hinab und
dachte: Wie, wenn ich stürzte? Aber ich hatte Erfahrung genug, mir zu
antworten: Wenn es geschähe, so würde ich im Falle zu mir sprechen: Nun
stürzt du hinab, nun ist es Thatsache! Was ist das nun eigentlich? --
Wollen Sie mir glauben, dass ich genug erlebt habe, um ein wenig
mitreden zu können? Vor Jahren liebte ich ein Mädchen, ein zartes und
holdes Geschöpf, das ich an meiner Hand und unter meinem Schutze gern
dahingeführt hätte; sie aber liebte mich nicht, das war kein Wunder, und
ein anderer durfte sie schützen ... Giebt es ein Erlebnis, das
leidvoller wäre? Giebt es etwas Peinigenderes als diese herbe Drangsal,
die mit Wollust grausam vermengt ist? Ich habe manche Nacht mit offenen
Augen gelegen, und trauriger, quälender als alles übrige war stets der
Gedanke: Dies ist der grosse Schmerz! Nun erlebe ich ihn! -- Was ist das
nun eigentlich? --
Ist es nötig, dass ich Ihnen auch von meinem Glücke spreche? Denn auch
das Glück habe ich erlebt, auch das Glück hat mich enttäuscht ... Es ist
nicht nötig; denn dies alles sind plumpe Beispiele, die Ihnen nicht klar
machen werden, dass es das Leben im ganzen und allgemeinen ist, das
Leben in seinem mittelmässigen, uninteressanten und matten Verlaufe, das
mich enttäuscht hat, enttäuscht, enttäuscht.
»Was ist,« schreibt der junge Werther einmal, »der Mensch, der
gepriesene Halbgott? Ermangeln ihm nicht eben da die Kräfte, wo er sie
am nötigsten braucht? Und wenn er in Freude sich aufschwingt oder in
Leiden versinkt, wird er nicht in beiden eben da aufgehalten, eben da zu
dem stumpfen, kalten Bewusstsein wieder zurückgebracht, da er sich in
der Fülle des Unendlichen zu verlieren sehnte?«
Ich gedenke oft des Tages, an dem ich das Meer zum ersten Male
erblickte. Das Meer ist gross, das Meer ist weit, mein Blick schweifte
vom Strande hinaus und hoffte, befreit zu sein: dort hinten aber war der
Horizont. Warum habe ich einen Horizont? Ich habe vom Leben das
Unendliche erwartet.
Vielleicht ist er enger, mein Horizont, als der anderer Menschen? Ich
habe gesagt, mir fehle der Sinn für Thatsächlichkeiten, -- habe ich
vielleicht zu viel Sinn dafür? Kann ich zu bald nicht mehr? Bin ich zu
schnell fertig? Kenne ich Glück und Schmerz nur in den niedrigsten
Graden, nur in verdünntem Zustande?
Ich glaube es nicht; und ich glaube den Menschen nicht, ich glaube den
wenigsten, die angesichts des Lebens in die grossen Wörter der Dichter
einstimmen -- es ist Feigheit und Lüge! Haben Sie übrigens bemerkt, mein
Herr, dass es Menschen giebt, die so eitel sind und so gierig nach der
Hochachtung und dem heimlichen Neide der anderen, dass sie vorgeben, nur
die grossen Wörter des Glücks erlebt zu haben, nicht aber die des
Leidens?
Es ist dunkel, und Sie hören mir kaum noch zu; darum will ich es mir
heute noch einmal gestehen, dass auch ich, ich selbst es einst versucht
habe, mit diesen Menschen zu lügen, um mich vor mir und den anderen als
glücklich hinzustellen. Aber es ist manches Jahr her, dass diese
Eitelkeit zusammenbrach, und ich bin einsam, unglücklich und ein wenig
wunderlich geworden, ich leugne es nicht.
Es ist meine Lieblingsbeschäftigung, bei Nacht den Sternenhimmel zu
betrachten, denn ist das nicht die beste Art, von der Erde und vom Leben
abzusehen? Und vielleicht ist es verzeihlich, dass ich es mir dabei
angelegen sein lasse, mir meine Ahnungen wenigstens zu wahren? Von einem
befreiten Leben zu träumen, in dem die Wirklichkeit in meinen grossen
Ahnungen ohne den quälenden Rest der Enttäuschung aufgeht? Von einem
Leben, in dem es keinen Horizont mehr giebt?...
Ich träume davon, und ich erwarte den Tod. Ach, ich kenne ihn bereits so
genau, den Tod, diese letzte Enttäuschung! Das ist der Tod, werde ich im
letzten Augenblicke zu mir sprechen; nun erlebe ich ihn! -- _Was ist das
nun eigentlich?_ --
Aber es ist kalt geworden auf dem Platze, mein Herr; ich bin im stande,
das zu empfinden, hehe! Ich empfehle mich Ihnen aufs allerbeste.
Adieu ...
Der Bajazzo.
Nach allem zum Schluss und als würdiger Ausgang, in der That, alles
dessen ist es nun der Ekel, den mir das Leben -- mein Leben -- den mir
»alles das« und »das Ganze« einflösst, dieser Ekel, der mich würgt, mich
aufjagt, mich schüttelt und wieder niederwirft, und der mir vielleicht
über kurz oder lang einmal die notwendige Schwungkraft geben wird, die
ganze lächerliche und nichtswürdige Angelegenheit überm Knie zu
zerbrechen und mich auf und davon zu machen. Sehr möglich immerhin, dass
ich es noch diesen und den anderen Monat treibe, dass ich noch ein
Viertel- oder Halbjahr fortfahre zu essen, zu schlafen und mich zu
beschäftigen -- in derselben mechanischen, wohlgeregelten und ruhigen
Art, in der mein äusseres Leben während dieses Winters verlief, und die
mit dem wüsten Auflösungsprozess meines Innern in entsetzlichem
Widerstreite stand. Scheint es nicht, dass die inneren Erlebnisse eines
Menschen desto stärker und angreifender sind, je dégagierter,
weltfremder und ruhiger er äusserlich lebt? Es hilft nichts: man muss
leben; und wenn du dich wehrst, ein Mensch der Action zu sein, und dich
in die friedlichste Einöde zurückziehst, so werden die Wechselfälle des
Daseins dich innerlich überfallen, und du wirst deinen Charakter in
ihnen zu bewähren haben, seiest du nun ein Held oder ein Narr.
Ich habe mir dies reinliche Heft bereitet, um meine »Geschichte« darin
zu erzählen: warum eigentlich? Vielleicht um überhaupt etwas zu thun zu
haben? Aus Lust am Psychologischen vielleicht und um mich an der
Notwendigkeit alles dessen zu laben? Die Notwendigkeit ist so tröstlich!
Vielleicht auch, um auf Augenblicke eine Art von Überlegenheit über mich
selbst und etwas wie Gleichgültigkeit zu geniessen? -- Denn
Gleichgültigkeit, ich weiss, das wäre eine Art von Glück ...