»Sie haben unseren Garten noch nicht gesehen?« sagte sie auf der Treppe
zu ihm. »Er ist ziemlich gross. Hoffentlich sind noch nicht zu viele
Menschen dort; ich möchte gern ein wenig aufatmen. Ich habe während des
Essens Kopfschmerzen bekommen; vielleicht war mir dieser Rotwein zu
kräftig ... Hier durch die Thür müssen wir hinausgehen.« Es war eine
Glasthür, durch die sie vom Vorplatz aus einen kleinen, kühlen Flur
betraten; dann führten ein paar Stufen ins Freie.
In der wundervoll sternklaren, warmen Nacht quoll der Duft von allen
Beeten. Der Garten lag in vollem Mondlicht, und auf den weiss
leuchtenden Kieswegen gingen die Gäste plaudernd und rauchend umher.
Eine Gruppe hatte sich um den Springbrunnen versammelt, wo der alte,
beliebte Arzt unter allgemeinem Gelächter Papierschiffchen schwimmen
liess.
Frau von Rinnlingen ging mit einem leichten Kopfnicken vorüber und wies
in die Ferne, wo der zierliche und duftende Blumengarten zum Park sich
verdunkelte.
»Wir wollen die Mittelallee hinuntergehen,« sagte sie. Am Eingange
standen zwei niedrige, breite Obelisken.
Dort hinten, am Ende der schnurgeraden Kastanienallee sahen sie grünlich
und blank den Fluss im Mondlicht schimmern. Rings umher war es dunkel
und kühl. Hie und da zweigte ein Seitenweg ab, der im Bogen wohl
ebenfalls zum Flusse führte. Es liess sich lange Zeit kein Laut
vernehmen.
»Am Wasser,« sagte sie, »ist ein hübscher Platz, wo ich schon oft
gesessen habe. Dort könnten wir einen Augenblick plaudern. -- Sehen Sie,
dann und wann glitzert zwischen dem Laub ein Stern hindurch.«
Er antwortete nicht und blickte auf die grüne, schimmernde Fläche, der
sie sich näherten. Man konnte das jenseitige Ufer erkennen, die
Wallanlagen. Als sie die Allee verliessen und auf den Grasplatz
hinaustraten, der sich zum Flusse hinabsenkte, sagte Frau von
Rinnlingen:
»Hier ein wenig nach rechts ist unser Platz; sehen Sie, er ist
unbesetzt.«
Die Bank, auf der sie sich niederliessen, lehnte sich sechs Schritte
seitwärts von der Allee an den Park. Hier war es wärmer als zwischen den
breiten Bäumen. Die Grillen zirpten in dem Grase, das hart am Wasser in
dünnes Schilf überging. Der mondhelle Fluss gab ein mildes Licht.
Sie schwiegen beide eine Weile und blickten auf das Wasser. Dann aber
horchte er ganz erschüttert, denn der Ton, den er vor einer Woche
vernommen, dieser leise, nachdenkliche und sanfte Ton berührte ihn
wieder:
»Seit wann haben Sie Ihr Gebrechen, Herr Friedemann?« fragte sie. »Sind
Sie damit geboren?«
Er schluckte hinunter, denn die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Dann
antwortete er leise und artig:
»Nein, gnädige Frau. Als kleines Kind liess man mich zu Boden fallen;
daher stammt es.«
»Und wie alt sind Sie nun?« fragte sie weiter.
»Dreissig Jahre, gnädige Frau.«
»Dreissig Jahre,« wiederholte sie. »Und Sie waren nicht glücklich, diese
dreissig Jahre?«
Herr Friedemann schüttelte den Kopf, und seine Lippen bebten. »Nein,«
sagte er; »das war Lüge und Einbildung.«
»Sie haben also geglaubt, glücklich zu sein?« fragte sie.
»Ich habe es versucht,« sagte er, und sie antwortete:
»Das war tapfer.«
Eine Minute verstrich. Nur die Grillen zirpten, und hinter ihnen
rauschte es ganz leise in den Bäumen.
»Ich verstehe mich ein wenig auf das Unglück,« sagte sie dann. »Solche
Sommernächte am Wasser sind das beste dafür.«
Hierauf antwortete er nicht, sondern wies mit einer schwachen Gebärde
hinüber nach dem jenseitigen Ufer, das friedlich im Dunkel lag.
»Dort habe ich neulich gesessen,« sagte er.
»Als Sie von mir kamen?« fragte sie.
Er nickte nur.
Dann aber bebte er plötzlich auf seinem Sitz in die Höhe, schluchzte
auf, stiess einen Laut aus, einen Klagelaut, der doch zugleich etwas
Erlösendes hatte, und sank langsam vor ihr zu Boden. Er hatte mit seiner
Hand die ihre berührt, die neben ihm auf der Bank geruht hatte, und
während er sie nun festhielt, während er auch die andere ergriff,
während dieser kleine, gänzlich verwachsene Mensch zitternd und zuckend
vor ihr auf den Knieen lag und sein Gesicht in ihren Schoss drückte,
stammelte er mit einer unmenschlichen, keuchenden Stimme:
»Sie wissen es ja ... Lass mich ... Ich kann nicht mehr ... Mein Gott
... Mein Gott ...«
Sie wehrte ihm nicht, sie beugte sich auch nicht zu ihm nieder. Sie sass
hoch aufgerichtet, ein wenig von ihm zurückgelehnt, und ihre kleinen,
nahe beieinander liegenden Augen, in denen sich der feuchte Schimmer des
Wassers zu spiegeln schien, blickten starr und gespannt gradeaus, über
ihn fort, ins Weite.
Und dann, plötzlich, mit einem Ruck, mit einem kurzen, stolzen,
verächtlichen Lachen hatte sie ihre Hände seinen heissen Fingern
entrissen, hatte ihn am Arm gepackt, ihn seitwärts vollends zu Boden
geschleudert, war aufgesprungen und in der Allee verschwunden.
Er lag da, das Gesicht im Grase, betäubt, ausser sich, und ein Zucken
lief jeden Augenblick durch seinen Körper. Er raffte sich auf, that zwei
Schritte und stürzte wieder zu Boden. Er lag am Wasser. --
Was ging eigentlich in ihm vor, bei dem, was nun geschah? Vielleicht war
es dieser wollüstige Hass, den er empfunden hatte, wenn sie ihn mit
ihrem Blicke demütigte, der jetzt, wo er, behandelt von ihr wie ein
Hund, am Boden lag, in eine irrsinnige Wut ausartete, die er bethätigen
musste, sei es auch gegen sich selbst ... ein Ekel vielleicht vor sich
selbst, der ihn mit einem Durst erfüllte, sich zu vernichten, sich in
Stücke zu zerreissen, sich auszulöschen ...
Auf dem Bauche schob er sich noch weiter vorwärts, erhob den Oberkörper
und liess ihn ins Wasser fallen. Er hob den Kopf nicht wieder; nicht
einmal die Beine, die am Ufer lagen, bewegte er mehr.
Bei dem Aufklatschen des Wassers waren die Grillen einen Augenblick
verstummt. Nun setzte ihr Zirpen wieder ein, der Park rauschte leise
auf, und durch die lange Allee herunter klang gedämpftes Lachen.
Der Tod.
Den 10. September.
Nun ist der Herbst da, und der Sommer wird nicht zurückkehren; niemals
werde ich ihn wiedersehen ...
Das Meer ist grau und still, und ein feiner, trauriger Regen geht
hernieder. Als ich das heute Morgen sah, habe ich vom Sommer Abschied
genommen und den Herbst begrüsst, meinen vierzigsten Herbst, der nun
wirklich unerbittlich heraufgezogen ist. Und unerbittlich wird er jenen
Tag bringen, dessen Datum ich manchmal leise vor mich hin spreche, mit
einem Gefühl von Andacht und stillem Grauen ...
Den 12. September.
Ich bin mit der kleinen Asuncion ein wenig spazieren gegangen. Sie ist
eine gute Begleiterin, die schweigt und manchmal nur gross und liebevoll
die Augen zu mir emporschlägt.
Wir sind den Strandweg nach Kronshafen gegangen, aber wir sind recht
zeitig wieder umgekehrt, bevor wir noch mehr als einen oder zwei
Menschen getroffen hatten.
Während wir zurückschritten, freute ich mich über den Anblick meines
Hauses. Wie gut ich es mir gewählt habe! Schlicht und grau blickt es von
dem Hügel, dessen Gras nun welk und feucht und dessen Weg aufgeweicht
ist, über das graue Meer hinaus. Auf der Rückseite führt die Chaussee
vorbei, und dahinter sind Felder. Aber darauf achte ich nicht; ich achte
nur auf das Meer.
Den 15. September.
Dieses einsame Haus auf dem Hügel am Meere unter dem grauen Himmel ist
wie ein düsteres, geheimnisvolles Märchen; und so will ich es haben in
meinem letzten Herbst. Heute Nachmittag aber, als ich am Fenster meines
Arbeitszimmers sass, war ein Wagen da, der Vorräte brachte, der alte
Franz half beim Auspacken, und es gab Geräusch und verschiedene Stimmen.
Ich kann nicht sagen, wie mich das störte. Ich zitterte vor
Missbilligung: Ich habe befohlen, dass dergleichen nur frühmorgens
geschehen soll, wenn ich schlafe. Der alte Franz sagte nur: -- Zu
Befehl, Herr Graf. Aber er sah mich mit seinen entzündeten Augen
ängstlich und zweifelnd an.
Wie könnte er mich verstehen? Er weiss es ja nicht. Ich will nicht, dass
Alltäglichkeit und Langeweile an meine letzten Tage rühren. Ich ängstige
mich davor, dass der Tod etwas Bürgerliches und Gewöhnliches an sich
haben könnte. Es soll um mich her fremdartig und seltsam sein an jenem
grossen, ernsten, rätselhaften Tage -- am zwölften Oktober ...
Den 18. September.
Während der letzten Tage bin ich nicht ausgegangen, sondern habe die
meiste Zeit auf der Chaiselongue zugebracht. Ich konnte auch nicht viel
lesen, weil dabei alle Nerven mich quälten. Ich habe einfach
stillgelegen und in den unermüdlichen, langsamen Regen hinausgeblickt.
Asuncion kam oft, und einmal brachte sie mir Blumen, ein paar dürre und
nasse Pflanzen, die sie am Strande gefunden; als ich das Kind zum Danke
küsste, weinte es, weil ich »krank« sei. Wie unsäglich schmerzlich mich
ihre zärtliche und wehmütige Liebe berührte!
Den 21. September.
Ich habe lange in meinem Arbeitszimmer am Fenster gesessen, und Asuncion
sass auf meinen Knieen. Wir haben auf das graue und weite Meer
hinausgeblickt, und hinter uns in dem grossen Gemach mit der hohen,
weissen Thür und den steiflehnigen Möbeln herrschte tiefe Stille. Und
während ich langsam das weiche Haar des Kindes streichelte, das schwarz
und schlicht auf ihre zarten Schultern hinabfliesst, habe ich
zurückgedacht in meinem wirren, bunten Leben; ich habe an meine Jugend
gedacht, die still war und behütet, an meine Wanderungen durch die ganze
Welt und an die kurze, lichte Zeit meines Glückes.
Erinnerst du dich des anmutigen und flammend zärtlichen Geschöpfes unter
dem Sammethimmel von Lissabon? Es sind zwölf Jahre, dass sie dir das
Kind schenkte und starb, während ihr schmaler Arm um deinen Hals lag.
Sie hat die dunklen Augen ihrer Mutter, die kleine Asuncion; nur müder
sind sie und nachdenklicher. Vor allem aber hat sie ihren Mund, diesen
unendlich weichen und doch ein wenig herb geschnittenen Mund, der am
schönsten ist, wenn er schweigt und nur ganz leise lächelt.
Meine kleine Asuncion! Wenn du wüsstest, dass ich dich werde verlassen
müssen. Weintest du, weil ich »krank« sei? Ach, was hat _das_ damit zu
thun! Was hat _das_ mit dem zwölften Oktober zu thun!...
Den 23. September.
Tage, an denen ich zurückdenken kann und in Erinnerungen mich verlieren,
sind selten. Wie viele Jahre sind es, dass ich nur vorwärts zu denken
vermag, nur zu warten auf diesen grossen und schauerlichen Tag, auf den
zwölften Oktober meines vierzigsten Lebensjahres!
Wie es sein wird, wie es nur sein wird! Ich fürchte mich nicht, aber
mich dünkt, dass er qualvoll langsam herankommt, dieser zwölfte Oktober.
Den 27. September.
Der alte Doktor Gudehus kam von Kronshafen, er kam zu Wagen den
Chausseeweg gefahren und nahm das zweite Frühstück mit Asuncion und mir.
»Es ist nötig,« sagte er und ass ein halbes Huhn, »dass Sie sich
Bewegung machen, Herr Graf, viel Bewegung in frischer Luft. Nicht lesen!
Nicht denken! Nicht grübeln! Ich halte Sie nämlich für einen
Philosophen, he, he!«
Nun, ich habe die Achseln gezuckt und ihm herzlich für seine Bemühungen
gedankt. Auch für die kleine Asuncion gab er Ratschläge und betrachtete
sie mit seinem gezwungenen und verlegenen Lächeln. Er hat meine
Brom-Dosis erhöhen müssen; vielleicht, dass ich nun ein wenig mehr
schlafen kann.
Den 30. September.
Der letzte September! Nun ist es nicht lange mehr. Es ist drei Uhr
nachmittags, und ich habe mir ausgerechnet, wie viele Minuten noch
fehlen bis zum Beginn des zwölften Oktobers. Es sind 8460.
Ich habe nicht schlafen können heute Nacht, denn es ist Wind
aufgekommen, und das Meer und der Regen rauscht. Ich habe gelegen und
die Zeit vorbeischwinden lassen. Denken und grübeln? Ach nein! Doktor
Gudehus hält mich für einen Philosophen, aber mein Kopf ist sehr
schwach, und ich kann nur denken: Der Tod, der Tod!
Den 2. Oktober.
Ich bin tief ergriffen, und in meine Bewegung mischt sich ein Gefühl von
Triumph. Manchmal, wenn ich daran dachte, und man mich zweifelnd und
ängstlich ansah, habe ich gesehen, dass man mich für wahnsinnig hielt,
und ich habe mich selbst mit Argwohn geprüft. Ach nein! Ich bin nicht
wahnsinnig.
Ich las heute die Geschichte jenes Kaisers Friedrich, dem man
prophezeite, er werde »sub flore« sterben. Nun, er mied die Städte
Florenz und Florentinum, einst aber kam er dennoch nach Florentinum: und
er starb. -- Warum starb er?
Eine Prophezeiung ist an sich unbeträchtlich; es kommt darauf an, ob sie
Macht über dich gewinnt. Thut sie aber das, so ist sie schon bewiesen,
und sie wird in Erfüllung gehen. -- Wie? Und ist eine Prophezeiung, die
in mir selbst aufsteht und stark wird, nicht wertvoller als eine, die
von aussen käme? Und ist die unerschütterliche Kenntnis des Zeitpunktes,
an dem man sterben wird, zweifelhafter als die des Ortes?
Oh, es ist eine stete Verbindung zwischen dem Menschen und dem Tode! Du
kannst mit deinem Willen und deiner Überzeugung an seiner Sphäre saugen,
du kannst ihn herbeiziehen, dass er zu dir tritt, zu der Stunde, an die
du glaubst ...
Den 3. Oktober.
Oftmals, wenn meine Gedanken sich wie graue Gewässer vor mir ausbreiten,
die mir unendlich scheinen, weil sie umnebelt sind, sehe ich etwas wie
den Zusammenhang der Dinge und glaube die Nichtigkeit der Begriffe zu
erkennen.
Was ist Selbstmord? Der freiwillige Tod? Aber niemand stirbt
unfreiwillig. Das Aufgeben des Lebens und die Hingabe an den Tod
geschieht ohne Unterschied aus Schwäche, und diese Schwäche ist stets
die Folge einer Krankheit des Körpers oder der Seele, oder beider. Man
stirbt nicht, bevor man einverstanden damit ist ...
Bin ich einverstanden? Ich muss es wohl sein, denn ich glaube, dass ich
wahnsinnig werden könnte, wenn ich am zwölften Oktober nicht stürbe ...
Den 5. Oktober.
Ich denke unaufhörlich daran, und es beschäftigt mich ganz und gar. --
Ich sinne darüber, wann und woher mein Wissen mir gekommen ist, ich
vermag es nicht zu sagen! Ich wusste mit neunzehn oder zwanzig Jahren,
dass ich mit vierzig sterben müsste, und irgend eines Tages, als ich
mich eindringlich fragte, an welchem Tage es geschehen werde, da wusste
ich auch den Tag!
Und nun ist er so nahe herangekommen, so nahe, dass ich den kalten Atem
des Todes zu verspüren meine.
Den 7. Oktober.
Der Wind hat sich verstärkt, die See braust, und der Regen trommelt auf
dem Dache. Ich habe in der Nacht nicht geschlafen, sondern bin in meinem
Wettermantel hinunter an den Strand gegangen und habe mich dort auf
einen Stein gesetzt.
Hinter mir war in Dunkelheit und Regen der Hügel mit dem grauen Haus, in
dem die kleine Asuncion schlief, meine kleine Asuncion! Und vor mir
wälzte das Meer seinen trüben Schaum bis vor meine Füsse.
Ich habe die ganze Nacht hinausgeblickt, und mich dünkte, so müsse der
Tod sein oder das Nach dem Tode: dort drüben und draussen ein
unendliches, dumpf brausendes Dunkel. Wird dort ein Gedanke, eine Ahnung
von mir fortleben und -weben und ewig auf das unbegreifliche Brausen
horchen?
Den 8. Oktober.
Ich will dem Tode danken, wenn er kommt, denn nun wird es zu bald
erfüllt sein, als dass ich noch warten könnte. Drei kurze Herbsttage
noch, und es wird geschehen. Wie gespannt ich bin auf den letzten
Augenblick, den allerletzten! Sollte es nicht ein Augenblick des
Entzückens und unsäglicher Süssigkeit sein? Ein Augenblick höchster
Wollust?
Drei kurze Herbsttage noch, und der Tod wird hier zu mir ins Zimmer
treten -- wie er sich nur benehmen wird! Wird er mich behandeln wie
einen Wurm? Wird er mich an der Kehle packen und mich würgen? Oder wird
er mit seiner Hand in mein Gehirn greifen? -- Aber ich denke ihn mir
gross und schön und von einer wilden Majestät!
Den 9. Oktober.
Ich sagte zu Asuncion, als sie auf meinen Knieen sass: »Wie, wenn ich
bald von Dir ginge, auf irgend eine Weise? Würdest Du sehr traurig
sein?« Da schmiegte sie ihr Köpfchen an meine Brust und weinte
bitterlich. -- Mein Hals ist zugeschnürt vor Schmerz.
Übrigens habe ich Fieber. Mein Kopf ist heiss, und ich zittere vor
Kälte.
Den 10. Oktober.
Er war bei mir, diese Nacht war er bei mir! Ich habe ihn nicht gesehen
und nicht gehört, und dennoch habe ich mit ihm gesprochen. Es ist
lächerlich, aber er benahm sich wie ein Zahnarzt! -- »Es ist am besten,
wenn wir es gleich abmachen,« sagte er. Aber ich wollte nicht und wehrte
mich. Mit kurzen Worten habe ich ihn fortgeschickt.
»Es ist am besten, wenn wir es gleich abmachen!« Wie das klang! Es ging
mir durch Mark und Bein. So nüchtern, so langweilig, so bürgerlich! Nie
habe ich ein kälteres und hohnvolleres Gefühl von Enttäuschung gekannt.
Den 11. Oktober (11 Uhr abends).
Verstehe ich es? Oh! glaubt mir, dass ich es verstehe!
Vor anderthalb Stunden, als ich in meinem Zimmer sass, kam der alte
Franz zu mir herein; er zitterte und schluchzte. »Das Fräulein!« rief
er, »das Kind! Ach, kommen Sie schnell!« -- Und ich kam schnell.
Ich habe nicht geweint, und nur ein kalter Schauer schüttelte mich. Sie
lag in ihrem Bettchen, und ihr schwarzes Haar rahmte ihr blasses,
schmerzliches Gesichtchen ein. Ich bin bei ihr niedergekniet und habe
nichts gethan und nichts gedacht. -- Doktor Gudehus kam.
»Das ist ein Herzschlag,« sagte er und nickte wie einer, der nicht
überrascht ist. Dieser Stümper und Narr that, als habe er es gewusst!
Ich aber -- habe ich es verstanden? Oh, als ich allein war mit ihr --
draussen rauschten Regen und Meer, und der Wind heulte im Ofenrohr -- da
habe ich auf den Tisch geschlagen, so klar wurde es mir in einem
Augenblick! Zwanzig Jahre lang habe ich den Tod auf den Tag
herbeigezogen, der in einer Stunde beginnen wird, und in mir, tief
unten, ist etwas gewesen, das heimlich gewusst hat, ich könne dies Kind
nicht verlassen. Ich hätte nicht sterben können nach Mitternacht, und es
musste doch sein! Ich hätte ihn wieder fortgeschickt, wenn er gekommen
wäre: Aber er ist zuerst zu dem Kinde gegangen, weil er meinem Wissen
und Glauben gehorchen musste. -- Habe ich selbst den Tod an dein
Bettchen gezogen, habe ich dich getötet, meine kleine Asuncion? Ach, das
sind grobe, armselige Worte für feine und geheimnisvolle Dinge!
Lebe wohl, lebe wohl! Vielleicht, dass ich dort draussen einen Gedanken,
eine Ahnung von dir wiederfinde. Denn sieh: der Zeiger rückt, und die
Lampe, die dein süsses Gesichtchen erhellt, wird bald verlöschen. Ich
halte deine kleine, kalte Hand und warte. Gleich wird er zu mir treten,
und ich werde nur nicken und die Augen schliessen, wenn ich ihn sagen
höre: »Es ist am besten, wenn wir es gleich abmachen« ...
Der Wille zum Glück.
Der alte Hofmann hatte sein Geld als Plantagenbesitzer in Südamerika
verdient. Er hatte dort eine Eingeborene aus gutem Hause geheiratet und
war bald darauf mit ihr nach Norddeutschland, seiner Heimat, gezogen.
Sie lebten in meiner Vaterstadt, wo auch seine übrige Familie zu Hause
war. Paolo wurde hier geboren.
Die Eltern habe ich übrigens nicht näher gekannt. Jedenfalls war Paolo
das Ebenbild seiner Mutter. Als ich ihn zum ersten Male sah, das heisst,
als unsere Väter uns zum ersten Male zur Schule brachten, war er ein
mageres Bürschchen mit gelblicher Gesichtsfarbe. Ich sehe ihn noch. Er
trug sein schwarzes Haar damals in langen Locken, die wirr auf den
Kragen seines Matrosenanzuges niederfielen und sein schmales Gesichtchen
umrahmten.
Da wir es beide zu Hause sehr gut gehabt hatten, so waren wir mit der
neuen Umgebung, der kahlen Schulstube und besonders mit dem rotbärtigen,
schäbigen Menschen, der uns durchaus das ABC lehren wollte, nichts
weniger als einverstanden. Ich hielt meinen Vater, als er sich entfernen
wollte, weinend am Rocke fest, während Paolo sich gänzlich passiv
verhielt. Er lehnte regungslos an der Wand, kniff die schmalen Lippen
zusammen und blickte aus grossen, thränenerfüllten Augen auf die übrige
hoffnungsvolle Jugend, die sich gegenseitig in die Seiten stiess und
gefühllos grinste.
In dieser Weise von Larven umgeben, fühlten wir uns von vornherein zu
einander hingezogen und waren froh, als der rotbärtige Pädagoge uns
nebeneinander sitzen liess. Wir hielten uns fortan zusammen, legten
gemeinschaftlich den Grund zu unserer Bildung und trieben täglich
Tauschhandel mit unserem Butterbrot.
Er war übrigens schon damals kränklich, wie ich mich erinnere. Er musste
dann und wann längere Zeit die Schule versäumen, und wenn er wiederkam,
so zeigten seine Schläfen und Wangen noch deutlicher als gewöhnlich das
blassblaue Geäder, das man gerade bei zarten brünetten Menschen häufig
bemerken kann. Er hat das immer behalten. Es war das erste, was mir hier
bei unserem Wiedersehen in München auffiel und auch nachher in Rom.
Unsere Kameradschaft dauerte während all der Schuljahre ungefähr aus
demselben Grunde fort, aus welchem sie entstanden. Es war das »Pathos
der Distanz« dem grössten Teile unserer Mitschüler gegenüber, das jeder
kennt, der mit fünfzehn Jahren heimlich Heine liest und in Tertia das
Urteil über Welt und Menschen entschlossen fällt.
Wir hatten -- ich glaube, wir waren sechzehn Jahre alt -- auch zusammen
Tanzstunde und erlebten infolge dessen gemeinsam unsere erste Liebe.
Das kleine Mädchen, das es ihm angethan, ein blondes, fröhliches
Geschöpf, verehrte er mit einer schwermütigen Glut, die für sein Alter
bemerkenswert war und mir manchmal direkt unheimlich erschien.
Ich erinnere mich besonders _einer_ Tanzgesellschaft. Das Mädchen
brachte einem anderen kurz nacheinander zwei Cotillonorden und ihm
keinen. Ich beobachtete ihn mit Angst. Er stand neben mir an die Wand
gelehnt, starrte regungslos auf seine Lackschuhe und sank plötzlich
ohnmächtig zusammen. Man brachte ihn nach Hause, und er lag acht Tage
krank. Es erwies sich damals -- ich glaube, bei dieser Gelegenheit --
dass sein Herz nicht das gesündeste sei.
Schon vor dieser Zeit hatte er begonnen zu zeichnen, wobei er starkes
Talent entwickelte. Ich bewahre ein Blatt, das die mit Kohlenstift
hingeworfene Züge jenes Mädchens recht ähnlich zur Schau trägt, nebst
der Unterschrift: »Du bist wie eine Blume! -- Paolo Hofmann fecit.« --
Ich weiss nicht genau, wann es war, aber wir waren schon in den höheren
Klassen, als seine Eltern die Stadt verliessen, um sich in Karlsruhe
niederzulassen, wo der alte Hofmann Verbindungen hatte. Paolo sollte die
Schule nicht wechseln und ward zu einem alten Professor in Pension
gegeben.
Indessen blieb die Lage auch so nicht lange. Vielleicht war das folgende
nicht gerade die Veranlassung dazu, dass Paolo eines Tages den Eltern
nach Karlsruhe nachfolgte, aber jedenfalls trug es dazu bei.
In einer Religionsstunde nämlich schritt plötzlich der betreffende
Oberlehrer mit einem lähmenden Blick auf ihn zu und zog unter dem Alten
Testament, das vor Paolo lag, ein Blatt hervor, auf welchem eine bis auf
den linken Fuss vollendete, sehr weibliche Gestalt sich ohne jedes
Schamgefühl den Blicken darbot.
Also Paolo ging nach Karlsruhe, und dann und wann wechselten wir
Postkarten, ein Verkehr, der nach und nach gänzlich einschlief.
Nach unserer Trennung waren ungefähr fünf Jahre vergangen, als ich ihn
in München wieder traf. Ich ging an einem schönen Frühlingsvormittag die
Amalienstrasse hinunter und sah jemanden die Freitreppe der Akademie
herabsteigen, der von weitem beinahe den Eindruck eines italienischen
Modells machte. Als ich näher kam, war er es wahrhaftig.
Mittelgross, schmal, den Hut auf dem dichten schwarzen Haar
zurückgesetzt, mit gelblichem, von blauen Äderchen durchzogenem Teint,
elegant, aber nachlässig gekleidet, -- an der Weste waren zum Beispiel
ein paar Knöpfe nicht geschlossen -- den kurzen Schnurrbart leicht
aufgewirbelt, so kam er mit seinem wiegenden, indolenten Schritt auf
mich zu.
Wir erkannten uns ungefähr gleichzeitig, und die Begrüssung war sehr
herzlich. Er schien mir, während wir uns vorm Café Minerva wechselseitig
über den Verlauf der letzten Jahre ausfragten, in gehobener, beinahe
exaltierter Stimmung zu sein. Seine Augen leuchteten, und seine
Bewegungen waren gross und weit. Dabei sah er schlecht aus, wirklich
krank. Ich habe jetzt freilich leicht reden; aber es fiel mir
thatsächlich auf, und ich sagte es ihm sogar geradezu.
»So, noch immer?« fragte er. »Ja, ich glaube es wohl. Ich bin viel krank
gewesen. Noch im letzten Jahre lange sogar schwer krank. Es sitzt hier.«
Er deutete mit der linken Hand auf seine Brust.
»Das Herz. Es ist von jeher dasselbe gewesen. -- In letzter Zeit fühle
ich mich aber sehr gut, ganz ausgezeichnet. Ich kann sagen, dass ich
ganz gesund bin. Übrigens mit meinen 23 Jahren -- es wäre ja auch
traurig ...«
Seine Laune war wirklich gut. Er erzählte heiter und lebendig von seinem
Leben seit unserer Trennung. Er hatte bald nach derselben bei seinen
Eltern es durchgesetzt, Maler werden zu dürfen, war seit etwa
dreiviertel Jahren mit der Akademie fertig -- soeben war er nur zufällig
dort gewesen -- hatte einige Zeit auf Reisen, besonders in Paris gelebt
und sich nun seit ungefähr fünf Monaten hier in München niedergelassen
..... »Wahrscheinlich für lange Zeit -- wer weiss? Vielleicht für
immer ...«
»So?« fragte ich.
»Nun ja? Das heisst -- warum nicht? Die Stadt gefällt mir, gefällt mir
ausnehmend! Der ganze Ton -- wie? Die Menschen! Und -- was nicht
unwichtig ist -- die sociale Stellung als Maler, auch als ganz
unbekannter, ist ja exquisit, ist ja nirgends besser ...«
»Hast Du angenehme Bekanntschaften gemacht?«
»Ja. -- Wenige, aber sehr gute. Ich muss Dir zum Beispiel eine Familie
empfehlen .. Ich lernte sie im Fasching kennen ... Der Fasching ist
reizend hier --! _Stein_ heissen sie. _Baron_ Stein sogar.«
»Was ist denn das für ein Adel?«
»Was man Geldadel nennt. Der Baron war Börsenmann, hat früher in Wien
eine kolossale Rolle gespielt, verkehrte mit sämtlichen Fürstlichkeiten
und so weiter ... Dann geriet er plötzlich in Décadence, zog sich mit
ungefähr einer Million -- sagt man -- aus der Affaire und lebt nun hier,
prunklos, aber vornehm.«
»Ist er Jude?«
»Er, glaube ich, nicht. Seine Frau vermutlich. Ich kann übrigens nicht
anders sagen, als dass es äusserst angenehme und feine Leute sind.«
»Sind da -- Kinder?«
»Nein. -- Das heisst -- eine neunzehnjährige Tochter. Die Eltern sind
sehr liebenswürdig ...«
Er schien einen Augenblick verlegen und fügte dann hinzu:
»Ich mache Dir ernstlich den Vorschlag, Dich von mir dort einführen zu
lassen. Es wäre mir ein Vergnügen. Bist Du nicht einverstanden?«
»Aber gewiss. Ich werde Dir dankbar sein. Schon um die Bekanntschaft
dieser neunzehnjährigen Tochter zu machen --«
Er blickte mich von der Seite an und sagte dann:
»Nun schön. Schieben wir es dann nicht lange hinaus. Wenn es Dir passt,
komme ich morgen um 1 Uhr herum oder halb 2 und hole Dich ab. Sie wohnen
Theresienstrasse 25, erster Stock. Ich freue mich darauf, Ihnen einen
Schulfreund von mir zuzuführen. Die Sache ist abgemacht.«
In der That klingelten wir am nächsten Tage um die Mittagszeit in der
ersten Etage eines eleganten Hauses in der Theresienstrasse. Neben der
Glocke war in breiten, schwarzen Lettern der Name Freiherr von Stein zu
lesen.
Paolo war auf dem ganzen Wege erregt und beinahe ausgelassen lustig
gewesen; jetzt aber, während wir auf das Öffnen der Thür warteten, nahm
ich eine seltsame Veränderung an ihm wahr. Alles an ihm war, während er
neben mir stand, bis auf ein nervöses Zucken der Augenlider, vollkommen
ruhig, -- von einer gewaltsamen, gespannten Ruhe. Er hatte den Kopf ein
wenig vorgestreckt. Seine Stirnhaut war gestrammt. Er machte beinahe den
Eindruck eines Tieres, das krampfhaft die Ohren spitzt und mit
Anspannung aller Muskeln horcht.
Der Diener, der unsere Karten davontrug, kehrte zurück mit der
Aufforderung, einen Augenblick Platz zu nehmen, da Frau Baronin sofort
erscheinen werde, und öffnete uns die Thür zu einem mässig grossen,
dunkel möblierten Zimmer.
Bei unserem Eintritt erhob sich im Erker, von dem aus man auf die
Strasse hinausblickte, eine junge Dame in heller Frühlingstoilette und
blieb einen Augenblick mit forschender Miene stehen. »Die
neunzehnjährige Tochter« dachte ich, indem ich unwillkürlich einen
Seitenblick auf meinen Begleiter warf, und: »Baronesse Ada!« flüsterte
er mir zu.
Sie war von eleganter Gestalt, aber für ihr Alter reifen Formen und
machte mit ihren sehr weichen und fast trägen Bewegungen kaum den
Eindruck eines so jungen Mädchens. Ihr Haar, das sie über die Schläfen
und in zwei Locken in die Stirn frisiert trug, war glänzend schwarz und
bildete einen wirksamen Kontrast zu der matten Weisse ihres Teints. Das
Gesicht liess zwar mit seinen vollen und feuchten Lippen, der
fleischigen Nase und den mandelförmigen, schwarzen Augen, über denen
sich dunkle und weiche Brauen wölbten, nicht den geringsten Zweifel
aufkommen über ihre wenigstens zum Teil semitische Abstammung, war aber
von ganz ungewöhnlicher Schönheit.
»Ah -- Besuch?« fragte sie, indem sie uns ein paar Schritte entgegenkam.
Ihre Stimme war leicht verschleiert. Sie führte eine Hand zur Stirn, wie
um besser sehen zu können, während sie sich mit der anderen auf den
Flügel stützte, der an der Wand stand.
»Und sogar sehr willkommener Besuch --?« fügte sie mit derselben
Betonung hinzu, als ob sie meinen Freund erst jetzt erkannte; dann warf
sie einen fragenden Blick auf mich.
Paolo schritt auf sie zu und beugte sich mit der fast schläfrigen
Langsamkeit, mit der man sich einem auserlesenen Genuss hingiebt,
wortlos auf die Hand nieder, die sie ihm entgegenstreckte.
»Baronesse,« sagte er dann, »ich erlaube mir Ihnen einen Freund von mir
vorzustellen, einen Schulkameraden, mit dem ich das ABC erlernte ...«
Sie reichte auch mir die Hand, eine weiche, scheinbar knochenlose Hand
ohne Schmuck.
»Ich bin erfreut --« sagte sie, während ihr dunkler Blick, dem ein
leises Zittern eigen war, auf mir ruhte. »Und auch meine Eltern werden
sich freuen ... Man hat sie hoffentlich benachrichtigt.«
Sie nahm auf der Ottomane Platz, während wir beide ihr auf Stühlen
gegenüber sassen. Ihre weissen, kraftlosen Hände ruhten beim Plaudern im
Schoss. Die bauschigen Ärmel reichten nur wenig über den Ellbogen
hinüber. Der weiche Ansatz des Handgelenks fiel mir auf.
Nach ein paar Minuten öffnete sich die Thür zum anliegenden Zimmer, und
die Eltern traten ein. Der Baron war ein eleganter, untersetzter Herr
mit Glatze und grauem Spitzbart; er hatte eine unnachahmliche Art, sein
dickes goldenes Armband in die Manschette zurückzuwerfen. Es liess sich
nicht mit Bestimmtheit erkennen, ob seiner Erhebung zum Freiherrn einst
ein paar Silben seines Namens zum Opfer gefallen waren; dagegen war
seine Gattin einfach eine hässliche kleine Jüdin in einem geschmacklosen
grauen Kleid. An ihren Ohren funkelten grosse Brillanten.
Ich wurde vorgestellt und in durchaus liebenswürdiger Weise begrüsst,
während man meinem Begleiter wie einem guten Hausfreunde die Hand
schüttelte.
Nachdem über mein Woher und Wieso einige Fragen und Antworten gefallen
waren, begann man von einer Ausstellung zu sprechen, in der Paolo ein
Bild hatte, einen weiblichen Akt.
»Eine wirklich feine Arbeit!« sagte der Baron. »Ich habe neulich eine
halbe Stunde davor gestanden. Der Fleischton auf dem roten Teppich ist
eminent wirkungsvoll. Ja, ja, der Herr Hofmann!« Dabei klopfte er Paolo
gönnerisch auf die Schulter. »Aber nicht überarbeiten, junger Freund! Um
Gotteswillen nicht! Sie haben es dringend nötig, sich zu schonen. Wie
steht es denn mit der Gesundheit? --«
Paolo hatte, während ich den Herrschaften über meine Person die nötigen
Aufschlüsse erteilte, ein paar gedämpfte Worte mit der Baronesse
gewechselt, der er dicht gegenüber sass. Die seltsam gespannte Ruhe, die
ich vorhin an ihm beobachtet hatte, war keineswegs von ihm gewichen. Er
machte, ohne dass ich genau zu sagen vermöchte, woran es lag, den
Eindruck eines sprungbereiten Panthers. Die dunklen Augen in dem
gelblichen, schmalen Gesicht hatten einen so krankhaften Glanz, dass es
mich nahezu unheimlich berührte, als er auf die Frage des Barons im
zuversichtlichsten Tone antwortete:
»Oh, ausgezeichnet! Verbindlichen Dank! Es geht mir sehr gut!«
-- Als wir uns nach Verlauf von etwa einer Viertelstunde erhoben,
erinnerte die Baronin meinen Freund daran, dass in zwei Tagen wieder
Donnerstag sei, er möge ihren Five o'clock tea nicht vergessen. Sie bat
bei dieser Gelegenheit auch mich, diesen Wochentag freundlichst im
Gedächtnis zu behalten ...
Auf der Strasse zündete Paolo sich eine Cigarette an.
»Nun?« fragte er. »Was sagst Du?«
»Oh, das sind sehr angenehme Leute!« beeilte ich mich zu antworten. »Die
neunzehnjährige Tochter hat mir sogar imponiert!«
»Imponiert?« Er lachte kurz auf und wandte den Kopf nach der anderen
Seite.
»Ja, Du lachst!« sagte ich. »Und da oben dünkte es mich zuweilen, als
trübe -- geheime Sehnsucht Deinen Blick. Aber ich bin im Irrtum?«
Er schwieg einen Augenblick. Dann schüttelte er langsam den Kopf.
»Wenn ich nur wüsste, woher Du ...«
»Aber sei so gut! -- Die _Frage_ ist für mich nur noch, ob auch
Baronesse Ada ...«
Er sah wieder einen Augenblick stumm vor sich nieder. Dann sagte er
leise und zuversichtlich:
»Ich glaube, dass ich glücklich sein werde.«
Ich trennte mich von ihm, indem ich ihm herzlich die Hand schüttelte,
obgleich ich innerlich ein Bedenken nicht unterdrücken konnte.
Es vergingen nun ein paar Wochen, in denen ich hin und wieder gemeinsam
mit Paolo den Nachmittagsthee in dem freiherrlichen Salon einnahm. Es
pflegte dort ein kleiner, aber recht angenehmer Kreis versammelt zu
sein: Eine junge Hofschauspielerin, ein Arzt, ein Offizier -- ich
entsinne mich nicht jedes einzelnen.
An Paolos Benehmen beobachtete ich nichts Neues. Er befand sich
gewöhnlich trotz seines besorgniserregenden Aussehens in gehobener,
freudiger Stimmung und zeigte in der Nähe der Baronesse jedesmal wieder
jene unheimliche Ruhe, die ich das erste Mal an ihm wahrgenommen hatte.
Da begegnete mir eines Tages -- und ich hatte Paolo zufällig zwei Tage
lang nicht gesehen -- in der Ludwigstrasse der Baron von Stein. Er war
zu Pferde, hielt an und reichte mir vom Sattel aus die Hand.
»Erfreut, Sie zu sehen! Hoffentlich lassen Sie sich morgen Nachmittag
bei uns blicken?«
»Wenn Sie gestatten, zweifellos, Herr Baron. Auch wenn es irgendwie
zweifelhaft wäre, dass mein Freund Hofmann wie jeden Donnerstag kommen
wird, mich abzuholen ...«
»Hofmann? Aber wissen Sie denn nicht -- er ist ja abgereist! Ich dachte
doch, _Sie_ hätte er davon unterrichtet.«
»Aber mit keiner Silbe!«
»Und so vollkommen à bâton rompu ... Das nennt man Künstlerlaunen ...
Also morgen Nachmittag! --«
Damit setzte er sein Tier in Bewegung und liess mich höchst verdutzt
zurück.
Ich eilte in Paolos Wohnung. -- Ja, leider; Herr Hofmann sei abgereist.
Eine Adresse habe er nicht hinterlassen.
Es war klar, dass der Baron von mehr als einer »Künstlerlaune« wusste.
Seine Tochter selbst hat mir das, was ich ohnehin mit Bestimmtheit
vermutete, bestätigt.
Das geschah auf einem Spaziergang ins Isarthal, den man arrangiert
hatte, und zu dem auch ich aufgefordert worden war. Man war erst
nachmittags ausgezogen, und auf dem Heimwege zu später Abendstunde fügte
es sich, dass die Baronesse und ich als letztes Paar der Gesellschaft
nachfolgten.
Ich hatte an ihr seit Paolos Verschwinden keinerlei Veränderung
wahrgenommen. Sie hatte ihre Ruhe vollständig bewahrt und meines
Freundes bis dahin mit keinem Worte Erwähnung gethan, während ihre
Eltern sich über seine plötzliche Abreise in Ausdrücken des Bedauerns
ergingen.
Nun schritten wir neben einander durch diesen anmutigsten Teil der
Umgebung Münchens; das Mondlicht flimmerte zwischen dem Laubwerk, und
wir lauschten eine Weile schweigend dem Geplauder der übrigen
Gesellschaft, das ebenso einförmig war, wie das Brausen der Wasser, die
neben uns dahinschäumten.
Dann begann sie plötzlich von Paolo zu sprechen, und zwar in einem sehr
ruhigen und sehr sicheren Ton.
»Sie sind seit früher Jugend sein Freund?« fragte sie mich.
»Ja, Baronesse.«
»Sie teilen seine Geheimnisse?«
»Ich glaube, dass sein schwerstes mir bekannt ist, auch ohne dass er es
mir mitgeteilt.«
»Und ich darf Ihnen vertrauen?«
»Ich hoffe, dass Sie nicht daran zweifeln, gnädiges Fräulein.«
»Nun gut,« sagte sie, indem sie den Kopf mit einer entschlossenen
Bewegung erhob. »Er hat um meine Hand angehalten, und meine Eltern haben
sie ihm verweigert. Er sei krank, sagten sie mir, sehr krank -- aber
gleichviel: Ich _liebe_ ihn. Ich darf so zu Ihnen sprechen, nicht wahr?
Ich ...«
Sie verwirrte sich einen Augenblick und fuhr dann mit derselben
Entschlossenheit fort:
»Ich weiss nicht, wo er sich aufhält; aber ich gebe Ihnen die Erlaubnis,
ihm meine Worte, die er aus meinem eigenen Munde schon vernommen hat, zu
wiederholen, so bald Sie ihn wiedersehen, sie ihm zu schreiben, sobald
Sie seine Adresse ausfindig gemacht haben: Ich werde niemals einem
anderen Manne die Hand reichen als ihm. Ah -- wir werden sehen!«
In diesem letzten Ausruf lag neben Trotz und Entschlossenheit ein so
hilfloser Schmerz, dass ich mich nicht enthalten konnte, ihre Hand zu
ergreifen und sie stumm zu drücken.
Ich habe mich damals an Hofmanns Eltern brieflich mit der Bitte gewandt,
mich über den Aufenthaltsort ihres Sohnes zu benachrichtigen. Ich
erhielt eine Adresse in Südtirol, und mein Brief, der dorthin abging,
gelangte an mich zurück mit der Bemerkung, der Adressat habe, ohne ein
Reiseziel anzugeben, den Ort schon wieder verlassen.
Er wollte von keiner Seite behelligt sein, er war allem entflohen, um
irgendwo in aller Einsamkeit zu sterben. Gewiss, zu sterben. Denn nach
alledem war es mir zur traurigen Wahrscheinlichkeit geworden, dass ich
ihn nicht wiedersehen würde.
War es nicht klar, dass dieser hoffnungslos kranke Mensch jenes junge
Mädchen mit der lautlosen, vulkanischen, glühend sinnlichen Leidenschaft
liebte, die den gleichartigen ersten Regungen seiner früheren Jugend
entsprach? Der egoistische Instinkt des Kranken hatte die Begier nach
Vereinigung mit blühender Gesundheit in ihm entfacht; musste diese Glut,
da sie ungestillt blieb, seine letzte Lebenskraft nicht schnell
verzehren?
Und es vergingen fünf Jahre, ohne dass ich ein Lebenszeichen von ihm
erhielt, -- aber auch ohne dass die Nachricht von seinem Tode mich
erreichte!
Im vergangenen Jahre nun hielt ich mich in Italien auf, in Rom und
Umgebung. Ich hatte die heissen Monate im Gebirge verlebt, war Ende
September in die Stadt zurückgekehrt, und an einem warmen Abend sass ich
bei einer Tasse Thee im Caffé Aranjo. Ich blätterte in meiner Zeitung
und blickte gedankenlos in das lebendige Treiben, das in dem weiten,
lichterfüllten Raume herrschte. Die Gäste kamen und gingen, die Kellner
eilten hin und her, und dann und wann tönten durch die weit offenen
Thüren die langgezogenen Rufe der Zeitungsjungen in den Saal hinein.
Und plötzlich sehe ich, wie ein Herr von meinem Alter sich langsam
zwischen den Tischen hindurch und einem Ausgang zu bewegt ... Dieser
Gang --? Aber da wendet er auch schon den Kopf nach mir, hebt die
Augenbrauen, kommt mir mit einem freudig erstaunten »Ah!?« entgegen.
»Du hier?« Wir riefen es wie aus einem Munde, und er fügte hinzu:
»Also wir sind beide noch am Leben!«
Seine Augen schweiften ein wenig ab dabei. -- Er hatte sich in diesen
fünf Jahren kaum verändert; nur dass sein Gesicht vielleicht noch
schmaler geworden war, seine Augen noch tiefer in ihren Höhlen lagen.
Dann und wann atmete er tief auf.
»Du bist schon lange in Rom?« fragte er.
»In der Stadt noch nicht lange; ich war ein paar Monate auf dem Lande.«
»Und Du?«
»Ich war bis vor einer Woche am Meer. Du weisst, ich habe es den Bergen
immer vorgezogen ... Ja, ich habe, seit wir uns nicht sahen, ein gutes
Stück Erde kennen gelernt.« --
Und er begann, während er neben mir ein Glas sorbetto schlürfte, zu
erzählen, wie er diese Jahre verbracht hatte: Auf Reisen, immer auf
Reisen. Er hatte in den Tiroler Bergen gestreift, hatte ganz Italien
langsam durchmessen, war von Sizilien nach Afrika gegangen und sprach
von Algier, Tunis, Ägypten.
»Schliesslich bin ich einige Zeit in Deutschland gewesen,« sagte er, »in
Karlsruhe; meine Eltern wünschten dringend, mich zu sehen und haben mich
nur ungern wieder ziehen lassen. Jetzt bin ich seit einem Vierteljahre
wieder in Italien. Ich fühle mich im Süden zu Hause, weisst Du. Rom
gefällt mir über alle Massen!...«
Ich hatte ihn noch mit keinem Worte nach seinem Befinden befragt. Jetzt
sagte ich:
»Aus alledem darf ich schliessen, dass Deine Gesundheit sich bedeutend
gekräftigt hat?«
Er sah mich einen Augenblick fragend an; dann erwiderte er:
»Du meinst, weil ich so munter umherwandere? Ach, ich will Dir sagen:
Das ist ein sehr natürliches Bedürfnis. Was willst du? Trinken, Rauchen
und Lieben hat man mir verboten, -- irgend ein Narkotikum habe ich
nötig, verstehst Du?«
Da ich schwieg, fügte er hinzu:
»Seit fünf Jahren -- _sehr_ nötig.« --
Wir waren bei dem Punkte angelangt, den wir bis dahin vermieden hatten,
und die Pause, die eintrat, redete von unserer beiderseitigen
Ratlosigkeit. -- Er sass gegen das Sammetpolster zurückgelehnt und
blickte zum Kronleuchter empor. Dann sagte er plötzlich:
»Vor allem, -- nicht wahr, Du verzeihst mir, dass ich so lange nichts
habe von mir hören lassen ... Du verstehst das?«
»Gewiss!«
»Du bist über meine Münchener Erlebnisse orientiert?« fuhr er in beinahe
hartem Tone fort.
»So vollkommen wie möglich. Und weisst Du, dass ich mich die ganze Zeit
mit einem Auftrag für Dich getragen habe? Einem Auftrag von einer Dame?«
Seine müden Augen flammten kurz auf. Dann sagte er in demselben
trockenen und scharfen Tone von vorher:
»Lass hören, ob es etwas Neues ist.«
»Neues kaum; nur eine Bekräftigung dessen, was Du von ihr selbst schon
gehört hast« ...
Und ich wiederholte ihm, inmitten der schwatzenden und gestikulierenden
Menge, die Worte, die an jenem Abend die Baronesse zu mir gesprochen
hatte.
Er lauschte, indem er sich langsam über die Stirne strich; dann sagte er
ohne irgend ein Zeichen von Bewegung:
»Ich danke Dir.« --
Sein Ton fing an, mich irre zu machen.
»Aber über diese Worte sind Jahre hingegangen,« sagte ich, »fünf lange
Jahre, die sie und Du, ihr beide durchlebt habt ... Tausend neue
Eindrücke, Gefühle, Gedanken, Wünsche« ...
Ich brach ab, denn er richtete sich auf und sagte mit einer Stimme, in
der wieder die Leidenschaft bebte, die ich einen Moment für erloschen
gehalten hatte:
»_Ich_ -- _halte_ diese Worte!«
Und in diesem Augenblick erkannte ich auf seinem Gesicht und in seiner
ganzen Haltung den Ausdruck wieder, den ich damals, als ich die
Baronesse zum ersten Male sehen sollte, an ihm beobachtete: diese
gewaltsame, krampfhaft angespannte Ruhe, die das Raubtier vor dem
Sprunge zeigt.
Ich lenkte ab, und wir sprachen wieder von seinen Reisen, von den
Studien, die er unterwegs gemacht. Es schienen nicht viele zu sein; er
liess sich ziemlich gleichgültig darüber aus.
Kurz nach Mitternacht erhob er sich.
»Ich möchte schlafen gehen oder doch allein sein ... Du findest mich
morgen Vormittag in der Galleria Doria. Ich kopiere mir Saraceni; ich
habe mich in den musizierenden Engel verliebt. Sei so gut und komme hin.
Ich bin sehr froh, dass du hier bist. Gute Nacht.« --
Und er ging hinaus -- langsam, ruhig, mit schlaffen, trägen Bewegungen.
Während des ganzen nächsten Monats habe ich mit ihm die Stadt
durchwandert; Rom, dies überschwenglich reiche Museum aller Kunst, diese
moderne Grossstadt im Süden, diese Stadt, die voll ist von lautem,
raschem, heissem, sinnreichem Leben, und in die doch der warme Wind die
schwüle Trägheit des Orients hinüberträgt.
Paolos Benehmen blieb immer das gleiche. Er war meistens ernst und still
und konnte zuweilen in eine schlaffe Müdigkeit versinken, um dann,
während seine Augen aufblitzten, sich plötzlich zusammenzuraffen und ein
ruhendes Gespräch mit Eifer fortzusetzen.
Ich muss eines Tages Erwähnung thun, an dem er einige Worte fallen
liess, die erst jetzt die richtige Bedeutung für mich bekommen haben.
Es war an einem Sonntag. Wir hatten den wundervollen Spätsommermorgen
für einen Spaziergang auf der Via Appia benutzt und rasteten nun,
nachdem wir die antike Strasse weit hinaus verfolgt hatten, auf jenem
kleinen, cypressenumstandenen Hügel, von dem aus man einen entzückenden
Blick auf die sonnige Campagna mit dem grossen Aquädukt und auf die
Albanerberge geniesst, die ein weicher Dunst umhüllt.
Paolo ruhte halbliegend, das Kinn in die Hand gestützt, neben mir auf
dem warmen Grasboden und blickte mit müden, verschleierten Augen in die
Ferne. Dann war es wieder einmal jenes plötzliche Aufraffen aus völliger
Apathie, mit dem er sich an mich wandte:
»Diese Luftstimmung! -- Die Luftstimmung ist das Ganze!«
Ich erwiderte etwas Beistimmendes, und es war wieder still. Und da
plötzlich, ohne jeden Übergang, sagte er, indem er mir mit einer
gewissen Eindringlichkeit das Gesicht zuwandte:
»Sag mal, ist es dir eigentlich nicht aufgefallen, dass ich immer noch
am Leben bin?«
Ich schwieg betroffen, und er blickte wieder mit einem nachdenklichen
Ausdruck in die Ferne.
»Mir -- ja,« fuhr er langsam fort. »Ich wundere mich im Grunde jeden Tag
darüber. Weisst Du eigentlich, wie es um mich steht? -- Der französische
Doktor in Algier sagte zu mir: 'Der Teufel begreife, wie Sie noch immer
umherreisen mögen! Ich rate Ihnen, fahren Sie nach Hause und legen Sie
sich ins Bett!' Er war immer so geradezu, weil wir jeden Abend zusammen
Domino spielten.
Ich lebe doch noch immer. Ich bin beinahe täglich am Ende. Ich liege
abends im Dunkeln, -- auf der rechten Seite, wohlgemerkt! -- Das Herz
klopft mir bis in den Hals, es schwindelt mir, dass mir der
Angstschweiss ausbricht, und dann plötzlich ist es, als ob der Tod mich
anrührte. Es ist für einen Augenblick, als stehe alles still in mir, der
Herzschlag setzt aus, die Atmung versagt. Ich fahre auf, ich mache
Licht, ich atme tief auf, blicke um mich, verschlinge die Gegenstände
mit meinen Blicken. Dann trinke ich einen Schluck Wasser und lege mich
wieder zurück; immer auf die rechte Seite! Allmählich schlafe ich ein.
Ich schlafe sehr tief und sehr lange, denn ich bin eigentlich immer
todmüde. Glaubst Du, dass ich, wenn ich wollte, mich hier einfach
hinlegen könnte und sterben?
Ich glaube, dass ich in diesen Jahren tausendmal schon den Tod von
Angesicht zu Angesicht gesehen habe. Ich bin nicht gestorben. -- Mich
hält etwas. -- Ich fahre auf, ich denke an etwas, ich klammere mich an
einen Satz, den ich mir zwanzigmal wiederhole, während meine Augen
gierig alles Licht und Leben um mich her einsaugen ...... Verstehst du
mich?«
Er lag regungslos und schien kaum eine Antwort zu erwarten. Ich weiss
nicht mehr, was ich ihm erwiderte; aber ich werde niemals den Eindruck
vergessen, den seine Worte auf mich machten.
Und nun jener Tag -- oh, mir ist, als hätte ich ihn gestern erlebt!
Es war einer der ersten Herbsttage, jener grauen, unheimlich warmen
Tage, an denen der feuchte, beklemmende Wind aus Afrika durch die
Strassen geht und abends der ganze Himmel unaufhörlich im Wetterleuchten
zuckt.
Am Morgen trat ich bei Paolo ein, um ihn zu einem Ausgange abzuholen.
Sein grosser Koffer stand inmitten des Zimmers, Schrank und Kommode
waren weit offen; seine Aquarellskizzen aus dem Orient und der
Gipsabguss des vatikanischen Junokopfes waren noch an ihren Plätzen.
Er selbst stand hoch aufgerichtet am Fenster und liess nicht ab,
unbeweglich hinauszublicken, als ich mit einem erstaunten Ausruf stehen
blieb. Dann wandte er sich kurz, streckte mir einen Brief hin und sagte
nichts als:
»Lies.«
Ich sah ihn an. Auf diesem schmalen, gelblichen Krankengesicht mit den
schwarzen, fiebernden Augen lag ein Ausdruck, wie ihn sonst nur der Tod
hervorzubringen vermag, ein ungeheurer Ernst, der mich die Augen auf den
Brief niederschlagen liess, den ich entgegengenommen hatte. Und ich las:
»Hochgeehrter Herr Hofmann!
Der Liebenswürdigkeit Ihrer werten Eltern, an die ich mich wandte,
verdanke ich die Kenntnis Ihrer Adresse, und hoffe nun, dass Sie
diese Zeilen freundlich aufnehmen werden.
Gestatten Sie mir, hochgeehrter Herr Hofmann, die Versicherung, dass
ich während dieser fünf Jahre stets mit dem Gefühl aufrichtiger
Freundschaft Ihrer gedacht habe. Müsste ich annehmen, dass Ihre
plötzliche Abreise an jenem für Sie _und_ mich so schmerzlichen Tage
_Zorn_ gegen mich und die Meinen bekunden sollte, so wäre meine
Betrübnis darüber noch grösser, als das Erschrecken und tiefe
Erstaunen, das ich empfand, als Sie bei mir um die Hand meiner
Tochter anhielten.
Ich habe damals zu Ihnen gesprochen als ein Mann zum andern, habe
Ihnen offen und ehrlich, auf die Gefahr hin, brutal zu erscheinen,
den Grund mitgeteilt, warum ich einem Manne, den ich -- ich kann es
nicht genug betonen -- in jeder Beziehung so überaus hochschätze,
die Hand meiner Tochter versagen musste, und ich habe als Vater zu
Ihnen gesprochen, der das _dauernde_ Glück seines einzigen Kindes im
Auge hat und der das Aufkeimen von Wünschen der bewussten Art auf
beiden Seiten gewissenhaft vereitelt hätte, wenn ihm jemals der
Gedanke an ihre Möglichkeit gekommen wäre!
In den gleichen Eigenschaften, mein verehrter Herr Hofmann, spreche
ich auch heute zu Ihnen: als Freund und als Vater. -- Fünf Jahre
sind seit Ihrer Abreise verflossen, und hatte ich bis dahin noch
nicht Musse genug zu der Erkenntnis gehabt, wie tief die Neigung,
die Sie meiner Tochter einzuflössen vermochten, in ihr Wurzel
gefasst hat, so ist kürzlich ein Ereignis eingetreten, das mir
völlig darüber die Augen öffnen musste. Warum sollte ich es Ihnen
verschweigen, dass meine Tochter im Gedanken an Sie die Hand eines
ausgezeichneten Mannes ausgeschlagen hat, dessen Werbung ich als
Vater nur dringend befürworten konnte?
An den Gefühlen und Wünschen meiner Tochter sind die Jahre machtlos
vorübergegangen, und sollte -- dies ist eine offene und bescheidene
Frage! -- bei Ihnen, hochgeehrter Herr Hofmann, das Gleiche der Fall
sein, so erkläre ich Ihnen hiermit, dass wir Eltern dem Glücke
unseres Kindes fernerhin nicht im Wege stehen wollen.
Ich sehe Ihrer Antwort entgegen, für die ich Ihnen, wie sie auch
lauten möge, überaus dankbar sein werde, und habe diesen Zeilen
nichts hinzuzufügen, als den Ausdruck meiner vollsten Hochachtung.