Alle waren sich einig, dass man sich bei Rinnlingens vortrefflich
unterhielt. Etwa dreissig Personen sassen an der langen, geschmackvoll
dekorierten Tafel, die sich durch den weiten Speisesaal hinzog; der
Bediente und zwei Lohndiener eilten bereits mit dem Eise umher, es
herrschte Geklirr, Geklapper und ein warmer Dunst von Speisen und
Parfüms. Gemütliche Grosskaufleute mit ihren Gemahlinnen und Töchtern
waren hier versammelt; ausserdem fast sämtliche Offiziere der Garnison,
ein alter, beliebter Arzt, ein paar Juristen und was sonst den ersten
Kreisen sich beizählte. Auch ein Student der Mathematik war anwesend,
ein Neffe des Oberstlieutenants, der bei seinen Verwandten zu Besuch
war; er führte die tiefsten Gespräche mit Fräulein Hagenström, die Herrn
Friedemann gegenüber ihren Platz hatte.
Dieser sass auf einem schönen Sammetkissen am unteren Ende der Tafel
neben der nicht schönen Gattin des Gymnasialdirektors, nicht weit von
Frau von Rinnlingen, die von Konsul Stephens zu Tische geführt worden
war. Es war erstaunlich, was für eine Veränderung in diesen acht Tagen
mit dem kleinen Herrn Friedemann sich ereignet hatte. Vielleicht lag es
zum Teil an dem weissen Gasglühlicht, von dem der Saal erfüllt war, dass
sein Gesicht so erschreckend bleich erschien; aber seine Wangen waren
eingefallen, seine geröteten und dunkel umschatteten Augen zeigten einen
unsäglich traurigen Schimmer, und es sah aus, als sei seine Gestalt
verkrüppelter als je. -- Er trank viel Wein und richtete hie und da ein
paar Worte an seine Nachbarin.
Frau von Rinnlingen hatte bei Tische noch kein Wort mit Herrn Friedemann
gewechselt; jetzt beugte sie sich ein wenig vor und rief ihm zu:
»Ich habe Sie in diesen Tagen vergeblich erwartet, Sie und Ihre Geige.«
Er sah sie einen Augenblick vollkommen abwesend an, bevor er antwortete.
Sie trug eine helle, leichte Toilette, die ihren weissen Hals freiliess,
und eine voll erblühte Maréchal Niel-Rose war in ihrem leuchtenden Haar
befestigt. Ihre Wangen waren heute Abend ein wenig gerötet, aber wie
immer lagerten bläuliche Schatten in den Winkeln ihrer Augen.
Herr Friedemann blickte auf seinen Teller nieder und brachte irgend
etwas als Antwort hervor, worauf er der Gymnasialdirektorin die Frage
beantworten musste, ob er Beethoven liebe. In diesem Augenblick aber
warf der Oberstlieutenant, der ganz oben am Tische sass, seiner Gattin
einen Blick zu, schlug ans Glas und sagte:
»Meine Herrschaften, ich schlage vor, dass wir unseren Kaffee in den
anderen Zimmern trinken; übrigens muss es heute Abend auch im Garten
nicht übel sein, und wenn jemand dort ein wenig Luft schöpfen will, so
halte ich es mit ihm.«
In die eingetretene Stille hinein machte Lieutenant von Deidesheim aus
Taktgefühl einen Witz, so dass alles sich unter fröhlichem Gelächter
erhob. Herr Friedemann verliess als einer der letzten mit seiner Dame
den Saal, geleitete sie durch das altdeutsche Zimmer, wo man bereits zu
rauchen begann, in das halbdunkle und behagliche Wohngemach und
verabschiedete sich von ihr.
Er war mit Sorgfalt gekleidet; sein Frack war ohne Tadel, sein Hemd
blendend weiss, und seine schmalen und schön geformten Füsse steckten in
Lackschuhen. Dann und wann konnte man sehen, dass er rotseidene Strümpfe
trug.
Er blickte auf den Korridor hinaus und sah, dass grössere Gruppen sich
bereits die Treppe hinunter in den Garten begaben. Aber er setzte sich
mit seiner Cigarre und seinem Kaffee an die Thür des altdeutschen
Zimmers, in dem einige Herren plaudernd beisammen standen, und blickte
in das Wohngemach hinein.
Gleich rechts von der Thür sass um einen kleinen Tisch ein Kreis, dessen
Mittelpunkt von dem Studenten gebildet ward, der mit Eifer sprach. Er
hatte die Behauptung aufgestellt, dass man durch einen Punkt mehr als
eine Parallele zu einer Geraden ziehen könne, Frau Rechtsanwalt
Hagenström hatte gerufen: »Dies ist unmöglich!« und nun bewies er es so
schlagend, dass alle thaten, als hätten sie es verstanden.
Im Hintergrunde des Zimmers aber, auf der Ottomane, neben der die
niedrige, rotverhüllte Lampe stand, sass im Gespräch mit dem jungen
Fräulein Stephens Gerda von Rinnlingen. Sie sass ein wenig in das
gelbseidene Kissen zurückgelehnt, einen Fuss über den anderen gestellt,
und rauchte langsam eine Cigarette, wobei sie den Rauch durch die Nase
ausatmete und die Unterlippe vorschob. Fräulein Stephens sass aufrecht
und wie aus Holz geschnitzt vor ihr und antwortete ängstlich lächelnd.
Niemand beachtete den kleinen Herrn Friedemann, und niemand bemerkte,
dass seine grossen Augen ohne Unterlass auf Frau von Rinnlingen
gerichtet waren. In einer schlaffen Haltung sass er und sah sie an. Es
war nichts Leidenschaftliches in seinem Blick und kaum ein Schmerz;
etwas Stumpfes und Totes lag darin, eine dumpfe, kraft- und willenlose
Hingabe.
Zehn Minuten etwa vergingen so; da erhob Frau von Rinnlingen sich
plötzlich, und ohne ihn anzublicken, als ob sie ihn während der ganzen
Zeit heimlich beobachtet hatte, schritt sie auf ihn zu und blieb vor ihm
stehen. Er stand auf, sah zu ihr in die Höhe und vernahm die Worte:
»Haben Sie Lust, mich in den Garten zu begleiten, Herr Friedemann?«
Er antwortete:
»Mit Vergnügen, gnädige Frau.«