XIII.

Er ging fort, er ging nicht zur Stadt zurück, sondern schlug, ohne es zu

wollen, einen Weg ein, der von der Allee abzweigte und zu dem ehemaligen

Festungswall am Flusse führte. Es gab dort wohlgepflegte Anlagen,

schattige Wege und Bänke.

Er ging schnell und besinnungslos, ohne aufzublicken. Es war ihm

unerträglich heiss, und er fühlte, wie die Flammen in ihm auf und nieder

schlugen, und wie es in seinem müden Kopfe unerbittlich pochte ...

Lag noch immer nicht ihr Blick auf ihm? Aber nicht wie zuletzt, leer und

ohne Ausdruck, sondern wie vorher, mit dieser zitternden Grausamkeit,

nachdem sie eben noch in jener seltsam stillen Art zu ihm gesprochen

hatte? Ach, ergötzte es sie, ihn hilflos zu machen und ausser sich zu

bringen? Konnte sie, wenn sie ihn durchschaute, nicht ein wenig Mitleid

mit ihm haben?...

Er war unten am Flusse entlang gegangen, neben dem grün bewachsenen

Walle hin, und er setzte sich auf eine Bank, die von Jasmingebüsch im

Halbkreis umgeben war. Rings war alles voll süssen, schwülen Duftes. Vor

ihm brütete die Sonne auf dem zitternden Wasser.

Wie müde und abgehetzt er sich fühlte, und wie doch alles in ihm in

qualvollem Aufruhr war! War es nicht das beste, noch einmal um sich zu

blicken und dann hinunter in das stille Wasser zu gehen, um nach einem

kurzen Leiden befreit und hinübergerettet zu sein in die Ruhe? Ach,

Ruhe, Ruhe war es ja, was er wollte! Aber nicht die Ruhe im leeren und

tauben Nichts, sondern ein sanftbesonnter Friede, erfüllt von guten,

stillen Gedanken.

Seine ganze zärtliche Liebe zum Leben durchzitterte ihn in diesem

Augenblick und die tiefe Sehnsucht nach seinem verlorenen Glück. Aber

dann blickte er um sich in die schweigende, unendlich gleichgültige Ruhe

der Natur, sah, wie der Fluss in der Sonne seines Weges zog, wie das

Gras sich zitternd bewegte und die Blumen dastanden, wo sie erblüht

waren, um dann zu welken und zu verwehen, sah, wie alles, alles mit

dieser stummen Ergebenheit dem Dasein sich beugte, -- und es überkam ihn

auf einmal die Empfindung von Freundschaft und Einverständnis mit der

Notwendigkeit, die eine Art von Überlegenheit über alles Schicksal zu

geben vermag.

Er dachte an jenen Nachmittag seines dreissigsten Geburtstages, als er,

glücklich im Besitze des Friedens, ohne Furcht und Hoffnung über den

Rest seines Lebens hinzublicken geglaubt hatte. Kein Licht und keinen

Schatten hatte er da gesehen, sondern in mildem Dämmerschein hatte alles

vor ihm gelegen, bis es dort hinten, unmerklich fast, im Dunkel

verschwamm, und mit einem ruhigen und überlegenen Lächeln hatte er den

Jahren entgegen gesehen, die noch zu kommen hatten -- wie lange war das

her?

Da war diese Frau gekommen, sie musste kommen, es war sein Schicksal,

sie selbst war sein Schicksal, sie allein! Hatte er das nicht gefühlt

vom ersten Augenblicke an? Sie war gekommen, und ob er auch versucht

hatte, seinen Frieden zu verteidigen, -- für sie musste sich alles in

ihm empören, was er von Jugend auf in sich unterdrückt hatte, weil er

fühlte, dass es für ihn Qual und Untergang bedeutete; es hatte ihn mit

furchtbarer, unwiderstehlicher Gewalt ergriffen und richtete ihn zu

Grunde!

Es richtete ihn zu Grunde, das fühlte er. Aber wozu noch kämpfen und

sich quälen? Mochte alles seinen Lauf nehmen! Mochte er seinen Weg

weitergehen und die Augen schliessen vor dem gähnenden Abgrund dort

hinten, gehorsam dem Schicksal, gehorsam der überstarken, peinigend

süssen Macht, der man nicht zu entgehen vermag.

Das Wasser glitzerte, der Jasmin atmete seinen scharfen, schwülen Duft,

die Vögel zwitscherten rings umher in den Bäumen, zwischen denen ein

schwerer, sammetblauer Himmel leuchtete. Der kleine bucklige Herr

Friedemann aber sass noch lange auf seiner Bank. Er sass vornüber

gebeugt, die Stirn in beide Hände gestützt.

Der kleine Herr Friedemann: Novellen · 第 25 / 47 题