Er ging fort, er ging nicht zur Stadt zurück, sondern schlug, ohne es zu
wollen, einen Weg ein, der von der Allee abzweigte und zu dem ehemaligen
Festungswall am Flusse führte. Es gab dort wohlgepflegte Anlagen,
schattige Wege und Bänke.
Er ging schnell und besinnungslos, ohne aufzublicken. Es war ihm
unerträglich heiss, und er fühlte, wie die Flammen in ihm auf und nieder
schlugen, und wie es in seinem müden Kopfe unerbittlich pochte ...
Lag noch immer nicht ihr Blick auf ihm? Aber nicht wie zuletzt, leer und
ohne Ausdruck, sondern wie vorher, mit dieser zitternden Grausamkeit,
nachdem sie eben noch in jener seltsam stillen Art zu ihm gesprochen
hatte? Ach, ergötzte es sie, ihn hilflos zu machen und ausser sich zu
bringen? Konnte sie, wenn sie ihn durchschaute, nicht ein wenig Mitleid
mit ihm haben?...
Er war unten am Flusse entlang gegangen, neben dem grün bewachsenen
Walle hin, und er setzte sich auf eine Bank, die von Jasmingebüsch im
Halbkreis umgeben war. Rings war alles voll süssen, schwülen Duftes. Vor
ihm brütete die Sonne auf dem zitternden Wasser.
Wie müde und abgehetzt er sich fühlte, und wie doch alles in ihm in
qualvollem Aufruhr war! War es nicht das beste, noch einmal um sich zu
blicken und dann hinunter in das stille Wasser zu gehen, um nach einem
kurzen Leiden befreit und hinübergerettet zu sein in die Ruhe? Ach,
Ruhe, Ruhe war es ja, was er wollte! Aber nicht die Ruhe im leeren und
tauben Nichts, sondern ein sanftbesonnter Friede, erfüllt von guten,
stillen Gedanken.
Seine ganze zärtliche Liebe zum Leben durchzitterte ihn in diesem
Augenblick und die tiefe Sehnsucht nach seinem verlorenen Glück. Aber
dann blickte er um sich in die schweigende, unendlich gleichgültige Ruhe
der Natur, sah, wie der Fluss in der Sonne seines Weges zog, wie das
Gras sich zitternd bewegte und die Blumen dastanden, wo sie erblüht
waren, um dann zu welken und zu verwehen, sah, wie alles, alles mit
dieser stummen Ergebenheit dem Dasein sich beugte, -- und es überkam ihn
auf einmal die Empfindung von Freundschaft und Einverständnis mit der
Notwendigkeit, die eine Art von Überlegenheit über alles Schicksal zu
geben vermag.
Er dachte an jenen Nachmittag seines dreissigsten Geburtstages, als er,
glücklich im Besitze des Friedens, ohne Furcht und Hoffnung über den
Rest seines Lebens hinzublicken geglaubt hatte. Kein Licht und keinen
Schatten hatte er da gesehen, sondern in mildem Dämmerschein hatte alles
vor ihm gelegen, bis es dort hinten, unmerklich fast, im Dunkel
verschwamm, und mit einem ruhigen und überlegenen Lächeln hatte er den
Jahren entgegen gesehen, die noch zu kommen hatten -- wie lange war das
her?
Da war diese Frau gekommen, sie musste kommen, es war sein Schicksal,
sie selbst war sein Schicksal, sie allein! Hatte er das nicht gefühlt
vom ersten Augenblicke an? Sie war gekommen, und ob er auch versucht
hatte, seinen Frieden zu verteidigen, -- für sie musste sich alles in
ihm empören, was er von Jugend auf in sich unterdrückt hatte, weil er
fühlte, dass es für ihn Qual und Untergang bedeutete; es hatte ihn mit
furchtbarer, unwiderstehlicher Gewalt ergriffen und richtete ihn zu
Grunde!
Es richtete ihn zu Grunde, das fühlte er. Aber wozu noch kämpfen und
sich quälen? Mochte alles seinen Lauf nehmen! Mochte er seinen Weg
weitergehen und die Augen schliessen vor dem gähnenden Abgrund dort
hinten, gehorsam dem Schicksal, gehorsam der überstarken, peinigend
süssen Macht, der man nicht zu entgehen vermag.
Das Wasser glitzerte, der Jasmin atmete seinen scharfen, schwülen Duft,
die Vögel zwitscherten rings umher in den Bäumen, zwischen denen ein
schwerer, sammetblauer Himmel leuchtete. Der kleine bucklige Herr
Friedemann aber sass noch lange auf seiner Bank. Er sass vornüber
gebeugt, die Stirn in beide Hände gestützt.