XII.

Hier befiel ihn ein Zittern, und das Herz pochte ihm krampfhaft und

schwer gegen die Brust. Aber er ging über den Flur und klingelte

drinnen. Nun war es entschieden, und es gab kein Zurück. Mochte alles

seinen Gang gehen, dachte er. In ihm war es plötzlich totenstill.

Die Thür sprang auf, der Diener kam ihm über den Vorplatz entgegen, nahm

die Karte in Empfang und eilte damit die Treppe hinauf, auf der ein

roter Läufer lag. Auf diesen starrte Herr Friedemann unbeweglich, bis

der Diener zurückkam und erklärte, die gnädige Frau lasse bitten, sich

hinauf zu verfügen.

Oben neben der Salonthür, wo er seinen Stock abstellte, warf er einen

Blick in den Spiegel. Sein Gesicht war bleich, und über den geröteten

Augen klebte das Haar an der Stirn; die Hand, in der er den Cylinder

hielt, zitterte unaufhaltsam.

Der Diener öffnete, und er trat ein. Er sah sich in einem ziemlich

grossen, halbdunklen Gemach; die Fenster waren verhängt. Rechts stand

ein Flügel, und in der Mitte um den runden Tisch gruppierten sich

Lehnsessel in brauner Seide. Über dem Sofa an der linken Seitenwand hing

eine Landschaft in schwerem Goldrahmen. Auch die Tapete war dunkel.

Hinten im Erker standen Palmen.

Eine Minute verging, bis Frau von Rinnlingen rechts die Portiere

auseinanderschlug und ihm auf dem dicken braunen Teppich lautlos

entgegenkam. Sie trug ein ganz einfach gearbeitetes, rot und schwarz

gewürfeltes Kleid. Vom Erker her fiel eine Lichtsäule, in welcher der

Staub tanzte, gerade auf ihr schweres, rotes Haar, so dass es einen

Augenblick goldig aufleuchtete. Sie hielt ihre seltsamen Augen forschend

auf ihn gerichtet und schob wie gewöhnlich die Unterlippe vor.

»Gnädige Frau,« begann Herr Friedemann und blickte zu ihr in die Höhe,

denn er reichte ihr nur bis zur Brust, »ich möchte Ihnen auch

meinerseits meine Aufwartung machen. Ich war, als Sie meine Schwestern

beehrten, leider abwesend und ... bedauerte das aufrichtig ...«

Er wusste durchaus nicht mehr zu sagen, aber sie stand und sah ihn

unerbittlich an, als wollte sie ihn zwingen, weiter zu sprechen. Alles

Blut stieg ihm plötzlich zu Kopfe. Sie will mich quälen und verhöhnen!

dachte er, und sie durchschaut mich! Wie ihre Augen zittern!... Endlich

sagte sie mit einer ganz hellen und ganz klaren Stimme:

»Es ist liebenswürdig, dass Sie gekommen sind. Ich habe neulich

ebenfalls bedauert, Sie zu verfehlen. Haben Sie die Güte, Platz zu

nehmen?«

Sie setzte sich nahe bei ihm, legte die Arme auf die Seitenlehnen des

Sessels und lehnte sich zurück. Er sass vorgebeugt und hielt den Hut

zwischen den Knieen. Sie sagte:

»Wissen Sie, dass noch vor einer Viertelstunde Ihre Fräulein Schwestern

hier waren? Sie sagten mir, Sie seien krank?«

»Das ist wahr,« erwiderte Herr Friedemann, »ich fühlte mich nicht wohl

heute Morgen. Ich glaubte nicht ausgehen zu können. Ich bitte wegen

meiner Verspätung um Entschuldigung.«

»Sie sehen auch jetzt noch nicht gesund aus,« sagte sie ganz ruhig und

blickte ihn unverwandt an. »Sie sind bleich, und Ihre Augen sind

entzündet. Ihre Gesundheit lässt überhaupt zu wünschen übrig?«

»Oh ...« stammelte Herr Friedemann, »ich bin im allgemeinen

zufrieden ...«

»Auch ich bin viel krank,« fuhr sie fort, ohne die Augen von ihm

abzuwenden; »aber niemand merkt es. Ich bin nervös und kenne die

merkwürdigsten Zustände.«

Sie schwieg, legte das Kinn auf die Brust und sah ihn von unten herauf

wartend an. Aber er antwortete nicht. Er sass still und hielt seine

Augen gross und sinnend auf sie gerichtet. Wie seltsam sie sprach, und

wie ihre helle, haltlose Stimme ihn berührte! Sein Herz hatte sich

beruhigt; ihm war, als träumte er. -- Frau von Rinnlingen begann aufs

neue:

»Ich müsste mich irren, wenn Sie nicht gestern das Theater vor Schluss

der Vorstellung verliessen?«

»Ja, gnädige Frau.«

»Ich bedauerte das. Sie waren ein andächtiger Nachbar, obgleich die

Aufführung nicht gut war, oder nur relativ gut. Sie lieben die Musik?

Spielen Sie Klavier?«

»Ich spiele ein wenig Violine,« sagte Herr Friedemann. »Das heisst -- es

ist beinahe nichts ...«

»Sie spielen Violine?« fragte sie; dann sah sie an ihm vorbei in die

Luft und dachte nach.

»Aber dann könnten wir hin und wieder miteinander musizieren,« sagte sie

plötzlich. »Ich kann etwas begleiten. Es würde mich freuen, hier

jemanden gefunden zu haben ... Werden Sie kommen?«

»Ich stehe der gnädigen Frau mit Vergnügen zur Verfügung,« sagte er,

immer wie im Traum. Es entstand eine Pause. Da änderte sich plötzlich

der Ausdruck ihres Gesichtes. Er sah, wie es sich in einem kaum

merklichen grausamen Spott verzerrte, wie ihre Augen sich wieder mit

jenem unheimlichen Zittern fest und forschend auf ihn richteten, wie

schon zweimal vorher. Sein Gesicht ward glühend rot, und ohne zu wissen,

wohin er sich wenden sollte, völlig ratlos und ausser sich, liess er

seinen Kopf ganz zwischen die Schultern sinken und blickte fassungslos

auf den Teppich nieder. Wie ein kurzer Schauer aber durchrieselte ihn

wieder jene ohnmächtige, süsslich peinigende Wut ...

Als er mit einem verzweifelten Entschluss den Blick wieder erhob, sah

sie ihn nicht mehr an, sondern blickte ruhig über seinen Kopf hinweg auf

die Thür. Er brachte mühsam ein paar Worte hervor:

»Und sind gnädige Frau bis jetzt leidlich zufrieden mit Ihrem Aufenthalt

in unserer Stadt?«

»Oh,« sagte Frau von Rinnlingen gleichgültig, »gewiss. Warum sollte ich

nicht zufrieden sein? Freilich ein wenig beengt und beobachtet komme ich

mir vor, aber ... Übrigens,« fuhr sie gleich darauf fort, »ehe ich es

vergesse: Wir denken in den nächsten Tagen einige Leute bei uns zu

sehen, eine kleine, zwanglose Gesellschaft. Man könnte ein wenig Musik

machen, ein wenig plaudern ... Überdies haben wir hinterm Hause einen

recht hübschen Garten; er geht bis zum Flusse hinunter. Kurz und gut:

Sie und Ihre Damen werden selbstverständlich noch eine Einladung

erhalten, aber ich bitte Sie gleich hiermit um Ihre Teilnahme; werden

Sie uns das Vergnügen machen?«

Herr Friedemann hatte kaum seinen Dank und seine Zusage hervorgebracht,

als der Thürgriff energisch niedergedrückt wurde und der

Oberstlieutenant eintrat. Beide erhoben sich, und während Frau von

Rinnlingen die Herren einander vorstellte, verbeugte sich ihr Gatte mit

der gleichen Höflichkeit vor Herrn Friedemann wie vor ihr. Sein braunes

Gesicht war ganz blank vor Wärme.

Während er sich die Handschuhe auszog, sprach er mit seiner kräftigen

und scharfen Stimme irgend etwas zu Herrn Friedemann, der mit grossen,

gedankenlosen Augen zu ihm in die Höhe blickte und immer erwartete,

wohlwollend von ihm auf die Schulter geklopft zu werden. Indessen wandte

sich der Oberstlieutenant mit zusammengezogenen Absätzen und leicht

vorgebeugtem Oberkörper an seine Gattin und sagte mit merklich

gedämpfter Stimme:

»Hast Du Herrn Friedemann um seine Gegenwart bei unserer kleinen

Zusammenkunft gebeten, meine Liebe? Wenn es Dir angenehm ist, so denke

ich, dass wir sie in acht Tagen veranstalten. Ich hoffe, dass das Wetter

sich halten wird, und dass wir uns auch im Garten aufhalten können.«

»Wie Du meinst,« antwortete Frau von Rinnlingen und blickte an ihm

vorbei.

Zwei Minuten später empfahl sich Herr Friedemann. Als er sich an der

Thür noch einmal verbeugte, begegnete er ihren Augen, die ohne Ausdruck

auf ihm ruhten.

Der kleine Herr Friedemann: Novellen · 第 24 / 47 题