XI.

Oft war er dicht am Erwachen, aber er fürchtete sich davor und versank

jedesmal aufs neue in Bewusstlosigkeit. Als es aber völlig hell geworden

war, schlug er die Augen auf und sah mit einem grossen, schmerzlichen

Blick um sich. Alles stand ihm klar vor der Seele; es war, als sei sein

Leiden durch den Schlaf gar nicht unterbrochen worden.

Sein Kopf war dumpf und die Augen brannten ihm; als er sich aber

gewaschen und die Stirn mit Eau de Cologne benetzt hatte, fühlte er sich

wohler und setzte sich still wieder an seinen Platz am Fenster, das

offen geblieben war. Es war noch ganz früh am Tage, etwa um 5 Uhr. Dann

und wann ging ein Bäckerjunge vorüber, sonst war niemand zu sehen.

Gegenüber waren noch alle Rouleaux geschlossen. Aber die Vögel

zwitscherten und der Himmel war leuchtend blau. Es war ein wunderschöner

Sonntagmorgen.

Ein Gefühl von Behaglichkeit und Vertrauen überkam den kleinen Herrn

Friedemann. Wovor ängstigte er sich? War nicht alles wie sonst?

Zugegeben, dass es gestern ein schlimmer Anfall gewesen war; nun, aber

damit sollte es ein Ende haben! Noch war es nicht zu spät, noch konnte

er dem Verderben entrinnen! Jeder Veranlassung musste er ausweichen, die

den Anfall erneuern könnte; er fühlte die Kraft dazu. Er fühlte die

Kraft, es zu überwinden und es gänzlich in sich zu ersticken....

Als es halb acht Uhr schlug, trat Friederike ein und stellte den Kaffee

auf den runden Tisch, der vor dem Ledersofa an der Rückwand stand.

»Guten Morgen, Johannes,« sagte sie, »hier ist Dein Frühstück.«

»Danke,« sagte Herr Friedemann. Und dann: »Liebe Friederike, es thut mir

leid, dass Ihr den Besuch werdet allein machen müssen. Ich fühle mich

nicht wohl genug, um Euch begleiten zu können. Ich habe schlecht

geschlafen, habe Kopfschmerzen, und kurz und gut, ich muss Euch

bitten ...«

Friederike antwortete:

»Das ist schade. Du darfst den Besuch keinesfalls ganz unterlassen. Aber

es ist wahr, dass Du krank aussiehst. Soll ich Dir meinen Migränestift

leihen?«

»Danke,« sagte Herr Friedemann. »Es wird vorübergehen.« Und Friederike

ging.

Er trank, am Tische stehend, langsam seinen Kaffee und ass ein Hörnchen

dazu. Er war zufrieden mit sich und stolz auf seine Entschlossenheit.

Als er fertig war, nahm er eine Cigarre und setzte sich wieder ans

Fenster. Das Frühstück hatte ihm wohl gethan, und er fühlte sich

glücklich und hoffnungsvoll. Er nahm ein Buch, las, rauchte und blickte

blinzelnd hinaus in die Sonne.

Es war jetzt lebendig geworden auf der Strasse; Wagengerassel, Gespräch

und das Klingeln der Pferdebahn tönten zu ihm herein; zwischen allem

aber war das Zwitschern der Vögel zu vernehmen, und vom strahlend blauen

Himmel wehte eine weiche, warme Luft.

Um zehn Uhr hörte er die Schwestern über die Diele kommen, hörte die

Hausthür knarren und sah die drei Damen dann am Fenster vorübergehen,

ohne dass er besonders darauf achtete. Eine Stunde verging; er fühlte

sich glücklicher und glücklicher.

Eine Art von Übermut begann ihn zu erfüllen. Was für eine Luft das war,

und wie die Vögel zwitscherten! Wie wäre es, wenn er ein wenig spazieren

ginge? -- Und da, plötzlich, ohne einen Nebengedanken, stieg mit einem

süssen Schrecken der Gedanke in ihm auf: Wenn ich zu ihr ginge? -- Und

indem er, förmlich mit einer Muskelanstrengung, alles in sich

unterdrückte, was angstvoll warnte, fügte er mit einer glückseligen

Entschlossenheit hinzu: Ich will zu ihr gehen!

Und er zog seinen schwarzen Sonntagsanzug an, nahm Cylinder und Stock

und ging schnell und hastig atmend durch die ganze Stadt in die südliche

Vorstadt. Ohne einen Menschen zu sehen, hob und senkte er bei jedem

Schritte in eifriger Weise den Kopf, ganz in einem abwesenden,

exaltierten Zustand befangen, bis er draussen in der Kastanienallee vor

der roten Villa stand, an deren Eingang der Name »Oberstlieutenant von

Rinnlingen« zu lesen war.

Der kleine Herr Friedemann: Novellen · 第 23 / 47 题