Oft war er dicht am Erwachen, aber er fürchtete sich davor und versank
jedesmal aufs neue in Bewusstlosigkeit. Als es aber völlig hell geworden
war, schlug er die Augen auf und sah mit einem grossen, schmerzlichen
Blick um sich. Alles stand ihm klar vor der Seele; es war, als sei sein
Leiden durch den Schlaf gar nicht unterbrochen worden.
Sein Kopf war dumpf und die Augen brannten ihm; als er sich aber
gewaschen und die Stirn mit Eau de Cologne benetzt hatte, fühlte er sich
wohler und setzte sich still wieder an seinen Platz am Fenster, das
offen geblieben war. Es war noch ganz früh am Tage, etwa um 5 Uhr. Dann
und wann ging ein Bäckerjunge vorüber, sonst war niemand zu sehen.
Gegenüber waren noch alle Rouleaux geschlossen. Aber die Vögel
zwitscherten und der Himmel war leuchtend blau. Es war ein wunderschöner
Sonntagmorgen.
Ein Gefühl von Behaglichkeit und Vertrauen überkam den kleinen Herrn
Friedemann. Wovor ängstigte er sich? War nicht alles wie sonst?
Zugegeben, dass es gestern ein schlimmer Anfall gewesen war; nun, aber
damit sollte es ein Ende haben! Noch war es nicht zu spät, noch konnte
er dem Verderben entrinnen! Jeder Veranlassung musste er ausweichen, die
den Anfall erneuern könnte; er fühlte die Kraft dazu. Er fühlte die
Kraft, es zu überwinden und es gänzlich in sich zu ersticken....
Als es halb acht Uhr schlug, trat Friederike ein und stellte den Kaffee
auf den runden Tisch, der vor dem Ledersofa an der Rückwand stand.
»Guten Morgen, Johannes,« sagte sie, »hier ist Dein Frühstück.«
»Danke,« sagte Herr Friedemann. Und dann: »Liebe Friederike, es thut mir
leid, dass Ihr den Besuch werdet allein machen müssen. Ich fühle mich
nicht wohl genug, um Euch begleiten zu können. Ich habe schlecht
geschlafen, habe Kopfschmerzen, und kurz und gut, ich muss Euch
bitten ...«
Friederike antwortete:
»Das ist schade. Du darfst den Besuch keinesfalls ganz unterlassen. Aber
es ist wahr, dass Du krank aussiehst. Soll ich Dir meinen Migränestift
leihen?«
»Danke,« sagte Herr Friedemann. »Es wird vorübergehen.« Und Friederike
ging.
Er trank, am Tische stehend, langsam seinen Kaffee und ass ein Hörnchen
dazu. Er war zufrieden mit sich und stolz auf seine Entschlossenheit.
Als er fertig war, nahm er eine Cigarre und setzte sich wieder ans
Fenster. Das Frühstück hatte ihm wohl gethan, und er fühlte sich
glücklich und hoffnungsvoll. Er nahm ein Buch, las, rauchte und blickte
blinzelnd hinaus in die Sonne.
Es war jetzt lebendig geworden auf der Strasse; Wagengerassel, Gespräch
und das Klingeln der Pferdebahn tönten zu ihm herein; zwischen allem
aber war das Zwitschern der Vögel zu vernehmen, und vom strahlend blauen
Himmel wehte eine weiche, warme Luft.
Um zehn Uhr hörte er die Schwestern über die Diele kommen, hörte die
Hausthür knarren und sah die drei Damen dann am Fenster vorübergehen,
ohne dass er besonders darauf achtete. Eine Stunde verging; er fühlte
sich glücklicher und glücklicher.
Eine Art von Übermut begann ihn zu erfüllen. Was für eine Luft das war,
und wie die Vögel zwitscherten! Wie wäre es, wenn er ein wenig spazieren
ginge? -- Und da, plötzlich, ohne einen Nebengedanken, stieg mit einem
süssen Schrecken der Gedanke in ihm auf: Wenn ich zu ihr ginge? -- Und
indem er, förmlich mit einer Muskelanstrengung, alles in sich
unterdrückte, was angstvoll warnte, fügte er mit einer glückseligen
Entschlossenheit hinzu: Ich will zu ihr gehen!
Und er zog seinen schwarzen Sonntagsanzug an, nahm Cylinder und Stock
und ging schnell und hastig atmend durch die ganze Stadt in die südliche
Vorstadt. Ohne einen Menschen zu sehen, hob und senkte er bei jedem
Schritte in eifriger Weise den Kopf, ganz in einem abwesenden,
exaltierten Zustand befangen, bis er draussen in der Kastanienallee vor
der roten Villa stand, an deren Eingang der Name »Oberstlieutenant von
Rinnlingen« zu lesen war.