X.

Er ging, gefolgt von den Klängen der Musik, über den Korridor, liess

sich an der Garderobe seinen Cylinder, seinen hellen Überzieher und

seinen Stock geben und schritt die Treppe hinab auf die Strasse.

Es war ein warmer, stiller Abend. Im Lichte der Gaslaternen standen die

grauen Giebelhäuser schweigend gegen den Himmel, an dem die Sterne hell

und milde glänzten. Die Schritte der wenigen Menschen, die Herrn

Friedemann begegneten, hallten auf dem Trottoir. Jemand grüsste ihn,

aber er sah es nicht; er hielt den Kopf tief gesenkt, und seine hohe,

spitze Brust zitterte, so schwer atmete er. Dann und wann sagte er leise

vor sich hin:

»Mein Gott! Mein Gott!«

Er sah mit einem entsetzten und angstvollen Blick in sich hinein, wie

sein Empfinden, das er so sanft gepflegt, so milde und klug stets

behandelt hatte, nun emporgerissen war, aufgewirbelt, zerwühlt ... Und

plötzlich, ganz überwältigt, in einem Zustand von Schwindel,

Trunkenheit, Sehnsucht und Qual, lehnte er sich gegen einen

Laternenpfahl und flüsterte bebend:

»Gerda!« --

Alles blieb still. Weit und breit war in diesem Augenblick kein Mensch

zu sehen. Der kleine Herr Friedemann raffte sich auf und schritt weiter.

Er war die Strasse hinaufgegangen, in der das Theater lag und die

ziemlich steil zum Flusse hinunterlief, und verfolgte nun die

Hauptstrasse nach Norden, seiner Wohnung zu ...

Wie sie ihn angesehen hatte! Wie? Sie hatte ihn gezwungen, die Augen

niederzuschlagen? Sie hatte ihn mit ihrem Blick gedemütigt? War sie

nicht eine Frau und er ein Mann? Und hatten ihre seltsamen braunen Augen

nicht förmlich dabei vor Freude gezittert?

Er fühlte wieder diesen ohnmächtigen, wollüstigen Hass in sich

aufsteigen, aber dann dachte er an jenen Augenblick, wo ihr Kopf den

seinen berührt, wo er den Duft ihres Körpers eingeatmet hatte, und er

blieb zum zweiten Male stehen, beugte den verwachsenen Oberkörper

zurück, zog die Luft durch die Zähne ein und murmelte dann abermals

völlig ratlos, verzweifelt, ausser sich:

»Mein Gott! Mein Gott!«

Und wieder schritt er mechanisch weiter, langsam, durch die schwüle

Abendluft, durch die menschenleeren, hallenden Strassen, bis er vor

seiner Wohnung stand. Auf der Diele verweilte er einen Augenblick und

sog den kühlen, kellerigen Geruch ein, der dort herrschte; dann trat er

in sein »Bureau«.

Er setzte sich an den Schreibtisch am offenen Fenster und starrte

geradeaus auf eine grosse, gelbe Rose, die jemand ihm dort ins

Wasserglas gestellt hatte. Er nahm sie und atmete mit geschlossenen

Augen ihren Duft; aber dann schob er sie mit einer müden und traurigen

Geberde beiseite. Nein, nein, das war zu Ende! Was war ihm noch solcher

Duft? Was war ihm noch alles, was bis jetzt sein »Glück« ausgemacht

hatte?...

Er wandte sich zur Seite und blickte auf die stille Strasse hinaus. Dann

und wann klangen Schritte auf und hallten vorüber. Die Sterne standen

und glitzerten. Wie todmüde und schwach er wurde! Sein Kopf war so leer,

und seine Verzweiflung begann, in eine grosse, sanfte Wehmut sich

aufzulösen. Ein paar Gedichtzeilen flatterten ihm durch den Sinn, die

Lohengrin-Musik klang ihm wieder in den Ohren, er sah noch einmal Frau

von Rinnlingens Gestalt vor sich, ihren weissen Arm auf dem roten

Sammet, und dann verfiel er in einen schweren, fieberdumpfen Schlaf.

Der kleine Herr Friedemann: Novellen · 第 22 / 47 题