Er ging, gefolgt von den Klängen der Musik, über den Korridor, liess
sich an der Garderobe seinen Cylinder, seinen hellen Überzieher und
seinen Stock geben und schritt die Treppe hinab auf die Strasse.
Es war ein warmer, stiller Abend. Im Lichte der Gaslaternen standen die
grauen Giebelhäuser schweigend gegen den Himmel, an dem die Sterne hell
und milde glänzten. Die Schritte der wenigen Menschen, die Herrn
Friedemann begegneten, hallten auf dem Trottoir. Jemand grüsste ihn,
aber er sah es nicht; er hielt den Kopf tief gesenkt, und seine hohe,
spitze Brust zitterte, so schwer atmete er. Dann und wann sagte er leise
vor sich hin:
»Mein Gott! Mein Gott!«
Er sah mit einem entsetzten und angstvollen Blick in sich hinein, wie
sein Empfinden, das er so sanft gepflegt, so milde und klug stets
behandelt hatte, nun emporgerissen war, aufgewirbelt, zerwühlt ... Und
plötzlich, ganz überwältigt, in einem Zustand von Schwindel,
Trunkenheit, Sehnsucht und Qual, lehnte er sich gegen einen
Laternenpfahl und flüsterte bebend:
»Gerda!« --
Alles blieb still. Weit und breit war in diesem Augenblick kein Mensch
zu sehen. Der kleine Herr Friedemann raffte sich auf und schritt weiter.
Er war die Strasse hinaufgegangen, in der das Theater lag und die
ziemlich steil zum Flusse hinunterlief, und verfolgte nun die
Hauptstrasse nach Norden, seiner Wohnung zu ...
Wie sie ihn angesehen hatte! Wie? Sie hatte ihn gezwungen, die Augen
niederzuschlagen? Sie hatte ihn mit ihrem Blick gedemütigt? War sie
nicht eine Frau und er ein Mann? Und hatten ihre seltsamen braunen Augen
nicht förmlich dabei vor Freude gezittert?
Er fühlte wieder diesen ohnmächtigen, wollüstigen Hass in sich
aufsteigen, aber dann dachte er an jenen Augenblick, wo ihr Kopf den
seinen berührt, wo er den Duft ihres Körpers eingeatmet hatte, und er
blieb zum zweiten Male stehen, beugte den verwachsenen Oberkörper
zurück, zog die Luft durch die Zähne ein und murmelte dann abermals
völlig ratlos, verzweifelt, ausser sich:
»Mein Gott! Mein Gott!«
Und wieder schritt er mechanisch weiter, langsam, durch die schwüle
Abendluft, durch die menschenleeren, hallenden Strassen, bis er vor
seiner Wohnung stand. Auf der Diele verweilte er einen Augenblick und
sog den kühlen, kellerigen Geruch ein, der dort herrschte; dann trat er
in sein »Bureau«.
Er setzte sich an den Schreibtisch am offenen Fenster und starrte
geradeaus auf eine grosse, gelbe Rose, die jemand ihm dort ins
Wasserglas gestellt hatte. Er nahm sie und atmete mit geschlossenen
Augen ihren Duft; aber dann schob er sie mit einer müden und traurigen
Geberde beiseite. Nein, nein, das war zu Ende! Was war ihm noch solcher
Duft? Was war ihm noch alles, was bis jetzt sein »Glück« ausgemacht
hatte?...
Er wandte sich zur Seite und blickte auf die stille Strasse hinaus. Dann
und wann klangen Schritte auf und hallten vorüber. Die Sterne standen
und glitzerten. Wie todmüde und schwach er wurde! Sein Kopf war so leer,
und seine Verzweiflung begann, in eine grosse, sanfte Wehmut sich
aufzulösen. Ein paar Gedichtzeilen flatterten ihm durch den Sinn, die
Lohengrin-Musik klang ihm wieder in den Ohren, er sah noch einmal Frau
von Rinnlingens Gestalt vor sich, ihren weissen Arm auf dem roten
Sammet, und dann verfiel er in einen schweren, fieberdumpfen Schlaf.