Am folgenden Abend gab man im Stadttheater den »Lohengrin«, und alle
gebildeten Leute waren anwesend. Der kleine Raum war besetzt von oben
bis unten und erfüllt von summendem Geräusch, Gasgeruch und Parfums.
Alle Augengläser aber, im Parquet wie auf den Rängen, richteten sich auf
Loge 13, gleich rechts neben der Bühne, denn dort waren heute zum ersten
Male Herr von Rinnlingen nebst Frau erschienen, und man hatte
Gelegenheit, das Paar einmal gründlich zu mustern.
Als der kleine Herr Friedemann in tadellosem schwarzen Anzug mit
glänzend weissem, spitz hervorstehendem Hemdeinsatz seine Loge -- Loge
13 -- betrat, zuckte er in der Thür zurück, wobei er eine Bewegung mit
der Hand nach der Stirn machte und seine Nasenflügel sich einen
Augenblick krampfhaft öffneten. Dann aber liess er sich auf seinem
Sessel nieder, dem Platze links von Frau Rinnlingen.
Sie blickte ihn, während er sich setzte, eine Weile aufmerksam an, indem
sie die Unterlippe vorschob, und wandte sich dann, um mit ihrem Gatten,
der hinter ihr stand, ein paar Worte zu wechseln. Es war ein grosser,
breiter Herr mit aufgebürstetem Schnurrbart und einem braunen,
gutmütigen Gesicht.
Als die Ouvertüre begann und Frau von Rinnlingen sich über die Brüstung
beugte, liess Herr Friedemann einen raschen, hastigen Seitenblick über
sie hingleiten. Sie trug eine helle Gesellschaftstoilette und war, als
die einzige der anwesenden Damen, sogar ein wenig dekolletiert. Ihre
Ärmel waren sehr weit und bauschig, und die weissen Handschuhe reichten
bis an die Ellenbogen. Ihre Gestalt hatte heute etwas Üppiges, was
neulich, als sie die weite Jacke trug, nicht bemerkbar gewesen war; ihr
Busen hob und senkte sich voll und langsam, und der Knoten des
rotblonden Haares fiel tief und schwer in den Nacken.
Herr Friedemann war bleich, viel bleicher als gewöhnlich, und unter dem
glattgescheitelten braunen Haar standen kleine Tropfen auf seiner Stirn.
Frau von Rinnlingen hatte von ihrem linken Arm, der auf dem roten Sammet
der Brüstung lag, den Handschuh gestreift, und diesen runden,
mattweissen Arm, der wie die schmucklose Hand von ganz blassblauem
Geäder durchzogen war, sah er immer; das war nicht zu ändern.
Die Geigen sangen, die Posaunen schmetterten darein, Telramund fiel, im
Orchester herrschte allgemeiner Jubel, und der kleine Herr Friedemann
sass unbeweglich, blass und still, den Kopf tief zwischen den Schultern,
einen Zeigefinger am Munde und die andere Hand im Aufschlage seines
Rockes.
Während der Vorhang fiel, erhob sich Frau von Rinnlingen, um mit ihrem
Gatten die Loge zu verlassen. Herr Friedemann sah es ohne hinzublicken,
fuhr mit seinem Taschentuch leicht über die Stirn, stand plötzlich auf,
ging bis an die Thür, die auf den Korridor führte, kehrte wieder um,
setzte sich an seinen Platz und verharrte dort regungslos in der
Stellung, die er vorher innegehabt hatte.
Als das Klingelzeichen erscholl und seine Nachbarn wieder eintraten,
fühlte er, dass Frau von Rinnlingens Augen auf ihm ruhten, und ohne es
zu wollen, erhob er den Kopf nach ihr. Als ihre Blicke sich trafen, sah
sie durchaus nicht beiseite, sondern fuhr fort, ihn ohne eine Spur von
Verlegenheit aufmerksam zu betrachten, bis er selbst, bezwungen und
gedemütigt, die Augen niederschlug. Er ward noch bleicher dabei, und ein
seltsamer, süsslich beizender Zorn stieg in ihm auf ... Die Musik
begann.
Gegen Ende dieses Aufzuges geschah es, dass Frau von Rinnlingen sich
ihren Fächer entgleiten liess und dass derselbe neben Herrn Friedemann
zu Boden fiel. Beide bückten sich gleichzeitig, aber sie ergriff ihn
selbst und sagte mit einem Lächeln, das spöttisch war:
»Ich danke.«
Ihre Köpfe waren ganz dicht beieinander gewesen, und er hatte einen
Augenblick den warmen Duft ihrer Brust atmen müssen. Sein Gesicht war
verzerrt, sein ganzer Körper zog sich zusammen, und sein Herz klopfte so
grässlich schwer und wuchtig, dass ihm der Atem verging. Er sass noch
eine halbe Minute, dann schob er den Sessel zurück, stand leise auf und
ging leise hinaus.