Im Juli desselben Jahres ereignete sich jener Wechsel in der
Bezirks-Kommandantur, der alle Welt in Erregung versetzte. Der beleibte,
joviale Herr, der lange Jahre hindurch diesen Posten innegehabt hatte,
war in den gesellschaftlichen Kreisen sehr beliebt gewesen, und man sah
ihn ungern scheiden. Gott weiss, infolge welches Umstandes nun
ausgemacht Herr von Rinnlingen aus der Hauptstadt hierher gelangte.
Der Tausch schien übrigens nicht übel zu sein, denn der neue
Oberstlieutenant, der verheiratet aber kinderlos war, mietete in der
südlichen Vorstadt eine sehr geräumige Villa, woraus man schloss, dass
er ein Haus zu machen gedachte. Jedenfalls wurde das Gerücht, er sei
ganz ausserordentlich vermögend, auch dadurch bestätigt, dass er vier
Dienstboten, fünf Reit- und Wagenpferde, einen Landauer und einen
leichten Jagdwagen mit sich brachte.
Die Herrschaften begannen bald nach ihrer Ankunft bei den angesehenen
Familien Besuche zu machen, und ihr Name war in aller Munde; das
Hauptinteresse aber nahm schlechterdings nicht Herr von Rinnlingen
selbst in Anspruch, sondern seine Gattin. Die Herren waren verblüfft und
hatten vorderhand noch kein Urteil; die Damen aber waren geradeheraus
nicht einverstanden mit dem Sein und Wesen Gerdas von Rinnlingen.
»Dass man die hauptstädtische Luft verspürt,« äusserte sich Frau
Rechtsanwalt Hagenström gesprächsweise gegen Henriette Friedemann, --
»nun, das ist natürlich. Sie raucht, sie reitet -- einverstanden! Aber
ihr Benehmen ist nicht nur frei, es ist burschikos, und auch das ist
noch nicht das rechte Wort ... Sehen Sie, sie ist durchaus nicht
hässlich, man könnte sie sogar hübsch finden: und dennoch entbehrt sie
jedes weiblichen Reizes, und ihrem Blick, ihrem Lachen, ihren Bewegungen
fehlt alles, was Männer lieben. Sie ist nicht kokett, und ich bin, Gott
weiss es, die letzte, die das nicht lobenswert fände; aber darf eine so
junge Frau -- sie ist vierundzwanzig Jahre alt -- die natürliche
anmutige Anziehungskraft ... vollkommen vermissen lassen? Liebste, ich
bin nicht zungenfertig, aber ich weiss, was ich meine. Unsere Herren
sind jetzt noch wie vor den Kopf geschlagen: Sie werden sehen, dass sie
sich nach ein paar Wochen gänzlich dégoutiert von ihr abwenden ...«
»Nun«, sagte Fräulein Friedemann, »sie ist ja vortrefflich versorgt.«
»Ja, ihr Mann!« rief Frau Hagenström. »Wie behandelt sie ihn? Sie
sollten es sehen! Sie werden es sehen! Ich bin die erste, die darauf
besteht, dass eine verheiratete Frau gegen das andere Geschlecht bis zu
einem gewissen Grade abweisend zu sein hat. Wie aber benimmt sie sich
gegen ihren eigenen Mann? Sie hat eine Art, ihn eiskalt anzusehen und
mit einer mitleidigen Betonung »Lieber Freund« zu ihm zu sagen, die mich
empört! Denn man muss _ihn_ dabei sehen -- korrekt, stramm, ritterlich,
ein prächtig konservierter Vierziger, ein glänzender Offizier! Vier
Jahre sind sie verheiratet ... Liebste ...«