VI.

Im Juli desselben Jahres ereignete sich jener Wechsel in der

Bezirks-Kommandantur, der alle Welt in Erregung versetzte. Der beleibte,

joviale Herr, der lange Jahre hindurch diesen Posten innegehabt hatte,

war in den gesellschaftlichen Kreisen sehr beliebt gewesen, und man sah

ihn ungern scheiden. Gott weiss, infolge welches Umstandes nun

ausgemacht Herr von Rinnlingen aus der Hauptstadt hierher gelangte.

Der Tausch schien übrigens nicht übel zu sein, denn der neue

Oberstlieutenant, der verheiratet aber kinderlos war, mietete in der

südlichen Vorstadt eine sehr geräumige Villa, woraus man schloss, dass

er ein Haus zu machen gedachte. Jedenfalls wurde das Gerücht, er sei

ganz ausserordentlich vermögend, auch dadurch bestätigt, dass er vier

Dienstboten, fünf Reit- und Wagenpferde, einen Landauer und einen

leichten Jagdwagen mit sich brachte.

Die Herrschaften begannen bald nach ihrer Ankunft bei den angesehenen

Familien Besuche zu machen, und ihr Name war in aller Munde; das

Hauptinteresse aber nahm schlechterdings nicht Herr von Rinnlingen

selbst in Anspruch, sondern seine Gattin. Die Herren waren verblüfft und

hatten vorderhand noch kein Urteil; die Damen aber waren geradeheraus

nicht einverstanden mit dem Sein und Wesen Gerdas von Rinnlingen.

»Dass man die hauptstädtische Luft verspürt,« äusserte sich Frau

Rechtsanwalt Hagenström gesprächsweise gegen Henriette Friedemann, --

»nun, das ist natürlich. Sie raucht, sie reitet -- einverstanden! Aber

ihr Benehmen ist nicht nur frei, es ist burschikos, und auch das ist

noch nicht das rechte Wort ... Sehen Sie, sie ist durchaus nicht

hässlich, man könnte sie sogar hübsch finden: und dennoch entbehrt sie

jedes weiblichen Reizes, und ihrem Blick, ihrem Lachen, ihren Bewegungen

fehlt alles, was Männer lieben. Sie ist nicht kokett, und ich bin, Gott

weiss es, die letzte, die das nicht lobenswert fände; aber darf eine so

junge Frau -- sie ist vierundzwanzig Jahre alt -- die natürliche

anmutige Anziehungskraft ... vollkommen vermissen lassen? Liebste, ich

bin nicht zungenfertig, aber ich weiss, was ich meine. Unsere Herren

sind jetzt noch wie vor den Kopf geschlagen: Sie werden sehen, dass sie

sich nach ein paar Wochen gänzlich dégoutiert von ihr abwenden ...«

»Nun«, sagte Fräulein Friedemann, »sie ist ja vortrefflich versorgt.«

»Ja, ihr Mann!« rief Frau Hagenström. »Wie behandelt sie ihn? Sie

sollten es sehen! Sie werden es sehen! Ich bin die erste, die darauf

besteht, dass eine verheiratete Frau gegen das andere Geschlecht bis zu

einem gewissen Grade abweisend zu sein hat. Wie aber benimmt sie sich

gegen ihren eigenen Mann? Sie hat eine Art, ihn eiskalt anzusehen und

mit einer mitleidigen Betonung »Lieber Freund« zu ihm zu sagen, die mich

empört! Denn man muss _ihn_ dabei sehen -- korrekt, stramm, ritterlich,

ein prächtig konservierter Vierziger, ein glänzender Offizier! Vier

Jahre sind sie verheiratet ... Liebste ...«

Der kleine Herr Friedemann: Novellen · 第 18 / 47 题